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[Illustration:
_Wiedersehen!_]
Die
drei Ostindienfahrer,
abentheuerliche Reisegeschichten;
herausgegeben
von
Christian August Fischer.
Mit einem Kupfer.
Leipzig 1817.
Hartleben's Verlagsexpedition.
~An die Leser.~
Wie jeder Künstler, so hat auch der Schriftsteller seine
eigenthümlichen Studien. Wenn mir die Kraft zu Allem fehlt; hierzu
gebricht sie mir nie. So beschäftigte ich mich auch diesen, für mich so
traurigen, Winter hindurch.
Ein Theil dieser Reisegeschichten fand vor sieben bis acht Jahren in
einem unserer geschäztesten Tagblätter Plaz. Man erhält jezt das Ganze
in einer neuen, veredelten Form. Es ist eine Ueberarbeitung, bei der
ich in jeder Hinsicht sehr streng gewesen bin. Möchte die kleine Gabe
willkommen seyn!
Wie mit mir, so hat der thätige Verleger, auch mit andern
Schriftstellern außerhalb Oesterreich, Verbindungen angeknüpft. Man
sieht, wie vortheilhaft dieses, des leichten Tausches wegen, für den
gesammten Buchhandel zu werden verspricht. Darum muntere ihn auf, wer
es zu thun vermag.
~Würzburg~, O. M. 1817.
C. A. ~Fischer.~
Die
drei Ostindienfahrer.
Inhaltsverzeichnis
Seite
Erste Abtheilung, Jacob Haafner. 1
Zweite Abtheilung, Ch. Fr. Tombe. 185
Dritte Abtheilung, Heinrich Potter. 231
Erste Abtheilung,
~Jacob Haafner.~
~Erstes Buch.~
~Quellen.~
=L'otgevallen op eene Reize van Madras nar het Eiland Ceilon. Door
Jac. ~Haafner~. Haarlem 1814. 8. 2. Aufl.=
=Reize in eenen Palankin etc. door Jacob ~Haafner~. Amsterdam
1814. 2 Bde. 8. 2. Aufl.=
Erstes Capitel.
Ich befand mich als zweiter Steuermannsgehülfe am Bord eines
holländischen Compagnieschiffes, das von Chinsura nach Negapatnam
bestimmt war. Aber nie hatten wir eine so lange und beschwerliche Reise
gehabt. Auf einer Ueberfahrt, die man in fünf Wochen machen kann,
brachten wir eben so viel Monate zu. Dazu kam der heftige, grausame
Charakter des Capitains, der nach den Schiffsgesetzen an seinem Bord
unumschränkt gebot. Eines Tages ließ er unter andern zwei arme schwarze
Matrosen (Lascars) um einer Kleinigkeit willen so lange geißeln, daß
der eine noch denselben Abend, der andere in der folgenden Nacht
verschied. Dies empörte das ganze Schiff. Es ward daher eine förmliche
Klage gegen ihn aufgesetzt, und nach der Ankunft zu Negapatnam bei dem
Fiscal angebracht. Die Folge davon war, daß dieser uns Unteroffiziere
sämmtlich zu sich rufen ließ. Hier ist es, wo meine Geschichte
eigentlich anfängt.
Nach Unterzeichnung des Protocolles, kam nämlich der Fiscal noch einmal
auf die Klagschrift zurück, und fragte, wer der Concipient davon
gewesen sey. Der Wahrheit gemäß ward ich genannt. Er sprach hierauf
mit Lobe von der Arbeit. -- »Es ist Schade« -- wendet er sich zu mir,
-- »daß Sie in keinen angemessenern Verhältnissen sind. Wenn Sie hier
bleiben wollten, hätte ich wohl eine Stelle für Sie.« -- Ich gestehe
es, dieser Antrag machte nicht wenig Eindruck auf mich. Zwar hatte ich
die Aussicht Steuermann zu werden; allein der Civildienst schien mir
ungleich bequemer und einträglicher zu seyn. Ueberdem hatte ich des
Capitains Rache zu fürchten. -- Mit einem Worte, ich blieb am Lande,
und erhielt eine Stelle auf dem Hauptcomtoir.
Von meiner frühesten Jugend an, war ich ein Spiel des Zufalles gewesen,
und hatte von dem Leben noch nichts, als das Mühselige desselben kennen
gelernt. Jetzt endlich hoffte ich Ruhe und Genuß zu finden, ja ich
schmeichelte mir sogar mit der baldigen Rückkehr ins Vaterland. Allein
bald sah ich mich in meinen Erwartungen aufs bitterste getäuscht.
Spärliche Besoldung, ekelhafte mechanische Arbeit, und so gut als
keine Aussicht zu einer Verbesserung! Fast sehnte ich mich nach dem
Seeleben zurück. Indessen beschloß ich auszuhalten, und mich auf ein
Fach zu werfen, das mir bedeutende Vortheile versprach; ich meine die
italienische Buchhaltung.
Dieser Gedanke bot sich mir bei der Lage der holländischen
Compagniecomtoirs sehr natürlich dar. Es fehlte nämlich überall an
Subjekten dazu. Wir, in Negapatnam, z. B. hatten nur einen einzigen
Mann, der die Bücher auf diese Art zu führen verstand, und dafür
allein sechshundert Pagoden (zu 4½ Fl.) bezog. Die Sache von ihm
zu lernen, war freilich keine Möglichkeit; denn seinen Mangel an
Gefälligkeit abgerechnet, stand er überdem viel zu hoch über mir.
Ich mußte mir also selbst zu helfen suchen, was freilich mit vielen
Schwierigkeiten verbunden war. Indessen, da ich keine Arbeit scheute,
ward ich in Jahr und Tag ziemlich vertraut damit.
Ich hoffte nun nichts Geringeres, als zweiter Buchhalter zu werden;
allein, wie sehr hatte ich mich abermals getäuscht! Zwar ward mein
Fleiß nicht wenig gelobt, und erhielt einen kleinen Monatszuschuß;
allein von einer eigentlichen Beförderung war durchaus die Rede nicht.
Täglich mehr Arbeit; endlich mußte ich beinahe alles thun. Dies war
zu viel, ich verlangte daher meinen Abschied. Da versprach mir der
Buchhalter hundert Pagoden jährlich, und nach drei Jahren die förmliche
Substitur. Ich gieng es ein, allein was geschah? Im ersten Jahr keine
Rupie; im zweiten eben so, im dritten abermals nichts. Ich klagte bei
dem Gouverneur, er gab mir Unrecht. Ich mußte die Bücher noch drei
Jahre, und abermals unentgeldlich führen, dann erst wollte man weiter
sehen. Ich verweigerte es, es sey ganz und gar meine Schuldigkeit nicht.
»Wie?« -- rief der Gouverneur zornig -- »Ihr wagt es, mir zu
widersprechen? Ihr müßt die Bücher führen, sonst nach Batavia, oder
außer Dienst!«
»Ich wähle das Letzte, gnädiger Herr!«
»Ist das euer Ernst?« fragte er erstaunt. -- »Ueberlegt es wohl!«
»Es ist mein völliger Ernst!«
»Nun gut!« -- sagte er hastig -- »So seyd ihr hiemit augenblicklich
entlassen -- Sucht euer Glück anderswo!« -- Mit diesen Worten drehte er
sich um, und verließ den Saal.
So war ich denn endlich wieder frei; allein wegen der Zukunft
allerdings nicht ganz unbesorgt. Ich hatte wenig Geld, und keinen
Credit; meine meisten Freunde verließen mich. Indessen hatte ich mir
neben dem Französischen auch einige Kenntnisse im Englischen erworben;
es schien mir daher am rathsamsten nach ~Madras~ zu gehen. Schon
hatte ich alle Anstalten dazu gemacht, als ich unvermuthet eine
Einladung von Herrn Simons, unserem Magazininspector, erhielt. Dieser
brave Mann hatte von meinem Plane gehört, und wollte mir, wie er sagte,
einen besseren Vorschlag thun. Sein Bruder war nämlich Oberbuchhalter
zu ~Sadras~, und brauchte gerade einen Gehülfen meiner Art. Dieser
Antrag war wirklich aller Ehre werth; doch gestehe ich gern, daß mich
die Nähe von Madras (12 Meilen) auch mit bestimmen half. Leicht kamen
wir daher über die Bedingungen überein. So verließ ich Negapatnam, und
langte wohlbehalten in Sadras an.
Zweites Capitel.
In der That, Herr Simons hatte mich nicht getäuscht; ich fand mich
wirklich in eine sehr angenehme Lage versetzt. Guter Gehalt, mäßige
Arbeit, freundliche Behandlung, herzlicher Umgang; nie hatte ich noch
so zufrieden gelebt. Die Luft war gesund, die Gegend angenehm, Sadras
selbst ein wohlhabender, und sehr lebhafter Ort. Ich hebe aus dem
Ganzen einige Parthien aus.
Zuerst der ~Bazar~, oder Marktplatz, der aus einer breiten, mit
Bäumen besezten Straße besteht. Schon Morgens um fünf Uhr strömen
von allen Seiten Marktleute herbei. Junge Mädchen und Weiber mit
Gemüsen und Früchten; alte Weiber mit Matten und Töpferwaaren;
Reis- und Getreide-, Betel-, Areka-, Spezerei- und Tabakshändler;
Verkäufer von Palmzucker, Palmblättern und Sandelholz; Korbflechter,
Reiskuchenbäcker, Armringsfabrikanten u. s. w.; alle eilen herbei,
alle stellen sich in Reihen auf. Zu gleicher Zeit erscheinen Gaukler
und Wahrsager, Banianen mit ihren Probiersteinen, Tattowirer mit ihren
Nadeln, endlich Sanias und Foguis (Bettelmönche) mit nackten Fakirs
vermischt.
So wird es acht Uhr, und alle Buden, und alle Gewölbe öffnen sich.
Die Menschenmasse vermehrt sich, das Getümmel nimmt zu, der ganze
Bazar ertönt von Geschrei. -- Mangas! Reife Mangas! -- Tamarinden!
Tamarinden! -- Areka und Betel! -- Büffelkuhmilch! -- Eingemachte
Früchte! Kauft Früchte in Zucker! -- Reife und frische Cocosnüsse!
Frischer Palmkohl u. dgl. m. Dazu der Gesang der Mönche, mit
Trommeln und Tambourins, die Glöckchen der Putchares (geistliche
Balladensänger), die Hörner der Sarpojans (Schlangenbeschwörer), die
Schellen der Pandoces (geistliche Bänkelsänger) mit dem Lärm der
malabarischen Schulen, dem gellenden hundertstimmigen ~Ana~,
~Awena~, ~Han~, (A. B. C.) und dem fast alles übertäubenden
Gekrächz von tausenden von Raben vermischt. Endlich mitten im dicksten
Getümmel der Beriesocheng, der weiße heilige Stier, dem alles Platz
macht, und alles liebkosend Geschenke reicht.
Das gesellschaftliche Leben war höchst angenehm. Bald giengen wir in
einen Palmenbusch, um eben gezapften, frischen, blauen Palmsaft zu
trinken; bald machten wir eine Jagd- oder Fischparthie. Ein andermal
ritten wir nach den Austerfelsen, oder brachten unsern Tag in stiller
Ländlichkeit in einer Chauderie (öffentliche Herbergen an den
Landstraßen, in Wäldern u. s. w.) zu. Die hohen, schattigen Pipals, der
Weiher mit Cocosbäumen bepflanzt, der nahe Palmenwald, die Menge von
Pilgrimen und Reisenden -- auch ein solcher »=Dia do campo=« im
noch immer beibehaltenen Portugiesisch so genannt, hatte seinen eigenen
Reiz.
Dann die Gesellschaften, wo sich alles der Freude und der Lebendigkeit
überließ. Die fröhlichen Abendessen mit allem was Land und Jahrszeit
Auserlesenes zu liefern im Stande war. Die von der Liebe geschlossenen
Vereine, wo jeder zu den Füßen der Auserwählten saß, und ihr ein süßes
Versprechen abgewann. Die blinkenden Becher, die Gesänge, die Tänze und
die vaterländische Kraft mit ostindischer Ueppigkeit gepaart!
Drittes Capitel.
Fast anderthalb Jahre hatte ich auf diese Art höchst vergnügt in
Sadras verlebt, als mein Glück auf einmal vernichtet ward. Es war den
17. Juni 17-- ungefähr um vier Uhr Nachmittags. Wir waren bei dem
Generaldirector Herrn von Neis, zu einem Geburtstagsschmause, und
tranken lustig Gesundheiten herum. »Nun noch eins!« -- rief eben unser
Wirth -- »Noch eins, meine Herren! Auf das Wohlergehen von Sadras!« --
In dem Augenblicke trat der wachthabende Sergeant herein und meldete,
daß ein englischer Offizier angekommen sey. Er verlange Herrn von Neis
zu sprechen, und habe ein weißes Tuch an seinem Stock. -- Niemand, und
am wenigsten Herrn von Neis fiel das weiße Tuch auch nur im mindesten
auf. -- »Nur herein!« -- antwortete er sehr vergnügt -- »Ein neuer Gast
macht neuen Durst! -- Er soll mit auf das Wohl von Sadras trinken! Nur
herein!« --
Der Sergeant gieng, um die Thür zu öffnen, und der Offizier trat
in den Saal. -- »Es thut mir leid« -- hub er an, indem er sich zu
Herrn von Neis wandte -- »Es thut mir leid, der Ueberbringer einer
unangenehmen Botschaft zu seyn. England hat Holland den Krieg erklärt.
Der Commandant von Chenglepet (englisches Fort in der Nachbarschaft)
steht mit seinen Truppen nur noch eine Stunde von hier. Er läßt Sie
hiermit auffordern, das Fort und die Factorei von Sadras auf Diskretion
zu übergeben. Dies mein Auftrag; in zwei Stunden bitte ich mir ihre
Antwort aus!« -- Mit diesen Worten machte er uns eine Verbeugung und
entfernte sich.
Welche Nachricht! Bleich und sprachlos saßen wir einige Augenblicke wie
vom Donner gerührt. Endlich trug Herr von Neis auf eine Berathschlagung
der fünf Hauptbeamten an. Dies wurde so fort genehmigt, und alle
übrigen Gäste entfernten sich. Lange sannen wir nun hin und her,
was anzufangen sey. Widerstand konnten wir freilich nicht leisten;
dazu waren wir viel zu schwach. Aber uns auf Diskretion ergeben,
dies durften wir ebenfalls nicht. Wir beschlossen daher auf einer
ordentlichen Capitulation zu bestehen. Im Fall dieselbe jedoch
verweigert würde, wollten wir uns in das Fort zurückziehen. Bei diesem
Entschlusse blieb es, und so ward das Ganze zu Papier gebracht. Nach
sechs Uhr gieng ich damit in Begleitung des Oberbuchhalters und des
Parlementärs zu dem englischen Commandanten, einen Capitain Mackay ab.
Sein Lager war wirklich nur eine Stunde von Sadras entfernt.
Wir kamen an und passirten die Vorposten ohne Schwierigkeit. Alles war
still und finster, nie hatte ich noch ein so ruhiges Lager, ohne das
mindeste Licht gesehen. Doch kaum waren wir angemeldet, als es etwas
lebendiger ward. Man zündete Lichter an und brachte Stühle für uns.
Einige Minuten und wir saßen dem Commandanten gegen über, der uns sehr
stolz ansah.
»Capitain!« -- hub ich an -- »hier sind die Bedingungen, auf welche das
Fort und die Factorei übergeben werden soll.«
Hastig riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie durch, und
warf sie mir wieder zu. -- »Sagt eurem Direktor, daß keine seiner
Bedingungen angenommen wird. Es bleibe bei der Aufforderung. Ich habe
Canonen und Leitern bei mir.«
»Capitain! Sie behandeln uns wie Callouris (indische Räuber). Wir sind
Holländer, wissen Sie das?«
Er that, als verstünde er mich nicht, und schwieg einige Zeit. Endlich
fuhr er trotzig auf: -- »Nun, habt ihrs gehört, nur auf Discretion! --
Versteht ihr mich?«
»Nimmermehr!« -- antwortete ich mit Festigkeit! -- »Lieber das
Aeußerste als dies!« --
»Nun so will ich euch denn zeigen, ihr -- ihr!« --
»Gut! Wir wollen's erwarten, Capitain! Aber Sie werden für unser Blut
verantwortlich seyn. Eher soll man uns in Stücken hauen!« --
Er antwortete nichts, gieng aber mehrere Minuten nachdenkend auf und
ab. Endlich riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie noch
einmal durch, unterzeichnete sie sehr bedächtlich, und gab sie mir ganz
gelassen zurück. Jezt hieß es: Auf nach Sadras! und augenblicklich
war alles mit Lichtern bedeckt, und überall ertönte Trompeten- und
Paukenschall. Wir eilten den Truppen voraus, um unsern Bericht
abzustatten, zufrieden, daß wenigstens so viel erlangt worden war.
Endlich um elf Uhr zogen die Engländer mit klingendem Spiele ein,
besezten das Fort, die Packhäuser u. s. w., und brachten die ganze
Nacht mit Trinken und Lärmen zu.
Am folgenden Morgen ward unser Schicksal näher bestimmt. Die Garnison
mußte Dienste nehmen, wir Compagniebeamten wurden nach Madras
geschickt. Indessen fehlte es an Platz, um unser Eigenthum mitzunehmen;
alles ward daher vorläufig in die Packhäuser gebracht. Dies war
offenbar Treulosigkeit; keiner von uns hat je das Mindeste wieder davon
gesehen. Ich selbst verlor auf diese Art ungefähr dreitausend Pagoden
an Werth. Eben so kam ich um andere tausende, die mir die Compagnie
schuldig war. Alles, was ich noch retten konnte, mochten hundert und
einige zwanzig seyn. So kam ich mit meinen Unglücksgefährten in Madras
an.
Viertes Capitel.
Aber was nun anfangen? -- Ohne Geld, ohne Freunde, ohne Empfehlungen!
-- Ich fühlte nur zu sehr, wie verlassen ich war. -- Endlich fiel mir
ein gewisser Herr Franck, ein deutscher Landsmann, ein. Ich hatte
ihn zufällig in Sadras kennen gelernt, und ihm selbst einige kleine
Gefälligkeiten erzeigt. Diesen suchte ich auf, und fand die herzlichste
Theilnahme bei ihm. Sehr bereitwillig bot er mir sogleich sein Haus,
seinen Tisch, ja sogar seine Börse an; allein er war selbst nicht
reich; ich machte daher nur einige Tage von seiner Güte Gebrauch.
Eben war ich im Begriff mit einigen unverheiratheten jungen Leuten
zusammen zu ziehen, als ich auf einmal -- doch hierüber muß ich etwas
umständlicher seyn.
Während meines Aufenthaltes zu Sadras hatte ich einem alten
braven Sergeanten, Namens Winter, gegen über gewohnt, und so die
Bekanntschaft seiner eben so schönen als sittsamen Tochter Sophie
gemacht. Ich wußte, daß der arme kranke Mann bei der Uebergabe nach
Madras eingeschifft worden war. Leider hatte ich ihn aber aus dem
Gesichte verloren, fand ihn jetzt nur mit Mühe wieder, und traf ihn in
den traurigsten Umständen an. Augenblicklich war mein Entschluß gefaßt.
Ich miethete ein malabarisches Häuschen, kaufte die nothwendigsten
Mobilien u. s. w., und nahm die Familie zu mir. Nur wenig Wochen hatten
wir indessen zusammengelebt, als der alte Mann nach einem kurzen
Krankenlager in meinen Armen verschied. Ich liebte Sophien heiß und
innig, leider war sie aber an einen andern verlobt. Sie theilte meine
Empfindungen, sie hatte nur aus Noth eingewilligt, und fürchtete das
verhaßte Band. Ich beschloß sie nicht zu verlassen, und die Mutter
dankte mir mit Thränen dafür.
Aber um so furchtbarer lag der Gedanke an die Zukunft auf mir.
Mein Geld nahm ab; die Gelegenheit zum Verdienste war bei dem
stockenden Handel ziemlich beschränkt; ich befand mich bald in großer
Verlegenheit. Endlich brachte mich Herr Franck bei einem Mr. Popham als
Schreiber an. Aber auch jezt verschaffte uns meine Einnahme täglich
nur eine Mahlzeit; die Theurung war gar zu groß. In dieser traurigen
Lage ward ich zufällig einen der reichsten portugiesischen Kaufleuten
von Madras, Shor. Antonio de Souza, bekannt. Ich hatte ihm nämlich
einige Papiere zu überbringen, fand ihn gerade mit Shra de Souza beim
Frühstück, und redete ihn englisch (seine Lieblingssprache) an.
»Wie lange sind Sie aus England?« -- fiel er mir plözlich ein.
»Ich bin kein Engländer, mein Herr, und war auch niemals dort.«
»So? -- Also sind Sie in Indien geboren?«
»Nein! Ich bin ein Holländer, mein Herr, und war Buchhalter zu Sadras.«
»Können Sie die Bücher englisch führen?«
Ich verbeugte mich.
»Gut! Gut!« -- fuhr er mit Lebhaftigkeit fort. »Ich brauche eben
einen Buchhalter. Sie sollen monatlich sechzig Pagoden und freien
Mittagstisch haben, auch das Frühstück, wenn Sie wollen. Jetzt sagen
Sie!« --
»Mein Herr! -- Ich bin zu Ihren Diensten. -- Aber wie soll ich Herrn
Popham.« --
»Das ist meine Sorge. -- Treten Sie nur in Gottes Namen an. -- Aber Sie
sehen so elend aus? -- Sind Sie krank?« --
»Das nicht, mein Herr -- Aber« -- gieng ich aufrichtig über meine Lage
u. s. w. heraus, wobei ich auch Sophien nicht vergaß.
»Das ist brav!« -- sagte er lebhaft, und schüttelte mir die Hand. --
»Bei Gott, das ist brav! -- Sie sind ein ehrlicher Mann!« »Hier« --
fuhr er fort, indem er in die Casse griff -- »Hier sind hundert Pagoden
auf Abschlag -- Und diesen Abend schicke ich Ihnen zehn Säcke Reis.
Gott mit Ihnen, morgen sehen wir uns!«
War es ein Traum? -- O überglückliche Veränderung! Sophie weinte vor
Freuden. -- Abends wurden mir richtig zehn große Säcke mit Reis, und
überdem mehrere schöne Stücke Zitz und dergl. für Mutter und Tochter
gebracht. Jetzt erst erinnerte ich mich, wie sehr Madame de Souza bei
meiner Erzählung gewesen war. Seliger, unvergeßlicher Abend! So waren
wir denn auf einmal aller unserer Sorgen los!
Fünftes Capitel.
Unterdessen war das Carnatik der Schauplatz des Krieges geworden;
stündlich kamen mehr Flüchtlinge bei uns an, und die Theurung nahm
von Tage zu Tage zu. Vergebens schickte man aus Bengalen eine Menge
Schiffe ab; die Franzosen brachten sie fast vor unsern Augen auf.
Schon wurden wir daher von dem schrecklichsten Mangel bedroht, als
unvermuthet auf der Rhede eine achtzig Segel starke Flotte erschien,
die den Feinden unter Begünstigung eines Nebels entgangen war.
Entzückender Anblick! Alles eilte an den Strand; alles wollte die
kornbeladenen Schiffe sehen; lautes Freudengeschrei erfüllte die ganze
Stadt.
Der Eintritt des Regenmonßons war nahe; gleichwohl zögerte man, zu
meinem Erstaunen, mit der Ausschiffung. Wirklich wurden, weder den
ersten noch den zweiten Tag, nicht die mindesten Anstalten dazu
gemacht; der dritte vergieng auf gleiche Art; der vierte brach an;
jetzt war es zu spät dazu. Seit zweimal vier und zwanzig Stunden
nämlich hatte man alle Vorzeichen eines Orkans bemerkt.
Aengstlich drängten sich die Kühe auf der Weide zusammen, und stöhnend
eilte das Wild den dichtesten Büschen zu; die Hunde heulten, die Vögel
flogen unruhig umher, die meisten Thiere verkrochen sich. Stoßweis lief
der Wind alle Compassstriche durch, und rings am Horizonte schossen
feurige Flammen auf. Heftig schien das Meer in seinem Innern zu kochen,
und warf eine Menge Muscheln und Seegewächse aus. Auf den schäumenden
Wellen zeigten sich unbekannte Ungeheuer, und mit ängstlichem Geschrei
flüchteten Tausende von Seevögeln an's Land.
Heute, als am fünften Tage traten alle diese Anzeichen mit verdoppelter
Stärke ein. Die Luft war glühend heiß, der ganze Himmel mit schwarzen
Wolken bedeckt. Furchtbar, in dumpfem Donnergemurmel, zogen sie gegen
einander; tiefer und immer tiefer senkten sich die ungeheuern Massen,
und feurige Blitze durchkreuzten die wachsende Finsterniß.
Endlich brach der Orcan mit tausend Donnerschlägen los. Der Regen in
Strömen herab; die Cocos-Wälder wie Binsen zerknickt; die Trümmer wie
Spreu umher; die schäumende Brandung bergehoch; Blitz auf Blitz; Schlag
auf Schlag; ein Donner, eine Flamme; die ganze Natur in Untergang.
Wenig Minuten, und die Rhede war mit treibenden Schiffen bedeckt. Bald
verschwanden sie in den Abgrund; bald flogen sie wieder himmelan. Die
Masten brachen; die Segel zerrissen; die Seiten öffneten sich. Schiff
gegen Schiff geschleudert; ein's an dem andern zerschellt. So wirbelten
sie in immer schnelleren Kreisen, bis sie endlich der schwarze Abgrund
verschlang. Fünf Secunden, und unsere lezte Hoffnung war auf ewig
dahin. -- Welche Nacht! -- Noch jezt denke ich mit Entsetzen daran.
Als der Tag anbrach, war der ganze Strand mit Leichnamen und Trümmern
bedeckt.
Sechstes Capitel.
So brach denn auch diesmal die schrecklichste Hungersnoth aus. Mochten
die armen Hindus auch Alles verkaufen, sie fristeten ihr Leben doch
nur einige Tage damit. Bald lagen Tausende dieser Unglücklichen, ohne
Nahrung, ohne Kleidung, ohne Obdach, bei den heftigsten Regengüssen,
auf den Straßen umher. Fürchterlich wüthete der Tod darunter, jeden
Morgen fuhren an fünfzig Karren mit Leichnamen aus der Stadt. Endlich
trieb man die lezten zweitausend Hindus auf das Glacis. Hier starben
sie den langsamen Hungertod. Drey Tage und Nächte stieg ihr Wimmern zum
Himmel auf. Endlich ward alles still. -- O Menschen, und Menschenleben!
-- Doch, ich kehre zu meinen eigenen Schicksalen zurück.
Ich hatte meine Stelle bei Herrn de Souza aufgeben müssen; sein Jähzorn
war gar zu groß. Noch keiner hatte so lange bei ihm ausgehalten; ich
weiß am besten, wie viel ich mir gefallen ließ. Endlich aber ward es
gar zu arg, und so brach ich förmlich mit ihm. Dennoch machte er mir
noch hundert Pagoden zum Geschenk. Es war einer der sonderbarsten und
veränderlichsten Menschen, die mir vorgekommen sind.
Alles machte mir nun den Aufenthalt in Madras unangenehm. Dazu kam
die Furcht vor Hyder Ali, dem die schwarze Stadt -- wo wir wohnten --
am ersten offen stand. Ich dachte also ernstlich an eine Veränderung.
Endlich lief ein Doppel-Thony (großer Küstenfahrer) unter dänischer
Flagge ein, die nach Tranquebar bestimmt war. Ohne Mühe ward ich mit
dem Tandel (Schiffer) einig, ließ unsere Effekten an Bord bringen,
geleitete am andern Morgen Sophien mit ihrer Mutter selbst dahin, und
kehrte dann, zur Abmachung einer lezten Angelegenheit, noch einmal an's
Land zurück.
Unerwartet vergieng mir indessen darüber der ganze Vormittag. Jezt war
es drei Uhr, und alles besorgt. Nach einer kurzen Mahlzeit machte
ich mich auf, um noch einmal Freund Sabico Lebewohl zu sagen, dessen
Haus überdem in meinem Wege lag. Plözlich biege ich um eine Ecke
in ein schmales Gäßchen, wo alles mit Leichnamen bedeckt ist. Ein
sterbendes Weib windet sich auf der Erde, und zerfleischt den blutigen
Leichnam ihres Säuglings. Dieser Anblick, der Gestank, die Hitze, meine
Ermüdung, alles überwältigte mich. Ich sank ohnmächtig nieder; ward zu
Sabico getragen; und kam erst nach sechs Stunden wieder zu mir.
Mein erster Gedanke war Sophie und das Schiff. Mit einem Schreie
raffte ich mich auf, und stürzte durch die finstere Nacht, bei Sturm
und Regen, dem Strande zu. Vergebens, nirgends war ein Schiffslicht zu
sehen. Ich wollte rufen; meine Stimme ward durch die tosende Brandung
übertäubt. So brachte ich eine höchst traurige Nacht im nächsten
Wirthshause zu. Endlich mit grauendem Morgen, eile ich wieder an den
Strand. Der Nebel zerfließt, die Küsten werden sichtbar, das wogende
Meer erhellt sich! -- Kein Schiff, so weit das Auge reicht!
Siebentes Capitel.
Mein Schmerz war grenzenlos; aber zu diesen Seelenleiden kam nun noch
Geldverlegenheit. Meine Coffres waren an Bord, kaum hatte ich achtzig
Pagoden bei mir. Zwar bot mir der gute Sabico Kost und Wohnung an; auch
machte ich wirklich Gebrauch davon; allein wir hatten beide nicht viel.
Mein Herz war unaufhörlich in Tranquebar. Tag und Nacht brütete ich
über meinen Reiseplan.
Gleichwohl fehlte es immer an Schiffsgelegenheit, denn die
französischen Kaper nahmen alle Küstenfahrer weg. Eben so wenig war
an die Landreise zu denken; Hyder Ali's Reuter durchstreiften den
ganzen Distrikt. Aber die Theurung ward immer größer; ich fühlte, daß
ich meinem Freunde lästig zu werden anfieng. Sichtbar griff mich der
beständige Kummer an. Was war zu thun? Es galt auch diesmal einen
verzweifelten Entschluß. -- Ich mußte nach Tranquebar -- Tot oder
lebendig; ich mußte nach Tranquebar.
Vergebens rieth mir der gute bedächtige Sabico von diesem -- wie er's
nannte -- entsetzlichen Wagstück ab. Ich blieb unerschütterlich, meine
Liebe gab mir zu allem Muth. Ohne Zeitverlust kaufte ich so eine alte
Chialeng, (Ruderboot) brachte vier Ruderer zusammen, versah mich mit
Reis, Fleisch, Wasser, Natten, u. s. w. und stieß endlich am 24. Nov.
17-- Nachmittags um 3 Uhr -- vom Ufer ab.
Doch kaum hatten wir uns einige Klaftern weit entfernt, als schon das
Wasser auf allen Seiten in die Chialeng drang. Sie war sehr lange
ungebraucht gewesen, und sog es daher auf allen Fugen ein. Man rieth
mir, sie bis zum andern Morgen verquellen zu lassen, doch dies erlaubte
mir meine Ungeduld nicht. Ich nahm daher noch einen fünften Mann,
einzig zum Ausschöpfen, an, und fuhr so endlich zum zweitenmale ab.
Glücklich waren wir über die Brandung gekommen; zum erstenmal athmete
ich wieder mit Leichtigkeit. Jeder Ruderschlag, der mich von Madras
entfernte, führte mich der Geliebten zu. Der Himmel war heiter, das
Meer vollkommen ruhig, die nach Süden laufende Strömung uns förderlich.
Freundlich sank die Sonne in's blaue Meer hinab, und die Spitzen
der Pagoden, und die Wipfel der Cocospalmen glänzten im Abendroth.
Zufällig blickte ich auf das Fort St. Georges; man ließ die Flagge
herab. Wenig Minuten darauf geschah ein Schuß, und pfeifend fuhr die
Kugel über die Chialeng hin.
Mehr verwundernd als erschrocken hielten wir einen Augenblick mit
Rudern ein. Wir waren allein auf der Rhede, und nirgends ein anderes
Fahrzeug zu sehen. -- »Wahrscheinlich ein Signalschuß!« -- sagte ich
ruhig -- »Und ein Mißgriff vom Canonier. Aber bei einem Haar hätte er
uns doch in den Grund gebohrt. Jetzt in Gottes Namen wieder frisch
daran!« --
Herzhaft ruderten wir weiter; doch in demselben Augenblicke geschah ein
zweiter Schuß, und die Kugel schlug keine Klafter von uns in's Meer.
Jetzt sah ich deutlich, daß es auf unsere Chialeng angelegt war. --
»Zurück! -- Zurück!« -- rief ich meinen Leuten zu -- »Arbeitet, was ihr
könnt! Um Gotteswillen, ehe der dritte Schuß geschieht!« -- Wir thaten
nun unser Möglichstes, wiewohl uns die Strömung entgegen war. Man
schien es auf dem Fort zu bemerken, und hielt wirklich mit Schießen ein.
Nichts von meinen Empfindungen; ich war außer mir. -- Schweigend
ruderten wir fort, bis es immer düsterer ward. Bald hörten wir ein
anderes Fahrzeug auf uns zukommen, und nicht lange darauf lag eine
stark bemannte Chialeng neben uns. -- Zwei Srapoys sprangen herüber --
»Im Namen des Gouverneurs! -- Ihr seyd arretirt. -- Vorwärts! Frisch
an den Strand!« -- Ich vermochte kein Wort zu sagen, meine Gedanken
verwirrten sich. -- O Sophie! -- O Tranquebar!
Achtes Capitel.
So langten wir, ohngefähr um zehn Uhr Abends, bei dem am Strande
stehenden Hause des Equipagen-Meisters an. Alles war hier mit Menschen
angefüllt, alles wollte den Arrestanten sehen. -- »Da ist er! Da ist
er!« -- rief man von allen Seiten, und der ganze Haufe drängte sich um
mich. -- »Wer seyd ihr?« (=who are you?=) fragten mich hundert
Stimmen zugleich. -- »Es ist ein Spion! Es ist ein Franzos!« (=It
is a spy! It is a French dog!=) schrie man hier. -- »Nein! Es ist
ein Holländer! Ich kenne ihn!« (=It is a Dutchman, I know him=)
antwortete man dort. -- Endlich fiel eine mir wohl bekannte Stimme
ein. -- »Es ist ein ehrlicher Mann, ich bürge dafür!« (=It is an
honest man; I'll answer for it!=) Es war der gute ~Franck~,
er erkannte mich erst in diesem Augenblick. Doch eben trat der
Equipagen-Meister, Mr. ~Hall~, heraus.
»Wer seyd ihr?« -- fuhr er mich mit barscher Stimme an.
»Ein Holländer von Sadraspatnam.«
»Wo ist euer Erlaubnißschein?«
»Ich habe keinen, weil ich es nicht für nöthig hielt.«
»Wie? Keinen Erlaubnißschein? -- Also wißt Ihr auch nicht, daß ich der
Equipagen-Meister bin, und daß, ohne mein Wissen, Niemand die Rhede
verlassen darf?«
»Sir! Haben Sie die Güte zu bedenken, daß ein Fremder« --
»Was Fremder? Fremder? -- Ausflüchte! Nichts als Ausflüchte. -- Ihr
müßt die Gesetze von dem Lande kennen, worin ihr lebt. -- Man schleicht
nicht, wie ein Dieb davon, wenn man nichts Böses im Schilde führt. --
Ich wette, ihr seyd am Ende ein französischer Spion! -- Aber nehmt euch
in Acht -- He Srapoys! führt ihn« --
In diesem Augenblicke trat der gute ~Franck~ hinzu, und sagte
ihm etwas in's Ohr. -- »Das ist was anderes« -- fuhr er jetzt etwas
milder fort. -- »Aber, was soll ich machen? -- Melden muß ich es doch
dem Gouverneur! -- Nun gehen Sie unterdessen nur auf die Hauptwache.
-- Nachher wollen wir weiter sehen! Hoffentlich wird es so arg nicht
werden! -- Gehen Sie nur!«
So gieng ich denn, und brachte ohngefähr eine Stunde auf der Hauptwache
zu. Endlich, nach elf Uhr, trat ein wohlgekleideter Mann herein, und
fragte nach dem »~Gentleman~«, der arretirt worden sey. Ich nahm
dies Wort für eine gute Vorbedeutung an. Wirklich begleitete er mich
auch zum Gouverneur, wo ich in einen großen Saal geführt ward.
Es dauerte wohl eine halbe Stunde, ehe sich jemand sehen ließ. Endlich
trat der Plazmajor, Mr. Sydenham herein; er kannte mich unter andern
von Herrn Souza her. -- »Wie?« -- fragte er verwundernd -- »Sind Sie
es, Haafner? -- Welche Tollheit ficht sie an, bei Nacht mit einer
Chialeng in See zu gehen? -- Wo wollen Sie hin? Was haben Sie vor?«
»Ach, Sir!« -- antwortete ich seufzend -- »Mangel und Liebe treiben
mich fort!« -- Zugleich machte ich ihn mit meiner Lage bekannt. --
»Sprechen Sie für mich!« -- fuhr ich fort -- »Ich weiß, daß ein Wort
von Ihnen hinreichend ist!« -- Meine Erzählung schien ihn gerührt zu
haben; er versprach, sein Möglichstes zu thun, und verließ mich.
Doch bald darauf kam er lächelnd zurück. -- »Beruhigen Sie sich. Die
Sache wird besser gehen, als Sie denken.« -- »Hier!« indem er mich in
ein Nebenzimmer wies, wo ein kleiner Tisch gedeckt war -- »Hier trinken
Sie unterdessen ein Glas Wein. In einer halben Stunde bin ich wieder
da.« -- Ich dankte ihm auf's herzlichste für seine Güte, denn ich war
wirklich bis zum Aeußersten erschöpft.
Eben hatte ich das kleine Mahl geendigt, als die Thüre aufgieng, und
der Gouverneur, Lord Macartney, in Begleitung des Plazmajors und eines
Secretärs, in das Zimmer trat. Er schien keinesweges zornig, fixirte
mich indessen mit großer Aufmerksamkeit.
»Wissen Sie nicht?« hub er endlich an, -- »daß wer sich in Kriegszeiten
heimlich aus einer Stadt zu schleichen sucht, wie ein Spion angesehen
werden muß?«
»Ich weiß es, Mylord, aber ich bitte Ew. Exc. zu bemerken, daß ich
nichts weniger als heimlich, sondern bei hellem lichten Tage, und in
Beiseyn vieler Zeugen abgefahren bin.«
»Aber doch immer ohne Erlaubnißschein. -- Warum machten Sie dem
Equipagen-Meister keine Anzeige davon? -- Es ist ein Glück für Sie, daß
Mr. Sydenham Sie kennt. Um seines Zeugnisses willen, mag die Sache auf
sich beruhen!«
Ich machte eine tiefe Verbeugung.
»Nun gut! Sie können abreisen; allein es ist eine Bedingung dabei.
Sie müssen einige Briefe für den Obersten Hamilton bei Tranquebar
mitnehmen, die ihm eigenhändig zu übergeben sind.«
Ich verbeugte mich abermals.
»Es sind Briefe von der äußersten Wichtigkeit. Sie können leicht
denken, daß mir an der richtigen Bestellung derselben sehr viel gelegen
ist. Bei der Uebergabe werden Ihnen sofort tausend Pagoden ausgezahlt.
Ueberdem werde ich, im Falle ihrer Zurückkunft, auf Ihre Versorgung
bedacht seyn.« --
Ich dankte ihm für sein Zutrauen, und versprach mein Möglichstes zu
thun. Hierauf händigte er mir die Briefe, in lauter kleinen Röllchen,
nebst der Ordre für die tausend Pagoden, ein; wünschte mir glückliche
Reise, und entfernte sich. Mr. Sydenham befahl darauf einigen Srapoys,
mich an den Strand zu begleiten, und ein Couti (Träger) folgte mir
mit einem Korbe voll Lebensmittel nach. So trat ich wieder in meine
Chialeng, und kam endlich um zwei Uhr nach Mitternacht glücklich in See.
Neuntes Capitel.
Wunderbare Veränderung! -- Und das alles verdankte ich den Briefen
von Lord Macartney. Aber warum legte er so viel Wichtigkeit darauf?
Weil die Verbindung mit dem englischen Lager schon seit mehreren
Wochen unterbrochen war. Alle Couriers (Harkarrahs) wurden von den
mahrattischen Streifparthien ermordet, oder mit verstümmelten Nasen
und Ohren zurückgeschickt. Niemand wollte sich mehr zu dieser Reise
verstehen. Aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes dienen, oder
sollte ich nicht vielmehr -- Doch das Wetter war vortrefflich, der
Mond stand groß und freundlich am Himmel, und das ruhige Meer glänzte
in Silberschein. Wir spannten unser kleines Segel auf, und steuerten
fröhlich nach Süden zu.
Als die Sonne aufgieng, befanden wir uns auf der Höhe von Covilom,
und schon um zwei Uhr Nachmittags hatten wir mein liebes Sadras
im Gesichte. Plözlich tagte im Südost eine Fregatte auf, die mir
verdächtig schien. Ich ließ daher zwischen die Brandung rudern, und
lief in eine kleine Sandbucht ein. Jezt, so nahe bei Sadras, mußte ich
diesen freundlichen Ort doch noch einmal sehen. Ich ließ demnach die
Chialeng an den Strand ziehen, und eilte den wohlbekannten Fußsteig
hinan.
Allein was fand ich? Alles öde, alles mit Schutt und Trümmern bedeckt.
Die Einwohner waren durchs Schwerdt, oder den Hunger umgekommen; die
Engländer, die mahrattischen Streifparthien, die Räuberbanden hatten
allmählich Alles zerstört. Traurig wandelte ich durch die einsamen
Straßen hin, bis ich endlich an mein eigenes Häuschen kam. Noch
breitete der hohe, schattige Tamarindenbaum seine kühlenden Aeste
darüber aus; aber es hatte das Schicksal der übrigen gehabt. Voll
wehmüthiger Erinnerungen eilte ich an den Strand zurück, und beschloß,
wo möglich, noch bis Alamparve zu gehen. Es war ohngefähr vier Uhr
Nachmittags.
Eine Stunde darauf befanden wir uns auf der Höhe von Arialchery. Aber
inzwischen war der Wind weniger günstig geworden, und der Himmel hatte
sich mit schwarzen Wolken bedeckt. Die See gieng hohl; die Möwen flogen
nach dem Lande; Alles kündigte ein Ungewitter an. Dennoch hoffte ich
Alamparve noch erreichen zu können, und ließ daher die Leute rudern,
was nur möglich war. Bald aber versank die Küste in Nacht, und der
glänzende Schaum der Brandung war das Einzige, was ihre Nähe verrieth.
Noch eine gute Stunde hatten wir ungefähr in dieser Richtung
fortgesteuert; als der Wind allmählig aus Norden aufzufrischen
anfieng. Bald war er uns völlig entgegen, und Alamparve zu erreichen
pure Unmöglichkeit. Zugleich brach das Ungewitter los, und der Regen
schoß in Strömen herab. »Ans Land! Ans Land!« -- schrien wir alle, und
ruderten muthig in die schäumende Brandung hinein. Die Chialeng stieg
und sank, bis sie endlich von der lezten Welle, wie ein Pfeil ans Ufer
geschnellt ward.
Die Gegend, wo wir uns befanden, war mit Gebüsch und wilden Palmbäumen
bedeckt, und schien gänzlich unbewohnt. Wir zogen die Chialeng so hoch
als möglich ans Land, nahmen einige Lebensmittel daraus, und verbargen
uns im Gehölz. Der Sturm wüthete mit Heftigkeit fort. Die Palmen
rauschten; der Regen schoß zwischen den Zweigen herab; und furchtbar
tönte die Brandung vom Ufer her. Keiner von uns vermochte ein Auge
zuzuthun.
Gegen Morgen schien das Wetter etwas besser zu werden; doch gieng die
See entsezlich hoch. Wir beschlossen daher, ruhig am Lande zu bleiben,
worauf sich jeder dem Schlafe überließ. Einige Stunden darauf erwachte
ich plözlich von einem Sonnenstrahl, stand auf, und legte mich an einen
Baum. -- Auf einmal -- Menschenstimmen ganz nahe bei mir. -- Ich warf
mich auf den Boden; der Ton kam vom Strande her -- Mit zurückgehaltenem
Athem kroch ich an den Rand des Gehölzes, da zogen sie hin. -- Zwanzig
Mann von einer mahrattischen Streifparthie.
So ritten sie vorüber, und eilends weckte ich meine schlafenden Leute
auf. -- Was sollte ich thun? -- In See gehen? -- Der Sturm hielt noch
immer an. -- Am Lande bleiben? -- Die Gefahr nahm mit jedem Augenblick
zu. -- Unterdessen hatte sich der Himmel aufgeklärt. -- Ich beschloß,
mein Schicksal dem Meere anzuvertrauen. -- »In See!« -- rief ich meinen
Leuten zu; sie schüttelten den Kopf. -- »So wißt denn« -- fuhr ich
fort, und theilte ihnen den Vorfall mit. -- Mehr bedurfte es nicht;
augenblicklich war die Chialeng flott gemacht. Muthig ruderten wir
durch die Brandung, und kamen bei dem dritten Versuche glücklich in See.
Zehntes Capitel.
Das Wetter blieb gut, das Meer wurde von Stunde zu Stunde ruhiger,
langsam steuerten wir längs der Küste hin. So hatten wir ungefähr
eine Meile zurückgelegt. Plözlich wurden wir am Strande einen Menschen
gewahr. Er rang die Hände, warf sich auf die Knie, kurz, er schien
unsere Hülfe anzuflehen. -- »Wir müssen ihn aufnehmen!« -- rief ich
meinen Leuten zu, und sie waren sämmtlich dazu bereit. Auf einmal
hören wir Pferde wiehern! -- »Verrath!« -- rief ich heftig -- »Zurück!
Zurück! Um Gotteswillen zurück!« -- Schwer schwebten wir auf der Spitze
der zweiten Welle -- Einige Minuten später, und die Chialeng würde an
den Strand geflogen seyn. Mit gräßlichem Geschrei kam jezt ein Haufen
Räuber aus dem Gebüsche. Einer davon schwang sich auf ein Pferd und
jagte fort. Doch wir waren schon wieder in offener See.
Gegen Mittag konnten wir bereits das rothe Dach der Chauderie[1] von
Alamparve sehen. Gern wäre ich einen Augenblick gelandet, um Wasser
einzunehmen, allein der Truppen wegen, beschloß ich, es lieber an einer
einsamern Stelle zu thun. Wir ruderten also herzhaft fort, bis wir
ungefähr auf der Höhe des Dorfes waren, das mit seinen Baumgruppen gar
lieblich vor uns lag. Plözlich sahen wir zwei, dann zehn, dann immer
mehr Reiter auf den Strand zueilen, bis er endlich fast ganz damit
bedeckt war. Sie riefen uns zu, ans Land zu kommen -- »Morgen! Morgen!«
(Nalekie! Nalekie!) gaben wir lachend zur Antwort, und hatten nur
unsern Scherz damit.
Doch mit wüthenden Geberden wiederholten sie ihre Aufforderung,
und legten zu gleicher Zeit ihre Büchsen auf uns an. Jezt fand ich
räthlich vom Lande abzuhalten, und gab sofort das Zeichen dazu. Aber
in demselben Augenblicke schossen sie, und einer meiner Leute that
einen gräßlichen Schrei. -- »O Vater! Vater!« (Are appa! Are appa!) --
»Wo? Wo?« -- rief ich erschrocken, in der Meinung, daß er verwundet
sey. Doch es war noch viel schrecklicher -- Er zeigte auf zwei
Kattamarans[2] -- Sie waren mit Srapoys bemannt, suchten uns den Weg
abzuschneiden, und ruderten eilig auf uns zu. Wahrscheinlich hatten sie
an einer andern Stelle vom Ufer gestoßen, während uns der Räuberhaufen
beschäftigt hielt.
Was war zu thun? -- Wir arbeiteten was wir konnten, allein nach wenig
Minuten hatten sie uns eingeholt. -- »Zurück! Ihr Spitzbuben!« (Rirau
Bantjot!) -- riefen sie uns zu, und legten auf uns an. -- Wir waren
verloren; ich sah es vollkommen ein. Einen so schrecklichen Augenblick
hatte ich noch nie gehabt. Doch plözlich faßte ich wieder Muth. --
»Seyd unbesorgt!« -- sagte ich zu meinen Leuten -- »Ich habe meinen
Plan gemacht; es wird euch nichts zu Leid geschehen. Wir haben uns bei
Nacht von Madras geflüchtet! Vergeßt es nicht, bei Nacht von Madras!«
-- In diesem Augenblick waren die Kattamarans neben uns, und fluchend
sprangen die Srapoys in unsere Chialeng.
»Ich bin ein Holländer!« -- rief ich ihnen zu, ohne daß es jedoch etwas
zu helfen schien. Einer war besonders so kühn, daß er seinen Säbel
über meinen Kopf schwang -- »Nehmt euch in Acht« -- fuhr ich fort, --
»und bedenkt, was ihr thun wollt. Ich bin ein Abgesandter; ich habe
eine äußerst wichtige Botschaft an den französischen Admiral, und an
den Nabob Hyder Bahadur. Die geringste Beleidigung, die ihr mir, oder
meinen Leuten zufügt, kostet euch euren Kopf, dafür stehe ich euch!«
-- Dies wirkte, und sie steckten sofort ihre Säbel ein. Zugleich
erfuhr ich, daß ich auf Befehl des Jammedaars (Districtscommandanten)
eingeholt worden war.
Als ich ans Land trat, ward ich von der ganzen Masse umringt, und mit
den niedrigsten Schimpfwörtern überhäuft -- »Wie?« -- rief ich -- »Ihr
wagts, den Vakirl (Gesandten) an den Nabob zu schmähen? -- Wartet! Es
soll euch gereuen!« -- »Hier!« -- fuhr ich mit gebieterischem Tone zu
einem der Offiziere fort -- »Hier liegt meine Chialeng! Ich übergebe
sie eurer Obhut! Stellt augenblicklich eine Wache dabei! Es sind
Briefschaften und Papiere für den Nabob darin! -- Daß sie kein Mensch
anrührt; hört ihrs! Ich fordere Alles von euch zurück!« --
»Und ihr!« -- indem ich mich zu meinen Leuten wandte, -- »Ihr bleibt
hier, bis ich wieder komme, und wehe dem, der euch etwas zu Leide thut!«
»Jezt!« -- zu den Srapoys -- »Jezt, laßt uns gehen! -- Meine Zeit ist
kostbar!«
Eilftes Capitel.
Wir kamen an, der Jammedaar saß vor der Thüre der Chauderie. Mein
Plan war gemacht; nichts konnte mich retten, als die kühnste
Entschlossenheit. Stolz und ruhig gieng ich auf ihn zu, grüßte ihn, und
sezte mich ohne weiteres neben ihn. Er griff nach seinem Dolche, allein
ich kam ihm mit meiner Anrede zuvor. -- »Jammedaar!« -- sagte ich --
»Du kennst mich und meinen wichtigen Auftrag nicht; das entschuldigt
dich! Aber ich wünsche um deinetwillen, daß der Nabob nichts davon
erfährt. Bei dem allmächtigen Gott! Er würde dich für diese schnöde
Behandlung zu bestrafen wissen, ich stehe dir dafür!« --
Was ich voraus gesehen hatte, geschah. Der Jammedaar war überrascht,
und sah schweigend und unentschlossen vor sich hin. -- »Ich bin
ein Holländer!« -- fuhr ich im vorigen Tone fort -- »Und muß nach
Pondichery, -- der französische Admiral.« --
»Jammedaar!« -- rief hier plözlich ein Srapoy, und trat aus dem uns
umgebenden Haufen hervor. -- »Jammedaar! Laß dich nicht von diesem
Prahler hintergehen! Ich habe seine Leute befragt. Sie kommen von
Madras und gehen nach Tranquebar. Es ist gewiß ein englischer Hund, der
nach dem Lager von Cudelore will!« -- Bei diesem Worten gerieth der
ganze Haufen in Wuth -- »Ja! Ja! Es ist ein englischer Hund!« wurde von
allen Seiten wiederholt.
»Nein!« -- rief ich entrüstet -- »Kein Engländer! -- Ein Holländer von
Sadringapatnam bin ich. -- Warum die giftigen Worte? -- Ihr sagt, daß
ich von Madras komme? Wer läugnet es? -- Aber warum verschweigt ihr,
daß wir bei Nacht von dort geflüchtet sind?« --
»Jammedaar!« -- fuhr ich ungeduldig fort, indem ich mich wieder zu ihm
wandte -- »Halt mich nicht länger auf! Ich muß durchaus noch heute in
Pondichery seyn. Die Nachrichten, die ich dem französischen Admiral
zu überbringen habe, sind von der äußersten Wichtigkeit. Jede Stunde,
die du mich aufhältst, kann dem Nabob gefährlicher werden, als eine
verlorne Schlacht!« --
Er schien verlegen, stand auf und sprach mit einem seiner Offiziere
einige Minuten zur Seite. Endlich kam er zurück. -- »Du sollst und
kannst abreisen, so bald du bewiesen hast, daß du ein Holländer, und
kein Engländer bist.«
»Wie, Jammedaar! spottest du meiner? Wie soll ich das beweisen? Sind
wir nicht von einer Farbe? Ist in unsern Zügen, unserer Kleidung,
unseren Manieren irgend ein Unterschied? Ja, wenn du die Sprachen
verständest, aber so? -- Weißt du was, Jammedaar! Laß mich nach
Pondichery bringen, wenn du mir nicht glauben willst! Hörst du, nach
Pondichery!« --
Er konnte nichts darauf erwidern, aber mich reisen zu lassen, dazu
hatte er eben so wenig Lust. -- »Es ist am besten« -- sagte er endlich
-- »ich lasse dich zu Nabob bringen, der bei Arcot steht. So bin ich
von aller Verantwortung frei!« --
»Ei nicht doch!« -- erwiederte ich, denn diese Reise war ganz und gar
nicht in meinem Sinne. -- »Ich sage dir ja, daß ich noch heute in
Pondichery seyn muß!« -- Allein vergebens. Nur mit der äußersten Mühe
brachte ich ihn am Ende noch auf eine andere Idee.
»Azoaf!« -- rief er einem seiner Srapoys zu -- »Schwing dich auf
dein Roß, flieg nach Marampette, und sage Rosan Alichan, daß ein
Weißer in meine Hände gefallen ist, der sich für einen Holländer aus
Sadringapatnam ausgiebt.« --
»Und sag ihm zu gleicher Zeit« -- fiel ich ein -- »daß es derselbe
Holländer ist, der ihn einmal aus den Händen der Engländer gerettet
hat.« --
Bei diesen Worten schrie der Jammedaar auf, während mir der Srapoy zu
Füßen fiel. -- »Maharadja« (Herr) -- rief er -- »Verzeih! Ich erkannte
dich nicht. Ja! ich war damals bei Rosan Alichan, als du unser aller
Retter warst. Jezt flieg ich zu ihm, um ihm zu melden, daß du hier
bist!« -- So sprach er, schwang sich auf sein Pferd, und eilte im
Galopp davon.
Jezt wendete sich auch der Jammedaar zu mir -- »Freund!« -- sagte er
mit Innigkeit, und legte die linke Hand aufs Herz -- »Freund! Mache
mich zu deinem Sclaven für diese Beleidigung. Ich weiß, welchen
Dienst du Rosan Alichan erzeigt hast; er hat mir oft davon erzählt!«
-- Zu gleicher Zeit bot er mir seine Huka (Pfeife) an, und befahl,
meine Leute augenblicklich frei zu lassen, auch sie reichlich mit
Lebensmitteln zu versehen.
Nach ungefähr einer Stunde traf Rosan Alichan ein, und begrüßte mich
mit vieler Herzlichkeit. -- »Warlich!« -- rufte er voll Freude aus --
»Der Fang ist mir lieber als die halbe englische Armee!«-- Hierauf
sezten wir uns zum Pillau (Reis mit Fleisch u. s. w.) hin, wobei es
nicht an Arrac gebrach. Endlich um vier Uhr ward ich in stattlicher
Begleitung ans Ufer getragen, und eine halbe Stunde später befanden
wir uns wieder in See.
Zwölftes Capitel.
Der Abend war still und freundlich; singend ruderten meine Leute längs
der Küste hin, während ich in tiefe Betrachtungen versank. Man erinnert
sich der Briefe von Lord Macartney. Ich hatte geschehen lassen, was
nicht zu ändern war; aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes
dienen? -- Nimmermehr! -- Mich band weder Eid noch Pflicht. -- Ich
beschloß demnach, in Pondichery einzulaufen, die Briefe dort abzugeben,
und dann so fort nach Tranquebar zu gehen. Mit Schrecken bemerkte ich
indessen, daß das Wasser immer stärker in die Chialeng drang. Ich war
daher gezwungen die Nacht am Strande zuzubringen, bis der langersehnte
Morgen anbrach. Jezt ward der Leck entdeckt und sorgfältig verstopft.
Mit erneuerten Kräften ruderten wir nun weiter, und langten endlich um
zehn Uhr auf der Rhede von Pondichery an.