Es mochte zwei Uhr Nachmittags seyn; ich war gänzlich erschöpft, und

sah mich vergebens nach etwas Nahrung um. Als ich so da saß, erblickte

ich eine kleine Schlange, die begierig hinter einer Eidechse herschoß.

Ich zerschmetterte die erstere mit einem Steine, schnitt ihr, des

Giftes wegen, den Kopf ab, und bereitete mir ein gutes Mahl von ihr. So

ist die Existenz der Wesen verknüpft; ein ewiger Kampf der Kräfte, wo

eine der andern Opfer ist!

Der Berg war auf dieser Seite fast senkrecht abgeschnitten, und der

ganze Abhang mit spitzigen Klippen bedeckt. Gleichwohl mußte ich das

Thal zu erreichen suchen, ehe mich auf dem Gipfel die Nacht überfiel.

-- »Nun, wie Gott will!« -- sagte zu mir selbst, sezte den rechten

Fuß vorwärts, klammerte mich mit den Händen an, und fand, daß das

Herabsteigen wenigstens nicht unmöglich war. Mit unsäglicher Mühe

arbeitete ich mich nun immer tiefer und tiefer hinab. Doch die Hand des

Allmächtigen leitete mich sicher neben dem Abgrunde hin. So kam ich

glücklich an dem Fuße des Berges an.

Als ich das Thal genauer betrachtete, bemerkte ich einen Canal, der

aber blos in der Mitte, und selbst da nur ganz dünn mit Gesträuch

bewachsen war. Allein, da es düster zu werden anfieng, beschloß ich in

einer Felsenhöhle zu übernachten, wo ich zum Glück einige Vogeleier

fand. Am folgenden Morgen erquickte ich mich mit etwas Regenwasser, und

wanderte anfangs eine gute Strecke längs des Canals hin. Endlich kam

ich an eine Stelle, wo der Rand eingestürzt, und die Tiefe zur Hälfte

damit ausgefüllt war. Fröhlich stieg ich hinunter, und kam bald auf

der andern Seite an. Hier schlug ich einen Reiher nieder, der gebraten

wenigstens eßbar war. Von nun an ward der Weg immer ebener, immer

bequemer, so daß ich die Gebirge bald sehr weit hinter mir sah.

Am andern Morgen, am 16. August, trieb mich die brennende Sonne etwas

tiefer in den Wald, der neben dem Wege hinlief. Unvermuthet finde ich

einen gebahnten Weg, und plözlich werde ich frische Fußtapfen gewahr.

Bald höre ich in der Entfernung Stimmen, und bald vernahm ich, daß es

bekannte Töne sind. -- Gott, welcher Augenblick! Es durchbebte mich,

wie ein elektrischer Schlag. Ich wollte rufen, ich konnte es nicht.

Da stürzte ich fort, und stand in wenig Minuten vor einem Haufen

Singalesen, unter denen mein alter Freund Manioppu war.

Sie zogen nach Putlan, um Salz zu holen, wir waren nur noch drei

Tagereisen davon entfernt. Nachdem ich daselbst eine Woche ausgeruht

hatte, kehrte ich zu Wasser nach Jaffanapatnam zurück. Hier fand ich

Gelegenheit ein äußerst vorteilhaftes Geschäft zu machen, wodurch mir

mein ausgestandenes Elend sehr reichlich vergütet ward. Als nun endlich

die Nachricht von dem Pariser Frieden ankam, hielt ich's fürs beste,

wieder nach der Küste zurückzukehren, und kam nach einer sehr kurzen

Fahrt, glücklich in Bimilipatnam an.

Neuntes Capitel.

Ein Jahr lang hatte ich hier meine Geschäfte mit vielem Erfolge

betrieben, als ich mich, um dieselben noch mehr zu erweitern, zu

einer Landreise nach Madras veranlaßt sah. Dieses geschah in einem

Palankin. Man kann in der That durchaus nicht sicherer, bequemer und

angenehmer reisen, als auf diese Art. Ein Palankin ist nämlich eine Art

von Canapegestell, das ungefähr sieben Fuß lang, und drei Fuß breit

zu seyn pflegt. Er hat einen mäßig hohen Rand, vier kleine Füße, und

eine gewölbte Decke von Bambusrohr. Inwendig ist er mit einer weißen

Matrazze und einigen Kissen belegt, während die Decke entweder mit Tuch

oder Wachsleinwand überzogen wird.

In der Mitte dieses zeltartigen Daches, ist außerdem noch ein großes

Stück grüner Cattun befestigt, das nach der Länge des Palankins,

an beiden Seiten bis auf den Boden reichen muß. Bei Tage wird es

aufgerollt, und in eine Wulst zusammengeknüpft; bei Nacht aber, wenn

man in dem Palankin schläft, bildet es eine Art Bettvorhang. Ueberhaupt

braucht man den Palankin gerade wie ein Canape.

Ein solcher Palankin wird von vier Männern getragen, denen noch vier

andere zum Ablösen beigesellt sind. Zwei der Träger gehen vorn, zwei

andere hinten, und jene wie diese halten den Palankin vermittelst

eines Bambusrohres, das vorn und hinten mitten aus der Decke geht. Sie

marschiren indessen nicht neben, sondern hinter einander, wobei das

Bambusrohr auf der Schulter ruht. Da sie nun eine Art Takt im Schritte

halten, den sie auch von Zeit zu Zeit mit der Stimme angeben, so ist

die Bewegung eben so gleichförmig als angenehm. Man kann dabei lesen,

schreiben, schlafen u. s. w. wie es einem beliebt. Wäsche, Vorräthe u.

s. w. werden theils zu den Füßen, theils unter das Kopfkissen gepackt.

Es war vier Uhr Morgens -- »Tschollo!« (Marsch!) -- riefen meine

Träger, nahmen den Palankin auf, und wanderten lustig die Straße

entlang. Als wir Bimilipatnam im Rücken hatten, fieng es eben an

vollends Tag zu werden, und überall flogen Schaaren von Krähen von

den hohen schattigen Bäumen auf. Bald kamen wir bei einem schönen

Mangabusche vorbei. Lieblich schimmerten die goldenen Früchte durch die

dunkelgrünen glänzenden Blätter, und zwischen den freundlichen Aesten

flatterten girrende Turteltauben herum.

Weiterhin holten wir eine Menge indischer Pilgrime von allen Sorten

ein. Sie zogen sämmtlich nach dem heiligen Berge Schiemanchelom, den

ich ebenfalls zu besehen willens war. Lange mußten wir zwischen diesen

betenden und singenden Haufen bleiben, bis wir endlich das große schöne

Thal erreichten, worin sich jener hohe steile Berg erhebt.

Eben sollte am folgenden Morgen das große Jahresfest beginnen, das

immer neun Tage zu dauern pflegt. Der Zufluß von Menschen war daher

außerordentlich. Nur mit Mühe fand ich noch einen schattigen Platz für

meine Palankin, ruhte daselbst bis fünf Uhr, und stieg endlich den Berg

auf einer breiten bequemen Treppe hinan. Das Thal, das kleine Dörfchen

Chindopillie, der dabei befindliche See, u. s. w. alles bietet die

mannichfaltigsten Aussichten dar.

Die ersten 430 Stufen hat man nichts als sanfte Abhänge neben sich.

Plözlich aber stößt man auf einen steilen Felsenkranz, den man durch

ein ausgehauenes Portal passirt. Von diesem Thore bis zum Gipfel werden

noch 1160 Stufen gezählt. So wie man diesen erreicht hat, findet man

das Dorf Schiemanchelom, und am südlichen Ende desselben den Tempel,

der dem Gotte Appana geheiligt, und einer der ältesten in ganz Indien

ist. In der Nähe desselben entspringt die heilige Quelle, die nach

der Religion der Hindus für eben so wirksam wie das Wasser des Ganges

gehalten wird. Kein Hindu darf sich dem Tempel nähern, wenn er sich

nicht vorher in diesem Wasser gebadet, oder wenigstens seinen Kopf

einige Minuten unter eine der fünf Adern gehalten hat. Das Gedränge um

dieselben war daher außerordentlich, zumal da der ganze Badeplatz kaum

hundert Schritt lang, und etwa halb so breit ist. Indessen fand dennoch

die größte Ordnung, und das beste Betragen dabei statt. Einer half dem

andern, einer machte dem andern Platz.

Noch bunter waren die Gruppen längs dem übrigen Wege, und auf dem

Gipfel des Berges selbst. Zu beiden Seiten der Treppe ziehen sich

nämlich schöne schattige Rasenplätze hin, wo die wandernde Masse

von Zeit zu Zeit auszuruhen pflegt. Eben so ist es oben in der Nähe

des Tempels, wo der ganze Haufen zusammentrifft. In dichten Kreisen

knieten Männer und Weiber an dem Eingange des Heiligthums. Einige waren

in tiefer Betrachtung; andere beteten mit stiller Lippenbewegung;

noch andere stimmten Lobgesänge an. Die Luft war mit Weihrauchsdampf

erfüllt; schöne Tänzerinnen scherzten mit ihren Liebhabern, und überall

ertönten die Dools (Trommeln), und die Chelimbies (Becken).

Zehntes Capitel.

Es mochte ungefähr um vier Uhr Morgens seyn, als einer meiner Träger

mich zu wecken kam. Noch war es völlig dunkel; gleichwohl hatte sich

bereits der ganze Haufen Pilgrime in Bewegung gesezt. Das Geräusch

glich dem dumpfen Donner eines Wasserfalles. Alles eilte nach dem

Berge, der aufs prächtigste mit Fackeln und Pechkränzen erleuchtet war.

Ich folgte dem Menschenstrome auf der von tausend Lichtern flammenden

Treppen nach, verließ aber bald das Getümmel, um auf der andern Seite

des Berges die Sonne aufgehen zu sehen. Nie habe ich eines schöneren

Morgens, nie einer entzückenderen Aussicht genossen; alles war Licht

und Klarheit, Leben und Herrlichkeit. Endlich stieg ich auf einem

schattigen Fußpfade wieder in das Thal hinab, wo ich verabredetermaßen

meinen Palankin fand.

Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen durch eine schön bebaute

Ebene nach Nabob Pette, das zwar ein kleines, aber recht artiges

Dörfchen ist. Hier hielten wir unser Mittagsessen in einem angenehmen

Mangawäldchen, und sezten dann unsere Reise bis Dovigram, einem etwas

seitwärts liegenden Dorfe fort, wo eine große und bequeme Chauderie

befindlich ist. Unter den Reisenden, die sich bereits dort einlogirt

hatten, fielen mir besonders zwei büßende Fakirs auf, wovon der eine

ungefähr dreißig, der andere fünfzig Jahre alt war. Jener gieng völlig

nackend, und trug in seinem Geschlechsgliede einen dicken und großen

eisernen Ring. Der zweite hatte sich die entsezliche Buße aufgelegt,

seine Arme und gefalteten Hände, hoch ausgestreckt, unaufhörlich über

dem Kopfe zu halten, und es wirklich ausgeführt. Die Arme waren nun

völlig steif geworden, und die Hände gleichsam in einander verwachsen,

so daß alles ganz unbeweglich stand.

Als ich am andern Morgen in meinem Palankin erwachte, befand ich mich

unvermuthet bereits zu Vizagapatnam. Meine Träger hatten ihn nämlich

vorsichtig aufgenommen, und in der Kühle die Paar Stunden schnell

zurückgelegt. Vizagapatnam ist eine Stadt, oder vielmehr ein Dorf mit

einer englischen Factorei. Es ist ein unangenehmer, einsamer, trauriger

Ort, der mitten zwischen kahlen Bergen, wie in einem Kessel liegt.

Indessen hat es einen schiffbaren Fluß, und viele Baumwollenfabriken;

auch sind die Einwohner wegen ihren feinen Elfenbeinarbeiten berühmt.

Eben waren meine Geschäfte abgemacht, und ich wollte weiter reisen,

als ich von einem Begräbnisse in der Nachbarschaft hörte, das ich mit

anzusehen beschloß.

Es war zu Velur, nur anderthalb Stunden von Vizagapatnam. Eine junge

Wittwe von der Caste der Chetries sollte sich mit dem Leichname ihres

Mannes in einer Grube verbrennen, wie es im südlichen Theile von

Coromandel auf einem Scheiterhaufen geschieht. Bei meiner Ankunft

ward ich sogleich nach einem Hause gewiesen, wo die Wittwe in der

Mitte ihrer sämmtlichen Verwandten, unter einer Art Baldachin saß.

Es war ein junges wohlgebildetes Weib von höchstens ein und zwanzig

Jahren, mit einer äußerst sanften Physiognomie. Sie bewegte die Lippen,

wie eine Betende, theilte dann und wann unter ihre Verwandten Betel

aus, und schien vollkommen gefaßt zu seyn. Ich betrachtete sie mit

innigem Mitleid; bald aber zog mich die Menschenmasse nach dem zur

Feierlichkeit bestimmten Platze fort.

Dieser lag außerhalb des Dorfes, ungefähr eine Viertelstunde davon. In

der Mitte desselben befand sich eine Grube, die bei zehn Fuß Länge,

acht Fuß breit und tief zu seyn schien. Sie war bereits mit einer

großen Menge Kohlen angefüllt, dennoch warf man noch von allen Seiten

Holz hinein. Endlich rückte der Leichenzug näher, rund um die Grube

wurden Matten aufgehängt, und die ganze Masse der Zuschauer bildete

einen unübersehbaren Kreis.

Die Wittwe war aufs prächtigste gekleidet, und überall mit Juwelen

bedeckt. In der Hand hielt sie eine kleine, mit Gewürznelken besteckte

Citrone, woran sie bisweilen zu riechen schien. Neben und hinter ihr,

giengen ihre Verwandten, mit mehrern Braminen, und eine Menge Weiber

beschloß den Zug. In einer gewissen Entfernung von der Grube ward Halt

gemacht. Die Wittwe legte ihre Prachtgewänder und Juwelen ab, badete

sich in dem benachbarten Weiher, den ein dichter Kreis von Freundinnen

umschloß, und kam endlich in einem ganz einfachen weißen Gewande

zurück. So gieng der Zug bis in die Nähe der Grube, an deren Rande der

Leichnam des Mannes auf einer Bahre lag.

Als die Wittwe hier angekommen war, blieb sie einige Augenblicke

davor stehen, sah ihn mit zärtlichen Blicken an, schlug sich vor die

Brust, und brach in Thränen aus. Zulezt verbeugte sie sich, verließ

die Bahre, und gieng dreimal um die Grube herum, wobei sie nie den

Leichnam zu begrüßen vergaß. Jezt bei dem Leztenmale blieb sie wieder

davor stehen; wendete sich zu ihren Verwandten; nahm mit völliger Ruhe

Abschied von ihnen; empfieng von einem Braminen einen Krug mit Oel; goß

etwas davon auf den Leichnam; sezte sich das Gefäß auf den Kopf; rief

dreimal mit lauter Stimme: Naraina! (Gott) und sprang dann muthig in

das brennende Grab hinein. Man hatte in demselben Momente die Matten

fallen lassen; zu gleicher Zeit ward auch der Leichnam hineingeworfen,

und alles mit tausend bereit gehaltenen Bränden bedeckt. Hoch schlugen

die knisternden Flammen in die Lüfte empor, und die Weiber erhoben

unter dem Lärm der Trommeln, Trompeten und Becken, ein gräßliches

Freudengeschrei.

So sehr ich überzeugt war, daß die Unglückliche sogleich erstickt

seyn mußte; so machte das Ganze dennoch einen sehr schmerzhaften

Eindruck auf mich. Ich verließ den Platz, und trat meinen Rückweg nach

Vizagapatnam an. Schon war es dunkel geworden, und in tiefen Gedanken

wanderte ich wohl eine Stunde fort, bis ich endlich bemerkte, daß

ich auf dem unrechten Wege war. Ein guter alter Mann, den ich eben

einholte, bestätigte mir dieses, rieth mir nach Velur zurückzugehen,

und zeigte mir einen kürzeren Fußsteig dahin. Ich kehrte demnach um,

gieng einige Zeit auf diesem Fußsteige fort, glaubte aber bald in der

Entfernung einige Lichter zu sehen, und beschloß geradesweges darauf

zuzugehen. Doch die Lichter verschwanden, und ich fühlte mit Entsetzen,

daß der Boden unter mir wich. Vergebens suchte ich mich an einem Busche

festzuhalten; der Ast brach, und ich stürzte in einen tiefen Abgrund

hinab.

Eilftes Capitel.

Als ich wieder zu mir kam, spürte ich in meiner Nähe einen scheußlichen

Verwesungsgeruch. Es war ein todter Büffel, auf dem ich lag.

Hastig raffte ich mich auf, und starrte verzweiflungsvoll in die

undurchdringliche Finsterniß. Zorn und Wehmuth, Verdruß und Ungeduld;

alle diese Empfindungen wechselten unaufhörlich in meiner Seele

ab. Doch suchte ich mich endlich zu beruhigen, sezte mich auf den

steinigten Boden nieder, und fiel in einen tiefen Schlaf.

Der Tag brach an; die finstere Gruft erhellte sich; ich erwachte,

und wurde mit Entsetzen mein ganzes Unglück gewahr. Ich befand mich

nämlich in einer Höhle, die sich zu beiden Seiten tief in die Erde zu

erstrecken schien. Aus dem Gewölbe war ein großes Stück eingebrochen,

und durch diese Oeffnung fiel das Licht hinein. Die hohen Wände waren

völlig steil, und auf allen Seiten gleich weit davon entfernt.

Was sollte ich thun? Die Gegend schien durchaus menschenleer. Dennoch

beschloß ich zu rufen, und verstärkte die Stimme nach Möglichkeit.

Allein vergebens, sie verhallte in dem ungeheuren Raume, der mich

umgab. Der Tag vergieng, das tröstende Licht verschwand, und Finsterniß

des Grabes hüllte mich abermals ein. Diese zweite Nacht war ungleich

schrecklicher für mich. Tausende von Uhus flogen über meinem Kopfe aus

und ein, und ganze Haufen heulender Schakals umringten die Oeffnung. So

saß ich mehrere Stunden lang, bis endlich ein schwacher Mondstrahl in

die Höhle fiel, und meine Stimmung etwas ruhiger ward. Bald darauf sank

ich in tiefen Schlaf.

So vergieng die Nacht, und mit dem ersten Sonnenstrahle floß neue

Hoffnung in mein Herz. Durch die Oeffnung aus der Höhle zu kommen, war

unmöglich; aber durch einen der Seitengänge vielleicht einen Ausweg zu

finden, schien, troz der Gefahren, eines Versuches werth. -- »Wohlan!«

-- sagte ich zu mir selbst -- »Wohlan! das Aeußerste gewagt!« -- So

raffte ich mich ungefähr um Mittag auf, und schlug den Weg in einen

der düsteren Seitengänge ein.

So lange ich noch etwas Tageslicht hatte, gieng es ziemlich gut. Als

aber auch der lezte Schimmer verschwand, hielt ich mit klopfendem

Herzen an. Doch auch diesmal trug die Ueberlegung den Sieg davon,

und so stürzte ich mich muthig in die unermeßliche Nacht hinein. Die

einzige Vorsicht, die ich brauchte, war, mich Schritt vor Schritt an

der Wand zu halten, und allen Biegungen derselben nachzugehen.

Der Boden war rauh, und ungleich. Steinhaufen, und einzelne

Felsenstücke, Erhebungen und Vertiefungen wechselten unaufhörlich

ab. Ich mußte den Weg unaufhörlich mit dem Hirschfänger untersuchen,

und rückte daher nur langsam fort. So mochte ich mich ohngefähr zwei

Stunden fortgearbeitet haben; als ich plözlich an etwas Bewegliches

stieß. Ich befühlte es mit dem Fuße; es schienen Knochen zu seyn. Ich

griff es an; es war ein Menschenskelett. Welche Entdeckung! -- »Das

Bild meines Schicksals!« -- sagte ich zu mir selbst, und lehnte mich

tief erschüttert an die Wand.

Unterdessen glaubte ich einiges Geräusch zu hören, und rufte laut durch

die starrende Finsterniß. Zugleich verdoppelte ich meine Schritte,

entschlossen, dem Tode, oder dem Leben entgegen zu gehen. Plözlich ward

ich zwei kleine feurige Punkte gewahr. -- Vielleicht eine Schlange die

auf mich zugeschossen kam. -- Aber die Punkte blieben unbeweglich; es

schien von zwei Lampen zu seyn. In dem Augenblicke machte die Wand

einen starken Abfall, und ich erblickte eine Felsenspalte, die vom

glänzenden Abendrothe beleuchtet war. Eilends kappte ich das Gesträuch

hinweg, zwang mich mit muthiger Brust hindurch, und athmete nun wie

neue geschaffen, in der freien herrlichen Gotteswelt.

Die Sonne gieng unter, und im Purpurglanze lag die ganze liebliche

Landschaft, und Vizagapatnam in geringer Entfernung vor mir. Ich eilte

dahin, und ward mit großer Freude empfangen; jedermann hatte mich todt

geglaubt. Es zeigte sich jezt, daß ich in einer der Höhlen gewesen war,

die ehedem mit den Pagoden in Verbindung standen, und deren Eingänge

nur noch wenigen Braminen bekannt sind.

Zwölftes Capitel.

Nach einigen Tagen Erholung brach ich von Vizagapatnam weiter auf. Die

Hitze war groß, der Weg beschwerlich; mit Vergnügen hielt ich gegen

Mittag in dem freundlichen Dörfchen Chieriepille an. Es liegt in einem

reizenden Thale, ist mit einer Menge Obst- und Betelgärten umgeben, und

hat eine der schönsten und bequemsten Chauderies, die mir vorgekommen

sind. Wir fanden hier einen Wahrsager, dergleichen sind in Indien sehr

häufig. Zum Spaß ließ ich mir auch die flache Hand besehen, und bekam

eine Menge Glück und Segen gewünscht.

Man darf diesen Leuten kein Geld anbieten, weil ihnen dergleichen

anzunehmen, nach ihren Geboten nicht erlaubt ist. Man giebt daher

Cattun, Musselin u. s. w., auch wohl eine Portion Reis. Alle diese

Effekten müssen sie aber erst neun Tage an ihrem Leibe herumtragen,

ehe ihnen der Verkauf davon gestattet ist. Was sie dann an Geld dafür

lösen, dürfen sie nehmen, weil es auf indirektem Wege gewonnen wird.

Der arme Teufel in unserer Chauderie schien die lezten neun Tage über,

gewaltig beschäftigt gewesen zu seyn. Er hatte eine solche Menge Zeug,

Schnupftücher, Turbans u. s. w. an seinem Gürtel hängen, daß er wie

eine wandernde Schnittwaaren-Bude aussah.

Um meine armen Träger zu schonen, beschloß ich erst am andern Morgen

weiter zu gehen. Ich benuzte daher den lieblichen Abend zu einem

Spaziergange in dem schönen Thale, das mit herrlichen grünenden Bergen

eingefaßt ist. Mit einbrechender Dämmerung gieng ich nach meinem

Palankin zurück, fand einen vortrefflichen Pillau von Hühnern, und

Bananas in Eiern gebacken, zum Abendessen, und schlief endlich unter

den Gesängen einiger reisenden Tänzerinnen ein.

Am andern Morgen gieng es nun rasch über Berg und Thal, durch eine

Menge Dörfer bis zur Chauderie Darma-Oro, wo zu Mittag angehalten

ward. Hier sah ich einen Pandarone oder Mönch, der jedem Reisenden auf

Verlangen, einen Trunk Reiswasser (Canje) gab. Dies geschah, indem er

es ihm aus einem kleinen kupfernen Topfe in die Hände goß. Kein Hindu

pflegt nämlich ein Trinkgefäß an die Lippen zu setzen; er hält es

vielmehr so, daß ihm das Wasser, wie ein kleiner Strahl in den Mund

schießen muß. Da nun aber eine niedere Caste das Gefäß schon durch die

bloße Berührung für eine höhere unrein machen kann, so giebt es der

Pandarone lieber Niemanden in die Hand.

Wir reisten weiter, bekamen bald das Meer zu Gesicht, und langten

Abends in einem Fischerdorfe hart am Strande an. Hier ward ich für eine

Kleinigkeit mit einem Gericht trefflicher Seefische bewirthet, und

konnte die Ankunft der Kattamarans mit großer Bequemlichkeit sehen. Es

ist dies in der That ein Schauspiel, das der Mühe lohnt. Man erinnert

sich, daß ein Kattamaran ein, fünfzehn bis zwanzig Fuß langes, Floß

ist, das aus fünf Balken besteht.

Man weiß, daß immer zwei Männer darauf befindlich sind, wovon der eine

vorn, der andere hinten zu rudern pflegt; eben so, daß bei günstigem

Winde ein kleines Segel aufgespannt werden kann.

Die Sonne sank tiefer, und von allen Seiten eilten diese Fahrzeuge

dem Ufer zu. Es war eine ganze, kleine Flotte, pfeilschnell flog sie

zwischen den purpurnen Fluthen hindurch, von tausenden von Möwen

umringt, und vom fröhlichen Gesange der Ruderer belebt. Bald näherte

sie sich nun der Brandung, die bekanntlich an diesen Küsten ungeheuer

ist. Schnell wurden die Segel gestrichen, und die Ruder eingetaucht;

da flogen die Kattamarans in die tosenden Wogen hinein. Hier sah man

einige auf der Spitze derselben, dort andere wie in einem Abgrunde

schweben, der sich darüber zu schließen schien. Aber wenig Minuten, und

die ganze Flotte flog in einem Augenblicke auf den sandigen Strand.

Wir hatten unser Nachtlager zwischen den Dünen genommen, wo die

angenehmste Kühlung herrschte, und nichts von Moskitos zu fürchten war.

Am folgenden Morgen fanden wir uns daher außerordentlich gestärkt, und

legten die ganze Tagereise schneller als gewöhnlich zurück. Abends

kamen wir bei einem Mangabusche an. Hier hatte sich bereits ein großer

Haufen Reisender gelagert, um am folgenden Tage zusammen durch einen

Wald zu ziehen, der nicht für ganz sicher gehalten ward. Da ich mit

Schießgewehr versehen, und überdem ein Europäer war, so baten sie

mich, sie anzuführen, wozu ich dann auch ganz willig war.

Mit Tagesanbruch machten wir uns demnach auf den Weg. Indessen stießen

wir auf nichts, als eine Menge rother Affen, von denen der ganze Wald

bevölkert war. Als wir denselben hinter uns hatten, nahm ich von

meinen Gefährten Abschied, und stieg wieder in den Palankin. Der Weg

gieng nun durch eine sehr reizende Landschaft, Dorf an Dorf, und alles

mit Tamarinden-, Cocos- und ähnlichen Baumpflanzungen, so wie mit

Betelgärten bedeckt. Jezt bekamen wir auch wieder das Meer zu sehen,

und athmeten erquickende Kühlung ein.

Ich mußte die Nacht im Palankin zubringen; die ganze Chauderie war

mit Kaschie-Kauris angefüllt. Es sind dies eine Art Mönche, die zehn,

zwanzig, und mehrere zusammen, nach Kaschie (oder Bonares) wandern,

dort Wasser aus dem Ganges holen, und damit beladen, in ihre Heimath

zurückgehen. Sie füllen dies heilige Wasser in runde irdene Krüge,

wovon jeder zwanzig bis fünf und zwanzig Kannen halten kann. Diese

Krüge sind mit dickem Netzwerk umflochten, und mit einem kurzen Halse

versehen, der sorgfältig vergipst und versiegelt wird. An dem Siegel

des Oberpriesters von Bonares, so wie an dem Certificate jedes Pilgers,

erkennt man, ob das Wasser ächt ist. Ein jeder Kaschie-Kauris trägt

zwei Krüge, den einen vorn, den andern hinten, an einem Bambusrohr.

Dies Wasser wird entweder an Tempel verschenkt, oder an reiche Hindus

verkauft. Für leztere ist es ein Gegenstand eines religiösen Luxus. Man

benezt Sterbenden Haupt und Lippen damit; giebt es aber auch bei großen

Gastmählern herum.

Am folgenden Tage passirten wir die Stadt Mongletur, die auf indische

Weise befestigt ist, und langten Abends ziemlich spät in Tallapalar

an. Hier mußten wir die Chauderie einer Abtheilung englischer Srapoys

überlassen, und trieben nur mit Mühe etwas zum Abendessen auf. Am

nächsten Morgen gieng es vollends nach Mazulipatnam. Wir kamen dabei

durch das Dorf Pakaat. Hier sah ich einen Barbier, der einen ziemlich

dicken Bart, auf das allervollkommenste mit zwei -- Glasscherben abnahm.

Dreizehntes Capitel.

Die drei Ostindienfahrer · 第 4 / 12 段