Es war am Dunkelwerden. Die Laternen flimmerten rötlich durch den Nebel,

der die Luft erfüllte. Am Himmel hing schweres Gewölk, das sich tiefer

und tiefer herabzusenken schien. »Heut Nacht gibt's ein Schneetreiben,«

sagte einer der eiligen Passanten zum andern, auf den er unversehens

gestoßen war; »das wird bis morgen ein Christtagswetter.« Der andere

lachte. »Mir kann's bloß recht sein,« sagte er. »Es ist doch keine

echte Feiertagsstimmung ohne Schnee. Meine Frau bekommt ein Pelzwerk, das

wirkt erst recht, wenn sie's morgen gleich tragen kann; wissen Sie, so

recht mit einem weißen Hintergrund, so recht motiviert durchs Wetter.«

»Natürlich immer ästhetisch, immer malerisch.« Der Bekannte rief es

schon im Weitergehen, denn er hatte Eile. Aber das hatten ja alle Leute an

diesem hereinbrechenden Abend.

Es hatte einer zugehört, notgedrungen, denn er hatte einen kleinen Umweg

um die beiden stattlichen Männer herum zu machen gehabt, die das Trottoir

füllten im Stehenbleiben.

Er hatte sich unwillkürlich ein wenig tiefer in seinen dünnen Rock zu

verkriechen gesucht. Er hatte den Kragen emporgezogen und die Hände in der

Richtung gegen die viel zu kurzen Ärmel hin bewegt. Aber es war nur eine

flüchtige Idee gewesen, ein Gedanke an Pelzwerk und Wärme, die ihn dazu

verleitet hatte, denn es nützte doch nichts. Er schauerte. Der Nebel kroch

ihm zu dem zerrissenen Halsbund des Hemdes hinein, schlug seinen feuchten

Mantel um den ganzen Mann und legte sich ihm als Schleier vor die Augen.

»Hier herum muß das Haus sein,« sagte der Mensch und strengte sich an,

die Schilder zu lesen, die da und dort heraushingen. Es war nicht leicht;

die Dunkelheit nahm schnell zu, und mit ihr der beißende durchdringende

Nebelrauch.

Da fragte er einen Vorübergehenden; es war ein Arbeitsmann in blauer

Schürze, der ein Tannenbäumchen trug, geschultert, wie ein Gewehr. Er

hatte ein fröhliches Gesicht, denn nun war Feierabend und nun ging es nach

Hause, zu Weib und Kind, zu Fest und Freude.

»Was?« sagte er, »die Herberge zur Heimat?« Er schüttelte den Kopf.

»Die ist weit von da, die war einmal da herum. Aber nun ist sie,

glaub' ich, in der Hektorstraße, das ist, warten Sie, das ist so um die

Georgskapelle herum, draußen gegen die breite Brücke zu. Sie wissen

nicht, wo das ist? Ja,« er kämpfte einen Augenblick mit der ganz

entschiedenen Lust, nun sogleich in die nächste Nebenstraße einzubiegen,

wo vier Treppen hoch in einem Giebelhause sein Heim lag, und mit einer

nebenmenschlichen Regung, die ihn antrieb, dem armen Menschen den Weg zu

zeigen. Dann schloß er einen Vergleich mit sich selbst. »Kommen Sie,«

sagte er, und schlug einen gelinden Trab an, »ich geh' mit bis an die

Annenstraße. Die ist gleich da unten; die gehen Sie ganz entlang, und

dann links um die Ecke durch die Bergstraße, und dann« -- er kratzte sich

hinterm Ohr, denn nun ging seine Weisheit zu Ende, »dann fragen Sie nur

wieder weiter. 's ist ja überall deutsch. Gar so weit kann's dann nicht

mehr sein.« Der Handwerksbursche, denn das war der Mann in dem dünnen

Röckchen, trabte keuchend neben ihm her und verstand den Bescheid nur

halb. Aber, ja, er konnte ja fragen, das hatte er vordem schon oft gemußt.

Es war doch eine Freundlichkeit, wenn sie auch nicht viel half. Und dann

war er wieder allein, und suchte sich seinen Weg durch den Nebel, indes der

fröhliche Mann daheim seinem Weib erzählte, daß es freilich ein bißchen

spät geworden sei, aber was könne man machen, man könne doch so einem

armen Menschen nicht nur so laufen lassen. Und das Weib sah ihn mit

vergnügten Augen an und sagte: »Du bist ein Guter; so gut gibt's nicht

viele.«

Da lachte er in den Bart vor Behagen.

Ja, und derweil fragte sich der Handwerksbursch durch. Sie schickten ihn

hin und her; es wurde immer später dabei. Hinter den Fenstern brannten die

Christbaumlichter und warfen kleine Lichtoasen in das Dunkel und den Nebel

draußen und erloschen wieder. Und auf den Straßen wurde es still und

stiller. Nun waren alle, die eine Heimat hatten, dort versammelt, und die

keine Heimat hatten, die fanden doch irgend einen Ort, wo die Liebe ihrer

gedachte und ihnen die Kerzen anzündete in einem windstillen, warmen Raum.

Es war kein junger Mensch mehr, der sich durch die Straßen fragte. Er

hatte ein furchendurchzogenes, eckiges Gesicht mit schwarzen Bartstoppeln

und sein schwarzes Haar war mit Grau untermischt. Und er hatte im Lauf der

Jahre sein Nachtlager schon undenklich oft gewechselt, hatte in Scheunen,

Heuschobern, guten und schlechten Wirtshäusern genächtigt. Es konnte

ihm auch heut einerlei sein, wo er seine Glieder ausstreckte, obgleich

das Schlafgeld nur zum allerbilligsten Unterkommen reichte. Aber er hatte

gehört, daß in der Herberge zur Heimat so etwas wie eine Bescherung

sei für alle, die sich an diesem Tag, oder vielmehr in dieser Nacht dort

aufhielten. Und er dachte, während ihm die Zähne gegen einander schlugen

vor Kälte und der feuchte Nebel ihm über den ganzen Leib kroch, an ein

warmes Abendessen, das nichts kosten sollte, und an ein Paar warme Socken,

die morgen vielleicht an Stelle der schmutzigen Lappen treten sollten, mit

denen er die Füße umwickelt hatte. Darum wollte er sich's der Mühe nicht

verdrießen lassen, die Herberge aufzusuchen. »Es ist so ein Bißchen was

Frommes dabei,« hatten ihm die Bekannten gesagt, die er irgendwo getroffen

hatte und die ihm die Gelegenheit verraten hatten, »aber das macht man

halt mit, das ist bald vorbei.« Na also. Es sollte ihm nicht darauf

ankommen. Er hatte schon manchen Christabend ohne Baum und Kerzenschein

zugebracht. Er war ein Schlossergeselle und hatte ein Wanderleben geführt.

Es war wohl manchmal nicht so zugegangen darin, daß er nachher hätte

mögen unter einen Christbaum treten. Aber als er so die hellen Fenster

sah, da und dort in den Straßen, da gefiel ihm der Gedanke doch, daß auch

ihm heute Lichter brennen würden.

Und nun war er da. Ein langes, niedriges Haus, helle Fenster, aber nicht

von Kerzen, die Gasflammen brannten; warmer Speisedunst kam aus den

vergitterten Fenstern des Souterrains. Ah, wie er den einsog! Mit langen,

vollen Atemzügen. Dann trat er in den erhellten Hausflur. Es drang ein

Stimmengeschwirre aus einer angelehnten Tür, und eine wohlige Wärme

strömte ihm entgegen. Nun fühlte er erst, wie naß, erfroren und müde er

war. Zum Umfallen. Das war schon lange her, seit er heute früh aus einem

Dorf, fünf Stunden weit in der Ebene gelegen, weggegangen war.

Ein Hausknecht kam die Treppe vom Souterrain herauf. Er trug ein

aufgetürmtes Brett mit geschnittenem Weißbrot.

Als er den Wandergesellen sah, schüttelte er den Kopf mißbilligend.

»Schon wieder einer,« sagte er vor sich hin. Dann verschwand er in der

Tür und machte Meldung.

Der Hausvater kam heraus. »Ja, da sind Sie zu spät dran, mein Lieber,«

sagte er, »das Haus ist voll, übervoll. Ich habe schon mehr Leute

aufgenommen, als ich eigentlich darf. Es ist kein Eckchen mehr frei.«

Er hatte es ein bißchen eilig, es war fast mehr Arbeit heut, als er

bewältigen konnte. Nicht nur Arbeit. Er brauchte seine ganze Autorität,

um die vielen Leute, die zum Teil nur _heut_ hierher kamen, ein wenig in

Ordnung zu halten. Man sah es ihm an, daß er ganz voll Autorität war.

Die straffte den ganzen Mann. Er wußte es wohl selbst nicht so, er stand

mitten in seiner Pflicht, frisch, stramm, energisch. Und er hatte schon

ein ganzes Dutzend Leute weggeschickt heut abend. Da war nichts zu machen

gewesen. »Denn,« hatte er zu seiner Frau gesagt, die ein so mitleidiges

Herz hatte, »es geht nirgends mehr hinein, als bis es voll ist. Dann muß

man Schluß machen. Punktum sagen. Das hilft alles nichts.« Und dann hatte

er die Hacken zusammengeschlagen und war stramm weitergegangen.

Das tat er auch jetzt. Er hatte genug zu tun im großen Saal. Dort war die

Bescherung längst vorbei, und jetzt nach dem Abendessen, fingen die Leute

an, warm zu werden. Er mußte unter ihnen sein. Sie sollten sich wohl

fühlen, aber in Ordnung sollten sie bleiben.

Der Handwerksbursche lehnte sich gegen die Wand und schloß die Augen. Nur

einen Augenblick. Es wurde ihm plötzlich so schwach zumute. Ja, das half

ja wohl nichts; nun mußte er wieder hinaus. Und wohin? Ach, das war ja

gleichgültig. Vielleicht erfrieren. Das tat ja auch nichts. Es kam solch

eine Stumpfheit über ihn.

Da sagte jemand neben ihm, eine helle, junge Stimme: »Ist Ihnen nicht

wohl? Warten Sie, ich hole Ihnen etwas Warmes. Sie haben keinen Platz mehr

gefunden zum Übernachten? Ja, das ist freilich schlimm. Aber heut drängt

sich alles herein. Und man hat nicht mehr Raum, als für hundertvierzig

Leute. Mein Mann hat noch Stroh und Tücher spreiten lassen. Aber auch das

ist mehr als besetzt.«

Er sah verwundert auf die kleine, runde, blonde Frau im feiertäglichen

Kleid und der großen Schürze drüber, die so lebhaft und freundlich auf

ihn einsprach. Was wollte sie von ihm? Sie konnte ihm auch nichts anders

sagen, als was er schon wußte. Er hatte ähnliches vordem schon erlebt;

dann hatte er sich irgendwo hingelegt. Aber nun war er so schlaff und

zitterte vor Nässe und Kälte.

Da trippelte sie fort, mit kurzen, flinken Schritten. Und dann kam sie

wieder, im Handumdrehen, und trug eine große Tasse voll heißen Kaffees

und ein Stück Kuchen. »Da,« sagte sie, »das wollte ich eben essen und

trinken. Aber nun nehmen Sie's, ich bekomme schon wieder. Wir kommen heut

auch zu nichts vor lauter Umtrieb.« Wie sie plauderte. Es war wie ein

Gezwitscher. Er hörte ihm zu, so lang er aß und trank. Er saß auf einer

Bank im warmen Hausflur und sie stand vor ihm. Dann sagte sie plötzlich:

»Warten Sie ein bißchen, ich komme gleich wieder.« Weg war sie. Da stand

sie, drin, hinter der Glastür, die in ihre eigene, freundliche Wohnung

führte, und betrat das Gaststübchen, das so sauber und heimlich für

einen lieben Gast bereit stand. Für ihren Vater. Der war nicht gekommen;

er kam erst morgen am Tag. Nein, das konnte ihr doch wohl niemand zumuten,

daß sie --, das war doch zu ungewöhnlich. Und der Mensch war gewiß sehr

schmutzig. Und was würde ihr Mann sagen? Aber das Herz ging ihr über. Es

war doch Christabend.

Und es kam ihr in den Sinn, daß der Mensch da draußen doch einer der

»geringsten Brüder« sei. Da wurde sie ganz verlegen, daß sie das

dachte, denn sie war es nicht gewöhnt, ihre Handlungen von irgend einem

religiösen oder moralischen Standpunkt aus zu begehen, sondern sie tat

alles aus ihrem raschen und warmen Herzen heraus. Dieses Herz hatte ihr

schon manchen Streich gespielt. Man denke nur an jenen Morgen, an dem sie

einem jammernden Zündholzverkäufer den Inhalt seiner ganzen, vollen Kiste

abgekauft hatte und zwar von ihrem Geburtstagsgeld. Da war sie weidlich

ausgelacht und auch ein wenig gescholten worden. Schlimmer war schon das

andere, das mit ihres Mannes gefütterten Winterstiefeln. Sie hatte sie,

als sie allein zu Hause war, einem armen Mann geschenkt, der Rheumatismus

in beiden Füßen hatte. »Wonach riechen Sie denn so stark?« hatte sie

zaghaft gefragt, und er hatte seufzend erwidert, daß er seine Füße mit

Spiritus eingerieben habe, weil er kaum mehr darauf stehen könne. Da hatte

sie ihm zu den Stiefeln noch ein Paar Socken geholt. »Sie sind tüchtig

geflickt,« hatte sie halb entschuldigend gesagt, denn sie kam sich ein

wenig hart vor, daß sie die viel wärmeren neuen, die sie schon in der

Hand gehabt hatte, wieder in die Schublade gelegt und die alten genommen

hatte. Wenn man aber auch immer ermahnt wird, sich »den Gaul

nicht durchgehen zu lassen«. Ja, halb war sie auch stolz auf ihre

Selbstbeherrschung. Der Mann war auch so freundlich, sich nichts aus dem

Geflickten zu machen. Sie hatte ihm angeboten, die Sachen gleich hier

anzuziehen, aber er war so bescheiden, daß er dafür dankte, er wolle ihr

sicher nicht so viele Mühe machen. Er wisse einen Ort, ganz in der Nähe,

da könne er ungeniert ablegen. Aber, hilf Himmel, der Ort war der Laden

des Althändlers Eisenbeiß schräg gegenüber gewesen, vor dessen Tür

eine Viertelstunde später die warmen Stiefeln an einem Haken baumelten und

dem Verkauf ausstanden. Und der Mann, den sie damit beschenkt gehabt hatte,

schien sich auf andere Weise erwärmt zu haben, denn er begegnete der Frau

Rose ein paar Stunden später und konnte nun tatsächlich kaum mehr auf den

Füßen stehen. Das war recht bitter gewesen. Aber dafür konnte doch der

arme Handwerksbursch am heutigen Abend nichts. Es ging doch wohl nicht an,

ihn etwa dafür verantwortlich zu machen, daß ein anderer -- ach nein, das

kam ja eigentlich hier nicht in Betracht.

Da, nun hatte sie es schon gesagt. »Kommen Sie hier herein, ja ja,

kommen Sie nur. Warum sehen Sie so erstaunt aus? es ist -- es ist nämlich

tatsächlich sonst nichts frei, aber da -- es ist mir nur nicht gleich

eingefallen« -- das log die blonde Frau Rose aber, wie wir wissen --

»da ist ein kleines Stübchen, das ist für die Nacht noch leer.« Der

Schlossergesell war wie im Traum, als er in den weißen Kissen lag und

sich dehnte und streckte. Es paßte auch gut in den Traum hinein, daß nach

einer Weile jemand zur Tür hereinkam und leise die feuchten zerrissenen

Kleider von dem Stuhl vor dem Bett wegnahm, um gute, feste Sachen dafür

hinzulegen.

»Nein, nein, da ist nun nichts zu danken,« sagte eine Stimme, die ihm

bekannt vorkam, obgleich er ja wußte, daß er träume.

»Es sind auf Weihnachten viel getragene Kleider in unser Haus geschickt

worden, Kleider und Wäsche, gerade zum Verschenken, Sie brauchen da nichts

zu sagen. Das ist nichts, was mich etwas angeht.«

Er hatte also scheint's im Traum ein Dankeswort zu sagen versucht.

Eigentlich war es ihm, seine Mutter sei um den Weg. Aber das war wohl erst

recht geträumt. Sonderbar, es ging ihm alles untereinander. Es war wohl

das Beste, sich auf die andere Seite zu legen, davon, das wußte er,

verging das Träumen und man schlief tief ein, so, wie einst als Kind, wenn

die Mutter sagte: »Schlaf, schlaf, Büblein, so gut wie heut hast du's

nicht immer.«

Am andern Morgen wurden zwei Berichte geschrieben. Der eine von der

Polizei, der kam, wie alle Tage, in die Zeitung. Da stand zu lesen, daß in

der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember einhundertfünfzig Personen in der

Herberge zur Heimat beherbergt und beschenkt worden seien. Der andere kam

in ein großes Buch, das nicht mit Tinte geschrieben war, unter die Rubrik:

Rose Haberland, und lautete so: Heute Nacht hat sie den Schlossergesellen

aufgenommen und in ihrer Gaststube ins Bett gelegt, denn sie hatte sonst

keinen Raum in der Herberge.

Fräulein Marie

Es war ein mächtiger Baum. Er reichte vom Fußboden bis zur Decke und

streckte seine Äste weit in der Runde um sich her. Sein Stamm steckte in

einem Holzkasten, in dessen Innerem eine Spieluhr verborgen war, und wenn

die Musik spielte »Stille Nacht, heilige Nacht«, so fing der Baum an,

sich um sich selbst zu drehen, langsam und schwerfällig, immer rundherum,

immer rundherum. »Wie ein verrückt gewordener Tanzbär,« sagte der

Stationsmeister, der auf einen Augenblick hereingekommen war, um ein Glas

Pilsner zu trinken. Aber Fräulein Marie zuckte nur die Achseln und warf

dem Stationsmeister einen Blick zu, der ungefähr heißen konnte:

»Was versteht denn so ein alter Junggesell und Familienfeind von einem

Christbaum? Man läßt ihn reden, weil man muß.«

Fräulein Marie hatte den Baum selbst geschmückt mit einer Unzahl von

großen farbigen Glaskugeln, wohl faustgroße Kugeln, und mit Goldfäden,

die über die grünen Zweige herunterfielen, wie das aufgelöste Haar einer

Riesin. An jedem Astende saß ein elektrisches Lämpchen und wartete

auf die Dämmerung, wo es aufflammen würde mit hellem Licht. Es war

ein großartiger Baum. Er stand etwas im Wege, denn der Raum in der

Bahnhofwirtschaft war nicht besonders groß, aber das schadete weiter

nichts, das war heute wohl in mancher Familienstube auch nicht anders. Als

der Baum geschmückt war, tat sich Fräulein Marie auch noch festlich an:

eine blaue Sammetbluse, und einen vergoldeten Anhänger um den Hals an

einem Kettchen, und das hochblonde Haar steckte sie kunstvoll auf mit

drei Kämmen und einem Band aus Stahlperlen. Herr Riemenschneider sah sie

befriedigt an, als sie von ihrer Kammer herunterkam und sich noch eine

weiße Schürze um den schlanken Leib band, lang und breit und mit Spitzen

daran.

»Sie ist ein anstelliges Mädchen,« sagte er zu seiner Frau, die am

Schenktisch stand und Schinken aufschnitt. »Gefällig und anständig

dabei, grad so die rechte Mitte, und sie stellt etwas vor, das muß man ihr

lassen.« Er kniff das eine seiner beiden kleinen Äuglein zu und sah

ihr nach, wie sie mit vier vollen Gläsern und drei Tellern mit heißen

Würstchen den Mittelgang hinunterschritt und danebenher noch einem alten

Stammgast, einem Zigarrenreisenden, zunickte. »Grad so die rechte Mitte,«

konstatierte er noch einmal, ohne zu merken, daß Frau Riemenschneider ein

geärgertes Gesicht dazu machte, weil sie nicht leiden konnte, daß ihr

Mann die Kellnerin so herausstrich.

Jetzt aber fuhr der Zug vom Oberland her in den Bahnhof ein, der hatte hier

fünfzehn Minuten Aufenthalt und außerdem brachte er meistens noch eine

Menge Gäste, die auf den Schnellzug warten mußten. Der kam erst in einer

halben Stunde. »Anzünden,« nickte Herr Riemenschneider der Kellnerin

zu; da drückte sie auf einen Knopf an der Wand und die Flämmchen der

elektrischen Lichter sprühten auf, alle miteinander. Als die Gäste vom

Zug her eintraten, funkelte ihnen eine Helle entgegen und ein Glanz, daß

sie schier geblendet waren. Draußen war es schon ziemlich dunkel und es

wehte ein naßkalter Wind; hier drinnen aber war es warm und hell und

es roch dabei nach allerlei guten Dingen, die einem hungrigen Magen wohl

anstehen. Herr Riemenschneider rieb sich die Hände, kurze, dicke Hände,

und sah wohlgefällig zu, wie Fräulein Marie hin- und herging. Flink und

gewandt schob sie sich zwischen den Tischen durch und zeigte weder Hast

noch Last. Er brauchte nicht einzugreifen, es ging wie am Schnürchen.

An dem einen runden Tisch in der Ecke saß eine lustige Gesellschaft ganz

junger Herren. Sie trugen die farbigen Mützen und Bänder noch nicht lang,

das konnte man den knabenhaften Gesichtern ansehen, auf denen kaum hie

und da ein leichter Flaum sproßte wie eine erste Frühjahrssaat. Aber

ebendarum wollten sie gern vorstellen, was sie erst werden wollten und

betrugen sich mit Lärmen und Lachen und mit Befehlen so, als ob sie das

männliche Wesen längst gewöhnt seien und bereits eine große Gewandtheit

darin besäßen. Dazu schien es einem von den Schlingeln, einem langen,

dünnen Schlenker mit schwarzen Locken und einem goldenen Zwicker auf der

Nase zu gehören, daß er mit der Kellnerin schön tue, und obgleich er

einiges Herzklopfen dabei verspürte, da er es noch nicht geübt hatte, so

faßte er sie doch, als sie mit einer Weinflasche hereinkam, um die Taille

und sagte in angenommen zärtlichem Ton: »Grüß Gott, Fräulein Fanny!

Kennen Sie mich denn nimmer?« Ein großes Gelächter erscholl von den

bewundernden Mitbrüdern und er wollte gerade fortfahren, seine Vorstellung

zu geben, als er seine Hand kräftig auf den Tisch aufgestoßen fühlte

und sehen mußte, daß Fräulein Marie wie eine Siegesgöttin den Gang

hinunterschritt. Der Zigarrenreisende trank ihr zu, als sie an ihm

vorbeikam und sagte wohlgefällig: »So ist's recht, Fräulein Marie. Nur

nichts gefallen lassen. So Buben da, was die sich schon herausnehmen.« Sie

lachte ein wenig. »Mit denen werd' ich schon noch fertig.« Aber es war

ihr nicht ganz ums Lachen. Sie wußte nicht recht, was es war, das heut in

ihr umging. Sie spürte den Wunsch, irgend etwas Schönes, Festliches zu

erleben; sie hatte ihn schon vom frühen Morgen an verspürt; seit sie ihr

den grünen Tannenbaum in den Saal hereingestellt hatten, ging er in ihr

um. Was es sein sollte, das zu erleben wäre, wußte sie nicht zu sagen,

aber es mußte etwas Frohes sein, etwas wie ein Glücksgefühl. Sie hatte

den Baum geschmückt und dann sich selbst. Als sie das Musikwerk aufzog

und die »Stille Nacht« aus dem Kasten herausklang, hatte sie eine Art von

Heimweh empfunden nach der engen Stube bei ihrer Großmutter, in der sie

als Kind Weihnachten gefeiert hatte, nach dem kleinen Bäumchen, das

auf dem Tisch stand und nach Hutzelbrot, Lebkuchen und der wortarmen

Zärtlichkeit der alten Frau. Aber im ganzen wünschte sie sich doch nicht

zurück, es mußte noch viel Neues kommen, das erst vor ihr lag. Sie hatte

schon am Vormittag ihr »Christkindle« von Herrn und Frau Riemenschneider

empfangen, ohne besondere Feierlichkeit, weil es jetzt gerade ruhig war in

der Wirtschaft: drei weiße Schürzen und zehn Mark. Sie war gerührt, sie

hatte in ihren anderen Stellen nie etwas bekommen und Frau Riemenschneider

hatte auch gesagt, daß man es eigentlich nicht nötig gehabt hätte,

aber daß man eben so sei: fast zu gut gegen die Leute. Aber das festliche

Gefühl war dadurch nicht in ihr Herz gekommen, es mußte noch etwas

anderes sein. Seit sie um drei Uhr einen Augenblick draußen vor dem Haus

gestanden war, gerade als das Festläuten auf den Kirchen anhob, dachte sie

von Zeit zu Zeit daran, sie wolle morgen wieder einmal in die Kirche gehen,

daß sie auch wisse, daß Christtag sei. Die feierlichen Glockentöne waren

so groß und voll über die Stadt hingeflogen, wie ein Zug von Kranichen

schwammen sie durch die Lüfte dahin, unbekannten Ländern zu. Fräulein

Marie hatte zwar noch nie Kraniche gesehen, aber sie hatte schon viel

gelesen, darum kam es ihr doch so in den Sinn. Sie dachte, es wäre schön,

mitzufliegen, es hob sich etwas in ihr. Aber da kam gerade ein verspäteter

Mittagsgast, der junge Doktor Holl mit seinem lustigen Gesicht, der lachte,

als er sie dastehen und hinausträumen sah und behauptete, sie habe ganz

sehnlich nach der Konservenfabrik hinübergesehen. Dort war ein Chemiker,

der immer sehr nett mit Fräulein Marie umging und ihr eine Schachtel

Pralinées zu Weihnachten versprochen hatte. Da mußte sie sich wehren und

mit der feierlichen Stimmung war es vorbei.

Und nun brannte der Christbaum und die »Stille Nacht« ertönte wohl zum

dreißigsten Mal und Herr Riemenschneider sagte zu einem Gast, der ein

anerkennendes Wort gesprochen hatte: »Ja, ja. Was gemacht werden kann, das

wird gemacht. Stimmungsvoll muß es sein. Die Spieluhr mit dem Drehwerk hat

vierzig Mark gekostet und der Baum samt dem Schmuck seine zwanzig Mark. Gut

und gern zwanzig, ohne die elektrischen Lampen. Ja, ja.«

Da dachte Fräulein Marie, als sie es hörte, es sei komisch, daß es ihr

immer noch nicht weihnächtlich ums Herz sei und auf was sie denn noch

warte? Es komme doch sicher nichts anderes mehr. Sie hatte es nicht

immer so gut gehabt wie hier. Die Arbeit war nicht gar zu streng und die

Behandlung gut, die Einnahmen auch nicht schlecht. Unterhaltend war es

auch hier, wo die Züge fortwährend ein Ab- und Zuströmen der Menschen

brachten und immer etwas Interessantes. Da beschloß sie, sich die dummen

Gedanken aus dem Kopf zu schlagen. Der ledige Stammtisch in der zweiten

Klasse wollte am späteren Abend einen Weihnachtspunsch trinken und

Fräulein Marie war dazu eingeladen. Das war doch auch ein Vergnügen.

Also.

... und hätte der Liebe nicht: Weihnächtliche Geschichten · 第 3 / 4 段