-- »Wie, von Madras? Mit dieser Chialeng?« -- Es schien allerdings
ein halbes Wunderwerk, denn alle Cocosstricke an den Planken waren
fast gänzlich verfault. Bei einer schweren Ladung hätten wir dies alte
Fahrzeug sicher nicht so weit gebracht. Ich gab es jezt meinen armen
Leuten Preis, bezahlte ihnen den bedungenen Lohn, und wanderte langsam
in die Stadt hinein. Sofort kam ein Pron (Diener) auf mich zu, und wieß
mich zu dem Equipagenmeister, einen Mr. de Salmiac.
Als ich in das Zimmer trat, sah ich ein kleines, rundes, dickbäuchigtes
Männchen, bloß in Hemde und Pantalons vor mir. Ich war ein wenig
erstaunt, und glaubte unrecht gegangen zu seyn. -- »Nein! Nein!« --
fiel er mir lebhaft ins Wort -- »Ich bin es selbst -- Sie sind freilich
nicht der erste, der sich über mein Neglige verwundert; aber so laufe
ich, der Hitze wegen, immer im Hause herum. Es ist doch ein Herzleid,
wenn man so dick ist -- =Mais l'habit ne fait pas le moine= -- Was
haben Sie anzubringen? -- Setzen Sie sich.«
»Ich habe englische Briefe für den Admiral de Suffroin!«
»Wie, englische Briefe für den Admiral?« -- rief er mit Verwunderung
und Freude aus -- »Vielleicht Nachricht vom Frieden? -- Sagen Sie,
wissen Sie etwas davon? Haben Sie etwas davon gehört?« -- So ging
es, in einem Athem, wohl eine Viertelstunde lang fort. Er war ganz
begeistert von seiner Friedensidee. Endlich erzählte ich ihm den
Zusammenhang.
»Bravo! Bravo! « -- rief er in die Hände klatschend -- »Tausend
Pagoden! Warlich, das ist keine Kleinigkeit. Aber Sie haben
wahrscheinlich Vermögen?« -- »Im Gegentheil, ich bin nichts weniger
als reich« -- »=c'est fort!=« -- sagte er halblaut für sich,
und dann mit Lebhaftigkeit zu mir: »=Ma foi, vous êtes un honnête
homme!=«
»Aber!« -- fiel er plözlich in einem anderen Tone ein -- »An wen denken
Sie Ihre Briefe abzugeben? -- Der Admiral ist abgesegelt, wie Sie
sehen; der Intendant ist auf einige Tage verreist. Sie wollen gern nach
Tranquebar, wie Sie sagen, und da geht eben ein Thony (Küstenfahrer)
hin. Ich erwarte den Capitain jeden Augenblick. Wissen Sie was? lassen
Sie die Briefe bei mir; so ist es gut!« --
»Sehr gern!« -- erwiederte ich, und war im Grunde herzlich froh, sie
endlich los zu seyn. Es waren fünf und dreißig zusammen, worüber ich
einen Empfangschein erhielt. Zu gleicher Zeit schrieb Mr. de Salmiac
meinen Namen, nebst der Adresse eines meiner Freunde zu Tranquebar auf.
Jezt kam der Capitain der Thony, ich ward mit ihm um drey Pagoden
eins. Es war mein leztes Geld; Mr. de Salmiac hörte es, blieb aber ganz
gleichgültig dabei. -- »Essen Sie zu Mittag!« -- sagte der Capitain:
»Sie haben gerade noch zwei Stunden Zeit!« -- Sofort überhäufte mich
Mr. de Salmiac mit tausend Entschuldigungen, daß er heute selbst zu
Gaste gebeten sey. -- »Wenn Sie indessen durchaus Niemand anders
kennen« -- fuhr er fort -- »So werde ich Sie mitnehmen -- Ja! Ja! --
Ich werde Sie mitnehmen, wenn nämlich der Capitain warten will!« --
Sein zweideutiges Wesen misfiel mir; ich nahm daher augenblicklich
Abschied von ihm. -- »=Mais!= -- =Mais!=« -- fiel er ein --
»=J'en suis fâché! J'en suis an desespoir!=« -- führte mich unter
einer Menge Complimente zur Thüre hinaus, und ließ mich auf der Straße
stehen. Ich darf es sagen, eine Belohnung verlangte ich nicht; aber
ein gutes Mittagsessen hätte mir allerdings Vergnügen gemacht. Ich
verkaufte nun einige kleine Pretiosen, aß in einer Taverne, und begab
mich hierauf an Bord. Der Wind war günstig; schon um acht Uhr Abends
ankerten wir auf der Rhede von Tranquebar. Vor Freude und Ungeduld war
ich außer mir.
Alle Chialengs waren indessen bereits in Sicherheit gebracht; ich sah
keine Möglichkeit ans Land zu gehen. Endlich vernahm ich Rudergesang.
Es waren Fischer; sie kamen aus der See zurück. -- »He!« -- rief ich
ihnen zu -- »Wollt ihr einen Weißen mit ans Land nehmen?« -- Sie
achteten wenig, oder gar nicht darauf. -- »Eine Rupie, wenn ihr wollt«
-- fuhr ich fort, und in wenig Minuten war ich auf dem Kattamaran
(Floß). Wohl wußte ich, was ich wagte, und wie gefährlich das Landen
war; allein ich dachte an Sophien, und verließ mich auf mein bisheriges
Glück.
Jezt waren wir bei der glänzenden Brandung, die sich mit dumpfem
Donner am Ufer brach. -- »Noch eine Rupie!« -- rief ich den Fischern
zu, wenn ihr mich glücklich hinüber bringt. Zu gleicher Zeit warf ich
mich nieder, und klammerte mich an die Balken an. Glücklich kamen wir
über die zwei ersten Wellen hinweg, nicht so über die dritte, so groß
auch die Anstrengung der Ruderer war. Sie holte uns ein, hieng, wie
ein schreckliches Gewölbe, einen Augenblick über uns, und stürzte dann
donnernd auf uns herab. Ich verlor das Bewußtseyn. -- Als ich wieder zu
mir kam, lagen wir hoch und trocken auf dem Strande von Tranquebar.
Dreizehntes Capitel.
Ohne Aufenthalt eilte ich nun vollends in die Stadt hinein, und
beschloß bei dem ersten besten nach Sophien Erkundigungen einzuziehen.
Eben kam ich bei dem Zollhause vorbei; es war noch Licht darin. --
»Guten Abend!« -- sagte ich zu den Kannekas (Schreibern) -- »Könnt ihr
mir nicht sagen, ob die Thony von Maleappa -- so hieß der Schiffer --
angekommen ist?« --
»O ja, schon vor geraumer Zeit! -- Dort liegt sie auf dem Strande --
Wenn's Tag wäre, könntet ihr sie gleich vor euch sehen. -- Sie wird
reparirt; sie hat einen schweren Sturm auszuhalten gehabt.« --
»Wo wohnt Maleappa? Ich muß ihn sprechen.« --
»Wo er wohnt? -- Nun vermuthlich bei den Fischern, denn beim Sturme
fiel er über Bord.« --
»Und die Frau mit dem jungen Mädchen? -- Sie befanden sich als
Passagiere auf der Tony. -- Sind sie noch in Tranquebar?« --
Die Schreiber sahen einander an; keiner hatte ein Wort von diesen
Personen gehört; ich ward leichenblaß. In diesem Augenblicke trat ein
Kuli (Träger) auf mich zu. Er hatte bisher an der Thüre gesessen und
unserem Gespräche zugehört. -- »Aya!« -- sagte er -- »Gieb mir ein
Paar Panams und ich führe dich hin. Ich habe ihre Sachen getragen, und
weiß, wo sie eingekehrt sind.« -- »Du sollst eine Rupie haben!« rief
ich, und eilte mit ihm fort.
»Hier!« -- sagte er endlich, indem er auf ein malabarisches Häuschen
zeigte -- »Hier Aya, hier wohnen sie! Soll ich anklopfen?« -- »Nein!
Nein!« --sagte ich hastig, und hielt ihn zurück. -- »Hier hast du dein
Geld, und gute Nacht!« --
In dem Augenblick gieng die Thür auf, und Sophie trat mit einer Lampe
heraus. -- »O mein Gott!« -- rief sie und flog an meinen Hals. Seliger
und unbeschreiblicher Augenblick. So fand uns die Mutter in stummer
Umarmung. -- »Ach! wie haben wir uns geängstiget« -- sagte sie. -- »Nun
Gott sey hoch gedankt!« --
Am andern Morgen dachte ich nun im ganzen Ernste an meine Einrichtung.
Alle meine Sachen waren unversehrt; allein Tranquebar bot wenig,
oder gar keine Hülfsquellen dar. Der dänische Handel ist unbedeutend;
das Comtoir beschäftigt nur wenig Leute! überall herrscht die größte
Sparsamkeit. Ich mußte mir einen bedeutenden Plaz wählen, wo ich
überdem von dem Kriege sicher war. Es schien mir daher am besten, nach
Jaffanapatnam auf Ceylon zu gehen. Die Mutter freute sich über meinen
Entschluß, Sophie aber sagte kein Wort dazu. Erst jezt hörte ich von
jener, daß der Bräutigam zu Trinconomale sey. -- In wenig Tagen hatte
ich eine gute, geräumige Chialeng mit einem Sonnendeck gekauft, und
tüchtige Ruderer u. s. w. besorgt. Da erschien auf einmal ein alter
gutgekleideter Herr bei mir.
»Ich bin der Graf von Bonvoux« -- hub er französisch an -- »Sie
befrachten eine Chialeng nach Jaffanapatnam; ich suche ebenfalls eine
Gelegenheit dahin -- Wenn Sie mich mitnehmen könnten, wär' es mir
angenehm. -- Ich habe nur ein Paar Coffers, vier Kisten mit Wein, zwei
Ballen Musselin, und zwei weibliche Bedienten bei mir!« -- Ich sah
an seinem Orden, daß er Maltheser war, und lachte herzlich über seine
Dienerschaft.
»Das ist so einmal meine Art!« -- gab er jovialisch zur Antwort -- »Ich
habe immer zwei Mädchen bei mir. Die eine besorgt die Küche, die andere
meine Person.« -- »=D'ailleurs!=« -- indem er mich sehr bedeutend
ansah -- »=Le nom ne fait rien à la chose. Vous le verrez!=«
Ich hatte anfangs wenig Lust zu dieser Reisegesellschaft, und
entschuldigte mich durch den Mangel an Plaz, was auch nicht ganz
ungegründet war. Allein der alte Ritter wußte mir alles so leicht
vorzustellen, und schien zugleich so jovialisch zu seyn; daß ich ihm
endlich die Ueberfahrt, und obendrein umsonst zugestand.
»Nun gut!« -- sagte er -- »So kaufen sie wenigstens keine
Provisionen ein! Das will ich auf mich nehmen, und ich denke zu
ihrer Zufriedenheit. Geben Sie keinen Sous dafür aus, ich bitte Sie!
Verlassen Sie sich ganz auf mich!« -- So gieng er, und ich verließ
mich wirklich auf ihn.
Beim Mittagsessen erklärte mir die Mutter, daß sie nicht mit zu reisen
willens sey. Sie habe ein treffliches Unterkommen als Haushälterin bei
einem Hollsteiner erhalten, sie vertraue Sophien meiner Rechtlichkeit
an. Zerschlüge sich die Heirath, so hätte ich ihre Einwilligung. Sophie
schien über dies alles äußerst vergnügt; man kann denken, wie sehr ich
es selbst war.
So schlug es vier Uhr, und wir eilten in die Chialeng. Die gute Mutter
begleitete uns an den Strand; wir nahmen herzlichen Abschied von ihr.
Der Graf befand sich mit seinen beiden Mädchen bereits an Bord, und war
äußerst höflich, wiewohl er einen kleinen Hieb zu haben schien. -- Wir
richteten uns ein, so gut es möglich war. -- Endlich Anker auf! -- Da
segelten wir lustig die Rhede hinaus.
Vierzehntes Capitel.
So verließ ich denn die Küste von Coromandel, wo ferner kein Glück
für mich zu blühen schien. Mit vermischten Gefühlen blickte ich noch
einmal auf das verschwindende Gestade zurück. Die Stadt, das Fort, die
Pagoden, die Cocos-Wälder -- alles glänzte im Dufte des Abendroths;
alles sank allmählich in Dämmerung.
Bald war es Zeit zum Abendessen, und der Graf öffnete seinen
Speisekorb. Noch jezt sah ich ihn vor mir, wie er vier kleine gebratene
Hühner, zehn Sousbrode, und eine Flasche Madera heraus nahm. Da ich
dies natürlich nur für eine Art Voressen hielt, expedirte ich mein
Huhn, und meine zwei Brode mit gutem Seemannsappetit.
»=Parbleu!=« -- sagte der Graf -- »Hätte ich das gewußt, ich hätte
mich mit einem Huhn, und einem Paar Broden mehr versehen!« --
»Wie, Herr Graf?« fiel ich lebhaft ein -- »Das ist Alles?« --
»Wie Sie sehen, ja! -- =Vraiement! J'en suis fâché!= -- Aber
es hat gar nichts zu sagen. Wir frühstücken zu Caix[3], ich stehe
Ihnen dafür. Lassen Sie mich nur machen; ich bin ein alter erfahrner
Steuermann!«
Ich ließ ihn schwatzen; denn ich merkte wohl, er hatte abermals zu
tief ins Glas gesehen. Im Nothfall gab es überdem längs der Küste noch
kleine Häfen genug. Völlig unbesorgt streckte ich mich also, wie die
ganze Gesellschaft, auf meine Matte hin.
So mochte ich ungefähr bis fünf Uhr Morgens geschlafen haben, als ich
von dem Tandel (Steuermann) geweckt ward. -- »Steht auf, lieber Herr!«
-- sagte er sehr betrübt. -- »Ich kann keinen Grund mehr finden, und
sehe auch kein Land mehr.« --
»Wie?« rief ich erschrocken -- »Kein Land? Wie ist das möglich?« --
Und mit einem Sprunge war ich auf, und sah leider, daß es gegründet
war. -- »Aber« -- fuhr ich heftig fort -- »Warum hast du die Küste
verlassen?« -- »Um Gotteswillen!« -- antwortete er zitternd -- »Nicht
ich, der Franzose« -- »Wie, der Franzose?« -- »Ja Herr! Er hat es
gethan! -- Er zwang mich dazu, er sezte mir die Pistole auf die Brust!«
--
Es war in der That ein entsezlicher Streich. Die See gieng hoch; die
Strömung lief nach Nordost; das Rudern war äußerst beschwerlich; unsere
Richtung gerade entgegengesezt. Hierzu die Hitze, die Windstille, der
Mangel an Proviant -- Ich gestehe es; ich war außer mir vor Zorn. Ich
hätte den gräßlichen Patron über Bord werfen können; so erbittert war
ich auf ihn. -- »Da!« sagte ich, und weckte ihn ziemlich unsanft auf
-- »Da! Sehen Sie ihre verdammte Steuermannnskunst! -- Wir treiben in
offener See.«
»=Vous êtes une bête!=« -- war seine Antwort -- »Was verstehen
denn Sie davon? Nun ja! Ich habe diese Nacht gesteuert, und danken
sollten Sie mir noch dafür. -- =Parbleu!= -- So an der Küste
hinzuschleichen, wenn man Curs halten kann. In ein Paar Stunden müssen
wir zu Caix seyn. Wenn man die Küste nicht sieht, so ist der Nebel
daran Schuld.«
Jezt wurde es mir zu arg, und ich bewieß ihm mit der Charte, daß er ein
Windbeutel sey. -- »Treiben wir die Nordspitze von Ceylon vorbei« --
fuhr ich fort -- »so ist es um uns geschehen. Also ans Ruder, bis der
Wind auffrischt! Geben Sie den Leuten Geld, sonst stehe ich Ihnen für
nichts!« --
Er schien mir Recht zu geben, und warf eine Hand voll Rupien hin. Diese
theilte ich sofort unter die Ruderer aus, und machte sie wirklich ganz
munter dadurch. Zu gleicher Zeit theilte ich Reis und Wasser unter sie
aus. Wir andern behalfen uns mit etwas Zwieback und Maderawein.
So kam der Abend heran; der Wind schien aufzufrischen; die armen
Ruderer konnten wenigstens etwas ruhen. Ich selbst löste den Tandel am
Steuer ab, und war endlich der einzige, der auf der Chialeng wachend
blieb. Zu meiner großen Freude ward der Wind immer stärker, und so
steuerte ich muthig nach Südwest fort.
Fünfzehntes Capitel.
Die Sonne gieng auf. Rings umher nichts als Himmel und Wasser, und bald
gänzliche Stille, wie vorher. Mit kummervollem Herzen rief ich die
armen Malabaren an ihr beschwerliches Tagewerk. -- »Noch kein Land?«
-- fragten sie traurig, als sie die weite, öde Wasserfläche vor sich
sahen. -- »Noch kein Land, lieber Herr?« -- »Diesen Abend gewiß« --
antwortete ich mit erkünstelter Heiterkeit, und in dem Augenblicke
trieb ein Bananasstamm vorbei. -- »Seht ihr?« -- fuhr ich fort, und
faßte selbst einige Hoffnung -- »Seht ihr? Es kann nicht weit mehr
seyn!« --
In diesem Augenblicke stürzte der Graf herbei -- »Hier«! -- schrie er
einem seiner Mädchen aus der Caste der Parias zu -- »Hier! Sag den
armen Leuten, daß der Mensch da ein Betrüger ist, daß er sie nun und
nimmermehr in einen Hafen bringen wird. Von nun an will ich selber
steuern, und wette tausend Rupien, daß wir morgen in Caix sind. Wer mir
nicht gehorcht, dem jage ich den Degen durch den Leib!« -- Mit diesen
Worten stieß er den Tandel auf die Seite, und wollte die Chialeng
wieder nach Osten drehen.
»Freunde!« -- rief ich mit Heftigkeit -- »Nehmen wir einen andern
Curs, so mag uns Gott beistehen!« -- Zu gleicher Zeit packte ich den
Grafen beim Kragen, und entfernte ihn etwas unsanft von seinem Platz.
Er stolperte, wollte ein Tau fassen, verfehlte es, und flog über Bord.
Augenblicklich sprang ihm aber ein Ruderer nach, und brachte ihn wieder
herauf, so daß er mit der Abkühlung davon kam.
Nachmittags ward ich in Osten einige Wolken gewahr. Dies versprach
für die Nacht äußerst günstigen Wind. Gegen Abend indessen waren die
Ruderer so ermüdet, daß einer nach dem andern zu Boden sank. Es ward
finster; noch immer frischte kein Lüftchen auf. Jeder Seufzer Sophiens
zerriß mir das Herz. Endlich schlief alles ein, und mir selbst sanken
zulezt die Augen zu.
Plözlich -- vielleicht nach einigen Stunden -- erwachte ich von einem
heftigen Stoße der Chialeng, und fand, zu meiner unsäglichen Freude,
daß der Wind frisch aus Norden blies. -- »Auf Freunde, auf!« -- rief
ich jezt dem Tandel, und den Ruderern zu -- »Der Wind ist da! Der Wind
ist da! Jezt lustig das Segel auf! Morgen laufen wir in Caix ein!« --
Alle sprangen in Eile auf; alle waren mit neuem Muthe erfüllt. Ich
steuerte nunmehr mit fester Hand, und rauschend flog die Chialeng durch
die glänzenden Fluthen hin. Sophie kam zu mir, wir sprachen zusammen,
bis der Tag anbrach.
Die Sterne blühten, in Osten fieng es an heller zu werden; mit
klopfendem Herzen blickte ich nach der ersehnten Küste, die meiner
Rechnung nach, in Süden zu finden war. Da gieng die Sonne auf, und wie
ein bläulich glänzender Nebelstreif stieg das Land aus dem wellenden
Meer empor. -- »Land! Land!« -- rief ich freudig, und zeigte mit der
Hand dahin! -- »Land! Land!« -- tönte es durch die ganze Chialeng. --
Einige Stunden, und wir konnten schon die dunkeln Waldungen sehen.
Endlich kamen wir näher und näher, und ich erkannte die kleine Insel
~Caradiva~, oder ~Amsterdam~, ungefähr zwei Seemeilen von
Ceylon.
Gern hätte ich die Chialeng auf den Strand gesezt, allein der
Felsenriffe wegen mußten wir vor Anker gehen. Eilig kletterten wir
nun, den Grafen ausgenommen, vom Fahrzeuge herunter, wadeten über die
Klippen, und langten wohlbehalten am Ufer an. Eine Frau zeigte uns den
nächsten Brunnen, und besorgte uns bald ein gutes Mittagsmahl. Der Graf
ließ seine Sachen in eine andere Chialeng bringen, und befreite mich
so, zu meiner großen Freude, von seiner Gegenwart. Um vier Uhr ankerten
wir bei dem Fort Ham an Hiel, und am andern Morgen kamen wir glücklich
zu Jaffanapatnam an. Hier ward Sophie die meinige, und hier fand ich
auf eine kurze Zeit, ein nie genossenes Glück.
Erste Abtheilung,
Jacob Haafner.
Zweites Buch.
Erstes Capitel.
Zwei Jahre darauf verlor ich meine geliebte Sophie, und mit ihr meine
ganze Freude auf der Welt. In tiefer Schwermuth brachte ich vier Monate
auf meinem Gartenhause zu, und sah nur einen einzigen Freund. Diesem
gelang es endlich, mich durch einen großen Reiseplan zu zerstreuen.
Es kam auf nichts Geringeres an, als durch das Innere der Insel nach
~Colombo~ zu gehen. Indessen beschlossen wir außer den Sclaven
und Trägern, noch einen europäischen Reisegefährten zu suchen, um
wenigstens unserer drei zu seyn.
Dies war schwerer, als es scheinen mag; doch mit einiger Mühe fanden
wir endlich unseren Mann. Es war ein verabschiedeter holländischer
Sergeant, Namens Georgi aus Strasburg. Freilich war er ein wenig taub,
und trank für sein Leben gern; aber er kochte vortrefflich, war der
lustigste Kauz von der Welt, und fürchtete sich selbst vor dem Teufel
nicht. Bei so viel guten Eigenschaften drückten wir gern ein Auge zu.
Da er nun überdem selbst nach Colombo wollte, kam der Handel sehr bald
in Richtigkeit. Einige Tage nachher gesellte sich noch ein vierter
Europäer, ein Mr. d'Allemand zu uns. Er hatte Depeschen vom Admiral
Suffrer an den französischen Agenten zu Colombo zu überbringen, und bot
sich uns daher zum Gefährten an. Zwar hätte er die Reise gern längs
des Strandes gemacht, allein es fehlte an Gelegenheit. Nachdem nun
alle Anstalten getroffen waren, wurde der neunte Juni 17-- zur Abreise
festgesezt.
Unsere ganze Caravane war jezt sechszehn Mann stark; wir vier Europäer,
zwei Sclaven, und zehn Trägern, oder Chivias. Drei der leztern, und
zwar die stärksten, trugen jeder sechszig Pfund Reis, und zwei andere
den Coffre von d'Allemand. Der sechste war mit zwei großen kupfernen
Wassertöpfen, der siebente mit zwei Körben voll Zucker, Caffee, Wein
u. s. w. bepackt. Der achte trug das Tisch- und Küchengeräth; der
eine meine und Templyns[4] Kleider und Wäsche; der zehnte endlich
unsere Matten, und die Fougritos oder Raketen, die man auf die wilden
Thiere wirft. Templyns, d'Allemand, und ich, wir hatten jeder unsern
Hirschfänger an der Seite, eine tüchtige Büchse auf der Schulter, und
ein Paar Pistolen im Gurt. Der Sergeant trug seine ganze Bagage auf dem
Leibe, und schleppte einen großen Husarenpallasch hinter sich drein.
Es versteht sich, daß wir die Oppa nicht vergessen hatten, d. h. den
Generalbefehl an die Majorals oder Dorfältesten, uns gegen Bezahlung
mit Lebensmitteln zu versehen.
So zogen wir dann am 9. Juni, Nachmittags um drei Uhr, unter einem
gewaltigen Zulaufe aus der Stadt. Vorn die beiden Sclaven, als
Cymbelschläger; dann wir Europäer; zulezt die Träger, oder Chirias.
Um vier Uhr kamen wir zu Colombogamme an. Dies ist ein kleines
Fischerdorf, hart am Meerbusen (Passo de Catchai), wo man nach dem
eigentlichen Ceylon überfährt. Um sechs Uhr machten wir am andern
Ufer unter einem großen Platanus Halt. Es ward beschlossen, hier zu
übernachten, indem das nächste Fischerdorf nur aus elenden Hütten
bestand.
Unser Sergeant gab uns viel zu lachen, indem er der Flasche gar
gewaltig zusprach. Dabei ergoß er sich in einen Strom von Flüchen gegen
das weibliche Geschlecht. Er war nicht weniger als fünfmal verheirathet
gewesen, und alle seine Weiber hatten ihm entsezlich mitgespielt.
Die eine war ein Hausteufel gewesen, der ihm keinen Augenblick Ruhe
ließ. Die zweite hatte ihn an preußische Werber verkauft. Die dritte
brachte ihn an den Bettelstab. Die vierte hatte ihn holländischen
Seelenverkäufern in die Hände gespielt. Die fünfte, eine Paria
(gemeines indisches Mädchen) hatte ihm nach dem Leben gestellt. Diese
Ehestands-Abentheuer erzählte er uns in einem höchstpossirlichen
Gemische von Holländisch und Hochdeutsch, das durch seinen elsaßischen
Accent nur noch komischer ward.
Zweites Capitel.
Am folgenden Morgen traten wir unsere eigentliche Reise an. Die Luft
war kühl; der herrliche Golf glänzte im Morgenroth. Wir verließen die
gewöhnliche Straße, um längs der Küste hin zu gehen. So kamen wir
gegen neun Uhr, bei einem Ambelan, am Eingange des Dorfes Manur an.
Diese Ambelans sind eine Art Schuppen, mit Stroh gedeckt, und zum
Besten der Reisenden erbaut. Wir nahmen hier ein Frühstück ein, das aus
Reis und Callou, oder Palmwein bestand. Von nun an gieng es wieder
landeinwärts, fast immer zwischen waldigen Hügeln hin. Dörfer wurden
wir keine, sondern nur einige Gehöfte, und einzelne Hütten gewahr.
Es war gegen elf Uhr, und schon zeigte sich in der Ferne das kleine
verfallene Fort Panoryn, als unsere Mittagsstation. Templyn hatte zu
Manur frische Cocosmilch getrunken, und seitdem über Leibschmerzen
geklagt. Plözlich warf er sich vor einer Hütte nieder, und erklärte,
er könne nicht weiter fort. Vergebens suchten wir ihm durch Arrak u.
s. w. einige Linderung zu verschaffen, die Krämpfe nahmen mit jedem
Augenblick zu. Endlich trat ein alter Mann aus der Hütte, und reichte
ihm eine Art Pflanzensamen auf einem Betelblatt. Dies that sofort die
beste Wirkung, worauf fröhlich nach Panoryn gewandert ward.
Der Commandant dieses Postens empfieng uns mit vieler Herzlichkeit. Er
hieß König, war sieben und siebenzig Jahr alt, und hatte davon drei und
dreißig hier verlebt. Danke bar nahmen wir gegen vier Uhr Abschied
von ihm. Bald sahen wir nun den ungeheuren Wald in seiner ganzen
Ausdehnung vor uns, und kaum eine Stunde, so hatten wir den Eingang
desselben erreicht. Unser Führer, der erste Chiria, ein alter erfahrner
Elephantenjäger, gieng nun voran. In ungeheuren Massen strebten die
hohen, verschlungenen Bäume empor; kaum fiel hier und da ein schwacher
Schimmer hindurch. Um vorwärts zu kommen, mußten wir häufig das Beil
gebrauchen; bis wir endlich einen schmalen Fußpfad fanden, der sich in
einer Schlangenlinie hinwand. Dies war einer von den drei oder vier
geheimen Wegen, die durch diese Wälder bis in das Innerste der Insel
gehen. Sie sind sämmtlich mit einer dichten Seite eingefaßt.
Wir mußten hier einer hinter dem andern marschiren, so daß man sich,
bei den vielen Krümmungen häufig aus dem Gesichte verlor. Ich hatte
d'Allemand hinter mir, und sprach über ein gewisses Etwas sehr lebhaft
mit ihm. Plözlich springt links ein ungeheurer Bär aus der Hecke,
und bleibt quer auf dem Fußsteige stehen. Ich falle über ihn weg, er
richtet sich auf, und schlägt seine Tatzen auf mich hin. Schon fühle
ich seinen brennenden Athem an meinem Gesichte; als plözlich ein Schuß
fällt, der Bär sich abkehrt, und die Flucht ergreift. D'Allemand hatte
diesen Schuß gethan; die Kugel sauste mir hart an den Ohren vorbei.
Um indessen dergleichen Vorfälle künftig zu vermeiden, änderten wir
die Ordnung unseres Zuges, und ließen die Cymbelschläger, nebst zwei
bewaffneten Trägern, zwanzig Schritte vor uns gehen. Ueberdem wurden
mit einbrechender Dämmerung Pechfackeln angezündet, und jeder machte
sich zum Schusse bereit. Von dem Geräusch der Cymbeln und dem Lichte
wurden eine Menge Vögel und Affen munter, so daß alles um uns lebendig
war.