frei. Es ist ein geborner Engländer, aber ein sehr wohlwollender Mann,
der mir bereits eine Menge Gefälligkeiten erzeigt hat. Ich habe auch
bereits eine Privatwohnung bezogen, mit der ich vollkommen zufrieden
bin. Für Tisch und alles zusammen, zahle ich nicht mehr, als eine
Guinee die Woche, was wirklich sehr billig ist. Meine zwei Coffers habe
ich nun auch vom Bord erhalten, und mit großer Freude gefunden, daß
wenig oder gar nichts davon verdorben ist. Die Bücherlisten aber mögen
in Gottes Namen im Raume liegen bleiben, die verschimmelte Waare ist
keine zehn Gulden mehr werth. Doch genug von mir selbst; ich theile
Ihnen jezt einige Bemerkungen über Plymouth mit.
~Plymouth~ mit 43,000 Einwohnern liegt am Abhange eines Hügels,
der sich zwischen den Mündungen der Tamor und des Plym in die See
hinaus erstreckt. Die Mündung der Tamor ist unter dem Namen Hamoare,
die des Plym, die zugleich der Stadt den Namen giebt, unter der
Benennung Catwater bekannt; die vor der Stadt selbst befindliche
Bay heißt Plymouth-Sound. Die Mündung der Tamor ist am weitesten
von der See entfernt. In der Regel werden daher alle abgetakelten
Kriegsschiffe, und besonders die erklärten Prisen dahin gebracht; auch
befinden sich die Gefängnißschiffe daselbst. Catwater, oder die Mündung
des Plym ist besonders für Kauffahrer, und noch unter Prozeß liegende
Prisen bestimmt; beide Ankerplätze sind wegen ihrer Sicherheit berühmt.
Plymouth-Sound hingegen, so wie die benachbarte Cadsandbay pflegen bei
stürmischen Wetter gefährlich zu seyn. Was man endlich Sutton Poot
nennt, ist eine Art natürlichen Hafens im Catwater, an der einen Seite
der Stadt. Er ist mit einem Kay eingefaßt, und bietet zum Ein- und
Ausladen der Schiffe große Bequemlichkeiten dar.
Plymouth liegt also, wie gesagt, am Abhange eines Hügels, so daß
sich die Straßen von oben nach unten ziehen, und die Häuser fast
amphitheatralisch über einander gebaut sind. Die Straßen sind mit wenig
Ausnahmen eng und düster, und wie man denken kann, ziemlich steil; eben
so sind die Häuser fast durchgängig in altväterischem Stile gebaut,
und haben bei den vielen zugemauerten oder mit Brettern vernagelten
Fenstern ein doppelt häßliches Ansehen. Es ist dies eine Folge der
übermäßigen Fenstertaxe, indem für jedes nicht geblendete Fenster,
eine Abgabe von 15 Schillingen[29] bezahlt werden muß.
In dem niedrigsten Theile von Plymouth sind die Häuser am häßlichsten,
und selten oder nie mit Gärten versehen. In dem mittleren Theile sind
sie schon etwas besser, und haben fast alle jene Annehmlichkeit. Auf
dem höchsten Theile des Hügels endlich, sind sie fast durchgehends
neu und geschmackvoll, auch mit herrlichen Gärten umringt. Sie haben
zu gleicher Zeit eine vortreffliche Aussicht auf die ganze Stadt, die
umliegende Gegend, und die ganze Bay. So schlecht sich indessen auch
der größte Theil der hiesigen Häuser von außen ausnimmt, im Innern sind
sie dennoch sehr bequem eingerichtet, und häufig eben so prächtig, als
geschmackvoll verziert.
Plymouth wird durch eine Citadelle gedeckt, die eine Viertelstunde
im Umfange hat, und deren 5 Bastionen mit 165 Kanonen vom schwersten
Kaliber besezt sind. Dazu kommt noch eine starke Wasserbatterie, die
mit 18 24pfündern besezt ist. Im Innern der Citadelle befinden sich
unter andern auch die Magazine für die Vorräthe der königlichen Flotte
besonders an Mehl, Zwieback und Brod. Zu gleicher Zeit sind zwei große
Backhäuser vorhanden, wovon jedes vier Oefen hat. Diese Oefen werden
alle 24 Stunden nicht weniger als achtmal geheizt, so daß für 16,000
Mann darin gebacken werden kann.
Der Citadelle gegenüber, befindet sich auf einer kleinen Insel, St.
Nicolas genannt, ein anderes Fort, das ebenfalls von großer Wichtigkeit
ist, indem es die Mündungen des Plym, und der Tamor deckt. Hierzu trägt
besonders die Lage desselben gerade vor der Stadt, und in der Mitte von
Plymouth-Sound bei. Auch die Insel selbst wird nicht nur durch ihre
felsige Küste, sondern überdem durch mehrere Batterien vertheidigt,
wovon jede mit einem Roste zu glühenden Kugeln versehen ist.
Die hiesigen Lebensmittel sind vortrefflich, besonders was Fleisch,
Gemüse und Fische anlangt, ohne eben sehr theuer zu seyn. So wird z.
B. das Pfund Rindfleisch mit 5 bis 6 Stüvern[30], die Maas Kartoffeln
mit einem Stüver; ein großer Schellfisch mit anderthalb bis zwei
Stüvern bezahlt. Das Pfund Waizenbrod kostet einen Stüver, das Pfund
Wachslichter zehn Stüver, das Pfund Thee von vorzüglicher Güte, noch
nicht volle drei Gulden u. dgl. mehr. Ueberhaupt kann man annehmen, daß
die ersten Bedürfnisse ziemlich wohlfeil, Luxusartikel aber, wie Wein,
Liköre u. s. w. sehr theuer sind. Das leztere scheint auch vor allem
zu gelten, was zur männlichen Kleidung gehört, während die gewöhnliche
Frauenzimmerkleidung hingegen, sehr wohlfeil ist.
Gesellschaftliche Hülfsquellen trifft man zu Plymouth in Menge an.
Zuerst sind mehrere gute Leihbibliotheken vorhanden, worunter ich
besonders die von einem Herrn Bornickel, einem Deutschen auszeichnen
muß; versteht sich, daß man nur nach englischen Büchern fragen darf.
Ferner giebt es eine Menge guter Kaffehäuser und Tavernen, eben so
ein recht artiges Schauspielhaus. Endlich fehlt es auch an Concerten,
Assembleen und Bällen nicht. Wer Spaziergänge liebt, findet in der
umliegenden Gegend hinlängliche Gelegenheit dazu.
Sehr schöne Aussichten hat man besonders von der Citadelle, die auf
einem hohen, die ganze Bai beherrschenden Felsen liegt, und wohin der
Zugang jedermann offen steht. Eben so auf einem andern hohen Berge,
ungefähr eine halbe Stunde von der Stadt, von dessen Gipfel man weit in
die See hinaussehen kann. Sehr angenehm sind auch die Parthien nach
Catwater, oder der Mündung des Plym, wo man mehrere artige Wirthshäuser
findet, eben so nach Plymouth-Dock, und dergl. mehr. Ich behalte mir
die Beschreibung dieser Abstecher für die Zukunft vor.
Was meine eigene Lebensart anlangt, so wechsele ich mit Studieren
und Beobachten, mit Arbeiten und Vergnügungen ab. So bringe ich z.
B. den Vormittag bis ungefähr 11 Uhr zu Hause zu. Dann gehe ich
auf eine Viertelstunde in ein Kaffehaus, das der Sammelplatz aller
hier befindlichen holländischen Schiffer ist, und dann entweder auf
das Rathhaus, um dem öffentlichen Gerichte beizuwohnen, oder in
eine Leihbibliothek, oder ins Freie hinaus. Bei diesen öffentlichen
Gerichten nehme ich gar sehr in der Sprache zu. Bemerkenswert ist auch,
mit welchem Selbstgefühl und welcher Unerschrockenheit hier auch der
ärmste Einwohner aus den untersten Classen seine Sache vorzutragen
pflegt.
Um zwei Uhr ist bei uns Essenszeit, worauf ungefähr eine Stunde
verwendet wird. Gegen 4 Uhr mache ich gewöhnlich allein, zuweilen
auch in Gesellschaft einen großen Spaziergang. Um 6 Uhr komme ich
zurück, trinke Thee, und bringe den Abend meistens mit Lesen, dann
und wann aber auch im Theater zu. Hier ist jedoch immer ein solcher
Lärmen, daß man wenig oder gar nichts vom Stücke verstehen kann. Die
Zuschauer laufen nämlich beständig von einem Platze zum andern, wo
es dann besonders in der Nähe gewisser Damen sehr laut zugeht. Diese
benehmen sich indessen mit vieler Züchtigkeit, weil der Zutritt in das
Theater nur den beiden ersten Klassen gestattet ist. Man erkennt sie
jedoch sehr leicht an ihrer Kleidung, und besonders an ihrer wirklichen
bezaubernden Artigkeit. Nichts reizenderes, als wenn ein solches
Mädchen ihrem Geliebten eine Weintraube oder Orange aufdringt. Doch
genug! denn eben ruft mich unsere gute Wirthin zum Abendessen ab.
~Zwölfter Brief.~
~Plymouth~, 27. October 1805.
Gestern war hier ein allgemeiner Freudentag. Es liefen nämlich
5 französische, bei Trafalgar genommene, Linienschiffe ein.
Majestätisch wehte die englische Flagge vom Quarterdecke, während die
französische tief ins Wasser hieng. Der Enthusiasmus des Volkes war
unbeschreiblich. Dazu das Glockengeläute, der Donner der Kanonen,
und das Freudengeschrei von allen Schiffen ringsumher! Aber bald
ward nun auch Nelson's Tod bekannt. -- ~Nelson is killd! -- Nelson
is killd!~[31] riefen sich Männer und Frauen, mit Thränen und
Händeringen zu. Lebhaft fühlte ich was Volksgeist und Vaterlandsliebe
ist.
Seit meinem lezten habe ich nun mehrere Abstecher in die umliegende
Gegend gemacht. Zuerst nach Plymouth-Dock, oder gewöhnlich schlechtweg
~the Dock~, nur eine halbe Stunde von hier. Es ist dies eine neue, weit
größere und volkreichere Stadt, als Plymouth selbst. Ihr Name zeigt
ihren ersten Ursprung, nämlich ein Schiffswerft an. Der Weg dahin
ist sehr belebt und angenehm. Zuerst kommt man durch Stonehouse, ein
artiges Dörfchen, dessen niedliche Häuser sich fast eine Viertelstunde
neben der Straße hinziehen. Dann übersteigt man Stonehouse-Hill, einen
ziemlich beträchtlichen Hügel, von dem man eine ausgebreitete Aussicht
auf die beiden Nachbarstädte hat. Am Fuße desselben kommt man durch das
Dörfchen Stock, und bald tritt man in die schönen, geraden und breiten
Straßen von the Dock ein.
In der That, ich ward hier äußerst angenehm überrascht. Alles ist
so nett, so freundlich, so lebendig; daß Plymouth wie ein düsteres
Gefängniß dagegen erscheint. Wer daher nicht an jenen Aufenthalt
gebunden ist, oder von seinen Renten leben kann, zieht in der Regel
gewiß diese Stadt vor. Von öffentlichen Gebäuden sind besonders das
außerhalb den Thoren liegende Marinehospital, die neuen Kasernen,
das schöne Wachthaus, und die prächtigen Schiffswerfte sehenswerth.
Die Lebensmittel sind etwas theurer als in Plymouth, man zahlt z. B.
ungefähr ein Viertheil mehr als dort. Uebrigens gehen zwischen beiden
Städten unaufhörlich eine Menge Postkutschen hin und her, die man zu
jeder Stunde des Tages miethen kann.
Eine angenehme Seefahrt machte ich vor einigen Tagen nach Edystone.
Dies ist der Name einer Klippenreihe, die sich in der offenen See,
gerade vor der Mitte der Bay hinzieht. Auf dem höchsten Punkte
derselben, vorzugsweise Edystone genannt, ist ein Leuchtthurm erbaut,
der auf den englischen Seekarten, unter dem Namen Edystone-Lighthouse
verzeichnet ist, und von den Schiffern sehr sorgfältig beobachtet wird.
Ich fuhr in Gesellschaft einiger Bekannten dahin. Wir wählten natürlich
einen vorzüglich schönen Tag dazu, weil man diesen gefährlichen
Klippen sonst nicht nähern kann. Auch vergaßen wir die nöthigen
Vorräthe an Wein, Rum, Rostbeef, Chesterkäse, Brod und Porter nicht.
Das Wetter war vortrefflich, das Meer fast spiegelglatt, der Wind
sanfter Ost-Süd-Ost; schon nach einer Stunde langten wir daher bei dem
Leuchtthurme an. Einer der Wächter wartete bereits auf uns, befestigte
unser Boot an einem eisernen Ringe, und half uns dann durch das stille
niedrige Wasser, von Klippe zu Klippe, bis an den Thurm hinan. Hierauf
holte er unsere Vorräthe aus dem Boote, und führte uns eine zwar
dunkle, aber bequeme Treppe hinauf. Bald öffnete er eine Thür, und wir
traten in ein geräumiges Zimmer, das zwar etwas düster, jedoch recht
artig meublirt war.
Wir fanden hier seinen Kameraden, einen schon ziemlich bejahrten
Mann, der uns mit ungemeiner Freude empfieng. Ein Tag, wo diese
armen Leute Besuch erhalten, ist immer ein Festtag für sie. Nach
einer kleinen Unterhaltung, die wir mit einem Geschenke von Tabak
eröffneten, stiegen wir vollends zur Laterne hinauf, und besahen die
Einrichtung zur Erleuchtung, die jezt mit Lampen geschieht. Hierauf
folgte eine tüchtige Kollation, von der natürlich unser alter Wirth
nicht ausgeschlossen blieb, während dem andern sein Theil zurückgelegt
ward. Dies machte denn den guten Alten so gesprächig, daß er uns nicht
nur eine kurze Geschichte des Leuchtthurms selbst, sondern auch seine
eigenen Lebensumstände zum Besten gab.
Der Leuchtthurm, wie er jezt dasteht, ist eigentlich schon der dritte
auf Edystone. Der erste ward in den Jahren 1696 bis 1698 gebaut, stand
aber nur bis 1707, wo er bei einem heftigen Herbststurme in einer Nacht
von den Wellen verschlungen ward. Der zweite ward 1708 angefangen,
und im folgenden Jahre vollendet. Er hielt gegen alle Stürme bis
1755 aus. Hier brannte er ab, und die zwei Wächter fanden einen sehr
schrecklichen Tod. Der jetzige Leuchtthurm endlich ward in den Jahren
1756-59 vollendet, und hat seitdem den wüthendsten Orkanen getrozt.
Was den alten ehrlichen Wächter selbst anlangt, so befand er sich schon
seit 30 Jahren hier, und trieb zugleich das Schuhmacherhandwerk. Er
hatte diese Stelle anfangs aus Bequemlichkeit gesucht, worauf ihm erst
die Arbeit lieb geworden war. Troz seinem geringen Gehalte, der nur 25
Pfund betrug, war er dennoch vollkommen zufrieden, und wünschte sich
nie von seinem lieben Thurme hinweg.
Mitunter war es ihm freilich manchmal sehr hart gegangen, besonders im
Winter, wo die Verbindung oft Monate lang mit dem Lande abgeschnitten
ist. So z. B. als einmal sein Mitwächter gestorben war. Sechs und
dreißig Tage mußte er den Leichnam bei sich behalten, und obendrein
den beschwerlichen Dienst allein versehen. An diese fünf schicklichen
Wochen dachte er noch immer mit Entsetzen zurück. Seitdem sind
regelmäßig drei Wächter angestellt. Der dritte war gerade auf einige
Tage in Plymouth. So hörten wir dem guten Alten einige Stunden mit
Vergnügen zu, bis endlich die Nachmittagsfluth eintrat. Jezt machten
wir ihm ein kleines Geschenk an Gelde, und segelten mit dem günstigsten
Winde nach Plymouth zurück.
Eine andere sehr angenehme Partie machten wir gestern nach Edgecumbe.
Dies ist eine Art hohen Vorgebirges, das am jenseitigen Ufer der Tamor
liegt, und von der Cadsand-Bay bespült wird. Wir ließen uns über die
Tamor setzen, was durch zwei schmucke, rothbäckige Dirnen geschah,
wandelten noch eine halbe Stunde zwischen herrlichen Wiesen hin, und
langten endlich am Fuße des pittoresken Berges an. Edgecumbe gehört
einer der ältesten Familie von England, und bildet im Grunde einen
Park, der über eine Stunde im Umfange hat.
So wie wir allmählig aufstiegen, fanden wir nun die herrlichsten
Anlagen aller Art. So sah ich z. B. eine Menge Lorbeer- und Myrthen-,
Orangen- und Citronen-Pflanzungen, und glaubte mich plözlich wieder
nach St. Helena versezt. Sie überwintern hier, wie ich höre, in freier
Luft, woraus sich auf die Milde der Temperatur in diesem Theile von
England schließen läßt. Auf dem höchsten Punkte, und in der Mitte des
Ganzen, befindet sich das große schöne Wohnhaus, mit einer Aussicht,
die einen Horizont von 7 bis 8 Stunden, und die herrlichsten Land- und
Seeprospekte umfaßt. Das Innere dieser Villa ist eben so bequem als
geschmackvoll eingerichtet, und mit Kunstwerken aller Art angefüllt.
Der gegenwärtige Besitzer davon ist der einzige Sohn des Grafen von
Edgecumbe, Lord Valleton. Er ist unaufhörlich auf neue Anlagen bedacht,
so daß Edgecumbe in kurzem unter die ersten Merkwürdigkeiten von
England gerechnet werden wird.
Um auf einem andern Wege nach the Dock zurückzugehen, beschlossen wir
einen Berg zu übersteigen, an dessen Fuße das Dorf Cadsand, an der
Bay gleiches Namens liegt. Auf dem Gipfel jenes Berges fanden wir
eine Kirche, auf deren Thurme ein Telegraph befindlich war. Daneben
stand ein kleines Haus, für die beiden Wächter bestimmt. Nachdem wir
einen sehr beschwerlichen Abhang herunter gestiegen waren, aßen wir zu
Cadsand zu Mittag, und kehrten auf einem sehr angenehmen Fußsteige erst
nach the Dock, und dann nach Plymouth zurück.
~Dreizehnter Brief.~
~Portsmouth~, 7. November 1805.
Ich verließ Plymouth, um geradesweges nach London zu gehen. Zuerst
nahm ich meinen Weg nach Exeter, das eine gute Tagereise von Plymouth
entfernt ist. Ich that dies in der gewöhnlichen Morning-Coach, deswegen
so genannt, weil sie immer des Abends liegen bleibt, während die
Evening-Coach Tag und Nacht durchfährt. Es war 5 Uhr Morgens; meine
Gesellschaft bestand aus zwei Herren und einer Dame; indessen währte
es geraume Zeit, ehe es zwischen uns zum Gespräche kam.
Der erste Ort, wo wir anhielten, war Irybridge, ein vortreffliches
Wirthshaus, das nur wenig Schritte von dem Dorfe gleiches Namens,
höchst romantisch zwischen baumreichen Hügeln liegt. Wir fanden
hier das Frühstück schon bereit, und die ganze Einrichtung äußerst
geschmackvoll. Dann fuhren wir durch eine reizende Landschaft bis
nach Aschburton, einem Städtchen, wo in einem gleichguten Wirthshause
zu Mittag gegessen ward, passirten weiterhin Chudleigh, einen
Marktflecken, der seiner Obstgärten wegen berühmt ist, und kamen
endlich Abends um 7 Uhr in Exeter an.
Ich trat mit meinen Reisegefährten in einem großen Wirthshause ab, wo
auch die Morning-Coach liegen blieb. So einsilbig sie den ganzen Tag
über gewesen waren; so redselig wurden sie nach dem Abendessen, als der
Portwein zu wirken anfieng. Ich habe dies aber bei allen Engländern
bemerkt. Sie pflegen meistens erst bei der Flasche lebendig zu werden,
und scheinen dann wirklich ganz andere Menschen zu seyn.
Den andern Morgen gieng ich aus, die Stadt zu besehen. Sie liegt an der
schiffbaren Exe, ist im Ganzen nicht übel gebaut, hat mehrere schöne
öffentliche Gebäude, und mag ungefähr 2000 Einwohner zählen, deren
Hauptnahrung in Wollfabriken und Handlung besteht. An der Nordseite
der Stadt befindet sich ein vortrefflicher Spaziergang, Northernhay
genannt, der unter die schönsten von England gehört. Sonst sind die
Umgebungen von Exeter etwas einförmig, denn sie bestehen blos aus
Weideland. Dafür wird aber auch starke Viehzucht getrieben, und sehr
viel Butter verführt. Ein artiges Dörfchen ist Drewstington, man kann
daselbst mehrere alte Denkmäler sehen. Nicht weit davon fließt der
Teign in einer sehr romantischen Gegend, und zwischen hohen Felsen
eingepreßt. Ein anderes schönes Dorf ist Exminster an der Exe, deren
Ufer mit herrlichen Landhäusern eingefaßt sind.
Am folgenden Abend nahm ich einen Plaz in der großen Londoner
Evening-Coach bis Salisbury. Die Gesellschaft war klein, wir schliefen
überdem sämmtlich in einem Stücke weg. Um Mitternacht indessen hielten
wir an, tranken Thee, und fuhren dann wieder in einem bis Exminster, wo
gefrühstückt ward. Dies ist ein Stätdchen, das seiner schönen Teppiche
wegen bekannt, und nicht mit obigem Dorfe zu verwechseln ist.
Als der Tag anbrach, befanden wir uns in einer schönen gebirgigen
Landschaft, die vortrefflich angebaut zu seyn schien. Wir kamen durch
eine Menge Städte, Flecken und Dörfer, deren Namen ich vergessen habe,
und erreichten endlich zu Mittag das alte häßliche Dorchester, wo
gegessen ward. Meine bisherigen Gesellschafter giengen hier ab, dafür
stiegen drei neue ein. Es waren drei junge Leute aus London, von denen
besonders der eine mit vieler Selbstgefälligkeit von seiner Vaterstadt
spracht: -- »~=Yer in my town!=~« -- hieß es immer, sobald
die Rede auf London kam. Abends um 5 Uhr waren wir in Salisbury; ich
beschloß hier einen Tag auszuruhen.
Salisbury liegt am Zusammenflusse des Avon, der Nadder, und des Villey,
und ist eine finstere, häßliche Stadt. Die Straßen sind eng, winklicht
und schlecht gepflastert, die Häuser altväterisch und geschmacklos
gebaut. Sehr sehenswerth indessen ist die Kathedralkirche, die mit
ihrem herrlichen Thurme für das schönste gothische Gebäude in ganz
England gehalten wird. Eine andere Merkwürdigkeit von Salisbury sind
die alten Denkmäler aus den Zeiten der Druiden, auf einer ungeheuern
wüsten Ebene, Stoneheng genannt.
Ich war jezt willens, ohne weiteren Aufenthalt geradesweges vollends
nach London zu gehen. Unvermuthet aber kam in unserem Wirthshause
eine Postchaise aus Portsmouth an, und bot mir eine eben so bequeme,
als wohlfeile Gelegenheit dahin dar. Ich eilte also davon Gebrauch zu
machen, verließ Salisbury noch denselben Abend, und kam am folgenden
Morgen über Ramsey in Southampton an. Hier beschloß ich den Tag über zu
bleiben, und erst den Abend mit der Evening-Coach weiter zu gehen.
Southampton liegt eben so vortheilhaft als angenehm zwischen den
Flüssen Test und Itchin, die beide tief in das Land hinein vollkommen
schiffbar sind. Die Stadt ist im Ganzen sehr gut gebaut, und verräth
überall Wohlstand und Lebhaftigkeit. Unter den vielen Kirchen und
Kapellen, befindet sich auch eine französische, zum Dienst der
Einwohner von Jersey und Guernesey, von denen hier immer eine gewisse
Anzahl vorhanden ist. Eine andere Merkwürdigkeit von Southampton ist
der schöne Spaziergang the Beach genannt. Man findet hier mehrere
Reihen herrlicher, schattenreicher Bäume, und hat die Aussicht über die
spiegelnde Bay bis auf die gegenüberliegende Insel Wight. Noch größere
und mannichfaltigere Aussichten aber hat man auf dem in der Nähe der
Stadt befindlichen Bewis-Mount. Hier kann man noch den ganzen Hafen von
Portsmouth, und selbst einen Theil des Kanals übersehen.
Abends gieng ich nun, wie gesagt, mit der Evening-Coach nach
~Portsmouth~ ab, und kam daselbst am andern Morgen an. Diese
Stadt liegt auf einer Halbinsel, Portsey genannt, und kommt fast in
allen Stücken Plymouth bei. Bei hohem Wasser, d. h. zur Fluthzeit
wird die Halbinsel ganz vom Meere umringt; sie ist daher durch eine
eigene Brücke (Portbridge) mit dem festen Lande verknüpft. Der Hafen
von Portsmouth kann gegen 1000 Linienschiffe fassen, und ist in jeder
Hinsicht einer der ersten in der Welt. Die hiesigen Decken u. s. w.
zeichnen sich daher durch Umfang und erstaunenswürdige Thätigkeit aus.
Portsmouth ist nämlich als der Centralpunkt der englischen Marine zu
betrachten, von wo aus immer die ansehnlichsten Escadern abgehen.
Auf dem Hafen hat man übrigens eine herrliche Aussicht auf das
gegenüberliegende Gesport, das prächtige Seehospital, Spithead, und die
Insel Wight.
~Vierzehnter Brief.~
~London~, December 1805.
Ich verließ Portsmouth mit der Evening-Coach, und kam am andern Abend
glücklich hier an. Wir fuhren wohl noch eine Stunde lang durch die
Stadt. Endlich kamen wir an der St. Paulskirche vorbei, und hielten
bei dem Wirthshause zum Doppel-Schwane in Ladlane still. Hier nahm ich
ein Zimmer, aß, und schlief vollkommen wohl. Am andern Morgen suchte
ich den Prediger an der holländischen Kirche, Herrn Wernink auf, fand
ihn, und überzeugte mich in wenig Minuten, daß ich bei einem Freunde,
Collegen und Landsmann war.
Jezt gieng es nun an die Erzählung meiner Abentheuer von meiner Abreise
von Embden an, bis auf den heutigen Tag. Darauf sprachen wir von
meinem Vorhaben, einige Zeit in London zu bleiben, und von der besten
Art meiner Einrichtung. In dieser Absicht führte mich Herr Wernink zu
einer braven Frau in seiner Nachbarschaft, und miethete ein artiges
Zimmer zu einer Guinee monatlich für mich. Von hier giengen wir auf
die Börse, wo ich noch mehrere Landsleute kennen lernte, und aßen
dann ganz auf vaterländische Art bei einem Herrn Backhuis, der unser
erster Kirchenvorsteher ist. Nach Tische, d. h. ungefähr um 7 Uhr
Abends, nahmen wir eine Miethkutsche, fuhren nach meinem Wirthshause,
berichtigten meine Zeche, und holte meine Sachen ab. Ich mußte hierauf
die Nacht bei Herrn Wernink zubringen, und bezog mein neues Logis erst
den andern Tag. Was meine Oekonomie anlangt, so aß ich, gegen eine
billige Vergütung Mittags mit Herrn Wernink, und finde das übrige, wie
Frühstück u. s. w. zu Hause selbst.
London ist so oft beschrieben worden, daß ich Ihnen in topographischer
Hinsicht lieber gar nichts sagen will. Dafür mögen einige Bemerkungen
über Clima und Lebensart hier stehen. Das Clima ist feucht und
veränderlich. Man rechnet 50 bis 60 Tage, wo die Sonne gar nicht, und
120 bis 130, wo sie nur wenig zum Vorschein kommt. Die Winde wechseln,
besonders in den Herbst- und Wintermonaten, wohl zwanzigmal des Tags
ab; die herrschendsten scheinen indessen die Nordwest und Südwest
zu seyn. Die Winter sind gewöhnlich ziemlich mild, die Felder und
Wiesen bleiben fast immer grün. Der Frühling zeigt sich meistens schon
im Februar, die Temperatur ist dann sehr angenehm. Die Sommer sind
verhältnißmäßig heiß; doch wird die Luft oft nur zu merklich abgekühlt.
Der Herbst ist in der ersten Hälfte, sobald die Stürme vorüber sind,
fast immer von großer Lieblichkeit.