Und der Vorsitzende: »Gut.«

». . . Denn ein demütigendes oder sonst qualvolles Jugenderlebnis kann

nicht mehr so gefährlich sein, nachdem man sich daran erinnert hat.

Zuerst war ich sehr erregt, sehr erregt. Dann wurde ich nur recht

traurig und wollte mich mit dem Lehrer aussöhnen. Er sollte sich ein

bißchen entschuldigen bei mir, und alles wäre gut gewesen.«

»Und brachten Sie ihn um, weil er das nicht tat?«

»Auch deshalb nicht . . . Und auch nicht gerade, weil er den Kleinen in

meiner Gegenwart geprügelt hat.«

»Sondern? . . . Weil Sie sahen, wie die Haushälterin dem Lehrer einen

Hundertmarkschein reichte.«

»Nein, nein, das ist nebensächlich . . .«

Wie ein Mensch, der im Alptraum verfolgt wird, sich aber nicht vom

Platze bewegen kann, empfand der Dichter der Fesseln wegen drückende

Hilflosigkeit, wollte fortwährend die Hände gebrauchen, die von den

Ketten wieder zusammengerissen wurden. Aus Angst, sich nicht klar genug

auszudrücken, wurde er sehr erregt.

»Jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir ein wenig folgen würden.« Er

wandte sich an den Einäugigen: »Schon ein einziges vergessenes

Jugenderlebnis hat also die Macht, mich eines Morgens von Berlin in die

Heimatstadt zu schicken. Ich muß gehorchen. Weiß absolut nicht, weshalb.

Hab vierzehn Jahre lang, bis zu diesem Morgen, gar nicht daran gedacht,

zu reisen. Hatte keine Lust. Kostet Geld . . . Wenn nun schon das Eine

so eigenmächtig mit mir umspringen kann, dann muß ich mir sagen -- und

das ist der glühende, tragische Punkt --, daß die ohne Zweifel zahllosen

schändlichen Kindheitserlebnisse zusammen, die vergessen und verdeckt in

einem Menschen sitzen, ihn gegebenenfalls zu ihrem Werkzeug für jede

Tat, welche es auch sei, machen können.«

Da legte der Dichter die Hände auf die Brust. »Ich saß beim Lehrer, der

mich jahrelang gequält hatte und jetzt vor meinen Augen den Kleinen

schändete, da wirkten plötzlich alle diese vergessenen Erlebnisse

eigenmächtig zusammen und erwürgten ihn.«

Er ließ die Hände sinken, sagte noch: »Plötzlich begeht man das

Schrecklichste; denn der eigene Wille ist fortgezogen.«

»Gut,« begann der Vorsitzende, »daß ein Mensch, wenn er zerstreut ist,

manchmal etwas tut, irgendeine Dummheit begeht, ohne zu wissen, wie und

was, ist uns bekannt . . .«

»Aber«, unterbrach ihn ein großer, vollblütiger Geschworener gereizt,

»daß er in der Zerstreuung einen Menschen umbringt, na, das ist ja

. . . das ist Unsinn.«

». . . aber, daß Sie wegen dieses, weiß Gott vor wieviel Jahren

vergessenen Schulausfluges in die Heimatstadt gereist sind . . . wo

steht das geschrieben? Und wo steht geschrieben, daß Sie sozusagen

. . . mit Hilfe! noch anderer Erlebnisse gar jemand ermordet haben? Das

glaubt Ihnen kein Mensch auf dieser Welt, auch wenn Sie nicht das Geld

geraubt hätten . . . Ebensowenig, wie man glauben wird, daß Sie mit

Hilfe anderer, ausgezeichneter, herrlicher Erlebnisse den Ermordeten

wieder lebendig machen können.«

Der Vorsitzende stützte beide Hände auf das Pult, die Ellbogen seitwärts

gespreizt. »Jetzt äußern Sie sich einmal, wollen Sie sich denn mit

diesen . . . diesen Geschichten verteidigen? Oder was wollen Sie?

. . . Verteidigen?«

Verlegen scharrte der Dichter mit dem Fuße, sah in die Ecke, die

Geschworenen an. »Ja, ich . . . versuche, Ihnen das Ereignis zu

erklären.«

Unvermittelt kam wieder Entschlossenheit in sein Gesicht. »Glauben Sie

mir,« sagte er zum Einäugigen, »wirklich, es kann vorkommen, daß ein

dreißigjähriger Mann in seinem Zimmer sitzt, ganz ruhig bei der Arbeit,

da hört er im Nebenzimmer einen Mann schimpfen und die geschlagene Frau

ängstlich kreischen. Plötzlich packt ihn eine rätselhafte,

besinnungslose Wut: er hat den unbegreiflichen Drang, hinüberzustürzen

und den Mann zu erwürgen. Hinterher kann er seinen Richtern nur sagen,

daß der Zank -- das Weinen der Frau im Nebenzimmer -- ihm diese Wut

verursacht hat, und weiß nicht, daß er sich wegen eines ähnlichen

Zankes, der aus dem Schlafzimmer seiner Eltern kam, vor fünfundzwanzig

Jahren im Kinderbettchen voller Grauen aufrichtete, in Haß gegen seinen

Vater, der die geliebte Mutter schlug. Seine Richter glauben ihm dann

nicht, weil er, wenn er zur Besinnung kommt, vielleicht einen Mantel

mitnimmt, einen Apfel einsteckt oder einen Hundertmarkschein, um fliehen

zu können . . . Bei mir liegt die Sache ganz ähnlich. Sie verstehen mich

doch?«

Der Einäugige notierte sich etwas und sah ruhig wieder den Dichter an,

der das für eine bejahende Antwort nahm und freudig und hingerissen dem

Vorsitzenden zurief: »Ich will mich damit ja nicht entschuldigen! Ich

bin so furchtbar schuldig geworden! Aber doch nicht wegen des Geldes,

nicht wegen . . . dieses Geldes! Glauben Sie das nicht! Mein Mord wurde

von solchen Erlebnissen verursacht . . . Einmal ließ mich der Vater --

weil ich meine Schiefertafel zerbrochen hatte und er, der Arbeiter, der

abgerackerte Arbeiter, verstehen Sie doch! eine neue kaufen sollte --

das eichene Lineal holen; ich mußte die Hose ausziehen. Dann schnallte

er mich auf den Stuhl fest und . . . vor der ganzen Familie. Das tat er

. . . Am andern Tag stürzte ich heulend zu Boden, nur weil ein Kamerad

von mir ganz zufällig das Wort >Lineal< gebrauchte. Ich heulte wie

tobsüchtig, rannte aus der Stadt hinaus, stundenlang auf den Feldern

umher, und zündete vor Qual und Hoffnungslosigkeit eine Scheune an. Sie

brannte ab . . . Viele Jahre wußte ich nicht, weshalb ich die Scheune

angezündet habe . . . Wenn man gerecht ist, ganz gerecht, muß man sagen,

daß nicht ich . . . sondern mein Vater der Brandstifter war.«

»Man könnte ja auch sagen, der Urgroßvater, der schon längst verwest

ist!« Das Gesicht des vollblütigen Geschworenen blähte sich auf, daß die

Augen verschwanden.

Sofort wandte der Dichter sich wieder an den Einäugigen, sah ihn

eindringlich an. »Weil mir das alles so klar geworden war, fuhr ich dann

noch einmal in meine Heimatstadt, in der Hoffnung, mich an vieles zu

erinnern -- an die furchtbaren Demütigungen, die mich ruiniert haben.

Ich hoffte, ihnen mit meinen Erfahrungen, mit dem Verstand meiner

dreißig Jahre, ihre böse Macht über mich endlich nehmen zu können

. . . Alle Menschen sollten wieder einmal in ihre Heimatstadt

zurückkehren. Das habe ich sogar geträumt.« Er bewegte die Hände in

großem Bogen von links nach rechts: »Einen ganzen Zug Menschen!«

»Nun, und sind Ihnen solche Erlebnisse eingefallen?« fragte der

Vorsitzende.

»Mir? Nein . . . nein, es sind mir keine eingefallen.«

»Wie denn! . . . Dann sollten Sie uns doch aber das alles nicht

erzählen. Weshalb nur?«

Der Dichter schickte einen hilfesuchenden Blick zum Einäugigen hin, zum

Vorsitzenden. »Weil das so wichtig ist. So wichtig!«

»Aber nein doch! Es sind Ihnen ja keine eingefallen.«

Des Dichters Mund blieb offen stehen.

»Nun?«

»Die ganze Stadt ist mir eingefallen . . . Und da ist auch ein

unheimlicher Hohlweg, ein Mensch verschwindet . . . In dem Hohlweg muß

mir etwas Furchtbares geschehen sein. Aber ich weiß nicht, was. Weiß

nicht, was. Glauben Sie mir doch. Um Gottes willen!«

Fieberhaft suchte er nach noch einem Beispiel, während der Vorsitzende

sich nicht um ihn kümmern konnte, weil er die Vernehmung der Zeugen

vorbereitete.

Da sah er das Auge des Geschworenen verlangend auf sich gerichtet,

machte verzweifelt einen Schritt zu ihm hin: »Es kann doch auch

vorkommen, daß ein Mann immer wieder träumt: er ist ein Kind und muß

sich verkriechen in die Zimmerecke, aus Angst vor seinem Vater, der ihn

gräßlich und verächtlich ansieht. Und es hilft ihm nichts, daß er seinem

Vater zuruft: ich habe doch seither die große Brücke aus

Eisenkonstruktion gebaut . . . Solange er lebt, fürchtet sich der

berühmte Brückenbauer im Traume vor seinem Vater . . . Mich hat der

Vater einmal die ganze Nacht auf den langen, dunklen Gang hinausgesperrt

. . . Ich kam zu spät nach Hause, weil ich zugesehen hatte, wie ein

Ertrunkener aus dem Wasser gezogen wurde. Das war eine arge, lange

Nacht. Seitdem fürchte ich mich im Dunkeln wie ein Kind . . . Erst

vorgestern, am Dienstag, träumte ich wieder: in unbeschreiblicher Angst

stehe ich auf dem dunklen Gang -- der Ertrunkene kommt die Treppe herauf

und langsam auf mich zu, entsetzlich lautlos . . . Ich kann nicht in die

Wohnung flüchten. Selbst jetzt träume ich das, in einer Zeit, da ich

mich in so großer Not befinde. Man sieht daran, daß ein solch gräßliches

Kindheitserlebnis stärker ist als alles.«

»Sonnig scheint Ihre Kindheit ja nicht gewesen zu sein, aber mit Ihren

Träumen können wir uns wirklich nicht abgeben,« sagte der mit den

Zeugenakten beschäftigte Vorsitzende, »die sind nun einmal Schäume.«

Der Angeklagte versuchte immer wieder, den eindeutigen Tatbestand mit

vagen Geschichten zu verschleiern, notierte sich der Staatsanwalt für

seine Schlußrede.

»Es sind ihm ja nun doch welche eingefallen«, sagte der Verteidiger.

»Ich mache Sie darauf aufmerksam . . . Auf den Ertrunkenen.«

Und der Dichter blickte in plötzlicher Hoffnungslosigkeit so verloren im

Saale herum, daß er von der Vereidigung der ersten Zeugin nichts

bemerkte.

»Sie stehen unter Kontrolle?«

Im Zuschauerraum wurde es ganz still.

Das Straßenmädchen senkte den Kopf.

Da senkte auch der Dichter den Blick.

Sie wurde nicht vereidigt.

Am weitesten vom Dichter entfernt stand der Kleine; seine Stirn war

wieder schneeweiß geworden. Die Zuschauer begannen sich zurechtzusetzen.

Der Offizialverteidiger handhabte, nachdem er eine Weile streng zum

immer noch notierenden Staatsanwalt hingesehen hatte, ebenfalls seinen

Bleistift. Er trug ein Monokel. Auch die Geschworenen bewegten die

Oberkörper, bis sie richtig saßen. Es war sehr warm im Saal.

»Bei Ihnen wohnte der Angeklagte?«

»Mir war er immer unheimlich«, sagte die Wirtin sofort.

»So? . . . Weshalb denn?«

». . . Bezahlt hat er mich auch nicht.«

Der Staatsanwalt schriebs auf und machte den Geschworenen noch einmal

deutlich, daß der Grund der Reise und die Ermordung des Lehrers in des

Dichters ständiger Geldlosigkeit zu finden sei.

Der Vorsitzende fragte die Wirtin, ob der Dichter schon vorher

irgendwelche Äußerungen mit Bezug auf den Mord getan habe, da er ihr

unheimlich erschienen sei. Sie geriet, zur Belustigung der Zuschauer,

ins ungehemmte Erzählen hinein, aufgebracht und endlos, bis der

Vorsitzende »Halt!« rief, weil die Richter das tägliche Leben des

Dichters nunmehr genau kannten.

»Früh, wenn ich aufstand, ging er zu Bett. Zugetraut hab ich ihm alles

. . . Denn man wußte ja nie, was er eigentlich macht«, sagte sie noch

nachträglich, mit einem ärgerlichen Blick auf den Dichter, wobei ihre

Unterlippe befriedigt vorschoß.

»Doch, ich habe gearbeitet«, antwortete der Dichter gereizt.

»Wir hörten aber eben, daß Sie den ganzen Tag geschlafen haben.«

Er schwieg.

Die Ursache: Erzählung · 第 10 / 25 题