»Hm, -- Du bist es aber nicht. Willst Du wirklich?«
»Ja.« Er gab ihr den Arm, an den sie sich leise lachend hing. »Ich glaube,
das ist ein Abenteuer, wie?«
»Ja, es ist eins.«
»Ist das drollig. Weißt Du: ich habe mir immer schon gewünscht, einmal ein
kleines Abenteuer zu erleben.«
Er drückte ihren Arm: »Leise, ganz leise. Und vorsichtig! Flur und Treppen
sind finster --«
»Das seh ich wohl.«
»Halte Dich ganz fest an mich.«
»Ganz fest.« So stiegen sie hinauf, zwei sich wendende Treppen, auf die die
Mondhelle des Himmels ein leises Dämmerlicht fallen ließ. Dann schloß er
eine Thür auf. Als sie in dem dunkeln kleinen Vorzimmer standen, drückte er
sie an sich und küßte sie heftig.
Es wurde ihr ein wenig schwül und, sich losmachend, sagte sie eifrig:
»Mache Licht.«
Er zündete eine Kerze an und dann eine schlechtgeputzte messingene Öllampe;
und er that es mit zitternden Händen, fahrig, unsicher.
Wanda merkte es nicht. Das Herz klopfte ihr ein wenig, denn was sie that,
war nicht in der Ordnung, aber sie war mehr belustigt von ihrer Keckheit,
als fassungslos. Mit der Harmlosigkeit eines genialen Kindes, das sie war,
stand sie in der Stube des Mannes, den sie liebte und der sie liebte, und
betrachtete das sehr einfache Möblement, die nicht sehr sauberen Gardinen,
die Musikinstrumente und Lithographien, die an den Wänden hingen: eine
Guitarre, ein Waldhorn, eine Geige in grünem Flanellbeutel, ein Tod
Kosziuskos und Sobieskis Sieg über die Türken.
Indessen blätterte und suchte er in einem Noten-Folianten und schien nicht
finden zu können, was er suchte. »Endlich! Da!« Er drehte sich nach ihr um
und sah sie mit einem seltsamen Lächeln an, die, da es heiß im Zimmer war,
eben den Mantel aufknöpfte. Er sprang hinzu und nahm ihn ihr ab. »Du bist
so blaß,« sagte sie.
»Ja, mein Gott« -- und immer wieder mußte er eine rebellische Locke aus dem
Gesicht schieben, die zu tief hineinfiel. »Ich -- ja -- ich werde das jetzt
spielen. Siehst Du: Beethoven.«
»Ich bin geschlagen.«
»Soll ich spielen?«
»Aber natürlich.«
Er schlug den Deckel des kleinen Pianos auf, das in einem Winkel stand,
stellte Notenbuch und Lampe darauf: »Ich kann es auswendig, aber -- damit
Du Dich überzeugst,« sagte er heiser.
»Ja. Ach, Deine Lampe! Die muß Dir die Wirtin einmal blank putzen.«
»So?«
»Und dieser Staub hier! Du, Du, weißt Du, wie man das nennt: polnische
Wirtschaft.« Sie lachte leise.
Er lächelte mit schmerzlicher Ironie.
»Man muß heiraten -- nicht wahr? -- man sollte -- -- hier ist die Stelle!«
»Fang nur an.« Und da spielte er, schlecht zuerst, mit klammen, zitternden
Fingern danebengreifend, ausdruckslos; dann wunderschön, singend,
schwellend, jubelnd, groß und edel.
Wanda Rhode hatte in einem Rohrlehnstuhl Platz genommen und hörte ganz
verloren zu. Ihr kleines Abenteuer war beinahe feierlich, ja wirklich, es
war feierlich, die Thränen traten ihr in die Augen, während sie auf die
grün schablonierte Wand und den Sieg Sobieskis starrte. Als er aufschaute,
war eine Pause zwischen ihnen.
»Spiel' jetzt was Lustiges,« sagte sie; »ich bin ganz traurig geworden,
ganz traurig. Spiel' einen Krakowiak.«
»Gewiß.« Und er spielte. Er spielte glühend, er spielte seine ganze
Leidenschaft in die Wirbel eines Nationaltanzes, sein ganzes heißes
Mannesbegehren, das ihr harmlos-kecker Besuch heraufbeschworen.
Es zuckte Wanda durch alle Glieder, sie bewegte den Kopf nach der Melodie,
fing an, sie mitzusingen und endlich mit den Füßen leicht den Takt dazu zu
treten. Mit einem Mal brach er ab und sprang auf, auch Wanda erhob sich,
Zärtlichkeit, Lust und Übermut sprühte aus ihren Augen. »Ich danke Dir
sehr, es war schön. Und nun geh' ich wieder,« sagte sie.
Der Pole aber stürzte vor ihr nieder, umklammerte ihre Kniee und drückte
den Kopf in die Falten ihres Kleides. »Du -- bist zu mir gekommen -- Du --«
»Steh' doch auf, Witold,« bat sie ängstlich.