Hauke entblößte seinen blutigen Arm. „Deshalb,“ sagte er; „er hatte mir
den Vogel fortgerissen!“
Der Alte sagte nichts hierauf, er begann eine Zeitlang wieder auf und
ab zu gehen; dann blieb er vor dem Jungen stehn und sah eine Weile wie
abwesend auf ihn hin. „Das mit dem Kater hab’ ich rein gemacht,“ sagte
er dann; „aber, siehst du, Hauke, die Kate ist hier zu klein; zwei
Herren können darauf nicht sitzen—es ist nun Zeit, du mußt dir einen
Dienst besorgen!“
„Ja, Vater,“ entgegnete Hauke; „hab’ dergleichen auch gedacht.“
„Warum?“ frug der Alte.
—„Ja, man wird grimmig in sich, wenn man’s nicht an einem ordentlichen
Stück Arbeit auslassen kann.“
„So?“ sagte der Alte, „und darum hast du den Angorer totgeschlagen? Das
könnte leicht noch schlimmer werden?“
—„Er mag wohl recht haben, Vater; aber der Deichgraf hat seinen
Kleinknecht fortgejagt; das könnt’ ich schon verrichten!“
Der Alte begann wieder auf und ab zu gehen und spritzte dabei die
schwarze Tabaksjauche von sich: „Der Deichgraf ist ein Dummkopf, dumm
wie ’ne Saatgans! Er ist nur Deichgraf, weil sein Vater und Großvater
es gewesen sind, und wegen seiner neunundzwanzig Fennen. Wenn Martini
herankommt und hernach die Deich- und Sielrechnungen abgetan werden
müssen, dann füttert er den Schulmeister mit Gansbraten und Met und
Weizenkringeln und sitzt dabei und nickt, wenn der mit seiner Feder die
Zahlenreihen hinunterläuft, und sagt: „Ja, ja, Schulmeister, Gott
vergönn’s Ihm! Was kann Er rechnen?“ Wenn aber einmal der Schulmeister
nicht kann oder auch nicht will, dann muß er selber dran und sitzt und
schreibt und streicht wieder aus, und der große dumme Kopf wird ihm rot
und heiß, und die Augen quellen wie Glaskugeln, als wollte das bißchen
Verstand da hinaus.“
Der Junge stand gerade auf vor dem Vater und wunderte sich, was der
reden könne; so hatte er’s noch nicht von ihm gehört. „Ja, Gott
tröst’!“ sagte er, „dumm ist er wohl; aber seine Tochter Elke, die kann
rechnen!“
Der Alte sah ihn scharf an. „Ahoi, Hauke,“ rief er; „was weißt du von
Elke Volkerts?“
—„Nichts, Vater; der Schulmeister hat’s mir nur erzählt.“
Der Alte antwortete nicht darauf, er schob nur bedächtig seinen
Tabaksknoten aus einer Backe hinter die andere. „Und du denkst,“ sagte
er dann, „du wirst dort auch mitrechnen können.“
„O ja, Vater, das möcht’ schon gehen,“ erwiderte der Sohn, und ein
ernstes Zucken lief um seinen Mund.
Der Alte schüttelte den Kopf. „Nun, aber meinethalb; versuch’ einmal
dein Glück!“
„Dank auch, Vater!“ sagte Hauke und stieg zu seiner Schlafstatt auf dem
Boden; hier setzte er sich auf die Bettkante und sann, weshalb ihn denn
sein Vater um Elke Volkerts angerufen habe. Er kannte sie freilich, das
ranke achtzehnjährige Mädchen mit dem bräunlichen schmalen Antlitz und
den dunklen Brauen, die über den trotzigen Augen und der schmalen Nase
ineinanderliefen; doch hatte er noch kaum ein Wort mit ihr gesprochen;
nun, wenn er zu dem alten Tede Volkerts ging, wollte er sie doch besser
darauf ansehen, was es mit dem Mädchen auf sich habe. Und gleich jetzt
wollte er gehen, damit kein anderer ihm die Stelle abjage; es war ja
kaum noch Abend. Und so zog er seine Sonntagsjacke und seine besten
Stiefel an und machte sich guten Muts auf den Weg.
—Das langgestreckte Haus des Deichgrafen war durch seine hohe Werfte,
besonders durch den höchsten Baum des Dorfes, eine gewaltige Esche,
schon von weitem sichtbar; der Großvater des jetzigen, der erste
Deichgraf des Geschlechtes, hatte in seiner Jugend eine solche osten
der Haustür hier gesetzt; aber die beiden ersten Anpflanzungen waren
vergangen, und so hatte er an seinem Hochzeitsmorgen diesen dritten
Baum gepflanzt, der noch jetzt mit seiner immer mächtiger werdenden
Blätterkrone in dem hier unablässigen Winde wie von alten Zeiten
rauschte.
Als nach einer Weile der lang aufgeschossene Hauke die hohe Werfte
hinaufstieg, welche an den Seiten mit Rüben und Kohl bepflanzt war, sah
er droben die Tochter des Hauswirts neben der niedrigen Haustür stehen.
Ihr einer etwas hagerer Arm hing schlaff herab, die andere Hand schien
im Rücken nach dem Eisenring zu greifen, von denen je einer zu beiden
Seiten der Tür in der Mauer war, damit, wer vor das Haus ritt, sein
Pferd daran befestigen könne. Die Dirne schien von dort ihre Augen über
den Deich hinaus nach dem Meer zu haben, wo an dem stillen Abend die
Sonne eben in das Wasser hinabsank und zugleich das bräunliche Mädchen
mit ihrem letzten Schein vergoldete.
Hauke stieg etwas langsamer an der Werfte hinan und dachte bei sich:
„So ist sie nicht so dösig!“ Dann war er oben. „Guten Abend auch!“
sagte er, zu ihr tretend; „wonach guckst du denn mit deinen großen
Augen, Jungfer Elke?“
„Nach dem,“ erwiderte sie, „was hier alle Abend vor sich geht; aber
hier nicht alle Abend just zu sehen ist.“ Sie ließ den Ring aus der
Hand fallen, daß er klingend gegen die Mauer schlug. „Was willst du,
Hauke Haien?“ frug sie.
„Was dir hoffentlich nicht zuwider ist,“ sagte er. „Dein Vater hat
seinen Kleinknecht fortgejagt, da dachte ich bei Euch in Dienst.“
Sie ließ ihre Blicke an ihm herunterlaufen: „Du bist noch so was
schlanterig, Hauke!“ sagte sie; „aber uns dienen zwei feste Augen
besser als zwei feste Arme!“ Sie sah ihn dabei fast düster an; aber
Hauke hielt ihr tapfer stand. „So komm,“ fuhr sie fort; „der Wirt ist
in der Stube, laß uns hineingehen.“
Am anderen Tage trat Tede Haien mit seinem Sohne in das geräumige
Zimmer des Deichgrafen; die Wände waren mit glasurten Kacheln
bekleidet, auf denen hier ein Schiff mit vollen Segeln oder ein Angler
an einem Uferplatz, dort ein Rind, das kauernd vor einem Bauernhause
lag, den Beschauer vergnügen konnte; unterbrochen war diese dauerhafte
Tapete durch ein mächtiges Wandbett mit jetzt zugeschobenen Türen und
einen Wandschrank, der durch seine beiden Glastüren allerlei Porzellan-
und Silbergeschirr erblicken ließ; neben der Tür zum anstoßenden Pesel
war hinter einer Glasscheibe eine holländische Schlaguhr in die Wand
gelassen.
Der starke, etwas schlagflüssige Hauswirt saß am Ende des
blankgescheuerten Tisches im Lehnstuhl auf seinem bunten Wollenpolster.
Er hatte seine Hände über dem Bauch gefaltet und starrte aus seinen
runden Augen befriedigt auf das Gerippe einer fetten Ente; Gabel und
Messer ruhten vor ihm auf dem Teller.
„Guten Tag, Deichgraf!“ sagte Haien, und der Angeredete drehte langsam
Kopf und Augen zu ihm hin.
„Ihr seid es, Tede?“ entgegnete er, und der Stimme war die verzehrte
fette Ente anzuhören, „setzt Euch; es ist ein gut Stück von Euch zu mir
herüber!“
„Ich komme, Deichgraf,“ sagte Tede Haien, indem er sich auf die an der
Wand entlanglaufende Bank dem andern im Winkel gegenübersetzte. „Ihr
habt Verdruß mit Euerem Kleinknecht gehabt und seid mit meinem Jungen
einig geworden, ihn an dessen Stelle zu setzen!“
Der Deichgraf nickte: „Ja, ja, Tede; aber—was meint Ihr mit Verdruß?
Wir Marschleute haben, Gott tröst’ uns, was dagegen einzunehmen!“ und
er nahm das vor ihm liegende Messer und klopfte wie liebkosend auf das
Gerippe der armen Ente. „Das war mein Leibvogel,“ setzte er behaglich
lachend hinzu; „sie fraß mir aus der Hand!“
„Ich dachte,“ sagte der alte Haien, das letzte überhörend, „der Bengel
hätte Euch Unheil im Stall gemacht.“
„Unheil? Ja, Tede; freilich Unheil genug! Der dicke Mopsbraten hatte
die Kälber nicht gebörmt; aber er lag vollgetrunken auf dem Heuboden,
und das Viehzeug schrie die ganze Nacht vor Durst, daß ich bis Mittag
nachschlafen mußte, dabei kann die Wirtschaft nicht bestehen!“
„Nein, Deichgraf; aber dafür ist keine Gefahr bei meinem Jungen.“
Hauke stand, die Hände in den Seitentaschen, am Türpfosten, hatte den
Kopf im Nacken und studierte an den Fensterrähmen ihm gegenüber.
Der Deichgraf hatte die Augen zu ihm gehoben und nickte hinüber: „Nein,
nein, Tede“; und er nickte nun auch dem Alten zu; „Euer Hauke wird mir
die Nachtruh’ nicht verstören; der Schulmeister hat’s mir schon vordem
gesagt, der sitzt lieber vor der Rechentafel, als vor einem Glas mit
Branntwein.“
Hauke hörte nicht auf diesen Zuspruch, denn Elke war in die Stube
getreten und nahm mit ihrer leichten Hand die Reste der Speisen von dem
Tisch, ihn mit ihren dunkeln Augen flüchtig streifend. Da fielen seine
Blicke auch auf sie. „Bei Gott,“ sprach er bei sich selber, „sie sieht
auch so nicht dösig aus!“
Das Mädchen war hinausgegangen. „Ihr wisset, Tede,“ begann der
Deichgraf wieder, „unser Herrgott hat mir einen Sohn versagt!“
„Ja, Deichgraf, aber laßt Euch das nicht kränken,“ entgegnete der
andere, „denn im dritten Gliede soll der Familienverstand ja
verschleißen; Euer Großvater, das wissen wir noch alle, war einer, der
das Land geschützt hat!“
Der Deichgraf, nach einigem Besinnen, sah schier verdutzt aus: „Wie
meint Ihr das, Tede Haien?“ sagte er und setzte sich in seinem
Lehnstuhl auf; „ich bin ja doch im dritten Gliede!“
„Ja, so! Nicht für ungut, Deichgraf; es geht nur so die Rede!“ Und der
hagere Tede Haien sah den alten Würdenträger mit etwas boshaften Augen
an.
Der aber sprach unbekümmert: „Ihr müßt Euch von alten Weibern
dergleichen Torheit nicht aufschwatzen lassen, Tede Haien; Ihr kennt
nur meine Tochter nicht, die rechnet mich selber dreimal um und um! Ich
wollt’ nur sagen, Euer Hauke wird außer im Felde auch hier in meiner
Stube mit Feder oder Rechenstift so manches profitieren können, was ihm
nicht schaden wird!“
„Ja, ja, Deichgraf, das wird er; da habt Ihr völlig recht!“ sagte der
alte Haien und begann dann noch einige Vergünstigungen bei dem
Mietkontrakt sich auszubedingen, die abends vorher von seinem Sohne
nicht bedacht waren. So sollte dieser außer seinen leinenen Hemden im
Herbst auch noch acht Paar wollene Strümpfe als Zugabe seines Lohnes
genießen; so wollte er selbst ihn im Frühling acht Tage bei der eigenen
Arbeit haben, und was dergleichen mehr war. Aber der Deichgraf war zu
allem willig; Hauke Haien schien ihm eben der rechte Kleinknecht.
—„Nun, Gott tröst’ dich, Junge,“ sagte der Alte, da sie eben das Haus
verlassen hatten, „wenn der dir die Welt klarmachen soll!“
Aber Hauke erwiderte ruhig: „Laß’ Er nur, Vater; es wird schon alles
werden.“
Und Hauke hatte so unrecht nicht gehabt; die Welt, oder was ihm die
Welt bedeutete, wurde ihm klarer, je länger sein Aufenthalt in diesem
Hause dauerte; vielleicht um so mehr, je weniger ihm eine überlegene
Einsicht zu Hülfe kam, und je mehr er auf seine eigene Kraft angewiesen
war, mit der er sich von jeher beholfen hatte. Einer freilich war im
Hause, für den er nicht der Rechte zu sein schien; das war der
Großknecht Ole Peters, ein tüchtiger Arbeiter und ein maulfertiger
Geselle. Ihm war der träge, aber dumme und stämmige Kleinknecht von
vorhin besser nach seinem Sinn gewesen, dem er ruhig die Tonne Hafer
auf den Rücken hatte laden und den er nach Herzenslust hatte
herumstoßen können. Dem noch stilleren, aber ihn geistig überragenden
Hauke vermochte er in solcher Weise nicht beizukommen; er hatte eine
gar zu eigene Art, ihn anzublicken. Trotzdem verstand er es, Arbeiten
für ihn auszusuchen, die seinem noch nicht gefestigten Körper hätten
gefährlich werden können, und Hauke, wenn der Großknecht sagte: „Da
hättest du den dicken Niß nur sehen sollen, dem ging es von der Hand!,“
faßte nach Kräften an und brachte es, wenn auch mit Mühsal, doch zu
Ende. Ein Glück war es für ihn, daß Elke selbst oder durch ihren Vater
das meistens abzustellen wußte. Man mag wohl fragen, was mitunter ganz
fremde Menschen aneinander bindet; vielleicht—sie waren beide geborene
Rechner, und das Mädchen konnte ihren Kameraden in der groben Arbeit
nicht verderben sehen.
Der Zwiespalt zwischen Groß- und Kleinknecht wurde auch im Winter nicht
besser, als nach Martini die verschiedenen Deichrechnungen zur Revision
eingelaufen waren.
Es war an einem Maiabend, aber es war Novemberwetter; von drinnen im
Hause hörte man draußen hinterm Deich die Brandung donnern. „He,
Hauke,“ sagte der Hausherr, „komm herein; nun magst du weisen, ob du
rechnen kannst!“
„Uns’ Weert,“ entgegnete dieser—denn so nennen hier die Leute ihre
Herrschaft—„ich soll aber erst das Jungvieh füttern!“
„Elke!“ rief der Deichgraf; „wo bist du, Elke!—Geh zu Ole und sag ihm,
er sollte das Jungvieh füttern; Hauke soll rechnen!“
Und Elke eilte in den Stall und machte dem Großknecht die Bestellung,
der eben damit beschäftigt war, das über Tag gebrauchte Pferdegeschirr
wieder an seinen Platz zu hängen.
Ole Peters schlug mit einer Trense gegen den Ständer, neben dem er sich
beschäftigte, als wolle er sie kurz und klein haben: „Hol der Teufel
den verfluchten Schreiberknecht!“
Sie hörte die Worte noch, bevor sie die Stalltür wieder geschlossen
hatte.
„Nun?“ frug der Alte, als sie in die Stube trat.
„Ole wollte es schon besorgen,“ sagte die Tochter, ein wenig sich die
Lippen beißend, und setzte sich Hauke gegenüber auf einen
grobgeschnitzten Holzstuhl, wie sie noch derzeit hier an Winterabenden
im Hause selbst gemacht wurden. Sie hatte aus einem Schubkasten einen
weißen Strumpf mit rotem Vogelmuster genommen, an dem sie nun
weiterstrickte; die langbeinigen Kreaturen darauf mochten Reiher oder
Störche bedeuten sollen. Hauke saß ihr gegenüber, in seine Rechnerei
vertieft, der Deichgraf selbst ruhte in seinem Lehnstuhl und blinzelte
schläfrig nach Haukes Feder; auf dem Tisch brannten, wie immer im
Deichgrafenhause, zwei Unschlittkerzen, und vor den beiden in Blei
gefaßten Fenstern waren von außen die Läden vorgeschlagen und von innen
zugeschroben; mochte der Wind nun poltern, wie er wollte. Mitunter hob
Hauke seinen Kopf von der Arbeit und blickte einen Augenblick nach den
Vogelstrümpfen oder nach dem schmalen ruhigen Gesicht des Mädchens.
Da tat es aus dem Lehnstuhl plötzlich einen lauten Schnarcher, und ein
Blick und ein Lächeln flog zwischen den beiden jungen Menschen hin und
wieder; dann folgte allmählich ein ruhigeres Atmen; man konnte wohl ein
wenig plaudern; Hauke wußte nur nicht, was. Als sie aber das Strickzeug
in die Höhe zog und die Vögel sich nun in ihrer ganzen Länge zeigten,
flüsterte er über den Tisch herüber:
„Wo hast du das gelernt, Elke?“
„Was gelernt?“ frug das Mädchen zurück.
—„Das Vogelstricken,“ sagte Hauke.
„Das? Von Trien’ Jans draußen am Deich; sie kann allerlei; sie war
vorzeiten einmal bei meinem Großvater hier im Dienst.“
„Da warst du aber wohl noch nicht geboren?“ sagte Hauke.
„Ich denk wohl nicht; aber sie ist noch oft ins Haus gekommen.“
„Hat denn die die Vögel gern?“ frug Hauke; „ich meint’, sie hielt’ es
nur mit Katzen!“
Elke schüttelte den Kopf: „Sie zieht ja Enten und verkauft sie; aber im
vorigen Frühjahr, als du den Angorer totgeschlagen hattest, sind ihr
hinten im Stall die Ratten dazwischen gekommen; nun will sie sich vorn
am Hause einen andern bauen.“
„So,“ sagte Hauke und zog einen leisen Pfiff durch die Zähne, „dazu hat
sie von der Geest sich Lehm und Steine hergeschleppt! Aber dann kommt
sie in den Binnenweg!—Hat sie denn Konzession?“
„Weiß ich nicht,“ meinte Elke. Aber er hatte das letzte Wort so laut
gesprochen, daß der Deichgraf aus seinem Schlummer auffuhr: „Was
Konzession?“ frug er und sah fast wild von einem zu der andern. „Was
soll die Konzession?“
Als aber Hauke ihm die Sache vorgetragen hatte, klopfte er ihm lachend
auf die Schulter: „Ei was, der Binnenweg ist breit genug; Gott tröst
den Deichgrafen, sollt’ er sich auch noch um die Entenställe kümmern!“
Hauke fiel es aufs Herz, daß er die Alte mit ihren jungen Enten den
Ratten sollte preisgegeben haben, und er ließ sich mit dem Einwand
abfinden: „Aber, uns’ Weert,“ begann er wieder, „es tät’ wohl dem und
jenem ein kleiner Zwicker gut, und wollet Ihr ihn nicht selber greifen,
so zwicket den Gevollmächtigten, der auf die Deichordnung passen soll!“
„Wie, was sagt der Junge?“ und der Deichgraf setzte sich vollends auf,
und Elke ließ ihren künstlichen Strumpf sinken und wandte das Ohr
hinüber.
„Ja, uns’ Weert,“ fuhr Hauke fort, „Ihr habt doch schon die
Frühlingsschau gehalten; aber trotzdem hat Peter Jansen auf seinem
Stück das Unkraut auch noch heute nicht gebuscht; im Sommer werden die
Stieglitzer da wieder lustig um die roten Distelblumen spielen! Und
dicht daneben, ich weiß nicht, wem’s gehört, ist an der Außenseite eine
ganze Wiege in dem Deich; bei schön Wetter liegt es immer voll von
kleinen Kindern, die sich darin wälzen; aber—Gott bewahr’ uns vor
Hochwasser!“
Die Augen des alten Deichgrafen waren immer größer geworden.
„Und dann—,“ sagte Hauke wieder.
„Was dann noch, Junge?“ frug der Deichgraf, „bist du noch nicht
fertig?“ und es klang, als sei der Rede seines Kleinknechts ihm schon
zuviel geworden.
„Ja, dann, uns’ Weert,“ sprach Hauke weiter; „Ihr kennt die dicke
Vollina, die Tochter vom Gevollmächtigten Harders, die immer ihres
Vaters Pferde aus der Fenne holt,—wenn sie nur eben mit ihren runden
Waden auf der alten gelben Stute sitzt, hü hopp? so geht’s allemal
schräg an der Dossierung den Deich hinan!“
Hauke bemerkte erst jetzt, daß Elke ihre klugen Augen auf ihn gerichtet
hatte und leise ihren Kopf schüttelte.
Er schwieg, aber ein Faustschlag, den der Alte auf den Tisch tat,
dröhnte ihm in die Ohren; „da soll das Wetter dreinschlagen!“ rief er,
und Hauke erschrak beinahe über die Bärenstimme, die plötzlich hier
hervorbrach. „Zur Brüche! Notier’ mir das dicke Mensch zur Brüche,
Hauke! Die Dirne hat mir im letzten Sommer drei junge Enten
weggefangen! Ja, ja, notier’ nur,“ wiederholte er, als Hauke zögerte;
„ich glaub’ sogar, es waren vier!“
„Ei, Vater,“ sagte Elke, „war’s nicht die Otter, die die Enten nahm?“
„Eine große Otter,“ rief der Alte schnaufend; „werd’ doch die dicke
Vollina und eine Otter auseinander kennen! Nein, nein, vier Enten,
Hauke.—Aber was du im übrigen schwatzest, der Herr Oberdeichgraf und
ich, nachdem wir zusammen in meinem Hause hier gefrühstückt hatten,
sind im Frühjahr an deinem Unkraut und an deiner Wiege vorbeigefahren
und haben’s doch nicht sehen können. Ihr beide aber,“ und er nickte ein
paarmal bedeutsam gegen Hauke und seine Tochter, „danket Gott, daß ihr
nicht Deichgraf seid! Zwei Augen hat man nur, und mit hundert soll man
sehen.—Nimm nur die Rechnungen über die Bestickungsarbeiten, Hauke, und
sieh sie nach; die Kerls rechnen oft zu liederlich!“
Dann lehnte er sich wieder in seinem Stuhl zurück, ruckte den schweren
Körper ein paarmal und überließ sich bald dem sorgenlosen Schlummer.
Dergleichen wiederholte sich an manchem Abend. Hauke hatte scharfe
Augen und unterließ es nicht, wenn sie beisammensaßen, das eine oder
andre von schädlichem Tun oder Unterlassen in Deichsachen dem Alten vor
die Augen zu rücken; und da dieser sie nicht immer schließen konnte, so
kam unversehens ein lebhafterer Geschäftsgang in die Verwaltung, und
die, welche früher im alten Schlendrian fortgesündigt hatten und jetzt
unerwartet ihre frevlen oder faulen Finger geklopft fühlten, sahen sich
unwillig und verwundert um, woher die Schläge denn gekommen seien. Und
Ole, der Großknecht, säumte nicht, möglichst weit die Offenbarung zu
verbreiten und dadurch gegen Hauke und seinen Vater, der doch die
Mitschuld tragen mußte, in diesen Kreisen einen Widerwillen zu erregen;
die andern aber, welche nicht getroffen waren oder denen es um die
Sache selbst zu tun war, lachten und hatten ihre Freude, daß der Junge
den Alten doch einmal etwas in Trab gebracht habe. „Schad’ nur,“ sagten
sie, „daß der Bengel nicht den gehörigen Klei unter den Füßen hat; das
gäbe später sonst einmal wieder einen Deichgrafen, wie vordem sie
dagewesen sind; aber die paar Demat seines Alten, die täten’s denn doch
nicht!“
Als im nächsten Herbst der Herr Amtmann und Oberdeichgraf zur Schauung
kam, sah er sich den alten Tede Volkerts von oben bis unten an, während
dieser ihn zum Frühstück nötigte. „Wahrhaftig, Deichgraf,“ sagte er,
„ich dacht’s mir schon, Ihr seid in der Tat um ein Halbstieg Jahre
jünger geworden; Ihr habt mir diesmal mit all Euern Vorschlägen warm
gemacht, wenn wir mit alledem nur heute fertig werden!“
„Wird schon, wird schon, gestrenger Herr Oberdeichgraf,“ erwiderte der
Alte schmunzelnd; „der Gansbraten da wird schon die Kräfte stärken! Ja,
Gott sei Dank, ich bin noch allezeit frisch und munter!“ Er sah sich in
der Stube um, ob auch nicht etwa Hauke um die Wege sei; dann setzte er
in würdevoller Ruhe noch hinzu: „So hoffe ich zu Gott, noch meines
Amtes ein paar Jahre in Segen warten zu können.“
„Und darauf, lieber Deichgraf,“ erwiderte sein Vorgesetzter sich
erhebend, „wollen wir dieses Glas zusammen trinken!“
Elke, die das Frühstück bestellt hatte, ging eben, während die Gläser
aneinanderklangen, mit leisem Lachen aus der Stubentür. Dann holte sie
eine Schüssel Abfall aus der Küche und ging durch den Stall, um es vor
der Außentür dem Federvieh vorzuwerfen. Im Stall stand Hauke Haien und
steckte den Kühen, die man der argen Witterung wegen schon jetzt hatte
heraufnehmen müssen, mit der Furke Heu in ihre Raufen. Als er aber das
Mädchen kommen sah, stieß er die Furke auf den Grund. „Nu, Elke!“ sagte
er.
Sie blieb stehen und nickte ihm zu: „Ja, Hauke; aber eben hättest du
drinnen sein müssen!“
„Meinst du? Warum denn, Elke?“
„Der Herr Oberdeichgraf hat den Wirt gelobt!“
„Den Wirt? Was tut das mir?“
„Nein, ich mein, den Deichgrafen hat er gelobt!“
Ein dunkles Rot flog über das Gesicht des jungen Menschen: „Ich weiß
wohl,“ sagte er, „wohin du damit segeln willst!“
„Werd’ nur nicht rot, Hauke; du warst es ja doch eigentlich, den der
Oberdeichgraf lobte!“
Hauke sah sie mit halbem Lächeln an. „Auch du doch, Elke!“ sagte er.
Aber sie schüttelte den Kopf. „Nein, Hauke; als ich allein der Helfer
war, da wurden wir nicht gelobt. Ich kann ja auch nur rechnen; du aber
siehst draußen alles, was der Deichgraf doch wohl selber sehen sollte;
du hast mich ausgestochen!“
„Ich hab’ das nicht gewollt, dich am mindesten,“ sagte Hauke zaghaft,
und er stieß den Kopf einer Kuh zur Seite. „Komm, Rotbunt, friß mir
nicht die Furke auf, du sollst ja alles haben!“
„Denk nur nicht, daß mir’s leid tut, Hauke,“ sagte nach kurzem Sinnen
das Mädchen; „das ist ja Mannessache!“
Da streckte Hauke ihr den Arm entgegen: „Elke, gib mir die Hand
darauf!“
Ein tiefes Rot schoß unter die dunkeln Brauen des Mädchens. „Warum? Ich
lüg’ ja nicht!“ rief sie.
Hauke wollte antworten; aber sie war schon zum Stall hinaus, und er
stand mit seiner Furke in der Hand und hörte nur, wie draußen die Enten
und Hühner um sie schnatterten und krähten.
Es war im Januar von Haukes drittem Dienstjahre, als ein Winterfest
gehalten werden sollte, „Eisboseln“ nennen sie es hier. Ein ständiger
Frost hatte beim Ruhen der Küstenwinde alle Gräben zwischen den Fennen
mit einer festen ebenen Kristallfläche belegt, so daß die
zerschnittenen Landstücke nun eine weite Bahn für das Werfen der
kleinen, mit Blei ausgegossenen Holzkugeln bildeten, womit das Ziel
erreicht werden sollte. Tagaus, tagein wehte ein leichter Nordost:
alles war schon in Ordnung; die Geestleute in dem zu Osten über der
Marsch belegenen Kirchdorf, die im vorigen Jahre gesiegt hatten, waren
zum Wettkampf gefordert und hatten angenommen; von jeder Seite waren
neun Werfer aufgestellt; auch der Obmann und die Kretler waren gewählt.
Zu letzteren, die bei Streitfällen über einen zweifelhaften Wurf
miteinander zu verhandeln hatten, wurden allezeit Leute genommen, die
ihre Sache ins beste Licht zu rücken verstanden, am liebsten Burschen,
die außer gesundem Menschenverstand auch noch ein lustig Mundwerk
hatten. Dazu gehörte vor allen Ole Peters, der Großknecht des
Deichgrafen. „Werft nur wie die Teufel,“ sagte er; „das Schwatzen tu’
ich schon umsonst!“
Es war gegen Abend vor dem Festtag; in der Nebenstube des
Kirchspielskruges droben auf der Geest war eine Anzahl von den Werfern
erschienen, um über die Aufnahme einiger zuletzt noch Angemeldeten zu
beschließen. Hauke Haien war auch unter diesen; er hatte erst nicht
wollen, obschon er seiner wurfgeübten Arme sich wohl bewußt war; aber
er fürchtete durch Ole Peters, der einen Ehrenposten in dem Spiel
bekleidete, zurückgewiesen zu werden; die Niederlage wollte er sich
sparen. Aber Elke hatte ihm noch in der elften Stunde den Sinn gewandt:
„Er wird’s nicht wagen, Hauke,“ hatte sie gesagt; „er ist ein
Tagelöhnersohn; dein Vater hat Kuh und Pferd und ist dazu der klügste
Mann im Dorf!“
„Aber, wenn er’s dennoch fertigbringt?“
Sie sah ihn halb lächelnd aus ihren dunkeln Augen an. „Dann,“ sagte
sie, „soll er sich den Mund wischen, wenn er abends mit seines Wirts
Tochter zu tanzen denkt!“—Da hatte Hauke ihr mutig zugenickt.
Nun standen die jungen Leute, die noch in das Spiel hineinwollten,
frierend und fußtrampelnd vor dem Kirchspielskrug und sahen nach der
Spitze des aus Felsblöcken gebauten Kirchturms hinauf, neben dem das
Krughaus lag. Des Pastors Tauben, die sich im Sommer auf den Feldern
des Dorfes nährten, kamen eben von den Höfen und Scheuern der Bauern
zurück, wo sie sich jetzt ihre Körner gesucht hatten, und verschwanden
unter den Schindeln des Turmes, hinter welchen sie ihre Nester hatten;
im Westen über dem Haf stand ein glühendes Abendrot.
„Wird gut Wetter morgen!“ sagte der eine der jungen Burschen und begann
heftig auf und ab zu wandern; „aber kalt! kalt!“ Ein zweiter, als er
keine Taube mehr fliegen sah, ging in das Haus und stellte sich
horchend neben die Tür der Stube, aus der jetzt ein lebhaftes
Durcheinanderreden herausscholl; auch des Deichgrafen Kleinknecht war
neben ihn getreten. „Hör, Hauke,“ sagte er zu diesem; „nun schreien sie
um dich!“ und deutlich hörte man von drinnen Ole Peters knarrende
Stimme: „Kleinknechte und Jungens gehören nicht dazu!“
„Komm,“ flüsterte der andere und suchte Hauke am Rockärmel an die
Stubentür zu ziehen, „hier kannst du lernen, wie hoch sie dich
taxieren!“
Aber Hauke riß sich los und ging wieder vor das Haus: „Sie haben uns
nicht ausgesperrt, damit wir’s hören sollen!“ rief er zurück.
Vor dem Hause stand der Dritte der Angemeldeten. „Ich fürcht’, mit mir
hat’s einen Haken,“ rief er ihm entgegen; „ich hab’ kaum achtzehn
Jahre; wenn sie nur den Taufschein nicht verlangen! Dich, Hauke, wird
dein Großknecht schon herauskreteln!“
„Ja, heraus!“ brummte Hauke und schleuderte mit dem Fuße einen Stein
über den Weg; „nur nicht hinein!“
Der Lärm in der Stube wurde stärker; dann allmählich trat eine Stille
ein; die draußen hörten wieder den leisen Nordost, der sich oben an der
Kirchturmspitze brach. Der Horcher trat wieder zu ihnen. „Wen hatten
sie da drinnen?“ frug der Achtzehnjährige.
„Den da!“ sagte jener und wies auf Hauke; „Ole Peters wollte ihn zum
Jungen machen; aber alle schrien dagegen. ,Und sein Vater hat Vieh und
Land,‘ sagte Jeß Hansen. ,Ja, Land,‘ rief Ole Peters, ,das man auf
dreizehn Karren wegfahren kann!‘—Zuletzt kam Ole Hensen. ,Still da!‘
schrie er; ,ich will’s euch lehren: sagt nur, wer ist der erste Mann im
Dorf?‘ Da schwiegen sie erst und schienen sich zu besinnen; dann sagte
eine Stimme: ,Das ist doch wohl der Deichgraf!‘ Und alle anderen
riefen: ,Nun ja, unserthalb der Deichgraf!‘—‘Und wer ist denn der
Deichgraf?‘ rief Ole Hensen wieder; ,aber nun bedenkt euch recht!‘—Da
begann einer leis zu lachen, und dann wieder einer, bis zuletzt nichts
in der Stube war, als lauter Lachen. ,Nun, so ruft ihn,‘ sagte Ole
Hensen; ,ihr wollt doch nicht den Deichgrafen von der Tür stoßen!‘ Ich
glaub’, sie lachen noch; aber Ole Peters’ Stimme war nicht mehr zu
hören!“ schloß der Bursche seinen Bericht.
Fast in demselben Augenblicke wurde drinnen im Hause die Stubentür
aufgerissen, und: „Hauke! Hauke Haien!“ rief es laut und fröhlich in
die Nacht hinaus.
Da trabte Hauke in das Haus und hörte nicht mehr, wer denn der
Deichgraf sei; was in seinem Kopfe brütete, hat indessen niemand wohl
erfahren.
—Als er nach einer Weile sich dem Hause seiner Herrschaft nahte, sah er
Elke drunten am Heck der Auffahrt stehen, das Mondlicht schimmerte über
die unermeßliche weißbereifte Weidefläche. „Stehst du hier, Elke?“
fragte er.