Der Vorsitzende sah die Geschworenen an, als wolle er sagen: hören wir
diesem wunderlichen, armen Menschen halt noch eine Weile zu, und lehnte
sich zurück. »Bitte!«
»Die falsch und böse behandelten Kinder erleben große Qualen, plötzliche
Schrecken . . . und werden doch nicht irrsinnig, wie mancher erwachsene
Mensch, wenn ihn ein Unglück unvermittelt trifft . . . Die Natur pariert
hier den Stoß . . . sie läßt das Kind vergessen. Sonst gäbe es mehr
irrsinnige Kinder als irrsinnige Erwachsene. In allen Städten würden
ganze Straßenzüge Kinderirrenhäuser sein.«
»Was wollen Sie eigentlich! . . . Kinderirrenhäuser?« »Das sage ich
. . . Aber nichts bleibt ohne Wirkung. Furchtbar ist das Vergessen. Denn
alle bösen Erlebnisse leben, ohne daß es das Kind weiß, in ihm weiter,
werden mit ihm groß, bestimmen alle seine Handlungen . . . Wenn ich
nicht vergessen hätte, was mir in dem Hohlweg geschehen ist, würde ich
vielleicht ein ganz anderer Mensch geworden sein.«
Der Verteidiger schüttelte mißbilligend den Kopf.
»Also, Sie wissen doch, daß es bei mir steht, Ihnen das Wort zu geben
und zu nehmen . . . Sie müssen zusehen und nicht mehr von diesen Dingen
sprechen.«
In versteinerter Hartnäckigkeit tastete er seinem Gedankengange nach,
zog suchend das Gesicht in Falten, daß sich die Augen fast ganz
schlossen, sprach sehr langsam: »Diese den Menschen klein scheinenden
Ursachen wachsen mit den Menschen, werden eigenmächtig . . . werden
eigenmächtig, und zu der Zeit, da das von ihnen . . . besessene Kind
anfängt, kritisch zu erleben, ist es schon vollkommen den Ursachen zum
Bösen ausgeliefert . . . Das gilt für jeden. Daher kommt es auch, daß
fast alle Menschen im Traume die schwersten Verbrechen begehen. Was
jeder einzelne -- Christus, das junge, unschuldige Mädchen, die großen
Dichter, meine Richter und Sie, Herr Staatsanwalt, -- schon an sich
erfahren haben. Diese Menschen begehen Verbrechen deshalb nur im Traume,
weil günstige Erlebnisse, welche die Kraft der Reinigung besaßen, sich
ihnen zufällig in den Weg gestellt haben oder weil sie selbst die große
Kraft der Güte, die innere Kraft zur Reinigung in sich tragen, oder aber
wie Sie, meine Herren Richter und Ankläger, durch machtverleihende
Klassenprivilegien vor den zahllosen Ungeheuern, die den Armen treffen,
geschützt sind. Ihr eigenes Verdienst ist es nicht, daß -- Sie die
Richter sind und ich der Mörder . . . Es könnte schrecklich leicht
umgekehrt sein.«
Der Staatsanwalt machte eine unwillige Kopfbewegung, seine Frau sah ihn
erschrocken an, und der Vorsitzende rief aufgebracht: »Haben Sie noch
etwas zur Sache vorzubringen?«
Ohne daß er es rügte, verstärkte sich das Geräusch der unaufmerksam
gewordenen Zuschauer. Ein rotbäckiger junger Mann, der neben der Frau
des Staatsanwaltes in der ersten Bankreihe saß, antwortete seinem
Nachbar: »Nein, in die Kreissäge bin ich gekommen. Drei Finger hats mir
weggerissen . . . mitsamt dem Daumen«, und zeigte seine verbundene Hand.
Sie roch stark nach Karbol.
»Ein schönes Unglück!«
»Im Gegenteil, ich bin froh . . . Jetzt bekomme ich, solange ich lebe,
drei Mark monatlich Unfallversicherung.«
»Und die Hand?«
». . . Aber alle die Unglücklichen, welche infolge größerer
Empfindsamkeit, Empfänglichkeit und übergroßer Armut tiefer infiziert
sind und vom Schicksal keine heilenden Erlebnisse geschenkt bekommen
haben, werden als willenlose Werkzeuge der eigenwilligen Ursachen zum
Bösen . . . dem Leben ausgeliefert. Da müssen sie nun für Handlungen
einstehen, die sie gar nicht selbst tun. Denn der Mensch ist nur der
Hammer, die Ursache aber die Faust, die den Hammer schwingt . . . und
ihn manchmal auf den Schädel eines Nebenmenschen niedersausen läßt.«
Gellend rief er: »Fast alle Verbrechen werden von der falschen
Erziehung, der verlogenen Moral, den unsittlichen sozialen Verhältnissen
verursacht. Alle Seelen sind verwundet. Die ganze Welt riecht nach
Karbol! . . . Man muß daran arbeiten, daß die Ursachen der Verbrechen
beseitigt werden; denn sonst wird weiter eingesperrt, geköpft, noch in
hunderttausend Jahren.« Der Satz blieb in der Luft stehen. Alle lasen
ihn.
Und der Dichter fragte in maßlosem Staunen: »Sind denn die Menschen dazu
da?«
Geschworene schüttelten begriffsstutzig den Kopf. Der Vorsitzende legte
seine Uhr entschlossen vor sich hin.
Der Dichter sagte: »Ich kenne einen Irrsinnigen, der reist seit Jahren
in der ganzen Welt umher -- nach Odessa, Rom -- und sucht sich selbst.
Den haben die Ursachen so in der Gewalt, daß er sich -- sein wirkliches
Wesen -- ganz verloren hat . . . Jetzt sucht er sich selbst, sein Leben
lang. Das gilt für uns alle. Keiner ist, wie er ist . . . Einem
verderbenbringenden Wasserwirbel, trichterförmig, riesengroß, gleichen
die sozialen Verhältnisse. Oben fahren die Repräsentanten, die Stützen
der Gesellschaft im großen Kreise geschützt und gleichmütig langsam die
Bahn ihres Lebens ab.«
»In Klubsesseln«, ertönte es von ganz hinten aus dem Zuschauerraum.
Das Gelächter brach jäh ab, als der Vorsitzende»Ruhe!« brüllte, und zum
Dichter: »Jetzt ists genug!«
Es war vollkommen still geworden. »Man sieht sie Importen rauchen«,
sagte noch jemand nachträglich.
Der Kontakt war hergestellt zwischen dem Publikum und seinem Sprecher.
Der sah nicht mehr gefesselt aus, stand groß und kalt im Saal, sprach
hart. »Aber unten wird der Trichter eng, immer enger, und das Wasser
rast im Kreis! Unten werden die Menschen herumgewirbelt, gegeneinander
geschleudert. Eine ungeheure Reibung findet statt -- der furchtbare
Kampf ums nackte, nackte Leben! . . . Die falsche Moral, einem
unaufhörlich quellenden, giftigen Nebel gleich, erfüllt den Trichter,
verwirrt die Seelen, verdeckt die natürlichen Wege. Millionen zwingt
man, die Armut da unten zu ertragen, im Elend zu verblöden und
unterzugehen! Andere Millionen Unglückliche drängen hinauf, wo die
Kreise groß sind, wo das Leben ist. Aber die Oberen und der Rhythmus des
furchtbaren Wirbels drücken nach unten. Und dieser Wunden schlagende
Rhythmus der sozialen Verhältnisse ist nur durch Verbrechen zu
unterbrechen . . . Dann wird verurteilt und geköpft.«
»Aber das ist ja krasseste Phantasie. Das anzuhören, haben wir nicht die
Zeit.«
Da rief der Dichter, plötzlich wieder flammend: »Mein Leben ist
verloren, diese fünf Minuten sollen mein sein.«
Die Köpfe der zwei Gerichtsdiener zuckten scharf ins Profil, auf ihn zu.
Ein dunkler Tumult hatte sich im Zuschauerraum erhoben; die scharfe
Stimme des Vorsitzenden ging darin unter. Er wollte schon den Befehl
geben, den Saal zu räumen.
»Eines Tages«, sagte der Dichter, und es wurde ganz still, ». . . stoßen
die in diesem Wirbel empfangenen Ursachen einen Strahl Gift ab . . . und
dies, nur dies ist des Menschen Motiv zum Verbrechen, zum Mord. Denn ich
sage Ihnen: das Motiv ist nur das vorletzte und die Tat nur das letzte
Glied der Ursachenkette.« Seine Stimme wurde tonlos:
»Schuld? . . . So ist der Mensch geworden, weil sein Vater so war, seine
ganze Umgebung: verwirrt, arm, gedemütigt, verwundet und deshalb böse.
Schuld ist das ganze Menschengeschlecht. Am Einzelnen bricht die Schuld
aller nur aus!«
»Deshalb rufe ich euch an, ich rufe euch alle an, ich schreibe euch
mitten ins Herz hinein: verachtet fernerhin nicht die, so in
Zuchthäusern ihr Leben verbringen müssen oder unterm Richtbeil sterben.
Sie leiden und sterben für euch, durch euer aller Schuld.«
»Und Sie, Herr Staatsanwalt, Ankläger und deshalb Schuldigster dieser
Welt! selbst Sie sind so unschuldig wie jene, denn auch Sie wurden den
Ursachen ausgeliefert, die Sie zum Staatsanwalt, die Sie schuldig
machten.«
»Ja, ich bin fertig.« Runde Flecken brannten auf seinen Backenknochen.
* * * * *
Im Geschworenenzimmer hing ein Christus und sah schmerzlich auf die
zwölf hinunter.
Der vollblütige Obmann war ein Färbereibesitzer, ein schwerer Herr, fast
ohne Hals; entsprechend klang seine Stimme: »Dem kann wohl kein Gott
mehr helfen.« Vorsichtig näherte er seiner Nase eine blaue Emaildose und
mußte die Augen schließen vor dem starken Duft. Dann atmete er auf. Es
roch nach Staub im Zimmer.
Der Einäugige hatte seine Ruhe vollkommen verloren. Alle saßen. Nur er
lief im Zimmer schnell auf und ab.
»Da ist nichts wegzudeuteln«, antwortete der Nachbar dem Obmann, der
wieder die Dose seiner Nase näherte. Feierliche Verlegenheit der
neuartigen Situation gegenüber ließ das Schweigen fortbestehen.
Da fielen ein paar Stichworte. Und die Geschworenen begannen angeregt
die Hauptpunkte noch einmal durchzusprechen.
Mitten hinein sagte der Zigarettenhändler plötzlich:
»So ein ruhiger, bescheidener Mensch. Bei mir hat er sich oft seine
billigen Zigaretten gekauft. Ist auch manchmal schuldig geblieben. Ganz
schüchtern . . . Und jetzt so was.«
»Ja«, sagten nacheinander einige sinnend. Dann schwiegen wieder alle.
Ein Alter stand auf, öffnete das Fenster der Sonne, setzte sich sofort
wieder auf den steifen Stuhl, und hinter seinem kahlen Kopfe breitete
der unbewegliche Adler an der Lehne wieder die hölzernen Flügel aus.
»Einen Menschen ermorden,« sagte der Kahle, »hundert Mark rauben und
einen Teil davon nach der Tat an jemand senden -- auch dieses Moment
spricht . . . psychologisch betrachtet, glatt dafür, daß die ganze Sache
lange vorher überlegt war . . . Sofort nach der Tat, nota bene!«
Man nickte. Der Zigarrenhändler sagte etwas. Und auf Befragen des
Obmanns hin wiederholte er: »So ein schüchterner Mensch!«
Der Einäugige sagte: »Die Sache stimmt nicht«, und lief gleich wieder
weiter umher, unruhig wie ein Mann, der sich großer Verantwortung bewußt
ist, aus der Berufstätigkeit herausgerissen und plötzlich vor eine Sache
gestellt wurde, die er nicht übersieht. »Man brauchte Zeit . . . viel
Zeit.«
Alle blickten interessiert, der kahle Psychologieprofessor erstaunt auf
ihn.
Der Einäugige sagte noch einmal: »Vorher überlegt? Lange vorher? . . .
Nein.«
Da fügten die anderen den Beweis dafür, daß es kein Affektmord sei,
schnell und eindeutig zusammen.
»Davon ist nichts wegzudeuteln«, schloß der Kahle bestimmt, zuckte
bedauernd die Schultern, sah den Einäugigen fest an.
Der rief: »Das ist es ja. Weiß der Teufel! Aber noch keine fünf Minuten
lagen zwischen Affekt und Tat.«
»Ja, will ich schon erklären. Man muß diesem . . . Dichter doch glauben,
daß er gegen seinen Lehrer etwas hatte. Pardon, ihn hat dieses
Jugenderlebnis eben angegriffen. So etwas gibts. Einen anderen hätte es
vielleicht kalt gelassen. Auf jeden Fall kann man das ebenso annehmen
wie das Geldmotiv . . . glaube ich. Sitzt er bei seinem Lehrer in der
Stube . . . kommen die zwei Schüler -- die Geschichte kennen Sie ja --,
er muß die Prügelei mit ansehen.« Der Einäugige lief beim Sprechen
fortwährend umher; die Blicke der Geschworenen folgten ihm von Ecke zu
Ecke. »Und diese Szene, kann man schon glauben, erregte seinen Haß. Wenn
. . . jetzt die Sache vor sich gegangen wäre . . . sofort, dann hätten
wir einen Affektmord.«
Erstaunt sahen die Geschworenen den Einäugigen an, weil er sich an die
Stirn schlug.
»Aber dieser Mensch, ich möchte sagen . . . sammelt seinen Zorn, hält
dem Lehrer erst noch den bewußten Schulausflug vor und bringt ihn dann
erst um. Also überlegt. Überlegt! . . . Daran ist vielleicht nur seine
verfluchte Blutarmut schuld.«
»Bitte, gewiß. Ich, als Arzt, weiß das. Ein vollblütiger Mensch greift
gewöhnlich zu im Affekt. Zu viel Kopf, Gedanken. Weiß der Teufel . . .
zu viel Überlegung!«
Der Obmann sagte: »Also auch in diesem Falle wäre es kein Affektmord.
Das meinen Sie doch, wie?« Alle stimmten ihm bei.
Widerstrebend auch der Einäugige. »Wenn er es auch nicht wegen des
Geldes getan hat . . . Mord bleibt Mord. Irrsinnig ist er nicht.«
Der kahle Psychologieprofessor wandte sich von jetzt ab achtungsvoll
fast nur an den Einäugigen.
Der lief umher, die Hände auf dem Rücken. »Hätte er nur ein viertel
Pfund Blut mehr in seinem ausgemergelten Körper gehabt, dann bekäme er
ein paar Jahre und hätte Zeit, sich über seine Ursachentheorie klar zu
werden.« Er sah den Obmann an: »Jetzt -- Kopf. Ich sehe keine andere
. . . gesetzliche Möglichkeit. Ich sehe keine. Sehe keine!« und lief
weiter.
Niemand wußte etwas zu sagen.
»Wissen Sie denn auch, mit wem Sie gefahren sind?« unterbrach ein
gedankenabwesender Geschworener das Schweigen. Er war viel jünger als
alle anderen. Sie sahen ihn verständnislos an.
Er errötete, lächelte ein wenig und erzählte eine Geschichte. Damals sei
er noch Reisender gewesen in seiner Branche. »Da mußte ich meine Touren
meistens zu Fuß machen.«
Unwillkürlich hörten sie ihm zu. Der Einäugige lief mit gesenktem Kopf
umher.
»Da holte mich ein sonderbarer, ein ganz sonderbarer Wagen -- schon mehr
ein Karren -- auf der Landstraße ein. Ich war müde, dunkel wurde es auch
schon. Kurz und gut, der Fuhrmann ließ mich aufsitzen. Der pfiff
manchmal, leise und unheimlich, und kitzelte dabei sein schwarzes
Pferdchen mit dem Peitschenstiel beim Nacken. Nun, vor der Stadt stieg
ich ab . . . >Wissen Sie denn auch, mit wem Sie gefahren sind?< fragt er
mich.
>Ich bin der Scharfrichter.<