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Nach vierzehn unter der ständigen Beobachtung verbrachten Jahren, daß er
eine entlarvte Illusion nach der andern für eine Portion Seelenschmutz
hatte hingeben müssen, verspürte der vermögenslose Dichter Anton Seiler
im Winter 1907, ohne die Ursache zu kennen, unvermittelt und heftig den
Drang, von Berlin in die kleine Stadt zu reisen, wo er als Sohn eines
Wagnergesellen auf die Welt gekommen war.
Die resultatlos verbrauchte Energie hatte sein Gesicht scharf gemacht
wie das eines gefährlichen, rücksichtslosen Verbrechers. Alle Reisenden
im Abteil fühlten einen Widerstand, den Dichter mit in die Unterhaltung
zu ziehen. Und alle verstummten vor Verwunderung, weil ganz unerwartet
die scharfe Verbrechermaske seines Gesichts von einem traurigen Lächeln
zerbrochen wurde, als er dem im Seitengang stehenden kleinen Mädchen
zunickte.
In der Nacht vor dem Reiseentschluß hatte der Dichter von einem
bestimmten Schulausflug, durch den heimatlichen Laubwald, geträumt: der
gefürchtete Lehrer Mager geht voraus, wendet sich drohend um. Da
wechseln, wie damals, die fünf Rehe über den Weg. Besonnte Morgendämpfe.
Vogelgeschrei. Die Fröhlichkeit geht durch mit dem Achtjährigen, über
den gefährlichen Lehrer weg, reißt alle Schulkameraden mit. Von Ast zu
Ast mit dem Eichhörnchen in die Höhe fliegend, sitzt er auf dem letzten
wippenden Zweig der Baumkrone und singt lachend in wildem Glück zum
blauen Sommerhimmel hinauf. Tief unten staunen die Schulkameraden.
Plötzlich ist der Himmel tintenschwarz. Alle sitzen, Milch trinkend,
fröhlich im Wirtshausgarten -- er allein steht vor dem Zaune. Der Lehrer
Mager hält ein kirchturmgroßes Milchglas in der Hand, in der anderen das
heiße Herz des Dichters, stopft es ihm ins Gehirn und schließt den Kopf
wieder. Mit diesem ununterbrochen schmerzhaft zuckenden Druck hinter der
Stirn erlebt der Dichter viele peinigende Demütigungen späterer Jahre
traumhaft vergrößert noch einmal.
Die Fingernägel tief in die Kopfhaut gekrallt, in dem Bemühen, das
Gehirn freizulegen und den Druck herauszureißen, erwachte er, wußte
nicht mehr, was er geträumt hatte.
Und fand sich etwas später plötzlich auf dem Bahnhof, sah dann
stundenlang gedankenlos aus dem Fenster auf die vorübergleitende
Landschaft.
»Tanten, Anfangsgründe!« hörte er wie aus weiter Ferne den ihm
gegenübersitzenden Herrn zwei Damen zurufen.
»Ja, das ist keine Erziehung.« Die Damen waren klein und trugen beide
Klemmer. Die vier kurzen Beine baumelten gleichmäßig über dem
Kokosteppich.
Der Dichter war vergebens bemüht, sich an seinen Traum zu erinnern.
Die eine Dame sagte: »Wenns auch pedantisch ist, das ist ganz gut für
den Jungen.«
»Ja, ich kann auch gar nicht anders. Anfangsgründe sind die Hauptsache,
Tanten.«
»Ganz gut für den Jungen!«
»Nein . . . es ist nicht gut für den Jungen«, sagte der Dichter
plötzlich und sah die Damen an.
»Was meinen?«
»Nichts . . . Es ist eben auf keinen Fall gut für den Jungen.«
Der Schaffner rief etwas Unverständliches. Der Zug fuhr langsam in die
Station ein.
Das Gesicht des Dichters war wieder gespannt und scharf.
Aus dem Gefühle heraus, daß die Reisenden nicht nur weiterfuhren,
sondern immer an ihm vorbeigefahren waren, verließ er, ohne zu grüßen,
unsicher das Abteil und den Zug. Verlegen empfand er beim Durchqueren
der Bahnhofshalle den Kontrast zwischen seinen neuen eleganten
Lackschuhen und dem alten, fleckigen Anzug.
Auf der Treppe blieb er zurückweichend stehen vor dem bekannten Platz,
den Kirchtürmen, dem Geruch der Heimatstadt. Rasend schnell durchliefen
die Erinnerungen sein Gehirn: Armut, Prügel, Demütigungen, Schulqualen;
so daß er den Kopf einzog und geduckt gegen die Stadt blickte. »Dieses
böse Tier hat mir die Seele krank gemacht«, flüsterte er. ». . . Nein,
ich habe kein Gepäck.«
Der Dienstmann trat wieder zurück zu seinen Kollegen; und der Dichter
fühlte sich geschlagen, als er die geringschätzig musternden Blicke der
Dienstmänner sah.
»Ich habe doch längst erfahren, daß ich ohne Gepäck kein Mensch bin«,
sagte er, nachdem er sich die ganze Bahnhofstraße hinuntergequält hatte
-- und schaukelte erschrocken gegen ein Schaufenster, denn er war der
Meinung, der schräg über die Straße auf ihn zukommende Herr sei Herr
Mager, sein früherer Lehrer.
Ein Schuster, der ein Paar schwebende Röhrenstiefel an den Stulpen trug,
begrüßte den Herrn mit dem Titel Kanzleirat. Der trat, mit den Händen
fuchtelnd, wütend und schnell von einem Fuß auf den andern und
beschwerte sich. Der Schuster beugte sich hinab, drückte das Oberleder,
zuckte die Schultern -- gegen das Knarren sei nichts zu machen. Der
Kanzleirat fauchte speichelspritzend den Schuster an, schritt knarrend
davon.
Und dem Dichter, der auf der ganzen Reise vergebens darüber
nachgegrübelt hatte, was ihn zwang, die Heimatstadt zu besuchen, war von
dem unvermittelten gierigen Haß auf seinen Lehrer die Denkfähigkeit
vollkommen niedergeschlagen worden.
Noch immer lehnte er gelähmt am Schaufenster und sah dem Kanzleirat
nach, den er für seinen Lehrer gehalten hatte. Nur allmählich stellte
sich die Denkfähigkeit wieder ein und mit ihr die vom Lehrer empfangenen
Demütigungen, die er in den vierzehn Berliner Jahren oft und kritisch
durchdacht hatte. »Diese Gemeinheiten können nicht der Grund meines
unvermittelten Hasses sein«, sagte er langsam.
»Ist es denn aber möglich, daß ein Mensch als Kind qualvolle Erlebnisse
hatte . . ., von denen er nichts mehr weiß, die aber in seinem
Gefühlsleben ein dunkles Dasein weiterführen und plötzlich einen
Haßausbruch verursachen?«
Der drückende Klumpen unter seinem Brustbein sprach dafür.
»Aber was war es? Was?« flüsterte er, schloß die Augen und horchte, ohne
zu denken, nach innen -- glaubte plötzlich, Kaffeegeruch zu riechen,
sieht den Vater morgens die Wohnung verlassen, eine Frau, die zum
Fenster hinaus »Karo« ruft. -- Erinnerungsfetzen, welche er anfangs in
keinen Zusammenhang bringen konnte, die sich jedoch durch ein weiteres
Glied (der Hund fährt kläffend nach ihm) zu einem ganz bestimmten
Schultage verdichteten. Seine Beklemmung steigerte sich; er sieht die
Bankreihen, frohe Aufregung unter den Schülern. Plötzlich wurde er heiß.
»Wegen des Schulausfluges.«
»Schulausflug?« flüsterte der Dichter immer noch, als er schon die enge,
dumpfriechende Treppe zur Elternwohnung hinaufstieg. Belastet und
verwirrt blieb er vor der Gangtür stehen, ohne zu läuten, weil er
fühlte, daß er nahe daran war, die Ursache seines Hasses gegen den
Lehrer zu finden. »Schulausflug durch den Wald . . . Wald.« Da verlor er
das Gedächtnis, so gänzlich, daß er nicht wußte, wo er sich befand, als
der Vater die Tür öffnete und erstaunt zurückwich, weil ihm sein Sohn
»tückisch . . . tückisch« ins Gesicht sagte.
Ganz schnell rief der Dichter dem Vater zu: »Wart, wart, wart!« Und:
»Ah! . . . Aha! Ja, ich wollte euch einmal besuchen.«
»Kommst du endlich einmal zu uns?«
»Ja, wegen des Lehrers . . . Vielleicht bin ich wegen des Lehrers
gekommen.«
»Wegen des Lehrers? . . . Gehe nur hinein, Anton, zur Mutter. Ich muß in
die Singprobe.«
»So? . . . Bist du immer noch Vorstand vom Gesangverein >Zwischen grünen
Bäumen<?«
»Ja freilich!« Der Vater lächelte freundlich und schüttelte seinem Sohne
schnell die Hand zum Abschied, um rechtzeitig in die Singprobe zu
kommen. »Gehe nur hinein zur Mutter.«
Schweißnaß trat er der Mutter entgegen.
Der stiegen die schnellen Tränen in die Augen.
»Nun, Mutter«, sagte er weich. »Nein nein!« Und er drückte das
Schluchzen zurück.
»Das weiß ich nicht, wie lange ich hier bleibe.«
Die Mutter legte den alten Kopf in die Hand, an den Mund die kleinen
Finger, die von der Scheuerarbeit stumpf geworden waren.
»An was denkst du denn, Mutter?«
»In diesem Bett schläft der Vater«, deutete sie, »und ich in dem.«
Der Dichter sah umher im einzigen Zimmer, in dem nichts verändert war.
Nur der Stahlstich nach einer Kreuzigung von Rubens fehlte. »Ich schlafe
eben wie früher neben dir auf dem Kanapee . . . Wo ist denn der
Christus?«
»Den hab ich für eine Mark verkauft.«
»So, du hast den Christus verkauft? . . . Unsern Christus.«
»Ja. O Gott! Es ging nicht anders. -- Womit soll ich denn deine schönen
Schuhe putzen? Wir haben nur unsere Fettglanzwichse.«
». . . Jetzt muß ich dich aber doch fragen, Mutter. Sag, bist du
wirklich so viel kleiner geworden?« Er sah verwundert hinunter auf ihren
weißen Scheitel.