Das Straßenmädchen erwiderte: »Ich hatte gerade selbst kein Geld.«

»Bedrohte er Sie, als Sie ihm nichts gaben?«

»Und wieso gaben Sie ihm dann doch?«

»Ich bat ihn, im Nebenzimmer zu warten.«

Unter steigender Erregung der Geschworenen mußte das Mädchen den Hergang

mit allen Einzelheiten erzählen, wobei der Dichter einem Blick seines

Verteidigers begegnete und dachte: er verachtet mich, wie kann er mich

da verteidigen.

Und als das Mädchen unvermittelt gefragt wurde, wie lange der Dichter

ihr schon Zuhälterdienste leiste, glaubte er, zum ersten Male ganz

hoffnungslos, es werde ihm unmöglich sein, den Ring, den Vorsitzender

und Staatsanwalt um ihn zogen, zu sprengen.

Auch einige Geschworene fragten das Mädchen.

Bis sie endlich verwirrt sagte: »Er ist doch kein Zuhälter«, und an der

ganzen Geschworenenreihe staunend entlang blickte.

Der Vorsitzende erklärte ihr: »Sie müssen die Wahrheit sagen, obgleich

Sie nicht vereidigt sind. Aber ja doch!« Und brachte nach langem,

eindringlichem Fragen aus ihr heraus, daß sie den Dichter schon seit

einem Jahre kenne und daß er damals zu ihr gesagt hatte, er wolle sie

heiraten.

Sehr ernst geworden, sahen die Geschworenen in den leeren Zuschauerraum.

Und der Vorsitzende sagte sofort: »Es ist doch auffallend, daß ein

Mädchen wie Sie einem Menschen nur so Geld gibt, ihn sogar warten läßt

im Nebenzimmer, bis sie das Geld sozusagen . . . verdient hat.«

Da sah sie ihn verächtlich an. Doch ganz schnell veränderte sich ihr

Gesicht; die ganze Körperhaltung drückte schroffe Gleichgültigkeit aus.

»Ist mir einerlei.«

»Was ist Ihnen gleich?«

»Alles natürlich!«

»Ich frage Sie, was Sie momentan dachten, das Ihnen gleich sei.«

Mit einem ganz kleinen, starken Lächeln: »Alles, meine Herren!« Sie

setzte sich.

Der Staatsanwalt betonte die Unglaubwürdigkeit der nicht vereidigten

Zeugin. Und der Dichter sah zu, wie eine Schar Tauben vom

gegenüberliegenden Dachfirst aufflog, ihn umkreiste und sich wieder in

die Frühlingssonne niederließ. Ein Tauber blähte sich und stolzierte

wippend einer Taube nach, die immer wieder davonrannte.

»Von was haben Sie denn nun eigentlich in Berlin gelebt, all die Jahre?«

fragte der Vorsitzende, als die wiedereintretenden Zuschauer stillsaßen.

Der Dichter sagte: »Das ist schwer zu erklären . . . Ich weiß es selbst

nicht.«

Und antwortete nachdenklich noch einmal: »Ich kanns wirklich selbst

nicht sagen.«

Der Vorsitzende ließ Augen und Hand verwundert fragen.

Und der Staatsanwalt formulierte kurz seine Ansicht dahin, daß die

Geldquelle bei diesem oder bei irgendwelchen anderen Straßenmädchen zu

suchen sei. »Der Heiratsantrag ist der schlagendste Beweis dafür.«

»Kurzum . . . es ging Ihnen offenbar sehr schlecht?«

»Also. Da fahren Sie in Ihre Heimatstadt . . .«

»Weil mir so furchtbar zumute war.«

»Besuchen unvorsichtigerweise Ihre Eltern, ein Kaffeehaus und, wie sich

vorhin herausstellte, den Optiker, nicht wahr?«

»Ja.«

»Dieser unliebsamen Zeugen wegen reisen Sie, obwohl Sie schon vor des

Lehrers Tür standen, mit dem nächsten Zug wieder zurück nach Berlin.«

»Sie wußten nicht, daß der Angeklagte verreist war?«

Keine Ahnung habe sie gehabt, antwortete die Wirtin aufgebracht, sah den

Dichter an, den Vorsitzenden: »Und mein Herr Doktor hatte ja auch die

Kammer mitgemietet.«

»Nachdem Sie Ihrer Wirtin beigebracht hatten, gar nicht verreist gewesen

zu sein, gehen Sie zu dem Mädchen, lassen sich zwanzig Mark für die

Reise geben und fahren in derselben Nacht wieder in Ihre Heimatstadt,

schleichen -- diesmal ohne Zeugen -- ungesehen durch die noch dunklen

Gassen direkt in die Lehrerswohnung. Eine Stunde später wird der Lehrer

vor seiner durchwühlten Schreibtischlade gefunden. Das geraubte Geld bei

Ihnen . . . Was können Sie dazu sagen?«

Während der ganzen Rede hatte der Dichter den Vorsitzenden in kaltem

Entsetzen angeblickt; nur stockend konnte er hervorbringen: »Es ist

alles so weit entfernt vom Tatsächlichen, was Sie und der Herr

Staatsanwalt von mir sagen, daß ich kein Wort mehr mitreden kann.«

»Sie hatten offenbar weitaus mehr vorzufinden erwartet, bei Ihrem

Lehrer, der als sparsamer, vermögender Mann bekannt war.«

Da stemmte der Dichter die Handballen unter die Achselhöhlen, daß die

Kette über seiner Brust spannte, brüllte: »Ihr lügt!« und stieß dabei

die Hände nach vorn, wandte sich um zu den vielen Hunderten, wie auf

einem Riesenpräsentierteller liegenden Gesichtern: »Alle Menschen, die

im Saale sind, müssen bemerken, daß das Gericht nur eine Seite sehen

will und alles dahin zusammenträgt.« Und zum Gerichtshof: »Man will mich

viel schlechter machen, als man selbst glaubt, daß ich bin. Man lügt!

Und mein Verteidiger verachtet mich.«

Der Vorsitzende hatte die Hand erhoben. Der Dichter sah an ihm vorbei,

lodernd zum klarblickenden Auge des Geschworenen:

»Gelogen wird in den Gerichtssälen! Am tatsächlichen Geschehen

vorbeigesehen! Die Ursachen liegen tief. Man will sie nicht sehen. Man

will nicht! . . . Weil man sonst erkennen müßte, daß man mitschuldig

ist.«

Die zwei Gerichtsdiener an seinen Seiten drehten die Köpfe auf ihn zu,

scharf ins Profil; ihre Augäpfel lagen in der Nasenecke. So blieben sie

griffbereit stehen.

Auffallend ruhig sagte der Einäugige: »Ich sehe keinen Beweis dafür, daß

dieser Mann den Lehrer wegen des Hundertmarkscheins getötet hat. Die

Gründe, die er dafür angibt, erscheinen mir viel glaubhafter . . . Sie

erscheinen mir jetzt glaubhaft.«

Der Vorsitzende unterbrach: »So etwas können Sie . . . nur im

Geschworenenzimmer äußern.«

Scheinbar zu allen sprechend, sagte der Staatsanwalt zum Einäugigen --

und Überzeugung pulste kräftig in seinen Worten: »Da könnte ja jeder

Mensch mit Recht seinen Lehrer ermorden . . . jeder Sohn seinen Vater!«

Noch eine Sekunde lang hielt die neue Ansicht, die sich der Einäugige

erst im Laufe der Verhandlung erkämpft hatte, der des Staatsanwaltes

stand. Dann wurde sie von dessen schlagkräftigem Ausruf wieder

zertrümmert.

Er senkte ratlos den Blick.

Der Vorsitzende sagte, plötzlich nachdenklich und ernst: »Können Sie

selbst denn daran glauben, daß Sie Ihren Lehrer deshalb umgebracht

haben, weil er Sie vor zweiundzwanzig Jahren . . . sagen wir: falsch

behandelt hat? . . . Wirklich, wir können damit nichts anfangen.«

»Er allein ist ja nicht an meinem Unglück schuld«, sagte der Dichter

unwillig.

»Und trotzdem haben Sie ihn umgebracht.«

Da reckte der Dichter plötzlich die gefesselten Hände senkrecht empor.

»Der Dunst der Schulen, der falschen Erziehung, der Eltern, Frömmelei,

der Lüge, des ganzen stinkenden europäischen Moralgeschwürs bildet

furchtbar drohend das Wort >Ursache< weithin sichtbar am Himmel. Der

europäische Mensch ist zum kranken, tückischen, reißenden Tier geworden.

Gott, die Menschenliebe, die Güte, die Wahrheit zogen sich entsetzt

zurück vor dem vom Wahnsinn gezeichneten europäischen Gesicht!«

Ein Geschworener beugte sich zu seinem Nebenmann. »Bei mir hat er sich

oft Zigaretten gekauft . . . In meinem Eckladen.«

Der Vorsitzende betrachtete den Dichter sinnend.

Der ließ die Hände sinken, fiel zusammen und begann mit noch bebender

Stimme: »Auf allen Wegen starren dem Menschen offen und versteckt

Messerspitzen entgegen, denen er nicht ausweichen kann . . . Trotz aller

Anstrengung konnte ich mich nie erinnern, was mir in dem Hohlweg

widerfahren ist . . . Ich träumte öfters von einer Leiche, die in dem

Hohlweg lag. Sie war schon ganz verwest. Ameisen krabbelten ihr in Augen

und Ohren hinein, aus Mund und Nase heraus. Die Leiche lachte

fürchterlich, weil die Ameisen sie kitzelten . . . Aber ich weiß

bestimmt, daß keine Leiche im Hohlweg lag . . . Etwas Grauenhaftes muß

mir da geschehen sein.«

Der Vorsitzende hatte den Dichter fortwährend grübelnd angesehen. Jetzt

richtete er sich auf. Auch die Geschworenen bewegten sich.

»Mittagspause«, sagte der Vorsitzende unerwartet, stand auf. »Wir

unterbrechen bis drei Uhr«, sagte er, mit der Uhr in der Hand.

6

Die Zuschauer gebrauchten List und Ellenbogen, um schneller durch die

Flügeltür hinaus auf den Gang zu kommen, den der Dichter passieren

mußte.

Ein scharfes Witzwort fiel. Man lachte flüchtig, drängte energisch

weiter. Und mauerte sich an den beiden Wänden entlang, vollkommen still

geworden. Denn des Staatsanwaltes schwarze Robe erschien ganz unerwartet

und bewegte sich feierlich durch die Menge.

Auf ihn zu kam, vom Treppenabsatz herunter, ein kleiner Referendar, mit

einem Klemmer und Leberflecken im zerhauenen Gesicht. »Es hat sich noch

ein Belastungszeuge gemeldet.«

»Ah! Wer? Wo ist er?«

»Eine Zeugin. Sie hat angegeben, daß der Schreinermeister, der seinem

Sohne die Augen zuleimte, ihn in diesem Zustand auch bloßfüßig auf die

heiße Herdplatte gestellt hat . . . Dann heizte der Meister tüchtig

nach.«

»Also nichts Neues zum Fall Seiler.«

»Nein. Da kann man dir ja gratulieren. Sichere Sache!«

»Ein komplizierter Fall.«

Der kurzsichtige Kleine kroch in die Staatsanwaltsrobe hinein.

»Wieso? Ist es nicht ganz klar erwiesen, daß er es wegen dieses

Hundertmarkscheins getan hat?«

Sie verschwanden, von allen Blicken verfolgt, in dem kalkweißen,

menschenleeren Seitengang. Der Staatsanwalt sah auf den Kleinen

hinunter, zum Fenster hinaus. »Das eben scheint mir jetzt sehr, sehr

fraglich zu sein, nach allem . . . Eigentlich schon nicht mehr

fraglich.« »Nein, nein, verzeihe! Wirklich, so in der Eile kann ich dir

das nicht erklären. Das Ganze ist zu . . . weißt du, zu . . .

eigenartig.«

»Nämlich die eigene Frau des Schreinermeisters will gegen ihn zeugen.

Interessant, wie?«

»Platz machen!« rief der Polizist.

»Platz da! Platz!« der auf der andern Seite.

Der Dichter wurde durchgeführt. Der Offizialverteidiger lief mit

winzigen Schrittchen über ihn vor, wieder zurück und geriet so in

Verwirrung, daß er beim Weitergehen die ungewohnte, lange Robe hob wie

eine Frau den Rock.

Niemand lachte. Des Dichters Gesicht und Augen sahen erloschen aus.

Der Staatsanwalt trat vor ihm in die Fensternische zurück, sah ihm nach.

»Gefährlicher Geist . . . Kompliziert die Sache.«

»Wirklich? Nicht wegen des Hundertmarkscheins getan?«

Der Staatsanwalt schüttelte energisch den Kopf.

»Ja . . . ja, aber wieso.«

»Schwer zu sagen.« Er zog die Uhr, wollte sich verabschieden.

»Kann man ihn dann überhaupt nicht zum Tode verurteilen?«

»Kann ich dir nicht sagen, weil ich es selbst nicht weiß.«

»Das ist ja, das ist mir ja ganz neu . . . Und für morgen? Für diesen

Schreinermeister hast du also alles beisammen?«

»Hab ich. Bis auf die neue Zeugin . . . Ich muß schnell heim. Hab

Hunger. Guten Appetit.«

Die Menge flutete ausweichend um die beiden herum, machte den gekalkten

Seitengang schwarz.

Der Verteidiger hatte keinen Appetit.

Er war in der Zelle beim Dichter, dessen Suppe aus verkochtem Brot, mit

einer matten Haut überzogen, kalt geworden auf dem Klapptisch stand.

Der Dichter dachte darüber nach, weshalb er nicht das leiseste

Verhältnis mehr zu seiner Mutter empfand. Auch sich selbst war er so

gleichgültig geworden, daß er nur noch ein gedankliches Interesse daran

hatte, sich diesen Zustand unkörperlicher Ruhe zu erklären. Es war ihm,

als trenne ihn ein ungeheurer Luftzwischenraum von seinen bisherigen

Gefühlen und der Mutter. Er lehnte reglos an der Fensterwand.

Der Verteidiger hatte die ganze Zelle für sich, lief schnell auf und ab.

»Mein Rat ist . . . reden Sie nicht mehr von diesen Dingen da, von

Kindern und so weiter. Das ärgert uns alle nur. Wahrhaftig, mich auch.

Sie sagen: irgendwo auf der Welt liegt eine verweste Leiche in einem

Hohlweg und Ameisen . . . Nun, und wenn schon?« Er blieb stehen. »Nützt

Ihnen das was? Nein . . . Weil kein Mensch mit einer lachenden Leiche

was anfangen kann.« Und lief weiter.

Der Dichter redete nichts, hob ein Notizzettelchen auf, das dem

Verteidiger aus der Tasche gefallen war, und reichte es ihm.

»Danke.« Er stopfte es in die Tasche zu den andern, holte noch einmal

eine Faust voll Notizen hervor und stieß sie nervös wieder in die

Tasche. ». . . Europäisches Geschwür! Wahnsinn! und was noch alles!

Kranke, tückische Europäer, die sich zerfleischen . . . Nun und die

Chinesen?«

Den Kopf schulterwärts geneigt, lauschte er bei der Tür, trat zum

Dichter. »Wenn Sie eingestehen, daß Sie Ihrer Armut . . . dieses dummen

Hundertmarkscheins wegen den Lehrer getötet haben . . . vielleicht,

vielleicht kann Sie das retten, ich meine, vor dem Äußersten . . .

Armut, Not, Elend und so weiter, arbeitslos. Lassen Sie mich nur

machen!«

»Wegen des Hundertmarkscheins habe ich es aber nicht getan. Das weiß

jetzt sogar der Staatsanwalt.« Er ärgerte sich, weil er geredet hatte.

Der Verteidiger lauschte. »Also, denen im Gerichtssaal können Sie das ja

weiszumachen versuchen, ist Ihr gutes Recht, obschon es nicht klug war

. . . aber mir gegenüber ist das glatter Unsinn. Sie sagten sich -- Geld

ist Geld. Ich brauche welches . . . Glauben Sie denn, ich könnte das

nicht verstehen?«

Schritte näherten sich. Der Verteidiger steckte schnell die Daumen in

die Westentaschen und ging auf und ab, mit gleichgültigem Gesicht.

Der Schließer trat ein, nahm die Hand zur Mütze und meldete, daß er den

Dichter in den Verhandlungssaal zurückbringen müsse.

»Ich weiß doch, was ich weiß«, sagte der Verteidiger noch.

* * * * *

Der Dichter stand wieder an seinem alten Platze vor der Anklagebank und

hatte den Eindruck, außer ihm sei kein Mensch fortgewesen.

Frisches Interesse kam in die Augen der Geschworenen und Zuschauer,

nachdem der Vorsitzende den Gerichtspsychiater gebeten hatte, seine

Meinung zu äußern.

»Wesentliches«, begann er, in bescheidener, korrekter Haltung, »habe ich

meinem schriftlichen Gutachten nicht hinzuzufügen.«

Nur der Einäugige bemerkte, daß bei diesen Worten die Angstspannung das

Gesicht des Staatsanwaltes verließ.

»Daß der Angeklagte versuchen werde, den Prozeß auf . . . auf

phantastisch-intellektuelles Gebiet hinüberzuleiten, war vorauszusehen,

insofern das, wie ich bei mehrfacher Untersuchung und während längerer

Beobachtung erkennen konnte, seinen psychischen Anlagen und vor allem

dem Drange entspricht, durch kümmerlich motivierte Behauptungen vom

Kernpunkte der Tat abzulenken . . . So versicherte er mir zum Beispiel,

daß neunundneunzig Prozent aller Menschen irrsinnig und nur die

sogenannten weltfremden oder verrückten normal seien . . . Die moderne

psychiatrische Wissenschaft steckt jedoch beileibe nicht mehr derart in

den Kinderschuhen, daß es dem zu Beobachtenden durch x-beliebige wirre

Aussprüche gelingen könnte, den untersuchenden Arzt zu täuschen. Es gibt

im Gegenteil heute schon nahezu mathematisch genaue Stützpunkte, von

denen aus der Arzt mit relativ großer Sicherheit das wahre Seelenbild

des Kranken nachzuzeichnen vermag.«

Der stumme Kampf zwischen dem Vorsitzenden, der den Doktor die momentane

Entwicklungsstufe der modernen psychiatrischen Wissenschaft nicht

darstellen lassen wollte, und dem Staatsanwalt, der durch Unterbrechung

etwas zu verlieren fürchtete, wurde von dem darauf aufmerksam gewordenen

Psychiater bereitwillig beendet.

»Der Großvater des Angeklagten war ein Müllerbursche, der eine

sonderbare Leidenschaft für Musik hatte, nämlich viele Jahre lang

regelmäßig seinen Wochenlohn mit Zigeunern verjubelte, die ihm

aufspielen mußten. Er wurde deshalb der wilde Beethoven genannt. Soll

ihm auch zum Verwechseln ähnlich gesehen haben. Er, sowie auch des

Angeklagten Schwester, haben Selbstmord begangen, aus Motiven, die nicht

klar festgestellt werden konnten . . . Wenn auch des Angeklagten Eltern

soweit gesund sind, muß somit doch angenommen werden, daß er etwas

erblich belastet ist.«

»Während der Herr Psychiater sein Gutachten abgibt, darf er, wenn irgend

möglich, nicht unterbrochen werden«, sagte der Vorsitzende ruhig zum

Staatsanwalt, der sprechbereit aufgestanden war.

»Jahrelange Unterernährung und seine lebenslangen Anstrengungen, sich

bei nur Volksschulbildung geistigen Besitz zu erwerben, haben des

Angeklagten Nervenkraft ruiniert und damitdie so nötigen

staatsbürgerlichen moralischen und sittlichen Hemmungen beseitigt.«

Der Dichter sah den Psychiater groß und still an, als der fortfuhr: »So

daß gewisse Anzeichen einer geistigen Erkrankung -- der dementia praecox

-- ins Bild passen.«

»Was ist das?« fragte der Zigarettenhändler den neben ihm sitzenden

Geschworenen.

Der wußte es auch nicht.

Der Psychiater kam ihnen zu Hilfe: »Es handelt sich um eine beginnende

leichte Verblödung . . . Das Ganze spricht aber höchstens für eine

moralische Minderwertigkeit, die Verantwortung nicht ausschließt.«

Der Staatsanwalt rückte seine Mappe gerade, sah auf. »Nach Ihrer

Anschauung ist der Angeklagte also voll und ganz für seine Tat

verantwortlich zu machen.«

Und der Dichter sagte, plötzlich gereizt: »Nach meiner Anschauung ist

Ihre moderne Psychiatrie eine seelische Hochstapelei, die mit exakter

Wissenschaft ganz und gar nichts gemein hat.«

Der Vorsitzende wies ihn streng zurecht.

Und der Arzt antwortete dem Staatsanwalt: »Da es sich beim Angeklagten

um einen ausgesprochenen Grenzfall handelt, kann ich mich nicht

entscheiden, ob infolge seiner vererbten und erworbenen Anlagen

mildernde Umstände in Frage kommen dürften. Doch würde ich, gesetzt, ich

müßte mich entscheiden, eher Nein sagen als Ja.« Er verbeugte sich.

Und der Verteidiger rief in das durch Stellungwechseln der Zuschauer

verursachte Geräusch hinein mit verzweifelt dünner Stimme: »Zuerst sagen

Sie, Sie können sich nicht entscheiden, und dann entscheiden Sie sich

doch! Das kann jeder! Ich auch.«

Worauf der Psychiater ein Gesicht machte wie ein Mensch, der ans

Verfolgtwerden gewöhnt ist.

* * * * *

Kurz und scharf ließ der Staatsanwalt in seiner Schlußrede den Gang der

Verhandlung noch einmal aufhellen, streifte öfters mit einem Blick seine

Frau, die ein helles Frühlingskleid von unbestimmter Farbe trug, eine

große, weinrote Schleife seitwärts am Halse, und die Atmosphäre von

Jugend und Gepflegtsein um sich verbreitete.

Beim Erwähnen der Not und der ständigen Geldlosigkeit wurde seine Stimme

milder, wieder laut und bestimmt bei der Arbeitsscheu und den

Beziehungen zum Straßenmädchen, und als er das Auffinden des erwürgten

Lehrers vor der durchwühlten Schreibtischlade und des geraubten Geldes

beim Dichter in einem gut gebauten, effektvoll gesteigerten Satz

zusammengefaßt hatte, wirkte die ruhige Selbstverständlichkeit seines

Tonfalls sehr überzeugend bei der Schlußbitte, die Schuldfrage nach

vorsätzlichem, überlegtem Raubmord zu bejahen.

Während der Worte des Staatsanwalts, der Dichter habe moralisch zwei

Menschenleben auf dem Gewissen -- denn die treue Haushälterin des

Lehrers sei vor Schreck erkrankt und gestorben --, hatte der

Offizialverteidiger das Monokel abgenommen.

An diesem Ausspruch klammerte er sich an bei seinem

Verteidigungsversuch, behauptete, man könne nicht ohne weiteres

annehmen, daß dem Dichter auch noch die Schuld am Tode der Haushälterin

beizumessen sei, wurde sehr erregt und fand das Monokel nicht. Nervös

setzte er seinen Zwicker auf und durchblätterte eine Zeitung:

»Ich muß erklären, daß er gearbeitet hat. In der heutigen Nummer ist

sogar etwas von ihm abgedruckt. Ist denn Dichten keine Arbeit? . . .

Hier!«

In seiner Ratlosigkeit las er vor:

»Wenn ich gestorben bin,

Wird mein Kind an einem sonnigen

Gartenzaun entlang streifen, sich niedersetzen,

Gefühlvoll und klug

Die Welt betrachten:

Die Ritzen zwischen den Steinen,

Käfer, die auf den Dolden sitzen.

Große Last wartet auf dich,

Mein Kind,

Und Weinen.

Du mußt es tragen

Wie alle.

Möge die gute Besitzerin des Gartens

Meinem Kind

Durch die Stäbe

Eine Hand voll Pflaumen reichen!«

Noch eine Weile blieb es still im Saal. Der Verteidiger sah erstaunt

auf, öffnete den Mund, schloß ihn wieder. »Aber ist denn das nicht

schön?«

Der Staatsanwalt ging bei seiner Entgegnung auf ihn nicht ein, hob noch

einmal hervor, daß der Dichter der unliebsamen Zeugen wegen nach Berlin

zurückgefahren sei, gleich in der folgenden Nacht wieder in die

Heimatstadt. »Ungesehen schlich er diesmal durch die noch dunklen Gassen

zum Lehrerhaus . . . Bei der ausgezeichneten Intelligenz des

Angeklagten, der sogar durch seine phantastisch-theoretischen

Abschweifungen einen dünnen Faden Logik ziehen konnte, kann dieses

Vorgehen nur als planvolle Überlegung gedeutet werden. Darüber, daß der

Angeklagte seinen Lehrer, dessen ganzes Leben wirklich nichts als Mühe

und Arbeit war, deshalb ermordete, weil dieser ihm vor zweiundzwanzig

Jahren ein Glas Milch verweigert hat, will ich wirklich nicht sprechen.«

Er sah mit einem ruhigen Blick an der nickenden Geschworenenreihe

entlang und schloß:

»Mit ausschlaggebend für Ihren gerechten Wahrspruch muß das scharf

hervortretende Motiv sein, daß der Angeklagte seinen alten Lehrer, der

ihn fürs Leben vorbereitete, wegen einer Geldsumme, wegen eines

Hundertmarkscheines ermordet hat.«

Er glaubt es nicht und sagt es doch, dachte der Dichter.

»Ich sage es aus meiner tiefsten Überzeugung heraus . . . er hat es

nicht wegen dieses dummen Hundertmarkscheins getan!« rief der

Verteidiger heftig.

>Und der glaubt das nicht und sagt es doch.<

Der Vorsitzende wippte sich nach vorn, schlug die Aktenmappe zu, sah den

Dichter an. »Wollen Sie noch etwas sagen . . .? Wenn Sie noch etwas

sagen wollen . . .«

An Stelle des Dichters schien ein fremder Mann zu sprechen. Sein Gesicht

war alt und klar. »Wenn ich noch von mir und im Sinne des Staatsanwaltes

sprechen wollte, würde ich sagen: er schiebt mir ein falsches Motiv

unter. Ich weiß aber, daß es ein Motiv in diesem Sinne gar nicht gibt.

Denn für den Menschen besteht ein Motiv nicht so wie für den Hund, der

eine Wurst stiehlt, weil er Hunger hat; sondern für ihn ist das Motiv --

der Impuls -- ein Glied der eisernen Ursachenkette seines ganzen Lebens

. . . Deshalb ist nur allein derjenige gerecht, der nicht nach den an

der Oberfläche liegenden Motiven urteilt, sondern die Ursachen zu den

Motiven sucht und dann verurteilt . . . wenn er es dann noch kann.«

Der Vorsitzende sagte gütig: »Sehen Sie, es liegt nicht in Ihrem

Interesse, jetzt noch so ins Allgemeine abzuschweifen . . . Sie sollten

nur an sich denken.«

»Für mich habe ich kein Interesse mehr«, sagte der Dichter, mit aus

weiter Ferne kommender, vom Wind gereinigter Stimme. »Für mich halte ich

meine Verteidigungsrede nicht.«

Die Sätze folgten einander pausenlos und immer schneller.

»Wie denn! Andere zu verteidigen, haben Sie keinen Grund.«

»Dieser Meinung bin ich nicht.«

»Das bleibt Ihnen überlassen. Aber Abschweifungen möchte ich Ihnen nicht

erlauben.«

»Was Sie so nennen, ist kein Abschweifen. Ich habe noch etwas zu sagen.«

»Nun?«

»Ich sage, daß allen Menschen die Ursachen des Verbrechens ins Gehirn

geschleudert werden, in einem Alter, in dem sie sich noch nicht dagegen

wehren können, solange sie Kinder und einer eigenen gedanklichen Kritik

noch nicht fähig sind . . . So werden die Menschen schuldig, ohne

schuldig zu sein.«

»Alle Menschen sind sich doch aber darüber einig, daß die Kindheit die

schönste Zeit ihres Lebens war«, sagte der vollblütige Geschworene.

Der Vorsitzende: »Ich kann Sie wirklich nicht mehr in dieser Weise

weitersprechen lassen.«

Und leidenschaftlich der Dichter: »Wo soll ich denn die mit meinem Leben

erkaufte Einsicht noch äußern, wenn nicht hier in diesem Saale?« Seine

Ruhe war Erregung gewichen.

Ein von Mann zu Mann weitergegebener Blick halben Zugestehens ließ den

Vorsitzenden sich noch einmal zurücklehnen.

Und während hinten die Zeitungsberichterstatter stenographierten für die

wartenden Schnellpressen, sprach der Dichter:

»Die Erlebnisse -- die ersten Ursachen zu späteren Verbrechen --

erscheinen nur den Erwachsenen klein. Das Kind empfindet sie riesenhaft

groß, wird furchtbar getroffen und erschüttert. Denn sein ihm

angeborener, unbedingter Glaube an das Leben . . ., seine Naivität

bekommt die erste Wunde. Das macht das Kind unsicher und empfänglich für

neue Verbrechensursachen, an denen es, noch unverwundet, vielleicht

vorbeigegangen wäre . . . Ich habe das an mir erfahren.«

Immer noch freundlich, bemerkte der Vorsitzende, hier sei doch nicht von

Kindern die Rede.

»Natürlich von Kindern!«

»Aber nein doch! Von Ihnen.«

Die Ursache: Erzählung · 第 13 / 25 题