„Wo?“ wiederholte der Junge nachdrücklich. „Es steht in unserem Stall;
da steht’s, seit es nicht mehr auf der Hallig ist. Es ist auch nicht
umsonst, daß der Wirt es allzeit selber füttert; ich weiß Bescheid,
Iven!“
Der Knecht paffte eine Weile heftig in die Nacht hinaus. „Du bist nicht
klug, Karsten,“ sagte er dann; „unser Schimmel? Wenn je ein Pferd ein
lebig’s war, so ist es der! Wie kann so ein Allerweltsjunge wie du in
solch Altemweiberglauben sitzen!“
—Aber der Junge war nicht zu bekehren: wenn der Teufel in dem Schimmel
steckte, warum sollte er dann nicht lebendig sein? Im Gegenteil, um
desto schlimmer!—Er fuhr jedesmal erschreckt zusammen, wenn er gegen
Abend den Stall betrat, in dem auch sommers das Tier mitunter
eingestellt wurde, und es dann den feurigen Kopf so jäh nach ihm
herumwarf. „Hol’s der Teufel!“ brummte er dann; „wir bleiben auch nicht
lange mehr zusammen!“
So tat er sich denn heimlich nach einem neuen Dienste um, kündigte und
trat um Allerheiligen als Knecht bei Ole Peters ein. Hier fand er
andächtige Zuhörer für seine Geschichte von dem Teufelspferd des
Deichgrafen; die dicke Frau Vollina und deren geistesstumpfer Vater,
der frühere Deichgevollmächtigte Jeß Harders, hörten in behaglichem
Gruseln zu und erzählten sie später allen, die gegen den Deichgrafen
einen Groll im Herzen oder die an derart Dingen ihr Gefallen hatten.
Inzwischen war schon Ende März durch die Oberdeichgrafschaft der Befehl
zur neuen Eindeichung eingetroffen. Hauke berief zunächst die
Deichgevollmächtigten zusammen, und im Kruge oben bei der Kirche waren
eines Tages alle erschienen und hörten zu, wie er ihnen die Hauptpunkte
aus den bisher erwachsenen Schriftstücken vorlas: aus seinem Antrage,
aus dem Bericht des Oberdeichgrafen, zuletzt den schließlichen
Bescheid, worin vor allem auch die Annahme des von ihm vorgeschlagenen
Profiles enthalten war, und der neue Deich nicht steil wie früher,
sondern allmählich verlaufend nach der Seeseite abfallen sollte; aber
mit heiteren oder auch nur zufriedenen Gesichtern hörten sie nicht.
„Ja, ja,“ sagte ein alter Gevollmächtigter, „da haben wir nun die
Bescherung, und Proteste werden nicht helfen, da der Oberdeichgraf
unserm Deichgrafen den Daumen hält!“
„Hast wohl recht, Detlev Wiens,“ setzte ein zweiter hinzu; „die
Frühlingsarbeit steht vor der Tür, und nun soll auch ein
millionenlanger Deich gemacht werden—da muß ja alles liegen bleiben.“
„Das könnt ihr dies Jahr noch zu Ende bringen,“ sagte Hauke; „so rasch
wird der Stecken nicht vom Zaun gebrochen!“
Das wollten wenige zugeben. „Aber dein Profil!“ sprach ein dritter, was
neues auf die Bahn bringend; „der Deich wird ja auch an der Außenseite
nach dem Wasser so breit, wie Lawrenz sein Kind nicht lang war! Wo soll
das Material herkommen? Wann soll die Arbeit fertig werden?“
„Wenn nicht in diesem, so im nächsten Jahre; das wird am meisten von
uns selber abhängen!“ sagte Hauke.
Ein ärgerliches Lachen ging durch die Gesellschaft. „Aber wozu die
unnütze Arbeit; der Deich soll ja nicht höher werden als der alte,“
rief eine neue Stimme; „und ich mein’, der steht schon über dreißig
Jahre!“
„Da sagt Ihr recht,“ sprach Hauke, „vor dreißig Jahren ist der alte
Deich gebrochen; dann rückwärts vor fünfunddreißig, und wiederum vor
fünfundvierzig Jahren; seitdem aber, obgleich er noch immer steil und
unvernünftig dasteht, haben die höchsten Fluten uns verschont. Der neue
Deich aber soll trotz solcher hundert und aber hundert Jahre stehen;
denn er wird nicht durchbrochen werden, weil der milde Abfall nach der
Seeseite den Wellen keinen Angriffspunkt entgegenstellt, und so werdet
ihr für euch und euere Kinder ein sicheres Land gewinnen, und das ist
es, weshalb die Herrschaft und der Oberdeichgraf mir den Daumen halten;
das ist es auch, was ihr zu eurem eigenen Vorteil einsehen solltet!“
Als die Versammelten hierauf nicht sogleich zu antworten bereit waren,
erhob sich ein alter weißhaariger Mann mühsam von seinem Stuhle; es war
Frau Elkes Pate, Jewe Manners, der auf Haukes Bitten noch immer in
seinem Gevollmächtigtenamt verblieben war. „Deichgraf Hauke Haien,“
sprach er, „du machst uns viel Unruhe und Kosten, und ich wollte, du
hättest damit gewartet, bis mich der Herrgott hätt zur Ruhe gehen
lassen; aber—recht hast du, das kann nur die Unvernunft bestreiten. Wir
haben Gott mit jedem Tag zu danken, daß er uns trotz unserer Trägheit
das kostbare Stück Vorland gegen Sturm und Wasserdrang erhalten hat;
jetzt aber ist es wohl die elfte Stunde, in der wir selbst die Hand
anlegen müssen, es auch nach all unserm Wissen und Können selber uns zu
wahren und auf Gottes Langmut weiter nicht zu trotzen. Ich, meine
Freunde, bin ein Greis; ich habe Deiche bauen und brechen sehen; aber
den Deich, den Hauke Haien nach ihm von Gott verliehener Einsicht
projektiert und bei der Herrschaft für euch durchgesetzt hat, den wird
niemand von euch Lebenden brechen sehen; und wolltet ihr ihm selbst
nicht danken, euere Enkel werden ihm den Ehrenkranz doch einstens nicht
versagen können!“
Jewe Manners setzte sich wieder, er nahm sein blaues Schnupftuch aus
der Tasche und wischte sich ein paar Tropfen von der Stirn. Der Greis
war noch immer als ein Mann von Tüchtigkeit und unantastbarer
Rechtschaffenheit bekannt, und da die Versammlung eben nicht geneigt
war, ihm zuzustimmen, so schwieg sie weiter. Aber Hauke Haien nahm das
Wort; doch sahen alle, daß er bleich geworden. „Ich danke Euch, Jewe
Manners,“ sprach er, „daß Ihr noch hier seid und daß Ihr das Wort
gesprochen habt; ihr andern Herren Gevollmächtigten wollet den neuen
Deichbau, der freilich mir zur Last fällt, zum mindesten ansehen als
ein Ding, das nun nicht mehr zu ändern steht, und lasset uns demgemäß
beschließen, was nun not ist!“
„Sprechet!“ sagte einer der Gevollmächtigten. Und Hauke breitete die
Karte des neuen Deiches auf dem Tische aus. „Es hat vorhin einer
gefragt,“ begann er, „woher die viele Erde nehmen?—Ihr seht, soweit das
Vorland in die Watten hinausgeht, ist außerhalb der Deichlinie ein
Streifen Landes frei gelassen; daher und von dem Vorlande, das nach
Nord und Süd von dem neuen Kooge an dem Deiche hinläuft, können wir die
Erde nehmen; haben wir an den Wasserseiten nur eine tüchtige Lage Klei,
nach innen oder in der Mitte kann auch Sand genommen werden!—Nun aber
ist zunächst ein Feldmesser zu berufen, der die Linie des neuen Deiches
auf dem Vorland absteckt! Der mir bei Ausarbeitung des Planes
behülflich gewesen, wird wohl am besten dazu passen. Ferner werden wir
zur Heranholung des Kleis oder sonstigen Materiales die Anfertigung
einspänniger Sturzkarren mit Gabeldeichsel bei einigen Stellmachern
verdingen müssen; wir werden für die Durchdämmung des Prieles und nach
den Binnenseiten, wo wir etwa mit Sand fürlieb nehmen müssen, ich kann
jetzt nicht sagen, wieviel hundert Fuder Stroh zur Bestickung des
Deiches gebrauchen, vielleicht mehr, als in der Marsch hier wird
entbehrlich sein!—Lasset uns denn beraten, wie zunächst dies alles zu
beschaffen und einzurichten ist, auch die neue Schleuse hier an der
Westseite gegen das Wasser zu ist später einem tüchtigen Zimmermann zur
Herstellung zu übergeben.“
Die Versammelten hatten sich um den Tisch gestellt, betrachteten mit
halbem Aug’ die Karte und begannen allgemach zu sprechen; doch war’s,
als geschähe es, damit nur überhaupt etwas gesprochen werde. Als es
sich um Zuziehung des Feldmessers handelte, meinte einer der Jüngeren:
„Ihr habt es ausgesonnen, Deichgraf; Ihr müsset selbst am besten
wissen, wer dazu taugen mag.“
Aber Hauke entgegnete: „Da ihr Geschworenen seid, so müsset ihr aus
eigener, nicht aus meiner Meinung sprechen, Jakob Meyen; und wenn ihr’s
dann besser sagt, so werd’ ich meinen Vorschlag fallen lassen!“
„Nun ja, es wird schon recht sein,“ sagte Jakob Meyen.
Aber einem der Älteren war es doch nicht völlig recht; er hatte einen
Bruderssohn; so einer im Feldmessen sollte hier in der Marsch noch
nicht gewesen sein; der sollte noch über des Deichgrafen Vater, den
seligen Tede Haien, gehen!
So wurde denn über die beiden Feldmesser verhandelt und endlich
beschlossen, ihnen gemeinschaftlich das Werk zu übertragen. Ähnlich
ging es bei den Sturzkarren, bei der Strohlieferung und allem anderen,
und Hauke kam spät und fast erschöpft auf seinem Wallach, den er noch
derzeit ritt, zu Hause an. Aber als er in dem alten Lehnstuhl saß, der
noch von seinem gewichtigen, aber leichter lebenden Vorgänger stammte,
war auch sein Weib ihm schon zur Seite: „Du siehst so müd aus, Hauke,“
sprach sie und strich mit ihrer schmalen Hand das Haar ihm von der
Stirn.
„Ein wenig wohl!“ erwiderte er.
—„Und geht es denn?“
„Es geht schon,“ sagte er mit bitterem Lächeln; „aber ich selber muß
die Räder schieben und froh sein, wenn sie nicht zurückgehalten
werden!“
—„Aber doch nicht von allen?“
„Nein, Elke; dein Pate, Jewe Manners, ist ein guter Mann; ich wollt’,
er wär um dreißig Jahre jünger.“
Als nach einigen Wochen die Deichlinie abgesteckt und der größte Teil
der Sturzkarren geliefert war, waren sämtliche Anteilbesitzer des
einzudeichenden Kooges, ingleichen die Besitzer der hinter dem alten
Deich belegenen Ländereien durch den Deichgrafen im Kirchspielskrug
versammelt worden; es galt, ihnen einen Plan über die Verteilung der
Arbeit und Kosten vorzulegen und ihre etwaige Einwendung zu vernehmen;
denn auch die letzteren hatten, sofern der neue Deich und die neuen
Siele die Unterhaltungskosten der älteren Werke verminderten, ihren
Teil zu schaffen und zu tragen. Dieser Plan war für Hauke ein schwer
Stück Arbeit gewesen, und wenn ihm durch Vermittelung des
Oberdeichgrafen neben einem Deichboten nicht auch noch ein
Deichschreiber wäre zugeordnet worden, er würde es so bald nicht fertig
gebracht haben, obwohl auch jetzt wieder an jedem neuen Tage in die
Nacht hinein gearbeitet war. Wenn er dann todmüde sein Lager suchte, so
hatte nicht wie vordem sein Weib nur in verstelltem Schlafe seiner
gewartet; auch sie hatte so vollgemessen ihre tägliche Arbeit, daß sie
nachts wie am Grunde eines tiefen Brunnens in unstörbarem Schlafe lag.
Als Hauke jetzt seinen Plan verlesen und die Papiere, die freilich
schon drei Tage hier im Kruge zur Einsicht ausgelegen hatten, wieder
auf den Tisch breitete, waren zwar ernste Männer zugegen, die mit
Ehrerbietung diesen gewissenhaften Fleiß betrachteten und sich nach
ruhiger Überlegung den billigen Ansätzen ihres Deichgrafen unterwarfen;
andere aber, deren Anteile an dem neuen Lande von ihnen selbst oder
ihren Vätern oder sonstigen Vorbesitzern waren veräußert worden,
beschwerten sich, daß sie zu den Kosten des neuen Kooges hinzugezogen
seien, dessen Land sie nichts mehr angehe, uneingedenk, daß durch die
neuen Arbeiten auch ihre alten Ländereien nach und nach entbürdet
würden; und wieder andere, die mit Anteilen in dem neuen Koog gesegnet
waren, schrien, man möge ihnen doch dieselben abnehmen, sie sollten um
ein Geringes feil sein; denn wegen der unbilligen Leistungen, die ihnen
dafür aufgebürdet würden, könnten sie nicht damit bestehen. Ole Peters
aber, der mit grimmigem Gesicht am Türpfosten lehnte, rief dazwischen:
„Besinnt euch erst und dann vertrauet unserm Deichgrafen! Der versteht
zu rechnen; er hatte schon die meisten Anteile, da wußte er auch mir
die meinen abzuhandeln, und als er sie hatte, beschloß er, diesen neuen
Koog zu deichen!“
Es war nach diesen Worten einen Augenblick totenstill in der
Versammlung. Der Deichgraf stand an dem Tisch, auf dem er zuvor seine
Papiere gebreitet hatte, er hob seinen Kopf und sah nach Ole Peters
hinüber. „Du weißt wohl, Ole Peters,“ sprach er, „daß du mich
verleumdest; du tust es dennoch, weil du überdies auch weißt, daß doch
ein gut Teil des Schmutzes, womit du mich bewirfst, an mir wird hängen
bleiben! Die Wahrheit ist, daß du deine Anteile lossein wolltest und
daß ich ihrer derzeit für meine Schafzucht bedurfte; und willst du
Weiteres wissen, das ungewaschene Wort, das dir im Krug vom Mund
gefahren, ich sei nur Deichgraf meines Weibes wegen, das hat mich
aufgerüttelt, und ich hab’ euch zeigen wollen, daß ich wohl um meiner
selbst willen Deichgraf sein könne; und somit, Ole Peters, hab’ ich
getan, was schon der Deichgraf vor mir hätte tun sollen. Trägst du mir
aber Groll, daß derzeit deine Anteile die meinen geworden sind—du hörst
es ja, es sind genug, die jetzt die ihrigen um ein billiges feilbieten,
nur weil die Arbeit ihnen jetzt zuviel ist!“
Von einem kleinen Teil der versammelten Männer ging ein Beifallsmurmeln
aus, und der alte Jewe Manners, der dazwischen stand, rief laut:
„Bravo, Hauke Haien! Unser Herrgott wird dir dein Werk gelingen
lassen!“
Aber man kam doch nicht zu Ende, obgleich Ole Peters schwieg und die
Leute erst zum Abendbrote auseinandergingen; erst in einer zweiten
Versammlung wurde alles geordnet; aber auch nur, nachdem Hauke statt
der ihm zukommenden drei Gespanne für den nächsten Monat deren vier auf
sich genommen hatte.
Endlich, als schon die Pfingstglocken durch das Land läuteten, hatte
die Arbeit begonnen: unablässig fuhren die Sturzkarren von dem Vorlande
an die Deichlinie, um den geholten Klei dort abzustürzen, und
gleicherweise war dieselbe Anzahl schon wieder auf der Rückfahrt, um
auf dem Vorland neuen aufzuladen; an der Deichlinie selber standen
Männer mit Schaufeln und Spaten, um das Abgeworfene an seinen Platz zu
bringen und zu ebnen; ungeheuere Fuder Stroh wurden angefahren und
abgeladen; nicht nur zur Bedeckung des leichteren Materials, wie Sand
und lose Erde, dessen man an den Binnenseiten sich bediente, wurde das
Stroh benutzt; allmählich wurden einzelne Strecken des Deiches fertig,
und die Grassoden, womit man sie belegt hatte, wurden stellenweis zum
Schutz gegen die nagenden Wellen mit fester Strohbestickung überzogen.
Bestellte Aufseher gingen hin und her und, wenn es stürmte, standen sie
mit aufgerissenen Mäulern und schrien ihre Befehle durch Wind und
Wetter; dazwischen ritt der Deichgraf auf seinem Schimmel, den er jetzt
ausschließlich in Gebrauch hatte, und das Tier flog mit dem Reiter hin
und wieder, wenn er rasch und trocken seine Anordnungen machte, wenn er
die Arbeiter lobte oder, wie es wohl geschah, einen Faulen oder
Ungeschickten ohn’ Erbarmen aus der Arbeit wies. „Das hilft nicht!“
rief er dann; „um deine Faulheit darf uns nicht der Deich verderben!“
Schon von weitem, wenn er unten aus dem Koog heraufkam, hörten sie das
Schnauben seines Rosses, und alle Hände faßten fester in die Arbeit:
„Frisch zu! Der Schimmelreiter kommt!“
War es um die Frühstückszeit, wo die Arbeiter mit ihrem Morgenbrot
haufenweis beisammen auf der Erde lagen, dann ritt Hauke an den
verlassenen Werken entlang, und seine Augen waren scharf, wo
liederliche Hände den Spaten geführt hatten. Wenn er aber zu den Leuten
ritt und ihnen auseinandersetzte, wie die Arbeit müsse beschafft
werden, sahen sie wohl zu ihm auf und kauten geduldig an ihrem Brote
weiter; aber eine Zustimmung oder auch nur eine Äußerung hörte er nicht
von ihnen. Einmal zu solcher Tageszeit, es war schon spät, da er an
einer Deichstelle die Arbeit in besonderer Ordnung gefunden hatte, ritt
er zu dem nächsten Haufen der Frühstückenden, sprang von seinem
Schimmel und fragte heiter, wer dort so sauberes Tagewerk verrichtet
hätte, aber sie sahen ihn nur scheu und düster an, und nur langsam und
wie widerwillig wurden ein paar Namen genannt. Der Mensch, dem er sein
Pferd gegeben hatte, das ruhig wie ein Lamm stand, hielt es mit beiden
Händen und blickte wie angstvoll nach den schönen Augen des Tieres, die
es, wie gewöhnlich, auf seinen Herrn gerichtet hielt.
„Nun, Marten!“ rief Hauke; „was stehst du, als ob dir der Donner in die
Beine gefahren sei?“
—„Herr, Euer Pferd, es ist so ruhig, als ob es Böses vorhabe!“
Hauke lachte und nahm das Pferd selbst am Zügel, das sogleich
liebkosend den Kopf an seiner Schulter rieb. Von den Arbeitern sahen
einige scheu zu Roß und Reiter hinüber, andere, als ob das alles sie
nicht kümmere, aßen schweigend ihre Frühkost, dann und wann den Möwen
einen Brocken hinaufwerfend, die sich den Futterplatz gemerkt hatten
und mit ihren schlanken Flügeln sich fast auf ihre Köpfe senkten. Der
Deichgraf blickte eine Weile wie gedankenlos auf die bettelnden Vögel
und wie sie die zugeworfenen Bissen mit ihren Schnäbeln haschten; dann
sprang er in den Sattel und ritt, ohne sich nach den Leuten umzusehen,
davon; einige Worte, die jetzt unter ihnen laut wurden, klangen ihm
fast wie Hohn. „Was ist das?“ sprach er bei sich selber. „Hatte denn
Elke recht, daß sie alle gegen mich sind? Auch diese Knechte und
kleinen Leute, von denen vielen durch meinen neuen Deich doch eine
Wohlhabenheit ins Haus wächst?“
Er gab seinem Pferde die Sporen, daß es wie toll in den Koog hinabflog.
Von dem unheimlichen Glanze freilich, mit dem sein früherer Dienstjunge
den Schimmelreiter bekleidet hatte, wußte er selber nichts; aber die
Leute hätten ihn jetzt nur sehen sollen, wie aus seinem hageren Gesicht
die Augen starrten, wie sein Mantel flog und wie der Schimmel sprühte!
—So war der Sommer und der Herbst vergangen; noch bis gegen Ende
November war gearbeitet worden; dann geboten Frost und Schnee dem Werke
Halt; man war nicht fertig geworden und beschloß, den Koog offen liegen
zu lassen. Acht Fuß ragte der Deich aus der Fläche hervor; nur wo
westwärts gegen das Wasser hin die Schleuse gelegt werden sollte, hatte
man eine Lücke gelassen; auch oben vor dem alten Deiche war der Priel
noch unberührt. So konnte die Flut, wie in den letzten dreißig Jahren,
in den Koog hineindringen, ohne dort oder an dem neuen Deiche großen
Schaden anzurichten. Und so überließ man dem großen Gott das Werk der
Menschenhände und stellte es in seinen Schutz, bis die Frühlingssonne
die Vollendung würde möglich machen.
—Inzwischen hatte im Hause des Deichgrafen sich ein frohes Ereignis
vorbereitet: im neunten Ehejahr war noch ein Kind geboren worden. Es
war rot und hutzelig und wog seine sieben Pfund, wie es für neugeborene
Kinder sich gebührt, wenn sie, wie dies, dem weiblichen Geschlechte
angehören; nur sein Geschrei war wunderlich verhohlen und hatte der
Wehmutter nicht gefallen wollen. Das Schlimmste war: am dritten Tage
lag Elke im hellen Fieber, redete Irrsal und kannte weder ihren Mann
noch ihre alte Helferin. Die unbändige Freude, die Hauke beim Anblick
seines Kindes ergriffen hatte, war zu Trübsal geworden; der Arzt aus
der Stadt war geholt, er saß am Bett und fühlte den Puls und verschrieb
und sah ratlos um sich her. Hauke schüttelte den Kopf. „Der hilft
nicht; nur Gott kann helfen!“ Er hatte sich sein eigen Christentum
zurechtgerechnet, aber es war etwas, das sein Gebet zurückhielt. Als
der alte Doktor davongefahren war, stand er am Fenster, in den
winterlichen Tag hinausstarrend, und während die Kranke aus ihren
Phantasien aufschrie, schränkte er die Hände zusammen; er wußte selber
nicht, war es aus Andacht oder war es nur, um in der ungeheueren Angst
sich selbst nicht zu verlieren.
„Wasser! Das Wasser!“ wimmerte die Kranke. „Halt mich!“ schrie sie;
„halt mich, Hauke!“ Dann sank die Stimme; es klang, als ob sie weine:
„In See, ins Haf hinaus? O, lieber Gott, ich seh’ ihn nimmer wieder!“
Da wandte er sich und schob die Wärterin von ihrem Bette; er fiel auf
seine Knie, umfaßte sein Weib und riß sie an sich: „Elke! Elke, so
kenn’ mich doch, ich bin ja bei dir!“
Aber sie öffnete nur die fieberglühenden Augen weit und sah wie
rettungslos verloren um sich.
Er legte sie zurück auf ihre Kissen; dann krampfte er die Hände
ineinander. „Herr, mein Gott,“ schrie er; „nimm sie mir nicht! Du
weißt, ich kann sie nicht entbehren!“ Dann war’s, als ob er sich
besinne, und leiser setzte er hinzu: „Ich weiß ja wohl, du kannst nicht
allezeit, wie du willst, auch du nicht; du bist allweise; du mußt nach
deiner Weisheit tun—o, Herr, sprich nur durch einen Hauch zu mir!“
Es war, als ob plötzlich eine Stille eingetreten sei; er hörte nur ein
leises Atmen; als er sich zum Bette kehrte, lag sein Weib in ruhigem
Schlaf; nur die Wärterin sah mit entsetzten Augen auf ihn. Er hörte die
Tür gehen. „Wer war das?“ frug er.
„Herr, die Magd Ann’ Grete ging hinaus; sie hatte den Warmkorb
hereingebracht.“
—„Was sieht Sie mich denn so verfahren an, Frau Levke?“
„Ich? Ich hab mich ob Eurem Gebet erschrocken, damit betet Ihr keinen
vom Tode los!“
Hauke sah sie mit seinen durchdringenden Augen an: „Besucht Sie denn
auch, wie unsere Ann’ Grete, die Konventikel bei dem holländischen
Flickschneider Jantje?“
„Ja, Herr; wir haben beide den lebendigen Glauben!“
Hauke antwortete ihr nicht. Das damals stark im Schwange gehende
separatistische Konventikelwesen hatte auch unter den Friesen seine
Blüten getrieben; heruntergekommene Handwerker oder wegen Trunkes
abgesetzte Schulmeister spielten darin die Hauptrolle, und Dirnen,
junge und alte Weiber, Faulenzer und einsame Menschen liefen eifrig in
die heimlichen Versammlungen, in denen jeder den Priester spielen
konnte. Aus des Deichgrafen Hause brachten Ann’ Grete und der in sie
verliebte Dienstjunge ihre freien Abende dort zu. Freilich hatte Elke
ihre Bedenken darüber gegen Hauke nicht zurückgehalten; aber er hatte
gemeint, in Glaubenssachen solle man keinem dreinreden: das schade
niemandem, und besser dort doch als im Schnapskrug!
So war es dabei geblieben, und so hatte er auch jetzt geschwiegen. Aber
freilich über ihn schwieg man nicht; seine Gebetsworte liefen um von
Haus zu Haus: er hatte Gottes Allmacht bestritten; was war ein Gott
denn ohne Allmacht? Er war ein Gottesleugner; die Sache mit dem
Teufelspferde mochte auch am Ende richtig sein!
Hauke erfuhr nichts davon; er hatte in diesen Tagen nur Ohren und Augen
für sein Weib, selbst das Kind war für ihn nicht mehr auf der Welt.
Der alte Arzt kam wieder, kam jeden Tag, mitunter zweimal, blieb dann
eine ganze Nacht, schrieb wieder ein Rezept, und der Knecht Iven Johns
ritt damit im Flug zur Apotheke. Dann aber wurde sein Gesicht
freundlicher, er nickte dem Deichgrafen vertraulich zu: „Es geht! Es
geht! Mit Gottes Hilfe!“ Und eines Tags—hatte nun seine Kunst die
Krankheit besiegt, oder hatte auf Haukes Gebet der liebe Gott doch noch
einen Ausweg finden können—als der Doktor mit der Kranken allein war,
sprach er zu ihr, und seine alten Augen lachten: „Frau, jetzt kann
ich’s getrost Euch sagen: heut hat der Doktor seinen Festtag; es stand
schlimm um Euch, aber nun gehöret Ihr wieder zu uns, zu den
Lebendigen!“
Da brach es wie ein Strahlenmeer aus ihren dunklen Augen. „Hauke!
Hauke, wo bist du?“ rief sie, und als er auf den hellen Ruf ins Zimmer
und an ihr Bett stürzte, schlug sie die Arme um seinen Nacken. „Hauke,
mein Mann, gerettet! Ich bleibe bei dir!“
Da zog der alte Doktor sein seiden Schnupftuch aus der Tasche, fuhr
sich damit über Stirn und Wangen und ging kopfnickend aus dem Zimmer.
—Am dritten Abend nach diesem Tage sprach ein frommer Redner—es war ein
vom Deichgrafen aus der Arbeit gejagter Pantoffelmacher—im Konventikel
bei dem holländischen Schneider, da er seinen Zuhörern die
Eigenschaften Gottes auseinandersetzte: „Wer aber Gottes Allmacht
widerstreitet, wer da sagt: ich weiß, du kannst nicht, was du
willst—wir kennen den Unglückseligen ja alle; er lastet gleich einem
Stein auf der Gemeinde—der ist von Gott gefallen und sucht den Feind
Gottes, den Freund der Sünde zu seinem Tröster; denn nach irgend einem
Stabe muß die Hand des Menschen greifen. Ihr aber, hütet euch vor dem,
der also betet; sein Gebet ist Fluch!“
—Auch das lief um von Haus zu Haus. Was läuft nicht um in einer kleinen
Gemeinde? und auch zu Haukes Ohren kam es. Er sprach kein Wort darüber,
nicht einmal zu seinem Weibe; nur mitunter konnte er sie heftig
umfassen und an sich ziehen: „Bleib mir treu, Elke! Bleib mir
treu!“—Dann sahen ihre Augen voll Staunen zu ihm auf. „Dir treu? Wem
sollte ich denn anders treu sein?“—Nach einer kurzen Weile aber hatte
sie sein Wort verstanden. „Ja, Hauke, wir sind uns treu; nicht nur,
weil wir uns brauchen.“ Und dann ging jedes seinen Arbeitsweg.
Das wäre soweit gut gewesen; aber es war doch trotz aller lebendigen
Arbeit eine Einsamkeit um ihn, und in seinem Herzen nistete sich ein
Trotz und abgeschlossenes Wesen gegen andere Menschen ein; nur gegen
sein Weib blieb er allezeit der gleiche, und an der Wiege seines Kindes
lag er abends und morgens auf den Knien, als sei dort die Stätte seines
ewigen Heils. Gegen Gesinde und Arbeiter aber wurde er strenger; die
Ungeschickten und Fahrlässigen, die er früher durch ruhigen Tadel
zurechtgewiesen hatte, wurden jetzt durch hartes Anfahren
aufgeschreckt, und Elke ging mitunter leise bessern.
Als der Frühling nahte, begannen wieder die Deicharbeiten; mit einem
Kajedeich wurde zum Schutz der jetzt aufzubauenden neuen Schleuse die
Lücke in der westlichen Deichlinie geschlossen, halbmondförmig nach
innen und ebenso nach außen; und gleich der Schleuse wuchs allmählich
auch der Hauptdeich zu seiner immer rascher herzustellenden Höhe empor.
Leichter wurde dem leitenden Deichgrafen seine Arbeit nicht; denn an
Stelle des im Winter verstorbenen Jewe Manners war Ole Peters als
Deichgevollmächtigter eingetreten. Hauke hatte nicht versuchen wollen,
es zu hindern; aber anstatt der ermutigenden Worte und der dazu
gehörigen zutunlichen Schläge auf seine linke Schulter, die er so oft
von dem alten Paten seines Weibes einkassiert hatte, kamen ihm jetzt
von dem Nachfolger ein heimliches Widerhalten und unnötige Einwände und
waren mit unnötigen Gründen zu bekämpfen; denn Ole gehörte zwar zu den
Wichtigen, aber in Deichsachen nicht zu den Klugen; auch war von früher
her der „Schreiberknecht“ ihm immer noch im Wege.
Der glänzendste Himmel breitete sich wieder über Meer und Marsch, und
der Koog wurde wieder bunt von starken Rindern, deren Gebrüll von Zeit
zu Zeit die weite Stille unterbrach; unablässig sangen in hoher
Himmelsluft die Lerchen, aber man hörte es erst, wenn einmal auf eines
Atemzuges Länge der Gesang verstummt war. Kein Unwetter störte die
Arbeit, und die Schleuse stand schon mit ihrem ungestrichenen
Balkengefüge, ohne daß auch nur in einer Nacht sie eines Schutzes von
dem Interimsdeich bedurft hätte; der Herrgott schien seine Gunst dem
neuen Werke zuzuwenden. Auch Frau Elkes Augen lachten ihrem Manne zu,
wenn er auf seinem Schimmel draußen von dem Deich nach Hause kam: „Bist
doch ein braves Tier geworden!“ sagte sie dann und klopfte den blanken
Hals des Pferdes. Hauke aber, wenn sie das Kind am Halse hatte, sprang
herab und ließ das winzige Dinglein auf seinen Armen tanzen; wenn dann
der Schimmel seine braunen Augen auf das Kind gerichtet hielt, dann
sprach er wohl: „Komm her; sollst auch die Ehre haben!“ und er setzte
die kleine Wienke—denn so war sie getauft worden—auf seinen Sattel und
führte den Schimmel auf der Werft im Kreise herum. Auch der alte
Eschenbaum hatte mitunter die Ehre; er setzte das Kind auf einen
schwanken Ast und ließ es schaukeln. Die Mutter stand mit lachenden
Augen in der Haustür; das Kind aber lachte nicht, seine Augen, zwischen
denen ein feines Näschen stand, schauten ein wenig stumpf ins Weite,
und die kleinen Hände griffen nicht nach dem Stöckchen, das der Vater
ihr hinhielt. Hauke achtete nicht darauf, er wußte auch nichts von so
kleinen Kindern; nur Elke, wenn sie das helläugige Mädchen auf dem Arm
ihrer Arbeitsfrau erblickte, die mit ihr zugleich das Wochenbett
bestanden hatte, sagte mitunter schmerzlich: „Das meine ist noch nicht
so weit wie deines, Stina!“ Und die Frau, ihren dicken Jungen, den sie
an der Hand hatte, mit derber Liebe schüttelnd, rief dann wohl: „Ja,
Frau, die Kinder sind verschieden; der da, der stahl mir schon die
Äpfel aus der Kammer, bevor er übers zweite Jahr hinaus war!“ Und Elke
strich dem dicken Buben sein Kraushaar aus den Augen und drückte dann
heimlich ihr stilles Kind ans Herz.
—Als es in den Oktober hineinging, stand an der Westseite die neue
Schleuse schon fest in dem von beiden Seiten schließenden Hauptdeich,
der bis auf die Lücken bei dem Priele nun mit seinem sanften Profil
ringsum nach den Wasserseiten abfiel und um fünfzehn Fuß die ordinäre
Flut überragte. Von seiner Nordwestecke sah man an Jevershallig vorbei
ungehindert in das Wattenmeer hinaus; aber freilich auch die Winde
faßten hier schärfer; die Haare flogen, und wer hier ausschauen wollte,
der mußte die Mütze fest auf dem Kopf haben.
Zu Ende November, wo Sturm und Regen eingefallen waren, blieb nur noch
hart am alten Deich die Schlucht zu schließen, auf deren Grund an der
Nordseite das Meerwasser durch den Priel in den neuen Koog hineinschoß.
Zu beiden Seiten standen die Wände des Deiches; der Abgrund zwischen
ihnen mußte jetzt verschwinden. Ein trocken Sommerwetter hätte die
Arbeit wohl erleichtert; aber auch so mußte sie getan werden, denn ein
aufbrechender Sturm konnte das ganze Werk gefährden. Und Hauke setzte
alles daran, um jetzt den Schluß herbeizuführen. Der Regen strömte, der
Wind pfiff; aber seine hagere Gestalt auf dem feurigen Schimmel tauchte
bald hier, bald dort aus den schwarzen Menschenmassen empor, die oben
wie unten an der Nordseite des Deiches neben der Schlucht beschäftigt
waren. Jetzt sah man ihn unten bei den Sturzkarren, die schon weither
die Kleierde aus dem Vorlande holen mußten, und von denen eben ein
gedrängter Haufen bei dem Priele anlangte und seine Last dort
abzuwerfen suchte. Durch das Geklatsch des Regens und das Brausen des
Windes klangen von Zeit zu Zeit die scharfen Befehlsworte des
Deichgrafen, der heute hier allein gebieten wollte; er rief die Karren
nach den Nummern vor und wies die Drängenden zurück; ein „Halt!“ schon
von seinem Munde, dann ruhte unten die Arbeit; „Stroh! ein Fuder Stroh
hinab!“ rief er denen droben zu, und von einem der oben haltenden Fuder
stürzte es auf den nassen Klei hinunter. Unten sprangen Männer
dazwischen und zerrten es auseinander und schrien nach oben, sie nur
nicht zu begraben. Und wieder kamen neue Karren, und Hauke war schon
wieder oben und sah von seinem Schimmel in die Schlucht hinab, und wie
sie dort schaufelten und stürzten; dann warf er seine Augen nach dem
Haf hinaus. Es wehte scharf, und er sah, wie mehr und mehr der
Wassersaum am Deich hinaufklimmte und wie die Wellen sich noch höher
hoben; er sah auch, wie die Leute trieften und kaum atmen konnten in
der schweren Arbeit vor dem Winde, der ihnen die Luft am Munde
abschnitt, und vor dem kalten Regen, der sie überströmte. „Ausgehalten,
Leute! Ausgehalten!“ schrie er zu ihnen hinab. „Nur einen Fuß noch
höher; dann ist’s genug für diese Flut!“ Und durch alles Getöse des
Wetters hörte man das Geräusch der Arbeiter; das Klatschen der
hineingestürzten Kleimassen, das Rasseln der Karren und das Rauschen
des von oben hinabgelassenen Strohes ging unaufhaltsam vorwärts;
dazwischen war mitunter das Winseln eines kleinen gelben Hundes laut
geworden, der frierend und wie verloren zwischen Menschen und
Fuhrwerken herumgestoßen wurde; plötzlich aber scholl ein jammervoller
Schrei des kleinen Tieres von unten aus der Schlucht herauf. Hauke
blickte hinab; er hatte es von oben hinunterschleudern sehen; eine jähe
Zornröte stieg ihm ins Gesicht. „Halt! Haltet ein!“ schrie er zu den
Karren hinunter; denn der nasse Klei wurde unaufhaltsam aufgeschüttet.
„Warum?“ schrie eine rauhe Stimme von unten herauf; „doch um die elende
Hundekreatur nicht?“
„Halt! sag’ ich,“ schrie Hauke wieder; „bringt mir den Hund! Bei unserm
Werke soll kein Frevel sein!“
Aber es rührte sich keine Hand; nur ein paar Spaten zähen Kleis flogen
noch neben das schreiende Tier. Da gab er seinem Schimmel die Sporen,
daß das Tier einen Schrei ausstieß, und stürmte den Deich hinab, und
alles wich vor ihm zurück. „Den Hund!“ schrie er; „ich will den Hund!“
Eine Hand schlug sanft auf seine Schulter, als wäre es die Hand des
alten Jewe Manners; doch als er umsah, war es nur ein Freund des Alten.
„Nehmt Euch in acht, Deichgraf!“ raunte der ihm zu. „Ihr habt nicht
Freunde unter diesen Leuten; laßt es mit dem Hunde gehen!“
Der Wind pfiff, der Regen klatschte; die Leute hatten die Spaten in den
Grund gesteckt, einige sie fortgeworfen. Hauke neigte sich zu dem
Alten. „Wollt ihr meinen Schimmel halten, Harke Jens?“ frug er; und als
jener noch kaum den Zügel in der Hand hatte, war Hauke schon in die
Kluft gesprungen und hielt das kleine winselnde Tier in seinem Arm; und
fast im selben Augenblick saß er auch wieder hoch im Sattel und
sprengte auf den Deich zurück. Seine Augen flogen über die Männer, die
bei den Wagen standen. „Wer war es?“ rief er. „Wer hat die Kreatur
hinabgeworfen?“
Einen Augenblick schwieg alles, denn aus dem hageren Gesicht des
Deichgrafen sprühte der Zorn, und sie hatten abergläubische Furcht vor
ihm. Da trat von einem Fuhrwerk ein stiernackiger Kerl vor ihn hin.
„Ich tat es nicht, Deichgraf,“ sagte er und biß von einer Rolle
Kautabak ein Endchen ab, das er sich erst ruhig in den Mund schob;
„aber der es tat, hat recht getan; soll Euer Deich sich halten, so muß
was Lebiges hinein!“
—„Was Lebiges? Aus welchem Katechismus hast du das gelernt?“
„Aus keinem, Herr!“ entgegnete der Kerl, und aus seiner Kehle stieß ein
freches Lachen; „das haben unsere Großväter schon gewußt, die sich mit
Euch im Christentum wohl messen durften! Ein Kind ist besser noch; wenn
das nicht da ist, tut’s auch ein Hund!“
„Schweig du mit deinen Heidenlehren!“ schrie ihn Hauke an, „es stopfte
besser, wenn man dich hineinwürfe.“
„Oho!“ erscholl es; aus einem Dutzend Kehlen war der Laut gekommen, und
der Deichgraf gewahrte ringsum grimmige Gesichter und geballte Fäuste;
er sah wohl, daß das keine Freunde waren; der Gedanke an seinen Deich
überfiel ihn wie ein Schrecken: was sollte werden, wenn jetzt alle ihre
Spaten hinwürfen?—Und als er nun den Blick nach unten richtete, sah er
wieder den Freund des alten Jewe Manners; der ging dort zwischen den
Arbeitern, sprach zu dem und jenem, lachte hier einem zu, klopfte dort
mit freundlichem Gesicht einem auf die Schulter, und einer nach dem
anderen faßte wieder seinen Spaten; noch einige Augenblicke, und die
Arbeit war wieder in vollem Gange.—Was wollte er denn noch? Der Priel
mußte geschlossen werden, und den Hund barg er sicher genug in den
Falten seines Mantels. Mit plötzlichem Entschluß wandte er seinen
Schimmel gegen des nächsten Wagen: „Stroh an die Kante!“ rief er
herrisch, und wie mechanisch gehorchte ihm der Fuhrknecht; bald
rauschte es hinab in die Tiefe, und von allen Seiten regte es sich aufs
neue und mit allen Armen.
Eine Stunde war noch so gearbeitet; es war nach sechs Uhr, und schon
brach tiefe Dämmerung herein, der Regen hatte aufgehört, da rief Hauke
die Aufseher an sein Pferd: „Morgen früh vier Uhr,“ sagte er, „ist
alles wieder auf dem Platz; der Mond wird noch am Himmel sein; da
machen wir mit Gott den Schluß! Und dann noch eines!“ rief er, als sie
gehen wollten; „kennt ihr den Hund?,“ und er nahm das zitternde Tier
aus seinem Mantel.
Sie verneinten das; nur einer sagte: „Der hat sich taglang schon im
Dorf herumgebettelt; der gehört gar keinem!“
„Dann ist er mein!“ entgegnete der Deichgraf. „Vergesset nicht: morgen
früh vier Uhr!“ und ritt davon.
Als er heimkam, trat Ann’ Grete aus der Tür: sie hatte saubere Kleidung
an, und es fuhr ihm durch den Kopf, sie gehe jetzt zum
Konventikelschneider. „Halt die Schürze auf!“ rief er ihr zu, und da
sie es unwillkürlich tat, warf er das kleibeschmutzte Hündlein ihr
hinein. „Bring’ ihn der kleinen Wienke; er soll ihr Spielkamerad
werden! Aber wasch und wärm ihn zuvor; so tust du auch ein gottgefällig
Werk; denn die Kreatur ist schier verklommen.“
Und Ann’ Grete konnte nicht lassen, ihrem Wirt Gehorsam zu leisten, und
kam deshalb heute nicht in den Konventikel.
Und am anderen Tage wurde der letzte Spatenstich am neuen Deich getan;
der Wind hatte sich gelegt; in anmutigem Fluge schwebten Möwen und
Avosetten über Land und Wasser hin und wider; von Jevershallig tönte
das tausendstimmige Geknorr der Rottgänse, die sich’s noch heute an der
Küste der Nordsee wohl sein ließen, und aus den weißen Morgennebeln,
welche die weite Marsch bedeckten, stieg allmählich ein goldner
Herbsttag und beleuchtete das neue Werk der Menschenhände.
Nach einigen Wochen kamen mit dem Oberdeichgrafen die herrschaftlichen
Kommissäre zur Besichtigung desselben; ein großes Festmahl, das erste
nach dem Leichenmahl des alten Tede Volkerts, wurde im deichgräflichen
Hause gehalten; alle Deichgevollmächtigten und die größten
Interessenten waren dazu geladen. Nach Tische wurden sämtliche Wagen
der Gäste und des Deichgrafen angespannt; Frau Elke wurde von dem
Oberdeichgrafen in die Karriole gehoben, vor der der braune Wallach mit
seinen Hufe stampfte; dann sprang er selber hintennach und nahm die
Zügel in die Hand; er wollte die gescheite Frau seines Deichgrafen
selber fahren. So ging es munter von der Werfte und in den Weg hinaus,
den Akt zum neuen Deich hinan und auf demselben um den jungen Koog
herum. Es war inmittelst ein leichter Nordwestwind aufgekommen, und an
der Nord- und Westseite des neuen Deiches wurde die Flut
hinaufgetrieben; aber es war unverkennbar, der sanfte Abfall bedingte
einen sanfteren Anschlag; aus dem Munde der herrschaftlichen Kommissäre
strömte das Lob des Deichgrafen, daß die Bedenken, welche hie und da
von den Gevollmächtigten dagegen langsam vorgebracht wurden, gar bald
darin erstickten.
—Auch das ging vorüber; aber noch eine Genugtuung empfing der Deichgraf
eines Tages, da er in stillem, selbstbewußtem Sinnen auf dem neuen
Deich entlang ritt. Es mochte ihm wohl die Frage kommen, weshalb der
Koog, der ohne ihn nicht da wäre, in dem sein Schweiß und seine
Nachtwachen steckten, nun schließlich nach einer der herrschaftlichen
Prinzessinnen „der neue Karolinenkoog“ getauft sei; aber es war doch
so: auf allen dahin gehörigen Schriftstücken stand der Name, auf
einigen sogar in roter Frakturschrift. Da, als er aufblickte, sah er
zwei Arbeiter mit ihren Feldgerätschaften, der eine etwa zwanzig
Schritte hinter dem andern, sich entgegenkommen. „So wart’ doch!“ hörte
er den Nachfolgenden rufen; der andere aber—er stand eben an einem Akt,
der in den Koog hinunterführte rief ihm entgegen: „Ein andermal, Jens!
Es ist schon spät; ich soll hier Klei schlagen!“
—„Wo denn?“
„Nun hier, im Hauke-Haien-Koog!“
Er rief es laut, indem er den Akt hinabtrabte, als solle die ganze
Marsch es hören, die darunterlag. Hauke aber war es, als höre er seinen
Ruhm verkünden; er hob sich im Sattel, gab seinem Schimmel die Sporen
und sah mit festen Augen über die weite Landschaft hin, die zu seiner
Linken lag. „Hauke-Haien-Koog!“ wiederholte er leis; das klang, als
könnt’ es allezeit nicht anders heißen! Mochten sie trotzen, wie sie
wollten, um seinen Namen war doch nicht herumzukommen; der
Prinzessinnen-Name—würde er nicht bald nur noch in alten Schriften
modern?—Der Schimmel ging in stolzem Galopp; vor seinen Ohren aber
summte es: „Hauke-Haien-Koog! Hauke-Haien-Koog!“In seinem Gedanken
wuchs fast der neue Deich zu einem achten Weltwunder; in ganz Friesland
war nicht seinesgleichen! Und er ließ den Schimmel tanzen; ihm war, er
stünde inmitten aller Friesen; er überragte sie um Kopfeshöhe, und
seine Blicke flogen scharf und mitleidig über sie hin.
—Allmählich waren drei Jahre seit der Eindeichung hingegangen; das neue
Werk hatte sich bewährt, die Reparaturkosten waren nur gering gewesen;
im Kooge aber blühte jetzt fast überall der weiße Klee, und ging man
über die geschützten Weiden, so trug der Sommerwind einem ganze Wolken
süßen Dufts entgegen. Da war die Zeit gekommen, die bisher nur idealen
Anteile in wirkliche zu verwandeln und allen Teilnehmern ihre
bestimmten Stücke für immer eigentümlich zuzusetzen. Hauke war nicht
müßig gewesen, vorher noch einige neue zu erwerben; Ole Peters hatte
sich verbissen zurückgehalten, ihm gehörte nichts im neuen Kooge. Ohne
Verdruß und Streit hatte auch so die Teilung nicht abgehen können, aber
fertig war er gleichwohl geworden; auch dieser Tag lag hinter dem
Deichgrafen.
Fortan lebte er einsam seinen Pflichten als Hofwirt wie als Deichgraf
und denen, die ihm am nächsten angehörten; die alten Freunde waren
nicht mehr in der Zeitlichkeit, neue zu erwerben, war er nicht
geeignet. Aber unter seinem Dach war Frieden, den auch das stille Kind
nicht störte; es sprach wenig, das stete Fragen, was den aufgeweckten
Kindern eigen ist, kam selten und meist so, daß dem Gefragten die
Antwort darauf schwer wurde; aber ihr liebes, einfältiges Gesichtlein
trug fast immer den Ausdruck der Zufriedenheit. Zwei Spielkameraden
hatte sie, die waren ihr genug: wenn sie über die Werfte wanderte,
sprang das gerettete gelbe Hündlein stets um sie herum, und wenn der
Hund sich zeigte, war auch klein Wienke nicht mehr fern. Der zweite
Kamerad war eine Lachmöwe, und wie der Hund „Perle,“ so hieß die Möwe
„Klaus“.
Klaus war durch ein greises Menschenkind auf dem Hofe installiert
worden: die achtzigjährige Trien’ Jans hatte in ihrer Kate auf dem
Außendeich sich nicht mehr durchbringen können; da hatte Frau Elke
gemeint, die verlebte Dienstmagd ihres Großvaters könnte bei ihnen noch
ein paar stille Abendstunden und eine gute Sterbekammer finden, und so,
halb mit Gewalt, war sie von ihr und Hauke nach dem Hofe geholt und in
dem Nordweststübchen der neuen Scheuer untergebracht worden, die der
Deichgraf vor einigen Jahren neben dem Haupthause bei der Vergrößerung
seiner Wirtschaft hatte bauen müssen; ein paar der Mägde hatten daneben
ihre Kammer erhalten und konnten der Greisin nachts zur Hand gehen.
Rings an den Wänden hatte sie ihr altes Hausgerät: eine Schatulle von
Zuckerkistenholz, darüber zwei bunte Bilder vom verlorenen Sohn, ein
längst zur Ruhe gestelltes Spinnrad und ein sehr sauberes Gardinenbett,
vor dem ein ungefüger, mit dem weißen Fell des weiland Angorakaters
überzogener Schemel stand. Aber auch was Lebiges hatte sie noch um sich
gehabt und mit hierher gebracht: das war die Möwe Klaus, die sich schon
jahrelang zu ihr gehalten hatte und von ihr gefüttert worden war;
freilich, wenn es Winter wurde, flog sie mit den andern Möwen südwärts
und kam erst wieder, wenn am Strand der Wermut duftete.
Die Scheuer lag etwas tiefer an der Werfte; die Alte konnte von ihrem
Fenster aus nicht über den Deich auf die See hinausblicken. „Du hast
mich hier als wie gefangen, Deichgraf!“ murrte sie eines Tages, als
Hauke zu ihr eintrat, und wies mit ihrem verkrümmten Finger nach den
Fennen hinaus, die sich dort unten breiteten. „Wo ist denn Jeverssand?
Da über den roten oder über den schwarzen Ochsen hinaus?“
„Was will Sie denn mit Jeverssand?“ fragte Hauke.
—„Ach was, Jeverssand!“ brummte die Alte. „Aber ich will doch sehen, wo
mein Jung’ mir derzeit ist zu Gott gegangen!“
—„Wenn Sie das sehen will,“ entgegnete Hauke, „so muß Sie sich oben
unter den Eschenbaum setzen, da sieht Sie das ganze Haf!“
„Ja,“ sagte die Alte; „ja, wenn ich deine jungen Beine hätte,
Deichgraf!“
Dergleichen blieb lange der Dank für die Hülfe, die ihr die
Deichgrafsleute angedeihen ließen; dann aber wurde es auf einmal
anders. Der kleine Kindskopf Wienkes guckte eines Morgens durch die
halbgeöffnete Tür zu ihr herein. „Na,“ rief die Alte, welche mit den
Händen ineinander auf ihrem Holzstuhl saß, „was hast du denn zu
bestellen?“
Aber das Kind kam schweigend näher und sah sie mit ihren gleichgültigen
Augen unablässig an.
„Bist du das Deichgrafskind?“ frug sie Trien’ Jans, und da das Kind wie
nickend das Köpfchen senkte, fuhr sie fort: „So setz’ dich hier auf
meinen Schemel! Ein Angorakater ist’s gewesen—so groß! Aber dein Vater
hat ihn totgeschlagen. Wenn er noch lebig wäre, so könnt’st du auf ihm
reiten.“
Wienke richtete stumm ihre Augen auf das weiße Fell; dann kniete sie
nieder und begann es mit ihren kleinen Händen zu streicheln, wie Kinder
es bei einer lebenden Katze oder einem Hunde zu machen pflegen. „Armer
Kater!“ sagte sie dann und fuhr wieder in ihren Liebkosungen fort.
„So!“ rief nach einer Weile die Alte; „jetzt ist es genug; und sitzen
kannst du auch noch heut auf ihm; vielleicht hat dein Vater ihn auch
nur um deshalb totgeschlagen!“ Dann hob sie das Kind an beiden Armen in
die Höhe und setzte es derb auf den Schemel nieder. Da es aber stumm
und unbeweglich sitzen blieb und sie nur immer ansah, begann sie mit
dem Kopfe zu schütteln. „Du strafst ihn, Gott der Herr! Ja, ja, du
strafst ihn!“ murmelte sie; aber ein Erbarmen mit dem Kinde schien sie
doch zu überkommen; ihre knöcherne Hand strich über das dürftige Haar
desselben, und aus den Augen der Kleinen kam es, als ob ihr damit wohl
geschehe.
Von nun an kam Wienke täglich zu der Alten in die Kammer; sie setzte
sich bald von selbst auf den Angoraschemel, und Trien’ Jans gab ihr
kleine Fleisch- und Brotstückchen in ihre Händchen, welche sie allezeit
in Vorrat hatte, und ließ sie diese auf den Fußboden werfen, dann kam
mit Gekreisch und ausgespreizten Flügeln die Möwe aus irgend einem
Winkel hervorgeschossen und machte sich darüber her. Erst erschrak das
Kind und schrie auf vor dem großen stürmenden Vogel; bald aber war es
wie ein eingelerntes Spiel, und wenn sie nur ihr Köpfchen durch den
Türspalt steckte, schoß schon der Vogel auf sie zu und setzte sich ihr
auf Kopf oder Schulter, bis die Alte ihr zu Hülfe kam und die Fütterung
beginnen konnte. Trien’ Jans, die es sonst nicht hatte leiden können,
daß einer auch nur die Hand nach ihrem „Klaus“ ausstreckte, sah jetzt
geduldig zu, wie das Kind allmählich ihr den Vogel völlig abgewann. Er
ließ sich willig von ihr haschen; sie trug ihn umher und wickelte ihn
in ihre Schürze, und wenn dann auf der Werfte etwa das gelbe Hündlein
um sie herum- und eifersüchtig gegen den Vogel aufsprang, dann rief sie
wohl: „Nicht du, nicht du, Perle!“ und hob mit ihren Ärmchen die Möwe
so hoch, daß diese, sich selbst befreiend, schreiend über die Werfte
hinflog und statt ihrer nun der Hund durch Schmeicheln und Springen den
Platz auf ihren Armen zu erobern suchte.
Fielen zufällig Haukes und Elkes Augen auf dies wunderliche Vierblatt,
das nur durch einen gleichen Mangel am selben Stengel festgehalten
wurde, dann flog wohl ein zärtlicher Blick auf ihr Kind; hatten sie
sich gewandt, so blieb nur noch ein Schmerz auf ihrem Antlitz, den
jedes einsam mit sich von dannen trug, denn das erlösende Wort war
zwischen ihnen noch nicht gesprochen worden. Da eines Sommervormittags,
als Wienke mit der Alten und den beiden Tieren auf den großen Steinen
vor der Scheuntür saß, gingen ihre beiden Eltern, der Deichgraf seinen
Schimmel hinter sich, die Zügel über dem Arme, hier vorüber; er wollte
auf den Deich hinaus und hatte das Pferd sich selber von der Fenne
heraufgeholt; sein Weib hatte auf der Werfte sich an seinen Arm
gehängt. Die Sonne schien warm hernieder; es war fast schwül, und
mitunter kam ein Windstoß aus Südsüdost. Dem Kinde mochte es auf dem
Platze unbehaglich werden. „Wienke will mit!“ rief sie, schüttelte die
Möwe von ihrem Schoß und griff nach der Hand ihres Vaters.
„So komm!“ sagte dieser.
—Frau Elke aber rief. „In dem Wind? Sie fliegt dir weg!“
„Ich halt’ sie schon; und heut haben wir warme Luft und lustig Wasser,
da kann sie’s tanzen sehen.“
Und Elke lief ins Haus und holte noch ein Tüchlein und ein Käppchen für
ihr Kind. „Aber es gibt ein Wetter,“ sagte sie; „macht, daß ihr
fortkommt, und seid bald wieder hier!“
Hauke lachte: „Das soll uns nicht zu fassen kriegen!“ und hob das Kind
zu sich auf den Sattel. Frau Elke blieb noch eine Weile auf der Werfte
und sah, mit der Hand ihre Augen beschattend, die beiden auf den Weg
und nach dem Deich hinübertraben; Trien’ Jans saß auf dem Stein und
murmelte Unverständliches mit ihren welken Lippen.
Das Kind lag regungslos im Arm des Vaters; es war, als atme es
beklommen unter dem Druck der Gewitterluft; er neigte den Kopf zu ihr.
„Nun, Wienke?“ fragte er.
Das Kind sah ihn eine Weile an. „Vater,“ sagte es, „du kannst das doch!
Kannst du nicht alles?“
„Was soll ich können, Wienke?“
Aber sie schwieg; sie schien die eigene Frage nicht verstanden zu
haben.
Es war Hochflut; als sie auf den Deich hinaufkamen, schlug der
Widerschein der Sonne von dem weiten Wasser ihr in die Augen, ein
Wirbelwind trieb die Wellen strudelnd in die Höhe, und neue kamen heran
und schlugen klatschend gegen den Strand; da klammerte sie ihre
Händchen angstvoll um die Faust ihres Vaters, die den Zügel führte, daß
der Schimmel mit einem Satz zur Seite fuhr. Die blaßblauen Augen sahen
in wirrem Schreck zu Hauke auf „Das Wasser, Vater! das Wasser!“ rief
sie.
Aber er löste sich sanft und sagte: „Still, Kind, du bist bei deinem
Vater; das Wasser tut dir nichts!“
Sie strich sich das fahlblonde Haar aus der Stirn und wagte es wieder,
auf die See hinauszusehen. „Es tut mir nichts,“ sagte sie zitternd;
„nein, sag’, daß es uns nichts tun soll; du kannst das, und dann tut es
uns auch nichts!“
„Nicht ich kann das, Kind,“ entgegnete Hauke ernst: „aber der Deich,
auf dem wir reiten, der schützt uns, und den hat dein Vater ausgedacht
und bauen lassen.“
Ihre Augen gingen wider ihn, als ob sie das nicht ganz verstünde, dann
barg sie ihr auffallend kleines Köpfchen in dem weiten Rocke ihres
Vaters.
„Warum versteckst du dich, Wienke?“ raunte der ihr zu; „ist dir noch
immer bange?“ Und ein zitterndes Stimmchen kam aus den Falten des
Rockes: „Wienke will lieber nicht sehen; aber du kannst doch alles,
Vater?“
Ein ferner Donner rollte gegen den Wind herauf „Hoho?“ rief Hauke, „da
kommt es!“ und wandte sein Pferd zur Rückkehr. „Nun wollen wir heim zur
Mutter!“
Das Kind tat einen tiefen Atemzug; aber erst als sie die Werfte und das
Haus erreicht hatten, hob es das Köpfchen von seines Vaters Brust. Als
dann Frau Elke ihr im Zimmer das Tüchelchen und die Kapuze abgenommen
hatte, blieb sie wie ein kleiner stummer Kegel vor der Mutter stehen.
„Nun, Wienke,“ sagte diese und schüttelte sie leise, „magst du das
große Wasser leiden?“
Aber das Kind riß die Augen auf „Es spricht,“ sagte sie; „Wienke ist
bange!“
—„Es spricht nicht; es rauscht und toset nur!“
Das Kind sah ins Weite. „Hat es Beine?“ frug es wieder; „kann es über
den Deich kommen?“
—„Nein, Wienke; dafür paßt dein Vater auf, er ist der Deichgraf“
„Ja,“ sagte das Kind und klatschte mit blödem Lächeln in seine
Händchen; „Vater kann alles—alles!“ Dann plötzlich, sich von der Mutter
abwendend, rief sie: „Laß Wienke zu Trien’ Jans, die hat rote Äpfel!“
Und Elke öffnete die Tür und ließ das Kind hinaus. Als sie dieselbe
wieder geschlossen hatte, schlug sie mit einem Ausdruck des tiefsten
Grams die Augen zu ihrem Manne auf, aus denen ihm sonst nur Trost und
Mut zu Hülfe gekommen war.
Er reichte ihr die Hand und drückte sie, als ob es zwischen ihnen
keines weiteren Wortes bedürfe; sie aber sagte leis: „Nein, Hauke, laß
mich sprechen: das Kind, das ich nach Jahren dir geboren habe, es wird
für immer ein Kind bleiben. O, lieber Gott! es ist schwachsinnig; ich
muß es einmal vor dir sagen.“
„Ich wußte es längst,“ sagte Hauke und hielt die Hand seines Weibes
fest, die sie ihm entziehen wollte.
„So sind wir denn doch allein geblieben,“ sprach sie wieder.
Aber Hauke schüttelte den Kopf. „Ich hab’ sie lieb, und sie schlägt
ihre Ärmchen um mich und drückt sich fest an meine Brust; um alle
Schätze wollt’ ich das nicht missen!“
Die Frau sah finster vor sich hin. „Aber warum?“ sprach sie; „was hab’
ich arme Mutter denn verschuldet?“
—„Ja, Elke, das hab’ ich freilich auch gefragt, den, der allein es
wissen kann; aber du weißt ja auch, der Allmächtige gibt den Menschen
keine Antwort—vielleicht, weil wir sie nicht begreifen würden.“
Er hatte auch die andere Hand seines Weibes gefaßt und zog sie sanft zu
sich heran. „Laß dich nicht irren, dein Kind, wie du es tust, zu
lieben; sei sicher, das versteht es!“
Da warf sich Elke an ihres Mannes Brust und weinte sich satt und war
mit ihrem Leid nicht mehr allein. Dann plötzlich lächelte sie ihn an;
nach einem heftigen Händedruck lief sie hinaus und holte sich ihr Kind
aus der Kammer der alten Trien’ Jans und nahm es auf ihren Schoß und
hätschelte und küßte es, bis es stammelnd sagte: „Mutter, mein’ liebe
Mutter!“
So lebten die Menschen auf dem Deichgrafshofe still beisammen; wäre das
Kind nicht dagewesen, es hätte viel gefehlt.
Allmählich verfloß der Sommer; die Zugvögel waren durchgezogen, die
Luft wurde leer vom Gesang der Lerchen; nur vor den Scheunen, wo sie
beim Dreschen Körner pickten, hörte man hie und da einige kreischend
davonfliegen; schon war alles hart gefroren. In der Küche des
Haupthauses saß eines Nachmittags die alte Trien’ Jans auf der
Holzstufe einer Treppe, die neben dem Feuerherd nach dem Boden lief. Es
war in den letzten Wochen, als sei sie aufgelebt; sie kam jetzt gern
einmal in die Küche und sah Frau Elke hier hantieren; es war keine Rede
mehr davon, daß ihre Beine sie nicht hätten dahin tragen können, seit
eines Tages klein Wienke sie an der Schürze hierherauf gezogen hatte.
Jetzt kniete das Kind an ihrer Seite und sah mit seinen stillen Augen
in die Flammen, die aus dem Herdloch aufflackerten; ihr eines Händchen
klammerte sich an den Ärmel der Alten, das andere lag in ihrem eigenen
fahlblonden Haar. Trien’ Jans erzählte. „Du weißt,“ sagte sie, „ich
stand im Dienst bei deinem Urgroßvater, als Hausmagd, und dann mußt’
ich die Schweine füttern; der war klüger als sie alle—da war es, es ist
grausam lange her, aber eines Abends, der Mond schien, da ließen sie
die Haffschleuse schließen, und sie konnte nicht wieder zurück in See.
Oh, wie sie schrie und mit ihren Fischhändchen sich ihre harten
struppigen Haare griff! Ja, Kind, ich sah es und hörte sie selber
schreien! Die Gräben zwischen den Fennen waren alle voll Wasser, und
der Mond schien darauf, daß sie wie Silber glänzten, und sie schwamm
aus einem Graben in den anderen und hob die Arme und schlug, was ihre
Hände waren, aneinander, daß man es weither klatschen hörte, als wenn
sie beten wollte; aber, Kind, beten können diese Kreaturen nicht. Ich
saß vor der Haustür auf ein paar Balken, die zum Bauen angefahren
waren, und sah weithin über die Fennen; und das Wasserweib schwamm noch
immer in den Gräben, und wenn sie die Arme aufhob, so glitzerten auch
die wie Silber und Demanten. Zuletzt sah ich sie nicht mehr, und die
Wildgäns’ und Möwen, die ich all die Zeit nicht gehört hatte, zogen
wieder mit Pfeifen und Schnattern durch die Luft.“
Die Alte schwieg; das Kind hatte ein Wort sich aufgefangen. „Konnte
nicht beten?“ fragte sie. „Was sagst du? Wer war es?“
„Kind,“ sagte die Alte; „die Wasserfrau war es; das sind Undinger, die
nicht selig werden können.“
„Nicht selig!“ wiederholte das Kind, und ein tiefer Seufzer, als habe
sie das verstanden, hob die kleine Brust.
—„Trien’ Jans!“ kam eine tiefe Stimme von der Küchentür, und die Alte
zuckte leicht zusammen. Es war der Deichgraf Hauke Haien, der dort am
Ständer lehnte. „Was redet Sie dem Kinde vor? Hab’ ich Ihr nicht
geboten, Ihre Mären für sich zu behalten oder sie den Gäns’ und Hühnern
zu erzählen?“
Die Alte sah ihn mit einem bösen Blicke an und schob die Kleine von
sich fort: „Das sind keine Mären,“ murmelte sie in sich hinein, „das
hat mein Großohm mir erzählt.“
—„Ihr Großohm, Trien’? Sie wollte es ja eben selbst erlebt haben.“
„Das ist egal,“ sagte die Alte; „aber Ihr glaubt nicht, Hauke Haien;
Ihr wollt wohl meinen Großohm noch zum Lügner machen!“ Dann rückte sie
näher an den Herd und streckte die Hände über die Flammen des
Feuerlochs.
Der Deichgraf warf einen Blick gegen das Fenster; draußen dämmerte es
noch kaum. „Komm, Wienke!“ sagte er und zog sein schwachsinniges Kind
zu sich heran; „komm mit mir, ich will dir draußen vom Deich aus etwas
zeigen! Nur müssen wir zu Fuß gehen; der Schimmel ist beim Schmied.“
Dann ging er mit ihr in die Stube, und Elke band dem Kinde dicke
wollene Tücher um Hals und Schultern; und bald danach ging der Vater
mit ihr auf dem alten Deiche nach Nordwest hinauf, Jeverssand vorbei,
bis wo die Watten breit, fast unübersehbar wurden.
Bald hatte er sie getragen, bald ging sie an seiner Hand; die Dämmerung
wuchs allmählich; in der Ferne verschwand alles im Dunst und Duft. Aber
dort, wohin noch das Auge reichte, hatten die unsichtbar schwellenden
Wattströme das Eis zerrissen, und, wie Hauke Haien es in seiner Jugend
einst gesehen hatte, aus den Spalten stiegen wie damals die rauchenden
Nebel, und daran entlang waren wiederum die unheimlichen närrischen
Gestalten und hüpften gegeneinander und dienerten und dehnten sich
plötzlich schreckhaft in die Breite.
Das Kind klammerte sich angstvoll an seinen Vater und deckte dessen
Hand über sein Gesichtlein: „Die Seeteufel!“ raunte es zitternd
zwischen seine Finger; „die Seeteufel!“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, Wienke, weder Wasserweiber noch
Seeteufel; so etwas gibt es nicht; wer hat dir davon gesagt?“
Sie sah mit stumpfem Blicke zu ihm herauf, aber sie antwortete nicht.
Er strich ihr zärtlich über die Wangen. „Sieh nur wieder hin!“ sagte
er, „das sind nur arme hungrige Vögel! Sieh nur, wie jetzt der große
seine Flügel breitet, die holen sich die Fische, die in die rauchenden
Spalten kommen.“
„Fische,“ wiederholte Wienke.
„Ja, Kind, das alles ist lebig, so wie wir; es gibt nichts anderes;
aber der liebe Gott ist überall!“
Klein Wienke hatte ihre Augen fest auf den Boden gerichtet und hielt
den Atem an; es war, als sähe sie erschrocken in einen Abgrund. Es war
vielleicht nur so; der Vater blickte lange auf sie hin, er bückte sich
und sah in ihr Gesichtlein; aber keine Regung der verschlossenen Seele
wurde darin kund. Er hob sie auf den Arm und steckte ihre verklommenen
Händchen in einen seiner dicken Wollhandschuhe: „So, mein Wienke,“ und
das Kind vernahm wohl nicht den Ton von heftiger Innigkeit in seinen
Worten—, „so, wärm dich bei mir! Du bist doch unser Kind, unser
einziges. Du hast uns lieb!...“ Die Stimme brach dem Manne; aber die
Kleine drückte zärtlich ihr Köpfchen in seinen rauhen Bart.
So gingen sie friedlich heimwärts.
Nach Neujahr war wieder einmal die Sorge in das Haus getreten; ein
Marschfieber hatte den Deichgrafen ergriffen; auch mit ihm ging es nah
am Rand der Grube her, und als er unter Frau Elkes Pfleg’ und Sorge
wieder erstanden war, schien er kaum derselbe Mann. Die Mattigkeit des
Körpers lag auch auf seinem Geiste, und Elke sah mit Besorgnis, wie er
allzeit leicht zufrieden war. Dennoch, gegen Ende des März, drängte es
ihn, seinen Schimmel zu besteigen und zum ersten Male wieder auf seinem
Deich entlang zu reiten; es war an einem Nachmittage, und die Sonne,
die zuvor geschienen hatte, lag längst schon wieder hinter trübem Duft.
Im Winter hatte es ein paarmal Hochwasser gegeben; aber es war nicht
von Belang gewesen; nur drüben am andern Ufer war auf einer Hallig eine
Herde Schafe ertrunken und ein Stück vom Vorland abgerissen worden;
hier an dieser Seite und am neuen Kooge war ein nennenswerter Schaden
nicht geschehen. Aber in der letzten Nacht hatte ein stärkerer Sturm
getobt, jetzt mußte der Deichgraf selbst hinaus und alles mit eignem
Aug’ besichtigen. Schon war er unten von der Südostecke aus auf dem
neuen Deich herumgeritten, und es war alles wohl erhalten; als er aber
an die Nordostecke gekommen war, dort, wo der neue Deich auf den alten
stößt, war zwar der erstere unversehrt, aber wo früher der Priel den
alten erreicht hatte und an ihm entlang geflossen war, sah er in großer
Breite die Grasnarbe zerstört und fortgerissen und in dem Körper des
Deiches eine von der Flut gewühlte Höhlung, durch welche überdies ein
Gewirr von Mäusegängen bloßgelegt war. Hauke stieg vom Pferde und
besichtigte den Schaden in der Nähe: das Mäuseunheil schien
unverkennbar noch unsichtbar weiter fortzulaufen.
Er erschrak heftig; gegen alles dieses hätte schon beim Bau des neuen
Deiches Obacht genommen werden müssen; da es damals übersehen worden,
so mußte es jetzt geschehen!—Das Vieh war noch nicht auf den Fennen,
das Gras war ungewohnt zurückgeblieben; wohin er blickte, es sah ihn
leer und öde an. Er bestieg wieder sein Pferd und ritt am Ufer hin und
her: es war Ebbe, und er gewahrte wohl, wie der Strom von außen her
sich wieder ein neues Bett im Schlick gewühlt hatte und jetzt von
Nordwesten auf den alten Deich gestoßen war; der neue aber, soweit es
ihn traf, hatte mit seinem sanfteren Profile dem Anprall widerstehen
können.
Ein Haufen neuer Plag und Arbeit erhob sich vor der Seele des
Deichgrafen; nicht nur der alte Deich mußte hier verstärkt, auch dessen
Profil dem des neuen angenähert werden; vor allem aber mußte der als
gefährlich wieder aufgetretene Priel durch neu zu legende Dämme oder
Lahnungen abgeleitet werden. Noch einmal ritt er auf dem neuen Deich
bis an die äußerste Nordwestecke, dann wieder rückwärts, die Augen
unablässig auf das neugewühlte Bett des Prieles heftend, der ihm zur
Seite sich deutlich genug in dem bloßgelegten Schlickgrund abzeichnete.
Der Schimmel drängte vorwärts und schnob und schlug mit den
Vorderhufen; aber der Reiter drückte ihn zurück, er wollte langsam
reiten, er wollte auch die innere Unruhe bändigen, die immer wilder in
ihm aufgor.
Wenn eine Sturmflut wiederkäme—eine wie 1655 dagewesen, wo Gut und
Menschen ungezählt verschlungen wurden—wenn sie wiederkäme, wie sie
schon mehrmals einst gekommen war!—Ein heißer Schauer überrieselte den
Reiter—der alte Deich, er würde den Stoß nicht aushalten, der gegen ihn
heraufschösse! Was dann, was sollte dann geschehen?—Nur eines, ein
einziges Mittel würde es geben, um vielleicht den alten Koog und Gut
und Leben darin zu retten. Hauke fühlte sein Herz stillstehen, sein
sonst so fester Kopf schwindelte; er sprach es nicht aus, aber in ihm
sprach es stark genug: Dein Koog, der Hauke-Haien-Koog müßte
preisgegeben und der neue Deich durchstochen werden!
Schon sah er im Geist die stürzende Hochflut hereinbrechen und Gras und
Klee mit ihrem salzen schäumenden Gischt bedecken. Ein Sporenstreich
fuhr in die Weichen des Schimmels, und einen Schrei ausstoßend, flog er
auf dem Deich entlang und dann den Akt hinab, der deichgräflichen
Werfte zu.
Den Kopf voll von innerem Schrecknis und ungeordneten Plänen, kam er
nach Hause. Er warf sich in seinen Lehnstuhl, und als Elke mit der
Tochter in das Zimmer trat, stand er wieder auf und hob das Kind zu
sich empor und küßte es; dann jagte er das gelbe Hündlein mit ein paar
leichten Schlägen von sich. „Ich muß noch einmal droben nach dem Krug!“
sagte er und nahm seine Mütze vom Türhaken, wohin er sie eben erst
gehängt hatte.
Seine Frau sah ihn sorgvoll an: „Was willst du dort? Es wird schon
Abend, Hauke!“
„Deichgeschichten!“ murmelte er vor sich hin, „ich treffe von den
Gevollmächtigten dort.“
Sie ging ihm nach und drückte ihm die Hand, denn er war mit diesen
Worten schon zur Tür hinaus. Hauke Haien, der sonst alles bei sich
selber abgeschlossen hatte, drängte es jetzt, ein Wort von jenen zu
erhalten, die er sonst kaum eines Anteils wertgehalten hatte. Im
Gastzimmer traf er Ole Peters mit zweien der Gevollmächtigten und einem
Koogseinwohner am Kartentisch. „Du kommst wohl von draußen, Deichgraf?“
sagte der erstere, nahm die halb ausgeteilten Karten auf und warf sie
wieder hin.
„Ja, Ole,“ erwiderte Hauke; „ich war dort; es sieht übel aus.“
„Übel?—Nun, ein paar hundert Soden und eine Bestickung wird’s wohl
kosten; ich war dort am Nachmittag.“
„So wohlfeil wird’s nicht abgehen, Ole,“ erwiderte der Deichgraf, „der
Priel ist wieder da, und wenn er jetzt auch nicht von Norden auf den
alten Deich stößt, so tut er’s doch von Nordwesten!“
„Du hätt’st ihn lassen sollen, wo du ihn fandest!“ sagte Ole trocken.
„Das heißt,“ entgegnete Hauke, „der neue Koog geht dich nichts an; und
darum sollte er nicht existieren. Das ist deine eigene Schuld! Aber
wenn wir Lahnungen legen müssen, um den alten Deich zu schützen, der
grüne Klee hinter dem neuen bringt das übermäßig ein!“
„Was sagt Ihr, Deichgraf?“ riefen die Gevollmächtigten; „Lahnungen? Wie
viele denn? Ihr liebt es, alles beim teuersten Ende anzufassen!“
Die Karten lagen unberührt auf dem Tisch. „Ich will’s dir sagen,
Deichgraf,“ sagte Ole Peters und stemmte beide Arme auf, „dein neuer
Koog ist ein fressend Werk, was du uns gestiftet hast! Noch laboriert
alles an den schweren Kosten deiner breiten Deiche; nun frißt er uns
auch den alten Deich, und wir sollen ihn verneuen!—Zum Glück ist’s
nicht so schlimm; er hat diesmal gehalten und wird es auch noch ferner
tun! Steig nur morgen wieder auf deinen Schimmel und sieh es dir noch
einmal an!“
Hauke war aus dem Frieden seines Hauses hieher gekommen, hinter den
immerhin noch gemäßigten Worten, die er eben hörte, lag—er konnte es
nicht verkennen—ein zäher Widerstand; ihm war, als fehle ihm dagegen
noch die alte Kraft. „Ich will tun, wie du rätst, Ole,“ sprach er; „nur
fürcht ich, ich werd’ es finden, wie ich es heut gesehen habe.“
—Eine unruhige Nacht folgte diesem Tage; Hauke wälzte sich schlaflos in
seinen Kissen. „Was ist dir?“ fragte ihn Elke, welche die Sorge um
ihren Mann wachhielt; „drückt dich etwas, so sprich es von dir; wir
haben’s ja immer so gehalten!“
„Es hat nichts auf sich, Elke!“ erwiderte er, „am Deiche, an den
Schleusen ist was zu reparieren; du weißt, daß ich das allzeit nachts
in mir zu verarbeiten habe.“ Weiter sagte er nichts; er wollte sich die
Freiheit seines Handelns vorbehalten; ihm unbewußt war die klare
Einsicht und der kräftige Geist seines Weibes ihm in seiner
augenblicklichen Schwäche ein Hindernis, dem er unwillkürlich auswich.
—Am folgenden Vormittag, als er wieder auf den Deich hinauskam, war die
Welt eine andere, als wie er sie tags zuvor gefunden hatte; zwar war
wieder hohl’ Ebbe, aber der Tag war noch im Steigen, und eine lichte
Frühlingssonne ließ ihre Strahlen fast senkrecht auf die unabsehbaren
Watten fallen; die weißen Möwen schwebten ruhig hin und wieder, und
unsichtbar über ihnen, hoch unter dem azurblauen Himmel, sangen die
Lerchen ihre ewige Melodie. Hauke, der nicht wußte, wie uns die Natur
mit ihrem Reiz betrügen kann, stand auf der Nordwestecke des Deiches
und suchte nach dem neuen Bett des Priels, das ihn gestern so
erschreckt hatte; aber bei dem vom Zenit herabschießenden Sonnenlicht
fand er es anfänglich nicht einmal; erst da er gegen die blendenden
Strahlen seine Augen mit der Hand beschattete, konnte er es nicht
verkennen; aber dennoch, die Schatten in der gestrigen Dämmerung mußten
ihn getäuscht haben; es kennzeichnete sich jetzt nur schwach; die
bloßgelegte Mäusewirtschaft mußte mehr als die Flut den Schaden in dem
Deich veranlaßt haben. Freilich, Wandel mußte hier geschafft werden,
aber durch sorgfältiges Aufgraben und, wie Ole Peters gesagt hatte,
durch frische Soden und einige Ruten Strohbestickung war der Schaden
auszuheilen.
„Es war so schlimm nicht“, sprach er erleichtert zu sich selber, „du
bist gestern doch dein eigner Narr gewesen!“—Er berief die
Gevollmächtigten, und die Arbeiten wurden ohne Widerspruch beschlossen,
was bisher noch nie geschehen war. Der Deichgraf meinte eine stärkende
Ruhe in seinem noch geschwächten Körper sich verbreiten zu fühlen, und
nach einigen Wochen war alles sauber ausgeführt.
Das Jahr ging weiter, aber je weiter es ging und je ungestörter die
neugelegten Rasen durch die Strohdecke grünten, um so unruhiger ging
oder ritt Hauke an dieser Stelle vorüber, er wandte die Augen ab, er
ritt hart an der Binnenseite des Deiches, ein paarmal, wo er dort hätte
vorübermüssen, ließ er sein schon gesatteltes Pferd wieder in den Stall
zurückführen; dann wieder, wo er nichts dort zu tun hatte, wanderte er,
um nur rasch und ungesehen von seiner Werfte fortzukommen, plötzlich
und zu Fuß dahin; manchmal auch war er umgekehrt, er hatte es sich
nicht zumuten können, die unheimliche Stelle aufs neue zu betrachten;
und endlich, mit den Händen hätte er alles wieder aufreißen mögen, denn
wie ein Gewissensbiß, der außer ihm Gestalt gewonnen hatte, lag dies
Stück des Deiches ihm vor Augen. Und doch, seine Hand konnte nicht mehr
daran rühren; und niemandem, selbst nicht seinem Weibe, durfte er davon
reden. So war der September gekommen; nachts hatte ein mäßiger Sturm
getobt und war zuletzt nach Nordwest umgesprungen. An trübem Vormittag
danach, zur Ebbezeit, ritt Hauke auf den Deich hinaus, und es durchfuhr
ihn, als er seine Augen über die Watten schweifen ließ; dort, von
Nordwest herauf, sah er plötzlich wieder, und schärfer und tiefer
ausgewühlt, das gespenstische neue Bett des Prieles; so sehr er seine
Augen anstrengte, es wollte nicht mehr weichen.
Als er nach Hause kam, ergriff Elke seine Hand. „Was hast du, Hauke?“
sprach sie, als sie in sein düsteres Antlitz sah; „es ist doch kein
neues Unheil? Wir sind jetzt so glücklich; mir ist, du hast nun Frieden
mit ihnen allen!“
Diesen Worten gegenüber vermochte er seine verworrene Furcht nicht in
Worten kundzugeben.
„Nein, Elke,“ sagte er, „mich feindet niemand an; es ist nur ein
verantwortlich Amt, die Gemeinde vor unseres Herrgotts Meer zu
schützen.“
Er machte sich los, um weiteren Fragen des geliebten Weibes
auszuweichen. Er ging in Stall und Scheuer, als ob er alles revidieren
müsse; aber er sah nichts um sich her; er war nur beflissen, seinen
Gewissensbiß zur Ruhe, ihn sich selber als eine krankhaft übertriebene
Angst zur Überzeugung zu bringen.
—Das Jahr, von dem ich Ihnen erzähle,“ sagte nach einer Weile mein
Gastfreund, der Schulmeister, „war das Jahr 1756, das in dieser Gegend
nie vergessen wird; im Hause Hauke Haiens brachte es eine Tote. Zu Ende
des Septembers war in der Kammer, welche ihr in der Scheune eingeräumt
war, die fast neunzigjährige Trien’ Jans am Sterben. Man hatte sie nach
ihrem Wunsche in den Kissen aufgerichtet, und ihre Augen gingen durch
die kleinen bleigefaßten Scheiben in die Ferne; es mußte dort am Himmel
eine dünnere Luftschicht über einer dichteren liegen; denn es war hohe
Kimmung, und die Spiegelung hob in diesem Augenblick das Meer wie einen
flimmernden Silberstreifen über den Rand des Deiches, so daß es
blendend in die Kammer schimmerte; auch die Südspitze von Jeverssand
war sichtbar.
Am Fußende des Bettes kauerte die kleine Wienke und hielt mit der einen
Hand sich fest an der ihres Vaters, der daneben stand. In das Antlitz
der Sterbenden grub eben der Tod das hippokratische Gesicht, und das
Kind starrte atemlos auf die unheimliche, ihr unverständliche
Verwandlung des unschönen, aber ihr vertrauten Angesichts. „Was macht
sie? Was ist das, Vater?“ flüsterte sie angstvoll und grub die
Fingernägel in ihres Vaters Hand.
„Sie stirbt!“ sagte der Deichgraf.
„Stirbt!“ wiederholte das Kind und schien in verworrenes Sinnen zu
verfallen.
Aber die Alte rührte noch einmal ihre Lippen: „Jins! Jins!“ Und
kreischend, wie ein Notschrei, brach es hervor, und ihre knöchernen
Arme streckten sich gegen die draußen flimmernde Meeresspiegelung.
„Hölp mi! Hölp mi! Du bist ja båven Wåter... Gott gnåd de annern!“
Ihre Arme sanken, ein leises Krachen der Bettstatt wurde hörbar; sie
hatte aufgehört zu leben.
Das Kind tat einen tiefen Seufzer und warf die blassen Augen zu ihrem
Vater auf „Stirbt sie noch immer?“ fragte es.
„Sie hat es vollbracht!“ sagte der Deichgraf und nahm das Kind auf
seinen Arm. „Sie ist nun weit von uns, beim lieben Gott.“
„Beim lieben Gott!“ wiederholte das Kind und schwieg eine Weile, als
müsse es den Worten nachsinnen. „Ist das gut, beim lieben Gott?“
„Ja, das ist das Beste.“—In Haukes Innerem aber klang schwer die letzte
Rede der Sterbenden. „Gott gnåd de annern!“ sprach es leise in ihm. Was
wollte die alte Hexe? Sind denn die Sterbenden Propheten—?
—Bald nachdem Trien’ Jans oben bei der Kirche eingegraben war, begann
man immer lauter von allerlei Unheil und seltsamem Geschmeiß zu reden,
das die Menschen in Nordfriesland erschreckt haben sollte; und sicher
war es: am Sonntage Lätare war droben von der Turmspitze der goldne
Hahn durch einen Wirbelwind herabgeworfen worden; auch das war richtig,
im Hochsommer fiel, wie ein Schnee, ein groß Geschmeiß vom Himmel, daß
man die Augen davor nicht auftun konnte und es hernach fast handhoch
auf den Fennen lag, und hatte niemand je so was gesehen; als aber nach
Ende September der Großknecht mit Korn und die Magd Ann’ Grete mit
Butter in die Stadt zu Markt gefahren waren, kletterten sie bei ihrer
Rückkunft mit schreckensbleichen Gesichtern von ihrem Wagen. „Was ist?
Was habt ihr?“ riefen die andern Dirnen, die hinausgelaufen waren, da
sie den Wagen rollen hörten.
Ann’ Grete in ihrem Reiseanzug trat atemlos in die geräumige Küche.
„Nun, so erzähl’ doch!“ riefen die Dirnen wieder, „wo ist das Unglück
los?“
„Ach, unser lieber Jesus wolle uns behüten!“ rief Ann’ Grete. „Ihr
wißt, von drüben, überm Wasser, das alt’ Mariken vom Ziegelhof, wir
stehen mit unserer Butter ja allzeit zusammen an der Apothekerecke, die
hat es mir erzählt, und Iven Johns sagte auch, „das gibt ein Unglück!“
sagte er; „ein Unglück über ganz Nordfriesland; glaub’ mir’s, Ann’
Gret’! Und“—sie dämpfte ihre Stimme—„mit des Deichgrafs Schimmel ist’s
am Ende auch nicht richtig!“
„Scht! scht!“ machten die andern Dirnen.
—„Ja, ja; was kümmert’s mich! Aber drüben, an der andern Seite, geht’s
noch schlimmer als bei uns! Nicht bloß Fliegen und Geschmeiß, auch Blut
ist wie Regen vom Himmel gefallen; und da am Sonntag Morgen danach der
Pastor sein Waschbecken vorgenommen hat, sind fünf Totenköpfe, wie
Erbsen groß, darin gewesen, und alle sind gekommen, um das zu sehen; im
Monat Augusti sind grausige rotköpfige Raupenwürmer über das Land
gezogen und haben Korn und Mehl und Brot und was sie fanden,
weggefressen, und hat kein Feuer sie vertilgen können!“
Die Erzählerin verstummte plötzlich; keine der Mägde hatte bemerkt, daß
die Hausfrau in die Küche getreten war. „Was redet ihr da?“ sprach
diese. „Laßt das den Wirt nicht hören!“ Und da sie alle jetzt erzählen
wollten: „Es tut nicht not; ich habe genug davon vernommen; geht an
euere Arbeit, das bringt euch besseren Segen!“ Dann nahm sie Ann’ Gret’
mit sich in die Stube und hielt mit dieser Abrechnung über ihre
Marktgeschäfte.
So fand im Hause des Deichgrafen das abergläubische Geschwätz bei der
Herrschaft keinen Anhalt; aber in die übrigen Häuser, und je länger die
Abende wurden, um desto leichter drang es mehr und mehr hinein. Wie
schwere Luft lag es auf allen, und heimlich sagte man es sich, ein
Unheil, ein schweres, würde über Nordfriesland kommen.
Es war vor Allerheiligen, im Oktober. Tagüber hatte es stark aus
Südwest gestürmt; abends stand ein halber Mond am Himmel, dunkelbraune
Wolken jagten überhin, und Schatten und trübes Licht flogen auf der
Erde durcheinander; der Sturm war im Wachsen. Im Zimmer des Deichgrafen
stand noch der geleerte Abendtisch; die Knechte waren in den Stall
gewiesen, um dort des Viehes zu achten; die Mägde mußten im Hause und
auf den Böden nachsehen, ob Türen und Luken wohl verschlossen seien,
daß nicht der Sturm hineinfasse und Unheil anrichte. Drinnen stand
Hauke neben seiner Frau am Fenster; er hatte eben sein Abendbrot
hinabgeschlungen; er war draußen auf dem Deich gewesen. Zu Fuße war er
hinausgetrabt, schon früh am Nachmittag; spitze Pfähle und Säcke voll
Klei oder Erde hatte er hie und dort, wo der Deich eine Schwäche zu
verraten schien, zusammentragen lassen; überall hatte er Leute
angestellt, um die Pfähle einzurammen und mit den Säcken vorzudämmen,
sobald die Flut den Deich zu schädigen beginne; an dem Winkel zu
Nordwesten, wo der alte und der neue Deich zusammenstießen, hatte er
die meisten Menschen hingestellt, nur im Notfall durften sie von den
angewiesenen Plätzen weichen. Das hatte er zurückgelassen; dann, vor
kaum einer Viertelstunde, naß, zerzaust, war er in seinem Hause
angekommen, und jetzt, das Ohr nach den Windböen, welche die in Blei
gefaßten Scheiben rasseln machten, blickte er wie gedankenlos in die
wüste Nacht hinaus; die Wanduhr hinter ihrer Glasscheibe schlug eben
acht. Das Kind, das neben der Mutter stand, fuhr zusammen und barg den
Kopf in deren Kleider. „Klaus!“ rief sie weinend; „wo ist mein Klaus?“
Sie konnte wohl so fragen, denn die Möwe hatte, wie schon im vorigen
Jahre, so auch jetzt ihre Winterreise nicht mehr angetreten. Der Vater
überhörte die Frage; die Mutter aber nahm das Kind auf ihren Arm. „Dein
Klaus ist in der Scheune,“ sagte sie; „da sitzt er warm.“
„Warum?“ sagte Wienke; „ist das gut?“
—„Ja, das ist gut.“
Der Hausherr stand noch am Fenster. „Es geht nicht länger, Elke!“ sagte
er, „ruf eine von den Dirnen; der Sturm drückt uns die Scheiben ein,
die Luken müssen angeschroben werden!“
Auf das Wort der Hausfrau war die Magd hinausgelaufen; man sah vom
Zimmer aus, wie ihr die Röcke flogen; aber als sie die Klammern gelöst
hatte, riß ihr der Sturm den Laden aus der Hand und warf ihn gegen die
Fenster, daß ein paar Scheiben zersplittert in die Stube flogen und
eins der Lichter qualmend auslosch. Hauke mußte selbst hinaus, zu
helfen, und nur mit Not kamen allmählich die Luken vor die Fenster. Als
sie beim Wiedereintritt in das Haus die Tür aufrissen, fuhr eine Böe
hintendrein, daß Glas und Silber im Wandschrank durcheinander klirrten;
oben im Hause über ihren Köpfen zitterten und krachten die Balken, als
wolle der Sturm das Dach von den Mauern reißen. Aber Hauke kam nicht
wieder in das Zimmer! Elke hörte, wie er durch die Tenne nach dem
Stalle schritt. „Den Schimmel! Den Schimmel, John; rasch!“ So hörte sie
ihn rufen; dann kam er wieder in die Stube, das Haar zerzaust, aber die
grauen Augen leuchtend. „Der Wind ist umgesprungen!“ rief er—, „nach
Nordwest, auf halber Springflut! Kein Wind;—wir haben solchen Sturm
noch nicht erlebt!“