Er ergriff ihre beiden Hände und drückte sie wie im Krampfe in die
seinen. „Das muß ich, Elke.“
Sie erhob langsam ihre dunkeln Augen zu ihm, und ein paar Sekunden lang
sahen sie sich an; doch war’s wie eine Ewigkeit. „Ja, Hauke,“ sagte das
Weib; „ich weiß es wohl, du mußt!“
Da trabte es draußen vor der Haustür. Sie fiel ihm um den Hals, und
einen Augenblick war’s, als könne sie ihn nicht lassen; aber auch das
war nur ein Augenblick. „Das ist _unser_ Kampf!“ sprach Hauke; „ihr
seid hier sicher; an dies Haus ist noch keine Flut gestiegen. Und bet’
zu Gott, daß er auch mit mir sei!“
Hauke hüllte sich in seinen Mantel, und Elke nahm ein Tuch und wickelte
es ihm sorgsam um den Hals; sie wollte ein Wort sprechen, aber die
zitternden Lippen versagten es ihr.
Draußen wieherte der Schimmel, daß es wie Trompetenschall in das Heulen
des Sturmes hineinklang. Elke war mit ihrem Mann hinausgegangen; die
alte Esche knarrte, als ob sie auseinanderstürzen sollte. „Steigt auf,
Herr!“ rief der Knecht, „der Schimmel ist wie toll; die Zügel könnten
reißen.“ Hauke schlug die Arme um sein Weib. „Bei Sonnenaufgang bin ich
wieder da!“
Schon war er auf sein Pferd gesprungen; das Tier stieg mit den
Vorderhufen in die Höhe, dann, gleich einem Streithengst, der sich in
die Schlacht stürzt, jagte es mit seinem Reiter die Werfte hinunter, in
Nacht und Sturmgeheul hinaus. „Vater, mein Vater!“ schrie eine
klägliche Kinderstimme hinter ihm darein; „mein lieber Vater!“
Wienke war im Dunkeln hinter dem Fortjagenden hergelaufen; aber schon
nach hundert Schritten strauchelte sie über einen Erdhaufen und fiel zu
Boden.
Der Knecht Iven Johns brachte das weinende Kind der Mutter zurück; die
lehnte am Stamme der Esche, deren Zweige über ihr die Luft peitschten,
und starrte wie abwesend in die Nacht hinaus, in der ihr Mann
verschwunden war; wenn das Brüllen des Sturmes und das ferne Klatschen
des Meeres einen Augenblick aussetzten, fuhr sie wie in Schreck
zusammen; ihr war jetzt, als suche alles nur ihn zu verderben und werde
jäh verstummen, wenn es ihn gefaßt habe. ihre Knie zitterten, ihre
Haare hatte der Sturm gelöst und trieb damit sein Spiel. „Hier ist das
Kind, Frau!“ schrie John ihr zu; „haltet es fest!“ und drückte die
Kleine der Mutter in den Arm.
„Das Kind?—Ich hatte dich vergessen, Wienke!“ rief sie; „Gott verzeih’
mir’s.“ Dann hob sie es an ihre Brust, so fest nur Liebe fassen kann,
und stürzte mit ihr in die Knie: „Herr Gott und du mein Jesu, laß uns
nicht Witwe und Waise werden! Schütz ihn, o lieber Gott; nur du und
ich, wir kennen ihn allein!“ Und der Sturm setzte nicht mehr aus; es
tönte und donnerte, als solle die ganze Welt in ungeheuerem Hall und
Schall zugrunde gehen.
„Geht in das Haus, Frau!“ sagte John; „kommt!“ und er half ihnen auf
und leitete die beiden in das Haus und in die Stube.
—Der Deichgraf Hauke Haien jagte auf seinem Schimmel dem Deiche zu. Der
schmale Weg war grundlos; denn die Tage vorher war unermeßlicher Regen
gefallen; aber der nasse, saugende Klei schien gleichwohl die Hufe des
Tieres nicht zu halten, es war, als hätte es festen Sommerboden unter
sich. Wie eine Wilde Jagd trieben die Wolken am Himmel; unten lag die
weite Marsch wie eine unerkennbare, von unruhigen Schatten erfüllte
Wüste; von dem Wasser hinter dem Deiche, immer ungeheurer, kam ein
dumpfes Tosen, als müsse es alles andere verschlingen. „Vorwärts,
Schimmel!“ rief Hauke; „wir reiten unseren schlimmsten Ritt!“
Da klang es wie ein Todesschrei unter den Hufen seines Rosses. Er riß
den Zügel zurück; er sah sich um: ihm zur Seite, dicht über dem Boden,
halb fliegend, halb vom Sturme geschleudert, zog eine Schar von weißen
Möwen, ein höhnisches Gegacker ausstoßend; sie suchten Schutz im Lande.
Eine von ihnen—der Mond schien flüchtig durch die Wolken—lag am Weg
zertreten: dem Reiter war’s, als flattere ein rotes Band an ihrem
Halse. „Klaus!“ rief er. „Armer Klaus!“
War es der Vogel seines Kindes? Hatte er Roß und Reiter erkannt und
sich bei ihnen bergen wollen?—Der Reiter wußte es nicht. „Vorwärts!“
rief er wieder, und schon hob der Schimmel zu neuem Rennen seine Hufe,
da setzte der Sturm plötzlich aus, eine Totenstille trat an seine
Stelle; nur eine Sekunde lang, dann kam er mit erneuter Wut zurück;
aber Menschenstimmen und verlorenes Hundegebell waren inzwischen an des
Reiters Ohr geschlagen, und als er rückwärts nach seinem Dorf den Kopf
wandte, erkannte er in dem Mondlicht, das hervorbrach, auf den Werften
und vor den Häusern Menschen an hochbeladenen Wagen umher hantierend;
er sah, wie im Fluge, noch andere Wagen eilend nach der Geest
hinauffahren; Gebrüll von Rindern traf sein Ohr, die aus den warmen
Ställen nach dort hinaufgetrieben wurden. „Gott Dank! sie sind dabei,
sich und ihr Vieh zu retten!“ rief es in ihm; und dann mit einem
Angstschrei: „Mein Weib! Mein Kind!—Nein, nein; auf unsere Werfte
steigt das Wasser nicht!“
Aber nur ein Augenblick war es; nur wie eine Vision flog alles an ihm
vorbei.
Eine furchtbare Böe kam brüllend vom Meer herüber, und ihr entgegen
stürmten Roß und Reiter den schmalen Akt zum Deich hinan. Als sie oben
waren, stoppte Hauke mit Gewalt sein Pferd. Aber wo war das Meer? Wo
Jeverssand? Wo blieb das Ufer drüben?—Nur Berge von Wasser sah er vor
sich, die dräuend gegen den nächtlichen Himmel stiegen, die in der
furchtbaren Dämmerung sich übereinander zu türmen suchten und
übereinander gegen das feste Land schlugen. Mit weißen Kronen kamen sie
daher, heulend, als sei in ihnen der Schrei alles furchtbaren
Raubgetiers der Wildnis. Der Schimmel schlug mit den Vorderhufen und
schnob mit seinen Nüstern in den Lärm hinaus; den Reiter aber wollte es
überfallen, als sei hier alle Menschenmacht zu Ende; als müsse jetzt
die Nacht, der Tod, das Nichts hereinbrechen.
Doch er besann sich: es war ja Sturmflut; nur hatte er sie selbst noch
nimmer so gesehen; sein Weib, sein Kind, sie saßen sicher auf der hohen
Werfte, in dem festen Hause; sein Deich aber—und wie ein Stolz flog es
ihm durch die Brust—der Hauke-Haien-Deich, wie ihn die Leute nannten,
der mochte jetzt beweisen, wie man Deiche bauen müsse!
Aber—was war das?—Er hielt an dem Winkel zwischen beiden Deichen; wo
waren die Leute, die er hierher gestellt, die hier die Wacht zu halten
hatten?—Er blickte nach Norden den alten Deich hinauf, denn auch
dorthin hatte er einzelne beordert. Weder hier noch dort vermochte er
einen Menschen zu erblicken; er ritt ein Stück hinaus, aber er blieb
allein; nur das Wehen des Sturmes und das Brausen des Meeres bis aus
unermessener Ferne schlug betäubend an sein Ohr. Er wandte das Pferd
zurück: er kam wieder zu der verlassenen Ecke und ließ seine Augen
längs der Linie des neuen Deiches gleiten; er erkannte deutlich:
langsamer, weniger gewaltig rollten hier die Wellen heran; fast
schien’s, als wäre dort ein ander Wasser. „Der soll schon stehen!“
murmelte er, und wie ein Lachen stieg es in ihm herauf.
Aber das Lachen verging ihm, als seine Blicke weiter an der Linie
seines Deiches entlang glitten: an der Nordwestecke—was war das dort?
Ein dunkler Haufen wimmelte durcheinander; er sah, wie es sich emsig
rührte und drängte—kein Zweifel, es waren Menschen! Was wollten, was
arbeiteten die jetzt an seinem Deich?—Und schon saßen seine Sporen dem
Schimmel in den Weichen, und das Tier flog mit ihm dahin; der Sturm kam
von der Breitseite; mitunter drängten die Böen so gewaltig, daß sie
fast vom Deiche in den neuen Koog hinabgeschleudert wären; aber Roß und
Reiter wußten, wo sie ritten. Schon gewahrte Hauke, daß wohl ein paar
Dutzend Menschen in eifriger Arbeit dort beisammen seien, und schon sah
er deutlich, daß eine Rinne quer durch den neuen Deich gegraben war.
Gewaltsam stoppte er sein Pferd. „Halt!“ schrie er; „halt! Was treibt
ihr hier für Teufelsunfug?“
Sie hatten in Schreck die Spaten ruhen lassen, als sie auf einmal den
Deichgraf unter sich gewahrten; seine Worte hatte der Sturm ihnen
zugetragen, und er sah wohl, daß mehrere ihm zu antworten strebten;
aber er gewahrte nur ihre heftigen Gebärden, denn sie standen alle ihm
zur Linken, und was sie sprachen, nahm der Sturm hinweg, der hier
draußen jetzt die Menschen mitunter wie im Taumel gegeneinander warf,
so daß sie sich dicht zusammenscharten. Hauke maß mit seinen raschen
Augen die gegrabene Rinne und den Stand des Wassers, das, trotz des
neuen Profiles, fast an die Höhe des Deichs hinaufklatschte und Roß und
Reiter überspritzte. Nur noch zehn Minuten Arbeit—er sah es wohl—dann
brach die Hochflut durch die Rinne, und der Hauke-Haien-Koog wurde vom
Meer begraben!
Der Deichgraf winkte einem der Arbeiter an die andere Seite seines
Pferdes. „Nun, so sprich!“ schrie er, „was treibt ihr hier, was soll
das heißen?“
Und der Mensch schrie dagegen: „Wir sollen den neuen Deich
durchstechen, Herr, damit der alte Deich nicht bricht!“
„Was sollt ihr?“
—„Den neuen Deich durchstechen!“
„Und den Koog verschütten?—Welcher Teufel hat euch das befohlen?“
„Nein, Herr, kein Teufel; der Gevollmächtigte Ole Peters ist hier
gewesen, der hat’s befohlen!“
Der Zorn stieg dem Reiter in die Augen: „Kennt ihr mich?“ schrie er.
„Wo ich bin, hat Ole Peters nichts zu ordinieren! Fort mit euch! An
eure Plätze, wo ich euch hingestellt!“
Und da sie zögerten, sprengte er mit seinem Schimmel zwischen sie:
„Fort, zu euerer oder des Teufels Großmutter!“
„Herr, hütet Euch!“ rief einer aus dem Haufen und stieß mit seinem
Spaten gegen das wie rasend sich gebärdende Tier; aber ein Huffschlag
schleuderte ihm den Spaten aus der Hand, ein anderer stürzte zu Boden.
Da plötzlich erhob sich ein Schrei aus dem übrigen Haufen, ein Schrei,
wie ihn nur die Todesangst einer Menschenkehle zu entreißen pflegt;
einen Augenblick war alles, auch der Deichgraf und der Schimmel, wie
gelähmt; nur ein Arbeiter hatte gleich einem Wegweiser seinen Arm
gestreckt; der wies nach der Nordwestecke der beiden Deiche, dort wo
der neue auf den alten stieß. Nur das Tosen des Sturmes und das
Rauschen des Wassers war zu hören. Hauke drehte sich im Sattel: was gab
das dort? Seine Augen wurden groß. „Herr Gott! Ein Bruch! Ein Bruch im
alten Deich!“
„Eure Schuld, Deichgraf!“ schrie eine Stimme aus dem Haufen. „Eure
Schuld! Nehmt’s mit vor Gottes Thron!“
Haukes zornrotes Antlitz war totenbleich geworden; der Mond, der es
beschien, konnte es nicht bleicher machen; seine Arme hingen schlaff,
er wußte kaum, daß er den Zügel hielt. Aber auch das war nur ein
Augenblick; schon richtete er sich auf, ein hartes Stöhnen brach aus
seinem Munde; dann wandte er stumm sein Pferd, und der Schimmel schnob
und raste ostwärts auf dem Deich mit ihm dahin. Des Reiters Augen
flogen scharf nach allen Seiten; in seinem Kopfe wühlten die Gedanken:
Was hatte er für Schuld vor Gottes Thron zu tragen?—Der Durchstich des
neuen Deichs—vielleicht, sie hätten’s fertig gebracht, wenn er sein
Halt nicht gerufen hätte; aber—es war noch eins, und es schoß ihm heiß
zu Herzen, er wußte es nur zu gut—im vorigen Sommer, hätte damals Ole
Peters’ böses Maul ihn nicht zurückgehalten—da lag’s! Er allein hatte
die Schwäche des alten Deichs erkannt; er hätte trotz alledem das neue
Werk betreiben müssen. „Herr Gott, ja, ich bekenn’ es,“ rief er
plötzlich laut in den Sturm hinaus, „ich habe meines Amtes schlecht
gewaltet!“
Zu seiner Linken, dicht an des Pferdes Hufen, tobte das Meer; vor ihm,
und jetzt in voller Finsternis, lag der alte Koog mit seinen Werften
und heimatlichen Häusern; das bleiche Himmelslicht war völlig ausgetan;
nur von einer Stelle brach ein Lichtschein durch das Dunkel. Und wie
ein Trost kam es an des Mannes Herz; es mußte von seinem Haus
herüberscheinen, es war ihm wie ein Gruß von Weib und Kind. Gottlob,
sie saßen sicher auf der hohen Werfte! Die andern, gewiß, sie waren
schon im Geestdorf droben; von dorther schimmerte so viel Lichtschein,
wie er niemals noch gesehen hatte; ja selbst hoch oben aus der Luft, es
mochte wohl vom Kirchturm sein, brach solcher in die Nacht hinaus. „Sie
werden alle fort sein, alle!“ sprach Hauke bei sich selber; „freilich
auf mancher Werfte wird ein Haus in Trümmern liegen, schlechte Jahre
werden für die überschwemmten Fennen kommen, Siele und Schleusen zu
reparieren sein! Wir müssen’s tragen, und ich will helfen, auch denen,
die mir Leids getan; nur, Herr, mein Gott, sei gnädig mit uns
Menschen!“
Da warf er seine Augen seitwärts nach dem neuen Koog; um ihn schäumte
das Meer; aber in ihm lag es wie nächtlicher Friede. Ein
unwillkürliches Jauchzen brach aus des Reiters Brust: „Der
Hauke-Haien-Deich, er soll schon halten, er wird es noch nach hundert
Jahren tun!“
Ein donnerartiges Rauschen zu seinen Füßen weckte ihn aus diesen
Träumen; der Schimmel wollte nicht mehr vorwärts. Was war das?—Das
Pferd sprang zurück, und er fühlte es, ein Deichstück stürzte vor ihm
in die Tiefe. Er riß die Augen auf und schüttelte alles Sinnen von
sich: er hielt am alten Deich, der Schimmel hatte mit den Vorderhufen
schon darauf gestanden. Unwillkürlich riß er das Pferd zurück; da flog
der letzte Wolkenmantel von dem Mond, und das milde Gestirn beleuchtete
den Graus, der schäumend, zischend vor ihm in die Tiefe stürzte, in den
alten Koog hinab.
Wie sinnlos starrte Hauke darauf hin; eine Sündflut war’s, um Tier und
Menschen zu verschlingen. Da blinkte wieder ihm der Lichtschein in die
Augen, es war derselbe, den er vorhin gewahrt hatte; noch immer brannte
der auf seiner Werfte; und als er jetzt ermutigt in den Koog hinabsah,
gewahrte er wohl, daß hinter dem sinnverwirrenden Strudel, der tosend
vor ihm hinabstürzte, nur noch eine Breite von etwa hundert Schritten
überflutet war; dahinter konnte er deutlich den Weg erkennen, der vom
Koog heranführte. Er sah noch mehr: ein Wagen, nein, eine zweiräderige
Karriole kam wie toll gegen den Deich herangefahren; ein Weib, ja auch
ein Kind saßen darin. Und jetzt—war das nicht das kreischende Gebell
eines kleinen Hundes, das im Sturm vorüberflog? Allmächtiger Gott! Sein
Weib, sein Kind waren es: schon kamen sie dicht heran, und die
schäumende Wassermasse drängte auf sie zu. Ein Schrei, ein
Verzweiflungsschrei brach aus der Brust des Reiters. „Elke!“ schrie er;
„Elke! Zurück! Zurück!“
Aber Sturm und Meer waren nicht barmherzig, ihr Toben zerwehte seine
Worte; nur seinen Mantel hatte der Sturm erfaßt, es hätte ihn bald vom
Pferd herabgerissen; und das Fuhrwerk flog ohne Aufenthalt der
stürzenden Flut entgegen. Da sah er, daß das Weib wie gegen ihn hinauf
die Arme streckte: Hatte sie ihn erkannt? Hatte die Sehnsucht, die
Todesangst um ihn sie aus dem sicheren Haus getrieben? Und jetzt—rief
sie ein letztes Wort ihm zu?—Die Fragen fuhren durch sein Hirn; sie
blieben ohne Antwort: von ihr zu ihm, von ihm zu ihr waren die Worte
all verloren; nur ein Brausen wie vom Weltenuntergang füllte ihre Ohren
und ließ keinen andern Laut hinein.
„Mein Kind! O Elke, o getreue Elke!“ schrie Hauke in den Sturm hinaus.
Da sank aufs neu ein großes Stück des Deiches vor ihm in die Tiefe, und
donnernd stürzte das Meer sich hintendrein; noch einmal sah er drunten
den Kopf des Pferdes, die Räder des Gefährtes aus dem wüsten Greuel
emportauchen und dann quirlend darin untergehen. Die starren Augen des
Reiters, der so einsam auf dem Deiche hielt, sahen weiter nichts. „Das
Ende!“ sprach er leise vor sich hin; dann ritt er an den Abgrund, wo
unter ihm die Wasser, unheimlich rauschend, sein Heimatsdorf zu
überfluten begannen; noch immer sah er das Licht von seinem Hause
schimmern; es war ihm wie entseelt. Er richtete sich hoch auf und stieß
dem Schimmel die Sporen in die Weichen; das Tier bäumte sich, es hätte
sich fast überschlagen; aber die Kraft des Mannes drückte es herunter.
„Vorwärts!“ rief er noch einmal, wie er es so oft zum festen Ritt
gerufen hatte. „Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!“
Noch ein Sporenstich; ein Schrei des Schimmels, der Sturm und
Wellenbrausen überschrie; dann unten aus dem hinabstürzenden Strom ein
dumpfer Schall, ein kurzer Kampf.
Der Mond sah leuchtend aus der Höhe; aber unten auf dem Deiche war kein
Leben mehr, als nur die wilden Wasser, die bald den alten Koog fast
völlig überflutet hatten. Noch immer aber ragte die Werfte von Hauke
Haiens Hofstatt aus dem Schwall hervor, noch schimmerte von dort der
Lichtschein, und von der Geest her, wo die Häuser allmählich dunkel
wurden, warf noch die einsame Leuchte aus dem Kirchturm ihre zitternden
Lichtfunken über die schäumenden Wellen.“
Der Erzähler schwieg; ich griff nach dem gefüllten Glase, das seit
lange vor mir stand; aber ich führte es nicht zum Munde; meine Hand
blieb auf dem Tische ruhen.
„Das ist die Geschichte von Hauke Haien,“ begann mein Wirt noch einmal,
„wie ich sie nach bestem Wissen nur berichten konnte. Freilich, die
Wirtschafterin unseres Deichgrafen würde sie Ihnen anders erzählt
haben; denn auch das weiß man zu berichten: jenes weiße Pferdsgerippe
ist nach der Flut wiederum, wie vormals, im Mondschein auf Jevershallig
zu sehen gewesen; das ganze Dorf will es gesehen haben.—Soviel ist
sicher: Hauke Haien mit Weib und Kind ging unter in dieser Flut; nicht
einmal ihre Grabstätte hab’ ich droben auf dem Kirchhof finden können;
die toten Körper werden von dem abströmenden Wasser durch den Bruch ins
Meer hinausgetrieben und auf dessen Grunde allmählich in ihre
Urbestandteile aufgelöst sein—so haben sie Ruhe vor den Menschen
gehabt. Aber der Hauke-Haien-Deich steht noch jetzt nach hundert
Jahren, und wenn Sie morgen nach der Stadt reiten und die halbe Stunde
Umweg nicht scheuen wollen, so werden Sie ihn unter den Hufen Ihres
Pferdes haben.
Der Dank, den einstmals Jewe Manners bei den Enkeln seinem Erbauer
versprochen hatte, ist, wie Sie gesehen haben, ausgeblieben; denn so
ist es, Herr: dem Sokrates gaben sie ein Gift zu trinken, und unsern
Herrn Christus schlugen sie an das Kreuz! Das geht in den letzten
Zeiten nicht mehr so leicht; aber—einen Gewaltsmenschen oder einen
bösen stiernackigen Pfaffen zum Heiligen oder einen tüchtigen Kerl, nur
weil er uns um Kopfeslänge überwachsen war, zum Spuk und Nachtgespenst
zu machen—das geht noch alle Tage.“
Als das ernsthafte Männlein das gesagt hatte, stand es auf und horchte
nach draußen. „Es ist dort etwas anders worden,“ sagte er und zog die
Wolldecke vom Fenster; es war heller Mondschein. „Seht nur,“ fuhr er
fort, „dort kommen die Gevollmächtigten zurück; aber sie zerstreuen
sich, sie gehen nach Hause; drüben am andern Ufer muß ein Bruch
geschehen sein; das Wasser ist gefallen.“
Ich blickte neben ihm hinaus; die Fenster hier oben lagen über dem Rand
des Deiches; es war, wie er gesagt hatte. Ich nahm mein Glas und trank
den Rest. „Haben Sie Dank für diesen Abend!“ sagte ich; „ich denk’, wir
können ruhig schlafen!“
„Das können wir,“ entgegnete der kleine Herr; „ich wünsche von Herzen
eine wohlschlafende Nacht!“
—Beim Hinabgehen traf ich unten auf dem Flur den Deichgrafen; er wollte
noch eine Karte, die er in der Schenkstube gelassen hatte, mit nach
Hause nehmen. „Alles vorüber!“ sagte er. „Aber unser Schulmeister hat
Ihnen wohl schön was weisgemacht; er gehört zu den Aufklärern!“
—„Er scheint ein verständiger Mann!“
„Ja, ja, gewiß; aber Sie können Ihren eigenen Augen doch nicht
mißtrauen; und drüben an der anderen Seite, ich sagte es ja voraus, ist
der Deich gebrochen!“
Ich zuckte die Achseln: „Das muß beschlafen werden! Gute Nacht, Herr
Deichgraf!“