Als eine halbe Stunde später der Doktor nach Hause kam, wurde er von dem
Dienstmädchen mit der Neuigkeit empfangen, daß Diebe den Sekretär erbrochen
hätten, und sie schon einen Polizisten geholt habe, der drin alles genau
aufschreibe. Ein kalter Schweiß trat ihm auf das Gesicht, er legte Hut und
Stock hin und ging hinein.
»Ewald!« schrie sie ihm entgegen und fiel ihm schluchzend um den Hals. »Es
ist alles fort, man hat die Thüren aufgebrochen -- alles!«
»Beruhige Dich, es wird wiederkommen,« sagte er schweratmend, totenblaß,
aber ganz ruhig.
Sie ließ ihn los und trat zurück. Er sah mehr tief verstimmt als erschreckt
aus. Mit einem Male ging er auf den Beamten zu und flüsterte ihm etwas ins
Ohr, worauf dieser lächelte, sein Notizbuch einsteckte, seinen Helm ergriff
und ging.
»Warum wartetest Du nicht, bis ich kam? Warum gleich zur Polizei? -- Mein
Gott -- Du -- Du sollst ja alles wieder haben --«
»Also Du?«
»Ja -- ich. Ich war in einer so verzweifelten Lage! -- Wanda!!«
Und er streckte bittend die Arme nach ihr aus und wartete, wartete auf ein
gutes Wort, auf ein Aufschluchzen, auf einen Schrei, auf Vorwürfe, Klagen
und endliches Verzeihen. Und -- wartete vergebens.
Sie sagte nichts. Diese leidenschaftlich heftige, sich übersprudelnde
Frau sagte nichts. Nur ihre Augen und das Zucken ihrer Lippen redeten eine
furchtbare stumme Sprache. -- Und dann sagte sie doch etwas, ein einziges
Wort nur, aber ein sehr böses.
Er stampfte mit dem Fuße auf.
»Vergiß nicht, daß ich nichts genommen habe, was zu nehmen mir nicht
zustand, daß ich -- nach dem Gesetz -- jedes gute Recht habe an allem,
was Dir gehört,« keuchte er heraus, sich statt auf das moralische Recht
ehelicher Solidarität auf das formelle des Gesetzes berufend, wozu er sich
durch das Erscheinen des Beamten gedrängt fühlen mochte.
»Gesetz? Wer hat Euch denn diese Gesetze gegeben? Ihr selbst habt sie Euch
gegeben und wollt Euch darauf berufen wie auf göttliche Einrichtungen?«
»Aber -- aber Du sollst es ja wieder haben -- dieses Geld!«
»Dann wäre es -- nach dem Gesetz -- ein Geschenk, was Du mir damit
machtest. Ich will es nicht von Dir geschenkt, ich verzichte auf dieses
Geld.«
Damit ging sie hinaus.
Er stand, mit den Händen auf die Tischplatte gestützt, und sah ihr nach.
Sie liebte ihn also nicht?
War es denn möglich? Sie liebte ihn nicht!
Zum ersten Male war's, daß er sich diese Frage vorlegte, die er nicht zu
beantworten wagte, weil allein sie zu stellen ihm ein ungeheurer Schmerz
war.
Ach! ehe er sie hätte beantworten können, hätte er sich eine ganze Reihe
anderer Fragen vorlegen und ihnen Antworten finden müssen.
Hatte sie ihn überhaupt je mit ganzer Seele geliebt? War sie überhaupt
die, als die er sie kannte? Hatte er jemals die letzten Tiefen ihrer Seele
erforscht, sich nicht vielmehr, auch er, mit dem billigen Märchen von dem
Rätselhaften, Geheimnisvollen, Launenhaften der weiblichen Natur begnügt?
Hatte überhaupt je ein Mann die Eigenart des Weibes aus ihrer Stellung zu
entwickeln gesucht und sich gefragt, in welcher Weise physische, soziale
und individuelle Momente auf ihr Empfinden wirken, auf die Beständigkeit
ihres Empfindens? Ist die Liebe irgend eines Menschen überhaupt etwas,
wodurch er ein Besitzstück, wodurch er vogelfrei wird für den, dem sie
gilt? Ist sie jemals eine Vollmacht ohne Grenzen? Ist die uns erwiesene
Liebe etwas anderes als jene, die wir fühlen: schrankenloser Egoismus und
schrankenlose Hingabe zugleich? Und heißt es nicht den Egoismus in ihr
verletzen, wenn wir den Anspruch an die Hingabe aufs äußerste steigern?
Alle diese Fragen stellte er sich nicht. Er fragte nur: liebt sie mich denn
nicht? Und eine namenlose Angst erfaßte ihn, daß die Antwort »_Nein_« sein
könnte. Dieser Mann voll Geist und Gemüt hatte die ganze Gefühlsplumpheit,
die man Wesen gegenüber hat, die man trotz leidenschaftlicher Zuneigung
geringer schätzt als sich selbst.
Es war ein ungemütlicher Tag. Am Abend ging er nicht in seinen Klub,
sondern blieb einmal wieder zu Hause und hielt ihr einen langen Vortrag,
wie bedeutende Aufschlüsse er dem Mikroskop bereits verdanke, wie
segenbringend für die ganze Menschheit seine Forschungen, von welcher
Wichtigkeit sie für sein gelehrtes Ansehen und damit für ihrer aller
Zukunft seien. Und schließlich sei sein Eingriff ja nur eine Art
Zwangsanleihe gewesen und sie solle alles ersetzt erhalten.
Ob es gesetzmäßig sein gutes Recht gewesen sei, so zu handeln, fragte sie.
Ja, das sei es gewesen.
Sie antwortete nichts darauf.
Dann lachte sie und erzählte ein scherzhaftes Vorkommnis aus dem Hause;
denn sie hatte gemerkt, daß er sie zur Besiegelung der Angelegenheit küssen
wollte, und ihr graute vor seinen Küssen. Er war Thor genug, das nicht zu
begreifen. Und da es noch nicht sehr spät war, nahm er doch noch seinen Hut
und ging.
Auf der Straße dachte er, wie seltsam »das Weib« wäre und wie ein Mann
niemals ganz hinter sein Empfinden käme, hinter das Rätselvolle und
Sprunghafte ihres Wesens. -- --
Inzwischen saß Wanda zu Hause mit einem Gefühl von Kälte in der Seele,
als ob etwas darin abgestorben sei, das sich nicht wieder lebendig machen
lasse.
Es heißt, daß jede Kränkung zu verzeihen göttlich ist, aber es giebt
Kränkungen, die verzeihlich zu finden man ein Gott sein muß, wenn das
Verzeihen nicht schimpflich sein soll. -- --
In den nächsten Tagen glückte es Rhode, einer wichtigen wissenschaftlichen
Thatsache auf die Spur zu kommen, und er war so erfüllt davon, daß er für
Anderes kaum mehr Auge und Ohr hatte. In dem unendlichen Hochgefühl, von
dem er sich dabei getragen fühlte, vergaß er sogar die Frage, die ihn so
erschüttert hatte: ob seine Frau ihn denn noch liebe, vergaß er alles um
sich her, alles, was sich als Recht und Pflicht, als Ursache und Wirkung im
moralischen Leben an ihn herandrängte.
In seiner Studierstube eingeschlossen, rätselte er in fieberhafter
Begier über dem Problem der organischen Zelle, in der bis zum Wahnsinn
gesteigerten Einseitigkeit eines akuten Interesses, das mit dem Gotte neben
sich ringt, schreiend: »Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.« Ein
verhängnisvolles Stadium, aus dem der Doktor wohl auf Augenblicke in das
wirkliche Leben zurückkehrte, aber um es sofort wieder zu verlassen. Dann
fiel ihm etwa ein gequälter und feindseliger Zug in Wanda's Gesicht auf
und er erinnerte sich, daß er ihr einen Verdruß im Dienste der Wissenschaft
bereitet hatte. Aber opferte er nicht diesem idealen Dienste die Ruhe
seiner Nächte, das Behagen seiner Tage, was hatten diese paar Groschen
dagegen zu bedeuten!
Er vergaß bei diesem Exempel nur, daß seine Ideale nicht die ihren waren
und daß sie ihr Teil an Opfer von Ruhe und Behagen in anderer Weise dem
Leben schon reichlich gebracht. Nicht lange, meinte er, und sie würde das
verwunden haben, eine so versatile, so elastische Natur! Und so klug, so
-- -- so --
Er wußte nicht was -- seine Gedanken packten den Gott schon wieder.
So verflatterte ihm der Konflikt.
In ihrer Seele aber blieb eine Wunde wie von einem Beilhiebe: es gab
Gesetze, die dem Manne den Besitz seiner Frau auslieferten, Gesetze, die
moralische Rechte mit bürgerlichen totschlugen. Und damit war ihre Achtung
vor Recht, Gesetz und bürgerlicher Ordnung überhaupt erschüttert. -- --
Einige Tage später schien sie dennoch alles verwunden zu haben. Der Doktor
hielt gerade seine Morgensprechstunde ab, als er Wanda singen hörte. Sie
brach freilich gleich wieder ab, da sie sich erinnern mochte, daß während
dieser Zeit möglichst Ruhe gehalten werden mußte, aber es war doch ein
Zeichen wiedergekehrten Frohsinns, das ihm sehr lieb war. Es hätte kaum
etwas geben können, das geeigneter gewesen wäre, ihn zu beunruhigen, wenn
er den Grund dieses Jubels geahnt hätte.
Wanda Rhode war gerade mit einer recht unangenehmen Arbeit beschäftigt:
dem Einseifen von schmutziger Wäsche, das nach der Familientradition die
Hausfrau selbst zu besorgen hatte, als ein dicker Brief an sie abgegeben
wurde, dessen Aufschrift sie erröten ließ und dessen Umschlag sie mit
zitternden Händen aufriß. Sie hatte Kreowski damals trotz allem Schmerze
gegrollt, daß er abgereist war, ohne sich noch einmal sehen zu lassen, ohne
auch nur eine Zeile zu senden. Sie hatte es ausdrücklich gewünscht, aber
sie hätte noch lieber gewünscht, er möge ungehorsam sein. Was wollte er nun
plötzlich von ihr?
Ah -- Verse! Verse und Melodieen!
Jüngst schlug ich meine Lieb' aufs Haupt
Und thät sie still begraben --
Die Ruhe, die sie mir geraubt,
Die wollt' ich wieder haben.
Doch wie sie war drei Tage tot,
Ich bin über Feld gegangen,
Meine Liebe kam, war frisch und rot
Und küßte mich auf die Wangen.
Nun ging es über Berg und Thal,
Das war ein fröhlich Gewander,
Sie sprach zu mir: sterb ich einmal,
So sterben wir miteinander.
* * *
Am Waldrand, dort wo die enge Welt
Von blühenden Hecken ist rings umstellt,
Dort unter den alten Rüstern,
Wo Gras und Blumen flüstern,
Möcht ich noch einmal Dir allein,
Wenn der ersten Sterne lichter Schein
Die Augen der Müden segnen,
Allein Dir noch einmal begegnen.
Und sähe die Dämm'rung um uns her
Umhüllen uns wie mit Schleiern schwer,
Sähe den Himmel sich dehnen
Und sähe doch nichts vor Thränen,
Und sähe nur Dich, _nur Dich_ allein! --
Ach, einmal nach all der Entsagungspein,
Dem tödlich schweren Verwinden
Möcht' ich Dich wiederfinden.
* * *
Wilder Tauben Schwarm von umwölktem Hügel,
Dunkelgrün bekränzt mit dem Schmuck der Wälder,
Hebt im Dämmerlicht der betauten Felder
Silberne Flügel.
Schweigend durch das Meer der erblauten Feuchte
Schwimmen sie dahin, über Hang und Klüfte,
Ziehn den raschen Flug durch der frühen Lüfte
Nebelgeleuchte.
Schwimmen morgenwärts, und es färbt ein Glühen
Horizontes Rand und die grüne Breite,
Färbt den lichten Strom und der ernsten Weite
Schweigendes Blühen.
Hei! wie stürzen da in den sel'gen Morgen
Silberflüglig sie, in das Glutgetauche,
Bis ihr Fittich still wie in Heimathauche
Ruhet geborgen.
Also ziehn zu Dir meine morgenfrühen
Träume, hin zu Dir von erwachtem Pfühle
Die Gedanken all, um aus Dämmerkühle
Dir zu erglühen.
Ach! Du spürst wohl nicht ihrer Flügel Kosen
Um die Schläfen Dir, Dir um Ohr und Wangen,
Oder ahnest Du ihres Flatterns Bangen,
Scheuchst Du die losen,
Daß sie müde ganz, ohne Willkomms Glück mir,
Wie von rauhem Fels, von umwölktem Hügel,
Traurig mit der Qual der erschöpften Flügel
Kehren zurück mir.
Stille! Jüngst noch kam mir in Jubelwogen
Ihr beglückter Schwarm, wie von Heimatklippen:
Lächelnd hattest Du sie an Brust und Lippen
Schmeichelnd gezogen.
Diese Verse waren zugleich in Musik gesetzt und die Kompositionen
beigelegt.
Verbietet dem Auge, dem Lichte zuzujauchzen, wenn nach Regendunkel die
Sonne durch das Gewölk herabbricht in Strahlen, unter denen die nassen
Bäume in Schauern erzittern, der Strom sich in fließendes Gold verwandelt
und die Lüfte im Dunste glühenden Hauches beben! Verbietet dem Ohre, das
in schweigender Einöde gelauscht um einen, nur _einen_ verwehten Ton der
Ferne, sich zu berauschen an dem Zauber der Melodien, die ihn plötzlich
jubelnd umbrausen! Verweigert dichterischem Sinn die Freude an Reim
und Rhythmus, an der bilderreichen Sprache der Phantasie -- und einem
unruhigen, verschmachtenden Gemüt, das sich in der Enge kleiner Mühsale, in
der Kälte eines verödeten Lebens verzehrt, sich zu berauschen am Klange der
Leidenschaft und einer Sehnsucht, stark wie die eigene! Verbiete es, wer
kann!
Ach, wie sie ihr zujauchzte, dieser in Feierkleidern und Blumenschmuck
daherprangenden Liebe! Wie sie ihre Festschüsseln, ihre ambrosischen
Schalen liebte! Wie sie diese ungekränkte, unverletzte Liebe liebte, die,
eine stolze, gabenfrohe Königin, alles giebt, wonach das Gemüt schreit,
eine milde Trösterin, die Wunden heilt, an denen das Herz verbluten will,
eine jauchzende Genossin, die mit ihren Liedern jubelnd und schluchzend in
der Seele ein Echo weckt, das sie verzehnfacht. -- --
Doch still -- während der Sprechstunde durfte nicht gesungen werden! Und
sie verbiß ihr »Glück,« so gut es ging.
Ewald Rhode aber glaubte, als diese Sprechstunde vorüber und er von seinen
Abscessen und Magengeschwüren in die kleine Welt neben sich zurückkehrte,
da er nur Wandas Augen leuchten und ihre Wangen lächeln sah, daß
neugeborene Zärtlichkeit für ihn ihre Pulse höher schlagen lasse. Er
klopfte sie auf die Wangen und nannte sie seine verständige, brave, kleine
Frau, die sich heiter in die intelligible Welt seiner Ideale gefunden habe.
Da lachte sie hell, laut -- aus _ihrer_ intelligiblen Welt heraus.
* * * * *
Etwa vierzehn Tage später ging Wanda nach angestrengtem Tagewerk noch gegen
Abend ein Stück spazieren. Es war an einem der wundervollen Septembertage,
da noch alles grün und sommerlich und doch die scharfe Glut gemildert ist,
da es noch blüht und duftet, aber um Busch und Baum die Dämmerung schon
frühe Schatten webt und die lebendigen Düfte sich mit dem Atem der
Verwesung zu mischen beginnen, da die Sommerfäden zarten Silberhauch von
Stamm zu Stamm ziehen, der Mond schon hoch steigt, die Nächte kühl sind und
die Winde nicht mehr so warm.
Die Breslauer Promenaden besaßen damals noch keine Palmengruppen und
Springbrunnen, keine Festons von wildem Weine und keine Teppichbeete.
Nichts von Luxusbauten oder Denkmälern ragte auf den alten Bastionen,
nichts von Konzert- und Biergärten füllte ihre schattenreichen Gänge mit
Lärm und übeln Dünsten. Es gab sogar noch Gegenden, wo dichtes Gestrüpp
von spanischer Weide, Haselgebüsch und Ligusterhecken, alles ungepflegt und
unverschnitten, versteckte Wandelgänge einfaßten, wo das Gras in die Wege
hineinwucherte und hohe Platanen sich über morsche Bänke wölbten, während
unter dem steilabfallenden Hügel die Wellen der Oder brausend einem Wehr
entstürzten.
Wanda Rhode, von schwankenden Empfindungen hin und her gerissen, eilte
fliegenden Schrittes den Stadtgraben entlang, nach dichterischem Ausdruck
ringend, der sie wenigstens für Augenblicke von der Qual des inneren
Widerstreites befreit hätte und der sie doch nicht eher befreien konnte,
als bis sie diese Qual so hoch in sich gesteigert, daß dem Ausdruck Kraft
und Präzision geworden wäre. Ein starker, aber weicher Wind wehte ihr
entgegen, ein Wind, der in den Wipfeln der Bäume wühlte, unruhig flatternde
Wolken über die Sonne spannte und sie wieder mit fortführte, mit zitterndem
Flügel ihre Wangen streifte und seine Lieder in langgezogenen Klagetönen
sang. Gereimte Zwiesprache mit dem beflügelten Genossen ihres Weges gab
ihr doppelten Schwung der Empfindung und das wundervolle Gefühl des
Zusammenhanges mit der Natur und des Hinausstrebens über irdische
Gebundenheit. Ihre Sehnsucht stieg auf mit den Lüften, breitete Arme nach
dem Himmel und kehrte wieder zurück nach ihrem Herzen, alles in ihr löste
sich in ungestümes Verlangen nach dem Unfaßbaren, Unnennbaren, das heute
künstlerische Begeisterung, morgen Liebe, heute Glück, morgen heißester
Schmerz, der Seele Flügel löst und sie zu sich emporreißt in einem Rausch,
der zugleich Wunsch und Erfüllung ist.
Doch was war das? Welches Irdische eilte ihr entgegen? Da! -- wo die Sonne
goldigen Flor zwischen die Stämme wob -- regte sich's dort nicht? Raschelte
nicht ein Schritt im dürren Laube? Knickten nicht Zweige?
Schlug da nicht eine Flamme aus dem Boden und loderte vor ihr auf, ihre
Brauen versengend? Zitterte nicht in ihrer Glut Himmel und Erde und ihr
Herz?
Und lag sie -- jetzt -- wirklich jubelnd, schluchzend an einem andern
Herzen?
Elftes Kapitel.
Die Tage kamen und gingen. Es wurde Herbst, es wurde Winter. Anfang
Dezember machte Eduard Gernoth wieder einmal in der Stadt von sich reden.
Es hieß, er müsse wegen politischer Umtriebe fliehen, wenn er nicht
den Kopf verlieren wolle. Andere prophezeiten wenigstens eine längere
Freiheitsstrafe. Eines Tages war er wirklich fort, kein Mensch wußte wohin.
Über diese Sache mit den Ihren zu sprechen, war Madame Gernoth zu Rhodes
geeilt, wo sie das gleiche Bedürfnis fand. So hatten sie denn alle drei
lange zusammengesessen, allerlei Vermutungen getauscht und unerfreuliche
Schlüsse gezogen. Danach hatte man sich anderen Dingen zugekehrt, Rhode
hatte lebhaft politisiert; die Wogen des Zusammenstoßes reaktionärer und
demokratischer Bestrebungen gingen wieder sehr hoch und regten die Gemüter
gewaltig auf. Madame Gernoth war nicht ohne Interesse dafür, aber Wanda
machte nur ihre scherzhaften Glossen darüber, sie war wirklich unglaublich
unpolitisch. Zuletzt wurde sie ganz ausgelassen, von einer krankhaften,
krampfhaften Ausgelassenheit. Ihrer Mutter war dabei nicht recht wohl:
Wandas Lustigkeit bei der Flucht ihres Vaters kam ihr unnatürlich vor und
verletzte sie, obgleich ihr selbst der Mann nichts mehr galt. Ihre Tochter
machte ihr überhaupt schweren Kummer. Sie war ihr einmal Abends mit
Kreowski begegnet und hatte sie trotz dichtester Verschleierung erkannt.
Als wenn eine Andere ihre Figur und ihre Bewegungen gehabt hätte! Später
hatte sie sie zur Rede gestellt und Wanda hatte erst geleugnet, dann
alles zugegeben. Dabei war dann die Sache mit dem erbrochenen Sekretär zur
Sprache gekommen. Frau Gernoth hatte das alles mit einem Schmerz erfahren,
der ihr fast das Herz versteinerte. Nicht zu zählen waren die schlaflosen
Nächte, die die Kenntnis dieser Dinge ihr kostete. So, _so_ hatte sich eine
Ehe gestaltet, auf die sie die frohesten Erwartungen gesetzt! _So_ suchte
sich ihre Tochter zu helfen, zu trösten! _Das_ war das Resultat ihres
harten Entschlusses, Wanda dem Einfluß des Vaters zu entziehen, daß sie nun
neben einem andern Manne alle Eigenschaften dieses Vaters entfaltete.
Aber indem sie gegen ihre Tochter Partei nahm, konnte sie deshalb noch
keine für Rhode nehmen.
Der Mann hatte sich entwaffnet. Die Spargroschen aus der Mädchenzeit einer
Frau, mühsam mit Stickereien beim Talglicht erworben, anzugreifen -- pfui!
Sie den Gefahren, die in ihrer Natur lagen, zu überlassen, sie gerade
in ihren besten Eigenschaften, der ängstlichen Rechtschaffenheit, dem
haushälterischen Sinn zu treffen -- thöricht bis zur Verächtlichkeit! Und
wenn sie hier auch nicht ganz gerecht war, da sie nichts ahnte von jener
unpersönlichen Selbstsucht eines starken idealen Triebes, um so sicherer
erkannte sie die Unwahrheit eines Solidaritätsgefühles, das einseitige
Interessen solidarische nannte.
Wie häuslicher und geselliger Zwang so tausendmal im Leben seine Schleier
über Abgründe breitet! Unter ernstem, ruhigem Gespräch, unter Plaudern
und Scherzen -- wieviel verheimlichtes Mißtrauen, wieviel verstecktes
Schuldgefühl, wieviel übertünchte Lüge!
So auch hier.
Man saß zusammen, mutmaßte und folgerte, lachte und lächelte, und in der
hellen Sonne, im traulichen Lampenschein, saßen zwischen den drei sich so
nahe Stehenden Gespenster, die der eine nicht sah und die beiden andern
ignorierten. Frau Florentine hatte plötzlich den Eindruck, als ob
Wanda auch ihr etwas verheimliche, als ob eine Unruhe sie foltere, eine
Niedergeschlagenheit sie drücke, die sich weder auf ihr Verhältnis zu dem
Doktor noch auf diese unselige Liebelei bezöge. Diese jungen Frauen -- ob
am Ende -- Jesus, das fehlte nun grade noch!
Gegen sieben wollte Madame Gernoth gehen, blieb aber und ließ sich von
Rhode ein paar gelehrte Geschichten vormachen, Experimente, die damals neu
waren, während Wanda sehr eilfertig das Abendbrot rüstete. Dann aßen sie
zusammen und schließlich bat die Großmutter, Clärchen zu Bett bringen zu
dürfen.
Es war erst halb acht, da man von Tische aufstand.
»Es ist mir sehr lieb, Mutter, wenn Du mir Clärchen abnimmst,« sagte Wanda
hastig, »ich muß schnell noch mal zur Kleideranprobe.«
»Jetzt?«
»Ja.
Die Mädchen nah'n im Flittertand
Mit bunter Bänder Wallen,
Ach! wer giebt ein Festgewand,
Dem Liebsten zu gefallen!
-- oder auch:
Und den goldgestickten Schleier
Legt sie an, das Glanzgeschmeide,
Zu des Tages hoher Feier
Rauscht ihr Gang von stolzer Seide.
-- kurz gesagt: ich habe kaum mehr meine Blöße zu decken, und also addio!
-- Kuß das Kind? Ja, mein Clärchen, mein kleines artiges Mädelchen.« Sie
küßte das Kind mit der Heftigkeit irgend einer seltsamen Erregung.
Mann und Mutter wollten sie trotz ihrer Schnaken nicht gehen lassen, aber
da kam es heraus, daß sie oft des Abends kleine Besorgungen mache oder ein
Stück an die Luft gehe, wenn das Kind zu Bett und der Doktor in seinem Klub
sei, und daß ihr noch niemals eine Unannehmlichkeit widerfahren.
Und damit hatte sie auch schon Hut und Mantel angelegt, küßte das Kind
nochmals, sagte den andern: »In einer halben Stunde bin ich wieder da,« und
eilte fort. Die Mutter seufzte und schloß die Reste des Abendbrotes weg,
der Doktor ging in sein Zimmer. Er hatte die Absicht gehabt, noch in eine
politische Versammlung zu gehen, aber er wollte Frau Gernoth beweisen, daß
er bisweilen abends zu Hause sei.
In seinem Zimmer überkam ihn eine sonderbare Unruhe, er ging wieder in die
Wohnstube, öffnete das Fenster und sah hinaus, um Wanda zurückzurufen.
Aber in dem schwachen Dämmerlicht und den tiefen Schatten, die ein paar
Öllämpchen auf den Schnee draußen warfen, war nichts mehr von ihr zu sehen.
So kehrte er zurück und nahm sich vor, jetzt öfter des Abends zu Hause zu
bleiben. Er hatte sie am Flügel und mit ihren Gedichtbüchern immer sehr
gut aufgehoben geglaubt und nicht daran gedacht, daß das Alleinsein, einen
Abend wie den andern, Gift für ihr unruhiges Gemüt war. Jetzt machte er
sich Vorwürfe, daß die Einsamkeit sie noch oft spät auf die Straßen trieb,
um irgend welche Lappalien einzukaufen.
Unterdessen trug die Großmutter das Kind, das schon auf ihrem Arme
eingeschlafen war, in das Schlafkabinett, in dem eine schmauchende
Nachtlampe an Wände und Decke groteske Schatten warf, kleidete ihr
Enkeltöchterchen aus, indem sie beständig in jener zärtlichen und zugleich
monoton einschläfernden Weise zu ihm sprach, mit der man übermüdetes
kleines Volk zur Ruhe bringt, und sah dabei in Gedanken immerfort ihre
Tochter mit schnellen Füßen über den Schnee laufen, immerfort, ohne Ziel
und Ende. Sie seufzte, lüftete dem Kinde nochmals die Kissen, deckte es zu
und faltete die Hände, aber das Bild vor ihren Augen wich nicht.
»Beten, mein Clärchen!«
Die Kleine war so verschlafen, daß sie nur mit den Augen blinzelte,
den Kopf wieder fallen ließ und sich hinlegte. Doch die Großmutter, der
Pünktlichkeit und Ordnung auch der höchsten Instanz gegenüber über
alles ging, richtete das kleine Mädel abermals auf und prägte ihr die
Notwendigkeit seines Nachtgebetes dringlichst ein.
»Ja,« sagte das Kind gehorsam, aber von Schläfrigkeit ganz verwirrt,
schlug die Augen weit auf, legte die Fingerchen ineinander und sagte dann
feierlich:
»Mein dunkles Herze lieb' Dich,
Es lieb' Dich und es bicht --«
»Schon gut, schon gut!«
»Amen, gute Nacht, Großel.«
Und da schlief sie auch schon.
»Großer Gott, was für Zeug,« flüsterte die Frau und sah gramerfüllt auf
das kleine Ding nieder. »Rechne es ihr nicht an, mein Gott. Und behüte sie,
mein Gott, behüte sie vor -- vor --«
Ach! man spricht nicht alles aus, was man denkt, nicht einmal vor Gott.
Es kam ihr heiß und schwül im Zimmer vor. Sie stand auf, ließ das trübe
Nachtlichtchen etwas höher aufflammen und wollte sich eben mit einem
Strickzeug wieder an das Bett des Kindes setzen, als eine klaffende
Schrankthür ihren Ordnungssinn beleidigte. Sie suchte sie zu schließen,
öffnete sie, weil sie klemmte, weiter und sah das Kleid, zu dessen Anprobe
Wanda gegangen, fertig dahängen; ein Anblick, der der graden Frau die
Schamröte für ihre Tochter ins Gesicht trieb.
Wanda hatte also gelogen. Das Lügen gehörte sonst nicht zu ihren Fehlern,
sie war sogar wahrhafter und offenherziger, als zu sein klug ist. Wenn
sie hier die Unwahrheit gesagt, konnte es nur einen Grund haben: sie war
gegangen, ihren Liebhaber zu treffen.
Sie schloß den Schrank wieder, setzte sich steif in den Stuhl und starrte
vor sich hin. Ihr sonst noch regelmäßig schönes und keineswegs ältliches
Gesicht sah aus, wie das eines bekümmerten alten Mannes.
Nebenan hörte sie den Doktor mit Papieren knistern, den Stuhl rücken, auf-
und abgehen und endlich mit seinen Apparaten hantieren. Ein eigentümlicher
Geruch verriet ihren empfindlichen Sinnen, daß er die Zink-Kohlenelemente
eingesetzt hatte. Er hatte ihr das vorhin gezeigt und sie belehrt, wie man
in einem Augenblicke den Strom her- und die Verbindung wieder abstellen
könne. Und sie lächelte vor sich hin. Unzweifelhaft: in der Tiefe seines
Herzens war ein Strom von Liebe für ihre Tochter -- aber der Mann verstand
es nicht, die Verbindung zwischen dem praktischen Leben und diesem Strome
herzustellen. Der Thor!
Er verstand es nicht, weil da etwas war, das eine Binde um seine Augen
legte, seine Hände fesselte, seinen Sinn bethörte, und ihn hinderte, diesen
Strom herzustellen. Ach -- sie wußte recht gut, was das war, sie hatte es
selbst erfahren! Es war der Mangel an höchster Achtung, den der Mann der
Frau als einer ihm nicht Gleichstehenden bezeigt, und der der verderbliche
Dämon ist, der alle Paradiese in Wüsten verwandelt, die Ströme der Liebe
versiegen und die Funken lebendigen Lebens verlöschen läßt. Wenigstens war
das die Meinung von Madame Gernoth. --
Wenn sie ihm das alles sagte? ihn warnte, ihn beschwor, ihm alles
rückhaltlos mitteilte?
Sie stand auf, zögerte -- und ließ es.
Es war eine so verhaßte Rolle, die der warnenden, scheltenden
Schwiegermutter.
Und warum vorzeitig Unfrieden erwecken? Kam er, so kam er früh genug. Warum
ihr Kind anklagen vor diesem Thoren, der selbst nicht schuldlos war, der
seine Hände befleckt hatte, mit einem Eingriff, der Unrecht war, auch wenn
ihn tausend Gesetze ein Recht nannten? So wenigstens empfand sie.
Sie war nicht unfähig, sich seine Not, die Heftigkeit seiner Wünsche vor
Augen zu halten, aber ihr Herz schrie darnach, ihr Kind, obschon sie es
verurteilte, zu verteidigen, und dieses Verlangen entsprang dem verletzten
Rechtsgefühl der Frau, die selbst Unrecht gelitten, wo ihr Schutz verheißen
worden war.
Die Hälfte der Schuld lag auf ihm -- mochte er ihren Fluch tragen.
Als Wanda Rhode die Straße betrat, wunderte sie sich, daß es so kalt
geworden war. Es war zwar nicht mehr als drei Grad unter Null, aber die
Luft war rauh und scharf. Auf den Straßen lag ein dünner, trockener Schnee,
der im Mondschein schimmerte. Glitzernd standen Brunnen und Laternenpfähle,
Bäume und Sträucher, alle von buntem Rauhreif überzogen. Doch es sollte
noch schöner kommen. Sie mußte das Stück Promenade nehmen, das sich von der
Ziegelbastion bis zur Universitätsbrücke den Strom entlang hinzieht.
Dort, in geringer Entfernung von der Brücke, erhob sich ein anderer
vom Festungswall stehen gebliebener Hügel, der Eisberg. Auf ihm war die
Begegnung verabredet.
Es war ein öder, menschenleerer und schlecht beleuchteter Weg, doch bei
Vollmond sehr gut passierbar und verklärt von zauberhafter Schönheit.
Unwillkürlich verlangsamten sich ihre Schritte. Man betritt nur bebenden
Fußes ein Feenland, in dem, dem traumhaften, bleichen, doch alles zuckt
in millionenfachem, buntem Geflimmer. Da waren die großen, feierlichen
Platanen, die ihr undichtes, hellfarbiges Astwerk, daran im Sommer die
großen tiefschattigen Blätter prangen, weit ausbreiteten wie glänzende
Arme, da die ehrwürdigen Nußbäume und traulichen Linden, die stämmigen
Kastanien und zierlich verästelten Buchen, und alle hatten sich die
gleißende Verzauberung gefallen lassen müssen, so gut wie die Flieder-
und Goldregenhecken, wie die Reste dürftigen Grases und das niedrige
Fichtengesträuch am Wege, wie Weg und Steg selber.
Die Oder war fest gefroren und auf ihrer bläulich-silbernen und doch bunt
überflimmerten Decke zogen ein paar einsame Schlittschuhläufer ihre Kurven.
Es war so schön, daß sie sich fragte, ob irgend ein Sommertag mit goldigen
Lüften und prangendem Grün sich damit vergleichen ließe, so fremdartig,
so märchenhaft schön wie die Welt verbotenen Glückes, die ihre Liebe war,
mitten in dieser kahlen, nüchternen Alltagswelt.
Und da kam der Erwartete auch schon! In einen weiten, faltenreichen Burnuß
gewickelt, die viereckige Polenmütze auf dem Kopfe, die ihm so gut stand,
kam er ihr entgegen.
»Mein Lieb, mein Lieb,« flüsterte er und schloß sie in die Arme. Wie
poetisch und romantisch das war, im Mondenschein über knisternde Stege
durch den knirschenden, leuchtenden Schnee zu gehen und zu hören, daß man
geliebt werde, daß man schön sei, genial und hinreißend, daß jeder Gedanke
eines andern, jeder Vers, jede Melodie, jede Empfindung einem gehören, und
versichern zu dürfen, wie man dieser kurzen Stunde entgegengejubelt, wie
sie das Glück und der Glanz des Lebens sei.
Und wie ernsthaft-heimlich es war, sich dazu aus dem grellen Mondlicht
in den Schatten der ehrwürdigen Alma Mater zu ducken, die fromme
Jesuitenpatres erbaut, um verbotener Liebe Schirm zu gewähren.
»Was hast Du heute getrieben, mein Glück?« fragte er.
»Ein bischen genäht, Wäsche gefaltet, mit Clärchen gespielt, nach dem
Himmel gesehen und immer an Dich gedacht. Und was Du?«
»Meine Serenade ins Reine geschrieben, eine Chorübung abgehalten, ein Stück
spazieren gegangen und mich auf Dich gefreut. Macht es Dich glücklich, an
mich zu denken?«
»Über alles glücklich! Ewald hegt irgend einen großen Plan, ich glaube, er
bildet sich ein, man könne Leute mit elektrischen Funken gesund machen --
das macht ihn ganz geistesabwesend, oder entgeistert mich oder macht mich
zu einem Gespenst, ich weiß nicht: er sieht mich, scheint es, überhaupt
nicht mehr. Aber freilich, ich sehe ihn auch nicht mehr, ich sah nur Dich,
immer nur Dich, Lieber, immer nur Dich.«
»Meine Fee, meine Göttin, mein Engel! Daß ich doch neue, süße, hohe Namen
erfinden könnte. Dich zu ehren -- aber nun ist meine Phantasie zu arm.
Viel, viel zu arm. Und ich kann nur kläglich nachstammeln, was andere vor
mir gestammelt. Du über alles Geliebte.«
»Das ist das liebste, was ich höre.«
Aus dem Austausch zärtlicher Versicherungen wurde die Unterhaltung
schließlich ein allerliebstes kleines Fachgespräch. Es war so langweilig,
an diesen einsamen langen Winterabenden immer bloß zu lesen und zu singen.
Wanda Rhode beschäftigte sich neuerdings damit, englische Gedichte zu
übersetzen. Das war eine anmutige kleine Anstrengung, die sie unterhielt
und davor bewahrte, zu viel eigene Verse zu machen, die ihr allzu leicht
von statten gingen und die gewissenhaft zu feilen sie noch nicht kritisch
genug war, so daß die Arbeit daran das Gefährliche, Gefühlen starke
Wendungen zu suchen, aufgehoben hätte. Aber das Übersetzen war richtige
Arbeit, die sie von ihrer Subjektivität und der schwankenden Unruhe ihres
Inneren abzog. Sie trug dem sanften und verständnisvollen Witold daher
gern Text und deutsche Fassung vor, und dann hatten sie ihre kleinen
Diskussionen über ihren und den Urtext, die sehr ernsthaft und lebhaft
geführt wurden und von denen man dann zu musikalischen überging.
Wanda Rhode wollte heute schwören, daß eine Melodie, die sie zu summen
anfing, aus einer Mozart'schen Symphonie sei, Kreowski schwur auf
Beethoven.
»Wenn Du jetzt ein Mann und mein guter Freund wärest,« sagte er scherzend,
-- »wir sind keine fünfzig Schritte mehr von meinem Hause -- wie hübsch,
wenn ich jetzt sagen könnte: komm' mit herauf, ich habe den Klavierauszug
oben -- und Du wärest geschlagen.«
Sie lächelte, und still gingen sie weiter. Leise sang sie die Stelle
wieder. »Es ist nicht einmal ganz richtig so, es ist so: la -- la -- la --
lalala, lala.«
Da standen sie vor seinem Hause.
Sie zuckte an seinem Arm:
»Zeig mir den Klavierauszug.«
»Wirklich?«
»Was ist da auch Schlimmes!«
»Wanda --«
»Du willst wohl nicht?«
Er lächelte seltsam, sah sie an und flüsterte endlich:
»Ein Mann -- sagt da nicht nein.«