größte Länge soll von 6, die größte Breite von 4 Stunden seyn. Die
Bevölkerung giebt man auf 2300 Seelen an, worunter 5-600 Mann Garnison,
und 7-800 Neger mit begriffen sind. Für die Sicherheit der Insel ist
nach Möglichkeit gesorgt. Nicht genug, daß jede Landung durch die hohen
Felsen und die heftige Brandung sehr erschwert wird; es sind auch auf
den vornehmsten Punkten Batterien und Bollwerke angelegt.
Zugleich sind auf den benachbarten Felsengipfeln immer große
Steinvorräthe in Bereitschaft. Auf dem höchsten Punkte der Insel,
auf dem Dianenpik, ist ein Wachthaus, von dem man alle Schiffe in
der Entfernung von vielen Stunden signalisirt. Eben so sind rund um
die Insel Telegraphen errichtet, die sämmtlich mit St. Jamestown in
Verbindung stehn. Die Disciplin der Garnison ist sehr gut, und alle
Morgen sorgfältiger Namensaufruf. Sobald man nun einen Mann vermißt,
wird sogleich Embargo auf die Schiffe gelegt. Dies macht das Desertiren
beinahe unmöglich, indem nicht leicht ein Schiffer die Hand dazu bieten
wird.
Der jetzige Gouverneur ist ein sehr thätiger und einsichtsvoller Mann.
Er hat sich bereits in vielen Hinsichten um St. Helena sehr verdient
gemacht. Unter andern hat er eine Einrichtung getroffen, die äußerst
nüzlich geworden ist. Alle Vergehungen werden nämlich mit einer
verhältnißmäßigen Strafarbeit gebüßt. So wurden mehrere öffentliche
Gebäude aufgeführt, die Inselwege verbessert, wüste Strecken angebaut
u. dgl. mehr. Der schöne Compagniegarten z. B. entstand allein auf
diese Art. Vorher war es ein wüster Platz, wo aller Unrath von St.
Jamestown zusammenfloß. Jezt ist es die herrlichste Pflanzung, die man
sehen kann.
Die Feldarbeiten werden hier durch Neger verrichtet, die zum Theil
freie Leute sind. Der Sclavenhandel ist schon seit 25 Jahren
und darüber abgeschafft. Dies hat auf den Anbau der Insel den
glücklichsten Einfluß gehabt. Indessen halten sich auch die freien
Neger freiwillig zu den einzelnen Gutsbesitzern, was für beide Theile
gleich vortheilhaft ist. Eben so sieht man deren als Bediente, Jäger,
Aufwärter, theils auf dem Lande, theils in St. Jamestown. Man rechnet
in allem 7-800 zusammen, worunter die Weiber die Mehrzahl sind.
Von diesen leben sehr viele in der Stadt. Sie werden besonders als
geschickte Näherinnen, Köchinnen und Wäscherinnen gelobt. Die jüngere
und schönere treiben ein bekanntes Nebenhandwerk, das während der
Anwesenheit der ostindischen Flotten sehr einträglich ist. Die meisten
Negerinnen berechnen ihr Alter theils nach dem Monde, theils nach
den Proviantschiffen aus England. -- »Ich bin 300 Proviantschiffe
alt!« -- gab mir eine sehr betagte Frau zur Antwort. Dies macht, 4
Proviantschiffe auf das Jahr gerechnet, nicht weniger als 75 Jahre.
Zwei Tage nachher.
Werden Sie glauben, theuerster Freund, daß von der Fortsetzung
meiner Reise nach der Kapstadt die Rede gewesen ist? Hören Sie nur!
Vor ungefähr 5 Tagen lief hier ein kleines Kapsches Schiff mit Wein
und Butter ein. Der Capitain hörte von uns, und bot uns gegen gute
Bezahlung sofort die Ueberfahrt an. Meine sämmtlichen Gefährten
entschlossen sich fast augenblicklich dazu, ich aber nahm mir vor,
etwas bedächtlicher zu Werke zu gehn.
Den andern Tag ward ich zu dem Capitain unseres Kriegsschiffes
eingeladen; was schon mehrmals der Fall gewesen war. Er erklärte mir,
er würde in 5, 6 Tagen unter Segel gehn. Ob ich ihn begleiten, meine
Reise nach dem Kap fortsetzen, oder auf St. Helena bleiben wolle, sey
mir freigestellt. Ich bat um eine Stunde Bedenkzeit, und entschloß mich
zur Reise nach -- England.
Sie werden erstaunen, verehrter Freund, aber hören Sie meine Gründe an.
Zuerst ist das Kapsche Schiff ein kleines, altes und sehr schlechtes
Fahrzeug, wie sie es in der Regel fast alle sind. Zweitens sind wir
im Regenmonßon, wo es in diesen Gewässern, und gerade in der Nähe des
Kaps, sehr heftige Stürme giebt. Drittens ist die Reise von St. Helena
nach dem Kap ohnehin schon beschwerlich, da man, um den Paßatwind zu
bekommen, einen bedeutenden Umweg machen, und wenigstens einen Monat
darauf rechnen muß. Viertens endlich glaubte ich, allen Umständen
zufolge, durchaus an mein erstes Schiff und dessen Schicksal gebunden
zu seyn. Der Capitain selbst gab mir vollkommen Recht. Ich werde nun
noch eine Rundreise um die Insel machen, wozu die Erlaubniß bereits
ausgewirkt ist, und dann mit vollen Segeln nach Europa zurück!
~Neunter Brief.~
~Bai~ von ~St~. ~Helena~,
August 1805.
Jezt erst kann ich sagen, daß mir St. Helena in jeder Hinsicht bekannt
geworden ist. Vorgestern in aller Frühe brach ich von St. Jamestown
auf. Mein Führer war ein alter ehrlicher Bootsmann, aber in Wahrheit
noch rüstig genug. Wir stiegen zuerst einen hohen, kahlen Felsen, den
sogenannten Ladderhill, hinan. Von der Bai aus gesehn, faßt er die
rechte Seite des Thales ein. Der ziemlich steile Weg ist in den Basalt
gehauen, und überall mit einer gemauerten Brustwehr versehn. Gewöhnlich
wird bis auf den Gipfel nur eine halbe Stunde abrechnet; wir brauchten
aber an drei Viertelstunden dazu.
Auf dem höchsten Punkte befindet sich eine Batterie, die einen
beträchtlichen Theil der Bai bestreicht, nebst einem Flaggenbaum.
Daneben sind mehrere Baraken für die Artilleristen, die diesen Posten,
wegen der reinen kühlen Luft, allen andern vorziehn. Sie haben ihre
Weiber und Kinder bei sich, und bauen ihre kleinen Gemüsegärten sehr
sorgfältig an. Die Aufsicht vom Ladderhill ist aber nichts weniger als
schön. Auf der einen Seite hat man nichts als nakte Felsen; auf der
andern das einsame Meer. Die Stadt selbst nimmt sich in der furchtbaren
Tiefe wie ein Haufen Kartenhäuser aus.
Wir erquickten uns mit einem Glase Rum und stiegen dann einen zweiten,
gleichfalls ganz kahlen Felsen hinan. Aber wie angenehm werden wir
dafür auf dem Gipfel überrascht! Ein liebliches Thal mit grünenden
Bergen eingefaßt, lag im glänzenden Morgenlichte vor uns da. Die
Pisangs, die Cocospalmen, die Orangen und Bananas; weidende Heerden auf
üppigen Wiesen; zierliche Landhäuser zwischen Fruchtbäumen versteckt;
alles blühend und grünend, alles in Schönheit und Herrlichkeit; ein
irdisches Paradies vom liebenden Himmel geküßt.
Wir wanderten nun am Rande dieses entzückenden Thales immer am Abhange
des Berges hin. Der Weg war mit Lorbeer- und Myrthensträuchen, mit
Citronen-, Orangen- und Feigenbäumen eingefaßt. Sie bildeten einen so
dichten Schattengang, daß uns die Sonne nicht im mindesten beschwerlich
fiel. Ich kaufte von einem alten Neger einige Orangen zu einem halben
Stüber[23] das Stück, und fand dieselben von vortrefflichem Geschmacke.
Gegen Mittag kamen wir an ein schönes Landhaus, das dem Gouverneur
gehört. Wir fanden blos einige Neger und Negerinnen daselbst, und
konnten es also nach Belieben besehen. Es ist ein treffliches Gebäude,
vorn mit einer großen schattigen Kastanienallee, hinten mit einem
herrlichen Garten versehen. Am Ende des Gartens befindet sich ein
Hügel, auf den man Bäume, Gebüsche und Blumen aus China und aus England
vom Kap und von den Südseeinseln beisammen sieht.
Das Innere dieses Landhauses ist sehr geschmackvoll verziert; überall
sind die schönsten englischen Möbeln, auch eine Menge ostindischer
und chinesischer Kostbarkeiten aufgestellt. Unter andern bemerkte
ich ein schönes Fortepiano von Mahagony. Es war, wie ich hörte, auf
der Insel selbst gebaut, und zwar von einem Deutschen, der mit den
holländischen Truppen aus Surinam hierher gekommen ist. Er besizt
bereits ein schönes Haus zu St. Jamestown, und schickt jährlich eine
Menge musikalischer Instrumente, besonders aber Pianofortes, theils
nach dem Kap, theils nach Batavia. Die wohlfeilsten werden ihm mit
60 Guineen, die theuersten mit 180 bis 200 bezahlt. Leztere sind mit
den feinsten ostindischen Holzarten ausgelegt. Nachdem wir dies alles
besehen hatten, nahmen wir eine ländliche Mahlzeit von Milch und Eiern
zu uns, und sezten nach einem kleinen Mittagsschlafe unsere Wanderung
weiter fort. Der ehrliche alte schwarze Castellan fand sich mit einem
guten Stück Tabak über seine Erwartung bezahlt.
Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen bald zu einem anderen
schönen Landhause, das einem Herrn Vrangham gehört. Die hier gezogenen
Früchte und Gemüse sollen die besten auf der ganzen Insel seyn. Kein
Wunder, daß daher blos der Obstgarten für 200 Pfund jährlich verpachtet
ist. Ich bemerkte viel herrliches Wiesenland, sah aber nirgends Vieh
darauf. Gleichwohl befindet sich ein starker Bach in der Nähe, der sich
ins Meer ergießt. Das Wasser ist krystallhell, die Ufer sind mit den
schönsten Blumen bedeckt.
Wir steuerten weiter nach ~Sandybay~, immer längs einer Reihe mit
Lorbeern und Myrthen bedeckter Berge hin. Dies ist der breiteste und
bequemste Weg auf der Insel, so daß man selbst zu Wagen fortkommen
kann. Allmählig stiegen wir aufwärts, und bald sahen wir das große
liebliche Sandybay Thal vor uns. Das Farbenspiel der untergehenden
Sonne war entzückend schön; die ganze Landschaft schien in Rosenglut
getaucht.
So kamen wir bei dem Landhause eines Herrn Doreton an, das sehr
romantisch an dem Abhange liegt. Ich hatte einige Zeilen an den
Verwalter, und war daher ein sehr willkommener Gast. Augenblicklich
sezte er uns herrliche Milch, frisches Brod und köstliche Früchte
vor, während seine Frau ein vollständiges Abendessen versprach. Ich
erfrischte mich mit einem Paar Stücken Ananas, und betrachtete die
Landschaft, über der jezt der Mond aufgieng.
Nach ungefähr einer kleinen Stunde rief mich der alte ehrliche Neger
zum Abendessen hinein. Ich trat in einen freundlichen Gartensaal, der
mit den schönsten Kupferstichen verziert war. In der Mitte war ein
ziemlicher Tisch gedeckt, und mit allerhand guten Sachen besezt. Wir
hatten ein treffliches Stück Rostbeef, eine Schüssel mit Lamscerbonade,
zwei andere mit Yams und Erdäpfeln, zwei Teller mit europäischen
Pfeffergurken und Eingemachtem, ein Körbchen voll herrlicher Früchte,
und eine große Flasche Maderasekt. Hungrig, wie wir nach einer
solchen Tagereise waren, langten wir nunmehr herzhaft zu. Es war ein
wunderschöner Abend; ich blieb bis nach zehn Uhr auf.
Endlich wieß mir der Verwalter ein Schlafzimmer an. Es war äußerst kühl
und reinlich, dennoch that ich die ganze Nacht kein Auge zu. Hieran
war eine Legion von Mäusen Schuld, die ihr Unwesen ins unglaubliche
trieb. Sie liefen über mich hin und her, gänzlich ungenirt. Endlich
kleidete ich mich an, und begab mich auf die Terrasse, wo ich von
zwei bis sechs Uhr vollkommene Ruhe fand. Als es Morgen geworden war,
brachten die guten Leute ein treffliches Frühstück, auf dem feinsten
japanischen Porcellan. Ich beschenkte den Mann mit einem tüchtigen
Stücke Tabak, und die Frau mit einigen Briefen Nadeln, nebst einem
Röllchen Seidenband, was ihre Erwartung übertraf. So war es fast sieben
Uhr geworden; endlich brachen wir auf.
Wir nahmen nun unsern Curs nach ~Longwood~, ein der Compagnie
gehöriges Gut, das auf der östlichen Seite der Insel liegt. Der fast
zweistündige Weg dahin ist äußerst angenehm, und führt am Fuße des
Dianenpik hin. Dies ist der höchste Gipfel von St. Helena, der sich
fast 2700 Fuß über die Meeresfläche erhebt. Weiterhin sahen wir die
artigen Landhäuser der Herren Pierin und Bazelt mit weitläuftigen
Pflanzungen umringt. Hier wird das meiste und vorzüglichste Gemüse
auf der ganzen Insel gebaut, was den Besitzern große Summen einträgt.
Der Kohl wird für den besten auf der ganzen Welt gehalten, giebt aber
keinen Marktartikel ab. Ich sah auch hier eine schöne Rinderheerde, so
groß und fett, wie bei uns in Holland.
Zu meinem Erstaunen ward ich auf diesem ganzen Wege eine Menge
Kaninchen gewahr. Sie haben Lager wie die Hasen, und schweifen
unaufhörlich umher. Man fängt sie daher fast auf die nämliche Art.
Zu gleicher Zeit bekamen wir auch sehr viel Tauben, Fasanen und
Rebhühner zu Gesicht. ~Longwood~[24] selbst, ist eine sehr
schöne Besitzung. Sie liegt auf der Fläche eines Berges, der nicht
weniger als drei englische Meilen[25] im Umfange hat. Das Haus ist mit
einem weitläufigen Parke, einem vortrefflich unterhaltenen Garten,
und herrlichen Wiesengründen umringt. Von der Gallerie und aus den
meisten Zimmern hat man eine entzückende Aussicht auf die benachbarten
pittoresken Thäler, auf die Bay von St. James und den Ocean. In der
Regel wird Longwood von dem Vicegouverneur bewohnt.
Von hier aus führen nun wieder zwei Wege nach St. Jamestown; der
eine mitten durch die Insel; der andere längs der Küste hin. Jener
ist äußerst pittoresk, wegen des beständigen Auf- und Absteigens
aber sehr unbequem. Dieser ist weniger romantisch, ja zuweilen sogar
unangenehm; doch bietet er nur selten beschwerliche Stellen dar. Ich
beschloß den lezteren zu wählen, um auch die minder angebauten Gegenden
des Eylandes zu sehen. In der That fanden wir auch nichts als kleine
einsame Negerhütten mit Frucht- und Gemüsegärten umringt. So wanderten
wir unter Lorbeer- und Cypressenbäumen bis Mittag fort, wo unter einem
Pisang Halt gemacht ward. Mein Führer hatte sich nämlich auf Herrn
Doretons Gute mit Wein, Brod und Schinken versehen, und wir hielten auf
diese Art eine sehr gute Mahlzeit. Auf den benachbarten waldigen Bergen
schwärmten Rehböcke herum, und aus der Ferne donnerte ein herrlicher
Wasserfall.
Nach einigen Stunden Ruhe machten wir uns wieder auf den Weg, und
bekamen nachher den Wasserfall selbst zu Gesicht. Er stürzt sich an
dreihundert Fuß hoch von einem pittoresken Felsen herab, und bildet
einen crystallhellen ziemlich starken Bach. Das Wasser wird theils in
Röhren nach St. Jamestown geleitet, theils fließt es dem Meere zu, wo
es von den Schiffen benuzt wird. Bald näherten wir uns nun wieder der
St. James-Bay. Auch hier, wie durchaus längs der Küste, war der Weg mit
guten Brustmauern versehen. Endlich ließen wir einen hohen Berg mit
einem Fort seitwärts liegen, und stiegen gerade Ladderhill gegenüber
wieder nach St. Jamestown herab. So hatte ich denn die ganze Rundreise
um die Insel von Westen nach Osten in zwei Tagen gemacht. Morgen und
übermorgen besorge ich noch meine Einkäufe, und dann für wenigstens
zwei Monate wieder an Bord.
~Zehnter Brief.~
~In See~, August 1805.
Gestern verließen wir St. Helena. Ich schlief noch ganz ruhig in meiner
Koje[26], als ich durch die Signalschüsse geweckt ward. Schnell zog ich
mich an, und eilte auf das Verdeck. Eben stieg die Sonne aus dem Meere
auf, und alle Schiffe glänzten im Morgenroth. Wir hatten deren noch
sechs in unserer Begleitung, lauter große Ostindien- und Chinafahrer
mit Ladungen von unermeßlichem Werth. Der Südostpassat war uns äußerst
günstig, bald lag die Insel gleich einem schwarzen Streifen hinter
uns, und heute sind wir schon viele Meilen davon entfernt. Ich habe
jezt die eine Hütte ganz für mich. So kann ich mich der zweiten Koje
als Vorrathskammer bedienen, und bin in allem weit besser daran, als
ehedem. Die Kost ist erträglich, das beste müssen aber auch diesmal
die eigenen Provisionen thun.
12. August.
Vorgestern segelten wir die Insel St. Ascension vorbei, sie bietet dem
Auge nichts als kahle Klippen dar. Das Segeln in Convoy hält unsere
Fahrt nicht wenig auf. Immer bleibt ein und das andere Schiff zurück,
auf das gewartet werden muß. Dann ist bald dies, bald jenes zu thun.
Dann ruft bald dieser, bald jener das Kriegsschiff an. So lagen wir oft
drei und mehrere Stunden bei, wobei es nicht an gegenseitigem Besuchen
fehlt. Auf dem einen Ostindienfahrer giebt es fast alle Abende große
Musik. Es sind besonders Blasinstrumente, was auf der See von ganz
eigener Wirkung ist. Morgen passiren wir die Linie, doch finden keine
Feierlichkeiten statt.
30. August.
Seit 10 Tagen haben wir den Südostpassat verloren, und rücken nur
langsam fort. Der Himmel ist bedeckt, der Barometer gefallen, der Wind
veränderlich. Wir sahen unter der Linie einige Wallfische, sie glichen
von weitem einem großen umgekehrten Schiffe, das mit den Masten nach
unten liegt. Sehr schön nahmen sich die hohen von ihnen ausgeworfenen
Wasserstrahlen aus. Sie bildeten, ehe sie wieder niedersanken, einen
majestätischen Bogen im herrlichsten Farbenspiel.
Vorige Nacht hätten wir beinahe ein großes Unglück gehabt. Der eine
Ostindienfahrer war nämlich vom Curse abgekommen, und schoß in der
Nacht kaum anderthalb Fuß vor unserm Vorderstewon[27] vorbei. Wir haben
Wassermangel, so eben höre ich aber, daß man uns vom Kriegsschiffe drei
große Fässer zugeschickt hat. Nun so will ich mir denn seit 8 Tagen den
ersten Thee wieder machen, der mir wie Nektar schmecken soll.
9. September.
Der Capitain hat die Luken öffnen lassen, um nach der Ladung zu sehen.
Es ist viel Seewasser eingedrungen, der Schaden scheint größer als man
geglaubt hat. Dies ist aber sehr natürlich, da alles unter einander
geworfen worden war. So liegen die Kisten mit den feinen Tüchern oben
auf. Auch die meinigen sind bis auf den Grund durchnäßt. Die Bücher
z. B. bilden nichts als eine verschimmelte Masse, so daß ich sie
nur ins Meer werfen kann. Die Matrosen sind jezt beschäftigt, das
Schiff anzumalen, und bringen überall, wo sichs nur schicken will,
eine Stückpforte an. Wir sollen von weitem recht furchtbar aussehn,
damit sich kein französischer Kaper an uns macht. Unsere Fahrt war
bei dem veränderlichen Winde langweilig genug. Allein gegen Ende der
vorigen Woche bekamen wir den Westpassat, und nun geht es fröhlich den
europäischen Gewässern zu.
27. September.
Gestern war ein angstvoller Tag für uns. Ohngefähr auf der Höhe von
Kap finisterre rief uns am 24. ein englischer Kutter an. Er gab uns
Nachricht, daß der ganze Golf von Biscaya, und besonders die Einfahrt
des Kanals mit französischen Kriegsschiffen bedeckt sey. Sie hätten
den größten Theil eines nach Westindien bestimmten Convoys genommen,
und sich sogar an der englischen Küste gezeigt. Der Capitain unseres
Kriegsschiffes hielt es daher fürs beste, seinen Kurs so nördlich als
möglich zu nehmen, theilte indessen auf jeden Fall die nöthigen Befehle
aus.
Gestern um 9 Uhr Morgens tauchten in großer Entfernung einige
Kriegsschiffe auf. Man sah sie allgemein für englische an. Allein
um 1 Uhr Nachmittags zeigte sich leider das Gegenteil. Es waren 3
französische Fregatten, von denen die eine mit vollen Segeln auf unser
Kriegsschiff zukam. Indessen dauerte es doch noch fast eine Stunde,
ehe das eigentliche Gefecht seinen Anfang nahm. Es scheint, daß man
auf beiden Schiffen noch mit den Zurüstungen beschäftigt war. Endlich
schickte die Fregatte dem Kriegsschiffe einige Kugeln und bald darauf
eine ganze Ladung zu, und nun begann der Kampf mit Heftigkeit.
Unser Kriegsschiff leistete den tapfersten Widerstand, selbst als schon
in der ersten halben Stunde die zweite, und endlich auch die dritte
Fregatte dazu gekommen war. So dauerte das Gefecht, mit einer kleinen
Pause bis gegen Abend fort. Jezt aber mußte das Kriegsschiff streichen,
worauf es von den Franzosen in Besitz genommen ward. Wir sahen jezt die
eine Fregatte auf die Convoy loskommen, benuzten aber den Vortheil des
Windes und der Dämmerung, und entgiengen ihr. Doch zweifle ich, ob dies
allen Schiffen geglückt seyn mag.
Unsere Offiziere und Matrosen waren über den Sieg der French Dogs[28]
vor Wuth ganz außer sich. Sie schwuren, die Prise bis auf das Aeußerste
zu verteidigen, und sollte es ihr lezter Augenblick seyn. Die Lichter
wurden bedeckt, die Kanonen und Gewehre in Stand gesezt. Jeder
hielt sich auf seinem Posten, und spähte in die düstere See hinaus.
Indessen bekamen wir nur einige Schiffe und diese sämmtlich nur an
der französischen Küste zu Gesicht. Wir erkannten sie in ziemlicher
Entfernung an den drei großen Laternen des Hintertheils.
Heute Morgens um 8 Uhr aber erblickten wir ein Schiff, das mit vollem
Winde auf uns zugesegelt kam. -- »Jezt gilt es Leben oder Tod!« --
rief der englische Lieutenant und munterte das Schiffsvolk durch eine
kräftige Anrede zum Gefechte auf. Wir Passagiere, der vorige Capitain,
der Schiffsarzt und ich, mußten uns in den Raum begeben, und brachten
hier eine Stunde in Todesangst zu. Doch endlich hörten wir ein lautes
Freudengeschrei, wurden hinaufgerufen, und sahen, daß jenes Schiff ein
englischer Kutter von 34 Kanonen war. Er kam uns nun in kurzem zur
Seite, und theilte uns allerhand Neuigkeiten mit.
5. October 1805. Morgens.
Wir haben die Küsten von Cornwallis in Gesicht, der Wind ist südost,
und also in hohem Grade günstig für uns. Die schönen grünenden
Berge mit ihren alten Kastelen glänzen im Sonnenschein, und eine
Menge freundlicher Häuser ragen zwischen Baumgruppen hervor. -- Ein
Amerikaner hat uns mit herrlichem Pökelfleische und Kartoffeln ein
erwünschtes Geschenk gemacht. Auch wird so eben ein Netz mit Sardellen
aufgefischt. Alles auf dem Schiffe ist Leben und Fröhlichkeit. Wir
sehen eine abgehende westindische Kauffartheiflotte von mehr als
hundert Segeln, die von zwei Kriegsschiffen escortirt wird. Es ist ein
unaussprechlich erhabener Anblick. Noch diesen Abend segeln wir um Cap
Lezard herum.
~Plymouth~, 7 October 1805.
Als ich gestern Morgens erwachte, befanden wir uns in der Cawsandbay.
Welcher Mastenwald! Welches Leben und welche Thätigkeit! Ich sage
nicht zu viel, es lagen hier an 500 Schiffe zusammen, und dazwischen
fuhren unzählige Schaluppen hin und her. Nicht weniger angenehm war der
Landprospect. Ein Halbzirkel von herrlichen angebauten Bergen, in den
Abhängen mit freundlichen Landhäusern, an dem Fuße mit schönen Dörfern
bedeckt. Hier weidende Heerden, dort wohlgekleidete Feldarbeiter,
und im Hintergrunde auf der höchsten Spitze ein Telegraphenthurm.
Bald kamen nun eine Menge Boote mit Lebensmitteln an unser Schiff.
Ich kaufte mir Wasser, Milch, Brod, Butter und Obst, und hielt ein
köstliches Frühstück damit. Wenn man so nach drei Monaten zum erstenmal
wieder einen frischen Trunk reines Quellwasser kostet -- es ist ein
Genuß, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt.
Unterdessen ward es von Stunde zu Stunde immer lebhafter in der Bay.
Ich zählte an 300 Boote, blos mit Frauenzimmer angefüllt. Alle diese
Damen hatten die Nacht auf der Flotte zugebracht, und kehrten jezt
ans Land zurück. Sie waren in Mäntel und Pelze gehüllt, und schienen
äußerst lustig zu seyn. Aber werden Sie wohl glauben, daß die ganze
Gesellschaft, wohl an 2000 zusammen, aus feilen Mädchen bestand? Dies
gehört zur englischen Marinepolizei. So wie eine Flotte in einem der
fünf Haupthäfen eingelaufen ist, werden die Matrosen abgeholt. Den
meisten brennt das Geld in der Tasche; es muß so bald als möglich
wieder fort. Nun dürfen sie aber nur bei Tage ans Land, also helfen sie
sich auf die obige Art. Es ist sogar ein Gesetz vorhanden, daß es ihnen
kein Admiral u. s. w. verwehren darf. So kommt das Geld durch diese
Mädchen sofort wieder in Umlauf, und die nächtliche Ruhe der Einwohner
bleibt ungestört.
Unser Prisenmeister hatte sich inzwischen an Bord des Admiralschiffes
begeben, und ließ uns einen ganzen langen Tag in peinlicher
Ungewißheit. Endlich kam er Abends spät zurück, und kündigte uns die
weitere Fahrt nach Portsmouth an. Das Kriegsschiff war aus diesem Hafen
ausgelaufen; also gehörte auch die Prise dahin. Heute früh lavirten
wir demnach wieder aus der Bay heraus, so ungünstig sich auch Wind und
Wetter anließ.
Vier Stunden waren wir bereits unter Segel gewesen, und hatten doch
kaum zwei Seemeilen zurückgelegt; als die Heftigkeit des Windes zum
Sturme anwuchs. Der Regen floß in Strömen herab, und die Wellen
schlugen unaufhörlich über das Verdeck. Mehrere die Bay einsegelnden
Schiffe riefen uns zu, daß See zu halten unmöglich sey, allein unser
Lieutenant kehrte sich nicht daran. Bald verloren wir das Boogspriet,
und gleich darauf die Stange vom Besaanmast. Jezt erst schien der
Lieutenant die Gefahr einzusehen, befahl das Schiff zu wenden, und rief
durch Nothschüsse einen Lootsen an Bord. So liefen wir vor einigen
Stunden in Plymouth ein, ich erhielt Erlaubniß, mich ans Land zu
begeben, und lasse nun diesen Brief sofort über London an Sie abgehen.
~Eilfter Brief.~
~Plymouth~, 14. October 1805.