Und das Leben könnte so schön und hell für alle sein, dachte der
Dichter. -- Arbeit, Freiheit. Eine Frau mit weißem Gesicht und dunklen
Augen. Das Schlafzimmer . . . schön beleuchtet. »Hast du's erfahren,
Mutter? Einsperren wollten sie mich, wegen meines Artikels.«
»Ja, ich habs gelesen . . . Ich hab ihn aber verstanden. Ich sag dir,
ich hab deinen Artikel ganz gut verstanden.«
Unversehens wurde der Dichter heiter. »Sie nannten mich einen
Weltverbesserer.«
»Ja, ja . . . Wenn der Vater nächstes Jahr wirklich die drei Mark
Wochenlohn mehr bekommt . . ., dann gehts uns auch besser. Dann wirds
schön sein.«
»Sechzig ist der Vater jetzt?«
»Oh! ins Siebenundsechzigste geht er.«
Guter Gott, dann wirds schön sein, glaubt sie. Immer noch Illusionen,
immer noch, dachte der Dichter. Und sein Leben lag entlarvt und gemein
vor ihm. »Dann wirds schön sein«, sagte er zärtlich zur Mutter, in
plötzlicher, trauriger, ungeheurer Liebe, worauf die Mutter beglückt ihn
neben sich aufs Kanapee zog.
Und durch die nach vierzehn tödlich harten Jahren zum ersten Male wieder
empfundene Weichheit schritt aufrecht der Lehrer. Das Gesicht des
Dichters wurde spitzig.
Es klingelte.
So starr blickte der Dichter zur Wand, daß er das Aufstehen der Mutter
nicht bemerkte, die lautlos aus dem Zimmer ging.
»Schulausflug . . . durch den Wald«, tastete er, den Atem angehalten,
und horchte dabei auf das Schimpfen der fremden Stimme in der Küche.
Wie ein junges Mädchen sieht sie jetzt aus, dachte der Dichter gerührt,
als er seine Mutter ansah, die verlegen zurückkam. Bis zum weißen
Scheitel stieg in ihr die Schamröte.
Seine Gedanken kehrten sofort zum Schulausflug zurück.
»Die Milch . . .«
»Die Milch?« unterbrach der Dichter entsetzt.
»Weil ich die Milchrechnung nicht bezahlen konnte.«
»Halt!« brüllte er und sprang auf. »Nein, still!!« Mit der Hand hielt er
die Mutter weg und blickte starr auf das Schulerlebnis, das jetzt scharf
aufhellte. Sein ganzer Körper begann zu zittern, sein Gesicht verzerrte
sich wie das eines Verfolgungswahnsinnigen, den der Arzt in eine Krise
versetzt hat. Bebend klammerte er sich an die Mutter an -- der Traum
blitzte auf. Und seine weißen Lippen formten die Worte: »Weil ich bei
dem Schulausflug die zehn Pfennige nicht hatte, um das Glas Milch
bezahlen zu können . . .«
»Anton! Anton! O Gott! Was ist denn! Trink Wasser . . . Willst du ein
Glas Milch?«
». . . ließ mich der Lehrer nicht mit ins Wirtshaus gehen. Ich mußte vor
dem Zaune stehen . . . vor allen Schulkameraden.«
Er stieß ein klagendes Wimmern aus.
»Anton, komm doch zu dir! Ich geb dir Wasser . . . ein Glas Milch!«
Da flehte der Dichter kindlich: »Oh, bitte, Glas Milch . . . Mir auch
Milch.«
Als die Mutter zurückkam, war die Krise vorüber. Wunderbar lächelnd saß
er auf dem Kanapee und nahm, glücklich wie ein Knabe, die Milch aus der
Mutter Hand. »Acht Jahre war ich alt, damals.«
»Was ist denn?«
»Ganz vergessen hatte ich es.«
»Was redest du?«
»Später. Ich erzähle dirs später.« Er hob das Milchglas. »Die ist nicht
bezahlt?«
»Jetzt warum redest du so . . . Das richt ich schon alles noch.«
»Mutter, Milch muß man bezahlen können . . . Sonst leidet man
zweiundzwanzig Jahre lang darunter.«
». . . Dich versteh ich nicht mehr.«
Er stellte das Milchglas auf den Tisch zurück, ohne getrunken zu haben.
»Ihr seid also immer noch so furchtbar arm wie früher?«
»Oh, Anton! . . . Aber wenn der Vater jetzt die drei Mark mehr bekommt,
dann gehts uns besser. Wir sehn getrost in die Zukunft.«
»So wird man zum Weltverbesserer.«
»Das Brot soll jetzt auch um sieben Pfennige billiger werden . . .
Erinnerst du dich noch: als Junge bist du oft im Dunkeln mit einem Sack
an die Rückseite der Infanteriekaserne geschlichen.«
»Um billiges Kommißbrot von den Soldaten zu kaufen.«
»Die wollen lieber Weißbrot essen.«
»Und einmal haben die Soldaten einen Eimer voll Spülwasser über mich
geschüttet, anstatt mir Brot zu geben.«
»Tropfnaß bist du nach Hause gekommen.« Die Mutter legte dem Dichter die
Hand auf die Schulter und lachte. »Wie ein Hund, der ins Wasser gefallen
ist. So naß. Oh, und fettig warst du!«
». . . Und der Vater hat mich geprügelt dafür.«
»Ja no, weil halt dein ganzer Anzug verdorben war.« Der Dichter sagte
nachdenklich: »Viele solche Sachen . . . Aber das eine, das mit der
Milch, habe ich nicht mehr gewußt.«
»Trink sie doch!«
»Warum nicht!«
»Und ich muß jetzt ins Bett, Anton. Um fünf Uhr früh geht der Vater auf
die Arbeit. Ich richt dir das Kanapee zum Schlafen.«
An der Fensterwand hing die Schwarzwälder Uhr. Sie legten sich nieder.
Der Perpendikel ging zwischen Mutter und Sohn hin und her.
So viele Familien es gibt, so viele Wohnungsgerüche gibt es, dachte der
Dichter. »Hier riechts nach Schweiß und süßem Stroh,« flüsterte er im
Halbschlaf, »nach Vater.«
»Der kommt auch bald heim.«
»Das Käfiggitter ist aus Gold.«
»Was sagst du?«
»Nein, ich hab doch kein Gepäck!«
»Schläfst du?« Die Mutter horchte auf die Atemzüge ihres Sohnes und
verlöschte die Kerze.
* * * * *
Am andern Tage, beim Spaziergang durch das Heimatstädtchen, schienen dem
Dichter die Häuschen kleiner geworden, zusammengeschrumpft, zur Hälfte
in die Erde gesunken zu sein.
Als er noch einmal durch die einzige Geschäftsstraße ging, war er schon
im Bilde seiner Jugend. Nichts hatte sich verändert im Städtchen. Nur
dreißig Meter Asphalt waren in der Geschäftsstraße gelegt worden.
Unauffällig beobachtete er die Bürger, die stehen blieben und sich
befriedigt über den Asphalt unterhielten.
Der Dichter ging ins Café, durchblätterte die neuesten Zeitungen und
fand, daß er sie schon vor seiner Abreise in Berlin gelesen hatte. Wie
einen Automobilrennfahrer, dessen Motor auf der Strecke aussetzt, befiel
ihn Beklemmung, in dem Bewußtsein, sich in einer Stadt zu befinden, die
drei Tage hinter der Welt herlebte.
Die Öde steigerte sich, da es ihn beim Rückweg wieder zur
Geschäftsstraße zog, die ihm schon nichts mehr Neues bot.
Eigensinnig bog er in die Lochgasse ein. Die war dunkel und so eng, daß
die Dachrinnen der krummen Häuserreihen einander fast berührten.
Erst als er schon vor dem Hause stand, dachte er daran, daß auf seine
Frage hin die Mutter ihm gesagt hatte: Herr Lehrer Mager wohne jetzt in
der Lochgasse.
»Früher wohnte er doch am Rennweg.« Der Dichter las den Namen auf dem
Porzellanschild, blickte am Hause empor und fragte sich mißtrauisch,
wieso denn erst jetzt, da er schon vor dem Hause stand, ihm einfiel, daß
die Mutter gesagt hatte: der Lehrer Mager wohne in der Lochgasse.
Da erinnerte er sich, daß er nach dem ergebnislosen Versuch in der
Eisenbahn, sich seinen Traum ins Gedächtnis zu rufen, flüchtig daran
gedacht hatte, den Lehrer zu besuchen. Dieser wiederholten
Vergeßlichkeit wegen steigerte sich sein Mißtrauen. »Fehlt mir
vielleicht der Mut, den Lehrer zu besuchen, weil ich diese Angelegenheit
zweimal von mir wegschob?«
Und plötzlich klopfte rasend sein Herz, bei dem Entschluß, die Treppe
hinaufzusteigen. Die Angst des Schulknaben war ihm in die Brust
gesprungen. In Gedanken stand er vor dem Lehrer: achtjährig. Und mußte
die Augen schließen und die Hände tastend vorstrecken, um ein Minimum
von Selbstbeobachtung erübrigen zu können.
»Aber ich bin doch dreißig Jahre alt«, sagte er laut, las grübelnd den
Namen auf dem Schild, klinkte die Haustür auf -- da stiegen Jahre und
Erfahrung von ihm weg in die Luft. Als Schulknabe schlich der Dichter
angstbehangen aus der dunklen Lochgasse.
»Es ist mir also unmöglich?« fragte er und blieb stehen, in der sonnigen
Geschäftsstraße. »Bring die Furcht nicht heraus aus mir? . . . Ist das
mit allem empfangenen Leid so?« fragte er ganz langsam. »Dann trüge der
Mensch alle erlittenen Demütigungen mit sich herum? Bis ins hohe Alter.
Sein ganzes Leben würde davon bestimmt?«
»Gott, ich fahre sofort nach Berlin zurück. Was geht mich der Lehrer
an«, sagte er und ging in der Richtung seiner Elternwohnung, um Abschied
zu nehmen.
Im Spiegelglas eines Schaufensters sah er sein Gesicht -- ein trotziges
Schulknabengesicht. Verblüfft starrte er es an, so daß es sich unter
seinem Blicke zu einem verblüfften Männergesicht verwandelte.
»Mit Trotz ist nichts erledigt«, flüsterte er.
Und ohne daß er bewußt den Willen dazu hatte, wandte er sich um und
eilte, dicht an den Häuschen entlang, fluchtartig direkt zum Bahnhof.
2
»Den Sack mit Ihren Sachen habe ich auf den Speicher getragen«, sagte
die Berliner Wirtin und blieb kampfbereit im Vorzimmer stehen. »Mein
neuer Zimmerherr hat die zwei Großen vornehinaus gemietet. Und da hat er
Ihre Kammer dazu gewollt.«
»Ich hatte ja nicht gekündigt.« Der Dichter blickte unausgesetzt aufs
Flurfenster, gegen das die harten Schneeperlen prasselten.
»Mein neuer Herr hat gleich für zwei Monate vorausbezahlt.«
»In vierzehn Tagen bekomme ich ganz bestimmt zwanzig Mark. Damit hätte
ich Ihnen meine Schuld bezahlt.«
»Die zwanzig Mark sollen Sie jetzt schon . . . ich weiß gar nicht, wie
lange Sie die schon bekommen sollen. Es ist ja möglich, daß Sie einmal
zwanzig Mark bekommen . . . Mein neuer Herr bezahlt mich im voraus.«
»Ich bezahle auch.«
»Sie sagen immer: ich bezahle . . . Es ist ja möglich.«
»Aber Sie stehen der Sache skeptisch gegenüber«, rief fröhlich der
eintretende neue Zimmerherr und reichte seinen Zylinder der Wirtin,
deren fettige Hände die Schürze erst eifrig rieben.
Während sie den Zylinder vorsichtig hielt, zog der neue Herr seinen Pelz
aus. Und verbeugte sich: »Doktor Wiener.«
Der Dichter sah gleich wieder zurück aufs schneebeschlagene Flurfenster.
-- Was hab ich hier noch zu suchen? Meinen Sack und fort!
»Von Ihnen weiß ich alles, alles, Herr Seiler. Sie kenne ich wie meinen
Bruder«, sagte Doktor Wiener und tätschelte der erschreckenden Wirtin
beruhigend die Schulter. Sein Tonfall sank: »Was wollen Sie, warum soll
denn der Mensch nicht plappern?« Doktor Wieners gesundrotes, hübsches
Gesicht lachte ununterbrochen. Sein blondes Schnurrbärtchen sprühte
Frische und Glanz.
Der Dichter dachte: entweder fort, oder ein gleichgültiges Gesicht
machen!
»Also, in einem Vierteljahr übernehme ich das Sanatorium meines alten
Herrn, sehen Sie, und bis dahin praktiziere ich noch in der Klinik. Da
bin ich fast den ganzen Tag nicht zu Hause. Sie können demnach ruhig in
der Kammer wohnen, Herr Seiler. Darum handelt sichs doch . . . was?«
»Wenn Sie denken«, stotterte der Dichter und suchte, trotz seiner
Verlegenheit, herauszubekommen, was für ein Parfüm vom Doktor
ausströmte. »Ich könnte ja ein ganz anderes Zimmer suchen gehen.«
»Ganz anderes? . . . Überhaupt, bei dem Wetter! Papperlapapp! Sie
bleiben hier«, schnitt der Doktor das Gespräch ab. »Ist gut geheizt bei
mir?«
»Jaaa, freilich, angenehm durchwärmt.«
»Ist ja großartig!« rief der Doktor, ohne die Wirtin anzusehen, die
neben ihm herlief und beteuernd auf ihn einredete.
»Na, da holen Sie halt Ihren Sack wieder runter!« sagte sie, nachdem der
Doktor in seinen Zimmern verschwunden war.
Und als der Dichter neben seinem Sack in der Kammer saß, dachte er
darüber nach, ob er auf eigene oder auf des Doktors Rechnung die Kammer
bewohne.
»Wo waren Sie denn heute nacht wieder?« Sie stand unter dem Türrahmen.
»Nirgends. Gar nirgends!«
»Das geht nicht. Die Leute im Haus . . . Und überhaupt!«
Der Dichter wandte sein einziges Mittel an, die Wirtin in Bewegung zu
setzen: blickte ihr wortlos in die Augen, die abschweiften, wieder auf
den Dichter sahen, in die Ecke.
Dann hörte er sie in der Küche schimpfen.
Melancholisch hob er die zwei Zipfel in Nasenhöhe -- der Sack spie alte
Schuhe aus, einen Haufen schmutzige Wäsche, Kerzenstummel,
Manuskriptfetzen.
Es klopfte -- und Doktor Wiener trat auch gleich ein, im Hausanzug von
wattierter Seide.
Der Dichter schleuderte den Sack -- eine Kaffeemühle fiel auf den
Wäschehaufen und polternd auf die Dielen.
»Donnerwetter! Hier bei Ihnen ists kalt.«
»Kalt.«
»Oho, man faßts tief auf.« Der Doktor setzte sich auf die
Schreibtischecke.
Der Dichter dachte gereizt, vorhin hat er über mich verfügt. »Haben Sie
schon einmal darüber nachgedacht, weshalb Ihre Existenz so großartig
glatt ist, während Millionen Menschen ihr Leben in Dreck und Elend
verbringen müssen?«
»Oho!«
-- Er verschanzt sich hinter sein lustiges Oho. »Und dabei sind Sie
vielleicht noch besser als viele andere. Aber Ihr Oho genügt nicht
. . . Glauben Sie nicht, daß man hin und wieder auch von diesen Dingen
reden kann, ohne deshalb ein tiefer August sein zu müssen?«
Der Doktor senkte den Blick vor dem erbitterten Gesicht. »Natürlich
traurig, daß es so viel Elend auf der Welt gibt.«
»Denken Sie darüber nach. Wer das nicht tut, ist ja wirklich ein
Schurke.«
»Aber ich bitte Sie, Herr Seiler!«
Der Dichter trat ganz nahe an den Doktor heran. Sein Gesicht verzog sich
in Selbstverachtung. »Ich empfinde die Not der Allgemeinheit vielleicht
nur deshalb, weil ich selbst aus Not ein Schwein geworden bin . . .
Materielle Not verursacht Seelennot, versaut die Seele.«
»Sie sind ja ein recht interessanter Nachbar«, versuchte der Doktor,
sich aufzuraffen.
»Weil ich Ihnen erläutert habe, wieso wir beide Schweine sind? Ich, weil
ich mein Leben lang alle möglichen demütigenden Schweinereien beging, um
nicht zu verhungern, und Sie, weil Sie nicht darüber nachgedacht haben,
weshalb zahllose Menschen vor Elend krepieren oder zu Halunken werden?
. . . Es hat kein Mensch das Recht, eine glatte Existenz zu haben.«
»Sie sind ja ein recht interessanter Nachbar.«
»Ich kenne einen Menschen, der nicht schlechter ist als Sie und
ausgerechnet hat, daß er vierzehn Jahre lang jährlich drei- bis fünfmal
Mittagessen hatte.«
»Man siehts Ihnen an. Sie sollten Eisen nehmen.«
Der Dichter unterdrückte seinen Zorn und lächelte wirklich. »Um mir
Appetit zu machen, den ich nicht stillen kann.« Da sah er, daß der
Doktor mit Verlegenheit kämpfte, und der Gedanke, den Doktor um Geld zu
bitten, verursachte auch ihm Verlegenheit. So sahen sie einander an.
»Da rede ich große Worte, und zum Schluß schrumpft das Ganze zu dem
Verlangen zusammen, Sie anzupumpen.«
»Aber ich bitte Sie, der Selbsterhaltungstrieb gibt Ihnen recht . . .
schließlich. Lassen Sie mal gut sein. Kommen Sie rüber zu mir. Sie sind
mein Gast. Fertig!«