Reihe den Wirth machen und die andern mit Genever u. s. w. traktiren
muß. Um 12 Uhr wird zu Mittag gegessen, wobei jeder aus seinen
Provisionen etwas zum Nachtisch hergiebt, und so die ewigen Kartoffeln
und das ewige Pökelfleisch etwas erträglicher macht. Wer eine halbe
Stunde Mittagsruhe halten will, mag es thun, ich selbst befinde mich
wohl dabei. Von drei bis sieben Uhr beschäftigen wir uns mit Lesen,
Schreiben, Kommerzspielen und dergl. mehr. Um sieben haben wir das
Abendessen, und dann kleine Wein- oder Punschparthien meistens auf dem
Verdeck. Um zehn Uhr ist Schlafenszeit, wenigstens muß es in allen
Hütten still seyn. Da haben Sie unsere Einrichtung, Tag für Tag, ohne
Abänderung.
~Fünf Tage darauf.~
Gott Lob, wir haben endlich günstigen Wind bekommen, und nun geht es im
Fluge den Kanal hinaus. Schon nähern wir uns dem Cap Lezard, oder der
südwestlichsten Spitze von England. Indessen gab es diesen Morgen einen
so heftigen Streit an Bord, daß wenig fehlte, wir wären umgekehrt. Ich
habe ihnen schon gesagt, wie schlecht es mit den frischen Vorräthen
des Capitain bestellt war. Dazu kam, daß er uns bei weitem nicht die
kontraktmäßige Tafel gab. Hieraus entstand nun zwischen ihm, und
dem Supercargo ein heftiger Wortwechsel, wobei natürlich jeder von
uns des lezteren Parthei ergriff. Allein dies sezte den Capitain in
solche Wuth, daß er sofort das Schiff wenden, und gegen den günstigen
Wind anlaviren ließ. Nach einigen Stunden indessen nahm er seinen
unvernünftigen Befehl zurück, und ersäufte seinen Zorn in einigen
Flaschen Portwein, wovon er ein großer Liebhaber ist. Sie können jedoch
leicht glauben, daß dieser Vorfall einen sehr unangenehmen Eindruck auf
uns gemacht hat.
27. Mai.
Das herrlichste Wetter, der günstigste Wind. Gestern Morgens segelten
wir bei Teneriffa vorbei. Herrlich war der Wiederschein des
majestätischen Pics in der klaren, spiegelnden Fluth. Nachmittags
begegneten wir einem englischen Kaper, der uns beilegen hieß. Hierauf
kam der Capitain desselben mit einiger Mannschaft zu uns an Bord. Er
verlangte die Schiffspapiere, sah sie durch, erklärte sie endlich für
gut, und verließ uns. Wir Passagiere hatten uns inzwischen in unseren
Hütten verborgen gehalten, und kamen so mit dem bloßen Schrecken davon.
* * * * *
Die Hitze wird nur täglich stärker, wir fühlen sie besonders des
Nachts. Schon früh um neun Uhr ist das Holzwerk so heiß, daß man die
Hand nicht darauf legen kann. Mit unserem Tische geht es so, so; wir
helfen uns mit dem Mitgebrachten aus. Das Meer ist sehr schön, und
bietet uns eine Menge wunderbarer Erscheinungen dar. Wir bleiben oft
bis Mitternacht auf dem Verdeck. Alles ist dann Glanz und Feuer um das
Schiff. Dazu der sternbedeckte Himmel gleich einem reinen ätherischen
Lichtmeere! Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr dieser Anblick das
Herz erhebt!
Eine Stunde darauf.
Während ich obiges niederschrieb, tagte in Südost ein Fahrzeug auf,
das bald für ein dänisches Schiff erkannt ward. Es hielt auf uns zu,
und kam endlich ganz nahe heran. Es lag drei Wochen in der Tafelbai,
und ist nach Rotterdam bestimmt. Unser Supercargo hat eine lange
Unterredung mit dem Capitain gehabt, und giebt ihm ein Paket mit. Mein
Brief soll darin eingeschlossen werden, daher für diesmal genug. Leben
Sie wohl, verehrter Freund; meinen nächsten erhalten Sie wahrscheinlich
aus der Kapstadt selbst.
~Fünfter Brief.~
Insel ~St. Helena~, Juli 1805.
Erschrecken Sie nicht, mein werthester Freund, unser Schiff ist von
den Engländern genommen, und hier als gute Prise eingebracht. Noch
weiß ich nicht, was aus mir werden soll, fast dürfte die weitere Reise
unmöglich seyn. Doch ich will Ihnen in der Ordnung erzählen, wie Alles
zugegangen ist. Wir hatten den Passatwind bekommen, und rückten nun
immer nach der Linie vor. Sonnenaufgang und Untergang, der Mond und
die Sterne, es war ein neuer glänzender Himmel in der reinsten Pracht.
So sahen wir unter andern einmal einen Regenbogen, der durch den
~Mond~ gebildet ward, und dennoch dem schönsten Sonnenregenbogen
nur wenig nachgab.
Auf diese Art waren wir ungefähr bis unter den fünften Grad nördlicher
Breite gekommen, als wir am ~sechsten Juni~, Morgens, gerade
in Südwesten ein großes Schiff auftagen sahen. Wir freuten uns sehr
darüber, denn wir hielten es für einen heimkehrenden, holländischen
Ostindienfahrer, dem es auch vollkommen in Bauart und Segelwerk glich.
Jeder beeilte sich nun Briefe an seine Freunde zu schreiben, und ich
selbst fieng einen an Sie Geliebter an. Doch wie schrecklich sahen
wir uns in unserer Hoffnung getäuscht! Das Schiff kam näher, und ward
bald für ein englisches Kriegsschiff erkannt. Jezt erfolgten die zwei
gewöhnlichen Schüsse, das erstemal blind, das zweitemal hinter dem
Schiffe hin, und wir waren gezwungen, beizudrehen. Sofort sezten die
Engländer ein Boot aus, und schickten zwei Offiziere, nebst ungefähr
zwanzig Mann Seesoldaten nach uns ab. Kaum waren nun diese an Bord, so
wurden die Schiffspapiere untersucht, unzulänglich befunden, und Schiff
und Ladung für gute Prise erklärt.
Denken Sie sich, wie uns Passagieren bei dieser Nachricht zu Muthe war!
Um keinen Argwohn zu erregen, hielten wir uns während der Untersuchung,
troz der erstickenden Hitze, in unsern Hütten auf. Hier brachten wir
zwischen Furcht und Hoffnung wohl eine Stunde zu. Endlich erfuhren wir
unser Schicksal. Unser Supercargo, Herr Van der Pulten, mußte sich an
Bord des Kriegsschiffs begeben; eben so wurden auch unsere sämmtlichen
Matrosen dahin gebracht. Unser Capitain verlor das Commando, und an
seiner Stelle übernahm es ein englischer Lieutenant. Auch erhielten
wir eine englische Schiffsmannschaft. Um uns andere schien man sich
wenig oder gar nicht zu bekümmern, wie uns denn auch nicht das Mindeste
genommen ward.
Aber welcher Lärm, welche Verwirrung auf dem Verdeck! Alles unter, und
durch einander; ein Schreien, Fluchen und Rasen, daß man sein eigenes
Wort nicht verstand. Dazu das Ueberpacken der Hangmatten, Kisten u.
s. w. Die fremden Gesichter, die fremde Sprache, der ganz veränderte
Zustand. Endlich drangen ein halbes Dutzend englische Matrosen in die
Cajüte, erbrachen die Kisten unseres Capitains, und bemächtigten sich
seines Eigenthums. So gieng es fort bis vier Uhr, wo alles allmählig
wieder in Ordnung kam. Bald darauf gab das Kriegsschiff ein Signal, und
sogleich ward alles zum Weitersegeln in Bereitschaft gesezt. Endlich
steuerte das Kriegsschiff voran, und das unserige hinter demselben
drein. Der Curs war südlich; doch wohin es eigentlich gieng, blieb ein
Geheimniß für uns.
Am folgenden Tage neue Verwirrung, neue Angst. Die Engländer
beschlossen die Ladung Stück für Stück zu untersuchen, um der Prise
desto gewisser versichert zu seyn. Da sie nämlich unser Schiff durchaus
für ein verkapptes holländisches hielten, vermutheten sie auch Pulver,
Blei, Gewehre u. s. w. unter der Ladung, was bekanntlich gegen die
Kriegsgesetze ist. Zu diesem Ende wurden nun alle Kisten und Fässer
auf das Verdeck gebracht, und theils zerschlagen, theils angebohrt.
Sie wurden dabei so hoch aufgestapelt, daß fast das Umschlagen zu
befürchten war. Man fand indessen nichts, als einige Fässer Harz, was
dann zur Contrebande gestempelt ward. Hierauf ward alles wieder in den
Raum geschafft, wiewohl in größter Unordnung. Diese ganze Untersuchung
dauerte von Morgens sechs, bis Abends acht Uhr, und zwar während
der Himmel mit furchtbaren Gewitterwolken bedeckt war. Ein einziger
Windstoß, ein einziger Wetterschlag, und es würde um uns geschehen
gewesen seyn.
Die Nacht war still, aber drückend heiß. Endlich gegen Morgen brach das
Ungewitter mit tausend Donnerschlägen los. Das Echo in den Wolken war
fürchterlich; der Regen floß in Strömen herab; der Sturm peitschte die
Wogen himmelan; unzählige Blitze durchkreuzten sich. Zum Glück waren
wir auf diese ~Travate~ -- dies ist der Schiffsausdruck -- schon
seit dem Abende vorbereitet, so daß sie uns nicht den mindesten Schaden
that.
Am 20. Juni passirten wir die Linie, was mit den gewöhnlichen
Feierlichkeiten geschah, und steuerten immer tiefer nach Süden hinab.
Oft nahm uns das Kriegsschiff nunmehr aufs Schlepptau[18], wobei es
natürlich tüchtige Stöße gab. Am 3. Juli verließ uns das Kriegsschiff
auf eine kurze Zeit. Es beschloß auf einige Schiffe Jagd zu machen, die
man in Osten erblickte, und der Capitain für spanische ansah. Er gab
uns den Curs auf, den wir in der nächsten Nacht halten sollten, und
versprach am andern Morgen wieder bei uns zu seyn. Allein wir harrten
vergebens; selbst am dritten Tage erschien er noch nicht. So kreuzten
wir immer in der Irre herum.
Das schlimmste dabei war, daß unser Wasser zu Ende gieng, und daß nun
jeder auf eine Kanne täglich gesetzt ward. Zum Unglück hatten sich
die Ratten auch schon längst über unser Selteserwasser gemacht; wir
waren daher auf Wein und Branntewein eingeschränkt. Gekocht konnte
nun durchaus nichts weiter werden, wenigstens in süßem Wasser nicht;
dagegen machte das Seewasser alle Speisen beinahe ungenießbar.
Um einmal eine gute Tasse Caffe zu haben, gab ich zwei Flaschen
Genever, jede zu sieben bis acht Gulden, für eine einzige Flasche
Wasser hin. Zwar hatten wir zuweilen starke Regenschauer, allein dies
half uns nichts. Segel, Holz- und Tauwerk waren nämlich so stark mit
Salztheilen besezt, daß das herabfließende Wasser durchaus denselben
Geschmack bekam. An unserem Mangel waren indessen die englischen
Offiziere und Matrosen eigentlich selbst Schuld. Bei dem Umladen hatten
sie nämlich mehrere Wasserfässer, die ihnen im Wege waren, zerschlagen;
eben so hatten sie den größten Theil unseres Vorrathes zum Waschen
verbraucht.
Fünf Tage hatten wir so aufs ungewisse herumgekreuzt, als endlich
unser Lieutenant den Kurs nach ~St. Helena~ zu nehmen beschloß.
Der Wind war heftig, aber auch äußerst günstig für uns. Dies war ein
großes Glück, da jeder nur noch ein einziges Glas Wasser erhielt. So
durchschnitten wir den ungeheuern Ocean ohngefähr vom Rio de la Plata
an bis nach diesem einsamen Eiland. Vierzehn Tage waren vorüber, wir
hatten nur noch Wasser auf einen einzigen, was gestern war. Da sahen
wir mit aufgehender Sonne die schwarze, verbrannte, tausendfach in
sich zerklüftete Felsenmasse vor uns. Aber bald verloren wir den Wind,
und kamen nur mit Mühe heran. Doch als wir endlich um die hohen Felsen
bogen, welch ein erfreulicher Anblick! Es war St. Jamestown, von hohen
tropischen Bäumen beschattet, im Hintergrunde einer herrlichen Bai.
Unvergeßlicher Abend! Meere und Himmel glänzten in Rosenglut. Bald
erkannten wir auch unser Kriegsschiff, das vor 3 Tagen hier eingelaufen
war, und ankerten sofort nicht weit davon.
Abends erhielten wir einen Besuch von einem Hamburger Capitain, der
unter dänischer Flagge von Ostindien kommt. Er erbot sich, Briefe von
uns mitzunehmen, und so wird ihm auch dieser zugestellt. Eben trifft
die Antwort des Gouverneurs auf unser Bittgesuch ein, an's Land zu
gehen. Sie ist, wie gewöhnlich, bejahend, und wir machen noch heute
Gebrauch davon. -- Ich umarme Sie mit Herzlichkeit; nächstens mehr von
mir.
~Sechster Brief.~
~Bai~ von ~St. Helena~~,
Juli 1805.
Es ist ein trüber, regnigter Tag, wie immer in dieser Jahrszeit. Ich
bin allein in der Cajüte, alle meine Reisegefährten befinden sich am
Lande, so werde ich denn von Niemanden gestört. In der ersten Nacht,
nachdem wir vor Anker gegangen waren, hatten wir noch einen gewaltigen
Schrecken. Denken Sie, im Vertrauen auf den guten Ankergrund, hatte
sich der Capitain mit einem einzigen Anker begnügt. Dieser »~raakte
los~«, wie es in der Schiffersprache heißt, und wir trieben in die
offene See. Es war kurz vor Mitternacht, als es die Wache zum Glück
noch inne ward. Jezt entstand ein entsezlicher Lärm, und alles mußte
sofort an die Arbeit. Wir Passagiere fuhren aus dem ersten Schlafe
auf, und glaubten anfangs, daß Feuer ausgekommen sey. Mit vieler Mühe
ward nun das Schiff wieder gewendet und in Sicherheit gebracht. Wir
wurden indessen nicht eher ruhig, als bis auf jeder Seite ein großer
Anker gefallen war.
Nachmittags fuhr ich nun mit dem Supercargo, der uns vom Kriegsschiffe
aus besucht hatte, ans Land. Wir stiegen an einem schattigen Wege
aus, der längs den Batterien bis zu dem Thore hinläuft. Was einem nun
zuerst in die Augen fällt, ist Jamestown, zu deutsch Jacobsstadt. So
heißt der einzige Ort, der auf der Insel befindlich ist. Denken Sie
sich ein schmales, noch keine halbe Stunde langes Thal, auf beiden
Seiten mit 2000 Fuß hohen Bergen eingefaßt. In diesem Thale denken
Sie sich nun 3 bis 4 Straßen mit zierlichen Häusern besezt, und hier
und da mit Bäumen vermischt, und Sie sehen Jamestown in der Natur vor
sich. Die vornehmste Straße geht von Süden nach Norden, und endigt
in einem sehr schönen Graben, der der Regierung gehört. Hier findet
man die besten Häuser, alle in orientalischem Geschmacke, mit platten
Dächern, und Gallerien erbaut. Sie haben sämmtlich kleine Gärten,
wo man die herrlichsten Blumen zieht. Da das Thal aufwärts steigt,
ragen die hintersten Häuser etwas über die vordersten empor, und
haben die Aussicht auf die Bai. In der Mitte der Straße befindet sich
ein Grasplatz mit Bäumen besezt, auf dem ein schöner Brunnen steht.
Ganz am Ende liegt ein schöner schattiger Gottesacker, wo wir einige
geschmackvolle Grabmäler sahen.
Als wir die Straße wieder herunter giengen, traten wir einen Augenblick
in den oben erwähnten Graben hinein. Er steht jedermann offen, und
ist mit den herrlichsten Pflanzen aller Welttheile bedeckt. Ein
artiges Haus von Bananas, Citronen, Orangen und Palmen beschattet,
zog besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es schien uns der
beneidenswertheste Aufenthalt auf der Welt. Plözlich hörten wir hinter
uns holländisch sprechen, und erfuhren zu unserm Erstaunen, daß ein
großer Theil der gefangenen Garnison von Surinam hier in englische
Dienste getreten sey. Die Soldaten klagten aber sehr über die Theurung,
besonders über den Mangel an frischem Fleisch. Es ist freilich
natürlich, daß man alles für die Schiffe aufhebt, und daß sich folglich
der gemeine Mann mit seinen gesalzenen Rationen begnügen muß.
Wir giengen nun weiter, um die übrigen merkwürdigen Gebäude von
Jamestown zu besehen. Hier wurde uns zuerst das Haus des Gouverneurs
gezeigt. Es liegt hart am Strande, mit der Vorderseite nach der Bai
gekehrt, wird aber von dem Wege, der an der Batterie hinläuft, durch
eine Mauer getrennt. Es ist unstreitig das schönste und größte Gebäude
auf St. Helena. Die meisten Zimmer sind mit persischen Teppichen,
ostindischen Moußelinbehängen u. s. w. verziert, und mit prächtigen
Mobilien von Ebenholz versehen. In einem derselben sind die Bildnisse
der englischen Könige von Carl =I.= bis Georg =III.= ausgehängt; auch
findet man einen schönen Waffensaal. Der Graben enthält eine Menge
seltner Pflanzen, und zeichnet sich durch seine trefliche Lage aus.
Allein es ist ein eigener Anblick, wenn man die hohen Felsen dahinter
so darüber herhängen sieht.
Weiter besahen wir die Kirche, die auf einem freien Platze steht.
Sie ist von innen und außen recht zierlich anzusehen, und hat auch
einen schönen Thurm mit Glocke und Uhrwerk. Eben so nimmt sich das
Schauspielhaus, in geringer Entfernung davon, nicht übel aus. Dasselbe
gilt von der Freimaurerloge, der neuen Offizierscaserne, und dem
Billiardhaus. Lezteres ist zugleich ein Wirthshaus, wo ich die Nacht zu
bleiben beschloß, indem der Supercargo zu einem Bekannten eingeladen
war. Mein Abendessen bestand aus Salat, und einem Schinkenbeine, nebst
zwei Gläschen Rum. Mein Bett war nicht das beste, und ein Frühstück
forderte ich nicht. Jezt rathen Sie einmal, was die Zeche war? O nur
eine Kleinigkeit! Nicht mehr als sechs und zwanzig Gulden holl., man
kann nicht billiger seyn! -- So sah ich denn mit einemmale, wie theuer
hier Alles ist. Gegen Mittag fuhren wir an Bord zurück.
~Siebenter Brief.~
~Bai~ von ~St. Helena~,
Juli 1805.
Vorgestern erhielt ich einen unvermutheten Besuch von einem unserer
Landsleute, der hier ein artiges Haus und einen großen Kaufladen
besizt. Ich mußte ihn an's Land begleiten, und den Sonntag bei ihm
zubringen, was ich natürlich sehr gern annahm. Er bewirthete mich aufs
Beste, und ganz auf vaterländische Art. Bis auf den Roodkorß[19],
nichts, gar nichts fehlte; alles war da. Später nahmen wir den Thee in
seinem Garten unter einem herrlichen Orangenbaume ein.
Das Innere der guten Häuser ist sich hier fast durchgehends gleich.
Die meisten haben zwei, auch wohl drei Stockwerke, die sehr regelmäßig
eingetheilt sind. Um die beiden ersten Stockwerke pflegen Gallerien
zu laufen, was sehr viel zur Kühlung beiträgt. Verwundert bin ich
indessen, keine steinerne Fußböden zu sehen. Die Möbeln sind alle aus
England; doch werden auch Stühle und Kanapees aus einer Art hiesigen
ostindischen Binsen gemacht. Diese schönen Häuser sind aber einen
großen Theil des Jahrs gänzlich unbewohnt.
Die Eigenthümer halten sich nämlich im Innern der Insel auf ihren
Landgütern auf. Diese sind als eben so viele Einsiedeleien zu
betrachten, indem jedes von dem andern durch Felsen und Schluchten
getrennt ist. Nur wenn die ostindischen Flotten ankommen, eilt alles
nach der Stadt. Jedes Haus wird dann ein Gasthaus, wo der Fremde Kost
und Wohnung finden kann, sobald er kein Geld zu sparen braucht. St.
Jamestown ist dann äußerst belebt; Concerte, Bälle u. s. w. wechseln
unaufhörlich ab. Auch werden zu dieser Zeit große Geschäfte in
ostindischen und chinesischen Waaren gemacht. Hieraus wird erklärlich,
warum die hiesigen Kaufläden so überflüßig damit versehen sind.
Man lebt hier im Allgemeinen ganz auf englische Art. Zum Frühstück:
Thee, Butterbrod, kaltes Fleisch, gebackenen Fisch, und Kapwein. Zum
Mittag: Rostbeef, oder Beefsteeck, gesottenen oder gebackenen Fisch,
Gemüse und Pudding. Der Nachtisch von den auserlesensten Früchten;
Kapwein, Madera und Bordeaux. Abends eine Kleinigkeit. Ein kleines
Gebäcke, oder auch nur Brod mit einem Glase Milch, Ale, Groy[20], oder
Wein. Ich finde dies sehr gesund; man schläft vortrefflich darauf.
Die Insel selbst bringt mancherlei Lebensmittel hervor. Dahin rechne
ich außer etwas Weizen, vorzüglich die vortrefflichen Erdäpfel, die man
das ganze Jahr hindurch in Ueberfluß hat. Dann die köstlichen Yams,
die mit den Erdäpfeln verbunden das beste Brodsurrogat sind. Eben so
eine Menge herrlicher Früchte, wie Citronen, Orangen, Melonen, Ananasse
u. dgl. mehr. Auch fehlt es nicht an europäischen Gemüsen fast aller
Art. Mehrere antiscorbutische Gewächse und Kräuter, wie z. B. eine
Art Portulak, und Sellerie, die Petersilie, die Wasserkresse u. s. w.
findet man hier das ganze Jahr an der Küste im Ueberfluß.
Das hiesige Rindfleisch ist vortrefflich, aber freilich so theuer, daß
es nur der Wohlhabende bezahlen kann. Dieß kommt von den Viehseuchen
her, die nicht selten aus Mangel an Wasser entstehen. Noch vor wenig
Jahren z. B. kamen mehr als 2000 Stück schöne Rinder bei einer
anhaltenden Dürre um. Schaafe und Ziegen giebt es viel, doch ist das
Hammelfleisch etwas zäh. Das Schweinefleisch hingegen ist ausnehmend
gut. Wir hatten gestern ein Spanferkel von einzigem Geschmack.
An Geflügel und kleinem Wildpret fehlt es ebenfalls nicht. Man hat
Rebhühner, Fasanen, Tauben u. s. w. besonders aber Hühner und Enten
in Ueberfluß. Der aus Ostindien eingeführte Reisvogel vermehrt sich
hier außerordentlich, und zwar sonderbar genug auf den Anhöhen. Auch
die Kaninchen und Guineahühner, die der Gouverneur aus Liebhaberei
unterhält, dürften in kurzem sehr zahlreich seyn. Seefische werden in
ungeheurer Menge gefangen; man zählt nicht weniger als 70 Arten davon.
Auch an Schildkröten fehlt es nicht, doch erhält man die größten von
der Insel Ascension. Das Trinkwasser ist das treflichste, das man
finden kann.
Was St. Helena sonst noch braucht, wird aus Englands vom Kap, aus
Brasilien und von Angola zugeführt. Jährlich kommen nämlich wenigstens
vier, und zuweilen noch mehr Proviantschiffe mit den nöthigen
Artikeln, wie Mehl, Pökelfleisch, Schinken, Zungen, Weizen, Schaafen,
Butter, Wein, Manufakturwaaren u. s. w. an. Es fehlt daher in der Regel
an nichts in St. Helena, nur daß alles, zumal wenn die ostindischen
Flotten da liegen, ungemein theuer ist.
So kostet z. B. ein Huhn nicht weniger als zwölf Gulden
holländisch[21], während ein kaum jähriges Ferkel mit hundert siebenzig
Gulden bezahlt wird. Ein Pfund Havanah Cigarren kostet 36 Gulden, ein
Glas Liqueur einen Gulden, und so fort. Jeder Verkäufer nimmt hier
180 bis 200 pro Cent. So der Einwohner, der an die Schiffe abgiebt, so
der Schiffer, der seine Waaren absezt. Man sollte gar nicht glauben,
wie viel Geld hier in Umlauf kommt. Vor einigen Tagen z. B. verkaufte
nur ein Capitain in weniger als 2 Stunden für 7000 Pagoden[22] an
Werth. Die Kriegsschiffe, die hier mit Prisen einlaufen, lassen oft
hunderttausende zurück. Auf diese Art leben die Einwohner, wenn man
die Beamten abrechnet, durchgehends von der Landwirtschaft und dem
Schiffsverkehr.
~Achter Brief.~
~Bai~ von ~St. Helena~,
Juli 1805.
Was ich so oft gehört habe, finde ich nun vollkommen bestätigt: das
Clima von St. Helena ist wirklich sehr angenehm. Dies kommt besonders
von dem Paßatwinde her, der unaufhörlich über die Insel weht, und
die Luft beständig rein und kühl erhält. Erdbeben und Orkane, in den
tropischen Gegenden sonst so häufig, sind hier unbekannt. Es regnet
selten, oft, wie man behauptet, in zehn, zwölf Monaten und darüber
nicht. Als Ursache hiervon giebt man die Stätigkeit des Paßatwindes,
so wie die abgeschnittene Lage, den geringen Umfang, und die
verhältnißmäßige Kahlheit der Insel an. Indessen scheint gewiß, daß
die hiesige Atmosphäre seit ungefähr 50 Jahren etwas feuchter geworden
ist, daß seit dem vermehrten Anbaue ungleich mehr Regen fällt, und daß
man eine anhaltende Dürre immer weniger zu fürchten hat.
Wichtig scheint die Bemerkung, daß die Luft auf St. Helena überall, in
den Thälern wie auf den Bergen, an den Küsten wie im Innern der Insel,
gleich vortreflich ist. Der Wärmegrad hingegen wechselt natürlich nach
den Höhepunkten ab. Auf den höchsten Punkten fällt der Wärmemesser
bis unter 54° Fahr. herab, während er im St. Jamesthale bis 84°
steigt. Beides wird aber freilich nur selten bemerkt. Der sogenannte
Wintermonat, der halbe Juni und Juli, pflegt hier am kühlsten zu seyn.
Der Himmel ist dann häufig bedeckt, es fallen ziemliche Regenschauer,
und nicht selten ist die ganze Insel in einen leichten Nebel verhüllt.
Wie gesund die Luft von St. Helena sey, beweißt unter andern auch das
Ansehen der Einwohner, besonders derer, die hier geboren sind. Da
ist keine Spur von jener Totenfarbe, jener Abmagerung und Schwäche,
wie man sie in andern Theilen von Asien und Afrika bemerkt. Ohne
etwas von schweren Krankheiten oder peinigenden chronischen Uebeln
zu wissen, erreichen die meisten Einwohner ein sehr hohes Alter, und
zeigen noch oft im 70, ja 80sten Jahre, ungemeine Kraft und Munterkeit.
Eben so erholen sich die siechsten Personen, an deren Leben man in
Ostindien verzweifelte, auf St. Helena größtentheils mit unglaublicher
Schnelligkeit.
Von der gefährlichen Nachtluft, die in den tropischen Ländern oft so
tödtlich ist, weiß man hier ebenfalls nichts. Im Gegentheil, man kann
sogar am Strande schlafen, ohne daß man das Mindeste davon zu fürchten
hat. Dies geschieht denn auch von den Matrosen sehr häufig, indem die
Schiffe gerade der Stadt gegenüber vor Anker gehen. So vereinigt sich
denn Alles, um St. Helena zu einem macenarischen Posten zu machen,
der für den englisch-ostindischen Handel sehr wichtig ist. Hier finden
nämlich die nach Europa segelnden Schiffe gleichsam auf halbem Wege,
den besten Erfrischungsort. Ich sage, die nach Europa segelnden, weil
nur diese über St. Helena gehen. Die aus Europa kommenden legen nämlich
am Kap an. Dieser Unterschied wird durch die Abweichung des Paßatwindes
bestimmt.