Sie nickte nur. „Was ist geworden?“ sagte sie; „hat er’s gewagt?“

—„Was sollt’ er nicht!“

„Nun, und?“

—„Ja, Elke; ich darf es morgen doch versuchen!“

„Gute Nacht, Hauke!“ Und sie lief flüchtig die Werfte hinan und

verschwand im Hause.

Langsam folgte er ihr.

Auf der weiten Weidefläche, die sich zu Osten an der Landseite des

Deiches entlangzog, sah man am Nachmittag darauf eine dunkle

Menschenmasse bald unbeweglich stillestehen, bald, nachdem zweimal eine

hölzerne Kugel aus derselben über den durch die Tagessonne jetzt von

Reif befreiten Boden hingeflogen war, abwärts von den hinter ihr

liegenden langen und niedrigen Häusern allmählich weiterrücken; die

Parteien der Eisbosler in der Mitte, umgeben von alt und jung, was mit

ihnen, sei es in jenen Häusern oder in denen droben auf der Geest,

Wohnung oder Verbleib hatte; die älteren Männer in langen Röcken,

bedächtig aus kurzen Pfeifen rauchend, die Weiber in Tüchern und

Jacken, auch wohl Kinder an den Händen ziehend oder auf den Armen

tragend. Aus den gefrorenen Gräben, welche allmählich überschritten

wurden, funkelte durch die scharfen Schilfspitzen der bleiche Schein

der Nachmittagssonne, es fror mächtig; aber das Spiel ging unablässig

vorwärts, und aller Augen verfolgten immer wieder die fliegende Kugel;

denn an ihr hing heute für das ganze Dorf die Ehre des Tages. Der

Kretler der Parteien trug hier einen weißen, bei den Geestleuten einen

schwarzen Stab mit eiserner Spitze; wo die Kugel ihren Lauf geendet

hatte, wurde dieser, je nachdem, unter schweigender Anerkennung oder

dem Hohngelächter der Gegenpartei in den gefrorenen Boden

eingeschlagen, und wessen Kugel zuerst das Ziel erreichte, der hatte

für seine Partei das Spiel gewonnen.

Gesprochen wurde von all den Menschen wenig; nur wenn ein Kapitalwurf

geschah, hörte man wohl einen Ruf der jungen Männer oder Weiber; oder

von den Alten einer nahm seine Pfeife aus dem Mund und klopfte damit

unter ein paar guten Worten den Werfer auf die Schulter: „Das war ein

Wurf, sagte Zacharies und warf sein Weib aus der Luke!“ oder: „So warf

dein Vater auch; Gott tröst’ ihn in der Ewigkeit!“ oder was sie sonst

für Gutes sagten.

Bei seinem ersten Wurfe war das Glück nicht mit Hauke gewesen; als er

eben den Arm hinten ausschwang, um die Kugel fortzuschleudern, war eine

Wolke von der Sonne fortgezogen, die sie vorhin bedeckt hatte, und

diese traf mit ihrem vollen Strahl in seine Augen; der Wurf wurde zu

kurz, die Kugel fiel auf einen Graben und blieb im Bummeis stecken.

„Gilt nicht! Gilt nicht! Hauke, noch einmal,“ riefen seine Partner.

Aber der Kretler der Geestleute sprang dagegen auf: „Muß wohl gelten;

geworfen ist geworfen!“

„Ole! Ole Peters!“ schrie die Marschjugend. „Wo ist Ole? Wo, zum

Teufel, steckt er?“

Aber er war schon da. „Schreit nur nicht so! Soll Hauke wo geflickt

werden! Ich dacht’s mir schon.“

—„Ei was! Hauke muß noch einmal werfen; nun zeig’, daß du das Maul am

rechten Fleck hast!“

„Das hab ich schon!“ rief Ole und trat dem Geestkretler gegenüber und

redete einen Haufen Gallimathias aufeinander. Aber die Spitzen und

Schärfen, die sonst aus seinen Worten blitzten, waren diesmal nicht

dabei. Ihm zur Seite stand das Mädchen mit den Rätselbrauen und sah

scharf aus zornigen Augen auf ihn hin; aber reden durfte sie nicht,

denn die Frauen hatten keine Stimme in dem Spiel.

„Du leierst Unsinn,“ rief der andere Kretler, „weil dir der Sinn nicht

dienen kann! Sonne, Mond und Sterne sind für uns alle gleich und

allezeit am Himmel; der Wurf war ungeschickt, und alle ungeschickten

Würfe gelten!“

So redeten sie noch eine Weile gegen einander; aber das Ende war, daß

nach Bescheid des Obmanns Hauke seinen Wurf nicht wiederholen durfte.

„Vorwärts!“ riefen die Geestleute, und ihr Kretler zog den schwarzen

Stab aus dem Boden, und der Werfer trat auf seinen Nummerruf dort an

und schleuderte die Kugel vorwärts. Als der Großknecht des Deichgrafen

dem Wurfe zusehen wollte, hatte er an Elke Volkerts vorbeimüssen: „Wem

zuliebe ließest du heut deinen Verstand zu Hause?“ raunte sie ihm zu.

Da sah er sie fast grimmig an, und aller Spaß war aus seinem breiten

Gesichte verschwunden. „Dir zulieb!“ sagte er; „denn du hast deinen

auch vergessen.“

„Geh nur; ich kenne dich, Ole Peters!“ erwiderte das Mädchen, sich hoch

aufrichtend; er aber kehrte den Kopf ab und tat, als habe er das nicht

gehört.

Und das Spiel und der schwarze und weiße Stab gingen weiter. Als Hauke

wieder am Wurf war, flog seine Kugel schon so weit, daß das Ziel, die

große weißgekalkte Tonne, klar in Sicht kam. Er war jetzt ein fester

junger Kerl, und Mathematik und Wurfkunst hatte er täglich während

seiner Knabenzeit getrieben. „Oho, Hauke!“ rief es aus dem Haufen; „das

war ja, als habe der Erzengel Michael selbst geworfen!“ Eine alte Frau

mit Kuchen und Branntwein drängte sich durch den Haufen zu ihm; sie

schenkte ein Glas voll und bot es ihm. „Komm,“ sagte sie, „wir wollen

uns vertragen: das heut ist besser, als da du mir die Katze

totschlugst!“ Als er sie ansah, erkannte er, daß es Trien’ Jans war.

„Ich dank dir, Alte,“ sagte er; „aber ich trink das nicht.“ Er griff in

seine Tasche und drückte ihr ein frischgeprägtes Markstück in die Hand.

„Nimm das und trink selber das Glas aus, Trien’; so haben wir uns

vertragen!“

„Hast recht, Hauke!“ erwiderte die Alte, indem sie seiner Anweisung

folgte; „hast recht; das ist auch besser für ein altes Weib, wie ich!“

„Wie geht’s mit deinen Enten?“ rief er ihr noch nach, als sie sich

schon mit ihrem Korbe fortmachte; aber sie schüttelte nur den Kopf,

ohne sich umzuwenden, und patschte mit ihren alten Händen in die Luft.

„Nichts, nichts, Hauke; da sind zu viele Ratten in euren Gräben; Gott

tröst’ mich; man muß sich anders nähren!“ Und somit drängte sie sich in

den Menschenhaufen und bot wieder ihren Schnaps und ihre Honigkuchen

an.

Die Sonne war endlich schon hinter den Deich hinabgesunken; statt ihrer

glimmte ein rotvioletter Schimmer empor; mitunter flogen schwarze

Krähen vorüber und waren auf Augenblicke wie vergoldet, es wurde Abend.

Auf den Fennen aber rückte der dunkle Menschentrupp noch immer weiter

von den schwarzen, schon fern liegenden Häusern nach der Tonne zu; ein

besonders tüchtiger Wurf mußte sie jetzt erreichen können. Die

Marschleute waren an der Reihe; Hauke sollte werfen.

Die kreidige Tonne zeichnete sich weiß in dem breiten Abendschatten,

der jetzt von dem Deiche über die Fläche fiel. „Die werdet ihr uns

diesmal wohl noch lassen!“ rief einer von den Geestleuten, denn es ging

scharf her; sie waren um mindestens ein halb Stieg Fuß im Vorteil.

Die hagere Gestalt des Genannten trat eben aus der Menge; die grauen

Augen sahen aus dem langen Friesengesicht vorwärts nach der Tonne; in

der herabhängenden Hand lag die Kugel.

„Der Vogel ist dir wohl zu groß,“ hörte er in diesem Augenblick Ole

Peters’ Knarrstimme dicht vor seinen Ohren; „sollen wir ihn um einen

grauen Topf vertauschen?“

Hauke wandte sich und blickte ihn mit festen Augen an: „Ich werfe für

die Marsch!“ sagte er. „Wohin gehörst denn du?“

„Ich denke, auch dahin, du wirfst doch wohl für Elke Volkerts!“

„Beiseit!“ schrie Hauke und stellte sich wieder in Positur. Aber Ole

drängte mit dem Kopf noch näher auf ihn zu. Da plötzlich, bevor noch

Hauke selber etwas dagegen unternehmen konnte, packte den Zudringlichen

eine Hand und riß ihn rückwärts, daß der Bursche gegen seine lachenden

Kameraden taumelte. Es war keine große Hand gewesen, die das getan

hatte; denn als Hauke flüchtig den Kopf wandte, sah er neben sich Elke

Volkerts ihren Ärmel zurechtzupfen, und die dunkeln Brauen standen ihr

wie zornig in dem heißen Antlitz.

Da flog es wie eine Stahlkraft in Haukes Arm; er neigte sich ein wenig,

er wiegte die Kugel ein paarmal in der Hand; dann holte er aus, und

eine Todesstille war auf beiden Seiten; alle Augen folgten der

fliegenden Kugel, man hörte ihr Sausen, wie sie die Luft durchschnitt;

plötzlich, schon weit vom Wurfplatz, verdeckten sie die Flügel einer

Silbermöwe, die, ihren Schrei ausstoßend, vom Deich herüberkam;

zugleich aber hörte man es in der Ferne an die Tonne klatschen. „Hurra

für Hauke!“ riefen die Marschleute, und lärmend ging es durch die

Menge: „Hauke! Hauke Haien hat das Spiel gewonnen!“

Der aber, da ihn alle dicht umdrängten, hatte seitwärts nur nach einer

Hand gegriffen; auch da sie wieder riefen: „Was stehst du, Hauke? Die

Kugel liegt ja in der Tonne!“ nickte er nur und ging nicht von der

Stelle; erst als er fühlte, daß sich die kleine Hand fest an die seine

schloß, sagte er: „Ihr mögt schon recht haben; ich glaube auch, ich hab

gewonnen!“

Dann strömte der ganze Trupp zurück, und Elke und Hauke wurden getrennt

und von der Menge auf den Weg zum Kruge fortgerissen, der an des

Deichgrafen Werfte nach der Geest hinaufbog. Hier aber entschlüpften

beide dem Gedränge, und während Elke auf ihre Kammer ging, stand Hauke

hinten vor der Stalltür auf der Werfte und sah, wie der dunkle

Menschentrupp allmählich nach dort hinaufwanderte, wo im

Kirchspielskrug ein Raum für die Tanzenden bereitstand. Das Dunkel

breitete sich allmählich über die weite Gegend; es wurde immer stiller

um ihn her, nur hinter ihm im Stalle regte sich das Vieh, oben von der

Geest her glaubte er schon das Pfeifen der Klarinetten aus dem Kruge zu

vernehmen. Da hörte er um die Ecke des Hauses das Rauschen eines

Kleides, und kleine feste Schritte gingen den Fußsteig hinab, der durch

die Fennen nach der Geest hinaufführte. Nun sah er auch im Dämmer die

Gestalt dahinschreiten und sah, daß es Elke war; sie ging auch zum

Tanze nach dem Krug. Das Blut schoß ihm in den Hals hinauf, sollte er

ihr nicht nachlaufen und mit ihr gehen? Aber Hauke war kein Held den

Frauen gegenüber; mit dieser Frage sich beschäftigend, blieb er stehen,

bis sie im Dunkel seinem Blick entschwunden war.

Dann, als die Gefahr, sie einzuholen, vorüber war, ging auch er

denselben Weg, bis er droben den Krug bei der Kirche erreicht hatte und

das Schwatzen und Schreien der vor dem Hause und auf dem Flur sich

Drängenden und das Schrillen der Geigen und Klarinetten betäubend ihn

umrauschte. Unbeachtet drückte er sich in den „Gildesaal“; er war nicht

groß und so voll, daß man kaum einen Schritt weit vor sich hinsehen

konnte. Schweigend stellte er sich an den Türpfosten und blickte in das

unruhige Gewimmel; die Menschen kamen ihm wie Narren vor; er hatte auch

nicht zu sorgen, daß jemand noch an den Kampf des Nachmittags dachte,

und wer vor einer Stunde erst das Spiel gewonnen hatte; jeder sah nur

auf seine Dirne und drehte sich mit ihr im Kreis herum. Seine Augen

suchten nur die eine, und endlich—dort! Sie tanzte mit ihrem Vetter,

dem jungen Deichgevollmächtigten; aber schon sah er sie nicht mehr, nur

andere Dirnen aus Marsch und Geest, die ihn nicht kümmerten. Dann

schnappten Violinen und Klarinetten plötzlich ab, und der Tanz war zu

Ende; aber gleich begann auch schon ein anderer. Hauke flog es durch

den Kopf, ob denn Elke ihm auch Wort halten, ob sie nicht mit Ole

Peters ihm vorbeitanzen werde. Fast hätte er einen Schrei bei dem

Gedanken ausgestoßen; dann—ja, was wollte er dann? Aber sie schien bei

diesem Tanze gar nicht mitzuhalten, und endlich ging auch der zu Ende,

und ein anderer, ein Zweitritt, der eben erst hier in die Mode gekommen

war, folgte. Wie rasend setzte die Musik ein, die jungen Kerle stürzten

zu den Dirnen, die Lichter an den Wänden flirrten. Hauke reckte sich

fast den Hals aus, um die Tanzenden zu erkennen; und dort, im dritten

Paare, das war Ole Peters; aber wer war die Tänzerin? Ein breiter

Marschbursche stand vor ihr und deckte ihr Gesicht! Doch der Tanz raste

weiter, und Ole mit seiner Partnerin drehte sich heraus. „Vollina!

Vollina Harders!“ rief Hauke fast laut und seufzte dann gleich wieder

erleichtert auf. Aber wo blieb Elke? Hatte sie keinen Tänzer, oder

hatte sie alle ausgeschlagen, weil sie nicht mit Ole hatte tanzen

wollen?—Und die Musik setzte wieder ab, und ein neuer Tanz begann; aber

wieder sah er Elke nicht! Doch dort kam Ole, noch immer die dicke

Vollina in den Armen! „Nun, nun,“ sagte Hauke; „da wird Jeß Harders mit

seinen fünfundzwanzig Demat auch wohl bald aufs Altenteil müssen!—Aber

wo ist Elke?“

Er verließ seinen Türpfosten und drängte sich weiter in den Saal

hinein; da stand er plötzlich vor ihr, die mit einer älteren Freundin

in einer Ecke saß. „Hauke!“ rief sie, mit ihrem schmalen Antlitz zu ihm

aufblickend; „bist du hier? Ich sah dich doch nicht tanzen!“

„Ich tanze auch nicht,“ erwiderte er.

—„Weshalb nicht, Hauke?“ Und sich halb erhebend, setzte sie hinzu:

„Willst du mit mir tanzen? Ich hab’ es Ole Peters nicht gegönnt; der

kommt nicht wieder!“

Aber Hauke machte keine Anstalt. „Ich danke, Elke,“ sagte er; „ich

verstehe das nicht gut genug; sie könnten über dich lachen; und

dann...“ Er stockte plötzlich und sah sie nur aus seinen grauen Augen

herzlich an, als ob er’s ihnen überlassen müsse, das übrige zu sagen.

„Was meinst du, Hauke?“ frug sie leise.

—„Ich mein, Elke, es kann ja doch der Tag nicht schöner für mich

ausgehen, als er’s schon getan hat.“

„Ja,“ sagte sie, „du hast das Spiel gewonnen.“

„Elke!“ mahnte er kaum hörbar.

Da schlug ihr eine heiße Lohe in das Angesicht. „Geh!“ sagte sie; „was

willst du?“ und schlug die Augen nieder.

Als aber die Freundin jetzt von einem Burschen zum Tanze fortgezogen

wurde, sagte Hauke lauter: „Ich dachte, Elke, ich hätt’ was Besseres

gewonnen!“

Noch ein paar Augenblicke suchten ihre Augen auf dem Boden; dann hob

sie sie langsam, und ein Blick, mit der stillen Kraft ihres Wesens,

traf in die seinen, der ihn wie Sommerluft durchströmte. „Tu, wie dir

ums Herz ist, Hauke!“ sprach sie; „wir sollten uns wohl kennen!“

Elke tanzte an diesem Abend nicht mehr, und als beide dann nach Hause

gingen, hatten sie sich Hand in Hand gefaßt; aus der Himmelshöhe

funkelten die Sterne über der schweigenden Marsch; ein leichter Ostwind

wehte und brachte strenge Kälte; die beiden aber gingen, ohne viel

Tücher und Umhang, dahin, als sei es plötzlich Frühling geworden.

Hauke hatte sich auf ein Ding besonnen, dessen passende Verwendung zwar

in ungewisser Zukunft lag, mit dem er sich aber eine stille Feier zu

bereiten gedachte. Deshalb ging er am nächsten Sonntag in die Stadt zum

alten Goldschmied Andersen und bestellte einen starken Goldring.

„Streckt den Finger her, damit wir messen!“ sagte der Alte und faßte

ihm nach dem Goldfinger. „Nun,“ meinte er, „der ist nicht gar so dick,

wie sie bei euch Leuten sonst zu sein pflegen!“ Aber Hauke sagte:

„Messet lieber am kleinen Finger!“ und hielt ihm den entgegen.

Der Goldschmied sah ihn etwas verdutzt an; aber was kümmerten ihn die

Einfälle der jungen Bauernburschen. „Da werden wir schon so einen unter

den Mädchenringen haben!“ sagte er, und Hauke schoß das Blut durch

beide Wangen. Aber der kleine Goldring paßte auf seinen kleinen Finger,

und er nahm ihn hastig und bezahlte ihn mit blankem Silber; dann

steckte er ihn unter lautem Herzklopfen, und als ob er einen

feierlichen Akt begehe, in die Westentasche. Dort trug er ihn seitdem

an jedem Tage mit Unruhe und doch mit Stolz, als sei die Westentasche

nur dazu da, um einen Ring darin zu tragen.

Er trug ihn so über Jahr und Tag, ja der Ring mußte sogar aus dieser

noch in eine neue Westentasche wandern; die Gelegenheit zu seiner

Befreiung hatte sich noch immer nicht ergeben wollen. Wohl war’s ihm

durch den Kopf geflogen, nur gradenwegs vor seinen Wirt hinzutreten;

sein Vater war ja doch auch ein Eingesessener! Aber wenn er ruhiger

wurde, dann wußte er wohl, der alte Deichgraf würde seinen Kleinknecht

ausgelacht haben. Und so lebten er und des Deichgrafen Tochter

nebeneinander hin; auch sie in mädchenhaftem Schweigen, und beide doch,

als ob sie allzeit Hand in Hand gingen.

Ein Jahr nach jenem Winterfesttag hatte Ole Peters seinen Dienst

gekündigt und mit Vollina Harders Hochzeit gemacht; Hauke hatte recht

gehabt: der Alte war auf Altenteil gegangen, und statt der dicken

Tochter ritt nun der muntere Schwiegersohn die gelbe Stute in die Fenne

und, wie es hieß, rückwärts allzeit gegen den Deich hinan. Hauke war

Großknecht geworden und ein Jüngerer an seine Stelle getreten; wohl

hatte der Deichgraf ihn erst nicht wollen aufrücken lassen.

„Kleinknecht ist besser!“ hatte er gebrummt; „Ich brauch ihn hier bei

meinen Büchern!“ Aber Elke hatte ihm vorgehalten: „Dann geht auch

Hauke, Vater!“ Da war dem Alten bange geworden, und Hauke war zum

Großknecht aufgerückt, hatte aber trotz dessen nach wie vor auch an der

Deichgrafschaft mitgeholfen.

Nach einem andern Jahr aber begann er gegen Elke davon zu reden, sein

Vater werde kümmerlich, und die paar Tage, die der Wirt ihn im Sommer

in dessen Wirtschaft lasse, täten’s nun nicht mehr; der Alte quäle

sich, er dürfe das nicht länger ansehn.—Es war ein Sommerabend; die

beiden standen im Dämmerschein unter der großen Esche vor der Haustür.

Das Mädchen sah eine Weile stumm in die Zweige des Baumes hinauf; dann

entgegnete sie: „Ich hab’s nicht sagen wollen, Hauke; ich dachte, du

würdest selber wohl das Rechte treffen.“

„Ich muß dann fort aus eurem Hause,“ sagte er, „und kann nicht

wiederkommen.“

Sie schwiegen eine Weile und sahen in das Abendrot, das drüben hinterm

Deiche in das Meer versank. „Du mußt es wissen,“ sagte sie; „ich war

heut morgen noch bei deinem Vater und fand ihn in seinem Lehnstuhl

eingeschlafen; die Reißfeder in der Hand, das Reißbrett mit einer

halben Zeichnung lag vor ihm auf dem Tisch;—und da er erwacht war und

mühsam ein Viertelstündchen mit mir geplaudert hatte, und ich nun gehen

wollte, da hielt er mich so angstvoll an der Hand zurück, als fürchte

er, es sei zum letzten Mal; aber...“

„Was aber, Elke?“ frug Hauke, da sie fortzufahren zögerte.

Ein paar Tränen rannen über die Wangen des Mädchens. „Ich dachte nur an

meinen Vater,“ sagte sie; „glaub’ mir, es wird ihm schwer ankommen,

dich zu missen.“ Und als ob sie zu dem Worte sich ermannen müsse, fügte

sie hinzu: „Mir ist es oft, als ob er auf seine Totenkammer rüste.“

Hauke antwortete nicht; ihm war es plötzlich, als rühre sich der Ring

in seiner Tasche; aber noch bevor er seinen Unmut über diese

unwillkürliche Lebensregung unterdrückt hatte, fuhr Elke fort: „Nein,

zürn nicht, Hauke! Ich trau’, du wirst auch so uns nicht verlassen!“

Da ergriff er eifrig ihre Hand, und sie entzog sie ihm nicht. Noch eine

Weile standen die jungen Menschen in dem sinkenden Dunkel beieinander,

bis ihre Hände auseinanderglitten, und jedes seine Wege ging.—Ein

Windstoß fuhr empor und rauschte durch die Eschenblätter und machte die

Läden klappern, die an der Vorderseite des Hauses waren; allmählich

aber kam die Nacht, und Stille lag über der ungeheuren Ebene.

Durch Elkes Zutun war Hauke von dem alten Deichgrafen seines Dienstes

entlassen worden, obgleich er ihm rechtzeitig nicht gekündigt hatte,

und zwei neue Knechte waren jetzt im Hause.—Noch ein paar Monate

weiter, dann starb Tede Haien; aber bevor er starb, rief er den Sohn an

seine Lagerstatt: „Setz dich zu mir, mein Kind,“ sagte der Alte mit

matter Stimme, „dicht zu mir! Du brauchst dich nicht zu fürchten; wer

bei mir ist, das ist nur der dunkle Engel des Herrn, der mich zu rufen

kommt.“

Und der erschütterte Sohn setzte sich dicht an das dunkle Wandbett:

„Sprecht, Vater, was Ihr noch zu sagen habt!“

„Ja, mein Sohn, noch etwas,“ sagte der Alte und streckte seine Hände

über das Deckbett. „Als du, noch ein halber Junge, zu dem Deichgrafen

in Dienst gingst, da lag’s in deinem Kopf, das selbst einmal zu werden.

Das hatte mich angesteckt, und ich dachte auch allmählich, du seiest

der rechte Mann dazu. Aber dein Erbe war für solch ein Amt zu klein—ich

habe während deiner Dienstzeit knapp gelebt—ich dacht’ es zu

vermehren.“

Hauke faßte heftig seines Vaters Hände, und der Alte suchte sich

aufzurichten, daß er ihn sehen könne. „Ja, ja, mein Sohn,“ sagte er,

„dort in der obersten Schublade der Schatulle liegt das Dokument. Du

weißt, die alte Antje Wohlers hat eine Fenne von fünf und einem halben

Demat; aber sie konnte mit dem Mietgelde allein in ihrem krüppelhaften

Alter nicht mehr durchfinden; da habe ich allzeit um Martini eine

bestimmte Summe, und auch mehr, wenn ich es hatte, dem armen Mensch

gegeben; und dafür hat sie die Fenne mir übertragen; es ist alles

gerichtlich fertig.—Nun liegt auch sie am Tode; die Krankheit unserer

Marschen, der Krebs, hat sie befallen; du wirst nicht mehr zu zahlen

brauchen!“

Eine Weile schloß er die Augen; dann sagte er noch: „Es ist nicht viel;

doch hast du mehr dann, als du bei mir gewohnt warst. Mög’ es dir zu

deinem Erdenleben dienen!“

Unter den Dankesworten des Sohnes schlief der Alte ein. Er hatte nichts

mehr zu besorgen; und schon nach einigen Tagen hatte der dunkle Engel

des Herrn ihm seine Augen für immer zugedrückt, und Hauke trat sein

väterliches Erbe an.

—Am Tage nach dem Begräbnis kam Elke in dessen Haus. „Dank, daß du

einguckst, Elke!“ rief Hauke ihr als Gruß entgegen.

Aber sie erwiderte: „Ich guck nicht ein; ich will bei dir ein wenig

Ordnung schaffen, damit du ordentlich in deinem Hause wohnen kannst!

Dein Vater hat vor seinen Zahlen und Rissen nicht viel um sich gesehen,

und auch der Tod schafft Wirrsal; ich will’s dir wieder ein wenig lebig

machen!“

Er sah aus seinen grauen Augen voll Vertrauen auf sie hin: „So schaff

nur Ordnung!“ sagte er; „ich hab’s auch lieber.“

Und dann begann sie aufzuräumen: das Reißbrett, das noch dalag, wurde

abgestäubt und auf den Boden getragen, Reißfedern und Bleistift und

Kreide sorgfältig in einer Schatullenschublade weggeschlossen; dann

wurde die junge Dienstmagd zur Hülfe hereingerufen und mit ihr das

Geräte der ganzen Stube in eine andere und bessere Stellung gebracht,

so daß es anschien, als sei dieselbe nun heller und größer geworden.

Lächelnd sagte Elke: „Das können nur wir Frauen!“ Und Hauke, trotz

seiner Trauer um den Vater, hatte mit glücklichen Augen zugesehen, auch

wohl selber, wo es nötig war, geholfen.

Und als gegen die Dämmerung—es war zu Anfang des Septembers—alles war,

wie sie es für ihn wollte, faßte sie seine Hand und nickte ihm mit

ihren dunkeln Augen zu: „Nun komm und iß bei uns zu Abend; denn meinem

Vater hab’ ich’s versprechen müssen, dich mitzubringen; wenn du dann

heimgehst, kannst du ruhig in dein Haus treten!“

Als sie dann in die geräumige Wohnstube des Deichgrafen traten, wo bei

verschlossenen Läden schon die beiden Lichter auf dem Tische brannten,

wollte dieser aus seinem Lehnstuhl in die Höhe, aber mit seinem

schweren Körper zurücksinkend, rief er nur seinem früheren Knecht

entgegen: „Recht, recht, Hauke, daß du deine alten Freunde aufsuchst!

Komm nur näher, immer näher!“ Und als Hauke an seinen Stuhl getreten

war, faßte er dessen Hand mit seinen beiden runden Händen. „Nun, nun,

mein Junge,“ sagte er, „sei nur ruhig jetzt, denn sterben müssen wir

alle, und dein Vater war keiner von den Schlechtsten!—Aber, Elke, nun

sorg’, daß du den Braten auf den Tisch kriegst; wir müssen uns stärken!

Es gibt viel Arbeit für uns, Hauke! Die Herbstschau ist in Anmarsch;

Deich- und Sielrechnungen haushoch; der neuliche Deichschaden am

Westerkoog—ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, aber deiner, gottlob,

ist um ein gut Stück jünger; du bist ein braver Junge, Hauke!“

Und nach dieser langen Rede, womit der Alte sein ganzes Herz dargelegt

hatte, ließ er sich in seinen Stuhl zurückfallen und blinzelte

sehnsüchtig nach der Tür, durch welche Elke eben mit der Bratenschüssel

hereintrat. Hauke stand lächelnd neben ihm. „Nun setz’ dich,“ sagte der

Deichgraf, „damit wir nicht unnötig Zeit verspillen; kalt schmeckt das

nicht!“

Und Hauke setzte sich; es schien ihm Selbstverstand, die Arbeit von

Elkes Vater mitzutun. Und als die Herbstschau dann gekommen war und ein

paar Monde mehr ins Jahr gingen, da hatte er freilich auch den besten

Teil daran getan.

Der Erzähler hielt inne und blickte um sich. Ein Möwenschrei war gegen

das Fenster geschlagen, und draußen vom Hausflur aus wurde ein Trampeln

hörbar, als ob einer den Klei von seinen schweren Stiefeln abtrete.

Deichgraf und Gevollmächtigte wandten die Köpfe gegen die Stubentür.

„Was ist?“ rief der erstere.

Ein starker Mann, den Südwester auf dem Kopf, war eingetreten. „Herr,“

sagte er, „wir beide haben es gesehen, Hans Nickels und ich: der

Schimmelreiter hat sich in den Bruch gestürzt!“

„Wo saht Ihr das?“ fragte der Deichgraf.

—„Es ist ja nur die eine Wehle; in Jansens Fenne, wo der

Hauke-Haien-Koog beginnt.“

„Saht ihr’s nur einmal?“

—„Nur einmal; es war auch nur wie Schatten, aber es braucht drum nicht

das erste Mal gewesen zu sein.“

Der Deichgraf war aufgestanden. „Sie wollen entschuldigen,“ sagte er,

sich zu mir wendend, „wir müssen draußen nachsehen, wo das Unheil hin

will!“ Dann ging er mit dem Boten zur Tür hinaus; aber auch die übrige

Gesellschaft brach auf und folgte ihm.

Ich blieb mit dem Schullehrer allein in dem großen öden Zimmer; durch

die unverhangenen Fenster, welche nun nicht mehr durch die Rücken der

davorsitzenden Gäste verdeckt wurden, sah man frei hinaus und wie der

Sturm die dunklen Wolken über den Himmel jagte. Der Alte saß noch auf

seinem Platze, ein überlegenes, fast mitleidiges Lächeln auf seinen

Lippen. „Es ist hier zu leer geworden,“ sagte er; „darf ich Sie zu mir

auf mein Zimmer laden? Ich wohne hier im Hause; und glauben Sie mir,

ich kenne die Wetter hier am Deich; für uns ist nichts zu fürchten.“

Ich nahm das dankend an, denn auch mich wollte hier zu frösteln

anfangen, und wir stiegen unter Mitnahme eines Lichtes die Stiegen zu

einer Giebelstube hinauf, die zwar gleichfalls gegen Westen hinauslag,

deren Fenster aber jetzt mit dunklen Wollteppichen verhangen waren. In

einem Bücherregal sah ich eine kleine Bibliothek, daneben die Porträte

zweier alter Professoren; vor einem Tische stand ein großer

Ohrenlehnstuhl. „Machen Sie sich’s bequem!“ sagte mein freundlicher

Wirt und warf einige Torf in den noch glimmenden kleinen Ofen, der oben

von einem Blechkessel gekrönt war. „Nur noch ein Weilchen! Er wird bald

sausen; dann brau’ ich uns ein Gläschen Grog, das hält Sie munter!“

„Dessen bedarf es nicht,“ sagte ich; „ich werd’ nicht schläfrig, wenn

ich Ihren Hauke auf seinem Lebensweg begleite!“

—„Meinen Sie?“ und er nickte mit seinen klugen Augen zu mir herüber,

nachdem ich behaglich in seinem Lehnstuhl untergebracht war. „Nun, wo

blieben wir denn?—Ja, ja; ich weiß schon! Also:

Hauke hatte sein väterliches Erbe angetreten, und da die alte Antje

Wohlers auch ihrem Leiden erlegen war, so hatte deren Fenne es

vermehrt. Aber seit dem Tode, oder richtiger, seit den letzten Worten

seines Vaters war in ihm etwas aufgewachsen, dessen Keim er schon seit

seiner Knabenzeit in sich getragen hatte; er wiederholte es sich mehr

als zu oft, er sei der rechte Mann, wenn’s einen neuen Deichgrafen

geben müsse. Das war es; sein Vater, der es verstehen mußte, der ja der

klügste Mann im Dorf gewesen war, hatte ihm dieses Wort wie eine letzte

Gabe seinem Erbe beigelegt; die Wohlersche Fenne, die er ihm auch

verdankte, sollte den ersten Trittstein zu dieser Höhe bilden! Denn,

freilich, auch mit dieser—ein Deichgraf mußte noch einen andern

Grundbesitz aufweisen können!—Aber sein Vater hatte sich einsame Jahre

knapp beholfen, und mit dem, was er sich entzogen hatte, war er des

neuen Besitzes Herr geworden; das konnte er auch, er konnte noch mehr;

denn seines Vaters Kraft war schon verbraucht gewesen, er aber konnte

noch jahrelang die schwerste Arbeit tun!—Freilich, wenn er es dadurch

nach dieser Seite hin erzwang, durch die Schärfen und Spitzen, die er

der Verwaltung seines alten Dienstherrn zugesetzt hatte, war ihm eben

keine Freundschaft im Dorf zuwege gebracht worden, und Ole Peters, sein

alter Widersacher, hatte jüngsthin eine Erbschaft getan und begann ein

wohlhabender Mann zu werden! Eine Reihe von Gesichtern ging vor seinem

innern Blick vorüber, und sie sahen ihn alle mit bösen Augen an; da

faßte ihn ein Groll gegen diese Menschen, er streckte die Arme aus, als

griffe er nach ihnen, denn sie wollten ihn vom Amte drängen, zu dem von

allen nur er berufen war.—Und die Gedanken ließen ihn nicht; sie waren

immer wieder da, und so wuchsen in seinem jungen Herzen neben der

Ehrenhaftigkeit und Liebe auch die Ehrsucht und der Haß. Aber diese

beiden verschloß er tief in seinem Innern; selbst Elke ahnte nichts

davon.

—Als das neue Jahr gekommen war, gab es eine Hochzeit; die Braut war

eine Verwandte von Haiens, und Hauke und Elke waren beide dort geladene

Gäste; ja, bei dem Hochzeitessen traf es sich durch das Ausbleiben

eines näheren Verwandten, daß sie ihre Plätze nebeneinander fanden. Nur

ein Lächeln, das über beider Antlitz glitt, verriet ihre Freude

darüber. Aber Elke saß heute teilnahmlos in dem Geräusche des Plauderns

und Gläserklirrens.

„Fehlt dir etwas?“ fragte Hauke.

—„O, eigentlich nichts; es sind mir nur zu viele Menschen hier.“

„Aber du siehst so traurig aus!“

Sie schüttelte den Kopf; dann sprachen sie wieder nicht.

Da stieg es über ihr Schweigen wie Eifersucht in ihm auf, und heimlich

unter dem überhängenden Tischtuch ergriff er ihre Hand; aber sie zuckte

nicht, sie schloß sich wie vertrauensvoll um seine. Hatte ein Gefühl

der Verlassenheit sie befallen, da ihre Augen täglich auf der

hinfälligen Gestalt des Vaters haften mußten?—Hauke dachte nicht daran,

sich so zu fragen, aber ihm stand der Atem still, als er jetzt seinen

Goldring aus der Tasche zog. „Läßt du ihn sitzen?“ frug er zitternd,

während er den Ring auf den Goldfinger der schmalen Hand schob.

Gegenüber am Tische saß die Frau Pastorin; sie legte plötzlich ihre

Gabel hin und wandte sich zu ihrem Nachbar: „Mein Gott, das Mädchen!“

rief sie; „sie wird ja totenblaß!“

Aber das Blut kehrte schon zurück in Elkes Antlitz. „Kannst du warten,

Hauke?“ fragte sie leise.

Der kluge Friese besann sich doch noch ein paar Augenblicke. „Auf was?“

sagte er dann.

—„Du weißt das wohl; ich brauch dir’s nicht zu sagen.“

„Du hast recht,“ sagte er; „Ja, Elke, ich kann warten—wenn’s nur ein

menschlich Absehen hat!“

„O Gott, ich fürcht’, ein nahes! Sprich nicht so, Hauke; du sprichst

von meines Vaters Tod!“ Sie legte die andere Hand auf ihre Brust: „Bis

dahin,“ sagte sie, „trag’ ich den Goldring hier; du sollst nicht

fürchten, daß du bei meiner Lebzeit ihn zurückbekommst!“

Da lächelten sie beide, und ihre Hände preßten sich ineinander, daß bei

anderer Gelegenheit das Mädchen wohl laut aufgeschrien hätte.

Die Frau Pastorin hatte indessen unablässig nach Elkes Augen

hingesehen, die jetzt unter dem Spitzenstrich des goldbrokatenen

Käppchens wie in dunklem Feuer brannten. Bei dem zunehmenden Getöse am

Tische aber hatte sie nichts verstanden; auch an ihren Nachbar wandte

sie sich nicht wieder; denn keimende Ehen—und um eine solche schien es

ihr sich denn doch hier zu handeln—schon um des daneben keimenden

Traupfennigs für ihren Mann, den Pastor, pflegte sie nicht zu stören.

Elkes Vorahnung war in Erfüllung gegangen; eines Morgens nach Ostern

hatte man den Deichgrafen Tede Volkerts tot in seinem Bett gefunden;

man sah’s an seinem Antlitz, ein ruhiges Ende war darauf geschrieben.

Er hatte auch mehrfach in den letzten Monden Lebensüberdruß geäußert;

sein Leibgericht, der Ofenbraten, selbst seine Enten hatten ihm nicht

mehr schmecken wollen.

Und nun gab es eine große Leiche im Dorf. Droben auf der Geest auf dem

Begräbnisplatz um die Kirche war zu Westen eine mit Schmiedegitter

umhegte Grabstätte; ein breiter blauer Grabstein stand jetzt aufgehoben

gegen eine Traueresche, auf welchem das Bild des Todes mit stark

gezahnten Kiefern ausgehauen war; darunter in großen Buchstaben:

Dat is de Dot, de Allens fritt,

Nimmt Kunst un Wetenschop di mit;

De kloke Mann is nu vergån

Gott gäw em selik Uperstån.

Es war die Begräbnisstätte des früheren Deichgrafen Volkert Tedsen; nun

war eine frische Grube gegraben, wohinein dessen Sohn, der jetzt

verstorbene Deichgraf Tede Volkerts, begraben werden sollte. Und schon

kam unten aus der Marsch der Leichenzug heran, eine Menge Wagen aus

allen Kirchspielsdörfern; auf dem vordersten stand der schwere Sarg,

die beiden blanken Rappen des deichgräflichen Stalles zogen ihn schon

den sandigen Anberg zur Geest hinauf; Schweife und Mähnen der Pferde

wehten in dem scharfen Frühjahrswind. Der Gottesacker um die Kirche war

bis an die Wälle mit Menschen angefüllt, selbst auf dem gemauerten Tore

huckten Buben mit kleinen Kindern in den Armen; sie wollten alle das

Begraben ansehen.

Im Hause drunten in der Marsch hatte Elke in Pesel und Wohngelaß das

Leichenmahl gerüstet; alter Wein wurde bei den Gedecken hingestellt; an

den Platz des Oberdeichgrafen—denn auch er war heut nicht

ausgeblieben—und an den des Pastors je eine Flasche Langkork. Als alles

besorgt war, ging sie durch den Stall vor die Hoftür; sie traf

niemanden auf ihrem Wege; die Knechte waren mit zwei Gespannen in der

Leichenfuhr. Hier blieb sie stehen und sah, während ihre Trauerkleider

im Frühlingswinde flatterten, wie drüben an dem Dorfe jetzt die letzten

Wagen zur Kirche hinauffuhren. Nach einer Weile entstand dort ein

Gewühl, dem eine Totenstille zu folgen schien. Elke faltete die Hände;

sie senkten wohl den Sarg jetzt in die Grube: „Und zur Erde wieder

sollst du werden!“ Unwillkürlich, leise, als hätte sie von dort es

hören können, sprach sie die Worte nach; dann füllten ihre Augen sich

mit Tränen, ihre über der Brust gefalteten Hände sanken in den Schoß.

„Vater unser, der du bist im Himmel!“ betete sie voll Inbrunst. Und als

das Gebet des Herrn zu Ende war, stand sie noch lange unbeweglich, sie,

die jetzige Herrin dieses großen Marschhofes; und Gedanken des Todes

und des Lebens begannen sich in ihr zu streiten.

Ein fernes Rollen weckte sie. Als sie die Augen öffnete, sah sie schon

wieder einen Wagen um den anderen in rascher Fahrt von der Marsch herab

und gegen ihren Hof herankommen. Sie richtete sich auf, blickte noch

einmal scharf hinaus und ging dann, wie sie gekommen war, durch den

Stall in die feierlich hergestellten Wohnräume zurück. Auch hier war

niemand; nur durch die Mauer hörte sie das Rumoren der Mägde in der

Küche. Die Festtafel stand so still und einsam; der Spiegel zwischen

den Fenstern war mit weißen Tüchern zugesteckt und ebenso die

Messingknöpfe an dem Beilegerofen; es blinkte nichts mehr in der Stube.

Elke sah die Türen vor dem Wandbett, in dem ihr Vater seinen letzten

Schlaf getan hatte, offen stehen und ging hinzu und schob sie fest

zusammen; wie gedankenlos las sie den Sinnspruch, der zwischen Rosen

und Nelken mit goldenen Buchstaben darauf geschrieben stand:

Hest du din Dagwerk richtig dån

Da kommt de Slap von sülvst heran.

Das war noch von dem Großvater!—Einen Blick warf sie auf den

Wandschrank; er war fast leer, aber durch die Glastüren sah sie noch

den geschliffenen Pokal darin, der ihrem Vater, wie er gern erzählt

hatte, einst bei einem Ringreiten in seiner Jugend als Preis zuteil

geworden war. Sie nahm ihn heraus und setzte ihn bei dem Gedeck des

Oberdeichgrafen. Dann ging sie ans Fenster, denn schon hörte sie die

Wagen an der Werfte heraufrollen; einer um den andern hielt vor dem

Hause, und munterer, als sie gekommen waren, sprangen jetzt die Gäste

von ihren Sitzen auf den Boden. Händereibend und plaudernd drängte sich

alles in die Stube; nicht lange, so setzte man sich an die festliche

Tafel, auf der die wohlbereiteten Speisen dampften, im Pesel der

Oberdeichgraf mit dem Pastor; und Lärm und lautes Schwatzen lief den

Tisch entlang, als ob hier nimmer der Tod seine furchtbare Stille

ausgebreitet hätte. Stumm, das Auge auf ihre Gäste, ging Elke mit den

Mägden an den Tischen herum, daß an dem Leichenmahle nichts versehen

werde. Auch Hauke Haien saß im Wohnzimmer neben Ole Peters und anderen

kleineren Besitzern.

Nachdem das Mahl beendet war, wurden die weißen Tonpfeifen aus der Ecke

geholt und angebrannt, und Elke war wiederum geschäftig, die gefüllten

Kaffeetassen den Gästen anzubieten; denn auch der wurde heute nicht

gespart. Im Wohnzimmer an dem Pulte des eben Begrabenen stand der

Oberdeichgraf im Gespräche mit dem Pastor und dem weißhaarigen

Deichgevollmächtigten Jewe Manners. „Alles gut, Ihr Herren,“ sagte der

erste, „den alten Deichgrafen haben wir mit Ehren beigesetzt; aber

woher nehmen wir den neuen? Ich denke, Manners, Ihr werdet Euch dieser

Würde unterziehen müssen!“

Der alte Manners hob lächelnd das schwarze Sammetkäppchen von seinen

weißen Haaren: „Herr Oberdeichgraf,“ sagte er, „das Spiel würde zu kurz

werden; als der verstorbene Tede Volkerts Deichgraf, da wurde ich

Gevollmächtigter und bin es nun schon vierzig Jahre!“

„Das ist kein Mangel, Manners; so kennt Ihr die Geschäfte um so besser

und werdet nicht Not mit ihnen haben!“

Aber der Alte schüttelte den Kopf „Nein, nein, Euer Gnaden, lasset

mich, wo ich bin, so laufe ich wohl noch ein paar Jahre mit!“

Der Pastor stand ihm bei: „Weshalb,“ sagte er, „nicht den ins Amt

nehmen, der es tatsächlich in den letzten Jahren doch geführt hat?“

Der Schimmelreiter · 第 5 / 9 题