Am folgenden Morgen brachen wir nach Surabaye auf. Der Weg war gut,

die Gegend schön, der Boden vortrefflich angebaut. ~Surabaye~

selbst ist eine kleine artige Stadt, und als erster Posten in der

Meerenge von Madure von Wichtigkeit. Sie wird von dem Flusse Calianas

durchschnitten, der für Küstenfahrer landeinwärts ziemlich weit

schiffbar ist. Am Ausflusse desselben befinden sich zwei Hafendämme,

mit Batterien versehen. Gewöhnlich laufen hier alle Schiffe ein, die

nach China und den Philippinen bestimmt sind, besonders wegen des

Wintermonßuns. Sie finden hier alle mögliche Erfrischungen, worunter

auch die vortrefflichen Gemüse von Paßourang. Die Luft von Surabaye ist

sehr gesund, und die Gebend entzückend schön.

Bei unserer Ankunft wurden wir zu einem Juden geführt, der eine gar

nicht schlechte Herberge hielt. Wir machten die Bekanntschaft eines

holländischen Capitains, des Herrn Rußler, und wurden durch ihn,

am folgenden Morgen, seinem Schwiegervater, dem Gouverneur, Herrn

Rothenthal, vorgestellt. Dieser nahm uns mit vieler Güte auf, und

versprach wegen unserer ferneren Reise sein möglichstes zu thun. Wir

wünschten nämlich bis Batavia zu Lande zu gehen. Dies erforderte jedoch

Bericht an den Generalgouverneur. Ich machte hierauf dem Commandanten,

dem Major von Franquemont, aus dem Würtembergischen, einen Besuch. Er

empfieng mich aufs beste, räumte mir ein Zimmer in seiner Wohnung ein,

und überhäufte mich mit Höflichkeiten aller Art. Dasselbe muß ich von

dem Admiral Hartsink sagen, der hier mit seiner Escadre vor Anker lag.

Nach ungefähr vierzehn Tagen traf die Antwort des Generalgouverneurs

ein. Sie war, wie wir befürchtet hatten, abschläglich, man fand die

Kosten gar zu groß. Herr Rothenthal bekam daher den Auftrag, uns die

Ueberfahrt nach Samarang, an Bord einer Brigg zu verschaffen, die

ohnehin zu einem Kreuzzuge bestimmt war.

Plözlich mußte es sich fügen, daß ein Schiff von der Escadre des

Admirals Hartsink nach Batavia abgieng. Sofort suchte ich nebst meinem

Freunde Harsaud um Plätze darauf an. Unsere Bitte ward bewilligt, und

so begaben wir uns an Bord, wo uns der Capitain mit vieler Güte aufnahm

(5. April).

Siebentes Capitel.

Wir waren noch denselben Abend unter Segel gegangen, und kamen bei dem

ziemlich günstigen Winde, schon am folgenden Tage aus der Meerenge

heraus. Capitain ~Ruysch~ hatte uns die Hälfte seiner Cajüte

eingeräumt, und wir speisten regelmäßig Mittags und Abends bei ihm.

So kamen wir ohne weitere Vorfälle am neunten Tage (14. April) auf

der Rhede von ~Samarang~ an, welches der Hauptposten auf der

ganzen Nordküste ist. Samarang giebt nämlich den Mittelpunkt aller

Verbindungen, und die Hauptniederlage aller Erzeugnisse der Insel

ab. Die dortige Gouverneursstelle ist, nach der von Batavia, die

einträglichste im ganzen holländischen Indien. Sie wirft jährlich an

250,000 Piaster ab. Herr Engelhard, der sie jezt bekleidet, macht

daher ein sehr glänzendes Haus. Die Luft von Samarang ist gesund, die

Gegend schön, das gesellschaftliche Leben angenehm. Wir lernten unter

andern einen Major ~Keller~ kennen, der früher General-Adjutant in

französischen Diensten, und schweizerischer Kriegsminister gewesen war.

Nach einem achttägigen Aufenthalte giengen wir am 23. April wieder

in See, und segelten zwei Tage lang, längs der reizenden Küste hin.

Am 26. Mittags ankerten wir auf der Rhede von ~Tcheribon~, und

begaben uns sogleich ans Land. Hier wurden wir bei dem Wachtposten

sehr feierlich empfangen, und fanden zwei prächtige Wagen bereit. Der

Resident, Herr Roose, der anderthalb Lieuen von der Küste wohnt, hatte

uns dieselben entgegengeschickt. Wir fuhren hierauf durch eine sehr

schöne Landschaft, die einem großen Graben glich, und kamen so bei

Herrn Roose an. Er vereinigt asiatischen Luxus, und europäische Eleganz

auf eine seltene Art. Der Distrikt von Tcheribon liefert den besten

Caffe von ganz Java; die Residentenstelle trägt jährlich an 60,000

Piaster ein.

Wir blieben drei Tage in Tcheribon, und giengen dann mit mehreren

kleinen Küstenfahrern, die wir unter Convoy nahmen, in See. Die Küste

wimmelt von Seeräubern aus Banca, Sumatra und Java selbst. Diese

fallen kleine Schiffe, besonders chinesische Junken, mit vieler

Kühnheit an. Europäer werden ermordet, Asiaten zu Sclaven gemacht.

Der Hauptschlupfwinkel dieser Seeräuber ist die Insel Carimon, zehn

Seemeilen von der Küste, auf der Höhe von Samarang. Hier sind ihrer oft

hundert, ja hundert und fünfzig bis zweihundert beisammen, besonders,

wenn ein Hauptschlag ausgeführt werden soll. Vor kurzem hatte man von

Batavia zwei Fregatten, und eine Brigg gegen sie abgeschickt. Diese

Schiffe kamen gerade zu rechter Zeit an, denn eben war die ganze Bay

von Carimon mit Seeräubern angefüllt. Man blokirte daher sogleich den

Eingang, und bereitete den Angriff auf den folgenden Morgen vor. Es

schien um die Räuber geschehen zu seyn, allein zum Unglück war der

Capitain der Brigg nicht wachsam genug. Sie entwischte daher in der

Dunkelheit, und waren am andern Morgen längst aus dem Gesichte der

Division.

Am 27. April kamen wir endlich auf der Rhede von Batavia an. Kaum

zeigte ich mich in der Stadt, als ich mit Freude und Erstaunen

aufgenommen ward, denn jedermann hatte mich todt geglaubt. Der

Gouverneur wünschte mich von neuem in Dienste zu nehmen; allein alles

rief und zog mich nach Europa zurück. Zum Glück befand sich gerade

ein Caper von jener Insel auf der Rhede, der dahin zurückzugehen im

Begriffe war. Nach einigen Unterhandlungen erhielt ich einen Plaz

darauf, und begab mich demnach am 8. Mai an Bord. Diesmal war unsere

Fahrt glücklicher; am 1. Juni bekamen wir schon die Insel Bourbon zu

Gesicht.

Der Engländer wegen, hatte der Capitain von seinen Rheden den Befehl,

mit der größten Vorsicht zu Werke zu gehen. Wir suchten daher die Küste

zu gewinnen, um wo möglich Erkundigungen einzuziehen. Allein der Wind

war fortdauernd ungünstig; wir brachten also sechs volle Tage damit zu.

Endlich erhielten wir Nachricht, daß die englische Escadre verschwunden

sey. So sezten wir unsere Fahrt nach Isle de France fort, und erkannten

am 8. Juni Morgens, einen der höchsten Berge dieser Insel, Morne

Brabant genannt.

Gegen Mittag erblickten wir nicht weit von uns ein dreimastiges Schiff,

zogen die Flagge auf, und riefen es an. Es zog ebenfalls französische

Flagge auf, und zwar dreimal hinter einander, was uns, da es keine

Antwort gab, äußerst verdächtig vorkam. Um acht Uhr Abends waren wir

nur noch einige Seemeilen von der Insel entfernt. Plözlich stiegen von

einem Bergposten zwei Raketen auf; bekanntlich das Signal, wodurch die

Nähe des Feindes angezeigt wird. Wir hielten es indessen für einen

Irrthum, und glaubten nicht daran. Als aber das Signal, nach Verlauf

von zwei Stunden, der Regel gemäß, wiederholt ward, drehten wir

plözlich um, und sezten alle Segel bei. Jezt gieng es abermals auf Isle

de Bourbon zu, wo auch am 10. Morgens der Anker fiel.

Mein Aufenthalt auf dieser Insel dauerte jedoch nur kurze Zeit. Schon

am 18. gieng ich nämlich, meiner mündlichen Mittheilungen wegen, auf

einem Aviso nach Isle de France ab. Dies Fahrzeug war mit Rudern

versehen, und ganz zu einer schnellen Ueberfahrt geschickt. Wir

entkamen den Engländern glücklich, und liefen am 22. Juni Abends in der

Riviere Noire ein. Bei meiner Ankunft zu Port Louis, ward ich von dem

General Decaen mit großer Freude empfangen; auch er hatte mich auf den

Bericht eines amerikanischen Schiffers todt geglaubt.

Er machte mir Hoffnung, mich in wenig Monaten nach Europa abzusenden,

und stellte mich inzwischen wieder bei dem Ingenieurscorps an. Allein

es vergieng ein volles Jahr, ehe sich eine passende Gelegenheit zu

meiner Rückreise fand. Erst im August 1806 war endlich das dazu

bestimmte Schiff segelfertig, und alles gehörig in Richtigkeit. Am

11. August schiffte ich mich ein, am 15. November kam ich, nach einer

ziemlich glücklichen Fahrt, in dem spanischen Hafen Passages bei St.

Sebastian an. Von dort sezte ich meine Reise über Bayonne, Bordeaux u.

s. w. nach meinem Geburtsorte, wo meine Familie lebte, zu Lande fort.

Dritte Abtheilung.

~Heinrich Potter.~

~Quelle.~

=L'otgevallen en Ontmoetingen op eene mislukte Reize naar de Kaap de

Goede Hoop. Door ~H. Potter~. 1807 -- 9. IV. Vol. 8.=

~Einleitung.~

Der Verfasser war Prediger zu Peins, in der Nähe von Franken, und

erhielt im Jahre 1804 einen Ruf nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung.

Allein da bald darauf der Krieg wieder ausbrach, so fand sich keine

sichere Gelegenheit zur Reise dahin. Erst zu Ende des genannten Jahres

bot sich eine solche in einem preußischen Hafen dar. Wir haben uns

bemüht, die ~niederländische~ Manier des Verfassers sorgfältig

beizubehalten, überzeugt, daß es den gemüthlichen Lesern gewiß

Vergnügen machen wird.

~Erster Brief.~

~Leer~ Novemb. 1804.

Liebster Freund. Am 15. October erhielt ich Befehl und Anweisung,

bis zum 10. November an Bord zu seyn. Ich eilte daher sofort nach

Amsterdam, um alle meine Einrichtungen zu treffen, welches Gott sey

Dank, über meine Erwartung von statten gieng. Hierauf kehrte ich am 27.

October nach Peins zurück, wo meine Frau inzwischen alles eingepackt

hatte, und reiste am folgenden Morgen mit ihr und den Kindern nach

Dockum ab. Hier sollte sie bleiben, bis sich bequeme Schiffsgelegenheit

nach der Capstadt fand.

So war alles in Ordnung gebracht. -- Endlich am 5. Morgens -- Nie werde

ich den Augenblick vergessen, liebster Freund. -- »O bleibe bei uns

Vater! Verlaß uns nicht!« -- riefen meine ältesten drei Kinder, und

klammerten sich an mich an, während der Säugling ruhig in der Wiege

schlief. -- Wäre meine Frau nicht standhafter gewesen, als ich -- Ich

glaube, ich hätte in diesem Augenblicke auf Alles Verzicht gethan. So

riß ich mich endlich mit gepreßtem Herzen los. Meine Sachen wurden jezt

in die Schuit[16] gebracht, und ich folgte mit thränenden Augen nach.

Zu meiner Freude waren nur noch zwei Personen in dem Roef[17] daher ich

ziemlich ungestört blieb. Abends kamen wir so in Gröningen an.

Ich hatte von Gröningen am nächsten Tage mit der Schuit nach Delfzyl

zu gehen gedacht, wo ich Gelegenheit nach Leer zu finden sicher war.

Allein es fror die Nacht so heftig, daß ich nicht weiter daran denken

konnte. Ich ließ daher meine Sachen auf einen Wagen laden, auf dem sich

zugleich ein Siz für mich und den Fuhrmann befand. Da es schon zwei Uhr

war, als wir abfuhren, kamen wir Abends nicht weiter als Scheemda, ein

großes, schönes Dorf, wo Nachtquartier gemacht ward.

Am folgenden Morgen gieng es bei schönem hellen Wetter, durch den

reichsten und fruchtbarsten Theil der Provinz, nämlich das Oldampt.

Besonders groß und prächtig sind die Pfarrwohnungen, wie denn die

Geistlichen hier solche Einkünfte haben, wie vielleicht nirgends

anderes in unserem Vaterland.

In der Nähe von Neuschanz (=de Nieuwe Schans=) war der Weg

außerordentlich schlecht. Indessen kamen wir Abends ohne Unfall an.

Hier lohnte ich meinen Fuhrmann ab, weil mit seinem schweren Wagen

unmöglich weiter zu kommen war. Ich hielt es fürs beste, zwei kleinere

zu nehmen, worauf die Reise am nächsten Tage weiter gieng.

Bald kamen wir nun auf preußischen Boden, indem der Grenzpfahl ganz

nahe bei Neuschanz steht. Das Land verräth viel Wohlstand, besonders

der Theil, der unter dem Namen, der Preußische Polder bekannt ist.

Ueberall herrliches Wiese- und Ackerland, und die schönsten Bauernhöfe,

von städtischem Ansehen. Dies machte mich den schlechten Weg

vergessen, der bei dem eingetretenen Thauwetter fast ganz ungangbar

war. So kamen wir Nachmittags an dem Wirthshause an, das am rechten

Ufer der Ems, ungefähr eine Viertelstunde von Leer, gelegen ist.

Ich hätte mich gern noch diesen Abend über den Fluß setzen lassen,

allein es war unmöglich, weil er mit Treibeis gieng, und nur das

kleine Boot mit großer Mühe hin und wieder fuhr. Da ich nun meine

Sachen unmöglich zurücklassen konnte, ließ ich sie abladen, und in

einen Schoppen bringen, wo nach der Versicherung des Wirthes alles in

Sicherheit war. Bei meinem Eintritt in das Zimmer sah ich sogleich an

dem schmutzigen Boden, und der sparsamen Erleuchtung, daß ich mich

außer dem Vaterland befand. Ein Dutzend Münsterländer mit langen blauen

Hemden, und dicken weißen Schlafmützen, saßen mit dampfenden Pfeifen

vor dem Kamine, und erwiederten meinen Gruß in ihrer eigenthümlichen

platten Mundart.

Nachdem man mir an der einen Ecke Plaz gemacht hatte, brachte mir der

Wirth eine Pfeife, und stellte einen kleinen Tisch mit einer Flasche

Wein vor mich. Hierauf fuhr er in einer Erzählung fort, die durch meine

Ankunft unterbrochen worden war. Sie betraf seine Jugend, Verheiratung,

und Ehe. Nach dem Tode seiner ersten Frau hätte er gern eine zweite

genommen, allein er war zu alt dazu. Eine junge würde ~ihn~ nicht

gewollt haben, und zu einer von seinen Jahren hatte er selbst keine

Lust gehabt.

Auch schmerzte es ihn bitter, daß er in seiner Jugend nicht hatte

reisen können, es würde etwas ganz anderes, als ein Landwirth aus ihm

geworden seyn. Zum Beweise seiner großen Kenntnisse sprach er dann vom

Vorgebirge der guten Hoffnung, was bei ihm Ostindien hieß, und von der

unerträglichen Hitze, und den hottentottischen Affen daselbst, und

dergleichen mehr. Die guten Münsterländer hörten mit offenen Mäulern

und Ohren zu, ganz erstaunt über die unerhörte Gelehrsamkeit des alten

dicken Wirths. Indessen muß ich ihm lassen, daß er mir ein Abendessen

vorsezte, das gar nicht übel war. Auch bekam ich im oberen Stocke ein

reinliches Zimmer mit einem rechten guten Bett.

Am andern Morgen ließ ich mich nun mit meinen Sachen übersetzen, und

gelangte in einer Viertelstunde nach Leer, mein vorläufiges Reiseziel.

Hier nahm ich ein Zimmer in einem großen Wirthshause, bei einem

gewissen Wagner, wo es mir aber durchaus nicht gefiel. Besonders

stieß mich der gemeine liederliche Ton des Wirthes ab, den dieser am

Gesellschaftstische angab. Ich sahe mich also noch denselben Tag nach

einer andern Wohnung um, und fand auch bald ein recht artiges Zimmer

mit einer angenehmen Aussicht obendrein.

Es war bei einer Schiffscapitainsfrau, die mir zugleich Kost, Licht

und Heizung zu geben versprach. Für alles zusammen, das Zimmer mit

eingerechnet, forderte sie nicht mehr als sieben Gulden, die Woche,

was gewiß äußerst billig war. Das Schiff ist leider noch nicht

angekommen, man erwartet es aber, so bald die Ems vom Eise frei

ist. Unterdessen habe ich einen Theil meiner Bücher ausgepackt und

beschäftige mich so gut es gehen will. Leer selbst, mit seinen 4000

Einwohnern, und seiner jetzigen Handelsstille, bietet so gut als

gar keine gesellschaftlichen Hülfsquellen dar. Indessen kann mein

Aufenthalt nicht lange dauern, und so nehme ich mit allem vorlieb.

~Zweiter Brief.~

~Leer~ Febr. 1805.

»Der harte Frost macht alle Schiffarth unmöglich; drum will ich noch

einmal Frau und Kinder sehn!« -- So rief ich am Neujahrstage aus, und

trat sofort die Reise an. Ich überraschte meine Lieben, brachte noch

einiges im Haag in Ordnung, und kam vor ungefähr acht Tagen wieder

hierher zurück. Seitdem hat es nun so stark getaut, daß die Ems

völlig offen ist. Schon liegt ein Schiff nach dem Cap in Ladung, allein

das unserige kommt erst übermorgen an. Der Himmel gebe, daß kein neuer

Aufenthalt entsteht, damit ich doch endlich einmal meine Gemeinde

begrüßen kann.

Unterdessen habe ich Leer ziemlich kennen gelernt. Würden Sie

glauben, daß dieser kleine Ort eine lutherische, eine reformirte,

eine katholische und eine mennonitische Kirche, so wie eine Synagoge

hat? Die Ems fließt hinten daran weg, und ist im Flecken selbst nur

von einigen Stellen zu sehen. Indessen trägt sie sehr große Schiffe,

so, daß diese vor den Packhäusern ankern können, die an jener Seite

befindlich sind.

Als ich gestern fortfahren wollte, kam meine Wirthin, mir zu sagen,

daß eben unser Schiff angekommen sey. Sofort ließ ich mich übersetzen,

stieg auf den Damm, und sahe es in der untergehenden Sonne gerade vor

mir. Bald darauf langte der Capitain mit den übrigen Passagieren an,

und wir machten die erste Bekanntschaft bei einer guten Abendmahlzeit.

Diesen Morgen kam das Schiff vollends an den Wal, wie man hier sagt,

so, daß es die Ladung einnehmen kann. Ich gieng mit einigen Freunden,

es zu besehen, und fand, daß es ein gutes, festes, aber etwas kleines

Fregattenschiff war. Nun, wir werden uns zu behelfen suchen, so gut es

gehen will. Der Capitain, ein geborner Ostfriese, scheint ein recht

guter Mann, und sorgt, dem Vernehmen nach, aufs reichlichste für unsern

Schiffsbedarf. Er ist das freilich wohl im Stande, da jeder von uns

eine sehr ansehnliche Summe für die Ueberfahrt zahlt. Dies ist indessen

seine erste große Reise dieser Art. Doch hat er einen erfahrnen

Steuermann, einen gebornen Holländer, der schon mehrere Reisen nach

Ost-Indien gemacht hat. Eben so erwartet er einen Supercargo, der

gleichfalls sehr gute Kenntnisse von diesen Gegenden haben soll.

Indessen fand ich die Mannschaft, nur sechszehn Köpfe zusammen, für

eine so weite Reise etwas schwach, weil doch immer ein Drittheil davon

erkranken kann.

Leer ist der vielen Schiffe und Fremden wegen jezt äußerst lebendig,

wobei sich der reiche Theil der Kaufleute besonders in Gastmählern

zu zeigen sucht. Gewöhnlich sind es Abendmahlzeiten, von denen man

aber oft erst Morgens aufsteht. In diesen legt man hier den größten

Luxus zur Schau, besonders was die Weine betrifft. Der Bordeaux macht

dabei den Anfang, und der Champagner den Beschluß. Ueberhaupt ist der

Ostfriese von ruhigem, gutmüthigem, gastfreundlichem Charakter, so, daß

es fast allen Fremden hier sehr wohl zu gefallen pflegt.

Dazu tragen denn auch in vieler Hinsicht die angenehmen Spaziergänge in

der Nachbarschaft bei. Der besuchteste davon führt nach Bollinghusen,

eine Art Gehöfte mit einem Herrenhause, das dem Baron von Reede gehört.

Dabei befindet sich ein schöner Park und Garten, die jedermann offen

stehn. Ein großes wohleingerichtetes Wirthshaus mit einem Tanzsaal

fehlt ebenfalls nicht. Es ist daher alle Tage, besonders aber Sonntags,

große Gesellschaft hier.

Ein anderer angenehmer Weg führt nach Loga, ohngefähr eine halbe Stunde

östlich von Leer, auf der großen Straße nach Deutschland. Dieses Loga

ist ein ansehnliches Dorf, das aus einigen Straßen besteht und viele

stattliche Gebäude hat. Unter diesen befinden sich mehrere Landhäuser,

die sehr geschmackvoll eingerichtet sind. Besonders zeichnet sich

das Schloß des Grundherrn, des Grafen ~von Wedel~, aus. Es ist

fürstlich zu nennen, und mit den herrlichsten Park- und Gartenanlagen

versehen.

Eine Viertelstunde nördlich von Leer erhebt sich mitten im freien Felde

eine nicht unbedeutende Anhöhe, der ~Plettenberg~ genannt. Der

Weg dahin führt zum Theil durch eine hohe Ulmenallee, bei den Ruinen

eines alten Schlosses vorbei. Man hat von diesem Anhöhe eine sehr

ausgebreitete Aussicht auf den schlängelnden Fluß, und einen großen

Theil von Ostfriesland. Bei heiterem Wetter kann man selbst Embden,

und die Schiffe auf der dortigen Rhede sehn. Nun, in kurzem werden wir

selbst dort liegen, und dann mit Gott in offene See.

~Dritter Brief.~

An Bord, auf der Rhede von

~Embden~, April 1808.

Da bin ich denn an Bord unserer Anna Wilhelmina, dies ist der Name

unseres Fregattenschiffs. Nach Abgang meines lezten blieb ich ohngefähr

noch acht Tage in Leer. Unterdessen nahm das Schiff den Rest seiner

Ladung ein, und segelte den Fluß hinab. Wir Passagiere, acht zusammen,

folgten zu Lande nach. Morgens fuhren wir ab, Mittags kamen wir in

Embden an. Die Rhede von Embden hat das Unbequeme, daß kein großes

Schiff in der Nähe der Stadt vor Anker gehen kann. Man muß daher oft

eine Stunde, ja zwei Stunden fahren, ehe man zu seinem Schiffe kommt.

Dies war leider auch unser Fall, doch endlich hatten wir die gehörige

Höhe erreicht, und konnten unser Schiff gerade vor uns sehn. Da es aber

gerade Ebbe war, entstand ein neuer Aufenthalt. So harrten wir bis

sechs Uhr Abends am Strande, bis endlich die Schaluppe uns abzuholen

kam.

Sobald wir uns an Bord befanden, wies uns der Capitain, je zwei und

zwei zusammen, unsere Hütten an. Mit meinem Gefährten hatte ich schon

in Leer Bekanntschaft gemacht. Es war ein alter herzensguter Mann, der

als Aufseher der afrikanischen Wallfischfang-Gesellschaft ebenfalls

nach der Kapstadt gieng. Ich übernahm die Mühe, unsere Hütte in Ordnung

zu bringen, was mir denn auch nicht übel gelang.

Denken Sie sich einen kleinen Verschlag, der höchstens drei Personen

fassen kann, und das Licht nur durch ein kleines Fenster in der Thür

erhält. Denken Sie sich ferner in der einen Wand derselben zwei Koyen,

oder Schlafstellen über einander, so haben Sie unsere Hütte vor sich.

Hier muß man denn nun sehn, wie man seine Sachen unterbringt. Ein

Glück, daß ich beim Einladen unserer Provisionen zugegen war, so ward

alles gleich in die Hütte gesezt.

Was wir daher am nöthigsten brauchten, wie Wäsche, Bücher u. s. w.

kam unter die Matrazze, oder fand an den Enden der Koye einen Plaz.

Andere Sachen, wie Töpfe mit Eingemachtem, Thee, Kaffee, Zucker, Gläser,

Seife, Liqueur u. s. w. wurden in einen Schrank verschlossen, der

an der entgegengesezten Wand befindlich war. Einige Kleidungsstücke

wurden zwischen die Balken an der Decke der Koye gesteckt. Die größeren

Vorräthe, wie die Weinkisten, das Selteserwasser u. s. w. befanden sich

im Raume, doch oben aufgesetzt. Auf diese Art war unsere Haushaltung

sehr bald in Ordnung gebracht. Wir nahmen hierauf bei dem Capitain das

Abendessen ein, und sanken zulezt unter dem Rauschen des Wassers in

tiefen Schlaf.

* * * * *

Diesen Morgen gieng ich nur auf das Verdeck, fand aber dort alles in

der größten Unordnung. Das Schiff ist so voll geladen, daß man die

besten Sachen nicht mehr in den Raum bringen kann. So müssen z. B. die

Fleisch- und Gemüse-Tonnen sämmtlich oben bleiben, was den Platz gar

sehr beengt, und die Schiffsarbeit nicht wenig erschwert. Dazu kommen

die Passagiergüter, alles darunter und darüber, wovon jeder nach dem

Seinigen sucht. Man will versuchen, aufzuräumen, ich fürchte aber,

daß es wenig helfen wird. Von allen den schönen Vorräthen an Hämmeln,

Geflügel u. s. w. die uns der Capitain versprochen hatte, ist nicht das

mindeste zu sehen. Mehrere Passagiere denken daher, mit der Schaluppe

nach Embden zu fahren, und einzukaufen, was zu bekommen ist. Auch für

uns werden Hühner, und einige Ochsenviertel mitgebracht. So eben kommt

unser Rheder zum Abschiedsbesuch. Ich muß schließen, man ruft mich.

Morgens 7 Uhr.

Der Wind ist günstig, der Lootse an Bord. Eben wird das Anker

aufgewunden, wir gehen in See. So leben Sie denn wohl, herzlich wohl.

Die Inlage an meine liebe Frau. Gott gebe, daß wir uns alle glücklich

wieder sehn! Noch einmal, leben Sie herzlich wohl, und denken Sie

meiner mit Freundschaft, wie Ihrer ewig denken wird.

Ihr P.

~Vierter Brief.~

~In See~ Mai 1805.

Wir laviren im Kanal; die Küsten von England und Frankreich liegen

deutlich vor uns. Besonders sind wir jener so nahe, daß wir die

herrlichen Landhäuser zu erkennen im Stande sind. Es ist das

herrlichste Wetter von der Welt, nur Schade, daß uns der Wind entgegen

ist. Anfangs gieng es sehr gut, wir kamen schon am zweiten Tag in den

Kanal. Aber seitdem haben wir schon vier verloren, und Gott weiß, wie

lange das dauern kann. Mein Reisegefährte sagt mir, daß auf diese Art

oft drei bis vier Wochen vergehn.

Unterdessen suche ich mich zu beschäftigen, so gut ich kann. Ich lese,

ich schreibe, ich meditire, bald sitzend, bald stehend, wobei mein

kleines Pult in die Koye gesteckt wird. Meistens wachen wir schon um

vier Uhr auf. Dennoch bleibt jede Parthei allein bis acht Uhr, wo

alles zum Frühstück in der großen Cajüte zusammenkommt. Dann folgt ein

Spaziergang auf dem Verdecke, worauf jeder wieder in seine Hütte geht.

Um elf Uhr versammelt man sich wieder im Caffehause, das von uns selbst

errichtet worden ist.

Die drei Ostindienfahrer · 第 8 / 12 段