Da stand er auf. »Liebst Du mich aber? Sehr!? Sehr?«

»Ich lieb' Dich sehr.«

Aber während sie sich an ihn lehnte, überkam sie ein Angstgefühl und eine

heiße Unruhe, und sie suchte sich wieder los zu machen. »Laß mich, Witold.«

Doch er umschloß sie nur fester, und während er sie an seine schweratmende

Brust drückte, knüpften die Finger seiner Rechten an einem kleinen Tuch,

das sie, um den Hals trug, und an den Bändern ihres Hutes. »Laß' doch das.«

»Laß'? -- ja -- laß' nur, gieb -- Deinen Hut -- und das auch -- das -- Du

mein, mein, mein!«

»Witold, was thust Du denn, was fällt Dir ein!«

»Ich lieb' Dich, ich lieb' Dich! und Du -- wirst mir angehören, ganz mir,

mir, süßestes Weib!«

Sie gab ihm einen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte, griff

nach ihrem Mantel, den sie schnell umwarf und rannte hinaus, die

dunkeldämmerigen Treppen hinunter, zitternd, mit einem Herzklopfen, das ihr

den Atem benahm, ganz aufgelöst von Scham und Zorn. »Diese -- Bestien, ob

sie weiter nichts wissen! Diese Bestien!«

Jetzt -- rechts oder links? -- rechts -- dort die Hausthür -- -- Gottlob,

sie war gerettet!

Gerettet -- ja. Die Liebe in Feiertagsgewändern hatte ihre Schleier

abgeworfen und sich frech und hohnvoll gewandelt, die Himmlische hatte die

Engelslarve abgethan und sie angestiert mit brutalem Grinsen. Warum hatte

er ihr das angethan! Was sie bei ihm gesucht, war ja doch nur die Poesie

der Liebe, das selige Wandeln in ihren lichteren Vorhöfen, war gerade das,

was die Ehe nicht war.

Und dann -- überkam sie mit einem Male das gräßlichste Gefühl, wie ein

Glutstrom, der sich aus seinem Begehren in ihr Blut ergoß: sie wäre

vielleicht eines Tages -- nicht heute, nicht morgen -- doch wer kann

für alle Zeiten gut für sich sagen? -- _vielleicht_ -- diesem Begehren

gewichen --

Nein! nein! gewiß nicht! nie!

Aber schon daß sie es einen Augenblick lang denken gekonnt, war möglich,

weil er ihre Liebe in den Staub getreten und den Boden, auf dem sie

gewandelt, unter ihr fortgezogen!

-- -- -- -- --

Wanda war etwa eine Viertelstunde fort, als Rhode mit einem Licht in den

Händen bei Madame Gernoth eintrat, die im Wohnzimmer am Fenster stand und

in die Schneenacht hinaussah.

Er sah blaß und aufgeregt aus.

»Ich habe keine Ruhe -- es war Unrecht, sie allein fortgehen zu lassen --

und sie sagte, sie gehe manchmal des Abends allein fort -- wohin geht sie,

da es sich nicht immer um ein Kleid handeln kann?«

»Sie ist auch heut nicht um das Kleid gegangen,« sagte Frau Florentine

hart, »es hängt fertig im Schrank.«

»Mein Gott, was soll das denn heißen? und warum machen Sie so unheimliche

Augen, Mama? Sprechen Sie doch.«

Sie zögerte. »Soll ich zur Verräterin meines Kindes werden?« sagte sie

dann.

»Um alle Barmherzigkeit, foltern Sie mich nicht so! Ich habe ein Recht zu

wissen, was Sie wissen.«

»O ja,« sagte die Frau bitter, »Rechte haben Sie immer, ob Sie auch

Pflichten haben, größere Pflichten, als Ihre Frau dürftig satt zu machen,

darnach fragen Sie nicht. Also denn: sie hat ein Liebesverhältnis mit dem

Musiker Kreowski.«

»Nein!« schrie er.

»Ja.«

»Seit wann?«

Madame Gernoth tupfte ein paarmal leicht auf den verhängnisvollen Sekretär

und sagte: »Seit Sie -- das Geld hier herausgenommen haben.«

Einen Moment lang war eine Totenstille zwischen ihnen. »Es ist dennoch

nicht wahr,« sagte er endlich gequält.

»Ich traf sie jüngst zusammen, unweit des Kaiserthores am Eisberge. Ich

glaube, sie treffen sich öfter dort. Gehen Sie sie suchen.«

»Ich gehe,« sagte er heiser.

»Vergessen Sie indes nicht, welcher Teil der Schuld an Ihnen liegt. Ich

möchte mein Kind nicht einem uneinsichtigen Richter verraten haben, sondern

einem, der fühlt, daß er --«

»Mitschuldiger ist. Ich begreife.«

Sie leuchtete ihm, Hut und Mantel zu finden. Beide zitterten. Es war kalt

und eine große Qual in beider Seelen. Dann ging er.

Die Luft war rauh, bunt glitzerte der hartgefrorene Schnee und knirschte

unter seinen Tritten.

»Es ist ja nicht möglich, nicht möglich!« dachte er immerfort. Er sah sie

ganz deutlich vor sich, ganz nahe, mit diesem geistreichen Nixenlächeln,

mit diesen leuchtenden Augen, mit dieser schmalen, leicht geschwungenen

Nase, dem edlen Oval, dem Rhythmus aller Linien und Bewegungen: das »Wunder

eines Weibes,« das er sich langsam gewöhnt hatte, zur Haushälterin und

zum Objekt seiner gewohnheitsmäßigen, pflichtmäßigen, handwerksmäßigen

Zärtlichkeiten herabzudrücken, denen alles Impulsive, alles Innerliche,

alles Tiefe und Verehrungsvolle abhanden gekommen war. Und mit dieser Art

Zärtlichkeit hatte er sie von sich gedrängt, der Zärtlichkeit eines andern

entgegen -- -- bis -- wohin?

Bis -- bis --? Er mochte es nicht ausdenken?

Bis zur Vernichtung ihrer und seiner Ehre ....

Nein, nein -- das war unmöglich! so weit verlor sie sich nicht, so weit

hatte er sie nicht verloren!

»Gott, mein Gott!« schrie es in ihm, während heiße Glutwellen ihm zum

Herzen schossen. »Gott im Himmel -- das nicht!«

Da war der Eisberg -- da das Kaiserthor! Er blieb einen Augenblick stehen;

wohin sich wenden?

Eheglück: Roman · 第 15 / 17 题