Mund auf, »ist heute morgen bei mir vor Amt gewesen. Der Köbele« -- der
Polizeidiener des Städtleins, ein junger und scharfer und diensteifriger
Mann, hieß Köbele -- »der Köbele hat herausgebracht, daß sie heiße
Holzasche in einem Weidenkorb auf ihre Bühne gestellt hat und daß der
Korb angefangen hat, zu glosten. Wie es der Köbele herausgebracht
hat, weiß ich nicht, er hat eine Spürnase für alles, was gegen die
polizeilichen Vorschriften ist. Genug, er hat es gemeldet und die Rosel,
wie Sie sie heißen, oder die Marie Rosine Lederer, hat eine Vorladung vor
das Oberamt bekommen wegen Fahrlässigkeit mit brennbaren Stoffen.
Heute Vormittag haben wir nun aufgeräumt mit den Bagatellsachen. Da
war zuerst der Bretzelbäck da mit seinem Lehrling, der in der letzten
Samstagnacht seinen Kameraden heiße Laugenbretzeln an einer Schnur zum
Fenster hinuntergelassen hat. Die Kameraden standen auf dem Staffelaufgang,
der vom Schwörbach zu der Hollengasse heraufführt und fingen die Bretzeln
auf. Der Bretzelbäck hätte selber nichts gemerkt, denn er war am Backofen
beschäftigt, aber die Frau hörte im Bett das Gewisper der Buben, und sah,
als sie aufstand um nachzusehen, wie ihr Strick von Lehrling eben eine
neue Tracht an die Schnur gebunden hatte und wie sich die Hände der Buben
darnach streckten.«
»Ja, sie hat überall Augen und Ohren,« sagte Frau Stängelin, »sie ist
eine Neunmalgescheite.«
»Ja, also mit diesem Lehrling war der Bretzelbäck heute früh vor Amt,«
fuhr der Amtmann fort. »Dann war der Fuhrmann Ringöhrle da, der sich
wegen Tierquälerei zu verantworten hatte.«
»Das stimmt, er haut seinen armen klapperdürren Gaul so, daß man ihm die
Peitsche aus der Hand nehmen und selber hinten überziehen möchte.« Frau
Stängelin hatte die vollen Arme auf den Tisch gelegt und nahm im Eifer des
Zuhörens dem Amtmann das Wort vom Mund weg.
»Es waren dann sonst noch ein paar Leute da, ein Hausierer aus dem
Bayrischen, der keinen Hausierschein hatte. Den haben wir über die
Feiertage eingesponnen, das hatte er ja wohl gewollt, als er den
Hausierschein in den linken Stiefel steckte und tat, als ob er ihn verloren
habe. Der Köbele sah das Papier oben herausgucken, aber nun mußte ich ihn
strafen, weil er die Obrigkeit hintergangen hatte.«
Der Amtmann lächelte vor sich hin.
»Ja, ja, man kennt die Schliche,« sagte der Assistenzarzt. »Wir haben
auch solche Feiertagskunden im Krankenhaus. Was will man machen? Irgendwo
müssen sie doch sein über solche Tage.«
»Er hat heute abend eine warme Stube und Bier und eine Pfeife Tabak,«
fuhr der Amtmann fort, »und es hat ihm jemand ein paar warme Schlappschuhe
geschenkt. Er sagt, so ließe er sich den ganzen Winter einsperren.« »Ich
sag's ja, er ist ein Gemütsmensch,« sagte Frau Stängelin befriedigt,
weil ihr Argument wieder stimmte, und sah sich Zustimmung suchend im Kreise
um.
»Ja, also,« erzählte der Amtmann weiter, »und die ganze Zeit her,
solang die andern abgehandelt wurden, saß die Marie Rosine Lederer wie ein
Häuflein Unglück auf der Bank beim Ofen. Sie hatte ein rotes Kopftuch auf
und hatte es tief ins Gesicht gezogen, daß man kaum noch die Nase darunter
hervorgucken sah. Die Hände hatte sie im Schoß gefaltet und sah darauf
hinunter und wackelte beständig mit dem Kopf.«
»Das tut sie immer, das ist vom Alter,« schob der Buchhalter ein, der
seine Uzerei von vorhin ganz vergessen hatte.
»Als ich dann sagte: ›Köbele, führen Sie die Marie Rosine Lederer
vor,‹ da zog sie ein karriertes Taschentuch heraus und wimmerte
hinein: ›Ach du lieber Heiland, ach du lieber Heiland,‹ und kam mit
schlürfenden, zitternden Schritten zu mir heran. Sie sah aus, wie das
leibhaftige Elend, so daß es mich halb lächerte, und halb erbarmte,
und der Köbele stand in militärischer Haltung neben ihr und machte ein
grimmiges Gesicht. ›Es ist gut, Köbele, Sie können abtreten,‹ sagte
ich, denn es war mir, sie fürchte sich vor ihm noch mehr, als vor mir,
aber vorher mußte er noch einen Stuhl holen, denn sie konnte nicht stehen
vor Angst.«
Jetzt sah der Amtmann auf einmal, daß der ganze Tisch ihm gespannt
zuhörte und sah auch, daß sich seine Zuhörer einen Hauptspaß von dem
Verlauf der Verhandlung versprachen.
Und vor ihm stand noch einmal das verstörte, flehende Gesicht der Greisin,
wie es am Vormittag vor ihm gestanden war, und er hörte ihre Stimme, die
aus einem faltigen Kröpflein heraus gurgelte: »O send se doch barmherzig
ond strofet se me net, Herr Amtmann. Älles no dees net, no daß e ehrlich
stirb ond net ens Buach komm.«
»In was für ein Buch?« hatte er gefragt.
»O en dees Buach, wo de vorbestrofte Leut neikommet. Sie häbet a groß'
schwarz' Buach, do standet älle dren, wo gstroft worde seiet, hot mei
Vatter ällamol gsait. Ond gucket se, von ons is no kois en dem Buach
gstanda, bloß i alloi komm jetzt nei. Jetzt ben e sechsasiebezg ond
emmer ehrlich ond redlich gwä, wenn e au no ledich ben. Wie ka-n-i en d'
Ewigkeit nüber zu meine Leut, wenn e jetzt vorbestroft werd? O send se
doch barmherzich, Herr Amtmann, ond strofet se me net.«
Es waren große und schwere Tränen in den tiefen Furchen der Wangen und
an der spitzen Nase entlang gelaufen und immer wieder mit dem karrierten
Tüchlein abgetrocknet worden und dem jungen Mann war es eingefallen, daß
er auch einmal in ohnmächtiger Furcht vor einem Mächtigen gestanden war
und um Abwendung der Strafe gefleht hatte. Das war der Metzger Eitel in
seinem Heimatstädtlein gewesen, der dem Siebenjährigen gedroht hatte,
ihm »den Kopf zwischen die Ohren zu setzen«. Er mußte schier ein wenig
lachen dem herzbrechenden Jammer des alten Weibleins gegenüber und sagte,
sich zusammennehmend: »Sie kommen in kein Buch, Frau Lederer, seien Sie
doch nicht so außer sich. Sondern Sie zahlen eine Mark Strafe und tun ein
anderes Mal ihre Holzasche in ein Blechgefäß mit einem Deckel, dann ist
alles vorbei und Sie sind unbescholten wie vorher.«
Aber es nützte nichts, auch nicht der Vorschlag des Herrn Amtmanns, in den
sicher der vierundzwanzigste Dezember hereinredete, daß er selber die Mark
für sie zahlen wolle.
»Sischt mer net om dui Mark, s'scht mer om d' Schand',« jammerte das
Weiblein weiter. »O gibt dees en Christtag, gibt dees en Christtag! so han
e no nia koin verlebt.«
Das alles zog in rascher Folge an dem Gemüt des jungen Mannes vorüber,
als er in die gespannten, zum Lachen bereiten Gesichter seiner Zuhörer
sah, und er konnte nicht fortfahren, sein Erlebnis des Vormittags
ausführlich wiederzugeben, wenigstens erst von da an, wo die tröstliche
Lösung einsetzte, die ihm im rechten Augenblick sein menschenfreundliches
Herz eingegeben hatte.
Er sagte nur: »Es war ein rechtes Stück Arbeit, dem verstörten Weiblein
klarzumachen, daß es sich nicht um eine Degradierung in der öffentlichen
Meinung handle, es wollte mir lang nicht gelingen, bis mir auf einmal etwas
einfiel.
»Sehen Sie,« sagte ich, »man kann einmal bestraft sein und es doch noch
zu etwas Rechtem und einem guten Ansehen bringen. Ich, wie Sie mich hier
sehen, ich bin auch vorbestraft und bin jetzt doch Amtmann hier, kein
Mensch sieht mirs mehr an.« Da riß sie in ungläubigem Staunen ihre
trüben und eingesunkenen Äuglein auf und schluchzte noch ein paarmal
trocken auf. ›Wa -- was, Sia send vorbestroft?‹ stotterte sie. ›Dees,
dees kâ doch schier et sei, so a Herr, so a nobler ond rechter.‹ Aber
ich blieb dabei, daß ich in Beziehung auf Polizeistrafen gleich stehe wie
sie, ja, daß die meinige sogar seiner Zeit drei Mark gekostet habe, nicht
bloß eine. Da fing ein sachtes Glänzen an, sich über ihre Runzeln
zu verbreiten und sie hob ihre blaue Schürze, da das Tüchlein keine
Feuchtigkeit mehr aufnehmen konnte, an ihr Gesicht, um es endgültig
abzutrocknen und sagte aus der Schürze hervor: ›Jetzt wenn i nüber komm
zu meine Leut ond mei Vatter will mer wüescht komme, weil i aufgschriebe
be, no sag i oifach, der Herr Amtmann seiet der nemlich Sender wia i.‹
Und sie zog getröstet ab in solcher Gemeinschaft.«
Es hatte nun doch noch ein großes Gelächter gegeben am Stammtisch der
ledigen Herren. Der Amtmann aber saß nach vollbrachter Erzählung still
da und lächelte in sich hinein. Sie wollten wissen, auf was für eine
Studentenübeltat, denn das sei es doch wohl gewesen, die besagte Strafe
gefolgt sei, und er sagte, es sei wegen späten Singens durch die Tübinger
Straßen in einer unerlaubt schönen Maiennacht gewesen. Da wollte ein
jeder auch etwas erzählen, was er an seligen Jugendeseleien verübt habe
und wie es ihm bekommen sei und der Amtmann saß still dabei und hatte noch
etwas in sich, von dem er nichts gesagt hatte und auch nichts sagen wollte.
Als er nämlich bei seinem Weg auf die alte Burg an dem schwarzen Eck
stillgestanden war, um an seinem Stein herumzuspüren, da hatte sich das
Schiebfensterchen des windschiefen Häusleins aufgetan und eine dürre
Hand, deren Besitzerin er erst seit heute kannte, hatte herausgelangt.
»Denket Se no, i han no a Hefelaible bacha, so freut mi mei Leba wieder,«
hatte die alte Stimme der Rosel am schwarzen Eck, wie man sie im Städtlein
nannte, gesagt und ihm ein Stücklein ihres Gebäcks, in ein Zeitungspapier
eingeschlagen, herausgeboten. »I wär jo net so keck, aber i han heut
älls scho denkt, Sie häbet gwiß au koi Frau Mutter meh, sonst wäret
Se doch hoimgfahre. Ond der Mensch mueß doch au ebbes Guats han en de
Feiertäg.« Er hatte die Gabe eines dankbaren Herzens angenommen und den
liebenden Blick gespürt, den ihm das alte Weiblein nachsandte. Nun lag das
Stücklein Hefenbrot in seiner Brusttasche und wärmte etwas in ihm, das
heute der Wärme bedürftig war. Als er aber still in dem lebhaften Kreise
saß und bei sich erwog, wie er es mache, daß er den Heimweg unter dem
Sternenhimmel allein gehen könne, ohne eine andere Gesellschaft als die
seiner Gedanken, spürte er plötzlich, daß ihn jemand ansah. Und als
er die Augen aufhob, begegneten sie denen der Frau Stängelin, die in
überwallender Mütterlichkeit und alle ihre Gefühle darin zusammenfassend
zu ihm sagte: »O Herr Amtmann, Sie sehen auf und nieder meinem Konrad
gleich.«
Der Konrad war derjenige ihrer Söhne, der in Amerika auf einer Farm bei
Verwandten arbeitete, weil er in der Heimat »etwas angestellt« hatte, und
der Buchhalter schüttelte den Kopf über den Vergleich. Aber er war ihr
Lieblingssohn und es war das Beste und Liebste, was sie zu sagen wußte.
Er aber nahm das Wort still und erfreut in sich hinein und bewegte es in
erwärmtem Herzen, als er gleich darauf und zuerst von allen unter dem
großen brennenden Christbaum des nächtlichen Himmels dem schlafenden
Städtlein zuschritt.
Wie Frau Heilemann auf ihre Kosten kam
Es war eine schöne Stube, schöner als Laura in ihrem Leben noch eine
gesehen hatte. Lauras Leben war noch nicht sehr lang, fünf Jahre dauerte
es nun, dies hier war das sechste, das hatte aber kaum begonnen. Indessen
hatte sie doch schon verschiedene Stuben gesehen. Sie saß auf einem
hölzernen Kinderstühlchen und war eben daran, sich zu verwundern, wie das
alles zugehe. Zuerst war etwas gewesen, schon lange -- schon sehr lange,
dachte Laura, etwas Helles, grüne Bäume waren dabei gewesen und ein Bach,
über den Bach ging ein Brücklein, und Laura meinte, es sei etwas mit
Enten vor sich gegangen, mit Enten, die unter der Brücke durchschwammen
und schnatterten. Aber genau wußte sie das nicht mehr. Dann kam etwas,
das war deutlicher, aber nicht so hübsch. Eine Giebelstunde mit einer
schrägen Wand, und an dem einen Fenster die rasselnde Nähmaschine.
Allerdings, an der Nähmaschine war immer die Mutter gesessen. Doch, es war
auch schön gewesen, wenn man es recht bedachte. Von dem zweiten Fenster
aus hatte man ein großes Stück von der Welt gesehen, bis hinten hin,
wo sie mit dem Himmel zusammenstößt, und dann die Wolken. Nein, wie die
dahinflogen! Die Mutter hatte einem das immer so schön erzählen können.
Später hatten sie dann irgendwo hinten hinaus gewohnt, mit Aussicht auf
einen Hof und eine Brauerei. Nun saß sie hier in Frau Heilemanns schöner
Stube, in der alles glänzte und summte vor Behaglichkeit. Was nun wohl
käme? Die Mutter war verreist, sie hatte einen bösen Husten und war im
Schwarzwald, irgendwo, wo man wieder gesund wurde. Sie hatte ganz bestimmt
versprochen, wiederzukommen, und Laura hatte dagegen versprechen müssen,
»ein liebes Kind und nicht weinerlich« zu sein. Das hatte sie bis jetzt
auch gehalten, es war aber auch erst drei Tage her. Hier in Frau Heilemanns
Stube gab es viel zu sehen. Das war geschickt, denn umhergehen und gar
spielen konnte man nicht so gut darin. Der Boden war ganz glatt und
glänzend, und Frau Heilemann hatte sofort Filzschuhe für die kleinen
Füße gekauft. Sie selbst trug auch solche, nur natürlich viel größer.
Frau Heilemann war groß, breit und dick, so dick, daß Laura sich immer
aufs neue wundern mußte, wie es solche Leute geben könnte. Sie selbst
war so winzig dagegen, -- wie ein Grashälmchen gegen einen Fliederbusch
(obgleich sie natürlich den Vergleich nicht machte). Aber auch die Mutter
war so dünn und schmal, daneben gesehen, Frau Heilemann hatte selbst
gesagt, als sie abreiste: »Aus mir könnte man drei solche Mütter machen
wie deine, Laura, obgleich es nicht nach meinem Wunsche geht, daß es so
ist.«
Aber Laura hatte doch ihre Zweifel, ob es dann wirklich solche Mütter
gäbe wie die ihrige, wenn man Frau Heilemann dritteilte. Sie dachte im
stillen, sie wollte doch lieber, daß ihre eigene, einzige wieder käme.
Im Vertrauen, und nur sich selber gestanden, Laura mochte eigentlich Herrn
Heilemann lieber. Der hing in einem breiten Goldrahmen an der Wand, und war
nur gemalt, aber das tat nicht soviel. Er blickte immer gleich freundlich
auf das kleine Mädchen herunter, ja wenn man genau hinsah, so schien
er mit den Augen zu zwinkern, als wollte er sagen: »Sei du nur ganz
fröhlich, Kleines. Denn das ist ebensogut meine Stube wie ihre, ja, ich
habe hier auch ein Wort mitzureden.« Laura verstand sich sehr gut mit ihm.
Er hatte ein rundes, rötliches Gesicht und sehr blaue Augen und hatte eine
geblümte Samtweste an, über die sich eine dicke Goldkette spannte. Aber
er sah nicht aus, als ob er es schwer nähme, daß nun Laura für einige
Zeit hier im Hause sei und Essen, Filzschuhe und schöne neue Schürzchen
brauche. Frau Heilemann nahm es schwerer. Sie war eine entfernte Base von
der Mutter und hatte sich bereit erklärt, das Kind aufzunehmen, solang
diese fern sei. »Hoffentlich ist es nicht für ganz, denn das könnte ich
natürlich nicht, ich bin nicht auf Kinder eingerichtet,« sagte sie, und
Lauras Mutter versprach auch ihr das Wiederkommen, »soviel an mir liegt.«
Natürlich, mehr konnte sie nicht versprechen. Aber Frau Heilemann baute
fest darauf. Sie hatte nie selbst Kinder gehabt, und nun war sie alternd
und kränklich (so dick sie auch war, ja, gerade darum). Nun konnte sie
nicht noch anfangen. Auch war sie gerührt über sich selbst, daß sie
»es ganz umsonst tue«. Das Geld war ja alles schwer erworben, leichter
ausgegeben als verdient, und niemand fiel es ein, etwas umsonst zu geben.
Aber so war sie nun, sie tat es ganz umsonst. Da mußte sie es doch hier
und da wenigstens sagen dürfen. Laura wußte es nun allmählich gut, sie
hatte es öfters gehört. Die Filzschuhe, das neue Schürzchen, und dann,
heute abend, am Heiligen Abend, da kam das Christkindchen, Frau Heilemann
hatte es gesagt. Es brachte etwas, das hatte sie auch gesagt, so war sie
nicht, daß sie ein Kind im Hause hatte, ohne ihm etwas zu bescheren. Aber
es kostete Geld, und wer gab es her? Wer? Es war sonderbar, Laura wußte
es noch gut, sie hatte immer ein Bäumchen gehabt und Lebkuchen und
eine Puppe, die jedes Jahr ein neues Kleid bekam. Aber gewiß hatte das
Christkindchen dies alles umsonst gebracht, direkt vom Himmel her, von Frau
Heilemann ließ es sich aber bezahlen. Eigentlich tat sie ihr ein bißchen
leid, es mußte hier alles schrecklich viel Geld kosten. Frau Heilemann
hatte denn auch immer ein etwas sorgenvolles Gesicht und eine etwas
klagende Stimme, Herr Heilemann sah viel fröhlicher aus, so, als ob er
nicht wüßte, daß das Leben eine so teure Sache sei.
Links und rechts von ihm hingen die Bilder von zwei alten Frauen. Sie
hatten hohe, weiße Hauben auf und schöngemalte Spitzentücher über der
Brust und machten gleichfalls freundliche Gesichter. Und unter ihnen kniete
ein schwarzer Negerknabe in weißem Hemdchen auf der Kommode, der hütete
eine Sparbüchse mit einem breiten Schlitz und bedankte sich jedesmal
kopfnickend, wenn ein Geldstück in den Schlitz fiel; er sah unsäglich
freundlich aus. Laura hatte eine große Sehnsucht danach, daß einmal
jemand etwas in den Schlitz stecke, denn bis jetzt wußte sie das mit dem
Kopfnicken nur vom Hörensagen. Sie war bisher ruhig auf dem hölzernen
Stühlchen gesessen, -- das hatte Frau Heilemann auch eigens ihretwegen
angeschafft -- nun stand sie auf und wagte sich auf ihren weichen
Filzsohlen bis an die Kommode hin. Draußen fiel Schnee herunter in
dichten, weißen Flocken, hier drinnen war es warm, still und fast
feierlich, es war so unaussprechlich sauber. Ob sie es wagte? Frau
Heilemann war in der Küche, da tippte Laura mit spitzen Fingerchen an
den Kopf des Negers. Sogleich neigte der sich vor und -- schwapp, wieder
zurück. Nun hatte er sich bedankt und doch nichts bekommen. Das war wohl
nicht ganz recht, und in eben diesem Augenblick kam Frau Heilemann herein
und sah forschend herüber: ob Laura etwas verderbte? Kinder verderbten
ja immer etwas. Ja, nun mußte es heraus; die Mutter hatte immer alles
erfahren, was Laura tat, auch wenn es einmal etwas Ungeschicktes war. Hier
ging es aber nicht so leicht wie bei der Mutter. »Ich habe ihm nichts
geschenkt, ich habe ihn nur einmal nicken lassen.« Es war scheints nichts
Böses gewesen, Frau Heilemann setzte sich in ihren mächtigen Armlehnstuhl
und sagte nur etwas grämlich: »Das will ich glauben, daß du ihm nichts
geschenkt hast. Mir schenkt auch niemand etwas, fällt keinem ein, und wenn
zehnmal Heiliger Abend ist.«
Laura mußte sie aufmerksam betrachten. Sie war so blaß, obgleich ihr
Gesicht so rund und voll war, und sie sah so aus, als ob sie gar nicht
vergnügt wäre. Die Mutter hatte eigentlich viel fröhlicher ausgesehen,
so um die Augen und den Mund herum, aber allerdings, das war auch die
Mutter. Vielleicht war sie betrübt, daß ihr niemand etwas schenkte? Wenn
Laura doch nur etwas gehabt hätte!
Frau Heilemann lehnte ein wenig im Stuhl zurück und atmete laut und stark.
Und Laura fühlte, daß sie ihr noch ein wenig leider tat als vorher schon,
-- gleich hatte sie sie auch ein wenig lieber. »Bist du krank?« sagte
sie. Eigentlich schüchtern war sie nicht, aber bei Frau Heilemann hatte
sie bisher nicht soviel gewagt. »Krank?« sagte diese. »Das will ich
meinen. Es glaubt's nur niemand. Es fehlt mir überall, aber das verstehst
du nicht.« Sie sagte es ein wenig patzig, aber als sie das aufmerksame
Gesichtchen sah, das einen mitleidigen Ausdruck trug, wurde sie weicher.
»Ich habe zu wenig Blut, viel zu wenig, fast gar keins!« fügte sie
hinzu. »Aber was weißt du davon?« Doch, von Blut wußte Laura etwas.
Sie hatte sich einmal mit einem Glasstückchen geschnitten, da war rotes,
warmes Blut aus dem Fingerchen gelaufen. Und die Mutter hatte sich dann
mit ihr darüber unterhalten, daß noch viel davon in dem festen, kleinen
Körper sei. »Ich habe viel,« sagte Laura. Sie machte ein nachdenkliches
Gesicht. »Ja, du, mit deinen runden, roten Backen, das will ich glauben.
Aber das kann mir nichts helfen, du gibst mir doch nichts davon.« Frau
Heilemann machte wieder ein strenges Gesicht und sah so still vor sich hin.
Nein, fröhlich war sie nicht, das konnte ihr aber auch niemand zumuten.
Sie hatte ihr ganzes Leben lang viel zu sorgen und zu schaffen gehabt und
nicht sehr viel Freude dabei. Es war aber auch jedermann einerlei, ob
sie sich freute oder nicht; Ansprüche machen, das konnte jedermann, mehr
nicht. Nun mußte sie ja wohl hinausgehen und das Bäumchen richten; es
war am Dunkelwerden. Es läutete eine Glocke von der nahen Kirche, und,
merkwürdig, sofort regte sich etwas in ihr, das wie eine Sehnsucht oder
Rührung sich anfühlte. Aber sie verstand es nur so, daß sie aufs neue
dachte: ›Mir schenkt niemand etwas -- nun, ich kann mir ja kaufen, was
ich brauche.‹ Es war aber ein Verlangen nach Liebe und Freude, das wußte
sie nur nicht. Laura war leise ans Fenster gegangen. Sie sah aufmerksam
hinaus, wenigstens sah es so aus. ›Da kann ich auch die Lichter hier
drinnen aufstecken,‹ dachte Frau Heilemann und ging hinaus, um das leere
Bäumchen hereinzubringen. Aber dann brachte sie es doch übers Herz, die
Überraschung war dann weg, und die Kinder waren nun einmal so. Also blieb
sie eine Zeitlang draußen und schmückte es dort. Nun war Laura allein.
Sie sah sehr ernsthaft darein. Wenn Frau Heilemann mehr Blut hatte, dann
war sie sicher froher, und Laura hätte sie gern froh gemacht. So froh wie
die Leute an den Wänden ringsumher und wie sie selbst und die Mutter. Sie
hätte gern etwas von ihrem eignen hergegeben, aber das war da innen, das
konnte man nicht nur so herausholen. Oder? damals mit den Glasscherben?
Aber das hatte weh getan. Auch war kein Glasscherben da. Draußen schneite
es nicht mehr, am Himmel tauchten Sternlein auf. Wenn jetzt die Mutter
gekommen wäre! Es gingen allerlei Leute vorüber, sie trugen Pakete, und
manche trugen Christbäume. Nachher kam wohl das Christkindchen und brachte
Laura auch einen. Vielleicht noch mehreres, ach ja, vielleicht. Sie freute
sich nun doch ein bißchen. Allerdings die Mutter! Aber Laura sollte nicht
weinen, und das wollte sie auch nicht. Wenn nur Frau Heilemann -- ja,
das Blut. Da ging sie entschlossen an das große Nähkissen, das auf
dem Tischchen stand, und nahm eine Stecknadel heraus. Zuerst sah sie sie
zaghaft an. Dann streifte sie den weiten Ärmel ihres Kleidchens hinauf. Da
hinein? aber es mußte doch sein. Sie war ein tapferes, kleines Ding. Au,
es hatte doch gestochen, als sie die Nadel in das Ärmchen bohrte. Aber
dafür quoll auch ein schönes, helles Tröpfchen Blut heraus, es sickerte
noch ein wenig nach. Nun stand es groß und voll auf dem Ärmchen. Wenn es
nur nicht hinunterfiel! Da, in diesem Augenblick ging die Tür auf. Hell
brannten die Lichter an dem Bäumchen, das Frau Heilemann trug, und silbern
und golden schimmerten die Kugeln daran. Und was trug sie im Arm? Etwas
Blaues, es war sicher eine Jacke oder so etwas. Laura konnte sich aber
nicht regen, sie mußte stillstehen, sonst fiel das kostbare Tröpfchen
hinunter. »Nun?« Frau Heilemann hatte das Bäumchen auf den Tisch
gestellt und das Blaue -- es war ein Kinderkleid -- daneben gelegt, jetzt
wunderte sie sich, daß das Kind nicht herankam. Kinder pflegten doch sonst
zu jubeln oder so etwas, wenn der Baum brannte. »Was ist?« Da machte
Laura ein paar vorsichtige Schrittlein näher und bot ihr -- und ihr
Gesichtlein leuchtete von einer großen Schenkfreude -- das Ärmchen. Das
Blutströpflein glänzte im hellen Licht wie ein Rubin. »Da, kann man das
brauchen?« fragte das Kind.
Ach ja, wohl konnte man das brauchen. Als sie es begriffen hatte, den
ganzen Hergang und die ganze Herzensregung, da tat Frau Heilemann etwas,
das sie nie zuvor getan hatte. Sie kniete neben dem Kind auf den Boden,
nahm das ganze Gestältlein in ihre Arme und küßte vorsichtig, fast
andächtig das rote Tröpflein hinweg und dann das Kind in seine beiden
blauen, leuchtenden Augen hinein.
Es hatte geholfen, das konnte Laura deutlich sehen. Denn Frau Heilemann
machte ein ebenso freundliches und frohes Gesicht wie die Leute an der
Wand, nun, da sie mehr Blut hatte als zuvor. Die Lichter des Christbaums
beschienen das junge und das alte Gesicht und die ganze Stube, und
plötzlich schimmerten sie auch in ein paar großen, dicken Tropfen, die
über das runde Gesicht der Frau Heilemann rollten. Daß da Liebe war. Daß
da auch für sie Liebe war. Etwas, das sie nicht zu bezahlen brauchte, das
sie geschenkt bekam! Irgendwo läutete es. Es läutete aus der Kirche. Und
sie fühlte eine neue Regung im Herzen; es war -- ja, es war die Kosten
wert, es ging doch über alles andere, zu erfahren, was Liebe sei.
Etwas von sich selber geben, ja, sich selber! Und in den Christbaumlichtern
lag ein anderer Glanz als sonst: das war schon immer so, du hast es nur
nicht gewußt. Darum brennen wir, daran verbrennen wir: es war einmal
Liebe, die gab sich selbst; es ist Liebe, die gibt sich selbst. Ja, und nun
hatte Frau Heilemann etwas geschenkt bekommen.
Kein Raum in der Herberge