Wirtschaftsraum, Koffer und Taschen wurden zusammengerafft und Mäntel
über den Arm genommen und: »Fräulein, zahlen!« rief es eilig aus
ein paar Ecken, wo die Leute gar zu gemütlich sitzen geblieben waren.
Fräulein Marie hatte genug zu tun, bis der eine Schub von Menschen
draußen war und dann wieder, bis die neuen Gäste, die jetzt wieder auf
die Nebenbahn warten mußten, befriedigt waren. Als es ein wenig ruhiger
zuging, sah sie an dem runden Tisch in der Ecke, da, wo vorhin die jungen
Herren gesessen waren, eine ganze Familie sitzen: einen blonden Mann mit
schmalen, feinen Zügen, er hatte zwei Stöcke neben sich am Tisch lehnen,
eine junge Frau mit einem mütterlichen Gesicht, die in einem Kleid mit
sehr unmodernen Ärmeln steckte, wie Fräulein Marie sogleich sah, und zwei
sehr hellblonde Bübchen. Eins davon trug die ersten Hosen, das sah man
deutlich, die Hände steckten in den Taschen und das Näschen streckte
sich sehr unternehmend in die Welt hinein. Das kleinste Bübchen hatte noch
einen Mädelrock an und saß zwischen Vater und Mutter auf der Eckbank.
Ein helles Stimmlein rief: »Guck, Vater, ein Christbaum mit Lampen dran,
'lektrische Lampen, Vater.« Der Vater lächelte. Da wußte Fräulein
Marie, wer die Leute waren. Sogleich wußte sie es, als sie das Lächeln
sah. Das gab es sonst nicht wieder auf der Welt. Vor sechs Jahren hatte sie
es gesehen, einen ganzen Winter lang, fast Abend für Abend. Es hatte dem
jungen Hilfslehrer gehört, der aushilfsweise den alten, weißbärtigen
Reallehrer des kleinen Städtchens vertrat. Sie war damals ein sehr junges
Ding gewesen, nicht sehr weit von der Schule weg, höchstens drei, vier
Jahre. Und er hatte im Lamm gegessen und seinen Abendschoppen getrunken
hinter der Zeitung, im Lamm zu Gussenstadt, wo sie ihre erste Stelle
hatte. Ach, was war sie damals für ein junges Ding gewesen, für ein
bescheidenes, einfaches, unerfahrenes. Das Haar zurückgekämmt, die
schweren Zöpfe ganz einfach aufgesteckt. Und ein Kleidchen an, ein
ärmliches, glattes, nur so ein bißchen aufgeputzt mit einem Krägelchen
oder Schleifchen. Aber dem Herrn Hilfslehrer hatte das alles gerade
gefallen. Es waren manchmal Sommergäste nach Gussenstadt gekommen,
modisch gekleidete Damen mit allem Drum und Dran. Über die hatte er
nur gelächelt. »Wenn Sie wüßten, Fräulein Marie, wie gut Ihnen das
Einfache steht. Nie möcht' ich Sie so sehen, so einen Bausch um den
Kopf, und eingeschnürt und mit all' dem Zeug behängt.« Sie hatte damals
zweifelhaft den Kopf geschüttelt. Ihr hatte der städtische Putz so übel
nicht gefallen. Wenn sie Geld dazu gehabt hätte! Aber sie sagte es ihm
nicht, sie schämte sich. Er war so gut und fein und so vornehmen Wesens.
Er erzählte ihr von dem, was er las und was er dachte, er mußte jemand
haben, bei dem er sich aussprechen konnte. Er brachte ihr auch Bücher
mit, schöne, wunderbare Bücher. Sie hatte in der Schule gut gelernt,
sie verstand wohl etwas von dem, was sie las. Wenn sie ihm etwas darüber
sagte, das ihn freute, so ging das schöne, seltene Lächeln über sein
Gesicht. Eines Tages merkte sie, daß sie ihn liebe mit ihrem ganzen,
jungen Herzen. Nie hatte er ihr von Liebe gesprochen, auch nur von ferne,
weder mit dem Mund, noch mit den Augen. Aber es war darum doch über sie
gekommen, sie konnte nichts dafür. Er war das Schönste, das in ihr Leben
gekommen war, der Bote aus einer Welt, die gerade nur diesen einzigen Boten
zu ihr sandte, um ihr zu zeigen, wie schön sie sei. Aber an dem Tag, als
Marie zu sich selbst sagte, daß er das Beste für sie sei, teilte er ihr
mit, daß er versetzt sei, weit weg von Gussenstadt, und daß er morgen
schon abreise. Sie war ganz stumm dagestanden. Nun löschte also das Licht
aus. »Ich möchte Sie nun noch um etwas bitten, Fräulein Marie,« hatte
er gesagt, eh' er ging. »Wenn Sie doch einen andern Beruf suchen möchten,
das wäre gut für Sie. Nicht daß ich den Ihrigen herabsetzte, gewiß
nicht. Aber es ist mir, er könne Sie nicht befriedigen und das Gute,
Schöne in Ihnen könne sich nicht recht dabei auswachsen.« Da war es ihr
gewesen, als müsse sie morgen schon fort, irgendwohin, sie wußte selber
nicht, wo. In eine Familie, in ein Krankenhaus -- oder wo sonst? Aber es
riet ihr niemand dabei und daheim widersetzte man sich auch diesen Mücken,
wie man sie nannte, man brauchte ihren Verdienst, weil die jüngeren
Brüder etwas Rechtes lernen sollten. So blieb sie. Sie war eine Zeitlang
wie krank gewesen, krank am Herzen vor Sehnsucht nach ihm. Aber es hatte
sich dann wieder gemacht. Sie blühte auf und bekam Angenehmes über ihr
Äußeres zu hören, lernte sich anzuziehen und das Haar vorteilhaft
zu machen. Manchmal empfand sie noch einen Stich, wenn ihr die und jene
Äußerung von ihm einfiel. Dann dachte sie: so würde ich ihm nicht
gefallen. Das war peinlich und sie schüttelte es ab. Nach und nach vergaß
sie es auch, an ihn zu denken. Sie kam in der Welt herum, verdiente Geld,
verstand auch, es auszugeben, blieb so, was man ein anständiges Mädchen
nennt, und wußte sich zu wahren, wo man es anders mit ihr meinte. Aber
Boten aus jener schönen, heimlichen Welt waren seitdem nicht mehr zu ihr
gekommen, wenigstens nicht so nahe her, so ins Herz hinein. Sie hatte sich
vielleicht hier und da nach ihr gesehnt, heute mittag beim Festläuten, und
heute den ganzen Tag, ohne es zu wissen. Und nun saß er dort am Tisch und
weckte mit einem einzigen Lächeln alles auf, was in ihr von dieser inneren
Welt lebte. Wie das brannte! Sie kam sich wie ausgeschlossen vor, und so,
mit diesem Brennen, ging sie umher und bediente die Gäste. Die junge Frau
war selber am Schenktisch gewesen, weil die Kellnerin so beschäftigt war,
und hatte sich Milch geben lassen für die Kinder. Sie selbst und der Mann
wollten nichts trinken. Sie hatten auch nur zehn Minuten Aufenthalt. Das
größere Bübchen lief im Saal umher und kam an den Christbaum, um zu
sehen, wie es käme, daß da die 'lektrischen Lampen drauf seien. Es fragte
das Fräulein, das gab ihm sogar einen Lebkuchen. Dafür erzählte er ihr
mit seinem hellen Stimmlein, daß sie alle zur Großmutter führen, und
daß dort auch ein Christbaum sei. Und daß er, Martin, schon den Vater ein
bißchen stützen könne, der sei immer krank. Die Mutter könne es
aber noch besser, die sei anders stark. »Martin,« rief die Mutter, da
entsprang er. Also so sah es aus um ihren Freund? Weib und Kind hatte er,
und krank war er. Was mochte das für eine Krankheit sein? Er ging an zwei
Stöcken und sein Bübchen stützte ihn, und seine Frau hatte ein Kleid mit
altmodischen Ärmeln an, wahrscheinlich, weil sie kein Geld zu einem neuen
hatte. Das war sein ganzes Glück? Sie stand eine ganze Weile unter dem
Christbaum und sah zu der kleinen Gruppe hinüber. Es war Zeit für
sie, aufzubrechen. Da sah sie, wie die Frau das kleine Bübchen auf den
Fußboden stellte und seine Händchen in Martins Händchen legte: »Da,
führ' dein Brüderlein. Mutter kann nicht, Mutter muß dem Vater helfen,«
sah, wie sie dem Mann den Arm reichte und wie er sich an ihr aufrichtete
und wie sie sich miteinander in langsamen Gang setzten. Und sah, als alle
Anstalten vollbracht waren, wie sie einander für kurze Sekunden in die
Augen sahen, mutig, tröstend, lächelnd, wie aus einem tiefen Meer des
Glücks herauf. Das Herz zitterte ihr vor diesem Anblick. Sie wollte
hingehen und sagen, daß sie da sei. Er würde sie schon noch kennen,
trotzdem sie anders aussah, als damals. Aber sie tat es doch nicht. Sie
sah zu, wie die liebe Gruppe verschwand, und wurde durch ein verwundertes
Räuspern von Herrn Riemenschneider und durch ein Klopfen mit einem
Geldstück, das ein ungeduldiger Gast vollführte, zu ihrer Pflicht
zurückgerufen. Der Zigarrenreisende saß noch da; es war erst eine
Viertelstunde her, daß sie den kecken Studenten abgefertigt hatte. Er
sagte lachend und vertraulich: »Puh! Gott behüt' uns!« und nickte mit
dem Kopf hinter den Abreisenden drein. Dann hob er sein Glas: »Prost,
Fräulein Marie!« Und sie tat ihm Bescheid, wie er es wollte. Sie zog die
Spieluhr wieder auf, als sie abgelaufen war, denn es kamen immer wieder
neue Gäste, die eine stimmungsvolle Weile hier drinnen verleben sollten
nach dem Willen von Herrn Riemenschneider, und trug Bier und heiße
Würstchen zu den Tischen her und gab Auskunft und lachte, wo es
hingehörte, und nahm an dem Punsch der ledigen Herren teil, »alles in
der richtigen Mitte,« wie Herr Riemenschneider noch einmal konstatierte,
»gefällig und doch anständig dabei.«
Als der letzte Gast gegangen war, löschte sie die elektrischen Lampen am
Christbaum aus und ließ das Musikinstrument ablaufen, daß es nun wirklich
»stille Nacht, heilige Nacht« werden konnte. Dann stieg sie in ihr
Kämmerlein unters Dach hinauf und dort droben endlich konnte sie ein
stilles Weilchen in die Welt hinein sehen, in der die Glücklichen von
heute abend zu Hause waren, -- nachdem sie sich die Augen zuvor mit
seltenen, heißen Tränen ausgewaschen hatte.
[Illustration]
Von _Anna Schieber_ sind im gleichen Verlag erschienen:
_Alle guten Geister ..._ Roman. 103.-105. Aufl. Gebunden M. 21.50.
--"-- 100. Aufl. auf Dünndruck in Lwd. geb. M. 25.--.
_Ludwig Fugeler._ Roman. 26.-30. Aufl. Geb. M. 12.--.
_Wanderschuhe_ und andere Erzählungen. 21.-25. Tausend. Geb.
M. 11.--.
_Amaryllis_ und andere Geschichten. Geb. M. 3.50.
_Heimat._ Erzählungen. 39.-41. Tausend. Geb. M. 8.--.
_Das Kind._ Erzählung. 31.-40. Tausend. Geb. M. 3.--.
_Der Lebens- und Liebesgarten._ Erzählungen. 21.-30. Tausend. Geb.
M. 3.--.
_Das Opfer._ Erzählungen. 1.-5. Taus. Kart. M. 10.--, in Halblwd.
geb. M. 12.--.
_Bruder Tod._ Ein Lied vom lebendigen Leben. 1.-5. Tausend. Kart.
M. 8.50.
_Kriegssommer._ 15 Pfg., 50 Exemplare M. 9.--, 100 Exemplare
M. 12.--.
_Der fromme Maier._ 20 Pfg., 50 Exemplare M. 9.--, 100 Exemplare
M. 16.--.
_Die Höflibüri._ Ca. M. 1.20.
_Sum, sum, sum!_ Ein Liederbüchlein für die Mütter und ihre Kinder.
Mit farb. Bildern von Else Rehm-Vietor. (Fehlt z. Zt.)
Im Verlag von D. Gundert in Stuttgart:
_Sonnenhunger._ Geschichten von der Schattenseite.
_Röschen, Jaköble_ und andere Leute.
_Allerlei Kraut und Unkraut._
Im Quellverlag der Evang. Gesellschaft in Stuttgart:
_Gesammelte Immergrüngeschichten._
_Alte Geschichten._
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Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Buchanfang, hinter die Titelseite,
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Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
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"-" geändert in "..."
(... und hätte der Liebe nicht)
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"Copyrigt" geändert in "Copyright"
(Copyright 1912)
Seite 5:
".." geändert in "..."
(... und hätte der Liebe nicht)
Seite 18:
"audern" geändert in "andern"
(Am andern Morgen kam es.)
Seite 25:
"«," geändert in ",«"
(»Sagen Sie mir, was Sie von mir wollen,« sagte ich.)
Seite 44:
"«" eingefügt
(he, he, he --« er hustete ein wenig)
Seite 52:
"»" eingefügt
(»man kann einmal bestraft sein)
Seite 69:
"«," geändert in ",«"
(»Hier herum muß das Haus sein,« sagte der Mensch)
Seite 82:
"," eingefügt
(einem Zigarrenreisenden, zunickte)
Seite 95:
"nnters" geändert in "unters"
(Dann stieg sie in ihr Kämmerlein unters Dach hinauf)]
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