»Hätte er es gleich getan, im ersten Zorn . . . Zu wenig Blut«,
unterbrach der Einäugige.
Der junge Geschworene war beleidigt. ». . . Da brauchte er ja nur ein
ganz anderer Mensch zu sein, dann würde er jetzt vielleicht in einem
. . . in einem Postbureau sitzen und gar nicht daran denken, einen
Menschen umzubringen.«
Einige lächelten. Der kahle Psychologieprofessor nicht. Auch die anderen
wurden gleich wieder ernst und fühlten momentan einen schwereren Druck
in der Brust. Der junge Geschworene saß vorgebeugt, sagte langsam: »Es
ist wirklich nicht leicht.« Und als er sich seufzend aufrichtete,
setzten sich auch die anderen gerader.
»Dann säße er vielleicht in einem Bureau . . . wenn er ein anderer
Mensch wäre, wenn er . . . in anderen Verhältnissen aufgewachsen wäre,
wie zum Beispiel . . . wir.« Der Einäugige blieb zum ersten Male stehen,
an der Stirnseite des Tisches, gegenüber dem Obmann. »Der . . . der
Dichter meint, er sei so geworden, wie er ist, wegen dieser Ursachen.
Sei ihnen gegenüber ganz machtlos . . . also schuldlos.«
Der Obmann sagte: »Auf dieses Thema sollten wir . . . sollen wir uns
denn darauf einlassen? Verzeihung, was meinen die Herren?« schloß er
ängstlich.
»Kaum! Unmöglich!« wurde gerufen. Die meisten machten empörte Gesichter.
Einer rief wütend: »Das Ganze ist ja Unsinn«, und sah sich erschrocken
um, weil er wütend geworden war.
Der Psychologieprofessor blickte, die Hand am Kinn, nachdenklich über
den Christus weg zur Decke. »Da könnte ja wirklich jeder Mensch jeden
Menschen umbringen . . ., der Herr Staatsanwalt hat recht.«
»Natürlich, das ist Unsinn . . . diese Ursachen«, sagte der
Zigarettenhändler, ließ aber seine Unterlippe unzufrieden hängen. »Er
war so ein einfacher Mensch, nett eigentlich.«
Der junge Geschworene wiederholte: »Unmöglich, die haben mit dem
praktischen Leben nichts zu schaffen. Nicht wahr?«
Aber der Einäugige sprach schon. »Diese Ursachen bestehen ja . . . im
Groben. Nur hat seine Theorie einen Riß: ein Vater hat zwei Söhne, beide
haben eine vollkommen gleiche Erziehung. Und doch wird der eine ein
brauchbarer Mensch -- Landpfarrer etwa --, der andere ein bösartiger
Verbrecher.«
Die Stimme des Einäugigen wurde eindringlich, hartnäckig; es schien, als
wolle er sich selbst von etwas überzeugen, gegen seine innere Stimme:
»Der Urquell des Bösen ist nicht in Erlebnissen zu suchen, sondern in
der Natur. Die Natur selbst ist bös und gut. Und die Quelle, die
Urquelle des Bösen und Guten -- des Moralischen -- liegt hinter dem
Kreise des vom Menschen Erkennbaren . . . Kain und Abel.«
Das hatte er wie im Selbstgespräch gesagt. Durch ein Stuhlrücken wurde
er erschreckt, sah verstört die Geschworenen an. Da kehrte die
Hartnäckigkeit in sein Gesicht zurück. »Weshalb die Quelle des Bösen --
dieses unerforschbar Mystischen im Leben -- gerade diesen und diesen und
jenen Menschen schuldig werden läßt, werden wir nie wissen. Aber
verantworten muß sich der Schuldige den Mitmenschen gegenüber, die sich
schützen müssen, so gut sie können. Die Welt ist unvollkommen . . . Wer
die Ursachen des Bösen in der bestehenden Ordnung sucht und sieht, kann
nicht anklagen, nicht verurteilen.« Etwas Ungelöstes blieb in seinem
Gesicht zurück.
Der Psychologieprofessor sagte zu ihm: »Die Theorie des Angeklagten
bedeutet offenbar nichts anderes als Revolution. Der Himmel behüte uns
vor Verantwortungslosigkeit.« Er wartete darauf, was der Einäugige dazu
sagen würde, und sah ihm erstaunt ins weiß gewordene Gesicht, sah, wie
die Röte zurückkehrte und es im Gesicht zu arbeiten begann.
»Sich Geld geben lassen . . . von einer Prostituierten! Da hört doch
eigentlich alles auf«, sagte der junge Geschworene. »Sie heiraten
wollen!«
Alle schwiegen, beobachteten jede Bewegung des Einäugigen und
unausgesetzt forschend sein Gesicht.
Der Akt der einstimmigen Verurteilung des Dichters zum Tode ging fast
ohne Worte vor sich.
Auch der Zigarettenhändler sah den Einäugigen dabei an, die Unterlippe
mürrisch nach außen gerollt, und nachdem der mit hastigem Entschlusse
für Mord gestimmt hatte, tat er es ebenfalls, worauf sein Mund sich
zufrieden schloß.
Als die Männer sich schon erhoben hatten, sagte der Kahle noch zum
Einäugigen: »Diese Theorie der vergessenen Kindheitserlebnisse ist eine
erst vor wenigen Jahren aufgekommene neue Richtung. Modernste
Seelenanalyse. Ungreifbar wie Luft, verstehen Sie, nach allen Seiten hin
zu drehen. Wir Psychologen der alten Schule wissen wenigstens das eine,
daß wir nicht viel wissen; aber diese Neuen glauben auf einmal, alles zu
wissen. Und das ist die große Gefahr. Große Gefahr. Wo diese Theorie mit
der Praxis zusammentrifft . . ., gibts immer ein Unglück.« Seine Hand
zuckte zurück in die Hüfte.
Schnell faßte er den verstörten Einäugigen beim Ärmel. »Ganz privat, als
Psychologe, möchte ich Ihnen eine Frage vorlegen . . . Glauben Sie
nicht, daß der Angeklagte mit der ganzen Intensität seines Wesens sich
vielleicht diese neue Theorie nur deshalb zu eigen gemacht hat . . .
nachträglich, weil nach seiner Meinung nur sie noch die einzige
entfernte Möglichkeit barg, für das Verbrechen nicht verantwortlich
gemacht zu werden?«
Die Geschworenen waren schon durch die Flügeltür gegangen.
Der Kahle bekam keine Antwort und lief den anderen schnell nach.
Zögernd betrat der Einäugige als Letzter den Saal.
7
Der Dichter wartete auf die Revision.
Muskellos hatte er nach der Verhandlung den Saal verlassen, sich in der
Zelle auf die Pritsche gesetzt, langsam, gestorben. Die Schritte des
Wärters verhallten.
Da glimmte im Dunkel einer ungeheuren Ferne ein Lichtchen auf, zog als
immer riesenhafter werdende Flamme auf ihn zu. Und der Dichter wurde
wieder lebendig, brach los von der Pritsche, stand. »Da wird alles
anders kommen, bei der Revision«, rief er, sprach weiter, erregt und
begeistert mit den Händen mit, dachte alles herbei und schritt dazu
schnell vom Fenster zur Tür, hin, her.
Oft stand er mit einem Ruck. Die Augen halb geschlossen, umfaßte er
einen Punkt des kommenden Revisionsprozesses, lief weiter, unaufhörlich.
Tagelang.
Nur in seinen Träumen wurde das Urteil entsetzlich an ihm vollstreckt.
In den folgenden Nächten wieder. In einer Nacht siebzehnmal; dabei sah
er auf dem Dache des Justizgebäudes als Lichttransparent das Wort
»Training« verlöschen -- aufleuchten.
Sofort nach dem Erwachen fuhr er in die Sträflingskleider. Und rannte
beschäftigt und ausgefüllt auf und ab.
Kam ihm, wenn er eben fensterwärts schritt, von der Tür her der Gedanke
in den Rücken, in Wirklichkeit hingerichtet zu werden, befand er sich
augenblicklich mitten im Revisionsprozeß. Und verteidigte sich glänzend,
siegte, und der Vorsitzende rief erstaunt: Weshalb haben Sie das denn
nicht schon das erste Mal gesagt? Wenn die Sache so liegt, ja dann -- --
--. Der Dichter war nachsichtig zu den Richtern, erklärte ihnen alles.
Aber als der Verteidiger eintrat, wagte der Dichter nicht, ihn zu
fragen.
Er fragte ihn noch immer nicht.
»Wie zu erwarten war, wurde die Revision verworfen.« Der Verteidiger
sagte auch noch: »Es tut mir leid.«
»So?« sagte der Dichter.
»So?« sagte er, nachdem der Verteidiger schon gegangen war, und zuckte
dabei mit dem Kopf nach vorne.
Entkräftet saß er auf der Pritsche. »Das glaube ich nicht«, sagte er und
zog den langen Speichelfaden wieder in den Mund zurück. Dann zog er ihn
nicht mehr zurück.
Ein Tag wurde so lang wie ein Menschenleben. Der Dichter blieb hocken.
Die Zeit stand. Das Herz tat dumpf weh, als wäre jeder Herzschlag ein
drückendes Berühren von einem Hammer aus Gummi.
Und in der Nacht schlief er nicht.
Langsam kroch die Morgendämmerung in die Zelle. Er konnte nicht durch
sie hindurch atmen. Im Halbschlaf schien sie ihm ein riesengroßes, sich
schwer bewegendes, graues Tier zu sein.
Zugleich mit ihr kam der Geschworene lautlos durch die verschlossene
Tür, stellte sich in die Ecke und blickte mit seinem einen Auge
unverwandt den Dichter an.
»Gut, daß Sie kommen, sonst hätte ich Sie heute noch besucht«, sagte der
Dichter. »Denn meinen Traum von heute nacht muß ich Ihnen erzählen.«
»Deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen. Meine Frau hat mir den Traum ganz
falsch erzählt. Sie sagte, es sei eine Eiche gewesen.«
»Nein, nein, der Lehrer sagte ja selbst, daß es eine Buche ist. Sonst
hätte der ganze Schulausflug keinen Sinn für Achtjährige. Eher für
Achtzigjährige. Alle standen im Wald beim Hünengrab. Ich stieg auf die
Buche, bis in die oberste Spitze. Aber die dünnsten Zweige trugen mich
noch. Ich sah direkt in die Sonne, und sie blendete mich nicht. Ich war
wild-glücklich, lachte und sang. Da nahm die gewaltige, dunkle Hand mein
Herz, stopfte es mir ins Gehirn und schloß meinen Kopf wieder. Von jetzt
an fühlte ich das Netz in meinem Gehirn. Die schwarze Kreuzspinne saß in
der Mitte. Kam ein Gedanke ins Netz, dann stürzte die Spinne auf ihn los
und saugte seinen Sinn aus. Diese zahllosen, ausgesaugten
Gedankenleichen verursachten mir einen unaufhörlichen Druck hinter der
Stirn, mit dem ich viele Jahre lang durch eine ungeheuerliche Einsamkeit
schwankte. Sie wurde immerzu zerrissen von Kampf- und Notschreien. Und
plötzlich geschah das Schrecklichste -- mein Wille ging von mir weg,
ohne mich zu grüßen. Ich hatte kein Empfinden und gar kein Fleischgefühl
mehr; es war mir, als hätte ich Nebel im Gehirn -- da packte mich so
eine besinnungslose Kinderwut, und ich erwürgte im Traum meinen Lehrer
. . . Was sagen Sie dazu?«
»Ihr Wille mochte wahrscheinlich nichts mehr mit Ihnen zu schaffen
haben, weil Sie ihm zu böse sind«, sagte der Einäugige. »So habe ich es
auch meinem Dienstmädchen erklärt.«
»Ihrem Dienstmädchen hätten Sie das nicht sagen sollen . . . Die erzählt
es dem Vorsitzenden für die Revision.«
»In meinem Hause verkehren viele Willen, auch der Ihre. Deshalb mußte
ich es doch dem Mädchen erzählen für den Revisionsprozeß.«
»Dann bin ich verloren.«
»Ja, da Sie im Traum den Lehrer . . . noch einmal umbrachten, sind Sie
natürlich verloren; denn daran bemerkt auch der Vorsitzende, daß das
Böse in Ihnen ist . . . Gegen das Böse können Sie gar nichts tun. Ihr
wirklicher Wille hat sich neben meinem Hause eine Villa gebaut. Und Sie
grüßt er nicht einmal mehr. Seine Frau hat ein weißes Gesicht und dunkle
Augen. Das Schlafzimmer . . . schön beleuchtet.«
»Und ich werde hingerichtet?« schrie der Dichter und fuhr aus dem
Schlafe, denn die Zellentür öffnete sich.
Der Wärter ließ den Einäugigen eintreten und blieb an der Tür stehen.
Der Dichter sprang auf von der Pritsche. Traumschnell war er in die
Wirklichkeit zurückgekehrt, sah den Einäugigen an und dachte ganz
langsam: Judas Ischariot kommt zu mir? . . . Verstanden und doch
verraten! »Sind Sie schon länger da?« fragte er mißtrauisch.
Und der Einäugige senkte den Blick. »Nein, ich bin eben erst gekommen«,
sagte er und dachte -- er vergleicht mich mit Judas Ischariot.
Tagelang hatte er sich eingeschlossen, um darüber klar werden zu können,
weshalb er den Drang nicht zu überwinden vermochte, den mit seiner Hilfe
zum Tode verurteilten Menschen in der Zelle zu besuchen.
Auch jetzt, da er bedrückt vor dem Dichter stand, hätte er noch nicht
sagen können, weshalb er gekommen war.
»Habe ich Ihnen meinen Traum nicht erzählt? . . . Ich habe eben im Traum
den Lehrer noch einmal umgebracht . . . Was ist das? In Wirklichkeit
würde ich es doch nicht tun. Auch damals habe nicht ich es getan. Der
Dämon führte die Hände. Ich bin unschuldig . . . Ihr ermordet mich!«
Der hat sich diese Theorie nicht angeeignet, um sich durch sie zu
retten, dachte der Einäugige. Der Psychologieprofessor hat unrecht.
Da stieg zum ersten Male klar die Frage in ihm auf, ob er vielleicht
unrecht damit getan habe, einen Menschen dem Tode zu überliefern.
»Bin ich deshalb gekommen?« hatte er gefragt, ohne es zu wollen.
Erschrocken blickte er den Dichter an, auf dessen verwüstetem Gesicht
diese Frage höhnisch beantwortet stand.
»Ich habe umsonst gelebt, denn einstimmig wurde ich verurteilt. Ihre
Stimme hat mein Leben nutzlos gemacht . . . Verstanden und doch
verraten! Ein furchtbares Verbrechen.«
Der Kampf zwischen den beiden ging nur um diesen einen Punkt. Noch
einmal stieg Kraft im Dichter auf, für diesen Kampf.
Da trat ein Mann ein. Das ging alles ohne Worte vor sich. Bei den
Schläfen begann er. Dann scherte er von der Stirn weg mit seiner
Maschine einige Bahnen bis zum Wirbel. Zuletzt scherte er den Nacken.
Ganz kahl. Und ging.
Es fühlte sich kühl an, als der Dichter seinen Nacken berührte. Die
Möglichkeit, mit dem Einäugigen zu kämpfen, war weg. Sein Herz wurde
groß vor Angst, füllte die ganze Brust aus.
Da verzog langsam Hohn sein Gesicht. Die Hand im Nacken, den Blick auf
den Einäugigen gerichtet, fragte er böse lächelnd: »Wieviel wiegt denn
so ein abgeschlagener Menschenkopf? Mit allem Fleisch daran? Mit den
Lippen? Wenn er noch warm ist . . . Vier Kilo? Fünf Kilo vielleicht?«
Der Wärter drehte sich zur Wand, stauchte aus einem Fläschchen
Schnupftabak auf seinen Daumen, und während er ihn geräuschvoll in die
Nase schaffte, sagte der Dichter bewußt grausam: »Die Kopfkugel stürzt
. . . in den Kasten, schlägt auf . . . Dann kollert sie und bleibt
liegen. Macht noch eine Viertelsdrehung und liegt still . . . im Profil.
Im Profil.« Er nahm die Hand weg vom Nacken und betrachtete seine
Finger, sah den Einäugigen an. »Ob dann die Augen zu sind? Oder sind sie
offen? Blind? Oder sehen Sie noch eine Sekunde lang? . . . Lang! Sie
müssen das doch wissen, Sie haben mich ja verurteilt . . . zum Tode.«
Der Einäugige machte eine Bewegung zur Tür hin.
»Bleiben Sie noch!« rief der Dichter, so flehend, in Angst vor dem
Alleinsein, daß der Einäugige stehen blieb. Und die Verwandlung des
Hohnes zum furchtbarsten Entsetzen beobachten konnte.
»Man sagt, daß das Gehirn so eines Kopfes noch eine Weile . . .
funktioniert. Denkt? Der abgeschlagene Kopf lebt noch eine Weile? Denkt
seinen letzten Gedanken zu Ende? Oder kann man einen Gedanken . . . mit
dem Beil entzwei schneiden? Ein Beil kann das nicht! . . . Sie sind zu
mir gekommen, um mir zu helfen. Und können es nicht.«
Der Einäugige sah wie ertappt auf.
Und der Dichter schrie: »Können nicht helfen! Nicht helfen! . . . Zu
spät!«
Beide Hände an den Hinterkopf gepreßt, schrie er: »Mit ungeheurer
Kraftanstrengung denkt der abgeschlagene Kopf seinen angefangenen
letzten Gedanken zu Ende und brüllt allen Menschen lautlos ihre Schande
ins Gesicht . . . Auch Ihnen! Rache! brüllt er. Rache! brüllt der Mund.
Und die Gerechten, die herumstehen, hören es nicht.«
Auch der Wärter nahm seinen Schritt zum gefährlich und wild aussehenden
Dichter wieder zurück und stand mit dem Einäugigen still, als der
Dichter mit ganz veränderter Stimme vibrierend ruhig sagte: »Ich aber
weiß -- was ein gesetzlich abgeschlagener Menschenkopf spricht, wird nie
verhallen, wird furchtbar gehört. Seine Worte treiben Roheit und Rache
in die Herzen der Menschen hinein. Ins Sägemehl geflossenes Menschenblut
spricht zum noch pulsierenden Blut. Denn alles Menschenblut ist göttlich
miteinander verwandt. Und deshalb wird der Mord, den die Gesetzesmänner
an mir begingen, sich tausendfältig rächen. Wird tausend Morde
erzeugen.«
»Weißt du das? Der abgeschlagene Menschenkopf ist ein furchtbar
mächtiger, gefährlicher Kopf. Denn er wird den Menschen ewig sichtbar
bleiben, wie er im Profil im Kasten liegt. Die Bestie im Menschen wird
mit den gesetzlich abgeschlagenen Menschenköpfen gefüttert . . . Das ist
die Rache des Hingerichteten.«
Sein Gesicht war vom Fleisch abgefallen und spitzig geworden.
Der Einäugige brach sich los von seinem Bann, dachte müde: die Hose ist
ihm ja viel zu lang, und erstarrte wieder, als der Dichter sagte: »Die
Gerechten, die herumstehen, glauben, ein abgeschlagener Menschenkopf sei
ein abschreckendes Beispiel.«
»Glauben Sie das auch?« fragte er, näherte sich dem Einäugigen und
blickte ihn an wie die Katze den Vogel, der sich nicht zu rühren wagt.
»Ich sage dir, mein Blut, wenn es das Sägemehl rot macht, wird das Blut
aller Menschen zur Rache zwingen. Zwingen! Denn es ist nur ein Blut.«
Da warf er die Arme in die Höhe, daß sie in einem Bogen wie über die
ganze Welt hin verharrten. Prophetisch hell rief er: »Und als der erste
Menschenkopf gesetzlich abgeschlagen war, wurde es vor Rache dunkel auf
der Erde, denn allen Menschen trat das Blut in die Augen, da es sich
wieder vereinigen wollte mit dem gesetzlich vergossenen Blut.«
Plötzlich tat er einen wilden Schritt zur Tür hin.
Der Wärter sprang auf ihn zu. Und ließ die Hände wieder sinken, als der
Dichter haßerfüllt sagte: »Gehen Sie noch nicht? . . . Verräterchen«,
sagte er leise und verächtlich.
Da verließ der Einäugige wortlos die Zelle.
Der Dichter wandte sich langsam, gezogen, zum Fenster, sah auf den
ruhigen Sonnenflecken am Boden und dachte, plötzlich ganz abwesend: Die
Sonne ist mir ein wunderbarer Vogel, der gestorben daliegt.