»Ich weiß nicht, was Sie meinen, und nicht, was Sie von mir

Anna Schieber

... und hätte der Liebe nicht

Weihnächtliche Geschichten

[Illustration]

Verlag Eugen Salzer · Heilbronn

=Copyright 1912 by _Eugen Salzer_, Heilbronn=

Einband und Innentitel zeichneten _Max Körner_

und _Wilhelm Bühler_ in Stuttgart

Druck: Christliches Verlagshaus, G.m.b.H., Stuttgart

Hundertundelftes bis Hundertundzwanzigstes Tausend

Inhalt

Seite

... und hätte der Liebe nicht 5

Der Mitsünder 38

Wie Frau Heilemann auf ihre Kosten kam 56

Kein Raum in der Herberge 68

Fräulein Marie 81

... und hätte der Liebe nicht

Es ist etwas Sonderbares um die Erinnerung. Sie kommt und ist da und stellt

alte Zeiten vor Deine Seele; längst vergangene, liebe Gestalten treten vor

Dein Auge, und Du siehst Orte, die fern, fern liegen und hörst Töne, die

lange verklungen sind, noch einmal. Und es wird Dir warm ums Herz, und Du

wunderst Dich, wie es Dir gerade heute kam.

Und Du merkst: es ist ein Rüchlein von Goldlack und von Reseda an Dir

vorbeigestrichen, das hat Dir den sonnigen Garten heraufgerufen, in dem Du

als Kind gespielt hast. Es hat die liebe alte Frau, die Dein Geplauder

so herzlich anhörte, auf den buchsbaumgefaßten Steigen zu Dir herkommen

lassen, und Du hast ihre Hand auf Deinem Kinderhaupt gefühlt und bist ein

Weilchen zu Hause gewesen.

Oder Du hast in der großen Stadt, in allem Lärm des Marktes, ein Obstweib

Stachelbeeren verkaufen sehen, und nun redet Dein Begleiter umsonst

auf Dich ein, denn Du siehst Dich mit den Geschwistern, fast unter

Lebensgefahr, an den alten Stadtmauern in Deiner Heimat herumklettern, um

die kleinen, grüngelben Beeren, die dort wild wachsen, zu holen. Du siehst

Dich wieder das Kleid dabei zerreißen, es war schwarz und weiß karriert,

und siehst alle die erschreckten Gesichter um Dich herum, auch das

der alten Nähkarline, die gerade des Weges kam, und hörst ihr altes

Sprüchlein, daß die Jugend zu ihrer Zeit anders gewesen sei. Aus einem

Flöckchen rosa Seide, aus einem brodelnden Linsengericht, an dem Du in

der Küche vorbeigehst, aus dem Seifenschaum in der Waschküche, aus

Pfeifengeruch und aus den Tönen einer Mundharmonika, die ein Büblein im

Vorbeigehen bläst, kann Dir die Erinnerung, wenn Du sie nur zu Wort

kommen lässest, Wintertage und Sommernächte, Ferienfreuden, vergoldeten,

verklärten Schuljammer, Gespielen der Kindertage und alte, getreue

Wächter, die über Deine Jugend gesetzt waren, vor die Augen weben. Und

sie steht daneben, wenn das Bild fertig ist, und lacht Dich an: War es

nicht so, ganz so? -- Sie lacht nicht immer.

Heute, das war nichts zum Lachen, was sie mir erzählte. Aber schön war es

doch. Ich will versuchen, ob man es wiedersagen kann.

Es ist mir aus einer großen, hornenen Schnupftabaksdose aufgestiegen, die

in der Eisenbahn ein breitschultriger Bauer in schneeweißen Haaren aus

der Tasche zog und benutzte. Er bot sie auch mir an, und als ich lächelnd

dankte, sagte er gutmütig: »Na, na, das putzt den Kopf aus, das schadet

niemand nichts.«

Nachher sah ich zum Fenster hinaus. Es war Nacht draußen, aber ich sah

in eine dämmerige Christtagsstube hinein. Es brannte nur ein einziges

Lichtlein am Baum; man konnte gerade genug sehen, um einen Gabentisch, der

schon von Kinderhänden beschlagnahmt war, ein aufgeschlagenes Klavier und

ein großes, altes Sofa, auf dem zwei alte Leute saßen, zu unterscheiden.

Ich sah auch ein Kind, das ich wohl kannte; ein halbwüchsiges Mädchen. Es

saß in einem Winkel, in dem auf einem Tischlein allerlei Mappen und Hefte

lagen, und hatte seitdem, bis das Tageslicht völlig verlöscht war, eifrig

in einem der Hefte gelesen. Nun, in der Dämmerung, drangen die Stimmen

der alten Leute an das Kindesohr und ließen es still aufhorchen. Die Alten

dachten, wie es schien, nicht an ihre jugendliche Zuhörerin; sie gingen

ihre eigenen Pfade, die führten in eine ferne Zeit zurück.

Der hohe, schmale Mann mit dem feinen Fältchengesicht und der Brille vor

den Augen bot der aufrechten, zierlichen Frau, die des Kindes Großmutter

war und der unter dem silberig glänzenden Scheitel die Augen so gütevoll

und lebendig in die Welt hinein sahen, die Dose. Es war eine schildkrötene

Dose, viel zierlicher, als die meines Bauern, aber sie machte auch einen

leisen Knack beim Öffnen und Schließen, wie diese.

Die Großmutter nahm mit spitzen Fingern, dann sagte sie, offenbar ein

vorhin angefangenes Gespräch neu aufnehmend: »Aber wir können nichts

tun, als liebhaben. Alles andere versagt nach und nach. Und wenn wir, die

wir uns gen Sonnenuntergang neigen, zurückschauen, es reut uns nichts, als

die Stunden, in denen uns die Liebe gefehlt hat.« Dann schwiegen wieder

die beiden alten Leute, bis ein tiefer Seufzer die freundliche Frau rasch

aufblicken ließ. »Nun, nun,« sagte sie fast heiter, »Sie, mein lieber

Freund, ich dächte, Sie hätten sich nicht viel vorzuwerfen. Ich, wenn

mich mein rasches Temperament allzu häufig fortriß, dachte oft mit

Sehnsucht an Ihre Sanftheit und Milde; aber ich mußte mich verbrauchen,

wie ich mich hatte: mit dem Alter ist's auch wohl besser geworden.«

Ihr Gegenüber schwieg noch immer; da, wohl im Bestreben, ihn zum Reden zu

bringen, fuhr sie fort: »Ich denke, wenn Sie so allein an stillen Abenden

in Ihrer einsamen Behausung sitzen, müssen die vielen Kindergesichter zu

Ihnen auf Besuch kommen, denen Sie die Schuljahre hell und freudig gemacht

haben. Wenn man die Kinder lieb hat, das spüren sie aus allem heraus.«

Der alte Herr neigte still den Kopf. »Es kommen auch wohl andere,« sagte

er. »Es sind nicht lauter frohe Augen, die mich ansehen. Ich hätte wohl

Lust, Ihnen etwas zu erzählen, das noch jetzt hier und da Macht hätte,

mich zu bedrücken, wenn ich nicht wüßte, daß unsere Fehler mehr als

alles andere die Sprossen sein sollen, an denen wir emporsteigen dem Bilde

nach, das wir erreichen wollen.«

Seine alte Freundin reichte ihm nur herzlich die Hand hin. Dann begann er

in einer etwas zögernden Sprechweise, die ich heute noch wohl vernehme,

so, als müsse er Wort für Wort aus dem tiefen Schacht seines Gemütes

heraufholen: »Das war in meinen sogenannten besten Jahren. Sie wissen es

ja, ich bin immer allein gewesen, seit zuerst meine Mutter und dann die

liebe Gestalt, die mit mir zu zweit hatte sein wollen, aus dem Leben

gegangen war. Von da an gehörte all meine Kraft und auch das, was ich

Liebe nannte, meinem Amt. Ich wollte ein guter Schulmeister sein, und

vielleicht bin ich es in mancher Hinsicht auch gewesen; ich weiß es wohl,

einige hielten mich dafür. Denn ich hatte eine Gabe mitbekommen, die

Kinder frisch und kräftig anzufassen und sie, auch die langsameren unter

ihnen, so es irgend möglich war, mitzureißen. Ich selber war damals

nicht so übel mit mir zufrieden.« Er lächelte still. »Das ist für uns

Menschen immer ein etwas gefährliches Stadium, aber solange es währt,

fühlt es sich sehr behaglich an. Ich hatte, solange es etwas Grünes und

Buntes draußen gab, täglich die Hände voll Blumen nach Hause zu tragen,

und ich mußte auch selten allein gehen, es drängte sich immer eine kleine

Gesellschaft von Buben und Mädchen um mich. Das tat mir wohl, es war mir

ein Ersatz für eigenes Familienglück. Allerdings, nach denen, die dabei

nicht mitgingen, sah ich mich nicht besonders um; sie mochten es halten,

wie sie wollten. In der Schule, so schien es mir selber, da war ich

unparteiisch und gerecht -- ach ja, gerecht. --

Ich war damals an der Schule einer halb ländlichen Vorstadt und hatte

Kinder von zehn bis zwölf Jahren vor mir in den Bänken sitzen. Es waren

sehr verschiedene Elemente unter ihnen: kräftige, gut genährte und sauber

gekleidete Bürgerkinder, Kinder von niederen Beamten, Briefträgern,

Straßenbahnschaffnern und viele Fabrikarbeiterskinder. Man konnte an ihnen

allen etwas von dem Elternhaus sehen, aus dem sie herkamen, konnte sehen,

ob sorgliche Mutterhände ihnen das Haar glatt gestrichen und die

Kleider geflickt hatten. Man sah auch mehr; es waren taghelle, frische

Kindergesichter dabei, die kamen wohl aus freundlichen, fröhlichen

Heimstätten, und es gab gleichgültige, scheue, gedrückte Kinder, denen

es ersichtlich an Sonne und Liebe fehlte. Ich weiß wohl noch, ich dachte

damals oft, in meiner Schule sollte es sonnig sein, und ich wollte dazu

tun, was ich könnte. Aber das echte Liebhaben ist eine feine und eine

schwere Kunst, und mancher lernt es nur unter Schmerzen, Schmerzen, die er

zufügt, und Schmerzen, die er trägt.

Es kam einmal ein Kind zu mir in die Schule, ein Mädchen, ein mageres,

bleiches Dinglein, lang aufgeschossen für seine elf Jahre. Es hatte auf

den ersten Blick gar nichts Anziehendes, auch die Augen lagen ihm für

gewöhnlich in etwas tiefen Höhlen.

›Schlecht gepflegt und matten Blutes und Geistes,‹ dachte ich. Doch

mußte es mir hier und da auffallen, daß das Kind irgendeine sonderbare

Antwort gab, die vielleicht vom Pfad des rechten Schulwissens abwich, aber

dafür von etwas wie eigenen Wegen redete, auf denen der junge Geist

ins Leben dringen wollte. Dann war allemal das graue Gesichtlein auf

Augenblicke von einem dunklen Rot überflammt, aber es ging immer schnell

vorüber. Rechnen, das war ja freilich ein Hauptfach in der Schule, aber

rechnen konnte Elisabeth gar nicht; es half alles nichts. Ich meinte

langmütig zu sein, ich kam mir selber fast übermäßig geduldig vor, aber

manchmal, wenn sie mich so gar unerhellt aus den hilflosen Augen anschaute,

drehte ich mich doch verzweifelt auf dem Absatz herum und sagte zu den

andern: weitermachen; dies hier ist hoffnungslos. Dann sahen wohl die

andern mit schlecht verhehlter Verachtung auf ihre Genossin hin, von der

sich allmählich die Sage bildete, daß sie rettungslos dumm sei.

Das ging fast ein halbes Jahr lang so hin. Von den häuslichen

Verhältnissen des Kindes wußte ich nichts, fragte auch nicht danach. Es

waren vierzig Augenpaare, die aus den Bänken heraus auf mich schauten, und

dies hier, ich muß es gestehen, war keins von denen, die mich besonders

interessierten. In dieser Zeit lag hier und da irgendeine Rarität

auf meinem Pult, ein merkwürdig gezeichnetes Schneckenhäuschen, ein

weißgebleichtes Vogelknöchelchen, ein Stück Baumrinde mit silberig

schimmernden Flechten daran.

Ich fragte wohl danach, wer mir das hingelegt habe, ich ließ meine Augen,

als ich keine Antwort bekam, über die Kindergesichter hingehen, um dort

eins zu finden, das schelmisch oder verlegen sich niederbeuge. Aber sie

sahen mich so kecklich an, manche mit Lachen, und versicherten, daß sie

es nicht gewesen seien und daß sie ›solches Zeugs‹ auch nicht aufheben

würden. Nach Elisabeth sah ich nicht besonders hin; nur einmal bemerkte

ich, daß sie stark mit den Augen blinzelte, wie sie das hier und da tat,

wenn sie in großer Verlegenheit wegen irgendeines Nichtkönnens war.

Aber es fiel mir nicht ein, daß sie es gewesen sein könnte, die mir die

schüchternen Gaben in Heimlichkeit gebracht habe.«

Der Erzähler strich sich mit der Hand über die Stirn.

»Ich muß blind gewesen sein,« sagte er. »Sonst hätte ich sehen

müssen, was ich nachher mit Leid vernehmen mußte, daß dieses Kindes

Herz nach meinem Herzen stand. Da, einmal -- es war im Dezember, der erste

Schnee war in der Nacht gefallen und lag weißglänzend auf den Dächern

und auf den Hecken und Bäumen des Parks, an den unser Schulhaus anstieß

-- geschah es, daß ich den Kindern über den freien Tag, der morgen sein

sollte, ein Aufsatzthema mit nach Hause gab, das mir der sonnige Wintertag

eingegeben hatte. Ich hatte mich sonst so ziemlich an die vorgeschriebenen

Stoffe gehalten, die allerlei sachliche Beschreibungen von Pflanzen,

Tieren, Gegenden, kleine Erzählungen aus Geschichte und Menschenleben und

dergleichen verlangten; wir hatten diese Dinge auch immer gründlich zuvor

durchgesprochen. Heute aber kam es mich an, sie selber die Augen auftun zu

lassen.

»Ihr sollt mir irgend etwas über den Winter erzählen, was Ihr wollt. Es

ist nur das eine: Ihr müßt es selber gesehen haben, was Ihr schreibt, sei

es dies Jahr, sei es ein andermal. Und jetzt geht und macht es heute noch,

so seid Ihr morgen frei.« Damit entließ ich meine Schar, mir für heute

die gewohnte Begleitung verbittend, da ich nach der Bahn wollte und Eile

hatte. Sie stürmten nicht hinaus wie sonst. Die ungewohnte Aufgabe mochte

ihnen in die Knochen gefahren sein, ich sah sie die Köpfe zusammenstecken

und flüstern und sah in sorgliche Gesichter.

›Das ist Euch ganz gesund,‹ dachte ich, ›das will ich nun noch

öfter tun,‹ und ich nahm mir vor, beim Korrigieren nicht allzustreng

zu verfahren. Wenn es nur etwas Eigenes war, sollte es schon gut sein, sie

sollten nur lernen, selber zu sehen und sich selbständig auszudrücken;

wenn es auch unbeholfen war, das schadete nichts. Ich war ein wenig

gespannt auf den Inhalt der Hefte, die ich am Morgen nach dem Feiertag

wieder einsammelte. Wenn ich auf die Gesichter mich einigermaßen

verstand, -- und ich meinte, es zu tun -- so waren keine Glanzleistungen

zusammengekommen. Eine meiner besten Schülerinnen, ein blondes

Wirtstöchterlein, dem unter dem krausen Haar ein Paar übermütige Augen

immer lachend in die Welt hineinsahen, hatte das Ende des langen Zopfes im

Mund. »Mir ist fast gar nichts eingefallen,« sagte sie, »nur, daß der

Christtag im Winter ist und daß es Schnee gibt.« »Nun, Gretel,« sagte

ich lachend, »das ist immer schon etwas; wir wollen dann sehen, wie Du

das erzählt hast,« und sie, als sie sah, daß ich so grimmig nicht darauf

hineinstürze, setzte sich mit einem Seufzer der Erleichterung an ihren

Platz. »Wo ist Elisabeth Hornberg?« fragte ich, meine Reihen musternd.

Niemand wußte, warum sie fehle, und wir begannen den Unterricht. Da, als

wir schon tief in den Bruchrechnungen steckten, kam sie an, hastig, mit

fliegendem Atem, eine ungewöhnte Röte auf den Wangen. »Ich hatte meinen

Aufsatz noch nicht ganz fertig,« sagte sie, und mir fiel der Blick auf,

mit dem sie mich dabei ansah; es war, als ob die Augen aus den Höhlen

heraus wollten und dem blauen Heft nachgehen, das sie in meine Hand

legte, und dann wieder in mein Gesicht hineinfragen: Wirst Du es auch gut

aufnehmen? Ich gäbe vieles, wenn ich diesen Blick verstanden hätte. Aber

ich, als ich während einer Schönschreibstunde, in der die Kinder eine

Zeitlang still beschäftigt waren, mich über die Hefte hermachte, fühlte

nur einen flammenden Zorn, eine ehrliche Entrüstung, als ich Elisabeths

Aufsatz überflog. Ich sah nach ihr hin. Da saß sie und malte ihre

Buchstaben -- sie war ungeschickt im Schönschreiben -- und sah hier und da

auf, zu mir hinüber, wie von einer leisen Unruhe getrieben.

›Du hast's nötig,‹ dachte ich, und deutete alle Zeichen einer inneren

Erregung, die ich heute wahrgenommen hatte, als Ausflüsse eines bösen

Gewissens.

Denn was da in dem Heft stand, sieben Seiten lang, das war kein Aufsatz

einer zwölfjährigen Schülerin -- und welch einer mittelmäßigen --

das mußten diktierte oder abgeschriebene Gedanken sein, fehlerhaft

abgeschrieben freilich. Das war das Leiden eines Menschen, darüber, daß

die Sonne so spät und so kurz kommt, und daß sie keine Kraft zu scheinen

und zu wärmen hat, und war die Sorge um all das Leben, das der Schnee

zudeckt und das Eis im Bann hält und die Sehnsucht nach dem Frühling,

da alles wieder aufsteht, was jetzt zu schlafen geht. -- Nein, gerade

abgeschrieben konnte es nicht sein. Dazu waren die Sätze zu ungeschickt;

es mußte jemand diktiert haben. Ich bezwang mich mühsam. Aber das konnte

ich nicht hindern, daß ich dem Blick der Kinderaugen, die, wie ich jetzt

weiß, mich sehnlich suchten, mit einem vernichtenden, kalten Strahl

begegnete.

Am andern Morgen kam es. Ich sprach zuerst alle andern Hefte durch. Ich war

mild dabei und schonend, -- ich weiß es jetzt, ich war grausam ohne

Maß. Zuletzt nahm ich Elisabeths Aufsatz. Das Kind saß in sich

zusammengedrückt da, es hatte wohl meinen kalten Blick gesehen und

gedacht, daß seine Arbeit verworfen sei. »Wer hat diesen Aufsatz oder wie

man's nennen soll, gemacht, Elisabeth Hornberg?« Alle Augen richten sich

dorthin, wo das bleiche Kind saß. Es kam keine Antwort, nur ein Blick

schoß zu mir her, wie eine Bitte um Erbarmen: lies es nicht den andern

vor. Ich verstand ihn nicht. »Antwort!« Da kam es leise: »Ich.« Mir

stieg der Zorn bis in die Augen. »Du lügst.« Ich sagte es kurz und kalt.

Das Kind zuckte zusammen, wie unter einem Hieb. »Sieh mich an,« sagte

ich mühsam beherrscht. Das Gesichtlein hob sich, es war grauweiß, die

Augenlider blinzelten heftig, kaum daß eines Augenblicks Länge die

wasserblauen Sterne unter ihnen hervorsahen. »Siehst Du, Du kannst es

nicht. Ich bin nicht so dumm, wie Du zu meinen scheinst.« Dann suchte ich,

mich zu fassen. Vielleicht log sie aus Angst, ich wollte nicht so heftig

sein. Ich ging einmal den Mittelgang zwischen den Bänken auf und ab. Dann

blieb ich vor Elisabeth stehen. »Nun sag' mir, Kind, woher hast Du dies?

Hast Du es gelesen oder hat es Dir jemand vorgesagt?« Ich sagte es so

ruhig als möglich. Schweigen, -- dann die leise Antwort: »Ich habe

es selber getan, es hat mir's niemand gesagt.« Nun war das Gesicht von

dunkler Röte übergossen. Bis jetzt waren die Kinder als stumme Zuhörer

dabei gewesen, nun rief ein Mädchen, das in Elisabeths Nachbarschaft

wohnte: »Sie haben einen Kostgänger, der ist ein Schreiber und hat viele

Bücher, bei dem sitzt sie immer. Der wird ihr's gesagt haben.« »Still.«

Aber ich sah sie doch fragend an: »Ist der's?« Elisabeth hatte, nachdem

das schnelle Rot auf ihren Wangen verflogen war, nun einen Ausdruck,

wie ich ihn sonst so oft an ihr gesehen hatte, und der mich immer an ein

unbewohntes Haus erinnerte, so, als ob alles Leben verschwunden, ausgezogen

sei, und als ob alles ringsum sie gar nichts angehe.

Sie antwortete nicht mehr, sie saß nur da und sah vor sich hin. »Wir

wollen weitermachen,« sagte ich. »Wenn Du dich besonnen hast, Elisabeth,

kannst Du es mir sagen.«

Damit wandte ich mich ab und ließ sie sitzen. Es schien mir unmöglich,

daß ich mich getäuscht habe; dann aber war sie verschlagen, halsstarrig

und offenbar auch nicht in guten Händen. Dabei dumm, mir so etwas

vortäuschen zu wollen.«

»Ja, ja,« unterbrach sich der Erzähler, »das ist das selbstzufriedene

Stadium, von dem ich vorhin sagte. ›Wer kann einen täuschen, wie

mich?‹ denkt man. Man muß es teuer zahlen, wenn man davon aufwacht.

Am Nachmittag fehlte Elisabeth. Als sie am nächsten Morgen wieder kam,

ging sie ohne ein Wort der Entschuldigung an ihren Platz und saß dort wie

eine, die damit, daß sie da sitze, alles getan hat, was möglicherweise

von ihr verlangt werden kann.

»Wo warst Du gestern?« Ich fragte es schroffer als ich wollte. Da hob

sie die Augen. Aber ich war blind, ich sah es nicht, ich sah es erst viel

später wie in einem Spiegel, daß sie sagten: ›Ach, was hat es

für einen Zweck, Dir Antwort zu geben? Du glaubst es doch nicht.‹

»Antwort!« »Ich war krank,« sagte sie wie mechanisch. So sah sie auch

aus, elend zum Erschrecken. Es kam mich ein Mitleid an; vielleicht, nein

sicher, litt sie daran, daß sie den Weg zum Geständnis nicht fand. Dann

war sie nicht verdorben.

Aber als ich in der Freiviertelstunde, als die andern hinausgingen, sie

zurückbehielt und sagte: »Willst Du mir's nun sagen, wer den Aufsatz

gemacht hat, Kind? Wir wollen dann wieder gut Freund sein; ich will es Dir

verzeihen,« da stieg aus den tiefen Augenhöhlen etwas empor, vor dem all

meine Sicherheit und meine mitleidige Würde erschrak und sich empörte.

Das war kein Kind, was mich da ansah, das war ein reifer, bitterer Mensch,

und der Mensch verachtete mich.

Da ließ ich die kleine, schmale Hand los und sagte: »Geh.« Und sie ging

hinaus ohne ein Wort.

Nun kam sie noch eine Woche lang. Es war ein ungutes Beieinandersein. Das

Kind, das sonst nicht viel für mich bedeutet hatte, war nun eine Macht

geworden, die mich zwang, mich in Gedanken mit ihm abzugeben, und die mich

bedrückte, so oft ich -- und es geschah unzählige Male -- dorthin sehen

mußte, wo das schmale Gesicht so gleichgültig vor sich hinsah und nur

antwortete, wenn es gar nicht anders mehr ging.

Da eines Tages fehlte Elisabeth. Es geschah mir schier wie ein Aufatmen,

als ich den leeren Platz sah, aber es währte nicht lang. Ein anderes Kind

brachte einen Zettel mit einer Entschuldigung. »Emil Pfänder« war die

kurze Anzeige, daß Elisabeth Hornberg krank sei, unterzeichnet. »Wer

ist das?« »Das ist der Schneider, bei dem sie in der Kost ist,« wußten

einige der Kinder. »Wißt Ihr, was ihr fehlt?« Sie wußten es nicht,

sie hatte keine Freunde, und das letzte Ereignis hatte noch viel dazu

beigetragen, daß sie ganz einsam geworden war. »Hat sie denn keine

Eltern?« Nein, sie glaubten es nicht, sicher wußte es niemand. Da

beschloß ich in mir selbst, sie bald einmal zu besuchen. Vielleicht

war das Kind in schlechten Händen, vielleicht bedurfte es nur besseren

Einflusses. Ich wollte versuchen, ihm den zu geben. Ach ja, ich. --

Aber es verging eine Woche, und ich kam nicht dazu, den Besuch zu machen.

Wir sangen in der Schule Weihnachtslieder und lebten in fröhlicher

Stimmung. Wir bereiteten uns zu der alljährlichen Schülerweihnachtsfeier

in der Kirche vor, lernten Gedichte auswendig, und ich half den Kindern

sogar in den freien Stunden beim Schmücken der großen, steinernen

Kirchenhallen. Einmal hatten zwei Mädchen heftige Händel miteinander

und gingen mit vertrutzten Köpfen umeinander herum. Da redete ich schön

davon, daß man in dieser Zeit noch besonders lieb und friedlich sein

müsse, sonst störe man den Engelgesang: Friede auf Erden. Und sie gaben

sich die Hände, und wir waren glücklich. Es war alles so fromm und so

weihnachtlich und so warm. Vorher, das sah ich, reichte es nun nicht mehr.

Aber gleich in den Feiertagen, da wollte ich das Kind besuchen, mit dem

noch nicht Friede war. Das würde leicht zu machen sein, denn ich wollte

sehr liebreich sein und so das Eis schmelzen. Ach ja. Dann kam die

Weihnachtsfeier; sie war schön, so kindlich und so ohne alle Reflexion

selig und froh. Ich spürte, ich war doch ein reicher Mann, auch wenn ich

keine Familie hatte, denn ich hatte teil an all diesen Kindern und an der

großen Freude, die aller Welt widerfahren ist.

Als ich aus der Kirche kam, ging ich auf einem Umweg meiner Wohnung zu.

Ich wußte: die Kinder schmückten nun mir ein Bäumchen; wenn ich heimkam,

dann empfing mich Lichterglanz und Gesang und helle Augen und auch Gaben.

Ich wollte mir so gern etwas schenken lassen.

Ach ja, nun bekam ich etwas geschenkt. Als ich zwischen den Gärten der

äußeren Vorstadt hinging, leise vor mich hinsummend, begegnete mir ein

Mensch, der mir auffiel. Er hatte ein kleines, vertrocknetes Gesicht und

hatte anständige, aber abgetragene Kleider an. Er sah mich immer wieder

von der Seite an, und mir war, als grinse er höhnisch nach mir herüber.

Das störte mich in meiner festlichen Stimmung; die wollte ich aber jetzt

festhalten. Er trug ein blühendes Primelstöckchen in der Hand; das konnte

man an jenem Tage -- es war nicht kalt -- ohne Gefahr des Erfrierens für

die zarten rosa Blüten.

»Sie haben da ein hübsches Pflänzlein,« redete ich ihn, da mir

das stumme Anschauen peinlich wurde, an. »Sie bringen das wohl einem

Kranken?« Denn er ging in der Richtung nach dem städtischen Krankenhause

zu. Er sah mir spöttisch in die Augen. »Und Sie, Sie kommen wohl aus der

Kirche? Sie haben da wohl all die frommen Lieder mitgesungen?« »Ja, das

habe ich,« sagte ich nicht ohne Würde, denn nun schien mir, als ob

ich einen von denen vor mir hätte, denen der bloße Anblick eines

Kirchgängers schon das Blut in Wallung bringt. »Ja, dann gratuliere ich

dazu,« sagte er. »Sie, Sie sind keck, daß Sie unserm Herrgott so unter

die Augen treten mögen. Ich an Ihrer Stelle, ich hätte das Herz nicht

dazu.«

War das ein Narr, oder was war es denn?

»Ich weiß nicht, was Sie meinen, und nicht, was Sie von mir wollen,«

sagte ich steif und sah mein Gegenüber hochmütig an. Da wurde bei dem aus

dem grimmigen Hohn ein ebenso grimmiger Jammer. »O nichts, nur daß das

Kind stirbt, und daß Sie es vorher noch ins Elend hineingedrückt haben.

Aber wenn es dann drüben ist, in dem andern Land, dann soll unserm

Herrgott einmal reiner Wein eingeschenkt werden darüber, was Sie für ein

Kinderhüter sind, Sie.«

Mir stand das Herz still. Dies hier war kein Narr. Der hatte eine Schuld

bei mir einzufordern, es geziemte sich nicht für mich, groß und würdig

zu sein. »Sagen Sie mir, was Sie von mir wollen,« sagte ich. »Wenn ich

etwas verfehlt habe« -- ich wußte nichts weiter zu sagen, denn auf einmal

sahen mich wieder die Kinderaugen aus ihren tiefen Höhlen heraus an mit

dem Blick, den sie hatten, als Elisabeth mir das Heft in die Hände legte.

Das war noch Vertrauen gewesen, und eine Bitte: Nimm es auf. Ich aber hatte

es zertreten.

Der kleine, vertrocknete Mann wuchs vor meinen Augen und wurde mir ein

Richter.

»Etwas verfehlt? O ja. Wenn ein Kind überhaupt etwas gilt. Sie hatte eine

Liebe zu Ihnen, immer nur: ›Er, er.‹ Das waren Sie. ›Er ist so gut,

er ist so fein.‹ Wenn wir unterwegs etwas gefunden haben auf unseren

Spaziergängen -- und sie hatte ein Aug' für alles Kleine, Feine, -- dann

hob sie es sorgsam auf: ›Das bring' ich ihm.‹ Wenn ich dann fragte:

›Hat's ihn gefreut?‹ dann nickte sie nur so halb und sagte: ›Ich

glaub's schon.‹ Und wenn ich sagte: ›Gelt, Du hast's ihm nicht selber

gegeben,‹ dann wurde sie rot: ›Ich trau' mich ja nicht hin. Ich hab's

nur so hingelegt; aber das tut nichts.‹ Sie hätte den Weg schon noch

gefunden, Herr, aber Sie haben ihr ja nicht geholfen. Aber das ist nicht

das Ärgste. Das Letzte, das.« -- Ich wußte, was nun komme. Ich glaubte,

es aufhalten zu können, so fragte ich: »Wer sind Sie denn? Ist Elisabeth

Hornberg bei Ihnen untergebracht?«

»Ich?« Es ging aus allem Groll und aller Betrübnis heraus ein kindliches

Lächeln über die verknitterten Züge. »Ich habe nur eine schräge

Dachkammer, bei mir kann man niemand unterbringen. Unten bei den

Schneidersleuten hat sie gewohnt; sie hat nur eine Mutter und die ist weit

fort als Köchin im Dienst. Aber ich bin ihr ganz guter Freund, ja das bin

ich. Und sie hat mir immer alles gesagt und mich lieb gehabt und ich sie

auch.«

Plötzlich wandte er sich mit einem Ruck zum Gehen.

»Was steh' ich da und red'? Ich muß zu dem Kind. Sie, Sie haben ja doch

kein Herz für meine Lisabeth. Und sie verlangt nach mir jede Minut', die

ich nicht da bin.«

Aber ich konnte ihn so nicht gehen lassen. Mein Heil und meine Ruhe und

mein Recht zum Leben hing davon ab, daß mir der kleine Mann so nicht ging.

Daß er mir das noch sagte, das, was ich seit ein paar Minuten wußte, wenn

ich es auch nicht begriff. Ich hielt ihn am Ärmel fest.

»Nein, nein, Sie wissen es nicht recht. Ich bin -- ich meine es nicht

so schlimm, wie Sie es ansehen.« Ach, wie klein war mein Wissen um mich

selber und um die andern gewesen und war es noch.

Mein Gesichtsausdruck mochte dem kleinen Mann gefallen. So hatte er mich

zu sehen gewünscht, so hatte er mich vor sich haben wollen: aufgeweckt aus

aller Selbstherrlichkeit, in Angst und Schrecken eines bösen Gewissens.

Da wurde er milder.

»Ja, was soll ich sagen? Sie glauben's ja nicht. Sie sagen mir vielleicht

auch: Du lügst. Sie kennen das Kind ja nicht. Was das für Gedanken

hatte, sonderbare, ernsthafte. Wie ein Altes. Ich mußte nur staunen, immer

wieder. ›Was Du Dir zusammendenkst,‹ sagte ich oft. Da sah sie mich

an wie aus einem tiefen Brunnen heraus: ›Ja, denkst Du denn das nicht

auch?‹

Ja, und neulich, als sie den Aufsatz machen sollte, da kam sie an, als ob

nun ein Fest hereinbräche. ›Das ist schön, das tu' ich gern.‹ Ich

mußte staunen, denn sie hat sonst oft bis tief in die Nacht über den

Aufgaben sitzen müssen, das Lernen ist ihr schwer geworden.

Den Vormittag über hatte sie der Schneidersfrau bei der Wäsche geholfen.

Aber am Nachmittag, da lief sie hinaus ins Wäldchen dort hinten und kam

erst gegen Dunkelwerden hin nach Hause.

›Na, na,‹ sagte ich, ›nennst Du das Aufsatzmachen?‹ Da guckt mich

das Kind mit Augen an, ganz glänzig und ernst dabei: ›Er hat ja gesagt,

man müsse es selber gesehen haben; da hab' ich doch hinaus müssen.‹ Und

dann saß sie, bis zu später Stunde die Schneidersfrau sie ins Bett jagte.

Aber sie kam in Strümpfen noch zu mir heraufgeschlichen: ›Fertig; ich

muß es aber noch ins reine schreiben. Wenn's ihm aber nur auch recht ist.

Was meinst Du?‹ -- Denn sie hatte mir das Konzept mit heraufgebracht.

›Was wird's ihm denn nicht recht sein?‹ sagte ich, aber ich mußte ja

dennoch den Kopf schütteln: ›Kind, Kind, wo will das mit Dir hinaus?

Hast Du denn nichts Fröhlicheres gewußt, so mit dem Schlittenfahren

und derlei Dingen?‹ Da schüttelte sie den Kopf, und als ich ihr

die Schreibfehler, die reichlich darin waren, zeigen wollte, sagte sie

ängstlich: »Laß, laß, ich muß das selber.«

Und dann -- das übrige wissen Sie ja besser als ich, Herr Lehrer.

Ich weiß nur, daß an jenem Tag das Kind nicht heraufkam, und als ich's

endlich nicht mehr aushielt und hinunterging, da fand ich es in einem

Winkelchen sitzen, ganz eng an die Wand gedrückt mit einem Gesicht, als

ob alles Leben darin gestorben sei. Die Schneidersleute waren beide

ausgegangen, wohin, weiß ich nicht mehr. Da nahm ich das Kind mit zu mir

hinauf. Aber es klapperte vor Frost mit den Zähnen und hatte Kopfweh.

›Laß nur, ich will ins Bett gehen, es wird bis morgen besser,‹ sagte

es. Und ich erfuhr an jenem Tag nichts von der bösen Geschichte.

Am andern Tag schlich sie wieder in die Schule. Die Schneidersfrau ist so

unrecht nicht. Sie kam sorgenvoll zu mir herauf. ›Es muß etwas nicht

recht sein mit dem Mädchen,‹ sagte sie. Aber wir bekamen nichts heraus.

Ich sah es schon, ich mußte warten; aber es tat mir weh, das Kind hatte

sonst ein liebes Vertrauen zu mir.

Jetzt weiß ich's freilich wohl: es schämte sich so bitterlich vor mir,

daß ihm das von Ihnen widerfahren war. Es wollte es allein tragen. Erst

als die Krankheit, die wohl schon lange in ihm gesteckt ist, zum Ausbruch

kam -- es ist eine böse Darmentzündung, Herr Lehrer, und sie stirbt daran

-- da, im Krankenhaus hat sie es mir gesagt. Ich wollte in der Nacht noch

zu Ihnen ins Haus dringen, ich war so grimmig, daß ich es nicht aussagen

kann, so jammerte mich das Kind. Aber es hielt mich mit seiner heißen Hand

fest und sagte erregt: ›Laß, laß, er glaubt es doch nicht. Du darfst

nicht hingehen.‹ Sie kam in eine solche Aufregung, daß ich es ihr

versprechen mußte, daß ich nicht zu Ihnen gehe. Aber in meinem Herzen, da

hab' ich's mir gelobt, daß Sie es doch noch glauben sollen.«

Und nun wandte sich der kleine Mann, als sei die Sache abgetan, zum Gehen.

Der Abend war vollends hereingebrochen, und er hatte keine Zeit und keine

Ruhe mehr zum Reden.

Aber ich ließ ihn nicht. »Nehmen Sie mich mit,« sagte ich flehentlich.

»Sie sehen es doch, daß ich das Kind sehen muß. Es darf nicht so aus dem

Leben gehen, so nicht.«

Er sah mich zuerst feindselig an; dann, als besänne er sich, nickte er ein

paarmal mit dem Kopf.

»Es mag Ihnen nicht wohl sein dabei, ich seh's schon,« sagte er.

»Versprechen kann ich nichts; aber kommen Sie einmal mit.«

Bei mir zu Hause, das wußte ich, warteten die Kinder mit dem Baum und mit

ihren fröhlichen Herzen. Aber was konnte das helfen? Ich konnte nie wieder

mit ruhigem Herzen vor ihnen stehen, wenn das eine, das ich verwundet

hatte, hinging, um mich vor Gott zu verklagen, daß ich der Liebe und des

Vertrauens unwert gewesen sei, die zu mir gewollt hatten.

Das Bett des kranken Kindes stand allein in einem kleinen Zimmer neben dem

großen Saal. »Wir haben es vor einer Stunde hier hereingestellt,« sagte

die Schwester, »es ist besser so.«

Ja, ja, ich wußte schon, warum. Ich blieb an der Tür stehen, ein großer

Wandschirm verbarg mich vor Elisabeths Augen. Ich sah sie durch einen

Spalt. Sie lag mit offenen Augen und sah glücklich aus, wie ich sie nie

gesehen hatte. Ihr Freund setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand. »Siehst

Du die Blumen?« sagte er. »Sie gehören Dir, Du darfst sie dann mit

heimnehmen und pflegen.«

Sie nickte leise. »Du mußt nicht mehr fortgehen,« sagte sie.

»Die Schwester bringt mir ein Bäumlein mit Lichtern, das mußt Du auch

sehen. Sie ist so lieb.«

Er wollte es freilich auch sehen. »Ich gehe nicht mehr fort,« sagte er.

»Solange Du mich da haben willst, bleibe ich.« Wie zärtlich konnte er

reden. Er hatte eine Stimme wie eine Mutter, wenn er mit dem Kinde sprach.

Dann aber schien er sich meiner zu erinnern. Er wurde unruhig. »Du,

Liesekind,« sagte er, »es möchte Dich jemand sehen. Jemand --« Er

zögerte, es wurde ihm nicht leicht, es auszusprechen, aber um des Kindes

willen sagte er es dennoch: »Jemand, der Dich lieb hat.«

Wie dankte ich ihm das Wort, heute noch tue ich es.

Das Kind machte große Augen. »So jemand weiß ich nicht. -- Oder -- die

Mutter?«

»Nein, Liesekind, die Mutter kann erst nach dem Feste kommen; es ist

jemand anderes.«

Es war ein schweres Stück, ich begriff es wohl. Sollte ich leise

hinausgehen und mein Elend mitnehmen? Aber ich konnte es nicht. Sie starb

noch heute, die Schwester hatte es gesagt, und ich sah es auch wohl. Sie

durfte nicht so fortgehen, nicht so.

Da faßte der kleine Mann beide Hände des kranken Kindes und sagte: »Sei

lieb, Kind, es ist einer -- ich, ich bin ihm so bös gewesen, aber er

dauert mich jetzt so.«

Da ging ein angstvolles Erschrecken über das Kindergesicht: »Er?«

Das war eine harte Strafe, daß ich das sehen mußte.

»Ja, Kind, aber er glaubt es Dir jetzt, es tut ihm --«

Ich wartete nicht länger, ich konnte es nicht mehr, ich trat an das Bett,

um aus dem Munde dieses Kindes einen Trost oder eine schwere, schwere Last

zu empfangen.

»Verzeih mir, Elisabeth.« Ich wußte sonst nichts zu sagen.

Der Sonnenschein von vorhin war aus dem Gesichtchen weggewischt, es sah zum

Erschrecken ernst und elend aus. Die Augen, die mich eine Sekunde lang voll

angesehen hatten, gingen zu ihrem Freunde hin, als wollten sie sagen: Hilf

mir. Der drückte ihr nur still die Hände. »Sei gut, Kind, sei lieb,«

flüsterte er. Es brach eine Schönheit, die nur die haben, die lieben, aus

seinem Runzelgesicht heraus.

»Verzeih mir,« sagte ich noch einmal. Hier war nichts zu erklären, hier

hatte ich keine Würde und kein Amt, es war nur das eine zu sagen: Verzeih

mir.

Da nickte Elisabeth, ernst und schwer, und sah mich voll an; wie ein reifer

Mensch einen andern Menschen ansieht, dessen Schuld und dessen Kummer er

sieht und begreift -- und dem er helfen kann.

»Ja,« sagte sie leise, wie aus tiefen Gedanken heraus, dann noch einmal:

»Ja.« Sonst nichts. Aber sie zog die eine ihrer heißen Hände aus denen

ihres Freundes und gab sie mir.

Dann kam eine große Bangigkeit und Atemnot, und ich mußte gehen. Als ich

durch die nächtlichen Gassen schritt, sah ich hinter den Fenstern da und

dort die Christbaumlichter brennen, und ich dachte daran, wie ich vor einer

Stunde noch, denn viel länger war es nicht her, so froh in den heiligen

Abend hineingegangen war, und was ich nun mit mir herumtrage. Zu Hause

fand ich das Bäumchen und allerlei Geschenke, und die Haushälterin fragte

vorwurfsvoll, wo ich denn gesteckt habe, die Kinder seien dagewesen, und

ob ich denn das nicht wisse? Als sie mich wieder allein ließ, zündete ich

ein einziges Lichtlein an und saß bei seinem kleinen Schein, lange saß

ich so. Ich merkte nicht, wie es verlöschte, ich hatte mit mir selber zu

tun.

Ich wußte wohl, es geschah kein Wunder, das mir das Kind zurückgab, damit

ich es aufs neue gewinne durch geduldige Liebe und durch neues Vertrauen.

Ich durfte seine Augen nicht aufleuchten machen, ich mußte sie immer

wieder vor mir sehen in Bitterkeit, in suchendem Flehen und zuletzt in dem

tiefen, schweren Ernst, mit dem sie mir das Geschenk der Verzeihung gaben.

Aber ich selber lebte noch. Das Amt war noch nicht von mir genommen, so

unwert ich mich dessen fühlte zu dieser Stunde und von da an noch oft. Es

saßen noch Kinder vor mir, und ich konnte noch lernen -- und ich wollte

es --, sie zu lieben und mich von ihnen lieben zu lassen. Ich konnte das

köstlichste Gut, ihr Vertrauen, suchen und ihnen das meinige geben, und

wenn ich ein scheues, hilfloses Gesichtlein vor mir sah, dann sollte der

Schmerz, den mir die Erinnerung machte, eine warme, helle Flamme der Liebe

in mir anzünden, die bis auf den Grund ging und die helfen konnte. Ich

konnte noch einmal Teil an der großen Freude bekommen, die allem Volke

widerfahren ist. Sie ist Liebe, und ich hatte sie nötig, denn ich war in

mir selber arm geworden.«

* * * * *

Der Erzähler schwieg, und das Kind, das mit klopfendem Herzen zuhörte,

sah, wie seine alte Freundin still nach seiner Hand griff und sie drückte.

Das Lichtchen am Christbaum war herabgebrannt, nun flammte ein

Tannenzweiglein auf. »Der Baum brennt!« rief das Kind unwillkürlich. Da

stand der alte Herr auf und drückte die Funken aus.

»Bist Du immer dagewesen, Kind?« fragte die Großmutter.

»Ja,« sagte das Kind und kam heran, denn es wollte dem lieben Mann nahe

sein, der zu dieser Stunde sein Herz dargelegt hatte, wie es im Fehlen und

Bluten und Lieben gewachsen war.

Es mußte ihm etwas Liebes tun, aber es wußte nicht, was; das tat ihm

weh, und der alte Herr sah ihm die Not auf dem Gesicht an beim flackernden

Lichte der Straßenlaterne, die gerade unter dem Fenster brannte.

»Was ist Dir, Kind?« fragte er gütig.

Da konnte es das Kind nicht mehr bezwingen.

»Ich möchte Dich liebhaben,« sagte es.

»Das tu Du, das darfst Du wohl,« sagte die Großmutter.

Da legte das Kind seine Hand in die große, feine Hand des alten Herrn und

schmiegte sich dicht an ihn, und er küßte es zart und lieb auf die Stirn;

dann ging es hinaus und hatte ein Glück und eine Freude im Herzen. --

Solche Dinge kann die Erinnerung erzählen, solange der Zug klappernd durch

die Nacht fährt, und im Wagen Geschrei und Geschwätz und Qualm ist und

draußen leise die Flocken fallen.

Der Mitsünder

Er ging, als es am Dunkelwerden war, aus dem Hause, das er hinter sich

abschloß. Es gab einen sonderbar hallenden Ton, als er die schwere alte

Eichentür zufallen ließ. »Nun ist das Haus leer,« schien er zu

sagen. »Du kannst ruhig ausgehen, es ist niemand, der dich vermißt und

allerdings auch niemand, der auf dich wartet, wenn du nachher heimkommst.«

Er hatte den Ton schon oft gehört, aber heute fiel er ihm ganz besonders

auf. Das machte die Stimmung, in der er sich schon den ganzen Tag befand.

Heute vormittag hatte er noch seine Amtsgeschäfte erledigt. Er war

stellvertretender Amtmann an dem Oberamt der kleinen Stadt und noch nicht

lange hier. Es war ein schönes, altes Städtchen mit Giebelhäusern und

allerlei merkwürdigen Höfen, Treppenaufgängen und Erkern. Das war so

recht etwas für ihn, das wollte er alles ausstöbern; es war ihm gar

nicht angst, daß er sich nicht einleben würde. Aber heute, am

vierundzwanzigsten Dezember, ging doch allerlei in ihm um, das über die

Berge hinüber verlangte, mit denen Beerbach eingeschlossen war. Um es

geradeheraus zu sagen, er spürte etwas wie Heimweh, obgleich er selbst das

gefühlvolle Wort nie gebraucht hätte. Er hatte kein Elternhaus mehr, aber

er hatte eine mütterliche Freundin, die ihm bis jetzt jedes Jahr einen

Christbaum angezündet hatte und die eigentlich auch heute auf ihn wartete.

Das heißt, jetzt mußte sie den Brief haben, in dem er ihr für diesmal

abgeschrieben hatte. Er hatte es für besser gehalten, heuer nicht

hinzufahren. Da war noch ein anderes Haus, dicht daneben, das durfte er

jetzt nicht sehen, weil -- kurzum weil er mit sich ausgemacht hatte, daß

es noch nicht an der Zeit sei, zu reden, und weil er sich nicht traute, ob

er schweigen könne. Aber darum zog es ihn nun doch dorthin, mächtig zog

es ihn. Darum, als die Haustür so sonderbar zufiel, zog er noch einmal

die Uhr aus der Tasche, um nachzusehen, ob es im Notfall doch noch auf den

letzten Zug reiche. Es reichte aber nicht, er war schon abgefahren, das

hatte er ja eigentlich auch gewußt. Da schlug er den Weg nach der alten

Burg ein, die auf einer Anhöhe über dem Städtlein lag. Alle Beerbacher

wußten, daß in der alten Burg, das heißt im Erdgeschoß, in der

Weinwirtschaft der Frau Stängelin, der Stammtisch der jüngeren ledigen

Herren war. Es lag da, neben dem großen Saal, in dem die vielen Tische

und Bänke waren und in dem die Wahlversammlungen und andere große

Gelegenheiten abgehalten wurden, ein hübsches, achteckiges Stüblein, mit

dunklem Holz getäfelt, mit Butzenscheiben und Schiebfensterchen, mit

alten Holzschnitten an den Wänden und mit hochlehnigen Stühlen um einen

schweren Eichentisch her. Der Eichentisch hatte eine Fußleiste unten

herum, und seine Platte war vielfach zerschnitten durch Namen und Daten

längst vergangener und gegenwärtiger Geschlechter. Ein Kachelofen

stand darin, der wie sein Bruder im Cleversulzbacher Pfarrhaus »halt so

hinwärmelte«. Alles in allem war das »Nebenzimmer« in der alten Burg

ein heimliches Eckchen und die Frau Stängelin war auch dazu angetan, es

ihren Herren gemütlich zu machen. Ihr Markolsheimer und Kaiserstühler

und Klingelberger war gut, und was sie kochte und briet, war auch gut. Also

fühlten sich die jungen Männer, die noch kein eigenes Hauswesen hatten

und denen am Abend die Einsamkeit aus den Ecken ihrer möblierten Zimmer

entgegenkroch wie ein böses Tier, wohl in ihrer Atmosphäre. Sie hatte

auch das Herz, daß sie hie und da dem einen oder andern eine mütterliche

Wahrheit sagte, ohne Angst, ihr Klingelberger könnte es büßen müssen,

und außerdem hatte sie eine wohlgefüllte Nähschachtel mit Knöpfen und

Fäden, schwarzen und weißen, mit denen sie nicht geizig war und mit denen

sie hie und da einen betreute, dem in seiner Stube niemand nach seinen

Kleidern sah.

Heute abend hatte sie ein Bäumlein geschmückt mit weißen Lichtern und

silbernen Fäden und ein Körblein mit Lebkuchen darunter gestellt. »Daß

sie auch wissen, daß Christtag ist,« sagte sie vor sich hin, als sie

den Berg hinunter schaute nach den Ersten, und dabei ihrer eigenen fernen

Söhne gedachte, deren einer in einem Kurhotel an der Riviera die feinere

Restaurationskunst erlernte und ein anderer in Amerika einen Jugendstreich

verheilen ließ. Als der Abend dunkler wurde, kam zuerst der Ingenieur von

der Gießerei, bei dem sich das Heimgehen nicht verlohnte, weil der Betrieb

nur zwei Tage stillstand und sein Elternhaus im hohen Norden war, dann der

Assistenzarzt vom Krankenhaus, dann der Buchhalter von der Falzziegelei,

der eine Braut hatte und auf Silvester zu ihr fahren konnte, früher nicht.

Er kam lachend an. »Der Amtmann kommt auch,« sagte er. »Er hat noch eine

Unterhaltung mit seiner Liebsten, der Rosel am schwarzen Eck. Wenn er sich

dann trennen kann, dann kommt er.« Alle lachten, aber die Frau Stängelin

sagte unters Lachen hinein: »Der Amtmann ist ein guter Herr, er ist ein

Gemütsmensch. Was ich weiß, das weiß ich. Er hat vor acht Tagen die

Buben, die das Rathausfenster mit den farbigen Scheiben eingeschmissen

haben, laufen lassen, weil sie gar so erbärmlich gebettelt haben. Sie

habens nicht mit Fleiß getan, es ist ihnen unversehens ein Stein zu

niedrig geflogen. Einem hat er eine Ohrfeige heruntergehauen. ›Gib sie

weiter,‹ hat er gesagt und hat die Bande hinausgejagt. ›Das Bild war

ohnehin ein Greuel,‹ hat er nachher zu mir gesagt. ›Ich wüßte noch

mehr Fenster in hiesiger Stadt, die eingeworfen gehören.‹«

»Ja, aber was hat er mit der Rosel am schwarzen Eck?« fragte der

Ingenieur, dem ein verhutzeltes Weiblein mit tiefen Runzeln im Gesicht

vor Augen stand. Es wohnte in einem Häuslein, das aussah, als ob man es

umblasen könnte, drunten in der Leimgrubengasse gegen Zunzelbach zu. Ein

mächtig großer, dunkler Steinblock war gegen das freistehende Eck des

Häusleins gewälzt und lag so klotzig da, als ob es sein Amt wäre,

das alte Gebäu vor dem Umfallen zu schützen. Er lag wohl schon seit

unvordenklichen Zeiten da, so was die Beerbacher unvordenkliche Zeiten

hießen. Aber daß er unter der Rauch- und Schmutzschicht, die die enge

Gasse auf ihn gelegt hatte, ein großes eingehauenes Auge in einem Dreieck,

von dem ringsherum Strahlen ausgingen, auf der wenigst rauhen Seite seiner

Flächen trug, das hatte erst der junge Amtmann entdeckt, dem der Stein

gleich aufgefallen war und der auf seinen Wegen, die ihn ins Freie oder auf

die alte Burg führten, schon manchmal suchend vor ihm stillgestanden war.

Er hatte sich seine Gedanken darüber gemacht, woher der Stein komme und

was das eingehauene Zeichen darauf bedeute und hatte auch mit dem Messer

daran herumgekratzt, ob nirgends eine Inschrift, die Aufschluß gebe, zu

finden sei. Aber er hatte nicht gesehen, daß dann hinter den grünlich

angelaufenen Fensterscheiben des Häusleins ein altes Gesicht nach ihm sah

und ein grauer Kopf verwundert wackelte, was wohl der Herr mit dem Stein

wolle.

Der Buchhalter, der ein Spaßmacher war und gern uzte, hatte es aber

gesehen und am Stammtisch erzählt, der Amtmann gehe fensterln bei der

Rosel, und es hatte des ruhigen Respekts bedurft, den der Amtmann, ohne es

zu wissen, seiner Umgebung einflößte, daß man ihn selber seither damit

verschont hatte.

Aber heute wurde es ihm nicht so gut. Der Buchhalter war schon mehr als

eine Viertelstunde da und nach ihm war noch der Ehrengast des Stammtischs,

der alte asthmatische Revisor Lautenschlag angeschnauft gekommen, und noch

immer mußte allem nach der Amtmann da unten stehen am schwarzen Eck, wo

die Rosel ihren dürren Hals zu dem Schiebfensterchen herausstreckte. Das

wurde ihm diesmal nicht geschenkt, das mußte er zu hören kriegen. Der

Buchhalter war ganz in der Stimmung, irgend jemand »steigen zu lassen«,

das war ihm jetzt ganz einerlei, wer es war.

»Jetzt kommt er,« sagte er profitlich, als er endlich draußen Schritte

hörte und gleich darauf der Erwartete eintrat. Er hob sein Glas und

brachte ihm einen Willkommensschluck, und dann fiel er an zu trällern:

»Von allen den Mädchen so blink und so blank, gefällt mir am besten die

-- he, he, he --« er hustete ein wenig, dann fuhr er fort, »die Rosel.

Prost, Herr Amtmann.« Frau Stängelin kam an den Tisch her, denn sie

wollte jetzt nichts mißliebiges aufkommen lassen und sagte etwas über

das Wetter, das sich heute nacht noch zum Schneien zu schicken scheine und

über die Karpfen, die bald vollends fertig seien. »Sie sind der Letzte,

Herr Amtmann,« fügte sie dann aber doch hinzu, denn sie war auch ein

bißchen neugierig, was der junge Mann mit der alten Jungfer zu verhandeln

gehabt habe.

»Das kann ich Ihnen sagen, warum er so spät kommt,« sagte ein bißchen

geziert der Buchhalter. »Er hat nämlich, ich hab's nämlich gesehen,

daß er ein Rendezvous hatte mit einem schönen Fräulein. Ich bin nämlich

vorbei gegangen, aber er ist zu vertieft gewesen, er hat mich nicht

gesehen.« Jetzt lachten alle, nur der Letztangekommene nicht. Sein

Gesicht trug einen ruhig-heiteren Ausdruck, mit dem war er aber schon

hereingekommen. Er hängte seinen Hut und Mantel auf und sagte: »Schneien

wird's kaum, es ist zu kalt dazu. Der Himmel hat sich aufgehellt, man sieht

schon da und dort einen Stern.« Dann rieb er sich die Hände, die ein

wenig frostrot waren und setzte sich an seinen Platz.

Die Wirtin lachte in sich hinein und ging in die Küche.

»Der sagt bloß was er will, und was er nicht will, das sagt er nicht.«

Sie hatte Respekt davor, wenn es einer so machte.

Aber als das Essen vorüber war und das Bäumchen brannte und der Punsch

seine duftende Dampfwolke aus der Schüssel steigen ließ, so oft man den

Deckel abhob, und Frau Stängelin sich auf die Aufforderung ihrer Herren zu

ihnen an den Tisch setzte, da konnte sie doch nicht anders, sie mußte den

Herrn Amtmann fragen: »Jetzt Ihnen muß doch heute etwas Gutes passiert

sein, das sieht man ja auf hundert Schritt. Dem Herrn Lerchenreuter seinen

Spaß (der Buchhalter hieß nämlich Lerchenreuter), den muß man ja

nehmen, wie den ganzen Mann, auf die leichte Achsel, aber alles was recht

ist, etwas steckt doch dahinter, das könnten Sie einem doch erzählen.

Also nämlich die Rosel --.«

... und hätte der Liebe nicht: Weihnächtliche Geschichten · 第 1 / 4 段