Nach einer Karte vom Jahre 1865]

„Herr, was willst du von meiner Frau?“ wurde Brehm wütend von einem

riesenhaften, baumstarken Nubier angebrüllt, der wie ein gereizter

Tiger auf ihn losfuhr. Dieser Kerl, ein gewisser Aabd Lillahi, der

durch Trunksucht, Roheit und Jähzorn schon wiederholt unangenehm

aufgefallen war, hatte nämlich seine Frau mit an Bord, eine sehr

hübsche, blutjunge Nubierin, und Brehm war rein zufällig auf dem engen

Verdeck in allzu große Nähe der nußbraunen Schönheit geraten. Er mochte

beteuern, was er wollte, der Schwarze betrachtete ihn von diesem

Augenblicke an mit grenzenloser Eifersucht und schien überhaupt die

beiden Deutschen aus tiefster Seele zu hassen. Einige Tage später lag

Brehm fieberkrank im Schiffsraum, als er auf Verdeck wütend schimpfen

und fluchen hörte. Auf Befragen erfuhr er von seinem Diener, daß die

Schiffsmannschaft auf den Baron zornig wäre, weil er zum Jagen an Land

gegangen sei und nicht zurückkäme, obwohl gerade jetzt nach längerer

Windstille ein günstiger Nordwind eingesetzt habe. Nun habe man den

Aabd Lillahi ausgeschickt, ihn zu holen. Bei Nennung dieses Namens

ahnte Brehm gleich nichts Gutes. Er raffte sich auf, ergriff seine

Büchse und eilte auf Deck, wo er auch schon den Baron vom nahen Strande

her laut um Hilfe rufen hörte. Der Nubier drängte ihn nämlich geradezu

mit Gewalt nach dem Ufer und schlug sogar auf ihn los. Der mit Recht

darob erzürnte Baron riß seine Jagdflinte herunter, um dem Rohling

einen Kolbenschlag zu versetzen, aber der Schwarze preßte ihm mit der

Hand die Kehle zusammen und suchte sich des Gewehres zu bemächtigen.

Brehm sah seinen Freund und Gönner in höchster Not und nahm deshalb

den Nubier aufs Korn, aber er konnte nicht abdrücken, da die beiden

Kämpfer so eng verschlungen waren, daß der Schuß auch den Baron im

höchsten Grade gefährdet hätte. Endlich wurde der Nubier freier, und

Brehm zielte genauer, aber da brach jener plötzlich noch vor dem Schuß

blutend zusammen: der Baron hatte ihm sein Dolchmesser in die Brust

gestoßen! Entsetzt schrie das Schiffsvolk auf und schwur fürchterliche

Rache. Nur die entschlossene Haltung und die ernstesten Drohungen

der beiden wohlbewaffneten Deutschen, sowie ihr Versprechen, sich in

Dongola dem Gericht des Statthalters zu stellen, vermochten weiteres

Unheil und Blutvergießen zu verhüten. Die Verwundung Aabd Lillahis

erwies sich glücklicherweise nicht als lebensgefährlich, da eine Rippe

die Kraft des Dolchstoßes gebrochen hatte. Schließlich war der wüste

Kerl mit einem Schmerzensgelde von drei Talern zufrieden, und damit

fand dieser unangenehme Zwischenfall seine Erledigung.

Blieben also diese Segelbarkenfahrten, die unsere Reisenden über

Chartum hinaus bis in den Blauen und Weißen Nil führten, auch nicht

ohne unliebsame Abenteuer, so waren sie andererseits doch gerade

für den Naturforscher zweifellos die angenehmste, genußreichste und

lohnendste Art des Reisens in den damals noch so wenig bekannten

Ländern des Sudan. Diese gemächliche Art des Reisens stromaufwärts ist

natürlich ganz von der herrschenden Windrichtung abhängig, und gerade

dabei findet der jagende Naturforscher seine Vorteile. Brehm hat noch

in späteren Jahren viel von diesen herrlichen und in bezug auf Jagd und

Vogelkunde so ergiebigen Fahrten auf dem „Vater der Ströme“ geschwärmt.

Da das nubische Nilbett durch tückische Felsriffe die Schiffahrt

erschwert, wurde die Segelbarke über Nacht irgendwo an Land gezogen

und erst bei Sonnenaufgang wieder flott gemacht. Während sie langsam

den majestätischen Strom hinaufsegelte, gingen Baron Müller und Brehm

jagend und beobachtend am Ufer entlang, ließen sich zum Mittagessen an

Bord nehmen und dann wieder abends beim Landen. Fast täglich machten

sie reiche Beute, die in Gestalt von fetten Nilgänsen, Enten und Tauben

auch der Küche zugute kam, denn mit dieser war es äußerst dürftig

bestellt, zumal eine solche Reise widriger Winde wegen oft länger

dauerte, als man berechnet hatte. Je weiter man nach Süden vordrang und

sich den Tropen näherte, um so zahlreicher wurden die fremden, bisher

nie geschauten Erscheinungen aus der Vogelwelt. Jeder Tag brachte

Neues, jede Stunde bereicherte in ungeahnter Weise die Kenntnisse der

beiden Forscher. Auf den Sandbänken standen ganze Scharen von stolzen

Kronen- und zierlichen Jungfernkranichen, an den Ufern fischten graue

und silberweiße, rote und gelbe Reiher, und die reizenden Kuhreiher

saßen truppweise auf den breiten Rücken der träge im Morast liegenden

Büffel; lustige Sporenkiebitze liefen auf den Dämmen herum, langbeinige

Stelzenläufer und abenteuerlich aussehende Säbelschnäbler wateten auf

den überschwemmten Wiesen, auf den Wassern schaukelten sich Scharen

der gewaltigen Pelikane, durch die Lüfte schossen wie buntgefiederte

Pfeile die farbenprächtigen Bienenfresser, vor den blühenden Sträuchern

schwirrten schimmernde Honigsauger, die die Kolibris in Afrika

vertreten, auf Pfählen lauerten Graufischer, diese vergrößerte, aber

verunglückte Ausgabe unseres herrlichen Eisvogels, Steinschmätzer der

verschiedensten Art tanzten und knicksten im Steingeröll, allerliebste

Blaukehlchen durchschlüpften schmiegsam und geheimnisvoll das

Uferdickicht, der Bülbül ließ seine klangvolle Strophe erschallen, und

als echt tropische Erscheinung wurden absonderliche Nashornvögel mit

freudigem Hurra begrüßt. Faule Krokodile lagen verschlafen und gähnend

auf kleinen Schlamminseln, flinke Ichneumons huschten beutelüstern

durch undurchdringliche Rohrfelder, und abends gaben die Schakale ihre

mißtönigen Heulkonzerte zum besten.

Soweit es die knapp bemessene Zeit zuließ, wurden natürlich auch

die berühmten alten Tempelbauten und die Königsgräber besucht,

namentlich auch die sagenumwobenen Krokodilhöhlen bei dem Städtchen

Monfalut. Es war wieder einmal eine recht beschwerliche Sache, denn

die langen Gänge waren überaus eng, erstickend heiß, mit mefitischen

Düften geschwängert und der Boden von dem mit Erdpech vermischten

Kot zahlloser Fledermäuse glitschig. In den vorderen Gängen lagen

nur menschliche Mumien, von denen man wenigstens einige abgetrennte

Köpfe mitnehmen konnte, in den hinteren aber waren die einbalsamierten

Krokodile aller Größen schichtenweise aufeinander getürmt, und sogar

ganze Berge eingetrockneter Krokodileier waren vorhanden. Einige der

schönsten Krokodilmumien wurden für die Sammlung ausgewählt. Brehm kam

dabei zu der jedenfalls richtigen Ansicht, daß die alten Ägypter die

Krokodile keineswegs als heilig verehrten, wie die Altertumsforscher

bis dahin angenommen hatten, sie vielmehr fürchteten und ihre Zahl nach

Möglichkeit zu vermindern suchten. Unmöglich konnten all diese Tausende

einbalsamierter Ungetüme eines natürlichen Todes gestorben sein; man

hatte sie wahrscheinlich gewaltsam getötet und dann, zur Versöhnung

ihrer Geister, mumifiziert.

Einmal hatte Brehm einen prachtvollen Seeadler angeschossen, der noch

bis zum Strome flatterte und dort ins Wasser fiel. Er trieb mit den

Wellen dicht am Ufer hin, geriet aber dann in eine nach der Mitte zu

sich wendende Strömung, schien also verloren. In diesem Augenblick

tauchte ein herumlungernder Araber auf, und Brehm ersuchte ihn, gegen

ein gutes Trinkgeld den Vogel herauszuholen. Der Mann aber weigerte

sich beharrlich mit der Begründung, daß es hier viele Krokodile gebe,

die ihm erst kürzlich zwei Schafe geraubt hätten. Ärgerlich über diese

vermeintliche Feigheit entkleidete sich Brehm selbst und sprang mutig

ins Wasser. Eben verlor er den Boden unter den Füßen und wollte sich

zum Schwimmen anschicken, da schrie der Araber entsetzt auf: „Herr, um

der Gnade und Barmherzigkeit Allahs willen, kehre um! Ein Krokodil!“

Erschrocken fuhr Brehm zurück. Und wirklich, da kam auch schon von der

anderen Stromseite her ein riesiges Krokodil angeschwommen, gerade

auf den erschossenen Adler zu, tauchte dicht vor ihm, öffnete den mit

greulichen Zahnreihen besetzten Rachen -- groß genug, um auch einen

Menschen darin unterzubringen -- und verschwand mit seiner Beute in

den trüben Fluten. Brehm stand derweil wie gelähmt. Seit dieser Stunde

haßte er die Krokodile leidenschaftlich, und diesem Haß ist er sein

ganzes Leben hindurch so treu geblieben, daß er niemals eine der

gepanzerten Riesenechsen unbeschossen ließ, so oft sich nur immer die

Gelegenheit bot, ihnen eine Kugel anzutragen.

* * * * *

„Söhne der Fremde,“ begann Aabd Allah, ein alter, ehrwürdiger und

seiner Rechtlichkeit wegen hoch angesehener Barkenführer, dem ein

langer, weißer Bart das ernste Antlitz umfloß, während das blaue

Kattunhemd seinen ausgemergelten Leib wie ein Priestertalar umhüllte,

„seht, ich bin ein alter Mann, die Sonne hat mein Haar siebenzig Jahre

beschienen und gebleicht, des Alters Silber deckt es, mein Gebein ist

mürbe geworden, ihr könntet meine Kinder sein. Wohlan, so höret, Männer

des Frankenlandes, höret auf das, was ich euch sagen will. Ich spreche

die Sprache des wohlmeinenden Warners. Laßt ab von eurem Beginnen,

denn ihr geht einer großen Gefahr entgegen, unwissend und sorglos --

ich aber kenne sie. Hättet ihr gleich mir jene Felsen gesehen, die

zusammentretend den Wogen die Tür verschließen, hättet ihr gehört,

wie die Wasser, Einlaß und Durchgang begehrend, donnernd, zürnend

und machtvoll an die ewig Feststehenden klopfen, wie sie die Steine

überfluten und mit Gebrüll zur Tiefe in den Bauch der Felsen stürzen,

und wüßtet ihr, daß nur die Gnade Allahs -- ihm sei Bewunderung, denn

er ist der Erhabene -- unser gebrechliches Fahrzeug leiten und führen

kann, ihr würdet meinem Rate folgen. Denkt an eure Mütter! Der Kummer

würde sie erdrücken, wenn uns der Segen des Allbarmherzigen verließe.“

[Illustration: Die Wochenstube des Nashornvogels

Nach einem alten Bild von G. Mützel zu einem Aufsatz Brehms „Vögel in

der Wochenstube“ aus dem Jahre 1873]

Baron Müller schien schwankend zu werden, aber Brehm antwortete

freundlich, doch fest: „Allah wird uns helfen. Er ist gnädig!“ -- „Nun,

so gehet mit Gott und seinem gepriesenem Propheten,“ erwiderte würdig

der Greis, „ich will für euch beten in der Stunde der Gefahr.“ --

„Amen, o Reïs, wir danken dir, das Heil sei mit dir!“

Dieses Gespräch fand an einem herrlichen Tropenabende unweit der großen

Nilkatarakte von Wadi-Halfa statt, die ein fast unüberwindliches

Hindernis für die Schiffahrt bildeten und der Weiterreise gewöhnlicher

Barken ein Ziel setzten. Die beiden Deutschen aber hatten diesmal

durch die Güte des türkischen Statthalters von Chartum besonders stark

gebaute Regierungsbarken zur Verfügung, und deren Führer wollten die

Durchfahrt mit einigen besonders tüchtigen, erfahrenen und mutigen

Steuerleuten und Ruderern wagen, während die übrige Mannschaft mit dem

großen Gepäck die Fälle auf dem Landwege umgehen sollte. Brehm bestand

aber trotz der dringendsten Warnungen und Abmahnungen von allen Seiten

darauf, die gefährliche Fahrt mitzumachen, und Baron Müller mochte

dem jüngeren Gefährten an Mut auch nicht nachstehen. So sind beide

die ersten Europäer gewesen, die die Stromschnellen von Wadi-Halfa

überwunden haben.

Um Haaresbreite hätte aber das kühne Wagnis tragisch geendet. Mit

furchtbarer Gewalt fluteten die Wogen über die kaum vom Wasser

bedeckten Felsblöcke, in allen Fugen stöhnte und krachte das

Schifflein, dem Steuer ungehorsam, tanzte es durch den kochenden

Gischt, kein Ruder tat seinen Dienst. Doch die dräuenden Wogen selbst

werden zu Rettern, sie umfassen und umklammern die Barke, nehmen sie

mit sich fort in rasender Fahrt. Wie ein Pfeil vom Bogen jagt das

kleine Fahrzeug zwischen himmelansteigenden, senkrecht abfallenden,

schwarzen, glänzenden Syenitwänden dahin, die nur wenige Schritte

voneinander entfernt sind, so daß man die Ruder überhaupt nicht

brauchen kann. Ein hartes Aufstoßen, daß all die Männer zu Boden

fallen! Ein einziger Schrei des Entsetzens! Ein Leck! Nun geht’s ans

Verstopfen! Die steuerlos treibende Barke ist in ein Labyrinth von

Felsen, Strudeln und Wasserfällen geraten. Keiner weiß mehr, wo man

sich befindet. Entkräftigende Angst bemächtigt sich der Mannschaft, die

bereits ihre Kleider abwirft. In dieser Not übertönt die Stimme des

70jährigen Bellahl, des Abu el reisin, des „Vaters der Schiffsführer“,

das Gezeter des jammernden Schiffsvolkes und das dumpfe Brausen des

Katarakts: „An die Ruder, ihr Helden! Seid ihr denn toll, ihr Kinder

der Heiden? Arbeitet, rudert, ihr Hunde, ihr Knaben, ihr Männer, ihr

Tapferen, ihr Braven! Maschallah! Rudert, bei Gott! Allah ist gnädig!

Er ist der Allerbarmer!“ Der Greis selbst handhabt mit eiserner,

nerviger Faust das Steuer. Da fließt nach links ein starker Arm ab,

in ihn lenkt Bellahl die Barke, verfolgt den Lauf des Stromzweiges

mit sicherer Hand und erreicht wirklich freies Fahrwasser. Gerettet!

Die Gefahr ist vorüber. Freudenschüsse der beiden schreckensbleichen

Europäer begrüßen das am Horizont auftauchende Palmendorf Wadi-Halfa.

Die Araber aber fallen auf ihr Angesicht und beten: „Lob und Preis dir,

dem Herren der Welten, dem Allerbarmer!“

Tiervater Brehm · 第 24 / 43 题