Aber der Pastor wies mit dem Finger in den Pesel, wo Hauke in langsam
ernster Weise zwei älteren Leuten etwas zu erklären schien. „Dort steht
er,“ sagte er, „die lange Friesengestalt mit den klugen grauen Augen
neben der hageren Nase und den zwei Schädelwölbungen darüber! Er war
des Alten Knecht und sitzt jetzt auf seiner eigenen kleinen Stelle; er
ist zwar etwas jung!“
„Es scheint ein Dreißiger,“ sagte der Oberdeichgraf, den ihm so
Vorgestellten musternd.
„Er ist kaum vierundzwanzig,“ bemerkte der Gevollmächtigte Manners;
„aber der Pastor hat recht: was in den letzten Jahren Gutes für Deiche
und Siele und dergleichen vom Deichgrafenamt in Vorschlag kam, das war
von ihm; mit dem Alten war’s doch zuletzt nichts mehr.“
„So, so?“ machte der Oberdeichgraf; „und Ihr meinet, er wäre nun auch
der Mann, um in das Amt seines alten Herrn einzurücken?“
„Der Mann wäre es schon,“ entgegnete Jewe Manners; „aber ihm fehlt das,
was man hier „Klei unter den Füßen“ nennt; sein Vater hatte so um
fünfzehn, er mag gut zwanzig Demat haben, aber damit ist bis jetzt hier
niemand Deichgraf geworden.“
Der Pastor tat schon den Mund auf, als wolle er etwas einwenden, da
trat Elke Volkerts, die eine Weile schon im Zimmer gewesen, plötzlich
zu ihnen: „Wollen Euer Gnaden mir ein Wort erlauben?“ sprach sie zu dem
Oberbeamten; „es ist nur, damit aus einem Irrtum nicht ein Unrecht
werde!“
„So sprecht, Jungfer Elke!“ entgegnete dieser; „Weisheit von hübschen
Mädchenlippen hört sich allzeit gut!“
—„Es ist nicht Weisheit, Euer Gnaden; ich will nur die Wahrheit sagen.“
„Auch die muß man ja hören können, Jungfer Elke!“
Das Mädchen ließ ihre dunklen Augen noch einmal zur Seite gehen, als ob
sie wegen überflüssiger Ohren sich versichern wolle: „Euer Gnaden,“
begann sie dann, und ihre Brust hob sich in stärkerer Bewegung, „mein
Pate, Jewe Manners, sagte Ihnen, daß Hauke Haien nur etwa zwanzig Demat
im Besitz habe; das ist im Augenblick auch richtig, aber sobald es sein
muß, wird Hauke noch um soviel mehr sein eigen nennen, als dieser,
meines Vaters, jetzt mein Hof an Dematzahl beträgt; für einen
Deichgrafen wird das zusammen denn wohl reichen.“
Der alte Manners reckte den weißen Kopf gegen sie, als müsse er erst
sehen, wer denn eigentlich da rede. „Was ist das?“ sagte er; „Kind, was
sprichst du da?“
Aber Elke zog an einem schwarzen Bändchen einen blinkenden Goldring aus
ihrem Mieder. „Ich bin verlobt, Pate Manners,“ sagte sie; „hier ist der
Ring, und Hauke Haien ist mein Bräutigam.“
—„Und wann—ich darf’s wohl fragen, da ich dich aus der Taufe hob, Elke
Volkerts wann ist denn das passiert?“
—„Das war schon vor geraumer Zeit; doch war ich mündig, Pate Manners,“
sagte sie; „mein Vater war schon hinfällig worden, und da ich ihn
kannte, so wollt’ ich ihn nicht mehr damit beunruhigen; itzt, da er bei
Gott ist, wird er einsehen, daß sein Kind bei diesem Manne wohl
geborgen ist. Ich hätte es auch das Trauerjahr hindurch schon
ausgeschwiegen; jetzt aber, um Haukes und um des Kooges willen, hab’
ich reden müssen.“ Und zum Oberdeichgrafen gewandt, setzte sie hinzu:
„Euer Gnaden wollen mir das verzeihen!“
Die drei Männer sahen sich an; der Pastor lachte, der alte
Gevollmächtigte ließ es bei einem „Hmm, hmm!“ bewenden, während der
Oberdeichgraf wie vor einer wichtigen Entscheidung sich die Stirn rieb.
„Ja, liebe Jungfer,“ sagte er endlich, „aber wie steht es denn hier im
Kooge mit den ehelichen Güterrechten? Ich muß gestehen, ich bin
augenblicklich nicht recht kapitelfest in diesem Wirrsal!“
„Das brauchen Euer Gnaden auch nicht,“ entgegnete des Deichgrafen
Tochter, „ich werde vor der Hochzeit meinem Bräutigam die Güter
übertragen. Ich habe auch meinen kleinen Stolz,“ setzte sie lächelnd
hinzu; „ich will den reichsten Mann im Dorfe heiraten!“
„Nun, Manners,“ meinte der Pastor, „ich denke, Sie werden auch als Pate
nichts dagegen haben, wenn ich den jungen Deichgrafen mit des alten
Tochter zusammengebe!“
Der Alte schüttelte leis den Kopf „Unser Herr Gott gebe seinen Segen!“
sagte er andächtig.
Der Oberdeichgraf aber reichte dem Mädchen seine Hand: „Wahr und weise
habt Ihr gesprochen, Elke Volkerts; ich danke Euch für so kräftige
Erläuterungen und hoffe auch in Zukunft, und bei freundlicheren
Gelegenheiten als heute, der Gast Eures Hauses zu sein; aber—daß ein
Deichgraf von solch junger Jungfer gemacht wurde, das ist das
Wunderbare an der Sache!“
„Euer Gnaden,“ erwiderte Elke und sah den gütigen Oberbeamten noch
einmal mit ihren ernsten Augen an, „einem rechten Manne wird auch die
Frau wohl helfen dürfen!“ Dann ging sie in den anstoßenden Pesel und
legte schweigend ihre Hand in Hauke Haiens.
Es war um mehrere Jahre später: In dem kleinen Hause Tede Haiens wohnte
jetzt ein rüstiger Arbeiter mit Frau und Kind, der junge Deichgraf
Hauke Haien saß mit seinem Weibe Elke Volkerts auf deren väterlicher
Hofstelle. Im Sommer rauschte die gewaltige Esche nach wie vor am
Hause; aber auf der Bank, die jetzt darunterstand, sah man abends meist
nur die junge Frau, einsam mit einer häuslichen Arbeit in den Händen;
noch immer fehlte ein Kind in dieser Ehe; der Mann aber hatte anderes
zu tun, als Feierabend vor der Tür zu halten; denn trotz seiner
früheren Mithilfe lagen aus des Alten Amtsführung eine Menge
unerledigter Dinge, an die auch er derzeit zu rühren nicht für gut
gefunden hatte; jetzt aber mußte allmählich alles aus dem Wege; er
fegte mit einem scharfen Besen. Dazu kam die Bewirtschaftung der durch
seinen eigenen Landbesitz vergrößerten Stelle, bei der er gleichwohl
den Kleinknecht noch zu sparen suchte; so sahen sich die beiden
Eheleute, außer am Sonntag, wo Kirchgang gehalten wurde, meist nur bei
dem von Hauke eilig besorgten Mittagessen und beim Auf- und Niedergang
des Tages; es war ein Leben fortgesetzter Arbeit, doch gleichwohl ein
zufriedenes.
Dann kam ein störendes Wort in Umlauf.—Als von den jüngeren Besitzern
der Marsch- und Geestgemeinde eines Sonntags nach der Kirche ein etwas
unruhiger Trupp im Kruge droben am Trunke festgeblieben war, redeten
sie beim vierten oder fünften Glase zwar nicht über König und
Regierung—so hoch wurde damals noch nicht gegriffen—wohl aber über
Kommunal- und Oberbeamte, vor allem über Gemeindeabgaben und -lasten,
und je länger sie redeten, desto weniger fand davon Gnade vor ihren
Augen, insonders nicht die neuen Deichlasten; alle Siele und Schleusen,
die sonst immer gehalten hätten, seien jetzt reparaturbedürftig; am
Deiche fänden sich immer neue Stellen, die Hunderte von Karren Erde
nötig hätten; der Teufel möchte die Geschichte holen!
„Das kommt von eurem klugen Deichgrafen,“ rief einer von den
Geestleuten, „der immer grübeln geht und seine Finger dann in alles
steckt!“
„Ja, Marten,“ sagte Ole Peters, der dem Sprecher gegenüber saß; „recht
hast du, er ist hinterspinnig und sucht beim Oberdeichgraf sich ’nen
weißen Fuß zu machen; aber wir haben ihn nun einmal!“
„Warum habt ihr ihn euch aufhucken lassen?“ sagte der andere; „nun müßt
ihr’s bar bezahlen.“
Ole Peters lachte. „Ja, Marten Fedders, das ist nun so bei uns, und
davon ist nichts abzukratzen; der alte wurde Deichgraf von seines
Vaters, der neue von seines Weibes wegen.“ Das Gelächter, das jetzt um
den Tisch lief, zeigte, welchen Beifall das geprägte Wort gefunden
hatte.
Aber es war an öffentlicher Wirtstafel gesprochen worden, es blieb
nicht da, es lief bald um im Geest- und unten in dem Marschdorf, so kam
es auch an Hauke. Und wieder ging vor seinem inneren Auge die Reihe
übelwollender Gesichter vorüber, und noch höhnischer, als es gewesen
war, hörte er das Gelächter an dem Wirtshaustische. „Hunde!“ schrie er,
und seine Augen sahen grimm zur Seite, als wolle er sie peitschen
lassen.
Da legte Elke ihre Hand auf seinen Arm: „Laß sie; die wären alle gern,
was du bist!“
—„Das ist es eben!“ entgegnete er grollend.
„Und,“ fuhr sie fort, „hat denn Ole Peters sich nicht selber
eingefreit?“
„Das hat er, Elke; aber was er mit Vollina freite, das reichte nicht
zum Deichgrafen!“
—„Sag es lieber: er reichte nicht dazu!“ und Elke drehte ihren Mann, so
daß er sich im Spiegel sehen mußte, denn sie standen zwischen den
Fenstern in ihrem Zimmer. „Da steht der Deichgraf!“ sagte sie; „nun
sieh ihn an; nur wer ein Amt regieren kann, der hat es!“
„Du hast nicht unrecht,“ entgegnete er sinnend, „und doch... Nun, Elke;
ich muß zur Osterschleuse, die Türen schließen wieder nicht!“
Sie drückte ihm die Hand: „Komm, sieh mich erst einmal an! Was hast du,
deine Augen sehen so ins Weite?“
„Nichts, Elke, du hast ja recht.“
Er ging; aber nicht lange war er gegangen, so war die
Schleusenreparatur vergessen. Ein anderer Gedanke, den er halb nur
ausgedacht und seit Jahren mit sich umhergetragen hatte, der aber vor
den drängenden Amtsgeschäften ganz zurückgetreten war, bemächtigte sich
seiner jetzt aufs neue und mächtiger als je zuvor, als seien plötzlich
die Flügel ihm gewachsen.
Kaum daß er es selber wußte, befand er sich oben auf dem Haffdeich,
schon eine weite Strecke südwärts nach der Stadt zu; das Dorf, das nach
dieser Seite hinauslag, war ihm zur Linken längst verschwunden; noch
immer schritt er weiter, seine Augen unablässig nach der Seeseite auf
das breite Vorland gerichtet; wäre jemand neben ihm gegangen, er hätte
es sehen müssen, welche eindringliche Geistesarbeit hinter diesen Augen
vorging. Endlich blieb er stehen: das Vorland schwand hier zu einem
schmalen Streifen an dem Deich zusammen. „Es muß gehen!“ sprach er bei
sich selbst. „Sieben Jahr im Amt; sie sollen nicht mehr sagen, daß ich
nur Deichgraf bin von meines Weibes wegen!“
Noch immer stand er, und seine Blicke schweiften scharf und bedächtig
nach allen Seiten über das grüne Vorland; dann ging er zurück, bis wo
auch hier ein schmaler Streifen grünen Weidelands die vor ihm liegende
breite Landfläche ablöste. Hart an dem Deiche aber schoß ein starker
Meeresstrom durch diese, der fast das ganze Vorland von dem Festlande
trennte und zu einer Hallig machte; eine rohe Holzbrücke führte nach
dort hinüber, damit man mit Vieh und Heu- und Getreidewagen hinüber und
wieder zurück gelangen könne. Jetzt war es Ebbezeit, und die goldene
Septembersonne glitzerte auf dem etwa hundert Schritte breiten
Schlickstreifen und auf dem tiefen Priel in seiner Mitte, durch den
auch jetzt das Meer noch seine Wasser trieb. „Das läßt sich dämmen!“
sprach Hauke bei sich selber, nachdem er diesem Spiele eine Zeitlang
zugesehen; dann blickte er auf, und von dem Deiche, auf dem er stand,
über den Priel hinweg, zog er in Gedanken eine Linie längs dem Rande
des abgetrennten Landes, nach Süden herum und ostwärts wiederum zurück
über die dortige Fortsetzung des Prieles und an den Deich heran. Die
Linie aber, welche er unsichtbar gezogen hatte, war ein neuer Deich,
neu auch in der Konstruktion seines Profiles, welches bis jetzt nur
noch in seinem Kopf vorhanden war.
„Das gäbe einen Koog von zirka tausend Demat,“ sprach er lächelnd zu
sich selber; „nicht groß just; aber...“
Eine andere Kalkulation überkam ihn: das Vorland gehörte hier der
Gemeinde, ihren einzelnen Mitgliedern eine Zahl von Anteilen, je nach
der Größe ihres Besitzes im Gemeindebezirk oder nach sonst zu Recht
bestehender Erwerbung; er begann zusammenzuzählen, wieviel Anteile er
von seinem, wie viele er von Elkes Vater überkommen, und was an solchen
er während seiner Ehe schon selbst gekauft hatte, teils in dem dunklen
Gefühle eines künftigen Vorteils, teils bei Vermehrung seiner
Schafzucht. Es war schon eine ansehnliche Menge; denn auch von Ole
Peters hatte er dessen sämtliche Teile angekauft, da es diesem zum
Verdruß geschlagen war, als bei einer teilweisen Überströmung ihm sein
bester Schafbock ertrunken war. Aber das war ein seltsamer Unfall
gewesen; denn so weit Haukes Gedächtnis reichte, waren selbst bei hohen
Fluten dort nur die Ränder überströmt worden. Welch treffliches Weide-
und Kornland mußte es geben und von welchem Werte, wenn das alles von
seinem neuen Deich umgeben war! Wie ein Rausch stieg es ihm ins Gehirn;
aber er preßte die Nägel in seine Handflächen und zwang seine Augen,
klar und nüchtern zu sehen, was dort vor ihm lag: eine große deichlose
Fläche, wer wußt’ es, welchen Stürmen und Fluten schon in den nächsten
Jahren preisgegeben, an deren äußerstem Rande jetzt ein Trupp von
schmutzigen Schafen langsam grasend entlang wanderte, dazu für ihn ein
Haufen Arbeit, Kampf und Ärger! Trotz alledem, als er vom Deich hinab
und den Fußsteig über die Fennen auf seine Werfte zuging, ihm war’s,
als brächte er einen großen Schatz mit sich nach Hause.
Auf dem Flur trat Elke ihm entgegen. „Wie war es mit der Schleuse?“
frug sie.
Er sah mit geheimnisvollem Lächeln auf sie nieder. „Wir werden bald
eine andere Schleuse brauchen,“ sagte er; „und Sielen und einen neuen
Deich!“
„Ich versteh’ dich nicht,“ entgegnete Elke, während sie in das Zimmer
gingen; „was willst du, Hauke?“
„Ich will,“ sagte er langsam und hielt dann einen Augenblick inne, „ich
will, daß das große Vorland, das unserer Hofstatt gegenüber beginnt und
dann nach Westen ausgeht, zu einem festen Kooge eingedeicht werde: die
hohen Fluten haben fast ein Menschenalter uns in Ruh’ gelassen; wenn
aber eine von den schlimmen wiederkommt und den Anwachs stört, so kann
mit einem Mal die ganze Herrlichkeit zu Ende sein; nur der alte
Schlendrian hat das bis heut so lassen können!“
Sie sah ihn voll Erstaunen an. „So schiltst du dich ja selber!“ sagte
sie.
—„Das tu ich, Elke; aber es war bisher auch soviel anderes zu
beschaffen!“
„Ja, Hauke; gewiß, du hast genug getan!“
Er hatte sich in den Lehnstuhl des alten Deichgrafen gesetzt, und seine
Hände griffen fest um beide Lehnen.
„Hast du denn guten Mut dazu?“ fragte ihn sein Weib.
„Das hab’ ich, Elke!“ sprach er hastig.
„Sei nicht zu rasch, Hauke; das ist ein Werk auf Tod und Leben; und
fast alle werden dir entgegen sein, man wird dir deine Müh’ und Sorg’
nicht danken!“
Er nickte. „Ich weiß!“ sagte er.
„Und wenn es nun nicht gelänge!“ rief sie wieder; „von Kindesbeinen an
hab’ ich gehört, der Priel sei nicht zu stopfen, und darum dürfe nicht
daran gerührt werden.“
„Das war ein Vorwand für die Faulen!“ sagte Hauke; „weshalb denn sollte
man den Priel nicht stopfen können?“
—„Das hört’ ich nicht; vielleicht, weil er gerade durchgeht; die
Spülung ist zu stark.“—Eine Erinnerung überkam sie, und ein fast
schelmisches Lächeln brach aus ihren ernsten Augen. „Als ich Kind war,“
sprach sie, „hörte ich einmal die Knechte darüber reden; sie meinten,
wenn ein Damm dort halten solle, müsse was Lebigs da hineingeworfen und
mit verdämmt werden; bei einem Deichbau auf der andern Seite, vor wohl
hundert Jahren, sei ein Zigeunerkind verdämmet worden, das sie um
schweres Geld der Mutter abgehandelt hätten; jetzt aber würde wohl
keine ihr Kind verkaufen!“
Hauke schüttelte den Kopf „Da ist es gut, daß wir keins haben, sie
würden es sonst noch schier von uns verlangen!“
„Sie sollten’s nicht bekommen!“ sagte Elke und schlug wie in Angst die
Arme über ihren Leib.
Und Hauke lächelte; doch sie fragte noch einmal: „Und die ungeheuren
Kosten? Hast du das bedacht?“
„Das hab’ ich, Elke; was wir dort herausbringen, wird sie bei weitem
überholen, auch die Erhaltungskosten des alten Deiches gehen für ein
gut Stück in dem neuen unter; wir arbeiten ja selbst und haben über
achtzig Gespanne in der Gemeinde, und an jungen Fäusten ist hier auch
kein Mangel. Du sollst mich wenigstens nicht umsonst zum Deichgrafen
gemacht haben, Elke; ich will ihnen zeigen, daß ich einer bin!“
Sie hatte sich vor ihm niedergehuckt und ihn sorgvoll angeblickt; nun
erhob sie sich mit einem Seufzer: „Ich muß weiter zu meinem Tagewerk,“
sagte sie, und ihre Hand strich langsam über seine Wange; „tu du das
deine, Hauke!“
„Amen, Elke!“ sprach er mit ernstem Lächeln; „Arbeit ist für uns beide
da!“
—Und es war Arbeit genug für beide, die schwerste Last aber fiel jetzt
auf des Mannes Schulter. An Sonntagnachmittagen, oft auch nach
Feierabend, saß Hauke mit einem tüchtigen Feldmesser zusammen, vertieft
in Rechenaufgaben, Zeichnungen und Rissen; war er allein, dann ging es
ebenso und endete oft weit nach Mitternacht. Dann schlich er in die
gemeinsame Schlafkammer—denn die dumpfen Wandbetten im Wohngemach
wurden in Haukes Wirtschaft nicht mehr gebraucht—und sein Weib, damit
er endlich nur zur Ruhe komme, lag wie schlafend mit geschlossenen
Augen, obgleich sie mit klopfendem Herzen nur auf ihn gewartet hatte;
dann küßte er mitunter ihre Stirn und sprach ein leises Liebeswort
dabei, und legte sich selbst zum Schlafe, der ihm oft nur beim ersten
Hahnenkraht zu Willen war. Im Wintersturm lief er auf den Deich hinaus,
mit Bleistift und Papier in der Hand, und stand und zeichnete und
notierte, während ein Windstoß ihm die Mütze vom Kopf riß, und das
lange, fahle Haar ihm um sein heißes Antlitz flog; bald fuhr er,
solange nur das Eis ihm nicht den Weg versperrte, mit einem Knecht zu
Boot ins Wattenmeer hinaus und maß dort mit Lot und Stange die Tiefen
der Ströme, über die er noch nicht sicher war. Elke zitterte oft genug
für ihn; aber war er wieder da, so hätte er das nur aus ihrem festen
Händedruck oder dem leuchtenden Blitz aus ihren sonst so stillen Augen
merken können. „Geduld, Elke,“ sagte er, da ihm einmal war, als ob sein
Weib ihn nicht lassen könne; „ich muß erst selbst im reinen sein, bevor
ich meinen Antrag stelle!“ Da nickte sie und ließ ihn gehen. Der Ritte
in die Stadt zum Oberdeichgrafen wurden auch nicht wenige, und allem
diesen und den Mühen in Haus- und Landwirtschaft folgten immer wieder
die Arbeiten in die Nacht hinein. Sein Verkehr mit anderen Menschen
außer in Arbeit und Geschäft verschwand fast ganz; selbst der mit
seinem Weibe wurde immer weniger. „Es sind schlimme Zeiten, und sie
werden noch lange dauern,“ sprach Elke bei sich selber und ging an ihre
Arbeit.
Endlich, Sonne und Frühlingswinde hatten schon überall das Eis
gebrochen, war auch die letzte Vorarbeit getan; die Eingabe an den
Oberdeichgrafen zu Befürwortung an höherem Orte, enthaltend den
Vorschlag einer Bedeichung des erwähnten Vorlandes, zur Förderung des
öffentlichen Besten, insonders des Kooges wie nicht weniger der
Herrschaftlichen Kasse, da höchstderselben in kurzen Jahren die Abgabe
von ca. 1000 Demat daraus erwachsen würden,—war sauber abgeschrieben
und nebst anliegenden Rissen und Zeichnungen aller Lokalitäten, jetzt
und künftig, der Schleusen und Siele und was noch sonst dazu gehörte,
in ein festes Konvolut gepackt und mit dem deichgräflichen Amtssiegel
versehen worden.
„Da ist es, Elke,“ sagte der junge Deichgraf, „nun gib ihm deinen
Segen!“
Elke legte ihre Hand in seine: „Wir wollen fest zusammenhalten,“ sagte
sie.
„Das wollen wir.“
Dann wurde die Eingabe durch einen reitenden Boten in die Stadt
gesandt.
„Sie wollen bemerken, lieber Herr,“ unterbrach der Schulmeister seine
Erzählung, mich freundlich mit seinen feinen Augen fixierend, „daß ich
das bisher Berichtete während meiner fast vierzigjährigen Wirksamkeit
in diesem Kooge aus den Überlieferungen verständiger Leute oder aus
Erzählungen der Enkel und Urenkel solcher zusammengefunden habe; was
ich, damit Sie dieses mit dem endlichen Verlauf in Einklang zu bringen
vermögen, Ihnen jetzt vorzutragen habe, das war derzeit und ist auch
jetzt noch das Geschwätz des ganzen Marschdorfes, sobald nur um
Allerheiligen die Spinnräder an zu schnurren fangen.
Von der Hofstelle des Deichgrafen, etwa fünf- bis sechshundert Schritte
weiter nordwärts, sah man derzeit, wenn man auf dem Deiche stand, ein
paar tausend Schritt ins Wattenmeer hinaus und etwas weiter von dem
gegenüberliegenden Marschufer entfernt eine kleine Hallig, die sie
„Jeverssand,“ auch „Jevershallig“ nannten. Von den derzeitigen
Großvätern war sie noch zur Schafweide benutzt worden, denn Gras war
damals noch darauf gewachsen; aber auch das hatte aufgehört, weil die
niedrige Hallig ein paarmal, und just im Hochsommer, unter Seewasser
gekommen und der Graswuchs dadurch verkümmert und auch zur Schafweide
unnutzbar geworden war. So kam es denn, daß außer von Möwen und den
andern Vögeln, die am Strande fliegen, und etwa einmal von einem
Fischadler dort kein Besuch mehr stattfand; und an mondhellen Abenden
sah man vom Deiche aus nur die Nebeldünste leichter oder schwerer
darüber hinziehen. Ein paar weißgebleichte Knochengerüste ertrunkener
Schafe und das Gerippe eines Pferdes, von dem freilich niemand begriff,
wie es dort hingekommen sei, wollte man, wenn der Mond von Osten auf
die Hallig schien, dort auch erkennen können.
Es war zu Ende März, als an dieser Stelle nach Feierabend der
Tagelöhner aus dem Tede-Haienschen Hause und Iven Johns, der Knecht des
jungen Deichgrafen, nebeneinander standen und unbeweglich nach der im
trüben Mondduft kaum erkennbaren Hallig hinüberstarrten; etwas
Auffälliges schien sie dort so festzuhalten. Der Tagelöhner steckte die
Hände in die Tasche und schüttelte sich: „Komm, Iven,“ sagte er, „das
ist nichts Gutes; laß uns nach Haus gehen!“
Der andere lachte, wenn auch ein Grauen bei ihm hindurchklang: „Ei was,
es ist eine lebige Kreatur, eine große! Wer, zum Teufel, hat sie nach
dem Schlickstück hinaufgejagt! Sieh nur, nun reckt’s den Hals zu uns
hinüber! Nein, es senkt den Kopf, es frißt! Ich dächt’, es wär’ dort
nichts zu fressen! Was es nur sein mag?“
„Was geht das uns an!“ entgegnete der andere. „Gute Nacht, Iven, wenn
du nicht mitwillst; ich gehe nach Haus!“
—„Ja, ja; du hast ein Weib, du kommst ins warme Bett! Bei mir ist auch
in meiner Kammer lauter Märzenluft!“
„Gut’ Nacht denn!“ rief der Tagelöhner zurück, während er auf dem Deich
nach Hause trabte. Der Knecht sah sich ein paarmal nach dem
Fortlaufenden um; aber die Begier, Unheimliches zu schauen, hielt ihn
noch fest. Da kam eine untersetzte, dunkle Gestalt auf dem Deich vom
Dorf her gegen ihn heran; es war der Dienstjunge des Deichgrafen. „Was
willst du, Karsten?“ rief ihm der Knecht entgegen.
„Ich?—nichts,“ sagte der Junge; „aber unser Wirt will dich sprechen,
Iven Johns!“
Der Knecht hatte die Augen schon wieder nach der Hallig. „Gleich; ich
komme gleich!“ sagte er.
„Wonach guckst du denn so?“ frug der junge.
Der Knecht hob den Arm und wies stumm nach der Hallig. „Oha!“ flüsterte
der Junge; „da geht ein Pferd—ein Schimmel—das muß der Teufel
reiten—wie kommt ein Pferd nach Jevershallig?“
—„Weiß nicht, Karsten, wenn’s nur ein richtiges Pferd ist!“
„Ja, ja, Iven; sieh nur, es frißt ganz wie ein Pferd! Aber wer hat’s
dahin gebracht; wir haben im Dorf so große Böte gar nicht! Vielleicht
auch ist es nur ein Schaf; Peter Ohm sagt, im Mondschein wird aus zehn
Torfringeln ein ganzes Dorf. Nein, sieh! Nun springt es—es muß doch ein
Pferd sein!“
Beide standen eine Weile schweigend, die Augen nur nach dem gerichtet,
was sie drüben undeutlich vor sich gehen sahen. Der Mond stand hoch am
Himmel und beschien das weite Wattenmeer, das eben in der steigenden
Flut seine Wasser über die glitzernden Schlickflächen zu spülen begann;
nur das leise Geräusch des Wassers, keine Tierstimme war in der
ungeheueren Weite hier zu hören; auch in der Marsch, hinter dem Deiche,
war es leer; Kühe und Rinder waren alle noch in den Ställen. Nichts
regte sich; nur was sie für ein Pferd, einen Schimmel, hielten, schien
dort auf Jevershallig noch beweglich. „Es wird heller,“ unterbrach der
Knecht die Stille, „ich sehe deutlich die weißen Schafgerippe
schimmern!“
„Ich auch,“ sagte der Junge und reckte den Hals, dann aber, als komme
es ihm plötzlich, zupfte er den Knecht am Ärmel. „Iven,“ raunte er,
„das Pferdsgerippe, das sonst dabeilag, wo ist es? Ich kann’s nicht
sehen!“
„Ich seh’ es auch nicht! Seltsam!“ sagte der Knecht.
—„Nicht so seltsam, Iven! Mitunter, ich weiß nicht, in welchen Nächten,
sollen die Knochen sich erheben und tun, als ob sie lebig wären!“
„So?“ machte der Knecht; „das ist ja Altweiberglaube!“
„Kann sein, Iven,“ meinte der Junge.
„Aber, ich mein’, du sollst mich holen; komm, wir müssen nach Haus! Es
bleibt hier immer doch dasselbe.“
Der Junge war nicht fortzubringen, bis der Knecht ihn mit Gewalt
herumgedreht und auf den Weg gebracht hatte. „Hör’, Karsten,“ sagte
dieser, als die gespensterhafte Hallig ihnen schon ein gut Stück im
Rücken lag, „du giltst ja für einen Allerweltsbengel; ich glaub’, du
möchtest das am liebsten selber untersuchen!“
„Ja,“ entgegnete Karsten, nachträglich noch ein wenig schaudernd, „ja,
das möcht’ ich, Iven!“
„Ist das dein Ernst?—dann,“ sagte der Knecht, nachdem der Junge ihm
nachdrücklich darauf die Hand geboten hatte, „lösen wir morgen abend
unser Boot; du fährst nach Jeverssand; ich bleib’ so lange auf dem
Deiche stehen.“
„Ja,“ erwiderte der Junge, „das geht! Ich nehme meine Peitsche mit!“
„Tu das!“
Schweigend kamen sie an das Haus ihrer Herrschaft, zu dem sie langsam
die hohe Werfte hinanstiegen.
Um dieselbe Zeit des folgenden Abends saß der Knecht auf dem großen
Steine vor der Stalltür, als der Junge mit seiner Peitsche knallend zu
ihm kam. „Das pfeift ja wunderlich!“ sagte jener.
„Freilich, nimm dich in acht,“ entgegnete der Junge; „ich hab’ auch
Nägel in die Schnur geflochten.“
„So komm!“ sagte der andere.
Der Mond stand, wie gestern, am Osthimmel und schien klar aus seiner
Höhe. Bald waren beide wieder draußen auf dem Deich und sahen hinüber
nach Jevershallig, die wie ein Nebelfleck im Wasser stand. „Da geht es
wieder,“ sagte der Knecht; „nach Mittag war ich hier, da war’s nicht
da; aber ich sah deutlich das weiße Pferdsgerippe liegen!“
Der Junge reckte den Hals. „Das ist jetzt nicht da, Iven,“ flüsterte
er.
„Nun, Karsten, wie ist’s?“ sagte der Knecht. „Juckt’s dich noch,
hinüberzufahren?“
Karsten besann sich einen Augenblick; dann klatschte er mit seiner
Peitsche in die Luft. „Mach’ nur das Boot los, Iven!“
Drüben aber war es, als hebe, was dorten ging, den Hals und recke gegen
das Festland hin den Kopf Sie sahen es nicht mehr; sie gingen schon den
Deich hinab und bis zur Stelle, wo das Boot gelegen war. „Nun, steig
nur ein!“ sagte der Knecht, nachdem er es losgebunden hatte. „Ich
bleib, bis du zurück bist! Zu Osten mußt du anlegen; da hat man immer
landen können!“ Und der Junge nickte schweigend und fuhr mit seiner
Peitsche in die Mondnacht hinaus; der Knecht wanderte unterm Deich
zurück und bestieg ihn wieder an der Stelle, wo sie vorhin gestanden
hatten. Bald sah er, wie drüben bei einer schroffen, dunkeln Stelle, an
die ein breiter Priel hinanführte, das Boot sich beilegte und eine
untersetzte Gestalt daraus ans Land sprang.—War’s nicht, als klatschte
der Junge mit seiner Peitsche? Aber es konnte auch das Geräusch der
steigenden Flut sein. Mehrere hundert Schritte nordwärts sah er, was
sie für einen Schimmel angesehen hatten; und jetzt!—ja, die Gestalt des
Jungen kam gerade darauf zugegangen. Nun hob es den Kopf, als ob es
stutze; und der Junge—es war deutlich jetzt zu hören—klatschte mit der
Peitsche. Aber—was fiel ihm ein? Er kehrte um, er ging den Weg zurück,
den er gekommen war. Das drüben schien unablässig fortzuweiden, kein
Wiehern war von dort zu hören gewesen; wie weiße Wasserstreifen schien
es mitunter über die Erscheinung hinzuziehen. Der Knecht sah wie
gebannt hinüber.
Da hörte er das Anlegen des Bootes am diesseitigen Ufer, und bald sah
er aus der Dämmerung den Jungen gegen sich am Deich heraufsteigen.
„Nun, Karsten,“ frug er, „was war es?“
Der Junge schüttelte den Kopf. „Nichts war es!“ sagte er. „Noch kurz
vom Boot aus hatt ich es gesehen; dann aber, als ich auf der Hallig
war—weiß der Henker, wo sich das Tier verkrochen hatte, der Mond schien
doch hell genug; aber als ich an die Stelle kam, war nichts da als die
bleichen Knochen von einem halben Dutzend Schafen, und etwas weiter lag
auch das Pferdsgerippe mit seinem weißen, langen Schädel und ließ den
Mond in seine leeren Augenhöhlen scheinen!“
„Hmm!“ meinte der Knecht; „hast auch recht zugesehen?“
„Ja, Iven, ich stand dabei; ein gottvergessener Kiewiet, der hinter dem
Gerippe sich zur Nachtruh’ hingeduckt hatte, flog schreiend auf, daß
ich erschrak und ein paarmal mit der Peitsche hintennach klatschte.“
„Und das war alles?“
„Ja, Iven; ich weiß nicht mehr.“
„Es ist auch genug,“ sagte der Knecht, zog den Jungen am Arm zu sich
heran und wies hinüber nach der Hallig. „Dort, siehst du etwas,
Karsten?“
—„Wahrhaftig, da geht’s ja wieder!“
„Wieder?“ sagte der Knecht; „ich hab die ganze Zeit hinübergeschaut,
aber es ist gar nicht fortgewesen; du gingst ja gerade auf das Unwesen
los!“
Der Junge starrte ihn an; ein Entsetzen lag plötzlich auf seinem sonst
so kecken Angesicht, das auch dem Knechte nicht entging. „Komm!“ sagte
dieser, „wir wollen nach Haus: von hier aus geht’s wie lebig, und
drüben liegen nur die Knochen—das ist mehr, als du und ich begreifen
können. Schweig aber still davon, man darf dergleichen nicht verreden!“
So wandten sie sich, und der Junge trabte neben ihm; sie sprachen
nicht, und die Marsch lag in lautlosem Schweigen an ihrer Seite.
—Nachdem aber der Mond zurückgegangen und die Nächte dunkel geworden
waren, geschah ein anderes.
Hauke Haien war zur Zeit des Pferdemarktes in die Stadt geritten, ohne
jedoch mit diesem dort zu tun zu haben. Gleichwohl, da er gegen Abend
heimkam, brachte er ein zweites Pferd mit sich nach Hause; aber es war
rauhhaarig und mager, daß man jede Rippe zählen konnte, und die Augen
lagen ihm matt und eingefallen in den Schädelhöhlen. Elke war vor die
Haustür getreten, um ihren Eheliebsten zu empfangen. „Hilf Himmel!“
rief sie, „was soll uns der alte Schimmel?“ Denn da Hauke mit ihm vor
das Haus geritten kam und unter der Esche hielt, hatte sie gesehen, daß
die arme Kreatur auch lahme.
Der junge Deichgraf aber sprang lachend von seinem braunen Wallach:
„Laß nur, Elke; es kostet auch nicht viel!“
Die kluge Frau erwiderte: „Du weißt doch, das Wohlfeilste ist auch
meist das Teuerste.“
—„Aber nicht immer, Elke; das Tier ist höchstens vier Jahr alt; sieh es
dir nur genauer an! Es ist verhungert und mißhandelt; da soll ihm unser
Hafer guttun; ich werd’ es selbst versorgen, damit sie mir’s nicht
überfüttern.“
Das Tier stand indessen mit gesenktem Kopf, die Mähnen hingen lang am
Hals herunter. Frau Elke, während ihr Mann nach den Knechten rief, ging
betrachtend um dasselbe herum; aber sie schüttelte den Kopf: „So eins
ist noch nie in unserm Stall gewesen!“
Als jetzt der Dienstjunge um die Hausecke kam, blieb er plötzlich mit
erschrocknen Augen stehen. „Nun, Karsten,“ rief der Deichgraf, „was
fährt dir in die Knochen? Gefällt dir mein Schimmel nicht?“
„Ja—o ja, uns’ Weert, warum denn nicht!“
—„So bring die Tiere in den Stall, gib ihnen kein Futter; ich komme
gleich selber hin!“
Der Junge faßte mit Vorsicht den Halfter des Schimmels und griff dann
hastig, wie zum Schutze, nach dem Zügel des ihm ebenfalls vertrauten
Wallachs. Hauke aber ging mit seinem Weibe in das Zimmer; ein Warmbier
hatte sie für ihn bereit, und Brot und Butter waren auch zur Stelle.
Er war bald gesättigt; dann stand er auf und ging mit seiner Frau im
Zimmer auf und ab. „Laß dir erzählen, Elke,“ sagte er, während der
Abendschein auf den Kacheln an den Wänden spielte, „wie ich zu dem Tier
gekommen bin: Ich war wohl eine Stunde beim Oberdeichgrafen gewesen; er
hatte gute Kunde für mich—es wird wohl dies und jenes anders werden als
in meinen Rissen; aber die Hauptsache, mein Profil, ist akzeptiert, und
schon in den nächsten Tagen kann der Befehl zum neuen Deichbau da
sein!“
Elke seufzte unwillkürlich. „Also doch?“ sagte sie sorgenvoll.
„Ja, Frau,“ entgegnete Hauke; „hart wird’s hergehen; aber dazu, denk’
ich, hat der Herrgott uns zusammengebracht! Unsere Wirtschaft ist jetzt
so gut in Ordnung, ein groß Teil kannst du schon auf deine Schultern
nehmen; denk’ nur um zehn Jahr weiter—dann stehen wir vor einem andern
Besitz.“
Sie hatte bei seinen ersten Worten die Hand ihres Mannes versichernd in
die ihrigen gepreßt; seine letzten Worte konnten sie nicht erfreuen.
„Für wen soll der Besitz?“ sagte sie. „Du müßtest denn ein ander Weib
nehmen; ich bring’ dir keine Kinder.“
Tränen schossen ihr in die Augen; aber er zog sie fest in seine Arme.
„Das überlassen wir dem Herrgott,“ sagte er; „jetzt aber, und auch dann
noch sind wir jung genug, um uns der Früchte unserer Arbeit selbst zu
freuen.“
Sie sah ihn lange, während er sie hielt, aus ihren dunkeln Augen an.
„Verzeih, Hauke,“ sprach sie; „ich bin mitunter ein verzagt Weib!“
Er neigte sich zu ihrem Antlitz und küßte sie: „Du bist mein Weib und
ich dein Mann, Elke! Und anders wird es nun nicht mehr.“
Da legte sie die Arme fest um seinen Nacken: „Du hast recht, Hauke, und
was kommt, kommt für uns beide.“ Dann löste sie sich errötend von ihm.
„Du wolltest von dem Schimmel mir erzählen,“ sagte sie leise.
„Das wollt ich, Elke. Ich sagte dir schon, mir war Kopf und Herz voll
Freude über die gute Nachricht, die der Oberdeichgraf mir gegeben
hatte; so ritt ich eben wieder aus der Stadt hinaus, da, auf dem Damm,
hinter dem Hafen, begegnet’ mir ein ruppiger Kerl; ich wußt’ nicht,
war’s ein Vagabund, ein Kesselflicker oder was denn sonst. Der Kerl zog
den Schimmel am Halfter hinter sich; das Tier aber hob den Kopf und sah
mich aus blöden Augen an; mir war’s, als ob es mich um etwas bitten
wolle; ich war ja auch in diesem Augenblicke reich genug. „He,
Landsmann!“ rief ich, „wo wollt Ihr mit der Kracke hin?“
Der Kerl blieb stehen und der Schimmel auch. „Verkaufen!“ sagte jener
und nickte mir listig zu.
„Nur nicht an mich!“ rief ich lustig.
„Ich denke doch!“ sagte er; „das ist ein wacker Pferd und unter hundert
Talern nicht bezahlt.“
Ich lachte ihm ins Gesicht.
„Nun,“ sagte er, „lacht nicht so hart; Ihr sollt’s mir ja nicht zahlen!
Aber ich kann’s nicht brauchen, bei mir verkommt’s; es würd’ bei Euch
bald ander Ansehen haben!“
Da sprang ich von meinem Wallach und sah dem Schimmel ins Maul und sah
wohl, es war noch ein junges Tier. „Was soll’s denn kosten?“ rief ich,
da auch das Pferd mich wiederum wie bittend ansah.
„Herr, nehmt’s für dreißig Taler!“ sagte der Kerl, „und den Halfter
geb’ ich Euch darein!“
Und da, Frau, hab’ ich dem Burschen in die dargebotene braune Hand, die
fast wie eine Klaue aussah, eingeschlagen. So haben wir den Schimmel,
und ich denk’ auch, wohlfeil genug! Wunderlich nur war es, als ich mit
den Pferden wegritt, hört’ ich bald hinter mir ein Lachen, und als ich
den Kopf wandte, sah ich den Slowaken; der stand noch sperrbeinig, die
Arme auf dem Rücken, und lachte wie ein Teufel hinter mir darein.“
„Pfui,“ rief Elke, „wenn der Schimmel nur nichts von seinem alten Herrn
dir zubringt! Mög’ er dir gedeihen, Hauke!“
„Er selber soll es wenigstens, soweit ich’s leisten kann!“ Und der
Deichgraf ging in den Stall, wie er vorhin dem Jungen es gesagt hatte.
—Aber nicht allein an jenem Abend fütterte er den Schimmel; er tat es
fortan immer selbst und ließ kein Auge von dem Tiere; er wollte zeigen,
daß er einen Priesterhandel gemacht habe; jedenfalls sollte nichts
versehen werden.—Und schon nach wenig Wochen hob sich die Haltung des
Tieres; allmählich verschwanden die rauhen Haare; ein blankes, blau
geapfeltes Fell kam zum Vorschein, und da er es eines Tages auf der
Hofstatt umherführte, schritt es schlank auf seinen festen Beinen.
Hauke dachte des abenteuerlichen Verkäufers. „Der Kerl war ein Narr
oder ein Schuft, der es gestohlen hatte!“ murmelte er bei sich
selber.—Bald auch, wenn das Pferd im Stall nur seine Schritte hörte,
warf es den Kopf herum und wieherte ihm entgegen; nun sah er auch, es
hatte, was die Araber verlangen, ein fleischlos Angesicht; draus
blitzten ein Paar feurige braune Augen. Dann führte er es aus dem Stall
und legte ihm einen leichten Sattel auf; aber kaum saß er droben, so
fuhr dem Tier ein Wiehern wie ein Lustschrei aus der Kehle; es flog mit
ihm davon, die Werfte hinab auf den Weg und dann dem Deiche zu; doch
der Reiter saß fest, und als sie oben waren, ging es ruhiger, leicht,
wie tanzend, und warf den Kopf dem Meere zu. Er klopfte und streichelte
ihm den blanken Hals, aber es bedurfte dieser Liebkosung schon nicht
mehr; das Pferd schien völlig eins mit seinem Reiter, und nachdem er
eine Strecke nordwärts den Deich hinausgeritten war, wandte er es
leicht und gelangte wieder an die Hofstatt.
Die Knechte standen unten an der Auffahrt und warteten der Rückkunft
ihres Wirtes. „So, John,“ rief dieser, indem er von seinem Pferde
sprang, „nun reite du es in die Fenne zu den andern; es trägt dich wie
in einer Wiege!“
Der Schimmel schüttelte den Kopf und wieherte laut in die sonnige
Marschlandschaft hinaus, während ihm der Knecht den Sattel abschnallte
und der Junge damit zur Geschirrkammer lief; dann legte er den Kopf auf
seines Herrn Schulter und duldete behaglich dessen Liebkosung. Als aber
der Knecht sich jetzt auf seinen Rücken schwingen wollte, sprang er mit
einem jähen Satz zur Seite und stand dann wieder unbeweglich, die
schönen Augen auf seinen Herrn gerichtet. „Hoho, Iven,“ rief dieser,
„hat er dir Leids getan?“ und suchte seinem Knecht vom Boden
aufzuhelfen.
Der rieb sich eifrig an der Hüfte. „Nein, Herr, es geht noch; aber den
Schimmel reit’ der Teufel!“
„Und ich!“ setzte Hauke lachend hinzu. „So bring’ ihn am Zügel in die
Fenne!“
Und als der Knecht etwas beschämt gehorchte, ließ sich der Schimmel
ruhig von ihm führen.
—Einige Abende später standen Knecht und Junge miteinander vor der
Stalltür; hinterm Deiche war das Abendrot erloschen, innerhalb
desselben war schon der Koog von tiefer Dämmerung überwallt; nur selten
kam aus der Ferne das Gebrüll eines aufgestörten Rindes oder der Schrei
einer Lerche, deren Leben unter dem Überfall eines Wiesels oder einer
Wasserratte endete. Der Knecht lehnte gegen den Türpfosten und rauchte
aus einer kurzen Pfeife, deren Rauch er schon nicht mehr sehen konnte;
gesprochen hatten er und der Junge noch nicht zusammen. Dem letzteren
aber drückte etwas auf die Seele, er wußte nur nicht, wie er dem
schweigsamen Knechte ankommen sollte. „Du, Iven!“ sagte er endlich,
„weißt du, das Pferdsgeripp’ auf Jeverssand!“
„Was ist damit?“ frug der Knecht.
„Ja, Iven, was ist damit? Es ist gar nicht mehr da; weder Tages noch
bei Mondschein; wohl zwanzigmal bin ich auf den Deich hinausgelaufen!“
„Die alten Knochen sind wohl zusammengepoltert?“ sagte Iven und rauchte
ruhig weiter.
„Aber ich war auch bei Mondschein draußen, es geht auch drüben nichts
auf Jeverssand!“
„Ja,“ sagte der Knecht, „sind die Knochen auseinandergefallen, so
wird’s wohl nicht mehr aufstehen können!“
„Mach keinen Spaß, Iven! Ich weiß jetzt; ich kann dir sagen, wo es
ist!“