schwarzen Stadt, zeichnen sich durch ihren Umfang und ihre Nettigkeit
aus. Sie sind von Quadern oder Backsteinen, glänzend weiß angestrichen,
und mit Balkons, und platten Dächern versehen. Glasfenster findet man
nirgends, wohl aber welche von Bambusfäden, auch sogenannte Jalousien;
die malabarischen Häuser u. s. w. in der schwarzen Stadt sind äußerst
einfach, und haben alle nur ein Erdgeschoß.
Der Boden von Madras ist dürres Sandland, wo man nur mit Mühe einige
Produkte ziehen kann. Das Wasser ist schlecht. Man muß sich mit
Brunnen- und Teichwasser behelfen, weil das Seewasser alle Quellen
verdirbt. Die Rhede ist unsicher; die Schiffe befinden sich wie
in offener See, zumal bei Veränderung des Moußon (Jahreszeit).
Ehedem mußten daher die englischen Kriegsschiffe, vor Eintritt des
Regenmonßon, immer nach Bombay abgehen, und die englischen Besitzungen
auf der Küste, blieben allen feindlichen Angriffen von Trinconomale
(auf Ceylon) ausgesezt. Seitdem sich aber die Engländer dieses
wichtigen Punktes, so wie der ganzen reichen Insel bemächtigt haben,
können sie nicht nur ihre Flotten in der Nachbarschaft überwintern
lassen, sondern auch vor jedem Angriffe sicher seyn. Die englischen
Einwohner von Madras leben im Allgemeinen auf einem sehr glänzenden
Fuß. Der Gouverneur giebt den Ton an, und alles ahmt ihm nach, so
weit es möglich ist. Dieser asiatische Pomp zeigt sich vorzüglich in
einer zahlreichen Dienerschaft, in glänzenden Equipagen, in prächtigen
Wohnungen, in schönen Gartenhäusern, in einer vortrefflichen Tafel
und einer großen Gastfreiheit. Freilich sezt dies sehr ansehnliche
Einkünfte voraus; allein diese fehlen auch nicht. Sowohl die höhern,
als die niedern Compagniebeamten beziehen sehr hohe Gehalte, und
erwerben überdem durch Handelsgeschäfte außerordentlich viel. Die
eigentlichen Kaufleute, die Mäkler, die Aerzte und Wundärzte, die
Advokaten u. s. w. alle häufen in kurzem ansehnliche Reichthümer auf.
Mit Anbruch des Tages, d. h. um fünf Uhr Morgens steht man auf, und
fährt oder reitet spazieren bis gegen acht Uhr, wo gefrühstückt wird.
Dies ist zugleich die beste Zeit, wo man jedermann zu Hause treffen,
und Geschäfte machen kann. Die Büreauarbeit hat von neun bis zwei
Uhr statt. Jezt wird gespeist, worauf die Siesta (Nachmittagsschlaf)
folgt. Um fünf Uhr fangen die Assembleen an. Um neun Uhr wird zu
Abend gegessen, was hier die Hauptmahlzeit ist. Selten pflegt man vor
Mitternacht, in der Regel, erst gegen ein Uhr schlafen zu gehen.
Ein stehendes Theater giebt es nicht, doch finden zuweilen
Vorstellungen von Liebhabern statt. Dafür werden desto mehr
Pferderennen mit indischen und arabischen Pferden gehalten, wozu
man die kühlen Morgenstunden wählt. Gelegenheit zu Landparthien u.
s. w. giebt es mancherlei, z. B. nach dem St. Thomasberge, wo noch
ein portugiesisches Kloster ist, nach Emnore, wo man das Seebad
brauchen kann, nach Meliapar, wo sehr viel artige Landhäuser sind, und
dergleichen mehr.
Eines der angenehmsten Ereignisse für Madras ist die Ankunft eines
~Indiaman~, oder großen Compagnieschiffes, wovon die meisten auf
vier und dreißig Canonen gebohrt sind. Dann ist alles voll Leben und
Thätigkeit, und überall werden die neu angelangten Waaren zum Verkaufe
ausgestellt. Die Beamten der Compagnie haben dabei den Vortheil, daß
ihnen Tuch und Maderawein für den Facturenpreis überlassen werden
muß. Sehr angenehm ist auch die Ankunft der großen Chinafahrer auf
ihrer Rückreise nach England. Sie bringen die schönsten Seidenzeuge,
Nankins, Frauenzimmerschuhe, Porcellanwaaren, Gemälde, Fächer,
Spielsachen u. s. w. mit.
Achtzehntes Capitel.
Ich kehre zu meiner Geschichte zurück. Meine Verhältnisse erlaubten
mir, meiner Neigung zum Landleben zu folgen, und mich von allen
Geschäften völlig zurückzuziehen. Allein um dieses ausführen zu können,
mußte ich durchaus noch eine Reise nach Pondichery machen, wo ich in
weitläuftigen Verbindungen stand. Theils der Ersparniß, theils der
Schnelligkeit wegen, beschloß ich diesmal zu Wasser zu gehen, und
brachte den Abend vor der Abreise, wie gewöhnlich bei Mamia zu.
Sie war mit meinen Angelegenheiten bekannt; sie wußte wie nothwendig
diese Reise war. Kaum hörte sie mich aber vom Schiffe sprechen, als
sie zu weinen anfieng. Sie fürchtete das Meer, sie bat mich aufs
zärtlichste, zu Lande zu gehen. Allein es ließ sich nun nicht ändern,
ich suchte sie daher zu beruhigen, und verließ sie endlich nach
Mitternacht. Jezt nach einigen Stunden Ruhe begab ich mich an den
Strand, um mit einer Chialeng (Ruderboot) nach dem Schiffe zu fahren,
das bereits auf der äußeren Rhede lag.
Indem ich mich der Chialeng näherte, erblickte ich zwei Frauenzimmer
dabei, und erkannte sie bald für Mamia und ihre Begleiterin. -- »Herz
meines Herzens!« -- sagte sie -- »Ich mußte dich noch einmal sehen! Ich
wollte dich um Erlaubniß bitten, dich auf das Schiff zu begleiten; es
ist mir, als würde ich dann ruhiger seyn!« --
Vergebens suchte ich ihr dies auszureden, besonders der ungewöhnlich
hohen Brandung wegen; sie bat nun noch dringender darum -- »Gerade
deswegen!« -- fuhr sie fort -- »Wenn dir ein Unglück begegnet, bin ich
wenigstens bei dir!« -- So willigte ich endlich ein, um ihr nicht wehe
zu thun.
Allein, wie groß war mein Erstaunen, als ich die Chialeng fast ganz mit
Waarenballen angefüllt sah. -- »Was ist das?« -- fragte ich unwillig
-- »Ist das unserm gestrigen Accorde gemäß?« -- Der arme Tandel
(Steuermann) erzählte mir nun, daß die Chialeng von dem Hafenmeister
gepreßt worden sey. Wirklich trat auch in dem Augenblick ein Seecadet
auf uns zu, und befahl ihm ungestüm in See zu gehen.
Ich fühlte, daß gegen Gewalt nichts auszurichten war, und schränkte
mich daher blos auf Vorstellungen ein. -- »Die Brandung geht zu hoch!
Es ist unmöglich, daß die schwere Chialeng hinüber kommt.« -- Der arme
Tandel bestätigte es -- »Gott ist groß!« -- sezte er bedeutend hinzu --
Allein vergebens, der junge tollkühne Midshipmann bestand darauf.
Was sollte ich thun? Alle meine Papiere befanden sich bereits an Bord.
Wenn ich das Schiff absegeln ließ, war ich völlig ruinirt. Noch stand
ich unschlüßig, als Mamia beherzt in die Chialeng sprang, und so alles
entschied. Wir waren nun nebst den sechs Ruderern vier Passagiere
zusammen, indem außer dem Seecadet, noch eine alte Mestize dazu
gekommen war.
Allein kaum hatten wir uns einige Klaftern vom Ufer entfernt, als die
Chialeng kaum eine Hand breit Bord behielt. Ich winkte daher meinem
Dobasch (Bedienten) der am Ufer stand, uns ein Paar Kattamarans (kleine
Flöße) nachzuschicken, was auch sofort bewerkstelligt ward. Indessen
wälzte sich bereits die erste Woge mit donnerndem Getöse gegen die
Chialeng. Der Tandel that sein möglichstes derselben auszuweichen;
dennoch stürzte sie zum Theil auf uns herab, und die Chialeng sank bis
auf einige Zoll ins Wasser. Jeder Augenblick war kostbar -- »Komm,
Mamia!« -- rief ich, und sprang mit ihr Hand in Hand über Bord. --
Indem brach die Brandung wie ein niederschmetterndes Gewölbe über mich
her. Als ich wieder empor kam, war die Chialeng verschwunden, und Mamia
befand sich dicht hinter mir. Muthig schwammen wir nunmehr dem Ufer zu,
das ungefähr nur noch hundert Schritte von uns entfernt war.
Plözlich fühlte ich mich in die Tiefe gezogen, und erblickte mit
Entsetzen die alte Mestize, die sich an meinen Kleidern festhielt.
Vergebens suchte ich mich loszureißen; sie hatte mich im Todeskampfe
gefaßt. -- »O Mamia!« -- rief ich -- »Ich bin verloren! Rette dich!« --
»Nein!« -- erwiederte sie -- »Ich verlasse dich nicht.« -- In diesem
Augenblicke stürzte die lezte Brandung über uns her, und ich verlor das
Bewußtseyn.
Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Strande, von einer Menge
Menschen umringt, in einem Palankin. Ich erblickte meinen Dobasch, und
fragte nach Mamia. -- »Sie ist gerettet, lieber Herr!« -- erwiederte
er. -- Freudig hieß ich ihn nach dem Schiffe fahren, um meine Sachen
zu holen, und ward so glücklich nach Hause gebracht. Bald kam mein
Dobasch mit den Coffres zurück. Jezt erfuhr ich, wie alles zugegangen
war. Mamia hatte mich mit unsäglicher Anstrengung emporgehalten, bis
uns der eine Kattamaran zu Hülfe kam. Indem wir so sprachen, flog sie
mit einem lauten Schrei in meine Arme, und drückte mich aufs innigste
an sich. Zu ihrer großen Freude beschloß ich nun zu Lande zu gehen.
Alle Anstalten waren gemacht; Mamia lag zum leztenmale an meiner Brust.
-- »Ach!« -- sagte sie weinend -- »Ach Freund meiner Seele, komm so
bald als möglich zurück, wenn ich dich noch einmal sehen soll!« --
»Hier, hier schmerzt es« -- indem sie die Hand an ihr Herz legte
-- »Ich fürchte, du findest mich todt!« -- Es war ein wehmüthiger
Abschied. -- Nach einem langen, heißen Kuße riß ich mich endlich los.
Neunzehntes Capitel.
Es war gerade drei Uhr Nachmittags; langsam zogen wir durch den
Schattengang, der von Madras nach St. Thomas (indisch Maliapur) führt.
Hinter diesem Dorfe fingen die Verwüstungen des lezten Krieges
an, alles war daher mit Ruinen bedeckt. Zum Glück hatten wir uns
hinlänglich mit Lebensmitteln versehen.
Am dritten Tage kamen wir durch das Thal Maweliewarom, das seiner
wunderbaren Ruinen wegen berühmt ist. Man sieht hier nämlich eine
Reihe von Tempeln, Piramiden, Chauderies, Gewölben u. s. w., die
sämmtlich aus einem Stücke in den Felsen gehauen sind. Mit Ehrfurcht
betrachtet man diese Ueberreste einer eben so kühnen, als romantischen
Architektur, aus den ersten Jahrtausenden der Welt.
Am merkwürdigsten sind sieben Tempel, die sich in gerader Linie, einer
hinter den andern, vom Strande aus, über eine Meile weit, ins Meer
hinausziehen. Der erste steht beinahe noch ganz auf dem Lande, das
Wasser steigt nur bei sehr hohen Fluthen hinein. Die vier folgenden
ragen immer weniger, die zwei lezten fast gar nicht aus dem Meere empor.
Noch weiter in den See hinaus, erblickt man eine Menge ähnlicher
Ruinen, die bei hohem Wasser sehr gefährlich sind. Die sieben Pagoden
von Maweliewarom, pflegen daher auf allen Seekarten bemerkt zu seyn.
Alle diese ungeheuren Gebäude hält man für die Ueberreste einer
der ältesten und größesten Städte von Indien, deren Geschichte
indessen in tiefer Nacht verborgen liegt. Blos ein berühmtes
indisches Heldengedicht (Mahebaroth) erwähnt des mächtigen Königs
Joudishter, der daselbst residirt haben soll. Wie dem indessen
auch seyn mag; die Aufführung solcher Massen beweißt einen hohen
Grad artistisch-scientifischer Cultur. Das Ganze muß übrigens von
unermeßlichem Umfange gewesen seyn, da nicht nur das Thal, sondern
auch ein so beträchtlicher, jezt vom Meere verschlungener, Küstenstrich
damit bedeckt war. Mitten unter diesen Denkmälern längstverschwundener
Generationen, findet man ein kleines, meistens von Braminen bewohntes
Dorf, an dessen Eingange die Chauderie steht.
Indessen pflegen nur wenig Reisende hier zu übernachten, weil alles
mit Tigern, Schakals u. s. w. angefüllt ist. Da wir uns aber zu lange
aufgehalten hatten, schien es noch weniger räthlich, in der Dämmerung
weiter zu gehen. Wir beschlossen daher, vor der Chauderie ein großes
Feuer anzuzünden, und wechselweis dabei Wache zu halten, wo mich dann
nach dem Abendessen die erste Wache traf.
Es war fast Mitternacht, der Mond gieng hinter den waldigen Gebirgen
unter, und goß sein schwindendes Licht auf die gigantischen Ruinen
einer Pagode herab. Bald lag nun alles in Dunkelheit; kein Lüftchen
wehte; kein Blättchen rauschte; selbst das Heulen der Schakals
hatte aufgehört. Da starrte ich hinaus in die schwarze Nacht, und
auf das einsame Thal, wie auf das Grab einer entschlafenen Welt.
O Menschenleben! O Menschengröße! Augenblicke -- Jahrtausende! --
~Ein~ Tropfen aus dem Ocean der Ewigkeit.
Am sechsten Tage kam ich durch lauter verwüstete Gegenden in Pondichery
an, und fand in dem deshalb bezeichneten Wirthshause bereits einen
Brief von Mamia, der den Tag nach meiner Abreise abgegangen[12]
war. Sie schrieb mir in den zärtlichsten Ausdrücken, und hoffte
mich unverzüglich wieder zu sehen. Ihre Brustbeschwerden schienen
zuzunehmen, doch war sie im übrigen vollkommen wohl. Ich selbst ward
aber leider nunmehr von einem Fieber befallen, das mich nun alle Tage
im Bette hielt. Unterdessen hatte ich dem lieben Mädchen geantwortet,
und ihr versprochen, in zehn, zwölf Tagen wieder in Madras zu seyn.
Schon stand ich jezt im Begriffe, meine Rückreise anzutreten, als
ich von meinem Dobasch einen Brief mit der Nachricht erhielt, daß
Mamia plözlich verschwunden sey. Ein Gunekare (Wahrsager) hatte ihr
einige Tage vorher, ihren Horoscop gestellt, und ihr die nahe Trennung
von ihrem Geliebten vorhergesagt. Seit diesem Augenblick hatte sie
unaufhörlich geweint, und ihre Brustschmerzen dadurch vermehrt. In
ihrem Zimmer war jedoch nicht die mindeste Anzeige von einer Reise zu
finden; im Gegentheile waren Juwelen, Kleider u. s. w. in der besten
Ordnung. Ich gestehe es, ich erschrack über diese Nachricht so sehr,
daß ich mich kaum zu fassen im Stande war.
So hatte ich einige Tage in großer Unruhe zugebracht, als eines
Abends ein Malabar bei mir erschien, der gerade von ~Omur~ kam.
Er brachte mir Nachrichten von Mamia; sie war krank, und befand
sich in dem Hause seiner Mutter, die ebenfalls von der Caste der
Tänzerinnen war. -- »Wie?« -- rief ich mit wehmüthiger Freude aus: --
»Krank, und zu Omur?« -- »Ja Herr!« -- erwiederte der Juntrie, und
erzählte mir den Zusammenhang. Mamia kam wirklich von Madras, und
wollte nach Pondichery. Sie hatte diese Reise so eilig angetreten, daß
sie nun gefährlich darnieder lag. Die Daja hatte den Juntrie auf ihr
ausdrückliches Verlangen abgeschickt: -- »Sie wünsche mich vor ihrem
Tode nur noch einmal zu sehen.«
Man denke sich meine Empfindungen. -- Soviel Liebe, soviel
Anhänglichkeit! Und ich sollte ~sie~ verlieren, die mein Alles
war! -- Schnell ließ ich einen Palankin kommen, reiste die ganze Nacht,
und kam schon Morgens um sieben Uhr zu Omur an. Da stand ich nun mit
klopfendem Herzen vor dem kleinen malabarischen Häuschen, das meine
geliebte Freundin verbarg, während der Juntrie hineingegangen war, und
der Daja von meiner Ankunft Nachricht gab.
Die gute alte Frau erschien, und erzählte mit thränenden Augen, wie
alles zugegangen war. Mamia hatte seit meiner Abreise keinen ruhigen
Augenblick gehabt. Nichts war im Stande gewesen, sie von der Reise nach
Pondichery abzubringen; sie wollte, sie mußte mich noch einmal sehen.
Aber am fünften Tage hatte sie ein heftiges Fieber bekommen, und war
halbtodt in Omur angelangt.
Der Juntrie kam uns jezt zu sagen, daß Mamia aufgewacht sey. Die Daja
gieng hinein, sie auf meine Ankunft vorzubereiten; ich hörte meinen
Namen nennen, und folgte ihr auf dem Fuße nach. Mamia lag auf einer
Matte ausgestreckt. Ihr himmlisches Gesicht war todtenbleich; ihr
ganzes Ansehen zeigte die höchste Erschöpfung an. Aber kaum ward sie
mich gewahr, so richtete sie sich auf, und breitete ihre Arme nach mir
aus. -- »Ach mein bester Freund!« -- rief sie mit heißen Thränen --
»Wie bist du so gut! -- Nun will ich gern sterben, habe ich dich doch
noch einmal gesehen!« --
Ich suchte sie zu trösten, aber vergebens -- »Ach Gott!« -- fuhr sie
fort -- »Nein! Für mich ist keine Hülfe mehr, ich fühle es nur zu gut!
Mein Schmerz ist tödlich; meine Augenblicke sind gezählt! Geliebtester!
Ich habe nur noch eine Bitte an dich!« --
»Und was soll ich für dich thun, o Einzige meines Lebens« -- sagte ich.
--
»Du bist mir Alles! Ich habe keinen Freund als dich! Zünde du meinen
Scheiterhaufen an!« --
Ich versprach es ihr -- Sie legte ihr Haupt an meine Brust, und hob
ihre brechenden Augen noch einmal voll Zärtlichkeit zu mir empor. --
»Leb wohl, Geliebtester! -- Leb ewig wohl!« -- Dies waren ihre lezten
Worte, und so entschlummerte sie.
Nichts von meinen Empfindungen; einen solchen Schmerz hatte ich
noch nie gefühlt. Das holde theure Mädchen war das Opfer ihrer
Zärtlichkeit. Erst seit jenem schrecklichen Tage, wo sie mich rettete,
hatte sie über Brustbeschwerden geklagt.
»Theure, geliebte Seele!« -- rief ich mit heißen Thränen -- »Ach! Ohne
dich ist das Leben nur eine Marter für mich!« -- Traurig vergieng der
Tag; die Braminen richteten alles zum feierlichsten Begräbnisse ein.
-- Zum leztenmal sah ich das himmlische Gesicht -- die Flamme loderte
auf -- der unsterbliche Theil meiner Geliebten stieg zu Brama empor. --
Lebt wohl, ihr Gestade Ostindiens! -- Ich kehrte nach Pondichery, und
bald darauf nach Europa zurück!
Zweite Abtheilung.
~Ch. Fr. Tombe.~
~Quelle.~
=Voyage aux Indes Orientales etc. par ~Ch. Franc. Tombe.~
Paris VI. Vol. 8. 1810.=
~Erstes Capitel.~
Ich war Ingenieur-Capitain, und hatte seit 1796 bei der Nord- und
Rheinarmee alle Feldzüge mitgemacht. Allein nach dem Frieden von Amiens
(1802) ward ich auf Pension gesezt, was für mich, als Familienvater,
sehr traurig war. Ich suchte nun irgend eine passende Stelle zu
erhalten, meine Bemühungen hatten jedoch keinen Erfolg. Endlich ward
ich mit einem Kaufmanne aus Isle de France bekannt, der daselbst
ansehnliche Plantagen besaß. Er that mir den Vorschlag, ihn dahin zu
begleiten, versprach mich als Supercargo nach Ostindien zu senden, und
bestimmte mich ohne viel Mühe zur Annahme seines Antrags. Ich erbat,
und erhielt hierauf den nöthigen unbestimmten Urlaub, wieß meiner
Familie inzwischen meine Pension an, und schiffte mich endlich am 24.
September 1802 mit meinem neuen Freunde, nach unserer Bestimmung ein.
Unsere Ueberfahrt bis nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung bot wenig
Merkwürdiges dar. Wir waren neun und dreißig Passagiere, worunter
fünfzehn Frauen, an Bord, so daß es gar sehr an Bequemlichkeit gebrach.
Am 25. December Vormittags um 4 Uhr, erreichten wir das Cap, wo noch
die englische Flagge wehte, aber auch eine holländische Flotte vor
Anker lag. Wie gewöhnlich, kamen sofort zwei Gesundheitsbeamten u. s.
w. zu uns, ließen uns sämmtlich die Musterung passiren, und erlaubten
uns, nach einer kurzen Berathschlagung ans Land zu gehen. Wir hörten
jezt, daß der englische Gouverneur, General Dundas, das Cap an die
Holländer zurückzugeben im Begriffe war.
Was ich über die Capstadt sagen könnte, ist bekannt; überdem war mein
Aufenthalt äußerst kurz. Die Uebergabe war auf den 1. Jan. 1803
festgesezt, die Einwohner bereiteten eine Menge Feierlichkeiten vor.
Plözlich am 31. December Nachmittags kam eine englische Corvette an.
Sie hatte die Reise von Plymouth in neun und fünfzig Tagen gemacht,
und brachte wichtige Depeschen an den General Dundas mit. Er erhielt
nämlich Befehl, die Uebergabe aufzuschieben, wenn es noch irgend
möglich sey. Schon waren fünfzehnhundert Mann von den englischen
Truppen eingeschifft, und sollten in einigen Tagen nach Ostindien unter
Segel gehen. Vier und zwanzig Stunden später, und Alles hätte eine
andere Gestalt gehabt! So aber wurden die Truppen wieder ausgeschifft,
die Posten verdoppelt, und die Holländer in die Caserne gesperrt. Die
Bestürzung der Einwohner war unbeschreiblich.
Bald darauf verbreitete sich das Gerücht vom nahen Ausbruche eines
neuen Krieges, und einem provisorischen Embargo. In diesem Falle
wartete unserer förmliche Kriegsgefangenschaft. Zum Glück ward
indessen dem Capitain abzusegeln erlaubt. Wir begaben uns daher
noch denselben Abend wieder an Bord. Endlich am 2. Januar kamen wir
glücklich in See, und am 6. Februar liefen wir in Port Louis, auf Isle
de France ein. So hatten wir die ganze Reise in fünftehalb Monaten
gemacht.
Während dieser Zeit war mir mein neuer angeblicher Freund bereits nicht
wenig verdächtig geworden, aus Gründen, die ich eher andeuten, als
sagen kann. Wirklich fand ich mich auch bei meiner Ankunft auf Isle de
France sehr bitter getäuscht; jedermann rieth mir von dieser Verbindung
ab. Ich trennte mich daher augenblicklich von ihm, und dachte auf eine
Unternehmung auf eigene Hand. Ein Pariser Freund hatte mir mehrere
Wechsel auf hiesige Häuser anvertraut. Ich beschloß Waaren dafür
einzukaufen, und damit nach Pondichery zu gehen. Allein die Schuldner
waren nicht zahlungsfähig; man denke sich daher meine Verlegenheit.
Noch war ich dem Capitain achtzehnhundert Livres für meine Ueberfahrt
schuldig, und hatte keinen Sol zu meinem Unterhalt. Das einzige,
worauf ich hoffen konnte, war eine Anstellung in Pondichery, zu dessen
Besizergreifung Admiral Linois eben abgegangen war. Unterdessen nahm
ich eine Hofmeisterstelle in einem Hause an, wo ich die liberalste
Behandlung fand.
So waren an sechstehalb Monate vergangen, als mein Schicksal plözlich
eine andere Wendung bekam. Am 17. August Morgens lief nämlich die
französische Fregatte la belle Poule, Capitain Bouillac, hier ein.
Sie gehörte zur Division des Admirals Linois, und überbrachte die
Nachricht, daß die Uebergabe von Pondichery verweigert worden sey.
Da dies den nahen Ausbruch eines neuen Krieges anzudeuten schien,
ward sofort auf den Batterien Alles in Vertheidigungsstand gesezt.
Nachmittags um zwei Uhr ankerte der Admiral selbst mit seiner ganzen
Division. Wenig Tage nach seiner Ankunft auf der Rhede von Pondichery
hatte er nämlich Depeschen aus Frankreich erhalten, mit dem Befehle,
sogleich nach Isle de France unter Segel zu gehen. Dem zu Folge hatte
er in der Nacht die Anker gekappt. Am Bord des Admiralschiffes, befand
sich der nach Pondichery bestimmte Generalgouverneur Decaen, und der
Colonialpräfect Leger, dessen Familie zu Pondichery zurückgeblieben
war. Niemand zweifelte mehr am Kriege; doch wußte Niemand etwas
Gewisses davon. Endlich am 28. August kam der Cutter le Berceau,
Capitain Holgan von l'Orient an, und brachte die officielle Bestätigung
mit. Zugleich war der General Decaen zum Generalgouverneur aller
französischen Besitzungen, östlich vom Cap, folglich auch von Isle de
France ernannt. Durch ihn, der sich meiner wohl erinnerte, ward ich
wieder bei dem Ingenieurcorps angestellt. Dabei erhielt ich den Befehl,
mich zu einer geheimen Expedition bereit zu halten, die eben im Werke
war.
Zweites Capitel.
Am 9. October bekam ich Befehl mich einzuschiffen, und zwar an Bord
der Corvette Le Berceau, Capitain Helgan. Die Expedition bestand
aus dem Marengo von 80 Kanonen und einigen Fregatten, sämmtlich
unter dem Commando des Admirals Linois. An Landtruppen hatten wir
ein Bataillon bei uns; der Ort unserer Bestimmung indessen war noch
ungewiß. Unterdessen kamen wir glücklich in See. Hier öffneten die
Commandanten ihre versiegelten Befehle, und nun ward alles bekannt.
Der Admiral sollte eine Zeitlang in den indischen Gewässern kreuzen,
die englische Faktorei auf Sumatra zerstören, und dann nach Batavia
gehen. Hier sollten die Truppen, dem Verlangen der Holländer gemäß, als
Hülfstruppen bleiben, wie es schon einmal der Fall gewesen war.
Unser Kreuzzug war indessen, wie es meistens zu gehen pflegt, einförmig
genug. Wir verloren ein Paar Matrosen; wir hatten einige Windstöße
auszuhalten; wir machten mehrere zum Theil sehr reiche Prisen, und
dergleichen mehr. Am 1. December bekamen wir die Insel Sumatra zu
Gesicht; am 2. näherten wir uns der Bay von Bencoule, am 3. in der
Nacht griffen wir die daselbst befindliche Schiffe an. Drei wurden
genommen, die übrigen fünf verbrannt. Zugleich wurden sämmtliche
Magazine der Faktorei zerstört. Am meisten schien uns zu statten zu
kommen, daß man überrascht ward, und uns anfangs selbst für Landsleute
hielt.
Am 12. December Morgens näherten wir uns der Rhede von Batavia,
und wurden von dem kleinen Fort auf der Insel Onruß, wo sich die
Kompagniewerfte befinden, sehr feierlich begrüßt. Indessen machten
die Schiffe auf der Rhede eilige Anstalten unter Segel zu gehn.
Wahrscheinlich sahen sie uns für Engländer an, denn ihre Bewegungen
verriethen Aengstlichkeit. Um sie zu beruhigen, schickte der Admiral
unsere Corvette ab. Wir sezten zu diesem Ende Segel auf Segel bei,
und so war in kurzem die Wachtfregatte erreicht. Nachdem wir diese
unterrichtet hatten, machte sie einige Signale, und alle Schiffe zogen
ihre Flaggen auf. Bald war die Ruhe wieder hergestellt, und die ganze
Division konnte vor Anker gehn.