Und der Doktor lächelte zufrieden, warf das Kinn zur Brust, die Arme
seitwärts. »Der Kampf ums Dasein . . .«
»Ist eine von den Menschen erfundene Gaunerei! Der Planet kann alle
erhalten, die er hervorbringt.«
»Planet! Planet! Ihnen fehlts nur an gesundem Menschenverstand«, sagte
der Doktor und legte dem Dichter die Hand väterlich auf die Schulter.
Der trat flammend zurück. Und der Zorn in seinen Augen wurde sichtbar zu
Hohn. Er sagte deutlich: »Da erlaubt sich eine kleine Minderheit, den
Verstand von Abermillionen so krank zu machen, daß sie in ihrem Elend am
Ende schon glauben, das Elend müsse sein. Und für diese die Erde
verdunkelnde Niedertracht nimmt die Minderheit den gesunden
Menschenverstand in Anspruch.«
Der Doktor lachte: »Das haben Sie hübsch gesagt.« Und rief fröhlich: »Es
kommt eben auf die Kraft an. Der Stärkere setzt sich durch . . . Und das
ist ganz in Ordnung.«
»Auf Kosten der Unterdrückten mit Brutalität sich durchsetzen, ist nicht
in Ordnung«, sagte der Dichter und ging zu seinem Sack.
»Wieso Brutalität?«
Er hatte die Kaffeemühle aufgehoben und drehte beim Sprechen. »Die
Herren des Lebens könnten sich sagen: die Unterdrückten haben Augen wie
wir . . . und es ist brutal, auf Kosten von Wesen der eigenen Art das
Leben zu genießen.«
»Aber ich bitte Sie, Ihr gesunder Menschenverstand . . .« »Ich hab ihn
nicht!« Er ließ die Kaffeemühle senkrecht auf den Wäschehaufen fallen
und sah den Doktor an.
». . . muß Ihnen doch sagen, daß ein gebildeter Mensch feiner
organisiert ist und demzufolge andere Bedürfnisse hat als . . . unsere
Wirtin.«
»Hn? . . . Das Genußverhältnis darf sich differenzieren zwischen Ästhet
und Klosettreiniger? . . . Der Herr und Ästhet des Lebens ist ein
unästhetischer Verräter an seiner eigenen Wesensrasse, weil er vergißt,
daß auch beim Klosettreiniger sich das Wunder des Seins offenbart. Das
müßte die Minderheit eigentlich demütig machen, wie?«
»Sie stehen dem wirklichen Leben phantastisch gegenüber.«
»Ach nein, ich bin ganz einfach.«
Der Doktor streckte die Hand aus und rollte sie auf sich zu in die
Hüfte. »Wie wollen Sie denn dem Tüchtigen und Glücklichen, der ein
sorgenloses Leben führt, klarmachen, daß er nicht viel mehr wert ist als
der Kloakenreiniger . . . Das geht zu weit, Herr Seiler.« Seine Finger
zappelten über dem Kopfe. »Nein nein nein! Das Leben ist anders.«
Der Dichter schwieg.
Der Doktor sagte: »Hier ists fürchterlich kalt«, und zog fröstelnd
seinen Hausrock über der Brust zusammen. »Trinken Sie einen Kognak bei
mir.«
Da sah der Dichter mit einem Blick von Berlin in seine Heimatstadt --
dem Lehrer Mager direkt ins Gesicht. Und der Doktor sah die starren
Augen des Dichters an, die nicht mehr in der Kammer waren.
»Kommen Sie mit hinüber.«
»Einen Likör?«
»Ja, oder alten Kognak.«
Die Augen kehrten zurück in die Kammer zum Doktor. Der Dichter schauerte
zusammen.
Und als er dem Doktor in den durchwärmten, eleganten Salon folgte, blieb
er im Türrahmen stehen, damit die Wärme in die kalte Kammer ströme.
»Schließen Sie, es geht kalt herein.«
Der Dichter öffnete die Tür ganz, ging sehr langsam zum Wäschehaufen
zurück und tat, als suche er etwas.
Die Kammer füllte sich rasch mit Wärme.
»Wissen Sie,« sagte er und blieb wieder in der offenen Tür stehen, »Ihr
warmer Salon und meine kalte Kammer illustrieren gut das Besprochene.«
»Aber machen Sie nur schon endlich zu!«
»Ich sagte Ihnen ja, daß wir beide schmutzig sind . . . Ich mache
allerhand kleine Schweinereien -- schinde Wärme; und Sie geben
freiwillig keine ab.« Er schloß die Tür.
»Ach deshalb! Bitte, öffnen Sie doch, ich nehme eine Decke um«, sagte
der Doktor und machte ein abweisendes Gesicht.
Die Stimme des Dichters wurde immer stärker. »Seit Jahrtausenden
verlangt der Mensch brüllend, stinkend demütig, stöhnend, irrsinnig, daß
der Planet ihn ernähre . . . Ich hasse die Repräsentanten all derer, die
das verhindern.«
Da habe ich mir etwas aufgeladen, dachte der Doktor und sagte
unfreundlich: »Na na, nicht so laut!« Er zündete das Nachtlicht an. »Der
gesunde Menschenverstand sagt einem doch, daß es Unterdrückte und
Unterdrücker geben muß. So ist das Leben . . . Trinken Sie doch Ihren
Kognak!« Er machte weitere Vorbereitungen zum Schlafengehen.
Und der Dichter hielt sich für hinausgeworfen. Er sagte gedemütigt:
»Arbeiten muß ich auch noch heute«, verließ hastig das Zimmer und schloß
die Tür.
»Ah, Sie wollen schon gehen, schade.«
»Hat er wieder über mich verfügt.« Starr blickte der Dichter auf den
Wäschehaufen. Und während er den Zettel entfaltete, den die Wirtin auf
den Muschelschreibtisch gelegt hatte, flüsterte er: »Gegen Doktor
Wieners kommen wir nicht auf, kommen wir nicht auf, nie auf . . . wenn
wir etwas von ihnen brauchen.«
Wie immer nach solchen Erlebnissen, schien es ihm unmöglich zu sein,
Würde in sein Leben zu bringen, und der Ekel vor sich selbst versetzte
ihn in letzte Hoffnungslosigkeit.
»Wenn Sie nicht bezahlen, müssen Sie morgen ausziehen. Herr Doktor
Wiener hat sowieso die Kammer mitgemietet«, schrieb die Wirtin.
Vor Hunger begann sein Magen wieder zu schmerzen. Es wurde ihm übel vom
Geruch der alten Wäsche; er schob sie unters Bett.
Beim Schein zweier Kerzenstummeln versuchte er zu arbeiten.
Der Wunsch nach des Doktors Kognak quälte ihn. Während er schrieb,
beschäftigte ihn ununterbrochen die Frage, von wem er etwas Geld
bekommen könne für die Miete. Es fiel ihm nur das Straßenmädchen ein,
das er einmal kennen gelernt hatte.
Ohne daß er sich dessen bewußt geworden war, hatte er auf den
Manuskriptrand geschrieben: Kann denn ein Mensch sich von einer Hure
Geld geben lassen? Hurengeld. Nachtgeld. Beinegeld. Schoßgeld. Männer,
Männer -- Schweinegeld . . . von den guten Mädchen?
»Geben würde sie es mir . . . Sie ist ja ein gutes Luder.«
»Wie wohl der gesunde Menschenverstand darüber denkt«, flüsterte der
Dichter und trat zur verschlossenen Tür. »Herr Doktor! Hören Sie! Herr
Doktor! . . . Glauben Sie, daß ein Mann, der noch etwas auf sich hält,
von einer Hure Geld annehmen kann?«
Der Doktor fuhr im knarrenden Bett in die Höhe und schrie erschrocken:
»Hallo! . . . Ist wer da!«
»Glauben Sie, daß ein anständiger Mensch sich von einer Hure Geld
schenken lassen kann?«
»Von einer . . . was?«
»Hure!«
»Hören Sie, eigentlich schlafe ich schon.«
»Man könnte sich ja sagen: schließlich hat auch die Hure Augen!« schrie
der Dichter.
»Gott, mag der Kerl sich meinetwegen aushalten lassen«, rief der Doktor
ärgerlich. »Das ist ja nichts Neues.«
Und der Dichter flüsterte: »Dann würden wir eben einander wert sein,
meint er . . . Für den gesunden Menschenverstand ist die Lösung einfach.
Aber ich, aber wir, wir, wir alle, wir betteln noch lieber die Hure an
als den gesunden Menschenverstand.«
Automatisch griff er nach Mantel und Hut und verließ das Haus.
Es war gegen zwölf Uhr nachts. Der Kurfürstendamm war fast menschenleer
und unwirklich hell vom Schnee.
Der Dichter sah auf den Bettler, der, gegen die Gartenmauer gelehnt, im
Schnee saß und eintönig die Ziehharmonika spielte.
Ein überelegant gekleidetes Straßenmädchen warf ein Geldstück in den Hut
des Bettlers, der sein Spiel unterbrach und ein anderes Lied zu spielen
begann:
Die Liiiiiebe ist das Schönste,
Das Schönste auf der Welt.
Das Straßenmädchen blieb stehen, schimpfte wütend zum Bettler zurück.
»Weshalb verhöhnen sie denn Ihre Wohltäterin mit diesem Liede?« fragte
der Dichter.
Und der Blinde richtete die leeren Augenhöhlen fragend in die Höhe.
Ein vages Glücksgefühl ergriff den Dichter. »Das Schööööönste auf der
Welt«, sang die Ziehharmonika. Und als er das elegante Mädchen eingeholt
hatte, sagte er: »Sie, er ist blind.«
Das gewohnheitsmäßige Anbietungslächeln erschien auf ihrem gepuderten
Gesicht.
»Wir haben uns getäuscht, er ist blind«, sagte er eindringlich. »So
etwas macht der nicht. Der gehört ja zu uns.«
Lächelnd nahm er sie bei der Hand und scherzte: »Der gesunde
Menschenverstand brächte das fertig. Glauben Sie nicht?«
Sie begann, ihn abschätzend zu mustern.
Da ging er schnell davon, bis zum Platz, wo das ihm bekannte
Straßenmädchen wohnte. Aus dem Nachtcafé unten im Hause klang die
neueste Operettenmelodie.
Sie öffnete selbst. Ihr weißseidener Schlafrock stand vorne offen. Und
als sie den Dichter erkannte, fuhr sie ungeniert fort, prüfend ihre
linke Brustwarze zu drücken. »Seit einer Woche habe ich Schmerzen. Sehen
Sie . . . den blauen Fleck.«