„Herr, was willst du von meiner Frau?“ wurde Brehm wütend von einem
riesenhaften, baumstarken Nubier angebrüllt, der wie ein gereizter
Tiger auf ihn losfuhr. Dieser Kerl, ein gewisser Aabd Lillahi, der
durch Trunksucht, Roheit und Jähzorn schon wiederholt unangenehm
aufgefallen war, hatte nämlich seine Frau mit an Bord, eine sehr
hübsche, blutjunge Nubierin, und Brehm war rein zufällig auf dem engen
Verdeck in allzu große Nähe der nußbraunen Schönheit geraten. Er mochte
beteuern, was er wollte, der Schwarze betrachtete ihn von diesem
Augenblicke an mit grenzenloser Eifersucht und schien überhaupt die
beiden Deutschen aus tiefster Seele zu hassen. Einige Tage später lag
Brehm fieberkrank im Schiffsraum, als er auf Verdeck wütend schimpfen
und fluchen hörte. Auf Befragen erfuhr er von seinem Diener, daß die
Schiffsmannschaft auf den Baron zornig wäre, weil er zum Jagen an Land
gegangen sei und nicht zurückkäme, obwohl gerade jetzt nach längerer
Windstille ein günstiger Nordwind eingesetzt habe. Nun habe man den
Aabd Lillahi ausgeschickt, ihn zu holen. Bei Nennung dieses Namens
ahnte Brehm gleich nichts Gutes. Er raffte sich auf, ergriff seine
Büchse und eilte auf Deck, wo er auch schon den Baron vom nahen Strande
her laut um Hilfe rufen hörte. Der Nubier drängte ihn nämlich geradezu
mit Gewalt nach dem Ufer und schlug sogar auf ihn los. Der mit Recht
darob erzürnte Baron riß seine Jagdflinte herunter, um dem Rohling
einen Kolbenschlag zu versetzen, aber der Schwarze preßte ihm mit der
Hand die Kehle zusammen und suchte sich des Gewehres zu bemächtigen.
Brehm sah seinen Freund und Gönner in höchster Not und nahm deshalb
den Nubier aufs Korn, aber er konnte nicht abdrücken, da die beiden
Kämpfer so eng verschlungen waren, daß der Schuß auch den Baron im
höchsten Grade gefährdet hätte. Endlich wurde der Nubier freier, und
Brehm zielte genauer, aber da brach jener plötzlich noch vor dem Schuß
blutend zusammen: der Baron hatte ihm sein Dolchmesser in die Brust
gestoßen! Entsetzt schrie das Schiffsvolk auf und schwur fürchterliche
Rache. Nur die entschlossene Haltung und die ernstesten Drohungen
der beiden wohlbewaffneten Deutschen, sowie ihr Versprechen, sich in
Dongola dem Gericht des Statthalters zu stellen, vermochten weiteres
Unheil und Blutvergießen zu verhüten. Die Verwundung Aabd Lillahis
erwies sich glücklicherweise nicht als lebensgefährlich, da eine Rippe
die Kraft des Dolchstoßes gebrochen hatte. Schließlich war der wüste
Kerl mit einem Schmerzensgelde von drei Talern zufrieden, und damit
fand dieser unangenehme Zwischenfall seine Erledigung.
Blieben also diese Segelbarkenfahrten, die unsere Reisenden über
Chartum hinaus bis in den Blauen und Weißen Nil führten, auch nicht
ohne unliebsame Abenteuer, so waren sie andererseits doch gerade
für den Naturforscher zweifellos die angenehmste, genußreichste und
lohnendste Art des Reisens in den damals noch so wenig bekannten
Ländern des Sudan. Diese gemächliche Art des Reisens stromaufwärts ist
natürlich ganz von der herrschenden Windrichtung abhängig, und gerade
dabei findet der jagende Naturforscher seine Vorteile. Brehm hat noch
in späteren Jahren viel von diesen herrlichen und in bezug auf Jagd und
Vogelkunde so ergiebigen Fahrten auf dem „Vater der Ströme“ geschwärmt.
Da das nubische Nilbett durch tückische Felsriffe die Schiffahrt
erschwert, wurde die Segelbarke über Nacht irgendwo an Land gezogen
und erst bei Sonnenaufgang wieder flott gemacht. Während sie langsam
den majestätischen Strom hinaufsegelte, gingen Baron Müller und Brehm
jagend und beobachtend am Ufer entlang, ließen sich zum Mittagessen an
Bord nehmen und dann wieder abends beim Landen. Fast täglich machten
sie reiche Beute, die in Gestalt von fetten Nilgänsen, Enten und Tauben
auch der Küche zugute kam, denn mit dieser war es äußerst dürftig
bestellt, zumal eine solche Reise widriger Winde wegen oft länger
dauerte, als man berechnet hatte. Je weiter man nach Süden vordrang und
sich den Tropen näherte, um so zahlreicher wurden die fremden, bisher
nie geschauten Erscheinungen aus der Vogelwelt. Jeder Tag brachte
Neues, jede Stunde bereicherte in ungeahnter Weise die Kenntnisse der
beiden Forscher. Auf den Sandbänken standen ganze Scharen von stolzen
Kronen- und zierlichen Jungfernkranichen, an den Ufern fischten graue
und silberweiße, rote und gelbe Reiher, und die reizenden Kuhreiher
saßen truppweise auf den breiten Rücken der träge im Morast liegenden
Büffel; lustige Sporenkiebitze liefen auf den Dämmen herum, langbeinige
Stelzenläufer und abenteuerlich aussehende Säbelschnäbler wateten auf
den überschwemmten Wiesen, auf den Wassern schaukelten sich Scharen
der gewaltigen Pelikane, durch die Lüfte schossen wie buntgefiederte
Pfeile die farbenprächtigen Bienenfresser, vor den blühenden Sträuchern
schwirrten schimmernde Honigsauger, die die Kolibris in Afrika
vertreten, auf Pfählen lauerten Graufischer, diese vergrößerte, aber
verunglückte Ausgabe unseres herrlichen Eisvogels, Steinschmätzer der
verschiedensten Art tanzten und knicksten im Steingeröll, allerliebste
Blaukehlchen durchschlüpften schmiegsam und geheimnisvoll das
Uferdickicht, der Bülbül ließ seine klangvolle Strophe erschallen, und
als echt tropische Erscheinung wurden absonderliche Nashornvögel mit
freudigem Hurra begrüßt. Faule Krokodile lagen verschlafen und gähnend
auf kleinen Schlamminseln, flinke Ichneumons huschten beutelüstern
durch undurchdringliche Rohrfelder, und abends gaben die Schakale ihre
mißtönigen Heulkonzerte zum besten.
Soweit es die knapp bemessene Zeit zuließ, wurden natürlich auch
die berühmten alten Tempelbauten und die Königsgräber besucht,
namentlich auch die sagenumwobenen Krokodilhöhlen bei dem Städtchen
Monfalut. Es war wieder einmal eine recht beschwerliche Sache, denn
die langen Gänge waren überaus eng, erstickend heiß, mit mefitischen
Düften geschwängert und der Boden von dem mit Erdpech vermischten
Kot zahlloser Fledermäuse glitschig. In den vorderen Gängen lagen
nur menschliche Mumien, von denen man wenigstens einige abgetrennte
Köpfe mitnehmen konnte, in den hinteren aber waren die einbalsamierten
Krokodile aller Größen schichtenweise aufeinander getürmt, und sogar
ganze Berge eingetrockneter Krokodileier waren vorhanden. Einige der
schönsten Krokodilmumien wurden für die Sammlung ausgewählt. Brehm kam
dabei zu der jedenfalls richtigen Ansicht, daß die alten Ägypter die
Krokodile keineswegs als heilig verehrten, wie die Altertumsforscher
bis dahin angenommen hatten, sie vielmehr fürchteten und ihre Zahl nach
Möglichkeit zu vermindern suchten. Unmöglich konnten all diese Tausende
einbalsamierter Ungetüme eines natürlichen Todes gestorben sein; man
hatte sie wahrscheinlich gewaltsam getötet und dann, zur Versöhnung
ihrer Geister, mumifiziert.
Einmal hatte Brehm einen prachtvollen Seeadler angeschossen, der noch
bis zum Strome flatterte und dort ins Wasser fiel. Er trieb mit den
Wellen dicht am Ufer hin, geriet aber dann in eine nach der Mitte zu
sich wendende Strömung, schien also verloren. In diesem Augenblick
tauchte ein herumlungernder Araber auf, und Brehm ersuchte ihn, gegen
ein gutes Trinkgeld den Vogel herauszuholen. Der Mann aber weigerte
sich beharrlich mit der Begründung, daß es hier viele Krokodile gebe,
die ihm erst kürzlich zwei Schafe geraubt hätten. Ärgerlich über diese
vermeintliche Feigheit entkleidete sich Brehm selbst und sprang mutig
ins Wasser. Eben verlor er den Boden unter den Füßen und wollte sich
zum Schwimmen anschicken, da schrie der Araber entsetzt auf: „Herr, um
der Gnade und Barmherzigkeit Allahs willen, kehre um! Ein Krokodil!“
Erschrocken fuhr Brehm zurück. Und wirklich, da kam auch schon von der
anderen Stromseite her ein riesiges Krokodil angeschwommen, gerade
auf den erschossenen Adler zu, tauchte dicht vor ihm, öffnete den mit
greulichen Zahnreihen besetzten Rachen -- groß genug, um auch einen
Menschen darin unterzubringen -- und verschwand mit seiner Beute in
den trüben Fluten. Brehm stand derweil wie gelähmt. Seit dieser Stunde
haßte er die Krokodile leidenschaftlich, und diesem Haß ist er sein
ganzes Leben hindurch so treu geblieben, daß er niemals eine der
gepanzerten Riesenechsen unbeschossen ließ, so oft sich nur immer die
Gelegenheit bot, ihnen eine Kugel anzutragen.
* * * * *
„Söhne der Fremde,“ begann Aabd Allah, ein alter, ehrwürdiger und
seiner Rechtlichkeit wegen hoch angesehener Barkenführer, dem ein
langer, weißer Bart das ernste Antlitz umfloß, während das blaue
Kattunhemd seinen ausgemergelten Leib wie ein Priestertalar umhüllte,
„seht, ich bin ein alter Mann, die Sonne hat mein Haar siebenzig Jahre
beschienen und gebleicht, des Alters Silber deckt es, mein Gebein ist
mürbe geworden, ihr könntet meine Kinder sein. Wohlan, so höret, Männer
des Frankenlandes, höret auf das, was ich euch sagen will. Ich spreche
die Sprache des wohlmeinenden Warners. Laßt ab von eurem Beginnen,
denn ihr geht einer großen Gefahr entgegen, unwissend und sorglos --
ich aber kenne sie. Hättet ihr gleich mir jene Felsen gesehen, die
zusammentretend den Wogen die Tür verschließen, hättet ihr gehört,
wie die Wasser, Einlaß und Durchgang begehrend, donnernd, zürnend
und machtvoll an die ewig Feststehenden klopfen, wie sie die Steine
überfluten und mit Gebrüll zur Tiefe in den Bauch der Felsen stürzen,
und wüßtet ihr, daß nur die Gnade Allahs -- ihm sei Bewunderung, denn
er ist der Erhabene -- unser gebrechliches Fahrzeug leiten und führen
kann, ihr würdet meinem Rate folgen. Denkt an eure Mütter! Der Kummer
würde sie erdrücken, wenn uns der Segen des Allbarmherzigen verließe.“
[Illustration: Die Wochenstube des Nashornvogels
Nach einem alten Bild von G. Mützel zu einem Aufsatz Brehms „Vögel in
der Wochenstube“ aus dem Jahre 1873]
Baron Müller schien schwankend zu werden, aber Brehm antwortete
freundlich, doch fest: „Allah wird uns helfen. Er ist gnädig!“ -- „Nun,
so gehet mit Gott und seinem gepriesenem Propheten,“ erwiderte würdig
der Greis, „ich will für euch beten in der Stunde der Gefahr.“ --
„Amen, o Reïs, wir danken dir, das Heil sei mit dir!“
Dieses Gespräch fand an einem herrlichen Tropenabende unweit der großen
Nilkatarakte von Wadi-Halfa statt, die ein fast unüberwindliches
Hindernis für die Schiffahrt bildeten und der Weiterreise gewöhnlicher
Barken ein Ziel setzten. Die beiden Deutschen aber hatten diesmal
durch die Güte des türkischen Statthalters von Chartum besonders stark
gebaute Regierungsbarken zur Verfügung, und deren Führer wollten die
Durchfahrt mit einigen besonders tüchtigen, erfahrenen und mutigen
Steuerleuten und Ruderern wagen, während die übrige Mannschaft mit dem
großen Gepäck die Fälle auf dem Landwege umgehen sollte. Brehm bestand
aber trotz der dringendsten Warnungen und Abmahnungen von allen Seiten
darauf, die gefährliche Fahrt mitzumachen, und Baron Müller mochte
dem jüngeren Gefährten an Mut auch nicht nachstehen. So sind beide
die ersten Europäer gewesen, die die Stromschnellen von Wadi-Halfa
überwunden haben.
Um Haaresbreite hätte aber das kühne Wagnis tragisch geendet. Mit
furchtbarer Gewalt fluteten die Wogen über die kaum vom Wasser
bedeckten Felsblöcke, in allen Fugen stöhnte und krachte das
Schifflein, dem Steuer ungehorsam, tanzte es durch den kochenden
Gischt, kein Ruder tat seinen Dienst. Doch die dräuenden Wogen selbst
werden zu Rettern, sie umfassen und umklammern die Barke, nehmen sie
mit sich fort in rasender Fahrt. Wie ein Pfeil vom Bogen jagt das
kleine Fahrzeug zwischen himmelansteigenden, senkrecht abfallenden,
schwarzen, glänzenden Syenitwänden dahin, die nur wenige Schritte
voneinander entfernt sind, so daß man die Ruder überhaupt nicht
brauchen kann. Ein hartes Aufstoßen, daß all die Männer zu Boden
fallen! Ein einziger Schrei des Entsetzens! Ein Leck! Nun geht’s ans
Verstopfen! Die steuerlos treibende Barke ist in ein Labyrinth von
Felsen, Strudeln und Wasserfällen geraten. Keiner weiß mehr, wo man
sich befindet. Entkräftigende Angst bemächtigt sich der Mannschaft, die
bereits ihre Kleider abwirft. In dieser Not übertönt die Stimme des
70jährigen Bellahl, des Abu el reisin, des „Vaters der Schiffsführer“,
das Gezeter des jammernden Schiffsvolkes und das dumpfe Brausen des
Katarakts: „An die Ruder, ihr Helden! Seid ihr denn toll, ihr Kinder
der Heiden? Arbeitet, rudert, ihr Hunde, ihr Knaben, ihr Männer, ihr
Tapferen, ihr Braven! Maschallah! Rudert, bei Gott! Allah ist gnädig!
Er ist der Allerbarmer!“ Der Greis selbst handhabt mit eiserner,
nerviger Faust das Steuer. Da fließt nach links ein starker Arm ab,
in ihn lenkt Bellahl die Barke, verfolgt den Lauf des Stromzweiges
mit sicherer Hand und erreicht wirklich freies Fahrwasser. Gerettet!
Die Gefahr ist vorüber. Freudenschüsse der beiden schreckensbleichen
Europäer begrüßen das am Horizont auftauchende Palmendorf Wadi-Halfa.
Die Araber aber fallen auf ihr Angesicht und beten: „Lob und Preis dir,
dem Herren der Welten, dem Allerbarmer!“