»O weh, Offizialverteidiger?«
»Und was für welcher . . . Der arme Kerl.«
»Wer?«
»Wenn Sie wollen . . . alle beide. Der kleine Schallmann und sein Klient
auch, schließlich . . .«
»Ja, es ist ein Elend.«
Beide zuckten bedauernd die Schultern. Sie reichten sich die Hand.
5
Schon vor zwei Stunden hatte Doktor Wiener vom Zeugenzimmer aus
beobachtet, wie der gefesselte Dichter aus dem Untersuchungsgefängnis
über den Hof geführt worden war zur Verhandlung.
Ein Gang trennte Schwurgerichtssaal und das mit einer gepolsterten Tür
versehene Zeugenzimmer. Kein Laut klang herüber.
»Da steht man auf einmal mitten im Brennpunkt einer Tragödie.«
Die dicke Wirtin sah ihren Zimmerherrn verständnislos an, machte aber
eine zustimmende Handbewegung.
Und während drüben weiter verhandelt wurde, fuhr der Doktor fort:
»Schlingt das Leben knapp neben mir . . . in dunkler Nacht einen Knoten,
und der soll nun mit unserer Hilfe entwirrt, ich möchte sagen,
durchhauen werden.« Dabei spähte er unauffällig in die Ecke zum
eleganten, schwarzen Seidenkleid, von dem sich das bleiche Gesicht des
Straßenmädchens vorteilhaft abhob.
Die Wirtin machte ihre zustimmende Handbewegung. Das Mädchen rührte sich
nicht. Ihre gleichmäßig atmende Brust ließ den Reiher auf ihrem Hute
erzittern.
In geteiltem Interesse blickte der Doktor auch manchmal vom Mädchen weg,
aus dem Fenster, zum Gesicht eines Untersuchungsgefangenen hinüber, das
von den Gitterstäben durchkreuzt blieb, und immer wieder las er in der
Zeitung nach, daß die Verhandlung des wegen Raubmordes angeklagten
Dichters heute beginne und Doktor Wiener als Zeuge geladen sei. Sein
Herz klopfte so unruhig, daß er sich endlich doch, Blick zur Decke
gerichtet, den Puls fühlte. Vergebens versuchte er, sich seines
Gespräches mit dem Dichter zu entsinnen, und sagte lächelnd: »Wie meinte
er denn das vom Planeten«, sah das Straßenmädchen an, zuckte die
Schultern: »Planet?«
Die Wirtin beugte sich vor, die Hand überzeugend zum Doktor gestreckt,
sah ihn eine Weile schweigend an und flüsterte: »Mir war er immer
unheimlich«, worauf die Hand sofort wieder mit der anderen gefaltet über
dem Leibe lag.
Die beiden Schüler standen beim Ofen; der kleine machte ein Gesicht, als
sähe er sich von tausend Hämmern bedroht.
Dasselbe Gefühl hatte der Dichter im großen Schwurgerichtssaal. Die
Blicke aller Zuschauer und der Geschworenen waren auf ihn gerichtet; er
war die Antwort schuldig geblieben.
Auch der Offizialverteidiger sah zu ihm auf, wollte ihm helfen und
schloß den Mund wieder. Der Gerichtsstenograph spitzte einen Bleistift
lang an und legte ihn zu den fünf andern.
»Sie wollen uns also nicht sagen, weshalb Sie es getan haben?«
»Doch, alles! Es ist nur sehr schwer.« Er wandte sich um zum überfüllten
Zuschauerraum, wieder den Richtern zu. Da verließ alle Kraft sein
Gesicht: die Augen sahen die Mordszene. »Wenn das meine Hände nicht
getan hätten!« Seine Lippen waren weiß geworden. Den Oberkörper
zurückgebogen, blickte er auf seine Hände hinunter.
Er macht Theater, dachte der Staatsanwalt.
Winzig und verloren stand der Dichter, erdrückt von der machtvollen
Feierlichkeit.
Ganz unvermittelt veränderte sich seine Erscheinung vollkommen: er sah
aus, als stehe er allein in seiner Kammer, grübelnd über eine Idee. Sein
Gesicht belebte sich. »Ich leide unter diesem entsetzlichen . . .
Unglücksfall ungefähr so, wie ich als Kind gelitten habe unter den
qualvollen Sonntagsspaziergängen mit der Familie.«
»Wie denn! Einen Spaziergang kann man doch kaum mit einem Mord
vergleichen.« Der Vorsitzende blickte erstaunt von einem Beisitzer zum
andern.
Der Dichter erwiderte, mit einem eigensinnigen, verbohrten
Gesichtsausdruck: »Man muß das miteinander vergleichen. Nicht nur diese
Spaziergänge . . . mein ganzes Leben. Es gipfelt ja in diesem
Unglücksfall.«
Der Vorsitzende lehnte sich zurück. »Einen Unglücksfall nennen Sie Ihre
Tat?«
»Man könnte ihn mit dem Bergrutsch vergleichen, den ich zufällig einmal
mit angesehen habe.« Der Dichter sprach langsam und schien die Worte
erst vom Boden abzulesen. »Das Erdinnere hat eine notwendige Bewegung
gemacht . . . Bewegung gemacht, wie aus Schlaf erwachend, und vom
niederstürzenden Geröll sind einige Menschen erschlagen worden . . . Bei
mir verursachte die Summe aller qualvollen Erlebnisse, von denen das
eine zweiundzwanzig Jahre lang in mir geschlafen hat, einen plötzlichen,
unabwendbaren Haßausbruch . . . und dabei ist der Lehrer umgekommen. Wie
bei einem Erdbeben, das die Stadt einreißt und die Bewohner begräbt.«
»Der Lehrer ist also nur verunglückt, nach Ihrer Ansicht? . . . mit der
wir hier nichts anzufangen wissen . . .«
»Ja. Meine Hände wurden nur als Mordwerkzeuge gebraucht.«
». . . nichts anzufangen wissen; denn erstens sind Sie keine Erdkugel,
Ihr Mord kein Beben . . . und zweitens überhaupt.«
»Für mich deckt sich das vollkommen.« Er sah den Vorsitzenden klar an
und sagte laut: »Deshalb geht mich mein Mord, den ich vor mir selbst nie
verantworten kann . . ., diesem Gericht gegenüber nicht mehr an als euch
und jeden anderen Menschen.«
Der verblüffte Vorsitzende geriet in Unruhe, die sich auf die
Geschworenen fortpflanzte und einer vagen Unsicherheit wich,
hervorgerufen durch schnell und bestimmt gegebene Antworten des
Dichters, der von seiner Ansicht nicht abzubringen war.
Der Staatsanwalt hatte scharf hingehorcht und nahm sich vor, diese
Wendung des Angeklagten nicht aufkommen zu lassen. Er hatte eine hohe,
reine Stirn und kluge Augen.
»Auf diese Weise können viele, scheinbar unbegreifliche, Verbrechen
verstanden werden«, bemerkte der Dichter in sachlichem Tonfall.
Der Vorsitzende raffte sich auf und erinnerte, unter Assistenz des
Staatsanwaltes, den Dichter daran, daß seine Mittellosigkeit dem Gericht
bekannt sei und er wegen eines offenbaren Raubmordes hier stehe. »Ihre
phantastischen Abschweifungen werden Ihnen also nichts nützen. Sie sind
arm, der Lehrer ist tot . . . und das geraubte Geld fand man bei Ihnen
. . . Stimmt das?«
Herzbeklemmung zwang den Dichter, die Augen zu schließen.
Da schienen ihm Richter und Geschworene eine lange Reihe steil auf den
Schwänzen sitzender Riesenraben zu sein. >Ich stehe der starr gefügten
Macht des Gesetzes klein und rettungslos gegenüber,< Und während er
automatisch »Ja« und »Nein« und auch einige Male »Ich weiß nicht«
antwortete, dachte er: denen kann ich niemals erklären, wie es kam; denn
sie erdrücken mich mit ihrer Logik, die nur an der Oberfläche des
Geschehens ihre Schlüsse findet . . . und dadurch recht behält.
»Sie geben also zu, daß Sie den Lehrer getötet haben, um Ihre Lage zu
verbessern.«
»Nein, das gebe ich nicht zu.«
»Aber ja doch! Sie haben doch eben Ja gesagt.«
»Ich habe Ja gesagt? Ich dachte an etwas ganz anderes.«
»Sie müssen aber auf meine Fragen achten«, sagte der Vorsitzende ruhig.
Gleichzeitig mit ihm hatte der Staatsanwalt etwas gerufen; und aus der
Rekonstruktion der vorhergegangenen Fragen und Antworten mußte der
Dichter erkennen, daß er tatsächlich Ja gesagt hatte.
»Gewiß hat er nicht Ja gesagt!« rief der Verteidiger plötzlich. Und
wurde zornig, weil alle ihm ansahen, daß er log.
»Ich möchte festgestellt haben, daß er nicht Ja gesagt hat.«
»Haben Sie Ja gesagt?«
»Ja«, antwortete der Dichter gereizt dem Vorsitzenden.
Der Staatsanwalt fragte: »Was verhinderte Sie, während der ersten
Anwesenheit in der Heimatstadt Ihr Vorhaben auszuführen?«
>Alles hoffnungslos. Sie gehen gar nicht auf mich ein.< Langsam sagte
er: »Es ist nicht Gleichgültigkeit, daß ich Ihnen darauf nicht
antworte.« Und empfand den Wunsch, überhaupt nicht mehr zu reden. Oder
etwas herauszubrüllen.
Da sah er zum ersten Male das klare Auge eines Geschworenen, das
interessiert und klug auf ihn gerichtet blieb. Die andere Augenhöhle war
leer. Des Dichters Beklemmung wich sofort. Das ist das wahrhaftige Auge,
dachte er. Die Hoffnung auf Rettung zog mächtig in ihn ein.
Er wandte sich an den Einäugigen, in dessen schmales Gelehrtengesicht
der Geist viele Falten gezeichnet hatte, sprach heiß und dringend:
»Verstehen Sie mich -- erst nachdem ich schon da war, bei meiner Mutter
im Zimmer war, erinnerte ich mich an das Schulerlebnis. Ganz plötzlich.
Es hat also volle zweiundzwanzig Jahre lang . . . heimlich in mir
gesteckt und mich, wie ich jetzt ganz bestimmt weiß, aus seinem dunklen
Versteck heraus gezwungen, in die Heimatstadt zu fahren.«
Mit einem einfachen Lächeln: »Daran können Sie ja doch genau erkennen,
daß ich mir nicht sagte: jetzt fahre ich heim, bringe den Lehrer um und
nehme ihm sein Geld . . . Denn, Sie verstehen? in Berlin wußte ich ja
gar nicht, weshalb ich eigentlich zum Bahnhof lief und in den Zug stieg
. . . steigen mußte!«
»Nur zur Aufklärung!« Der Vorsitzende sprach geschäftsmäßig. »Wollen Sie
damit sagen, daß dieses Erlebnis, das, nehmen wir einmal probeweise an,
Sie gezwungen hat, zu reisen, Sie auch veranlaßte, den Lehrer
umzubringen?«
»Nein«, sagte der Dichter fest.