Nachdem ich meine Geschäfte besorgt hatte, sezte ich meine Reise ohne

Verzögerung fort. Vorher hatte sich noch ein Gefährte, ein gewisser

holländischer Capitain, Namens Holtrop, zu mir gefunden, der nach

dem Verluste seines Schiffes nach Madras zurückging. Wir kamen durch

die Dörfer Okalgatta und Sorligatta, und nahmen unser Nachtlager in

einer Chauderie hinter Naralcor. Der lezte Theil des Weges war äußerst

angenehm; er lief durch eine fruchtbare Ebene, mit den mannigfaltigsten

Pflanzungen bedeckt. Kaum hatten wir aber die Chauderie erreicht, als

ein heftiges Ungewitter ausbrach. Da sich nun außer uns noch an sechzig

Reisenden darin befanden, konnten wir allerdings nicht ohne Besorgnisse

seyn. Indessen gieng alles glücklich vorüber, und nach einigen Stunden

war der Himmel wieder völlig wolkenleer.

Unsere harmlosen Hindus hatten inzwischen nicht die mindeste Furcht

gezeigt. Die Männer lasen oder sprachen; die Weiber und Mädchen

schäkerten und kochten; die Kinder spielten mit unbefangener

Fröhlichkeit fort. Nach dem Essen wurde erzählt und getanzt, und alles

war voll Milde und Fröhlichkeit.

Die folgende Tagereise war entzückend schön; die ganze Landschaft

blühte und grünte in üppiger Fruchtbarkeit. Wir giengen über den

Kischtna, der in dieser Jahrszeit nicht besonders wasserreich war.

Die Ueberfahrt ward wie gewöhnlich, in großen, runden, platten Körben

gemacht. Diese Körbe haben ungefähr zwölf Fuß im Umfange, sind mit

Leder überzogen, und werden mit Pagaien (kurzen Rudern) in Bewegung

gesezt. Man muß sich indessen in diesen Körben sehr ruhig verhalten,

indem sie beständig im Kreise drehen. Einige sind groß genug, um zehn

bis zwölf Personen zu fassen; allein Hokkeries (indisches Fuhrwerk),

Palankins u. s. w. werden niemals auf diese Art übergesezt. Hierzu

bedient man sich der sogenannten Sangaries, welches ausgehölte

Cocosstämme sind.

Wir ergözten uns während der Ueberfahrt an den herrlichen

Uferansichten, und langten endlich in dem freundlichen Dorfe

Kischtnapatnam an. Die Chauderie lag in der Nähe des Stromes, was uns

der Kühlung wegen höchst willkommen war. Hier hörte ich zum erstenmale

die melodischen Minkurwies (eine Art Wasservögel), die, wie man

behauptet, in dem Kischtna ausschließend zu finden sind. Ich glaubte

die Töne einer Aeolsharfe zu hören, und sank dabei in den süßesten

Schlaf.

Nach einem stärkenden Morgenbade sezten wir unsere Reise weiter fort.

Die Gegend war eben, und meistens mit Reis- und Gerstenfeldern

bedeckt. Nur hie und da ragten aus den gelblichten Aehrenfluten einige

glänzend grüne Hügel hervor. Dann folgte eine sandige, mit lichtem

Tannengebüsch bedeckte Ebene, von einer Menge Schakals bewohnt. Endlich

zeigte sich eine Reihe düsterer Cocoshaine, von Tausenden von Vögeln

belebt. So langten wir um ein Uhr in Pampeton an. Dies ist ein großes

volkreiches Dorf, das von einer Menge Betelgärten und Baumpflanzungen,

Tamarinden und Arekagebüsche umringt ist.

Nachmittags kamen wir bei einer neuen Chauderie, und einem dem

Goneisch (Gott der Andacht) geheiligten Tempel vorbei. Das Götzenbild

lag indessen noch auf dem Boden; es fehlte noch das nothwendigste

Erforderniß seiner Göttlichkeit. Dies waren die ~Augen~, die immer

erst der Oberpriester mit vielen Feierlichkeiten einsezt. So lange ein

Götzenbild noch dieser entbehrt, wird es blos für einen gewöhnlichen

Block angesehen.

Mit einbrechender Dämmerung kamen wir in einem großen, auf einer

Anhöhe gelegenen Dorfe an. Hier quartierten wir uns in einer Trivasel

(der kleinsten Art von Chauderies) ein, und fanden zu unserer Freude

nur wenig Reisende darin. Allein da es bald darauf heftig zu regnen

anfieng, kam in kurzem noch ein ganzer Schwarm dazu. Ich eilte

daher mein Abendessen einzunehmen, ließ den Palankin unter einen

dickblätterigen Baum stellen, streckte mich hinter den Vorhängen auf

meine Matrazze hin, und schlief, troz der Clapper eines Reisfeldhüters,

in wenig Minuten ein.

Am folgenden Morgen, das herrlichste Wetter, und alles voll Leben und

Heiterkeit. Indessen begegnete mir schon in der ersten Stunde ein

Unfall, der wenigstens meinen armen Trägern den ganzen Tag verdarb. Als

ich nämlich einmal aus dem Palankin steigen wollte, ward ich einige

Schritte vor mir eine ganz still liegende Brillenschlange gewahr;

ich hielt sie für todt, und gieng unbesorgt darauf los. Allein wie

groß war mein Entsetzen, als sie sich auf einmal mit glühenden Augen,

geöffnetem Rachen und blitzender Zunge aufzurichten anfieng! Plözlich

flog ich zurück, ergriff die Flinte und drückte los, worauf die

Schlange nach einem benachbarten Busche kroch.

Unterdessen war auch Capitain Holtrop und mein Bedienter hinzugeeilt,

jeder mit einem Hirschfänger in der Hand. Wir beschlossen den Busch

anzuzünden, und auf die Schlange, die dann herauskommen mußte,

vereinigt loszugehen. Bald stand der Busch in vollen Flammen, und noch

immer erschien sie nicht. Schon glaubte ich mich geirrt zu haben,

plözlich schoß sie zwischen meinen Füßen hindurch.

»Herr! Das bedeutet Unglück!« -- riefen meine Träger mit kläglicher

Stimme, und ich selbst war fast außer mir. Aus gleichem Aberglauben

natürlich nicht; nur weil ich einer so großen Gefahr entgangen war.

Meine Träger boten jezt alles auf, um mich zum Umkehren zu bewegen,

allein ich gab durchaus nicht nach. So legten wir unsern gewöhnlichen

Tagesmarsch zurück, und kamen mit Sonnenuntergang Wohlbehalten in

Pariatschirli an.

Vierzehntes Capitel.

Unter der großen Menge anderer Reisenden, die sich allmählig in der

Chauderie zu uns gesellten, befand sich auch ein Trupp herumziehender

Tänzerinnen, Sutred-Haries genannt. Es waren ihrer sieben zusammen, wie

gewöhnlich von ihrem Tanzmeister (Chelcinbikarea) und ihrem Musikanten

(Juntries) begleitet. Nachdem sie sich in dem benachbarten Weiher

gebadet, und ihre Tanzkleider angelegt hatten, kam die erste Tänzerin

auf mich zu, überreichte mir einen Blumenstrauß und fragte, ob es mir

gefällig sey, ihre Gesellschaft tanzen zu sehen. Ich erwiederte ihren

Gruß, bestellte sie nach dem Abendessen wieder, und ward dafür von

allen Anwesenden mit Danksagungen überhäuft. -- »Der gute Herr! Der

große Herr!« -- tönte es in der ganzen Chauderie wieder; denn tanzen zu

sehen, ist für die Hindus, besonders für das weibliche Geschlecht, ein

höchst angenehmer Zeitvertreib. Kaum war ich nun mit dem Essen fertig,

als alles die Matten bei Seite schaffte, und einen großen Kreis um

mich schloß. Bald darauf erschienen die Tänzerinnen, hinter ihnen die

Juntries. Die Musik fieng an; die lieblichen Nymphen entschleierten

sich, und begangen den kunstreichsten Elfentanz. Sie waren aus Surate,

das von jeher für den Geburtsort der schönsten und vorzüglichsten

Tänzerinnen galt. Mit großem Vergnügen sah ich ihnen wohl eine Stunde

zu.

Aber endlich war es Zeit aufzuhören; ich gab demnach das Zeichen dazu

-- »Genug, schöne Mädchen!« -- sagte ich im indischen Stil -- »Genug

für diesmal! -- Ihr habt mir mit eurem kunstreichen Tanze die höchste

Genüge gethan, und mein Herz mit Entzücken erfüllt. Gewiß, Rhambe (die

Göttin des Tanzes) selbst übertrifft euch nicht. Seyd ihr nicht zu sehr

ermüdet, so vergönnt mir, daß ich nun auch eure lieblichen Stimmen

hören kann!« -- Dieses Lob gefiel ihnen außerordentlich, zumal, da es

von einem Europäer kam. Sofort sezten sie sich in einen Halbkreis, und

sangen mir eine der schönsten indischen Romanzen, die Liebesgeschichte

des Prinzen Sondor, und der Prinzessin Biddrah vor. Dies dauerte bis

Mitternacht. Endlich machte ich der ersten Sängerin ein angenehmes

Geschenk, und entließ die ganze Truppe, höchst vergnügt über meine

Freigebigkeit.

Alles eilte nun schlafen zu gehen, und ich selbst suchte meinen

Palankin auf. Kaum hatte ich aber einige Minuten geschlummert, als

ich durch ein leichtes Zupfen am Ueberhange wieder geweckt ward. --

»Wer da?« -- rufte ich, indem ich denselben aufhob. -- »Ich bin es,

mein Herr!« antwortete eine leise Stimme -- »Die Daja (Aufwärterin)

der Sutred-Haries (Tänzerinnen). Ich bringe euch tausend Grüße von

dem lieblichen Mädchen, mit dem Kranze von weißen Rosen im Haar. Eure

Freundlichkeit hat ihr Herz geöffnet, wie sich die Lilie der Sonne

aufschließt. Empfangt diesen Betel; sie bereitete ihn selbst für euch.

Sie sizt zu den Füßen eures Lagers und erwartet euren Befehl!« --

Das liebliche Mädchen mit dem Kranze von weißen Rosen war mir

allerdings sehr erinnerlich. Es hatte bei seiner Jugend, Grazie und

Schönheit, einen sehr lebhaften Eindruck auf mich gemacht. Indessen

kannte ich die reisenden Tänzerinnen etwas genauer, beschloß daher auf

meiner Hut zu seyn, und fertigte die Daja mit einer ziemlich kalten

Antwort ab.

»Wie, mein Herr!« -- erwiederte sie lebhaft -- »Ihr verschmäht die

schöne Mamia? -- Ich glaubte doch bemerkt zu haben, daß sie euch nicht

gleichgültig war. -- Was fürchtet ihr? -- Sie ist mein liebstes Kind,

und ihr seyd der erste, dem sie den Betel der Liebe[6] schickt.«

Ich mußte lächeln -- »~In Wahrheit?~« -- fragte ich etwas

spöttisch -- »Aber seyd so gut, und laßt mich mit eurem Kampaak in

Ruhe, ich bitte euch darum.« -- Sie verbeugte sich tief und gieng.

Als ich indessen am folgenden Morgen das schöne Mädchen noch einmal

sah, ward ich in meinem Innersten gerührt. Wie viel Liebreiz! Welche

Sehnsucht! Und welcher stille Schmerz! Ihre Augen schwammen in Thränen;

sie wandte ihr Gesicht von mir ab, und verschleierte sich. Wir brachen

auf, ich hoffte die Tänzerinnen nachkommen zu sehen; allein sie hatten

andere Stationen gewählt.

Wir aßen Mittags zu Pondipitly, wo wegen eines Festes alles voll

Fröhlichkeit war. Unter andern sahen wir einen Schonir (eine Art

Bettelmönche), der die Flöte durch die ~Nase~ blies. Er steckte

nämlich zwei kleine, ungefähr anderthalb Spannen lange, Flöten in die

Nasenlöcher, und blies Prime und Secunde mit großer Fertigkeit darauf.

Nachmittags kamen wir bei einem schönen Ala[7] vorbei. Er mochte

ungefähr erst hundert Jahre alt seyn; gleichwohl bildete er mit seinen

unzähligen herabhängenden Aesten bereits ein grünendes Gewölbe, das

wenigstens tausend Schritte im Umfange hielt. Abends blieben wir in

Palpatte, wo eine der größten Chauderies von ganz Indien ist.

Unsere lezte Tagereise bot wenig Merkwürdigkeiten dar. Wir begegneten

einer anderen Truppe Tänzerinnen, und ich dachte lebhaft an die

liebliche Mamia. Gegen fünf Uhr kamen wir in Carraconde an. Die

Chauderie war bereits völlig besezt, wir lagerten uns daher in einem

benachbarten Mangabusch. Um schneller Feuer zu bekommen, raffte ich

einige trockene Baumblätter auf. In dem Augenblicke fühle ich einen

stechenden Schmerz; ziehe die Hand zurück, sehe, daß eine schwärzliche

Schlange daran hängt, und verliehre das Bewußtseyn.

Fünfzehntes Capitel.

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Feuer, von meinen Trägern

umringt. Sie fuhren fort, meinen Finger gegen die Flamme zu halten, um,

wie sie glaubten, das Gift heraus zu ziehen; während bereits nach dem

Schorpojan, oder Schlangenbeschwörer geschickt worden war. Bald darauf

kam der Bote mit der Nachricht zurück, daß derselbe abwesend sey.

Indessen brachte er dafür einen mohrischen Waitium (Arzt) mit. Dieser

besah meinen Finger mit großer Aufmerksamkeit, und erklärte mir ohne

Umschweife, daß ich allerdings nicht außer Gefahr sey. Indessen gab er

mir einen Löffel von einer höchst bittern Latwerge ein, versprach den

andern Tag wieder zu kommen, und nahm mit den Worten: Gott ist groß!

(Tambrane meharse!) Abschied von mir.

Es währte keine halbe Stunde, als mich ein allgemeines Frösteln mit

heftigem Schwindel überfiel -- »Freunde!« -- rief ich mit gebrochener

Stimme. -- »Es ist vorbei! Ich sterbe! Lebt wohl! Lebt alle wohl!« --

Alle schwiegen und weinten; ich fühlte wie es immer düsterer um mich

ward. Auf einmal hörte ich ein lautes Pfeifen neben mir. Ich schlug die

Augen auf, und erblickte dieselbe Schlange, von der ich gebissen worden

war. -- »Das ist sie! Das ist sie!« -- rief ich mit Entsetzen, während

sie langsam an einem vom Feuer beleuchteten Stamme herunterkroch.

Meine Leute betrachteten sie nun genauer, und versicherten einstimmig,

daß sie nicht giftig sey. Mein Schwindel verlor sich; ich athmete mit

leichterer Brust.

Indessen nahm der Schmerz am Finger außerordentlich zu. Bald zeigte

sich der Anfang einer Entzündung, die allmählig die ganze Hand zu

ergreifen schien. Ich beschloß daher, auf den eigenen Rath des Waitiums

nach Naporlie zu gehen, wo ein berühmter Schorpojan wohnhaft war. Wir

kamen an, aber leider befand er sich nicht mehr daselbst. In dieser

verzweifelten Lage beschloß ich so schnell als möglich nach Madras zu

eilen, und brach auch wirklich am folgenden Morgen in aller Frühe auf.

Aber welcher Unterschied! Meine Träger niedergeschlagen; ich von den

heftigsten Schmerzen gequält; mein Reisegefährte ebenfalls krank.

Schweigend und traurig zogen wir daher; das einförmige Hei! Hei! Hei!

der Träger[8] war alles, was von Zeit zu Zeit die melancholische

Stille unterbrach. So kamen wir Mittags nach Kalurie, wo wir ganze

Heerden calecuttischer Hühner sahen, und übernachteten bei Madupatte

unter Bäumen in freier Luft. Mein Schmerz war unerträglich; ich konnte

keine Viertelstunde ruhen; wir machten uns daher noch vor Sonnenaufgang

auf den Weg.

Der Boden ward sandiger, die Landschaft kahler, die Bevölkerung

schwächer; alles kündigte die Nähe des Meeres an. Indessen fanden

wir doch noch ein sehr schönes Dorf, Anenabob genannt, wo zu Mittag

gegessen ward. Nachmittags passirten wir den Gondakama in einem

Sangarie (hohlen Cocosstamme) und kamen Abends nach Pandalur, das

ganz mit Betelgärten umgeben ist. Ich hatte eine sehr traurige

Nacht. Gegen Morgen indessen bekam ich einige Linderung, und durfte

einer erträglichen Tagereise entgegen sehen. Sie bot jedoch nichts

Merkwürdiges dar. Wir hielten Mittags zu Binganapilli an, und

übernachteten zu Aschacoldindi, das in der Nähe des Meeres liegt.

Die Chauderie war völlig leer; ich ließ daher meinen Palankin

hineinbringen, und fiel in einen tiefen Schlaf.

Als ich am andern Morgen erwachte, war der Schmerz in meiner Hand

beinahe verschwunden, allein der Finger völlig fühllos, folglich der

Brand nur zu gewiß. Eilends rief ich meine Träger herbei. -- »Ich muß

nach Madras, Freunde« -- sagte ich -- »Nach Madras, oder es ist um mich

geschehen. -- Ich muß Tag und Nacht durch reisen, oder es ist keine

Hülfe mehr für mich!« --

Meine Kulies sahen einander an, und gaben dann einstimmig ihre

Einwilligung. -- »Ja Herr!« -- riefen sie -- »Wir wollen bei euch

aushalten; wir wollen euch nach Madras bringen, verlaßt euch darauf!«

-- Ich nahm nun noch sechs andere Träger, theils zum Ablösen, theils

zum Fackeltragen an, und die Reise ward fortgesezt.

Dieser Tag war einer der traurigsten meines Lebens, dessen ich mich

erinnern kann. Er endigte jedoch mit einer Entdeckung, worüber

ich allen meinen Schmerz vergaß. Gegen vier Uhr Nachmittags kamen

wir nämlich durch Nebabpent, ein großes, wegen eines alten Tempels

berühmtes Dorf. Diesem Tempel gegen über war ein schöner Weiher, mit

einer Menge Badender angefüllt, worunter sich an dem einen Ende auch

ein Haufen junger Mädchen befand. Ziemlich flüchtig hatte ich auf diese

Gruppen hingeblickt, als ich plözlich einen durchdringenden Schrei

vernahm. Die Stimme schien mir bekannt, ich sah noch einmal hin, und

sah -- O gütiger Himmel! -- sah Mamia, die liebliche Tänzerin, die eben

aus dem Bade gestiegen war.

»Halt! Halt!« -- rief ich den Trägern zu, sprang aus dem Palankin,

und flog auf das Mädchen zu. -- »O Mamia! Geliebte Mamia!« -- sagte

ich -- »Wie oft habe ich an dich gedacht!« -- Nie hatte ich sie so

reizend gesehen. Sie glich in ihrem feuchten, die schönen Glieder dicht

umschließenden Gewande, einer dem Meere entstiegenen Huldgöttin. --

»O mein Herr!« -- erwiederte sie mit holdem Erröthen -- »Aller Augen

sind auf uns gerichtet!« -- »Wohl süße Mamia!« -- gab ich zur Antwort

-- »Ich spreche dich in der Chauderie.« -- Sie bejahte es mit einem

himmlischen Lächeln, und eilte mit ihren Gespielinnen zurück. Wir aber

nahmen so fort von der Chauderie Besiz.

Sechzehntes Capitel.

Indessen war ich nicht wenig verwundert, weder die Juntries

(Spielleute) noch die Bagage der Tänzerinnen daselbst zu sehen. War

es ein Mißverstand? Hatten sie einen andern Lagerplatz? -- Oder waren

sie plözlich abgereist? -- Beinahe fieng ich an ungeduldig zu werden,

als die Daja mit vielen Grüßen von Mamia erschien. Sie waren in einem

Mangabusche gelagert, in wenig Minuten würde sie bei mir seyn. Ich gab

der Alten einige Rupien, ließ noch mehr Lampen anzünden, und harrte des

lieblichen Mädchens am Eingange der Chauderie. Endlich erschien sie,

doch des Wohlstandes halber die Daja mit ihr.

Sie verbeugte sich, ohne ein Wort zu sagen; allein das Klopfen ihres

Busens verrieth, wie sehr sie in Bewegung war. Ich führte sie sogleich

zu einem Teppich, und bot ihr Betel an. -- »Freue dich, schöne Mamia!«

-- sagte ich -- »Du bist gerächt!« -- Und hiermit erzählte ich ihr die

ganze Geschichte meiner Leidenschaft.

»O mein Herr!« -- erwiederte sie -- »Ich habe sie längst entschuldigt.

Ich erkenne mein Schicksal, das mich auch in meiner Liebe verfolgt!«

-- So erklärte sie mir mit sanftem Erröthen den ganzen Zusammenhang.

-- »Mein Herz war immer bei Ihnen!« -- fuhr sie fort -- »Ich klage

niemand als mein Unglück an!« -- Sie war aus der Caste der Aerzte,

und nur aus Noth eine Tänzerin geworden[9], da sie sich nach dem Tode

ihrer Eltern gänzlich verlassen sah. Für meine Hand versprach sie mir

einen köstlichen Balsam zu bereiten, und eilte deshalb sofort zu dem

Lagerplatze zurück.

Während ihrer Abwesenheit unterhielt mich die Daja sehr lebhaft von

ihr. Sie konnte mir nicht beschreiben, wie betrübt das gute Kind über

meine Gleichgültigkeit und meine Abreise gewesen war. Nach einer

kleinen halben Stunde war das liebliche Mädchen schon wieder mit dem

Balsam da, und verband meine Wunde mit vieler Geschicklichkeit. Ich

konnte mich nicht enthalten, sie an mein Herz zu drücken, und sie

erwiederte meinen Kuß mit Zärtlichkeit.

»Ach!« -- rief sie wehmüthig aus -- »Das ist ja doch das Leztemal, daß

ich sie sehen kann!« -- »Das Leztemal?« -- fragte ich bestürzt -- »Wie

meinst du das lieblichste Mamia?« -- »Ach mein Herr! Ich fürchte es

wenigstens!« -- erwiederte sie, und erzählte nun, wie weder sie, noch

die Daja, noch irgend eine ihrer Gespielinnen jemals in Madras gewesen

sey. -- »Wie werde ich sie wiederfinden können?« -- fuhr sie fort --

»Ach nimmermehr! -- Ich werde vor Sehnsucht sterben; ich fühle es.« --

Ihre Thränen flossen; sie verbarg ihr Gesicht an meiner Brust.

»Nein, bei Gott nicht!« -- rief ich mit Lebhaftigkeit aus -- »Bei Gott

nicht!« -- »Hier Mamia!« -- indem ich eine Ola[10] herausnahm. --

»Hier Mamia, hast du Namen und Wohnung von drei Freunden, bei denen

du mich aufsuchen kannst.« -- Zu gleicher Zeit schrieb ich ihr noch

mein Speisehaus u. s. w. auf. -- »So wirst du mich nicht verfehlen,

liebstes Herz!« -- fuhr ich fort, und hatte die Freude, sie beruhigt zu

sehen.

Mein Entschluß war gefaßt, Mamias Zukunft für immer bestimmt. Noch

eine Umarmung, und ich stieg in den Palankin. Meine Träger hatten fünf

Stunden geruht; mit brennenden Fackeln zogen wir zum Dorfe hinaus. Die

Nacht war still und schön; bald schlief ich unter den lieblichsten

Erinnerungen ein. Als ich am andern Morgen erwachte, lag die herrliche

Landschaft schon in vollem Sonnenglanz. Ich war sehr vergnügt; meine

Wunde ließ sich vortrefflich an. Sorgfältig goß ich von Zeit zu Zeit

neuen Balsam darauf.

Mittags hielten wir in Jasurpalam, in einer etwas kleinen, aber sehr

reinlichen Chauderie an. Bald darauf kamen noch drei andere Reisende

zu uns. Es war ein Mr. Harclay mit seinem Intendanten und Secretär.

Er kam von Madras, und gieng als Gouverneur nach Mazulipatnam. Wider

Gewohnheit der Engländer war er sehr gesprächig, und lud mich zum

Mittagsessen ein. Er gestand mit vieler Offenherzigkeit, daß er blos,

um ein Paar Plumbs[11] zusammenzubringen, nach Ostindien gekommen sey.

Nach einigen Stunden brachen wir wieder auf, und ruhten dann die halbe

Nacht zu Kukenpuron. Am folgenden Morgen kamen wir zu Palliacatta, und

so am vierzehnten Tage zu Madras an.

Siebenzehntes Capitel.

Ich war bei meinem alten Freund ~Frank~ abgetreten, und lernte

durch diesen einen französischen Arzt, Namens ~Beißer~ kennen,

der seiner Geschicklichkeit wegen, in großem Rufe stand. Doctor Beißer

besah meine Wunde, zuckte die Achseln, nahm einige Operationen vor,

und legte einen neuen Verband an. Nur Mamias Balsam mußte ich es

verdanken, wenn noch Möglichkeit zur Rettung vorhanden war. Während

wir so von meinen Abentheuern sprachen, kam endlich Doctor Beißer auf

meinen Namen zurück.

»Aber Haafner! Haafner!« -- sagte er -- »Der Name kommt mir so bekannt

vor. War ihr Vater vielleicht aus Kolmar?« -- Ich bejahte es. -- »Und

ihr Großvater Bürgermeister daselbst?« -- »Ganz richtig!« -- erwiederte

ich -- »Nun so seyn Sie mir herzlich willkommen, liebster Vetter« --

rief er auf einmal zu meiner Verwunderung aus, und umarmte mich. --

»Ihres Vaters Schwester war meine Schwiegermutter; ich bin ebenfalls

aus dem Elsaß.« -- Nun ruhte der gute Mann nicht länger; ich mußte noch

denselben Tag zu ihm ziehen.

Er war von Isle de France hierher gekommen, und hatte sich durch

einige glückliche Kuren, in kurzer Zeit eine sehr ansehnliche Praxis

verschafft. Dies sezte ihn in den Stand auf einem höchst glänzenden

Fuße zu leben, so daß sein Haus den reichsten Kaufmannshäusern ähnlich

war. Unter seiner Aufsicht ließ sich nun meine Wunde immer besser an,

und heilte endlich vollkommen zu. Auch das hatte ich also im Grunde dem

lieben Mädchen zu danken, deren Ankunft ich sehnsuchtsvoll entgegensah.

Bald waren indessen vierzehn Tage vergangen, und noch immer hatte

ich keine Nachricht davon. Doch endlich kam ein Juntrie, und brachte

mir tausend Grüße von ihr. Ich folgte ihm außerhalb der Stadt in ein

Wäldchen, wo die ganze Truppe gelagert war. Wenig Minuten und Mamia

sank mit süßem Erröthen an meine Brust. -- Ich erfuhr nun, daß ihre

Ankunft blos durch eine Unpäßlichkeit der Daja verzögert worden war,

und daß sie die Gesellschaft verlassen könnte, so bald ich es für

dienlich hielt.

»Wohlan denn, liebstes Herz!« -- sagte ich -- »Das soll den Augenblick

geschehen!« -- Und so bat ich sie, mich in die Stadt zu begleiten,

und die für sie bestimmte Wohnung zu besehen. Ich hatte ihr nämlich

in einem malabarischen Hause, bei einer alten Wittwe, ein Paar artige

Zimmer gemiethet, und auch für eine Aufwärterin gesorgt. So brachen

wir auf; ein Juntrie trug die Sachen des lieben Mädchens, und ehe zwei

Stunden vergiengen, war alles in Ordnung gebracht. Noch denselben Tag

nahm ich das erste Abendessen bei dem holden Mädchen ein. -- Von nun an

war der Tag meinen Geschäften, der Abend meiner Liebe geweiht. Doch,

ehe wir Madras verlassen, noch einige Bemerkungen über diese Stadt.

Madras, von den Eingebornen Tschinepatnam (Chinesenstadt) genannt, wird

in die weiße und schwarze Stadt eingetheilt. Jene von vier bis fünf

hundert Häusern, und mit einer Menge großer Magazingebäude, befindet

sich in der Mitte der starkbefestigten Citadelle, Fort St. George

genannt, das hart am Strande liegt. Diese, durch einen großen Plaz

davon getrennt, hat ungefähr eine Stunde im Umfang. Die weiße Stadt

ist der Siz der Regierung, auch wohnen die vornehmsten und reichsten

Leute daselbst. Die schwarze Stadt wird hauptsächlich von Malabaren,

Armeniern, Mestizen u. s. w. bewohnt, doch trifft man auch hier viel

Engländer an.

Die drei Ostindienfahrer · 第 5 / 12 段