»Das habe ich Ihnen schon gesagt.«
»Na?«
»Weil er mich damals nicht mit in die Wirtschaft gehen ließ.«
»Glauben Sie, ich sitze hier, um mich von Ihnen zum Narren machen zu
lassen!« brach die Empörung aus dem Richter hervor. Seine Hand fuhr zum
Herzen. »Acht Jahre waren Sie damals alt! wie? . . . Und als
einunddreißigjähriger Mann gehen Sie hin und ermorden Ihren Lehrer, weil
er Ihnen, als Sie ein Kind waren, eine kleine Strafe auferlegt hat
. . . Unsinn, was?«
»Weil er mir das Mal ins Gehirn gebrannt hat.«
»Was für ein Mal?«
»Das mich ruiniert hat . . . weil ichs seitdem im Gehirn habe . . . Und
solange ich lebe.«
»Die Milch, wie?« sagte der Richter beißend.
Der Wärter konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
»Es war vielleicht nicht nur das allein schuld daran. Vieles Ähnliche
zusammen . . . Ich erwarte ja nicht, daß Sie mich verstehen, und ich
möchte auch nichts mehr sagen.«
»So.« Der Richter brauchte eine Weile, ehe er sich wieder beherrschte.
»Weshalb haben Sie nun eigentlich den Schein genommen . . . nach Ihrer
Meinung?«
». . . Ich glaube, um fliehen zu können . . . Ich hätte ja das Geld gar
nicht genommen, wenn ich nicht diese Erscheinung gehabt hätte . . . Das
Gummiseil.«
»Ein Gummiseil hatten Sie?« fragte der Richter gleichgültig und lauerte.
»Aus einem fremden Land ging ein auseinandergezogenes Seil aus Gummi bis
zu mir . . . Ich knüpfte mich daran, und das Seil schnellte mit mir
übers Meer . . . durch die Luft ins fremde Land.«
Auch der Schreiber riß die Augen auf.
Und der Richter brachte erst nach einer langen Pause hervor: »Teufel
auch! . . . Eine fixe Flucht . . . Und die Ankunft? Haben Sie sich auch
Ihre Ankunft überlegt mit dem Gummiseil, dort in dem Land? Teufel
nochmal!«
»Deshalb nahm ich das Geld.«
»Während Ihrer ersten Anwesenheit in der Heimatstadt standen Sie doch
auch schon vor des Lehrers Haustür; weshalb sind Sie da nicht
hinaufgegangen?«
»Weil ich Angst vor meinem Lehrer hatte.«
»Als Dreißigjähriger! . . . Angst vor Ihrem Lehrer? . . . Na, hören
Sie!« Der Richter zündete sich eine schwarze Zigarre an.
»An dieser Angst ist ja eben auch das Mal schuld . . . An allem.«
»Seien Sie so freundlich! Sehen Sie, ich kann mit Ihrem Mal wirklich
nichts anfangen . . . Und nach Berlin zurückgekehrt, dachten Sie sich
den ganzen Plan aus.«
»Nein, ich wollte mich aussöhnen mit dem Lehrer.«
»So, aussöhnen«, sagte der Richter ruhig. »Und anstatt dessen ermorden
Sie ihn . . . Ihr gesunder Menschenverstand muß Ihnen doch sagen, daß
das Unsinn ist.«
Des Dichters Augen sahen in der Ferne die Kammer.
»Aussöhnen -- und anstatt dessen ermorden? Das müssen Sie mir erklären.«
»Das zu erklären . . . ist kompliziert. Dazu fehlen die
Voraussetzungen.«
»Mir, wie?«
Der Dichter zuckte bedauernd die Schultern und schwieg.
Und der Richter tauchte die Feder wütend ins Tintenfaß. Dabei lächelte
er.
»Zu allem kam auch noch das Entsetzliche mit dem Schulknaben«, begann
der Dichter von selbst. »Ich mußte mit ansehen, wie die gleiche Ursache
meines Elends dem Knaben ins Gehirn geschleudert wurde. Da empfand ich,
daß der Lehrer ein Repräsentant der Seelenzerstörer war . . . und mein
Haß erwürgte ihn.«
»Erwürgte ihn«, schrieb der Richter auf. »Und dann, dann nahmen Sie den
Hundertmarkschein.«
»Dann, ja, dann nahm ich den Schein.«
»Na, sehen Sie.« >Nach der Tat nahm ich den Schein<, schrieb er auf.
»Nicht wahr? . . . Also, um das Geld zu bekommen, geschah die Sache
. . . Reue und Aufrichtigkeit kann Ihnen nur nützen. Was Sie mir sagen,
ist ja auch noch nicht absolut verbindlich für Sie . . . Und dann
wollten Sie natürlich so schnell wie möglich fliehen.«
»Auch wegen meiner Mutter.«
»Aber durch einen hübschen Zufall waren sämtliche fünfzehn Polizisten
auf dem Bahnhof«, sagte der Richter zu sich selbst.
Und der Dichter sagte traumhaft: »Ich wollte gar nicht zum Bahnhof. Auf
den Berg wollte ich steigen und noch einmal auf die Stadt hinuntersehen
. . . Und dann immer weiter wandern.«
Das notierte der Richter und ließ den Dichter abführen. »Aber auch ein
Glück, daß er zum Bahnhof zu diesen fünfzehn Kamelen gelaufen ist«,
sagte er zum Schreiber und begann, das Protokoll für die Reinschrift zu
diktieren, »denn sonst könnten wir diesen kaltblütigen Erzhalunken jetzt
auf der ganzen Welt suchen . . . Solche Gummiseile fehlten uns gerade
noch! Was meinen Sie?«
* * * * *
In der Zelle stand der Dichter reglos an der Mauer. Seine Gedanken und
Gefühle umkreisten die Mutter; seit der Verhaftung litt er nur unter der
Qual seiner Mutter.
Der Wärter horchte neugierig am Beobachtungsfenster der Zellentür, als
der Dichter vor sich hin sagte: »Welch hartes Herz . . . hartes Herz muß
Christus gehabt haben, da er rufen konnte: Was geht mich dieses Weib an,
ich kenne es nicht.«
Vergebens versuchte der Dichter, sich zu dieser Selbstlosigkeit um aller
Menschen willen emporzuzwingen. Schweifte er auch nur eine Sekunde lang
von diesem Gedankengang ab, sank er sofort wieder in die Einzelbeziehung
-- in die mächtige, dunkle Blutliebe zur Mutter zurück.
»Blutketten sind grausam schwer zerreißbar, Blutketten«, flüsterte er.
Und sehnte sich mit der ganzen Kraft seines Wesens nach Befreiung von
diesen Gefühlsfesseln, um ganz allein und bereit sein zu können.
Seine dumpfe Liebe ließ es nicht zu. Aus ihr heraus sagte er: »Wenn die
Mutter stürbe . . . vorher, das wäre wunderbar.«
Diesem Gedanken hing er nach, dachte ihn zu Ende. Sein Gesicht wurde alt
und klar.
Da trat der Gerichtspsychiater ein.
Und fühlte dem Dichter den Puls, fragte ihn noch einmal dasselbe wie bei
der ersten Untersuchung, um eventuelle Widersprüche feststellen zu
können.
»Nein, meine ganze Familie ist gesund.«
»Ich? . . . Höchstens Schwächezustände wegen Unterernährung.«
Der Wärter stand bei der Tür.
»Geschwister, alle gesund? Keines gestorben?«
»Gestorben? Nein. Meine Schwester hat Selbstmord begangen.«
»Das haben Sie mir das letzte Mal verschwiegen . . . Weshalb tat sie
denn das, bitte?«
»Man nimmt an, sie sei verunglückt -- beim Baden ertrunken . . . Ich
glaube, sie tat es aus Scham, weil der Lehrer ihr die Röcke hinten
hochgehoben und sie auf den nackten Körper geschlagen hat, mit seiner
Hand . . . vor der ganzen Klasse.«
»Und deshalb? . . . Im allgemeinen ist das für ein Kind kein Grund, sich
das Leben zu nehmen . . . Eine Krankheit lag nicht bei ihr vor?«
»Nein . . . Ein bißchen empfindsam sind wir Geschwister.«
»Ein Lehrer tat das?«
»Ja, Herr Lehrer Mager.«
». . . Derselbe?« Er strich sich vom Nacken weg über den Kopf, bis zum
Mund. Dann glitt die Hand am glänzenden, schwarzen Vollbart entlang, und
der Mund öffnete sich nachdenklich.
»Da war sie dreizehn Jahre alt. Sie lief vom Schulhaus weg und sprang in
den Fluß. Seit einiger Zeit denke ich mir, daß sie wegen dieser
Demütigung in den Fluß gesprungen ist.«
»So mir nichts, dir nichts sollten Sie das aber doch nicht annehmen. Das
erste Mal redeten Sie kein Wort von dieser ganzen Sache . . . Vielleicht
ist ihr die Puppe hineingefallen oder die Mütze . . . Wie Kinder sind --
sie springt nach, will sie herausholen und ertrinkt . . . Das andere
wäre nicht normal.«
»Furchtbar normal, Herr Doktor, furchtbar normal! . . . Ein Jahr später
kam . . . ich zum Herrn Mager in die Klasse.«
»Und bei sich haben Sie keine besonderen Erscheinungen beobachtet?«
»Ich weiß nichts . . . Meine Mutter sagt, daß ich als Junge mit offenen
Augen geschlafen habe.«
»Das können ja . . . Sie selbst nicht wissen. Und sonst?« »Ich bin ganz
normal, Herr Doktor. Will sagen, ich bin nicht irrsinniger als zum
Beispiel Sie . . . und Millionen andere.«
»Wie meinen?«
»Daß neunundneunzig Prozent aller Menschen irrsinnig sind. Und der
übrige ganz kleine Prozentsatz Menschen, von denen man im Leben sagt,
sie seien verrückt, unzurechnungsfähig, weltfremd, sich am schärfsten
dem Normalzustand des Menschen genähert haben.«
»Aber pardon!«
»Es ist auch nur eine Ansicht von mir.«
»Das heißt, Sie wollen sagen, daß Sie so ein Normaler sind.«
Der Dichter errötete.
»Können Sie mir als Arzt sagen, ob es möglich ist, daß meine Mutter
wegen meines Unglücks schnell stirbt?«
Der Arzt strich sich den Bart. »Alte Leute sterben nicht so schnell
wegen eines . . . seelischen Unglücks. Darüber können Sie beruhigt
sein.«
»Stirbt nicht?« rief der Dichter entsetzt.
»Wünschen Sie, daß Ihre Mutter stirbt?«
»Das wäre wunderbar«, sagte der Dichter und streckte dem Arzt die Hände
betend hin.
»Wenn Ihre Mutter stürbe?«
»Ja . . . Ich bin nicht Christus.«
Wegen seines plötzlichen Simulationsverdachtes kniff der Arzt die Augen
zu. »Nehmen Sie sich halt ein bißchen zusammen«, sagte er, leise
ironisch.
»Ich kann nicht. Ich kann ja nicht! Ich bin nicht Christus! Ich kann
nicht so vollkommen selbstlos sein; ich muß die Mutter lieben.«
Er bemerkte den gesteigerten Verdacht auf dem Gesicht des Arztes nicht.
»Ich bin nicht Christus!«
»Na, darüber sprechen wir später«, sagte der Arzt skeptisch. »Zeigen Sie
mal . . . Lunge, Herz.«
Dann kontrollierte er noch die Sehnen- und Hautreflexe und verließ die
Zelle.
* * * * *
»Dem Burschen fehlt nichts!« rief er dem Untersuchungsrichter entgegen.
»Zäh wie eine Katze in ihren besten Jahren.«
»Was sagte ich Ihnen!«
»Nur daß er selbst behauptet, ganz normal zu sein -- die typische
Meinung aller Irrsinnigen --, spricht etwas fürs Gegenteil.«
»Hallo! Wissen Sie, was das bei dem sein wird? Ein . . . sozusagen ein
Dreh. Dieser Kerl ist nämlich ein ganz abgebrüht intelligenter Halunke.«
»Er hat sich sogar ein sehr hübsches Simulationsmoment zurechtgedacht.«
Der Richter hob die Augenbrauen.
»Er versichert mir nämlich konstant, er sei nicht Christus.«
»Na, ein ziemlich durchsichtiger Kohl . . . Der weiß ganz gut, daß
Irrsinnige behaupten: König, Christus, Kaiser zu sein, Mutter Gottes.
Und da dreht er den Spieß einmal um. Eine neue Nuance.«
Der Arzt lachte. »Neue Nuancen sind aber auch nötig; denn es ist heute
doch nicht mehr so ganz einfach, einen Psychiater hinters Licht zu
führen.«
»Und das Glas Milch? Hat er Ihnen das nicht auch zu trinken gegeben?«
»Diesmal nicht; bei der ersten Untersuchung. Aber als ich ihn hübsch in
die Realität des Lebens zurückführte, da wurde er arrogant . . . Heute
wieder hat er mir verklausuliert erklärt -- ich sei irrsinnig und er
normal.«
»Großartig . . . Wirklich.«
»Wer verteidigt ihn denn?«