Gegen neun Uhr kamen wir bei einem Ambelan an, der aber ganz verfallen

war. Da dergleichen Hütten immer voll Schlangen sind, schlugen wir

unser Lager unter freiem Himmel auf. Es ward dabei eine gewisse Methode

beobachtet, die ich beschreiben will, weil sie bei allen übrigen

Nachfolgern dieselbe blieb. Zuerst ward der Platz so weit als möglich

vom Wasser gewählt. Dies geschah der wilden Thiere wegen, die hier zu

saufen gewohnt sind. Dann wurden die Träger zum Holzfällen abgeschickt,

und von zweien von uns escortirt. Hierauf wurden ein großes, und um

dasselbe noch drei kleine Feuer angezündet, worauf die ganze Caravane

Platz dazwischen nahm. Bald war nun das Abendessen verzehrt, und einer

schlief nach dem andern ein. Nur die zwei Wächter mußten sich munter

halten, und fleißig nach den Feuern sehen. Daß sie regelmäßig abgelöst

wurden, versteht sich.

Als wir Holz zu fällen anfiengen, belebte sich auf einmal der ganze

Wald. Vögel, Affen, Hirsche u. s. w. erfüllten mit ihren Stimmen die

Dunkelheit. Die Affen besonders, die sich zu Tausenden versammelten,

schrien zwei volle Stunden fort. Endlich ward es wieder still. Kein

Blättchen rauschte; kein Lüftchen säuselte; der Wald war todt und öde,

wie ein weites Grab. Doch plözlich vernahmen wir in der Ferne ein

dumpfes Getös, das immer näher kam. Die Erde erbebte; der Wald rauschte

wie vom heftigsten Strome bewegt; krachend stürzten unzählige Bäume

zusammen -- Was war es? --Ein Trupp Elephanten bahnte sich einen Weg

durch den Wald. Sie kamen im heftigsten Trabe, und lautem Geschrei

daher. Es war ein donnerähnliches, wie mit Trompetentönen vermischtes

Getös. Endlich ward es völlig ruhig; nur dann und wann hörte man einen

Tiger brüllen, oder einige Schakals schreien.

Drittes Capitel.

Der Tag brach an, und der ganze Wald war mit Leben und Freude erfüllt.

Auf allen Bäumen wimmelte es von Affen, Papagayen, Pfauen und

unzähligen andern Vögeln von ausgezeichneter Schönheit. Tausende von

bunten Schmetterlingen schwärmten zwischen den Gesträuchen umher. Dabei

der liebliche Duft der blühenden Bäume, der uns bei jedem Schritte

entgegenschwamm. Und welche Kühle und Frischzeit unter dem dichten

grünenden Obdach, nur schwach von der Morgensonne beglänzt.

So zogen wir fort, voll Muth und Heiterkeit, bis ungefähr gegen elf

Uhr, wo an einem klaren Bache Halt gemacht, und das Mittagsessen

bereitet ward. Templyn hatte hierzu ein Dutzend Hasen geschossen;

denn sie liefen uns im eigentlichen Sinne unter den Füßen herum. Auch

jezt ward bei der Einrichtung unsers Lagers eine gewisse Ordnung

eingeführt; so daß z. B. jeden seine Reihe zum Wachestehen traf.

Ich sage zum Wachestehen, weil natürlich einige Stunden Mittagsruhe

gehalten ward, was für uns alle, besonders für die Träger so nöthig war.

Erst um drei Uhr Nachmittags brachen wir demnach von diesem Lagerplatze

auf. Anfangs war der Wald außerordentlich verwachsen, und kaum noch

eine Spur des vorigen Weges zu sehen. Wir mußten uns daher nach dem

Compasse richten, und legten es folglich, wie die Schiffer sprachen,

auf Südwest an. So erreichten wir mit sinkendem Abend eine bequeme

Lagerstelle, wo alles auf oben beschriebene Weise eingerichtet ward.

Die Nacht vergieng ohne Abentheuer; nur daß einmal ein Elephant in

unsere Nähe kam.

Die folgende Tagereise (12. Juni) bot durchaus nichts Merkwürdiges dar,

war aber außerordentlich lang -- Wir kamen erst Abends um zehn Uhr bei

unserem Lagerplatze an. Ich mußte diese Nacht die erste Wache halten,

und mochte vor Müdigkeit wohl ein wenig eingeschlummert seyn. Plözlich

wurde ich durch ein lautes Geschrei geweckt -- »Ein Tiger! Herr! Ein

Tiger!« -- riefen die Träger mit Entsetzen, und zeigten auf ein Paar

glänzende Punkte, die ich mitten durch die Finsterniß, wie zwei kleine

Lichter schimmern sah. Es waren die Augen des Tigers, der auf seine

Beute zu lauern schien. Ich nahm meine Flinte und weckte Freund Templyn

auf, der ein sehr guter Schütze war. Wir beschlossen gerade auf die

Mitte zwischen den beiden Punkten zu zielen, und drückten zu gleicher

Zeit ab. Bald darauf vernahmen wir ein Stöhnen, das uns über den Tod

des Thieres keinen Zweifel übrig ließ. Wirklich fanden wir den Tiger am

andern Morgen, und nahmen seine Haut als Siegeszeichen mit.

Unser Weg ward immer steinigter, wie der Wald lichter zu werden

anfieng. Wir waren nämlich kaum einige Meilen von den Gebirgen von

Couragahing entfernt. Als wir so einige Zeit fortmarschirt waren,

wurden wir auf einem Baume einen Bienenstock gewahr. Sogleich bot sich

einer unserer Träger an, hinaufzuklettern, und den Ast abzuhauen.

Er thut es, erreicht den Ast, und führt den ersten Streich. Allein

plözlich stürzen die Bienen auf ihn los, und hängen sich an seine

nackten Glieder an. Brüllend von Schmerz will er heruntersteigen, thut

einen Fehltritt, stürzt herab, und bricht das Bein. Um ihm Hülfe zu

verschaffen, beschlossen wir uns östlich nach der Küste zu wenden, wo

allein Dörfer anzutreffen sind.

Eilends wurde nun der Bienenschwarm mit Rauch vertrieben, eine

Tragbahre von Baumästen gemacht, der arme Träger (Kulie) darauf

gelegt, und der Marsch fortgesezt. Um ein Uhr Nachmittags hielten wir

eine halbe Stunde an, und nahmen etwas Kaltes zu uns. Der Rest der

Tagereise war wegen des schlechten Weges, und des Mangels an Wasser

sehr unangenehm. Gegen acht Uhr Abends kamen wir endlich aus dem Walde

heraus, und gegen zehn Uhr erreichten wir das große Dorf Vedative,

wo ein holländischer Posten ist. Hier brachten wir den armen Träger

zu einem Töpfer[5], versahen ihn mit dem nöthigen Gelde zur Kur und

Heimreise, und nahmen einen andern an seine Stelle an. Hierauf begaben

wir uns zu dem Kommandanten des Postens, wo Gesellschaft von Verwandten

war.

Wir mußten uns sogleich zum Abendessen niedersetzen, das aus Reis

und vortrefflichem Wildpret bestand. Der gute alte Mann hieß Joseph

~Voit~, und hatte bereits fünf und sechzig Jahre hier gelebt. Sein

Vater und Großvater hatten jeder die Stelle fünfzig Jahre bekleidet,

und er selbst war nicht weit mehr von dieser Zahl. -- O Menschenleben!

-- O Glück der Beschränktheit! --

Viertes Capitel.

Der Tag brach an (14. Juni); bald war Abschied genommen, und Vedative

blieb hinter uns. Um zwei Uhr Nachmittags erreichten wir das große

und schöne Dorf Mantore, fanden aber keine Lebensmittel daselbst. Ich

schickte daher einen unserer Träger mit einem Briefe nach Manaar, an

meinen alten Freund, den Ingenieurhauptmann Nagel ab. Unterdessen

behalfen wir uns mit einigen übriggebliebenen Rebhühnern, und

beschlossen für heute nicht weiter zu gehen. Gegen Abend kam endlich

mein Bote mit Arrak, Anisliqueur und Lebensmitteln zurück, worauf es

eine recht fröhliche Abendmahlzeit gab.

Am folgenden Morgen ward die Reise mit erneuerten Kräften fortgesezt.

Wir durchschnitten eine große, sandige Ebene, auf der wir eine Menge

Schakals schwärmen sahen. Bald aber kamen wir an den Strand, wo der

Weg äußerst beschwerlich ward. Wir begegneten drei malabarischen

Reisenden, die von Colombo kamen, und langten Abends gegen fünf Uhr

in Bangala an. Dies ist ein ansehnliches Dorf, das von getauften

Singalesen bewohnt wird. Hier übernachteten wir in der katholischen

Kirche, die uns der Majoral gegen eine billige Vergütung öffnen ließ.

Unsere ~siebente~ Tagereise war höchst unangenehm, und bot überdem

durchaus nichts Merkwürdiges dar. Wenig Schatten, höchstbeschwerlicher

Fußsteig längs dem Strande hin, und auf dem ganzen langen Wege kein

einziges Dorf. Endlich giengen wir Abends um sechs Uhr über den Calear,

der beinahe ausgetrocknet war, und fanden am andern Ufer eine Pagode,

deren Bramin uns sehr freundlich aufnahm. Wir übernachteten in der Nähe

auf die gewöhnliche Art.

Am folgenden Morgen sahen wir einem heftigen Kampfe zwischen zwei

Büffeln zu. Sie trafen so gewaltig zusammen, daß jedes Stirn von Eisen

zu seyn schien. Ich fühlte mich unpaß; auch fieng es heftig zu regnen

an. Wir brachen daher erst um zwei Uhr Nachmittags auf, und legten nur

vier Stunden zurück.

Die nächsten zwei Tagereisen führten uns wieder in den Wald, der in

geringer Entfernung neben dem Strande hinläuft. Wir sahen die Ruinen

einer portugiesischen Kirche und dachten der großen Vergangenheit. Das

Wetter klärte sich auf; ich befand mich wieder vollkommen wohl.

Fröhlich traten wir nun am 20. Juni unsere elfte Tagereise an, und

erreichten Mittags den Ambelan, Conderipo genannt. Hier sprang uns

ein schöner Jagdhund entgegen, und schmiegte sich liebkosend an uns

an. Mit Sonnenuntergang glaubten wir, wie gewöhnlich uns lagern zu

können, allein diesmal hatte sich unser Wegweiser selbst verirrt. Wir

mußten also noch einige Stunden marschiren, bis endlich in der Nähe

eines Baches Halt zu machen beschlossen ward. Die Luft war äußerst

schwül; endlich brach ein furchtbares Ungewitter los. Der Wald erbebte;

krachend stürzten tausende von Wipfeln und Aesten herab. Da schlug der

Bliz in eine Gruppe von Cocospalmen, und knisternd loderten sie in

hellen Flammen auf. Es war eine schreckliche Nacht, in der keiner von

uns ein Auge zuthat.

Am folgenden Tage neue Verlegenheit. Der Fluß, den wir zu passiren

hatten, war mit Krokodillen angefüllt. Wir kamen indessen mit Hülfe

unserer Cymbeln glücklich hindurch. Gegen Mittag begegneten wir einer

kleinen singalesischen Caravane, die aus drei und zwanzig Mann mit

siebzehn Stieren bestand. Der Anführer nannte sich Manioppu, und war

ein alter sehr verständiger Mann. Er schenkte mir zwei Kuchen, wogegen

ich ihm, nach seinem Wunsche, einen Bleistift gab. Abends kamen wir bis

zum Dorfe Golgom, wo wir uns mit Lebensmitteln im Ueberflusse versahen.

Unsere dreizehnte Tagereise (22. Juni) führte uns nach Putlan, wo

ein holländischer Posten ist. Der Commandant, ein Deutscher, Herr

Bodenschatz, war in Colombo; sein Sergeant nahm uns aber sehr gastfrei

auf. Wir mußten zwei Tage bleiben, was uns wirklich gar sehr zu

statten kam. Putlan ist ein sehr nahrhaftes Dorf. Es werden sehr viel

Schaluppen, Thonys, und andere ähnliche Fahrzeuge hier gebaut. Der

Hühnerhund, der uns zugelaufen war, gehörte dem Commandanten, und wurde

seit länger als einem Monate vermißt. Die drei nächsten Tagereisen

waren eben so beschwerlich, als uninteressant. Am 28. Juni hielten wir

abermals einen Rasttag.

Am 29. Abends erreichten wir Maravilla, ein sehr ansehnliches Dorf,

das nur eine halbe Stunde vom Meere liegt. Alles war hier mit Fremden

angefüllt; wir übernachteten daher in einem ziemlich entfernten

Ambelan. Ich hatte die Wache von ein bis drei Uhr Morgens, und sah

starr in die grause Finsterniß hinaus. Furchtbar tönte das Brüllen der

Schakals, das Rauschen des Waldes, das Tosen der Brandung durch die

stille Nacht zu mir.

Am 30. Juni marschirten wir abermals längs des Strandes hin. Hier

fanden wir eine Reihe Lascars (Seesoldaten) als Küstenwächter

aufgestellt. Bei der Annäherung eines Feindes haben sie von Posten zu

Posten große Holzhaufen anzuzünden, die deshalb aufgestapelt sind.

Um zwei Uhr giengen wir über den Caimella, fanden das schön gelegene

Dorf Gannipellie, und hielten mit frischem Seefisch ein stattliches

Mittagsmahl. Die Landschaft ward nun äußerst angenehm. Ansehnliche

Dörfer, dichte Cocospflanzungen, üppige Wiesen und Felder wechselten

in lieblicher Mischung ab. Wir nahmen unser Nachtlager in Topture, das

von katholischen, noch aus den Zeiten der Portugiesen herstammenden,

Singalesen bewohnt wird. Der Pfarrer, ein Franziskaner aus Dijon, nahm

uns sehr freundlich auf.

Unsere folgende Tagereise war eben so angenehm, und die Gegend

entzückend schön. Ein Gewitter trieb uns indessen in großer Eile nach

~Negombo~ hinein. An dem Commandanten fanden wir einen sehr

jovialen Mann. Er machte ganz und gar kein Geheimniß daraus, daß er

früher Haushofmeister des Generalgouverneurs gewesen sey. Negombo ist

ein sehr fester Plaz, und überflüßig mit süssem Wasser versehen. Der

hiesige Zimmet wird für den besten gehalten, die Bäume vermehren sich

ungemein. Man schreibt dies, und nicht mit Unrecht, den ~Raben~

zu. Diese suchen nämlich die Früchte sehr begierig auf, und geben sie

unverdaut von sich. Daher denn auch die Unverlezlichkeit dieser Vögel

auf Ceylon und ihre unglaubliche Unverschämtheit.

Am 2. Juli, dieselbe reizende Landschaft; man merkt deutlich, daß man

~Colombo~ immer näher kommt. Endlich am dritten, als dem ~ein

und zwanzigsten~ Tage unserer Reise, langten wir bei guter Zeit

daselbst an. Die herrlichen Umgebungen voll Gärten und Landhäuser; die

schönen Alleen, die breiten Straßen, die prächtigen Häuser -- alles

verkündigt eine Hauptstadt.

Fünftes Capitel.

Drei Monate waren wir bereits in Colombo gewesen, und hatten manchen

fröhlichen Tag mit alten Freunden verlebt. Endlich waren Templyns

Angelegenheiten geordnet, und wir mußten auf unsere Rückkehr bedacht

seyn. Am leichtesten und bequemsten hätte dies zu Wasser geschehen

können; allein es war keine Gelegenheit vorhanden, überdem hielt auch

der Regenmonßon noch an. Es ward daher beschlossen, den gewöhnlichen

Landweg zu nehmen, der längs der Küste hinläuft. Was mich indessen

anlangt, so hätte ich vorher noch gern eine Reise in die Gebirge von

Boucout gemacht. Allein Templyn war durchaus dagegen, und nannte die

ganze Unternehmung abenteuerlich.

Unter diesen Umständen ward ich mit einem Portugiesen, Namens Don

Manuel de Sylva, bekannt. Es war ein sehr einnehmender Mann, der durch

eine Reihe der sonderbarsten Schicksale nach Colombo verschlagen worden

war. Er hatte, wie er sagte, in den Gebirgen von Candy, eine unbekannte

Diamantengrube entdeckt, dachte auf eine zweite Reise dahin, und lud

mich zur Gesellschaft ein. Allein ich fand die Sache so gefährlich, daß

ich den Vorschlag von mir wieß, worauf er sich seinerseits zu unseren

Reisegefährten anbot. Wir ließen uns dies gern gefallen, nahmen noch

drei Träger an, und brachen endlich Nachmittags um fünf Uhr von Colombo

auf.

Der Himmel war mit dicken Wolken bedeckt; von Zeit zu Zeit fielen

Regenschauer herab, und der Wind blies mit Heftigkeit. Unsere Träger

hatten ein wenig zu viel Talwag (eine Sorte Arrak) getrunken, und kamen

daher in der Dämmerung vom rechten Wege ab. So irrten wir die halbe

Nacht herum, bis wir endlich das Dorf Werigur erreichten, wo nun den

ganzen folgenden Vormittag ausgeruht ward.

Die nächsten zwei Märsche waren nicht weniger beschwerlich, auch ward

der angeschwollene Colombo mit vieler Mühe passirt. Abends erreichten

wir Negombo. Um jedoch dem Commandanten nicht beschwerlich zu fallen,

quartierten wir uns in dem benachbarten Dorfe Sunneput, in einer alten

Kirche, ein.

Die beiden folgenden Tage, weitere Reise, und Nachtlager auf die

gewöhnliche Art. Templyn verließ mich hier; ein Brief von seiner

kranken Frau rufte ihn eilig nach Jaffanapatnam zurück. Don Manuel, der

Portugiese, fieng nun zum zweitenmale von seiner Reise an. Er gestand

mir jezt, daß es keine Diamantengrube, sondern ein Familienschatz sey.

Er hatte die sichersten Anweisungen über die Stelle, wo er vergraben

war. Da dies zu meinem Plane, die Gebirge von Bocour zu bereisen,

vortrefflich paßte, willigte ich ohne viel Mühe ein. So erreichten

wir Chilaw, lohnten unsere Träger ab, machten im Stillen die nöthigen

Einkäufe, und brachen endlich am dritten Tage wieder auf.

Anfangs, und um die Einwohner zu täuschen, verfolgten wir den nämlichen

Weg; bald aber schlugen wir uns seitwärts in die Wälder, und nahmen

unsere Richtung gegen das Gebirge zu. Unsern Reisevorrath hatte der

Portugiese schon den Abend zuvor in der Nähe versteckt. Das Ganze

bestand aus einem Sacke mit ungefähr zwanzig Pfund Reis; einem Paar

Pistolen nebst Pulver und Blei; zwei Calebassen, die eine mit Arrak

gefüllt, die andere zum Wasser bestimmt; einem Paar kupferner Schüsseln

und Teller; einem Beile und einem kleinen Taue, einigen Feilen und

Brecheisen, und einer großen Bärenhaut. Wir passirten den Manasseran,

und hatten diesen Tag noch einen erträglichen Marsch.

Am folgenden Morgen erblickten wir die Gipfel der Gebirge in blauem

Nebelduft. Der Wald ward nun mit jedem Schritte dichter; bald mußten

wir uns mit dem Beile durchhauen. Wir richteten uns sorgfältig nach dem

Compasse, und wanderten so immer nach Osten fort. Als es Nacht geworden

war, wimmelte es von wilden Thieren um uns her. Doch hielten wir sie

durch Feuerbrände und Pistolenschüsse von uns ab.

Sechstes Capitel.

Mit unserer fünften Tagereise ward der Weg nun je länger, desto

beschwerlicher. Hier hatte noch nie ein menschlicher Fuß gewandelt;

hier herrschte die Natur noch in ihrer ganzen ursprünglichen Macht.

Mit unsäglicher Mühe arbeiteten wir uns durch das Gebüsch hindurch, wo

jeden Augenblick der Anfall eines Tigers zu befürchten war. Gegen ein

Uhr machten wir Halt, um einige Stunden auszuruhen. Als wir wieder

aufbrachen, nahm der Wald allmählig an Dichtigkeit ab. Bald aber sahen

wir eine ungeheure, hohe Grasmasse gleich einer Mauer vor uns. Keine

Möglichkeit hindurchzudringen, so oft auch der Versuch wiederholt ward.

Unterdessen fieng es an dunkel zu werden, und wir mußten auf unser

Nachtlager bedacht seyn. An ein großes Feuer war nicht zu denken, kaum

hatten wir Holz zum Kochen genug. Wir brachten daher die Nacht auf

einem Baume zu, wobei uns unser Tau vortrefflich zu statten kam.

Am folgenden Morgen gelang es uns endlich in der Graswand einen Eingang

zu entdecken, der hindurchzuführen schien. Der Schlangen wegen war

indessen große Vorsicht erforderlich. Dabei eine erstickende Hitze,

ein glänzender Sandboden, eine brennendheiße verpestete Luft. Gegen

Mittag fanden wir endlich einen kleinen Raum, verzehrten die Ueberreste

unseres Abendessens, und legten uns dann wechselsweise zum Schlafen

hin.

Als wir wieder aufbrachen, bemerkten wir mit Freuden, daß die Graswand

immer dünner, und die Anzahl der Oeffnungen immer häufiger ward. Bald

sahen wir wieder Bäume, und bald gewann der Wald wieder völlig die

Oberhand. In glänzendem Sonnenlichte lagen die Gebirge von Bocour

nun ganz vor uns. Nur noch einige Stunden, und der Fuß derselben war

erreicht. Mit beflügelten Schritten eilten wir über den obern Boden

dahin. -- Plözlich! -- O Schreck! o Entsetzen! -- Plözlich sahen wir

einen breiten und tiefen Canal vor uns, der von oben bis unten, mit

dichtem, eng verflochtenem Gebüsch angefüllt war.

Neue Hindernisse! neuen Schmerz! Endlich beschlossen wir längs des

Ufers abwärts zu gehen, um zu sehen, ob der Uebergang möglich sey.

Doch vergebens! Je weiter wir kamen, desto breiter und tiefer ward

der Canal. So brach der Abend an; ein Glück für uns, daß Holz im

Ueberfluß vorhanden war. Am folgenden Morgen kehrten wir wieder um,

und entdeckten endlich eine Stelle, wo wenigstens meinem Gefährten der

Uebergang möglich schien. Was ich ihm auch sagen mochte, er bestand

darauf. So ließ er sich denn an dem Taue hinab, nachdem es um einen

Baum befestigt worden war.

Es dauerte indessen ziemlich lange, ehe er eindringen konnte, dann aber

war er mir auch augenblicklich aus dem Gesicht. Unverwandt hatte ich

indessen meine Augen auf das andere Ufer gerichtet; als ich plözlich

in der Mitte des Dickichts ein starkes Geräusch, und bald darauf sein

Angstgeschrei vernahm. Er war in Gefahr; wie wahnsinnig sprang ich die

Tiefe hinab, und drang in der Oeffnung vor. Doch alles vergebens! Kein

Laut; keine Antwort; nichts gewisser, als daß er von einer Schlange

erwürgt worden war.

Mit zerrissenem Herzen, mit thränenden Augen stieg ich wieder hinauf,

und fühlte das Elend meiner Lage in seiner ganzen Schrecklichkeit.

Ich war allein in dieser Wüste, und auf allen Seiten von Gefahren

umringt. Ich war allein! -- Die Sonne sank tiefer, ich beschloß

in der nämlichen Richtung fortzugehen. War es Instinkt, war es

Gleichgültigkeit? es schien mir am besten so. Zum Glück hatte ich noch

etwas Reis, nebst der Arrakcalabasse, und den Pistolen bei mir.

Die Nacht brach an; ich machte bei einem Baume Halt, kletterte hinauf,

und band mich mit dem Taue an zwei Aeste fest. Bald schlief ich vor

Ermüdung ein. Doch mein Schlaf war nicht erquickend; das Bild meines

unglücklichen Gefährten schwebte mir unaufhörlich vor.

Siebentes Capitel.

Als ich erwachte, war es hoher Mittag, und ich fühlte mich an allen

Gliedern gelähmt. Nur mit Mühe vermochte ich mich loszubinden,

worauf meine traurige Wanderung weiter gieng. Der Weg war mit feinem

aschfarbenem Sande bedeckt, der mir bei jedem Schritte entgegenflog;

daher ich von heftigem Durste gepeinigt ward. Zum Glück kam ich endlich

an einen Bach, wo ich den Rest meines Arrakes mit Wasser vermischte,

und so ein kühlendes Getränk erhielt. Unterdessen zogen am Horizonte

furchtbare Gewitterwolken auf. Ich eilte daher, einen großen schattigen

Baum zu erreichen, den ich in einiger Entfernung vor mir sah.

Es mochte ungefähr um sechs Uhr Abends seyn, als ich glücklich auf

dieser Stelle ankam. Sofort bratete ich mir einige gefundene Schnecken,

und kletterte dann auf den Baum, wo ich mich wie gewöhnlich mit dem

Taue anband. Kaum hatte ich indessen einige Stunden geschlafen; als

ich aus einem schrecklichen Traume erwachte, und mich über und über

von Feuer umgeben sah. Das furchtbarste Ungewitter war losgebrochen;

der ganze Himmel ein wallendes Flammenmeer. Mit unsäglicher Heftigkeit

raste der Sturm in den Aesten, und warf mich wie einen Ball hin und

her. Den Kopf auf die Knie gestüzt, schloß ich die Augen, und brachte

den Rest der Nacht in einer Art Betäubung zu.

Der Tag brach an; der Regen hörte auf, der Himmel ward heiter, und

alles glänzte in goldnem Sonnenlicht. Ich trocknete meine durchnäßten

Kleider, und machte mich auf den Weg. Allmählig lief der Canal nach

Osten, eine Richtung, die sehr erfreulich für mich war. Voll Muth und

Hoffnung wanderte ich so bis Nachmittags um 3 Uhr fort. Plözlich stand

ich vor einer hohen Felsenwand, die mir den Weg verschloß.

Keine Möglichkeit weiter zu kommen, es mußte denn von Seite des Waldes

gewesen seyn. Ich beschloß es daher zu versuchen, und drang auch

wirklich zwischen zwei Dornengebüschen durch. Doch in dem Augenblicke

schoß eine ungeheure Schlange auf mich los. Wohin sollte ich fliehen?

Nirgends mehr Rettung für mich! Rechts hatte ich den Canal, links das

Ungeheuer, vor mir die hohe Felsenwand. Ohne zu wissen, warum, eilte

ich indessen den vorigen Weg wieder nach derselben zurück.

Unterdessen war die Schlange immer näher gekommen, und kaum war sie

noch drei bis vier Fuß von mir entfernt. In dieser entsezlichen Lage

folgte ich blos meiner Verzweiflung, und sprang, wie wahnsinnig auf

ein hervorragendes Felsenstück. Von diesem arbeitete ich mich, ohne zu

wissen wie, allmählich höher hinauf, bis ich endlich oben war. Jezt

aber sank ich ermattet zu Boden, und lag eine gute Weile, ehe ich

wieder zu mir kam.

Als ich die Augen aufschlug, und in die Tiefe richtete, sah ich die

fünfzig Fuß lange Schlange, die sich langsam in den Wald zurück begab.

Aber zu gleicher Zeit bemerkte ich mit großem Schmerze, daß mein ganzes

Reisegeräthe verloren war. Ich fühlte, daß meine Lage doppelt elend

werden mußte, und überließ mich der Verzweiflung. Wohin ich blickte,

sah ich ein Felsenchaos vor mir, in dessen Mitte sich ein furchtbarer

Abgrund befand.

Der Abend dämmerte; ich suchte in meinen Taschen, und fand zu meiner

großen Freude noch ein Stück Zwieback und mein Feuerzeug. Von wilden

Thieren war in dieser Einöde nichts zu fürchten; ich machte daher blos

Feuer zur Vertreibung des Gewürmes an. So nahm ich mein Lager auf dem

harten Boden, mein Haupt an die Felsen gelehnt. Alles war still und öde

um mich; ach! diese Wüste schien mein eigenes Grab zu seyn.

Achtes Capitel.

Am folgenden Morgen neues Erwachen; neue Noth. Mein ganzes Frühstück

bestand in ein wenig Regenwasser, das ich in einer kleinen

Felsenhöhlung fand. Mühsam schleppte ich mich nun in diesem Labyrinthe

fort; bis ich endlich gegen Mittag an dem Fuße eines hohen steilen

Berges ankam, der mir abermals den Weg verschloß. Indessen nahm ich

allen meinen Muth und meine Kraft zusammen, denselben zu erklimmen,

in der festen Hoffnung, jenseits werde das Ziel meiner Leiden seyn.

Doch wie groß war mein Entsetzen, als ich mich endlich auf dem Gipfel

befand, und nichts erblickte, als ein ödes, wildes, mit Klippen

besäetes Thal!

Die drei Ostindienfahrer · 第 3 / 12 段