»Und ich wußte damals gar nichts von diesen Sachen. Wahrhaftig, ich lüge
nicht.«
Sie hälts für so unmöglich, daß sie glaubt, ich hätte gescherzt, dachte
er.
Und wußte plötzlich mit seinen Händen nichts anzufangen. Es war, wie
wenn sie nicht zu ihm gehörten, als er sagte: »Ich brauche sehr
notwendig zwanzig Mark. Können Sie mir die vielleicht geben? . . . Aber
ich habe nicht gescherzt, vorhin. Wirklich nicht.«
Da stand sie auf.
Und der Dichter sah befangen in ihr erstauntes Gesicht, das aber sofort
den Ausdruck automatischer Lustigkeit annahm. Lachend sagte sie: »Ich
habe momentan gar nichts.«
Er ließ die Hände sinken. Sein Gesicht verschloß sich. »Darf ich?« sagte
er, griff nach der Zigarette und dachte gequält -- jetzt glaubt sie
dasselbe wie der gesunde Menschenverstand.
Es klopfte -- die Wirtin streckte den behaubten Kopf herein. »Es kommt
ein Herr.« Sie schloß die Tür leise wieder.
Sichtbar stieg dem Mädchen das Blut in die Wangen, als sie den Dichter
ansah.
Der lächelte unnatürlich.
»Gehen Sie ins Nebenzimmer . . . Ich kann Ihnen das Geld dann gleich
geben.« Dabei sah sie ihm gerade auf die Augen, ohne ihm in die Augen zu
sehen.
Schon eine lange Minute stand er im Nebenzimmer, als ein sehr großer,
brünetter Herr im Frack zum Mädchen ins rote Zimmer trat. Er schwankte
kaum bemerkbar. Auffallend an ihm war, daß sein linkes Auge fast um
einen Zentimeter tiefer im Gesicht stand als das rechte. Das Klirren des
für ihn bestimmten Geldes riß dem Dichter die Luft aus den Lungen.
Dann hörte er das heftige Armen im roten Zimmer und preßte die Fäuste an
die Schläfen. Er rührte sich nicht mehr.
Bis das Mädchen die Tür öffnete.
Äußerlich und innerlich zerwühlt, stierte er auf das verwühlte
Himmelbett.
Das Mädchen wusch sich die Hände.
-- Ich nehme das Geld nicht. Ich brauche es gar nicht. Es war nur ein
Scherz -- wollte er sagen.
»Hier«, sagte sie, während sie die Hände trocknete. »Sie zwanzig . . .
ich zwanzig«, und schob ihm das Goldstück hin.
Da sank ihm die Unterlippe schlaff herab. Alles an ihm wurde schlaff.
Verurteilt und verkauft ging er mit dem Geld aus dem Zimmer.
Ohne Widerstand zu leisten, ließ er sich direkt zum Bahnhof gehen, um
wieder in die Heimatstadt zu fahren, wo im dunklen Erlebnisknäuel seiner
Jugend die Ursachen seiner Haltlosigkeit, seines untergrabenen
Selbstbewußtseins, seines ruinierten Lebens zu finden sein müßten.
In der Eisenbahn träumte er: ein gewaltiger Zug junger Menschen zieht
gleich ihm nach den verhaßten Heimatstädten, die Kindheit zu
durchforschen nach dem Messer, das ihnen allen die Sehne der Kraft
durchschnitten hat.
3
Um acht Uhr früh kam er an, verstört, mit brennenden Augenlidern.
Morgennebel und Dämmerung hingen noch in den Gassen. Der Dichter sah
nach Osten, wo zart und strebend die Morgenröte stand.
Geradeswegs ging er in die Lochgasse. Der Gedanke hatte sich in ihm
festgesetzt und alles andere verdrängt: Lehrer Mager müsse sein Unrecht
einsehen und ihn um Entschuldigung bitten. Das würde ihm die Kraft zur
Reinigung geben, zu einem neuen, rückgratvollen Leben.
Und als er die steile, muffige Treppe hinaufstieg, erlebte er die
Versöhnung im voraus; er dachte, der Lehrer, der schon damals erwachsene
Söhne gehabt hatte, werde jetzt ein weißhaariger, gebeugter Mann mit der
Einsicht und Güte des Alters sein, mit dem sich auszusöhnen leicht
fallen müsse.
Die alte Wirtschafterin ließ ihn ins niedere, mit geerbten
Familienmöbeln vollgestopfte Arbeitszimmer eintreten.
Und der Dichter blickte entgeistert zum Lehrer hin, der am Schreibtisch
stand, aufrecht wie ein Pfosten, zäh, mit noch dunkelrotem Haarkranz:
vollkommen unverändert.
Die Mundwinkel voller Wut und hämisch in die Wangen zurückgezogen, las
er den Aufsatz eines Schülers. Auf dem Schreibtisch befanden sich zwei
Stöße blauer Schulhefte, korrigierte und unkorrigierte.
Der Dichter stand im Dunkel an der Tür. Der Lehrer hatte ihn noch nicht
bemerkt. Er setzte sich und korrigierte mit roter Tinte den Aufsatz,
wobei sein Gesicht in dem Gemisch von Wut und hämischer Freude erstarrt
blieb, vom Schein der Petroleumlampe getroffen.
»Der Teufel. Der Teufel.«
»Wie? . . . Sind Sie schon zurück, Josephine?«
»Ich wollte Sie einmal besuchen«, flüsterte der Dichter sehr leise. Er
zitterte am ganzen Körper so stark, daß auf dem Biedermeiertisch, an dem
er sich festhalten mußte, die bemalte Kaffeekanne schepperte.
Der Lehrer klappte das korrigierte Heft entschlossen auf den Stoß.
Jetzt bemerkte er den fremden Menschen in seinem Zimmer. Der Schreck riß
ihn vom Stuhl auf in halbe Kniebeuge. ». . . Wer! Wer sind Sie! . . .
Was wollen Sie denn hier!«
»Ich bin ein früherer Schüler von Ihnen. Sie waren mein Lehrer. Ich
heiße Anton Seiler.«
»Seiler? . . . Seiler? Haben Sie gestottert in der Schule?«
Eine Blutwelle verdunkelte dem Dichter den Blick.
Und als er wieder sehen konnte, bemerkte er am schrecklichen Lächeln des
Lehrers, daß dieser sich erinnerte. Am selben Lächeln, mit dem der
Lehrer, wenn der Dichter stotternd stecken geblieben war, ihn der
ganzen, belustigten Klasse ausgeliefert hatte.
Der wird mich nicht um Entschuldigung bitten, sagte der Dichter zu sich.
Und glaubte körperlich zu fühlen, wie in seinem Innern die letzte
Möglichkeit zur Rettung erlosch. Da stand er wie ein Schulknabe, in
kraftlosem Haß.
Die Haushälterin kam und reichte dem Lehrer einen Hundertmarkschein:
»Der Bäcker kann ihn auch nicht wechseln.«
Zwei Schulknaben waren hinter ihr eingetreten. Sie blieben an der Tür
stehen.
»Guten Morgen, Herr Lehrer, wir wollen die Hefte abholen«, sagte der
Größere, schulmäßig singend.
Und der Kleine, der neben dem andern nur bis zur Brust reichte, nahm,
unter dem starren Blick des Lehrers errötend, erst jetzt die Mütze ab.
Langsam zog der Lehrer den Blick zurück. »Einen Moment«, sagte er zum
Dichter.
Vorsichtig, und mit allen Sinnen aufnehmend, begann der Kleine sich
umzusehen; er war zum ersten Male bei seinem Lehrer in der Stube.
Wie wenn er sich als Knaben erblickte, sah der Dichter mit tiefer,
schmerzlicher Rührung den Kleinen an, die Augen, denen Angst den Blick
bestimmte, den schon vom Leid gezeichneten Mund, die zartmodellierte,
schneeweiße Kinderstirn.
Da lächelte der Kleine zum Dichter hin; augenblicklich verschwand das
Lächeln, als der Lehrer sich bewegte.
Und der Dichter hatte das bestimmte Gefühl, daß die Seele gelächelt
hatte und in Schrecken erstarrt war.
Das Kratzen der Feder verschärfte die drückende Stille.
Der größere Junge empfand sie nicht; er schneuzte sich laut und stand
dabei fest und sicher auf seinen nach innen gerichteten Füßen.
Der Lehrer erhob sich, ebnete den Heftestoß, stellte ihn senkrecht. Der
große Schüler warf seine Mütze resolut unter die Achselhöhle und trat
aus dem Dunkel in den Lichtkreis. Zögernd und sehnsüchtig näherte sich
auch der Kleine.
Aus der Schreibtischlade nahm der Lehrer zwei Himbeeräpfel, gab einen
dem großen Schüler. Und als er den Kleinen erkannte, entstand in seinem
Gesicht wirkliches Staunen, das langsam zum hämischen Lächeln wurde. »Ah
. . . der Weigand kommt, die Hefte holen?«
Energisch legte er den zweiten Apfel wieder in die Schreibtischlade
zurück, suchte das eben korrigierte Aufsatzheft des Kleinen aus dem Stoß
heraus. »Da geh mal her!«
Das Herz des Dichters begann rasend zu klopfen.
»Du . . . schämst dich also nicht, auch noch zu mir zu kommen?«
Der Kleine verschluckte den Speichel.
Sein mit roter Korrigiertinte verschmiertes Heft lag geöffnet auf dem
Schreibtisch. Wortlos blickte der Lehrer einige Male vom Heft zum
Schüler, streckte die gekrümmte Hand aus. Sein Blick zwang den Kleinen,
das Ohr der Hand entgegenzuneigen.
Mit einem Ruck zerrte er den Schülerkopf zum Heft und stieß des Kleinen
Gesicht darauf.
Vorgebeugt blickte der Dichter auf diese Szene seiner Jugend, eiskalt,
als wäre sein Leben in des Kleinen Körper übergegangen.
Immerzu stieß der Lehrer des Schülers Gesicht aufs Heft und rief dabei:
»Regen mit ch! Essen mit ß! Keule mit äu! Und mit zwei mm schreibst du
Amen? Amen!«
Er schleuderte ihn zur Wand. Der Kopf schlug gegen die Türvertäfelung.
Der Kleine richtete sich wimmernd auf. Sein furchtbares, leises Weinen
klang in die Stille. Der größere Schüler stand ruhig wie ein Soldat.
Und des Lehrers glühendes Gesicht bebte. »Du Frechling wagst es, zu mir
zu kommen? . . . Antworte!«
»Antworte!«
»Ich wollte auch einmal die Hefte tragen.« Das Schluchzen verschlug ihm
die Stimme.
Wütend rieb der Lehrer mit dem Siegelring an seinem Finger des Kleinen
Stirn: »Was . . . hast du . . . denn da . . . drinnen!«
Der Dichter saß wie eine Leiche und starrte in kaltem Entsetzen auf das
rote Malzeichen, das auf der schneeweißen Kinderstirn leuchtend
hervortrat.
»Das Mal, das Mal auf seiner Stirn wird nie mehr vergehen. Sie haben ihn
gezeichnet«, sagte der Dichter tonlos und laut. »Und wenn es
verschwindet, äußerlich, dann ist es ihm ins Gehirn getreten . . . und
der Gezeichnete trägt das Mal in der Seele, sein Leben lang.«
Da begann neben dem Hause dröhnend und gewaltig die Kirchenturmglocke zu
läuten. Die Stube erzitterte. Der Kleine stand mit ausgebreiteten Armen,
eine Hand fluchtbereit am Türdrücker, die Augen entsetzt offen, wie ein
Gekreuzigter an die Wand gepreßt. Die Striemen leuchteten auf seiner
Stirn. Alle vier standen.
Der Lehrer klappte das Lineal auf den Schreibtisch. Der größere Schüler
packte den Stoß Hefte energischer.
Und als die Knaben gegangen waren, sagte der Lehrer:
»Den ganzen Tag Ärger in der Schule und in den wohlverdienten
Ruhestunden den Lümmeln die Fehler korrigieren!« Er setzte sich und sah
den Dichter an.
»Was sagen Sie dazu?«
Die Kirchenglocke schlug noch einige Male an und verklang.
»Wie viele Knaben haben Sie gezeichnet ins Leben geschickt?«
»Wie denn, gezeichnet? . . . Ich unterrichte seit fünfundvierzig Jahren.
Es sind viele, viele, die ich vorbereitet habe fürs Leben. Und wenig
Dank! Glauben Sie mir.« Seine beiden Hände fuhren wühlend in der
Schreibtischlade herum.
»Erinnern Sie sich noch«, der Dichter sprach ganz langsam, »an einen
Schulausflug in den Gutenbergerwald . . . Da war ein Schüler wild und
fröhlich.«
»Durch den Laubwald nach Reichenberg?«
»Stieg auf Bäume, lachte und sang.«
»Damals, als ich der Klasse die Hünengräber im Walde zeigte und
erklärte.«
»Der Schüler war ich.«
»Und Sie waren sonst immer so verkrümpelt und still. Ich entsinne mich.«
»Und im Wald plötzlich so wunderbar glücklich und wild.«
Der Lehrer bemerkte den Mörderblick des Dichters nicht.
»Und als wir zum Wirtshaus kamen . . . ließen Sie mich nicht mit
hineingehen, weil ich die zehn Pfennige nicht hatte, um ein Glas Milch
kaufen zu können.«
»Ja, zu laut und ungebärdig waren Sie im Wald.«
»Ich mußte vor dem Wirtshaus stehen bleiben, am Zaun.«
»Richtig, noch dazu waren Sie der einzige, der kein Geld hatte.«
»Diese Demütigung vor allen Schulkameraden traf mich damals ins Herz.«
Der Lehrer sah abweisend dem Dichter in die furchtbaren Augen.
»Ich war vorher so fröhlich gewesen . . . Und trage vielleicht seitdem
das Mal . . . das Mal!!« erhob sich die Stimme des Dichters, und langsam
erhob sich auch der Körper vom Stuhle, »das glühende Mal in . . . meiner
. . . Seele!« Die ganze Kraft seines Körpers ging in des Dichters
würggespreizte Hände über, die dem zur Wand zurückweichenden Lehrer
folgten.
-- -- -- Der Adamsapfel glitschte noch einmal unter des Dichters Daumen
weg, eine Sekunde lang lockerten sich die Würghände -- dann drückten die
Daumen den Adamsapfel tief in den Hals hinein.
Die ächzenden ä- und e-Laute verebbten.
Solange der Körper an der Wand zu Boden glitt, ließ der Dichter die
Hände am Hals des Toten.
Als er sich aufrichtete, sah er in der verwühlten Schreibtischlade den
Himbeerapfel liegen, den der Kleine nicht bekommen hatte. Ein
irrsinniges Lächeln der Befriedigung entstellte des Dichters Gesicht,
als er den Apfel nahm und einsteckte.
Da erblickte er den Hundertmarkschein.
Und hatte momentan eine Vision -- vom Mittelpunkt eines fernen Landes
reichte bis zu ihm ein gewaltig auseinandergezogenes Gummiseil, das er
sich um den Leib knüpfte, worauf das Gummiseil mit ihm, über Städte und
Meer, durch die Luft ins fremde Land zurückschnellte.
Da nahm er den Hundertmarkschein und steckte ihn ein. Den Blick in eine
unwirkliche Ferne gerichtet, ging er gefühllos und bereit aus der Stube.
Der Gottesdienst war aus. Die Kirchenglocken läuteten zusammen. Viele
vermummte Menschen verließen die Kirche und punktierten schwarz die
Schneefläche des Marktplatzes.
Der Dichter blieb stehen, schlenkerte die Hände, als wolle er den Mord
abschütteln, ging ein paar Schritte, schlenkerte wieder die Hände.
Und hielt beim Weitergehen die Arme steifgebogen von sich weg.
Seine Hand zuckte zurück vom Klingelzug der Elternwohnung, so daß nur
ein Glockenton erklang.
»Jesus! . . . Du bists.« Die Mutter lief schnell voraus ins Zimmer und
warf die Decke übers ungemachte Bett.
Die Atmosphäre der Elternwohnung schlug ihn vollends nieder.
»Hn?« machte er wie ein Betrunkener und ließ die Hände von den zur Brust
hochgenommenen Armen gleich Seehundsflossen kraftlos hängen.
»Kind! was ist denn!«
»Hn?« Den Mund schlaff offen, sah er blöd umher.
Bis die kleine Mutter ihm in den Blick kam. Da schrie er mit biblisch
furchtbarem Entsetzen der Mutter zu: »Mutter! Ich hab ihn umgebracht!«
Und flüchtete, vom Teufel verfolgt, wild brüllend aus dem Zimmer.
Wie ein Kind führte sie ihn an der Hand wieder zurück. »Was machst du
mir für Sachen! Du mußt ins Bett. Bist ja krank . . . Ich mach dir kalte
Umschläge.« Geschäftig lief sie zum Bett.
»Mutter, ich hab den Lehrer umgebracht«, sagte er automatisch. »Halts
aus.«
Da sah sie es ihm vom Gesicht ab und warf die Hände in den Nacken. Ihr
erster Schrei war kurz, wortlos. Aus den folgenden Schreien hörte er die
immer wiederkehrenden Worte: »Sag nein! Sag nein!«
»Nein«, sagte er, und ein Engel gab ihm ein Lächeln dazu. »Nein,
Mutter.« Und als er ihren zuckenden Körper umfangen hielt, ihren
Scheitel streichelte und dabei über ihn wegsah, rang er sich die letzte
Kraft ab, um die Worte sagen zu können: »Es war nur ein Scherz.«
»Mütterchen«, sang er zart, und in seinem Gesicht arbeitete Qual gegen
Lächeln.
»Warum hast du mir diesen Schrecken eingejagt? Und ich dumme Frau hab
dir geglaubt . . . Jetzt, jetzt, jetzt mußt du was essen.« Sie huschte
in die Küche.
Und er lautlos aus der Wohnung und, von der Straßenmitte weg, dicht an
den Häuschen entlang.
»Aber ausgesehen hast du, wie wenns wirklich wahr wär«, rief sie aus der
Küche. Und trat, in der Hand den mehlbestaubten Kochlöffel, ins Zimmer.
»Weißt du, so bin ich in meinem ganzen Leben nicht erschrocken«, sagte
sie lächelnd. Und richtete den Blick suchend ins Leere.
Während der Dichter vor dem Postamt stand.
Die Welt hatte sich für ihn vollkommen verändert. Sein bisheriges Leben
war scheinbar von ihm fortgezogen. Es war ihm, als stünde er plötzlich
auf der anderen Seite des Planeten. Schwere, ganz neuartige
Gefühlsklumpen waren in ihm entstanden, mit denen er sich
auseinanderzusetzen hatte.
Nur das Erlebnis mit dem Straßenmädchen griff aus seinem alten Leben
herüber. Eine Art Abrechnungsbedürfnis bestimmte ihn, ins Postamt
einzutreten und die zwanzig Mark nach Berlin an das Mädchen zu senden.
Am Nebenpult sagte ein junger Bursche: »I streun jetz e bißle am Wasser
rum.«
Da wußte der Dichter unvermittelt, daß er ein verlorener Mann war, und
sah irr dem Burschen nach, der sorglos pfeifend das Postamt verließ.
Alle fünfzehn Polizeidiener und der Wachtmeister des Städtchens standen
in der Bahnhofshalle, um den Mörder abzufangen. Weiber, still gewordene
Kinder ließen sich nicht wegjagen. Die verstörte Haushälterin des
Lehrers stand beim Wachtmeister.
Und als der Dichter die Bahnhofshalle betrat, grau und unscheinbar,
deutete sie zurückweichend auf ihn.
Die Schutzleute hoben die fünfzehn langen Pistolen. Und über des
Dichters lastbehangenes Gesicht huschte ein schmerzliches Lächeln.
Die Hände den Fesseln entgegengestreckt, trat er verloren in den
Schutzmannskreis, der um ihn zusammenschlug.
»An . . . ton Sei . . . ler«, buchstabierte der Wachtmeister aus den
Papieren des Dichters, »geboren in . . . Ja, sind Sie denn von hier?«
»Ja, ich bin hier geboren.«
»Dann kanns nur der Sohn vom Wagner Seiler sein«, rief eine Alte, die
einen Flanellbettkittel anhatte.
Und der Dichter sagte: »Eine halbe Stunde Hoffnung war alles, was ich
ihr noch geben konnte.«
Als er, gleich einem einziehenden Zirkus vom halben Städtchen begleitet,
durch die Bahnhofstraße geführt wurde, zweigte die Alte im
Flanellbettkittel ab und brachte der Mutter die Nachricht.
4
Ärgerlich blätterte der Untersuchungsrichter in den Akten, schlug die
Mappe zu.
Der Dichter hatte den Mord zwar sofort eingestanden, aber der
Untersuchungsrichter kam doch seit Tagen nicht vorwärts, denn der
Dichter redete immer wieder von einem Glas Milch, das mit schuld daran
sei, daß er den Lehrer umgebracht habe.
Des Untersuchungsrichters blondbehaarter Zeigefinger drückte auf den
Taster. »Man soll mir den Anton Seiler bringen«, sagte er zum
eintretenden Diener. Und zu sich selbst: »Zum letzten Mal!«
Resolut schlug er die Aktenmappe wieder auf und begann, mit dem
Taschenmesser die Kruste an seiner Schreibfeder abzuschaben.
Die Hände vor den Leib gefesselt, wurde der Dichter hereingeführt. Sein
Gesicht war blaß und faltenlos. Die Oberpartie seines Kopfes -- Augen,
Stirn -- hatte sich stark vergrößert. Über den Brauen waren modelliert
hervortretende Höcker entstanden, wie manche Menschen sie haben, die
jahrelang angestrengt denken.
Nur das Schaben des Untersuchungsrichters war hörbar.
Und als er sich mit dem Schreibsessel Seiler zudrehte und nervös sagte:
»Geben Sie doch schon zu, daß Sie den Lehrer umbrachten, um zu dem
Hundertmarkschein zu kommen«, antwortete der Dichter gedankenabwesend
erst nach einer Pause:
»Nein, das war es nicht.«
Des Untersuchungsrichters Hand fuhr zur linken Brustseite; er war
herzkrank. »Einigermaßen handgreiflich müssen doch auch Sie . . .
Ihrerseits motivieren können, weshalb Sie Ihren alten Lehrer erwürgt
haben. Man geht doch nicht einfach hin und erwürgt ohne Grund einen
Menschen. Sie sahen den Schein liegen . . . und da geschah die Sache,
glauben Sie mirs . . . So etwas ist schon manchem vor Ihnen passiert.«
»Ich habe Ihnen schon gesagt, daß die Ursachen meines Verbrechens weit
zurückliegen.«
»Bleiben Sie mir um Himmels willen nur mit Ihrem Glas Milch vom Leibe!«
Er nahm die Hände weg von den Schläfen. »Gut, nicht des Geldes wegen!
Also gut, nehmen wir an, es war Ihnen nicht nur um den Geldschein zu
tun.« Sein Stimme wurde klein und schnell: »Aber doch in der Hauptsache!
Nicht wahr?«
Der Dichter war wieder weit weg mit seinen Gedanken, so daß er eine
Weile nicht antwortete und nur den Schluß seiner Gedankenreihe
aussprach: »Nein, denn die Hauptsache bei jedem Verbrechen sind immer
die Ursachen.«
»Schließlich -- wir sind doch Männer --, was solls denn sonst gewesen
sein? Was hat er Ihnen denn getan?« Der Richter stieß die Hände
beteuernd vor.
»Getan? . . . hat er mir nichts . . . anderes, als was die meisten
Menschen, die meisten Erwachsenen den Kindern antun.«
»Na also! Nichts hat er Ihnen getan. Jetzt sind Sie wenigstens
vernünftig.«
»Er hat mich ruiniert.«