»Ah! -- Du?«
»Was thust Du hier?«
»Ich bin auf dem Nachhausewege.«
»Warum bist Du so sehr gerannt? Deine Wangen glühen und alles zittert an
Dir.«
Da brach sie in Thränen aus. Er nahm ihren Arm und zog ihn unter seinen.
»Wanda, um Gottes willen, was ist vorgefallen, verschweige mir nichts.«
»Dieser unverschämte Mensch, dieser --«
»Kreowski?«
»Woher weißt Du --?«
»Genug, ich _weiß_, daß Du mit diesem Manne -- ein -- ist es denn wirklich
wahr?«
»Nun -- ich hatt' ein bischen eine Liebelei mit ihm -- ja! Man will eben
auch irgend etwas vom Leben haben, wenn man -- doch eigentlich -- keinen
Mann hat!«
»Du hast keinen?«
»Nein. Gerade zum Suppe kochen, Socken stricken und -- und -- na ja,
prachtvoll! Und Kreowski, der liebte mich wirklich und ehrte mich so hoch
und war immer so zart und rücksichtsvoll, und nun -- -- ach!«
»Sprich doch bloß, sprich!«
»Nun stritten wir uns, ob Mozart oder Beethoven -- und sind gerade vor
seiner Wohnung -- und ich sag: ich werde mit hinauf gehen, da können Sie
nachsehen. Und so gehen wir hinauf. Und dann -- wird er eben unverschämt!
Wo ich mit keiner Seele an so was -- Greuliches gedacht hab! -- Jesus --
_das_, ja das kann ich freilich zu Hause auch haben! Und ich wollte doch
Liebe, Liebe, richtige Liebe! Ach wie ich ihn hasse!«
Er atmete auf. Sie war doch ein Kind, ein glänzendes, geistreiches Kind.
»Hassest Du mich auch?« fragte er zärtlich.
Sie antwortete nicht. Schluchzend ließ sie den Kopf auf seine Schulter
sinken, im Schmerz über ihre gekränkte und verlorene Liebe in dem Gatten
den Freund suchend, dem sie ihre Klagen darum ausschütten dürfe.
Doktor Rhode nahm ihren Schmerz für Reue und eheliche Zärtlichkeit.
Ohne weiter zu sprechen, gingen sie nach Hause. Als Madame Gernoth, die
angstvoll am Fenster harrte, sie Arm in Arm in die mondbeglänzte Straße
einbiegen sah, verließ sie die Wohnung und schlüpfte nach der andern Seite
hinunter. Sie war nicht die Person, die Dritte abzugeben, wo zwei Eheleute
miteinander fertig werden mußten. Genug, daß sie zusammen kamen. --
Er führte sie in sein Studierzimmer, das die Wärme am besten zu halten
pflegte, nahm ihr Hut und Mantel ab, rieb ihr die erstarrten Hände und
braute ihr über der Berzeliuslampe einen Thee. Dann setzte er sich neben
sie, umschlang sie, strich ihr das Haar aus der Stirn und trocknete ihre
Thränen.
Sie ließ ihn schweigend gewähren, merkwürdig schnell beruhigt und ohne auf
seine Zärtlichkeit zu reagieren.
Endlich sagte er weich:
»Wanda, laß' mir Dir etwas erzählen. Es war einmal ein Mann, der besaß
einen köstlichen Diamanten, auf den war er über die Maßen stolz, steckte
ihn in einen ledernen Beutel, den Beutel in die Tasche und zog seines
Weges, Kiesel zu suchen. Wie er sich aber nach einem gar großen, blanken
Kiesel bückte, fiel ihm der Beutel samt Kleinod hinaus, und er merkte es
nicht. Da kam einer des Weges, der hob den Schatz auf und hätte ihn --
beinahe -- zu sich gesteckt, wenn der andere es nicht plötzlich gemerkt und
ihm den Demant noch rechtzeitig entrissen hätte. Wanda -- und war der Mann
sehr dumm oder -- sehr schlecht?«
»Sehr dumm.«
»Und wenn der Dumme fortan ein ganz, ganz kluger Mann sein will und sein
Kleinod allezeit an seiner Brust hegen als das größte Gut und den einzigen
Schmuck seines Lebens -- Wanda?«
Sie schwieg und lächelte seltsam. Er dachte sich das so billig, so leicht.
Glaubte er mit einer Parabel und ein paar Küssen, glaubte er mit
einem _Versprechen_ die Schuld jahrelanger Vernachlässigung, all' der
egoistischen Rücksichtslosigkeit, die sich mit der Neigung eines Mannes zu
verschmelzen weiß, vergessen zu machen? Es ist der Nachteil des Mannes
in der Ehe, daß er zu wenig über sie nachdenkt, indes die Frau, der sie
einziger Beruf ist, den Wert aller ihrer Beziehungen und Stimmungen, jedes
Mißverständnisses, jedes schwebenden Wortes durchzudenken Gelegenheit
nimmt. Oder vielleicht auch ist das sein Vorteil, diese größere Plumpheit
des Empfindens.
»Warum lächelst Du so seltsam, so ironisch?« fragte er unsicher und von
ihrem Schweigen verletzt.
Wanda Rhode nahm einen Streifen Papier, der auf dem Tische lag, wickelte
ihn über die Finger und wieder ab und sagte dann:
»Diese Parabel, die Du da erzähltest, klang ja sehr schön und war gewiß
ehrlich gemeint, schließlich -- war sie doch nur Phrase. Denn jenem Manne
mit dem Kleinod, das er fernerhin hüten und ehren will, wird diese gute
Absicht nicht lange nützen. Bei nächster Gelegenheit werden ihm die Kiesel
doch wieder als Brillanten gelten, und er wird sich nach ihnen bücken und
den »Demant,« wie Du sagtest, vergessen. Wie denn keiner für seine Augen
kann und alle Dinge den Wert haben, den unsere Augen ihnen geben.«
»Wage es immerhin noch einmal auf meine Augen!« bat er. »Versuche es noch
einmal, mich ein bischen lieb zu haben, mich zu verstehen, Dich in meine
Interessen einzuleben und so Nachsicht mit mir zu haben. Und Du wirst mir
nie mehr verloren gehen, noch ich Dir.« Sie sah ihn an, der bittend die
Hände nach ihr ausstreckte, und eine Rührung überkam sie, ein Zittern und
Aufschluchzen. »Wanda!«
»Ach, es ist zu, zu gräßlich!«
»Was?«
Sie stand auf, stützte die Hände auf die Tischkante und starrte gequält in
eine Ferne, die nicht da war.
»Was ist Dir, Kind? sprich doch! Sage mir, was ich thun soll, daß alles
wieder gut würde! Habe doch noch einmal Vertrauen zu mir!«
Sie lächelte trübe.
»Habe mich doch noch ein einziges Mal lieb!« Die Stimme brach ihm fast vor
Schmerz, und Thränen traten ihm in die Augen. »Wanda!«
Da sprach sie.
»Dies wäre die Stunde, könnte sie sein, die uns alles wiedergäbe, alles
verlorene Vertrauen, alles verlorene Glück, jene goldnen Tage, jene junge
Seligkeit --«
»Und warum kann sie es nicht? Laß' sie uns das doch wiedergeben. Liebste!
Warum sollte uns das alles nicht wieder werden?«
»Weil -- ach Gott! -- weil -- _das_ wieder ist ... Alle diese Qualen, diese
Not und dieses Elend. Und ich will nicht, will nicht! Lieben? man liebt
doch nicht seinen Peiniger und Verderber!«
»Deinen Peiniger --«
»Neben Kreowski konnte ich es wenigstens vergessen. Aber hier, hier, wo
die Angst vor dem Ende in jedem Winkel lauert! Und wenn ich nur wenigstens
diesmal stürbe, daß ich es nicht ein fünftes Mal erleben müßte! wenn ich
lieber vorher stürbe!«
»Also das ist es? -- Und das ist Dir so schrecklich?«
»Es zerreißt mir die Seele! Ich will nicht! Es wird auch wieder sterben!
Ewald, hörst Du denn nicht? ich will nicht! Ich will lieber sterben!«
Er schloß sie in die Arme, gab ihr hundert gute, zärtliche Worte und suchte
sie zu beruhigen. Aber ein Dunst von Bier und Tabak, der von seinen Lippen
und aus seinen Kleidern auf sie eindrang, erregte ihr ein widriges Gefühl
und machte jedes Wort von vornherein zu einem verlorenen.
Sie machte sich los von ihm, der verzweifelnd wahrnahm, wie ihre Erregung
sich zur Ekstase steigerte. »Da hinten, ganz dort in der Ferne, siehst Du,
da lauert es -- und kommt heran -- immer näher -- _das_ -- und das andere
Gräßliche: die Geldnot, der Ärger, der Schmutz und das Schrecklichste,
-- -- der Tod! Und da wieder -- da! -- die Sehnsucht nach Glück und Leben,
nach Schönheit, nach Rhythmen und Tönen -- und nach Liebe, Liebe, _Liebe_!«
»Wanda!«
»Und wenn es mich nicht tötet, wird es meine Seele verderben, hörst Du?
meine Seele! Denn wer, wer ist Herr seiner Seele, wer von uns, die wir
nicht einmal Herren unseres Leibes sind? wer Herr seines Hungers, seiner
Sehnsucht?« --
Er zuckte die Achseln. Er beklagte sie, aber zugleich verletzte ihn ihr
Abscheu vor einem Zustande, der ihr ihn selber abscheulich machte, der ihm
Freude verhieß und der doch manche andere Frau selbst sogar beglückte.
»Es ist nutzlos und thöricht, sich gegen göttliche Einrichtungen
aufzulehnen,« sagte er.
»Göttliche? Das ist kein Gott, dieser Schöpfer, der die Hälfte der
Menschheit dem Manne in die Hände gespielt und mit der Mutterschaft
geschlagen hat!«
»Du bist schrecklich.«
»Ich? nein. Jener!«
Er war allein.
Dumpf erschüttert, schweratmend, gefoltert von einem ungeheuren Schmerz,
stand er lange inmitten des Zimmers und starrte auf die Thür, die sich
hinter ihr geschlossen.
Dann trat er ans Fenster. Kein Mondstrahl traf das enge Gewinkel von Höfen
und Hinterhäusern da draußen. Es war ganz dunkel. Dunkel wie diese ewigen
Daseinsfragen, die der in glücklicher Geistesenge Lebende nicht kennt, und
an denen der ringende Geist, das leidenschaftliche Gefühl zur eigenen Qual
herumrätselt, um nur einen, _einen_ Strahl zu erhaschen von dem ewigen
Lichte, das er ahnt, einen Strahl, der seine Finsternis erhellte.
Aber es blieb dunkel, wie sehr er auch an den Falten des Mantels zerrte,
in denen die Gottheit sich verhüllt; und seine Wünsche, seine Empfindungen
blieben, die sie waren, wie sehr er an den Fasern des eigenen Herzens riß,
das sein Verlangen dem Weibe zuwandte, die ihn ihren Peiniger und Verderber
genannt.
Was war nun das Leben?
Nichts, nichts als ein beständiger Konflikt! Nichts als ein ewiges Gewühl
von Täuschungen und Irrtümern des Kopfes und des Herzens! Nichts als ein
Kampf, der hier vernichtet, um dort leben zu lassen!