Es lieb dich und es bicht,
Es bicht und zuckt und verbutet, --
Aber du siehst es nicht.«
Die letzte Zeile sagte das Kind im Ton herzlicher Begütigung, was von
überwältigendem Effekt war.
»Aber Du bist toll, Wanda, Du bist toll,« schalt die Großmutter, während
sie doch mit beglücktem Lächeln die kleine Deklamatrice an ihre Brust
drückte.
Die junge Frau lachte helllaut. »Sie sagt es zu drollig, so wichtig und
ernsthaft. Und zuletzt dieses: aber Du siehst es nicht.« Und nun küßten sie
alle beide das Kind ab.
»Sie könnte Schauspielerin werden, Mutter.«
»Weiter gar nichts!«
»O, müssen wir auch alle Kaufmanns- oder Doktorsfrauen sein? Ich wollte,
ich wäre auch Schauspielerin.«
»Du bist nicht gescheidt, danke Gott, daß Du einen guten Mann hast.«
»Ich spielte das Gretchen oder die Ophelia. Oder das Klärchen!«
Und da sprang sie auch schon auf, breitete die Arme aus, nahm eine
zärtliche Miene an und machte ihrer Tochter Konkurrenz:
»Freudvoll und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Langen
Und Bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt,
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.
›Laß das Eiapopeia,‹ sagt die Mutter drauf,« fügte sie bei.
»Wirklich, ich muß hier auch so sagen,« schmollte Madame Gernoth.
»Scheltet mir's nicht, es ist ein kräftig Lied. Hab' ich doch schon
manchmal ein großes Kind damit schlafen gewiegt. -- ›Du hast doch nichts im
Kopfe als deine Liebe,‹ mußt Du jetzt sagen, Mutter.«
»Ach laß mich.«
»Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.«
Frau Gernoth machte ein finsteres Gesicht. »Schäme Dich doch! Hier auf
öffentlicher Promenade! Es könnte jeden Augenblick wer kommen.«
»Oder als Ophelia mit Blumen im Haar: ›da ist Fenchel für euch und Agley --
da ist Raute für euch, und hier ist welche für mich -- ihr könnt nun Raute,
mit einem Abzeichen tragen. Denn traut lieb Fränzel ist all meine Lust.‹«
Oder sonst was:
»Und größer als aller Sehnsucht Qual
Ist meine Liebe zu Dir.«
»Hör doch auf. Wo Du nur die Narrheiten her hast.«
»Ich weiß nicht, wie Du bist, Mutter. Du bist glücklich, wenn Du einmal
Verse lesen kannst und dann schwärmst Du: wie herrlich sagt der das, wie
treffend! und obgleich Du das Theater immer verlästerst, hat Dir letzten
Winter die Jungfrau von Orleans wer weiß wie gut gefallen. Aber daß in
jemandem neben Dir, daß in Deiner Tochter etwas davon steckt, von dem
Talent zu alledem, das willst Du nicht, das ist Dir keiner Achtung wert.
Und so seid Ihr alle, alle! Ach, und ich halte es kaum aus vor Unruhe.«
»Aber einer bürgerlichen Frau kommt doch so etwas nicht zu. Wenn jemand zu
einer Kunst erzogen ist, das ist doch etwas anderes. Und wenn ein Mädchen
zur Hausfrau erzogen ist, so soll sie darin tüchtig sein.«
»Warum erziehst Du denn nicht die Nachtigallen, Hühnereier zu legen?«
»Ich weiß gar nicht, was in Dich gefahren ist.«
»Es ist gar nichts in mich gefahren. Nur in den letzten Jahren war ich tot,
und jetzt bin ich wieder aufgewacht. Aufgewacht! Und lebe! Ach, Mutter!«
»Wenn Du nur wieder zu Hause und bei Deinem Manne sein wirst, dann wirst Du
schon wieder vernünftig werden. Du bist aufgeregt, weiß der Kuckuck woher.
Geh ein Stückchen spazieren.«
Etwas Lieberes konnte Frau Wanda gar nicht hören. Sie sprang sofort auf und
griff nach ihrem Schirm.
»Ich gehe da hinunter, auf die Mühle zu.«
»Da ist es zu einsam.«
»Bäume und Sträucher thun mir nichts.«
»Dir nicht, nein,« sagte die Mutter mißtrauisch; sie hatte vor einer
Viertelstunde den Musiker dort hinunter gehen sehen.
Madame Gernoth hatte Kreowski sehr auffällig ihr Mißfallen zu verstehen
gegeben, es dünkte ihr unpassend, daß er die Frauen so häufig ansprach und
sie nahm an den Blicken Anstoß, mit denen er ihre Tochter zu verschlingen
pflegte. Sie hatte ihm das in ihrer gelegentlich harten Weise gradezu
gesagt. Seitdem hielt er sich fern. Aber sie konnte es nicht verhindern,
daß der interessante Pole die Doktorin bei der Brunnenpromenade ansprach,
während sie selbst das Aufräumen des Zimmers besorgte und das Kind anzog
und fütterte, und sie hatte es nicht in der Gewalt, die Dauer dieser
Brunnenpromenade festzusetzen.
Mit beflügeltem Schritt machte sich Wanda auf den Weg.
Warum sie ihn nur liebte?
Er war eigentlich kein bedeutender Mensch. Er hatte ein paar hübsche
Talente, aber weder das dichterische noch das musikalische waren stark und
umfangreich, sie gingen zu ausschließlich auf das Lyrische, und obgleich
er hier Schönes und sogar Originelles leistete, verliehen sie ihm etwas
Einseitiges und das, was Madame Gernoth das Unmännliche an ihm genannt
hatte. Dennoch gefiel er Wanda gerade so, wie er war. Es war etwas Sanftes
und Ehrerbietiges in ihm, das sie umschmeichelte wie die vollendete
Beherrschung des guten Tones, die er besaß. Er war freilich kein
akademisch-wissenschaftlich gebildeter Mann, aber dafür sprach er auch
nicht mit der Wucht, der Härte und dem Hyperlogischen dieser Leute, und
seinen Worten fehlte das Verletzende, das eine Meinung zum Gesetz erheben
möchte. Bei alledem war er nicht ohne Geist und Schwung. Und er liebte sie.
Mit dieser so schlecht verhüllten Leidenschaft, in der er sie mit Versen
und Melodieen überschüttete, ohne jemals geradeheraus zu gestehen, daß
sie ihr galten, ein Verfahren, das ihrem Verkehr das scheinbar Harmlose
erhielt.
Sie schlug den Weg ein, auf dem sie des Morgens mit ihm zu promenieren
pflegte, und es dauerte nicht lange, so trafen sie sich mit der
Unfehlbarkeit, mit der sich Liebende in den Weg rennen.
Sie grüßten sich verlegen und gingen ein Stück schweigend nebeneinander.
Es war heiß, und um sie her wogten die grünen dämmernden Schatten, die ganz
durchwürzt waren von dem herben Duft des Eichen- und Buchenlaubes, von dem
süßen Duft eines blühenden Buchweizenfeldes, das rötlich in der Sonne lag,
und eines Kleeackers, und ganz durchzückt von zitternden Sonnenstrahlen,
die sie umspielten.
Manchmal sagte er etwas Kurzes, Gleichgültiges, dann lächelte sie dazu oder
seufzte oder sie gab eine ganz verkehrte Antwort, deren Sinnlosigkeit er
indes nicht merkte. Warum es nur so ganz anders war, wenn man einander
unversehens des Nachmittags hier traf, als wenn man des Morgens zusammen
herschlenderte? Warum es so viel verwirrender war? Weil Sonnenglut sich
breitet, wo früh dämmernde kühle Schatten lagen?
Auf einer Bank saßen sie ein wenig nieder, und damit schien er den Mut zu
einer Mitteilung zu finden, die er bisher zurückbehalten.
»Ich habe einen Brief aus Breslau erhalten,« sagte er, »und eigentlich in
der Hoffnung, Sie vielleicht einen Augenblick sprechen zu können, bin ich
hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich -- diese Stelle bekomme.«
»Ach -- Sie bekommen sie!« rief sie erschrocken.
»Ich glaubte nicht, daß es Ihnen unangenehm sein würde,« sagte er gekränkt.
Sie schwieg und sah vor sich nieder.
»Ich -- ich hatte gehofft, mich manchmal zur Dämmerstunde bei Ihnen
einstellen zu dürfen. Ich habe sie so sehr gewünscht, diese Stelle. Deshalb
-- Warum sagen Sie nichts?«
»Es geht nicht.«
»Es geht nicht? Nicht, daß ich Sie sehe?«
Sie blickte wie hilfeflehend auf und in die Ferne, durch eine Durchsicht
starrend, zu der das Unterholz sich lichtete. Ihr Atem ging stark.
»Es kann ja wohl sein, daß wir uns einmal zufällig begegnen -- denn --«
»Und warum darf ich nicht zu Ihnen kommen?«
»Ich kann es Ihnen nicht sagen.«
Sie saßen ernst und bestürzt nebeneinander.
»Sagen Sie es lieber.«
»Nun denn: es war einmal an einem dieser Abende -- wo man so ganz
zusammenrückt -- geistig, gemütlich -- wo man seine Seele so umdreht
wie einen Handschuh -- dumm! aber es giebt solche Stunden -- wenn man
verheiratet ist -- --«
»Gewiß, natürlich.«
»Wo man alles so voreinander auskramt: alte Blumen und Schleifen, ein paar
altmodische Ohrgehänge, Schulprämien, seine Spargroschen, was weiß ich.«
»Jawohl.«
»Und wo man sich so allerlei Geständnisse macht --«
»Zum Beispiel?«
»Zum Beispiel, daß man -- um ein Haar -- um eines Andern willen
zurückgetreten wäre -- vor der Hochzeit.«
Sie stockte.
Er fragte nicht. Er bog einen Haselzweig zur Seite, der in den Weg hing und
sah sie an.
»Und dann -- sagt man sogar den Namen -- eben des Andern.«
»Welchen Namen?«
»Witold von -- -- nun, jetzt wissen Sie es.« Sie lachte. Lachte mit dem
desparaten Lachen und sprang auf.
So erhob auch er sich, bleich bis in die Lippen.
»Und Sie glauben, daß er Ihre Besuche dulden würde?« setzte sie hinzu.
»Wenn Sie ihm sagten, daß es heut doch nur -- Freundschaft ist -- von Ihrer
Seite -- auch dann --«
»Dann würde ich lügen.«
Kein Wunder, daß er sie jetzt in seine Arme schloß und küßte. »So
glücklich, so grenzenlos glücklich soll ich sein!« stammelte er.
Aber sie machte sich los. »Glücklich? ›Mein Lieb, wir wollen beide elend
sein,‹ wird das Programm wohl eher lauten. Haha!«
»Lachen Sie doch nicht so schrecklich! Lach' nicht so, Geliebteste.«
»›Wem so des Schicksals hübsche sieben Sachen‹ und so weiter! Um bei Heine
zu bleiben. Aber genug für heute. -- Auf morgen! auf morgen! Ich kann nicht
mehr.«
Und leidenschaftlich riß sie sich los.
In allem Elend stand er doch mit einem glückseligen Lächeln und sah sie ihm
wieder entfliehen.
Siebentes Kapitel.
Durch die gardinenlosen Fenster eines Parterrezimmers fiel ein
Sonnenstrahl, der sich eben noch durch die Lücke zwischen zwei
Hinterhäusern durchzwängte, und beleuchtete das Innere eines wunderlichen
Gelehrtenheims, der Arbeitstube Doktor Ewald Rhodes. Die eine Wand dieses
Raumes war hauptsächlich von hohen Regalen bedeckt, die ganz mit Büchern
besetzt waren und zwar Büchern medizinischen, chemischen und physikalischen
Inhaltes. Am Fenster stand ein Bureau, das als Schreibtisch diente und
zugleich verschiedene Instrumente und Chemikalien barg. Ein ziemlich großer
Tisch in der Mitte des Zimmers war mit Skripturen und Drucksachen bedeckt.
Im übrigen war der Raum vollgepfropft mit allerlei Apparaten, Werkzeugen
und Instrumenten, von denen indes nur einiges auf der Höhe der Wissenschaft
stand, das übrige überholt und dürftig war, einiges, das der Doktor selber
erfunden, geradezu seinen dilettantischen Ursprung verriet.
Aber es sind schließlich nicht immer die großen Laboratorien gewesen,
aus denen die gewaltigen Erfindungen hervorgingen, die berufen waren,
der menschlichen Kultur ein anderes Gepräge zu geben, und oft genug ist
zwischen unbehilflichem Kram die Fahne aufgepflanzt worden, die weithin
flatternd den Völkern die große Friedensbotschaft verkündete: im Anfang war
die Kraft.
Doktor Rhode war Armenarzt und hatte einige Privatpraxis. Wenn diese nicht
größer und gewinnbringender war, so lag das an seiner Ehrlichkeit. Aufs
lebhafteste ergriffen von den Umwälzungen, welche sich gerade damals
innerhalb seiner Wissenschaft vollzogen, war er nicht Charlatan genug,
mit imponierender Sicherheit aufzutreten, wo neue Entdeckungen die
bisher gültigen Behandlungsweisen in Frage gestellt hatten, und obwohl er
pflichttreu und hilfsbereit war, fühlte sich ein starker Forschungstrieb
in ihm mehr von der theoretischen als der praktischen Seite der Heilkunde
angezogen. Er träumte eine wissenschaftliche Laufbahn, die ihm Raum gäbe,
den Mängeln der ärztlichen Praxis Abhilfe zu schaffen, die ihn zu einem der
Pfadfinder machte, wo sie im Dunkeln tappte. Nie hatte es einen größeren
Idealisten gegeben, nie einen anspruchsloseren, der williger Armut und
Sorge auf sich genommen.
Indes, so bescheiden er war, noch nie hatte er das Zweischneidige
finanzieller Beschränkung so hart empfunden als eben jetzt, da er einer
Entdeckung auf der Fährte zu sein glaubte, die von hoher Bedeutung werden
mußte.
Man hatte damals angefangen, das Mikroskop für die Heilkunde zu Rate zu
ziehen. Er selbst hatte das Glas, das ihm gehörte, vielfach benützt, aber
es erwies sich als ungenügend, um bereits Gefundenes nachzuprüfen, um
wieviel mehr, Neues festzustellen. Wollte er weiter auf dem Felde arbeiten,
zu dessen Bestellung er sich berufen fühlte, war ein besseres Instrument
unerläßlich.
Gute Mikroskope aber sind teuer, und er schuldete ohnedies Mechanikern und
Droguenhändlern Summen, deren Zahlung ihm Sorge machte. Sollte er diese
Schuld ohne zu wissen, wie sie tilgen, um neue vierzig Thaler anwachsen
lassen? Sollte er, sie herauszubringen, das häusliche Leben noch karger
einrichten, als es schon war? Das war unmöglich.
_Dann_ also verzichten.
Das aber hieß: Wissenschaft, Carriere, geistiges Streben, Inhalt alles
Lebens fahren lassen! Für Kraft und rege geistige Arbeit -- dumpfes
Tagewerk und geistiger Tod!
Seine Seele schrie nach diesem Instrument und das Verlangen danach wurde
zum Heißhunger, der seine Forderung nicht mehr einstellte und endlich
eine fieberhafte Phantasie in ihm entzündete: sah er doch unter den
geheimnisvollen Gläsern schon Wunder über Wunder sich entfalten, Dunkel
sich auflichten, Wege sich durch Dickichte öffnen und -- fühlte sich dabei
angekettet, unvermögend, diese Wege zu verfolgen; wie wir manchmal im Traum
einem grenzenlosen Glücke nachstreben und unsere Füße zu Blei erstarrt
fühlen. Das Instrument aber ließ ihn nicht los. Er sah es zuletzt auf
Schritt und Tritt vor sich mit dieser Lockung des Ehrgeizes, mit der der
Dolch vor den Augen Macbeths in der Luft hing. Er streckte den Arm danach
aus, und es verschwand.
Schließlich machte der Tod eines älteren Gelehrten den Fall für ihn
zu einem akuten. Aus der Hinterlassenschaft dieses Mannes war ihm ein
kostbares Glas zu verhältnismäßig niedrigem Preise angeboten worden, den er
jedoch sogleich hätte erlegen müssen -- eine Gelegenheit, wie sie sich ihm
nicht wieder bot. Aber woher auch nur diese 25 Thaler nehmen! Vergeblich
zermarterte er sein Gehirn -- ihm blieb nur eines übrig: der reiche
Schwiegervater.
Ach! er hatte ihn schon des öfteren angehen müssen -- aber die Kälte und
der Hochmut, mit denen dieser Mann seine bescheidenen Bitten erfüllt,
hatten ihn so gekränkt und empört, daß er sich verschworen, lieber zu
hungern als ihn jemals wieder aufzusuchen.
Nun -- ein Mann hungert allenfalls für Weib und Kind und hungert auch für
seinen Beruf, aber wo vielleicht ihrer aller Zukunft auf dem Spiele stand,
wo Not leiden vielleicht der Menschheit einen Dienst erweisen hieß --
Doktor Rhode beschloß also zu thun, was zu thun er sich heilig verschworen.
Als er, sich zu dem sauern Gange aufmachend, noch einmal vor den Spiegel
trat, erschrak er selbst über das blasse, verstörte Gesicht, das ihm, hager
und von scharfen Linien zerschnitten, von dort entgegensah. Er war dreißig
und sah um ein Jahrzehnt älter aus, ein mittelgroßer, sehniger, hagerer
Mann mit breitgewölbter Stirn, dunklem Haar, tiefliegenden Augen und einer
scharfgeschnittenen Nase, auf der eine Brille saß: der Typus des darbenden
Idealisten.
Indem er die Blicke von dem wenig erfreulichen Spiegelbilde, das seine Not
und seine Überarbeitung verriet, wegwandte, fiel er auf den altmodischen
Sekretär seiner Frau, eines der schrankartigen Möbel, das erst durch
eine heruntergelassene Klappe zum Schreibtisch wird, wobei eine Anzahl
Schubladen und in der Mitte ein abschließbares Verließ bloßgelegt werden.
Rhode blieb stehen und starrte dieses Möbel an, als ob es verhext wäre, als
ob etwas Lebendiges darin wäre und mit stummer Sprache zu ihm redete; trat
dichter heran, befühlte es, seufzte, trat wieder zurück, zögerte nochmals
und machte sich dann schleppenden Ganges auf.
Langsam ging er die schlechtgepflasterten, unsauber gehaltenen Straßen
hinunter, die meist von schmalen Giebelhäusern eingefaßt waren, zwischen
die sich nur manchmal ein breites, von Wohlhabenheit zeugendes Haus schob;
vorüber an den bescheidenen Lädchen und vergitterten Gewölben, in denen es
so finster war, daß Käufer und Verkäufer an die Thür treten mußten, um
die Ware zu behandeln, über die ärmlichen Holzbrücken, die über die
übelriechende Ohle führten, unter den alten Schwibbögen hindurch und den
Eisenketten, von denen in der Mitte Laternen herabbaumelten. Es war eine so
arme, so klägliche Zeit, es war, als wenn alles hungerte: nach Brot, nach
Licht, nach Freiheit, nach irgend etwas Großem und Starkem; eine Zeit,
in der man seelisch so darbte, daß man sich vieler Nöte gar nicht einmal
bewußt wurde und ihre Übelstände hinnahm wie Unbilden des Wetters; in der
jeder Arbeiter noch der von der Habsucht eines Herrn ausgepreßte Sklave,
jede Frau noch die Leibeigene ihres Mannes, tausende von Beamten die
Hörigen ihrer Vorgesetzten waren, ohne auch nur zu ahnen, daß man sie um
ihre Menschenrechte verkürzte.
Die Straßen, die zugleich die Spielplätze der Kinder waren, die damit zu
Gassenkindern erzogen wurden, und die Ablagerungsstätten der Fässer und
Ballen einer protzigen Kaufmannschaft bildeten, waren von übelsten
Dünsten erfüllt, die aus den finstern, unsaubern Höfen herausquollen, von
schwerfälligem Fuhrwerk durchschnitten und von Gruppen Aufgeregter belebt,
die unreife politische Gedanken austauschten. Studenten in Sammetpekeschen
und Cerevis spielten die Rolle moderner Gigerl und verfolgten mit edler
Dreistigkeit, was ihnen an jüngeren Damen in weitgebauschten Röcken,
planwagenartigen Hüten und karrierten seidenen Spensern in die Quere kam,
während an jeder Straßenecke ein ausgemergelter Leierkasten: »Denkst
du daran, mein tapfrer Lagienka«, »An Alexis send' ich dich« oder eine
Bellinische Arie zum besten gab. Da man den Segen von Sprengwagen noch
nicht kannte, waren Sonne, Straßenverkehr, Koketterie und Leierkastenmusik
in dichte Staubwolken, wie in einen goldbraunen Nebel gehüllt.
Als Doktor Rhode das Haus des alten Gernoth erreicht hatte, eines der
stattlichsten Häuser weit und breit, mit hohen Fenstern und breiten
Pfeilern dazwischen, nahm er einen Augenblick den Hut ab und trocknete sich
die Stirn, sah an den Mauern in die Höhe und trat ein paar Schritte auf die
Treppe zu. Und ganz deutlich sah er die hohe, schlanke Gestalt des immer
noch schönen Mannes vor sich und dieses hochmütige Fabrikantengesicht, mit
dem er, zugleich ein Phantast, ein Lebemann und ein »Rotürier«, auf den
mit Sorgen ringenden Armenarzt herabsah, um ihm danach ein widerwillig
gespendetes Geschenk hinzuschieben -- und alles empörte sich in der Seele
des Sprossen eines Jahrhunderte alten Gelehrtengeschlechtes, eines im
Idealismus des deutschen Pfarrhauses Aufgewachsenen, mit allen Kenntnissen
der Zeit gesättigten Geistes gegen die drohende Schmach. _Den_ Mann bitten,
diesen Mann, der nicht die Spur von Verständnis für Aufgabe und Wesen der
Wissenschaft hatte, dessen politischer »Idealismus« nichts war als die
Sucht, eine Rolle zu spielen -- den _bitten_ -- er konnte, _konnte_ nicht!
Und langsam, ganz langsam drehte er um.
Aber mit dem Abscheu vor einer unwürdigen Situation hatte er noch kein
Geld. Nun, es würde ihm wohl ein Gedanke kommen, es mußte ihm ja einer
kommen.
Er sann und sann.
Aber es fiel ihm nichts ein. Eine kostbare alte Bibel, ein ehrwürdiges
Familienerbstück, war bereits einer früheren Kalamität zum Opfer gefallen.
Vielleicht fand er gleichwohl noch etwas unter seinen Büchern. Seufzend
ging er weiter, diesmal den Weg über den großen Marktplatz, den »Ring,«
einschlagend. Ein reicher Mann, dessen Sohne er kürzlich bei einem
Unglücksfalle Hilfe geleistet, hatte ihm weitschweifig gedankt, aber
seine Honorarforderung unbeachtet gelassen. Schuster und Schneider konnten
mahnen, er nicht. An der Universität war ein reicher Geheimer Medizinalrat,
der sich mit ähnlichen Untersuchungen beschäftigte, wie er selbst. Wenn er
ihm seine kleinen Entdeckungen und großen Mutmaßungen mitteilte, das heißt:
verkaufte? -- schimpflich! und thöricht zugleich, denn wozu hätte er dann
noch das Mikroskop gebraucht?!
Etwas anderes also!
Auf dem Marktplatz blieb er ein paar Augenblicke stehen. Die Qual, die
ihn bedrückte, war so groß, daß sie seinen Nerven jene seltsame
Eindrucksfähigkeit gab, die die erste Wirkung eines leichten Rausches ist,
wie man sagt: Die Gegenstände vor ihm bildeten nicht ein einheitliches
Ganze, sondern lösten sich von dem gewohnten Bilde einzeln als scharf
umgrenzte ab, das Unauffällige, Gewohnte wurde neu, befremdlich, ein
Gegenstand verwunderten Nachdenkens. Er starrte auf das Stadtbild, als
habe er es nie zuvor gesehn. Wie unsinnig, Bürgersteig und Fahrstraße
mit hundert geschmacklosen und ärmlichen Buden einzuengen, an deren
Stirnseiten, der wundervollen altersgrauen Gotik des Rathauses zum Trotz,
in dessen Schatten diese Baracken standen, Schuhe, Bürsten, Blechwaren
und anderer Haushaltungskram baumelten! Wie unsinnig, Pulverwagen und
Schlachtvieh durch die Straßen zu treiben! Wie verrückt, sich von diesen
Leierkasten, die man oft zu dreien auf einmal hörte, die Ohren zerreißen zu
lassen! Wie ekelhaft diese Krüppel und Siechen, die sich krückenlos mit den
Händen über das Pflaster schleppten oder jedem Vorübergehenden ihre Schäden
enthüllten! Wie unbarmherzig dieses Anspannen keuchender Lehrburschen vor
schweren Wagen, wie schrecklich diese Tierquälereien an den überlasteten
Pferden, an den armen kleinen Nachtigallen, deren Käfige im Sonnenbrand an
den Straßenmauern hingen, und die geblendet waren, um die Nacht zu glauben,
die ihnen ihre Lieder entlockte.
Es war soviel Qual in der Welt, soviel Elend!
Aber ist das ein Trost für die Pein der eigenen Brust, die der Edle
empfindet, der helfen möchte und nicht helfen kann, weil ihm die Hände
gebunden sind? Ist stumm und ergeben leiden wirklich eine Tugend, wo seinen
Schmerz ausschreien vielleicht ein allgemeines Leid verständlich machen und
ihm Abhilfe verschaffen heißt, wo die Auslösung der höchsten Energie nicht
bloß ein einzelnes Subjekt -- nein! eine ganze empfindende Welt beglücken
könnte?
Welcher Schmutz, den der Fuß des Wandelnden, den jeder Windzug aufwirbeln
ließ! Wie eine dicke Wolke zitterte er in der Sonne und stahl sich in die
Lungen, die Augen, die Organe der Ernährung. Welche mörderischen Stoffe
mochten nicht vielleicht millionenfach durch diese Straßen wirbeln, mit
unsichtbaren Dolchen die Ahnungslosen anfallend. Wer das unter ein Glas
bringen und erforschen könnte, seine Zusammensetzung begreifen, seine
Wirkung festsetzen -- müßte der nicht, dem pythischen Gotte gleich, der
Erleger giftiger Drachen, der Vernichter mörderischen Gewürmes, müßte er
nicht, auch er, ein Heiland der Menschen werden?!
Ein Hochgefühl, wie es uns bisweilen über uns selbst erhebt, überkam den
Einsamen, den Armen, das Bewußtsein eines Reichtums an Kräften, der Würde
einer Mission, die grenzenlos waren. Und ihm war das Mittel verwehrt, das
diesen Reichtum frei gemacht, ihn diese Mission hätte erfüllen lassen.
Da er aus dem warmen Sonnenschein heraus seine ungastliche Wohnung wieder
betrat, umfing ihn ein Frösteln zwischen den kahlen, feuchten Wänden, das
von Verzichtleisten und Entsagen sprach. Er seufzte. Er _wollte_
nicht verzichten. Er ging aus einem Zimmer in das andere, aus der mit
bescheidenen Kirschbaummöbeln ausgestatteten »guten Stube« in das
noch bescheidenere Wohnzimmer, von dort in das Schlafkabinett, in die
Studierstube und wieder zurück und sah sich überall um, als erwarte er, ihm
bis dahin unbekannte Wertsachen irgendwo aufgestellt zu sehn, zog da und
dort eine Schublade auf, als könne seine Frau dort Gelder zurückgelassen
haben, sie, die so sorgfältig und sparsam war, und schob sie wieder zu.
»Sparsam!«
Wer hatte denn das Wort ausgesprochen? Es war ihm, als ob in einer der
dämmernden Ecken ein Gespenst gestanden, das es gehaucht.
Ja, sie war sparsam. Gewiß, sehr sparsam. Ohne ihren Fleiß und ihre
Sparsamkeit hätten sie überhaupt nicht haushalten können.
Schon als Mädchen war sie immer thätig und sparsam gewesen. Es mochte etwas
von dem Kaufmannsgeist ihrer Eltern in ihr sein. Er selbst war nicht so
sparsam. Oder doch in anderer Weise. Er war anspruchslos, beinahe bis zur
Bedürfnislosigkeit, das konnte er von sich sagen, ohne zuviel zu behaupten,
aber er konnte es einem andern nicht abschlagen, wenn er ihn dringend um
ein Darlehen oder eine Unterstützung anging, und hatte manchen Groschen auf
diese Weise hingegeben, den er hätte festhalten sollen.
Aber _sie_ war so sparsam.
Und damit glitten seine Finger leise über die Klappe des Sekretärs, die
fest verschlossen war.
Dann trat er seufzend an das Fenster und sah hinaus. Es war nicht sehr
belebt draußen. In Gedanken sah er Wanda die Straße heraufkommen mit dem
Kinde an der Hand, ganz deutlich sah er sie. Und eine starke Sehnsucht
ergriff ihn.
Wie sehr er sie liebte!
Und sie liebte ihn. Nicht ganz so, nicht so leidenschaftlich, nicht mit dem
Stolz auf ihn, den er empfand, sie zu besitzen, nicht mit der Sehnsucht,
die ihn oft mit Unruhe erfüllte, aber sie liebte ihn doch, und wie
teilnehmend und unglücklich würde sie sein, wenn sie wüßte, in welcher
Bedrängnis er sich befand.
Er zweifelte nicht im mindesten daran, daß sie alles aufbieten würde, ihm
zu helfen, wenn sie könnte, zweifelte nicht, daß ihre Anhänglichkeit für
ihn im Grunde genommen dasselbe Gefühl sei, das er für sie trug. Ach!
dieser kluge und geistvolle Mann täuschte sich bitter über ihre Empfindung,
über ihre ganze Lebensstimmung. Er hatte keine Ahnung davon, daß Wanda zu
den Naturen gehörte, die ermüdend und erlahmend in dem traurigen Einerlei
eines ärmlichen Lebens, beständig umworben und neuerobert werden wollen,
um wirklich besessen zu werden, die etwas von dem Idealismus anbetender
Zärtlichkeit verlangen für die Hingabe ihrer Person und ihrer Ideale. Er
nahm an, daß für Wanda eheliche Liebe Identitäts- und Solidaritätsgefühl
sein müsse, wie er sich einredete, daß sie es für ihn war, für ihn, der ihr
nichts von seiner Persönlichkeit geopfert und der immer nur genommen, wo
sie gegeben hatte. Er ahnte nichts davon, daß sie sich in der letzten Tiefe
ihrer Seelen fremd waren, daß Wanda nicht einen Funken mehr Verständnis
oder Ergebenheit hatte für das, was ihn erfüllte, als er für ihre
Interessen, ja daß in dieser Tiefe sogar ein unversöhnlicher, wenn auch
ganz abstrakter Gegensatz lebte: Der zwischen Begreifen und Empfinden,
zwischen Wissenschaft und Poesie.
Er glaubte einfach, daß sie ihn liebte und bereit sein müsse, alles für ihn
zu opfern. Es war sein Unglück, daß er so oft etwas glaubte, was nicht war,
daß er, die Schärfe seines Verstandes in einseitiger Richtung zuspitzend,
in manchen moralischen Dingen so konventionell dachte, so auf der glatten
Oberfläche blieb.
Die Naturwissenschaft war in den vierziger Jahren noch nicht das, was sie
später wurde. Sie war noch eine tastende, schüchterne Disciplin, die noch
keinen Einfluß auf das allgemeine Denken gewonnen, der Menschheit noch
nichts von dem großen Positivismus geraubt hatte, der so bequem war. Man
hielt noch auf »Systeme.« War es doch so verführerisch, die Welt sich
wohlgeordnet und gut zusammengeklappt in die Tasche zu schieben und seiner
Wege zu gehn. Freilich war es auch gefährlich; etwa, als wenn sich einer
eine wohlverschraubte Granate in die Tasche steckt. Es giebt Momente, wo
die schönsten Begriffe krepieren.
Zu den unerschütterlichen Voraussetzungen, die der Doktor hegte, gehörten
seine Anschauungen über »das Weib.« Dieser Periode war das Weib etwas an
sich, ein Typus, eine Summe von einigen Eigenschaften, die es dem Mann
bequem und angenehm machten, und einigen andern, die als das Rätselvolle
oder Launenhafte oder Unergründliche in Bausch und Bogen hingenommen
wurden. Die Mühe, die Gesetze von Ursache und Wirkung, die man anfing auf
Natur und Geschichte anzuwenden, auf das Weib auszudehnen, gab sich kein
Mensch. Das Weib war eben reizend und tugendhaft und verständig oder es
war das alles nicht. In jedem Falle war es ein der Leitung so dringend
bedürftiges Geschöpf, daß es durchaus unter die Vormundschaft des Mannes
gestellt und diesem die Verfügung über Besitz und Erwerb der Frau zuerkannt
blieb. Das Weib war Mittel zum Zwecke »Mann« und an sich -- das Urbild der
Schwäche.
Doktor Rhode hing mit Zärtlichkeit an seiner Frau und war sogar durchaus
das, was man einen Gemütsmenschen nennt. Aber wir haben unsere stärksten,
zartesten und wärmsten Empfindungen doch immer nur auf dem Boden unserer
allgemeinen Anschauungen. Und so sehr Rhode seine junge Frau liebte, -- daß
sie eine Person war, auf die er _alle Rechte_ habe, physische, seelische,
materielle, moralische, das war ihm doch über allen Zweifel erhaben.
Und weil es ihm nebenher durchaus zweifellos war, daß sie eine ebenso
tugendhafte als schöne und begabte Frau sei, und daß eine tugendhafte
Frau für ihren Mann alles thue, ihm alles hingebe, weder Geheimnisse, noch
Besitztitel, noch irgend etwas neben ihm habe noch haben wolle -- begriff
er auf einmal nicht, wie er so lange hatte zögern können, nach einer Hilfe
zu greifen, die äußere, gesetzliche Mittel ihm ohnedies zuwiesen.
Und da mit einem Male holte er seinen Schlüsselbund und ein Brecheisen und
ging völlig mit der heiteren Miene des guten Rechtes daran, die Klappe des
Sekretärs zu öffnen. Es gelang mühelos, und ebenso leicht gaben das Schloß
des Mittelverließes und das Vorhängeschlößchen an der Sparbüchse nach,
aus der er mit einem Laut der Befreiung eine Handvoll Geld in die daneben
stehende kleine Korbschwinge schüttete. Es waren übrigens zwei Dukaten und
dreiunddreißig Thaler Silbergeld.
Eine Stunde später war das ersehnte Mikroskop in seinem Besitz.
Achtes Kapitel.
Den folgenden Tag erhielt Wanda einen Brief von ihrem Gatten, der sich von
den bisherigen auffallend unterschied.
Der Doktor schrieb jede Woche zweimal: einen Bericht, wie es ihm ging, was
für Krankheitsfälle er behandle, ob er gute oder schlechte Resultate bei
seinen Patienten erzielt, Mitteilungen von kleinen Vorkommnissen in der
Bekanntschaft, die sie etwa interessieren konnten, Fragen nach dem Befinden
der Frauen und des Kindes und nach ihrer Lebensweise. Alles herzlich und
humorvoll.
_Dieser_ Brief hatte einen anderen Charakter. Er war von einer unruhevollen
Zärtlichkeit, von Sehnsucht nach Frau und Kind erfüllt, die er zu lange
und zu sehr entbehren müsse, von Sorge, ob es ihr nach den schönen, frohen
Wochen im Gebirge in dem bescheidenen Heim auch wieder gefallen werde. Er
enthielt außerdem eine tiefgründige Betrachtung über die Solidarität der
ehelichen Interessen, ja über den sakramentalen Charakter der Ehe, der das
Gebundensein der Geister und Herzen heilige und alles, was sonst unerlaubt
oder verletzend sei, in ihrer Doppeleinheit gut und rein und gesegnet
mache; eine Betrachtung, die doch nicht etwa nüchtern, sondern sogar
von einem seltsamen Überschwang war. Es atmete etwas Gedrücktes und
Leidenschaftliches zugleich aus dem Briefe; das Behagen des Humors fehlte
ihm durchaus.
Er erregte seine Empfängerin, die ohnedies auf das stärkste bewegt
war, noch mehr. Ihr Herz wurde von dem heftigsten Zwiespalt gefoltert.
Pflichtgefühl und warme Anhänglichkeit an den Gatten rissen es nach der
einen Seite, Sympathie und der poetische Rausch einer starken jungen
Empfindung nach der andern. Abwechselnd warf sie sich bald dem einen,
bald dem andern Gefühl in die Arme, den Schmerz dieser Zerrissenheit nicht
mildernd durch irgendwelche Erwägungen, die befreiend hätten wirken
können, sondern noch verschärfend mit der Kraft leidenschaftlicher und
phantasievoller Naturen, jedes Gefühl auf die Spitze zu treiben, in der
Ahnung von dem lyrisch Fruchtbaren solcher Sensationen. Denn es war
ihr wunderbar und wonnevoll, seit sie _einmal_ das Glück dichterischen
Ausdrucks ihres Empfindens genossen, die Wallungen ihres Herzens in Versen
auszusprechen, die sie nicht ihrem Heine und Lenau, sondern irgend einer
Kraft in sich selber verdankte. Und obschon sie die merkwürdige, ihr
zuerst geradezu unheimliche Erfahrung machte, daß die Leidenschaft für den
Ausdruck so groß sein kann, daß dieser die eigenen Empfindungen derartig
übertreibt, daß er anfängt, sie zur Unwahrheit zu machen nach irgendwelchem
Gesetze der Steigerung oder des Wohlklanges, so kam es ihr doch gar nicht
in den Sinn, Wendungen dieser Art herabstimmen zu wollen. Sie fühlte das
dichterische Gesetz und verfuhr darnach.
Ihre poetische Spielerei sollte ihr eines Tages zur Verräterin werden.
Madame Gernoth kam von einem Ausgange heim, als Wanda eben den Klang
einiger Verse probierte. Sie ging dabei im Zimmer auf und ab, wiederholte
eine Zeile mit einer kleinen Abänderung, kehrte zur ersten Form zurück und
trug das Gereimte schließlich mit einer Art jauchzenden Pathos den Wänden
vor:
Klingende Weisen, tönet
Über mir! Duftet, o Rosen!
Schatten der Dämm'rung, versöhnet
Grelle des Tags! Mit losen
Duftigen Schleiern decket
Angst und lastende Plage,
All was die Seele schrecket:
Not und ringende Klage.
Ganz mit duftigem Schleier,
Wallend in seliger Fülle,
Mir zur einsamen Feier
Holden Abends umhülle
Dämmerung den grämlichen Tag!
Höher als strebende Mühen,
Höher als alles Vollbringen,
Stolz in der Tugend Erglühen,
Höher als Kraft und Gelingen,
Froher als heitere Feste,
Jubelnder als das Entzücken
Fröhlich gescharter Gäste,
Glänzend in all ihrem süßen
Elende wandelt in Wonne,
Wandelt auf seligen Füßen,
Leuchtender noch, als die Sonne,
Liebe den blumigen Pfad.
Klingende Weisen, tönet
Über mir! Duftet, o Rosen!
Schatten der Dämmerung, versöhnet
Grelle des Tags mit losen
Duftigen Schleiern, denn selig
Öffnen sich schimmernde Pfade!
Über mir unwiderstehlich
Himmlisches Wolkengestade!
Und meine Seele, der Sonne
Gleich, der einsam beglückten,
Wandelt in jauchzender Wonne
Wolkenhin, wo Entzückten
Liebe schmücket den Pfad.
Es folgte zwischen den beiden Frauen eine Scene voll von Zorn, Vorwürfen,
Klagen und Leidenschaftsausbrüchen, deren Resultat aber doch war, daß Wanda
versprach, dem Polen einen »handfesten« Brief zu schreiben, in dem sie ihn
endgültig verabschiedete.
Dieser Brief kostete freilich noch ein paar böse Stunden, schließlich
bereitete er Wanda aber sogar eine gewisse Genugthuung und zwar nicht nur
wegen des tugendhaften Entschlusses, den sie damit besiegelte, sondern
-- wie sie nun einmal war -- wegen der geistreichen schriftstellerischen
Leistung, die er nebenher bedeutete.
Und eine zugleich moralische und briefschreiberische Leistung war auch die
Antwort, die sie ihrem Manne zukommen ließ: ohne eine Unwahrheit zu sagen,
verschwieg der Brief alles, was zu verschweigen gut that, beantwortete das
ethische Pathos des Doktors mit einigen passenden Wendungen ernsten
Stiles, die mehr beistimmender als eingehender Natur waren, und gab launige
Schilderungen des Badelebens und Mitteilungen über das Kind, die dem Doktor
Freude machen mußten.
Wanda durfte stolz sein auf diesen Sieg über sich selbst und die Klugheit
ihrer Briefe, die sie sogar Frau Gernoth unterbreitete.
Bei der Genugthuung, die diese immer korrekte und in korrekter
Pflichterfüllung zufriedene Dame über das Verhalten ihrer Tochter empfand,
war es ihr nicht ganz verständlich, warum Wanda die letzten Salzbrunner
Tage dennoch in einer ewig flackernden Unruhe, in einem beständigen
Stimmungswechsel zubrachte, in einer quälerischen Zerfahrenheit, die Frau
Florentine endlich die Abreise beschleunigen ließ.
Neuntes Kapitel.
Eine Eisenbahnfahrt war vor fünfzig Jahren kein Vergnügen. Die
Bediensteten, selbst von oben her schlecht behandelt, waren von der Kulanz
mittelalterlicher Steckenknechte und pflegten die engen »Coupees« mit
Fahrgästen zu überstopfen. Die Ventilation wurde durch zugige Fenster
besorgt; sich vor dem Tabaksrauch oder kleinen Kindern zu retten, war
ein Ding der Unmöglichkeit, einen Schutz vor den Strahlen der die Wagen
durchglühenden Sonne zu finden ebenso; Wartestuben und Perrons waren
finster und zugig, die Zuganschlüsse äußerst mangelhaft. Nein, das Reisen
war kein Vergnügen, und es war außerdem eine Fährlichkeit. Die Notizen über
umgeworfene Postwagen und Eisenbahnunglücke gehörten zu den Dingen, auf die
die Feinschmecker unter den Zeitungslesern mit soviel Sicherheit rechnen
konnten, wie heute auf gestrandete Fahrräder und abstürzende Alpenfexe.
Doktor Rhode war nicht nur glücklich, die Seinen überhaupt endlich wieder
zu haben, er atmete auch auf, sie heil dem Waggon entsteigen zu sehen.
In dem flackernden Licht einiger Öllampen, die durch die Dunkelheit des
Perrons ein paar unsichere helle Streifen sandten, und durchrüttelt von
einer Postfahrt von zwei und einer Bahnfahrt von drei Stunden, war von den
blühenden Farben auf Frau Wandas Wangen, die als das Resultat ihr Badekur
gelten konnten, nicht viel zu merken. Aber sie war da, hatte leuchtendere
Augen und frischere Lippen und war -- ach! so unglaublich schön, schöner
als je. Er jauchzte ihr ordentlich entgegen.
Auch der Schwiegermama war der Aufenthalt bestens bekommen. »Potztausend,«
rief er ihr zu, »Sie sind wieder jung geworden, Großel!« Nun, Madame
Gernoth war achtundvierzig Jahr, man hört so etwas auch dann noch gern. Und
damit nahm er ihr das sorgsam in Tücher gehüllte, schlafende Etwas ab,
das sie auf dem Arm trug, während ein mürrischer Packträger sich des
Handgepäcks bemächtigte, das die junge Frau hinauslangte.
»Gott sei dank, daß ich Euch wieder hab, ich hab es schon kaum mehr
ausgehalten!« Und abwechselnd preßte er das schlafende Packet an sich, die
junge Frau und ein klein wenig Madame Gernoth.
»Nun, was Sie anbetrifft, lieber Rhode,« sagte diese, »so sehen Sie nicht
besonders gut aus.«
»Es war so heiß in der Stadt und ich habe viel gearbeitet.« Inzwischen
wurde es in dem Tuche lebendig. »Mein Klärchen, bist Du denn munter, mein
geliebtes kleines Mädel?«
Das Kind richtete sich auf und sah den Mann, der es trug, erschreckt an.
»Kennt mich mein Klärchen nicht mehr?«
»Wenn wir nur erst aus dem Gedränge wären!«
Inzwischen schien sich die Kleine völlig ermuntert und besonnen zu haben.
»Der Papa!« sagte sie und legte die Ärmchen um seinen Hals.
»Sag' doch Papa das Verschen, das Du gelernt hast, das hübsche
Willkommenverschen für Papa. ›Wir haben sieben, Klärchen, sieben echte.‹«
»Ach, laß sie doch,« bat Madame Gernoth. Aber Rhode sah das Kind zärtlich
aufmunternd an.
Da versteckte es das Köpfchen an den Hals des Vaters, und ganz leise und
verschämt, als mache es ihm eine Liebeserklärung, stammelte es:
»Wir haben sieben echte Rippen und fünf falße, und vierundzwanzig Wurbel.«
Dem Doktor traten die Thränen in die Augen vor Entzücken über diese
Leistung und über die originelle Aufmerksamkeit seiner Frau, indes Wanda in
ein helles Lachen ausbrach und Madame Gernoth mit einer Miene, die zugleich
Mißbilligung und Stolz war, räsonnierte:
»Was sie dem Wurme alles beibringt, Rhode, das müssen Sie gar nicht
leiden.«
Nachdem er die Schwiegermama mit ihrem Gepäck in eine und Frau und Kind
in eine andere Droschke untergebracht hatte, war dem Doktor erst wohl.
Er hielt das Kind auf seinem linken Knie und die Frau mit dem rechten Arm
umschlungen, küßte beide abwechselnd und fragte wohl zehnmal, ob sie ihn
noch lieb habe und ob sie gern wiedergekommen sei. Sie sagte immer ja und
rührte sich nicht, halb froh und halb beklommen, wie sie war.
Zu Hause fand sie alles freundlich gesäubert, Gardinen und Decken blühend
weiß, Rosen auf dem Tisch inmitten einiger appetitlichen kalten Schüsseln
und ein Paar niedliche Hausschuhe als Willkommensgabe. Sie betrachtete
alles mit den forschenden interessierten Blicken, mit denen wir uns, von
einer Reise zurückkehrend, wieder heimisch machen, allerlei Dinge, die ein
Teil von uns und uns halbfremd geworden sind, wieder in Besitz nehmend. Es
war alles dürftig, aber es war ihr eigen und das kleine Königreich, in dem
sie herrschte, und sie liebte jedes Stück daran, jede dieser bescheidenen
Provinzen, die es ausmachten.
Mit einer Art Neugier lief sie in den beiden Vorderstuben hin und her,
fing an von Salzbrunn zu erzählen, lachte und scherzte, schwatzte von den
Wirtsleuten und ihrem dummen Jungen, der noch keine zwei Worte reden könne,
von der Kaufmannsfrau aus Grünberg, die wie ein gemästeter Frosch aussähe,
und einem Domherrn aus Brünn, den sie immer den Dompfaff oder Gimpel und
seinen Rheumatismus den Gimpelschmerz genannt hätten:
»Du bist ja hold den Gimpeln
Und heilest Gimpelschmerz,«
-- von den zwanzig Toiletten der Baronesse Neudorf, die eine so steife,
langweilige Person gewesen sei, daß sie ihr den Spitznamen die Säule
gegeben, und die wohl Goethe noch gekannt haben müsse:
»Kleid eine Säule --
Sie steht wie ein Fräule.«
Aber eigentlich brauchte man nicht Goethe gewesen zu sein, um einen solchen
Vers zu dichten.
Dann machte sie sich über das Abendbrot her, behauptete, der Schinken,
der nicht scharf genug gepökelt war, rühre seiner Blässe halber von einem
Eisbären her, der sich ihn mürbe gedrückt, als er auf einer Eisscholle um
den Nordpol Karussell gefahren, sprang dann auf und zeigte, wie die Polen
den Mazurek tanzten und wie die Kolmeika.
»Die Kolmeika?« fragte er.
»O das ist auch so'n polnischer Tanz. Paß mal auf!
Die Kolmeika tanz ich gern
Mit dem gewissen jungen Herrn,
Doch am liebsten ist es mir
Mit dem schönen Gard'off'zier.«
»Eine prachtvolle Hopserei und ein geistreicher Text,« sagte er lachend.
»Ach, da war ein Graf Borinski -- der tanzte das zum Küssen. Ein netter
Mensch, der sich fürchterlich in mich verliebte. Als ich sagte, daß ich
Frau Doktor Rhode wäre, wurde er ganz blaß und hat noch acht Tage lang vor
unsern Fenstern getoggenburgert.
Und so saß er, eine Leiche,
Eines Morgens da, juchhe!«
Sie lachte hell auf. Aber es war kein ganz freies, es war ein nervöses,
fieberiges Lachen.
»Ach, fast hätte ich mein Mitbringsel vergessen!« Sie sprang wieder auf,
suchte da und dort: »Die Tasche?«
»Die legt' ich ins Schlafkabinett« --
»Ach dort!« und rannte hinaus.
Als sie aber an die Schwelle des Schlafzimmers kam, das von einer kleinen
Nachtlampe weniger erhellt als mit großen fratzenhaften Schatten angefüllt
war, blieb sie stehen. Denn wie gespenstisch überfielen sie auf einmal die
Erinnerungen an die gräßlichsten Stunden ihres Lebens. Hier waren ihre
drei Kinder geboren worden, hier zwei von ihnen unter Qualen und Zuckungen
wieder gestorben.
Vor ihren Sinnen stieg all das Entsetzliche, all der Ekel, all die Pein
dieser Stunden in grausamer Deutlichkeit auf. Wie gräßlich der langsame
Verfall, das wochenlange Absterben eines reizenden, blühenden Kindes, das
eine schleichende Krankheit befiel, bis es mehr einem runzeligen Greise
als einem kleinen Kinde ähnlich war, wie gräßlich diese wächsernen,
spinnenartigen Glieder, die sich in Krämpfen wanden, bis der Tod sie
grauenvoll streckte. Ein halbes Jahr später eine neue Geburt, in der sie
dreißig Stunden in Schmerz und Verzweiflung gerungen. Und im nächsten Jahre
eine dritte, diesmal eines Kindes, das die beiden ersten weit an Kraft
und Schönheit übertraf. Und ein paar Monate darauf der Tod dieses jungen
Lebens, jäh, unerwartet, unter Zuckungen der blühende kleine Körper
hingemordet von dem scheußlichen Würgengel Cholera.
Wie qualvoll deutlich sie sich all dessen an dieser Schwelle erinnerte!
Wie deutlich der Dunst von Kamillenthee, Morphium, von hundert intensiven
verletzenden Kranken- und Kinderstubengerüchen sich ihr erneuerte und sich
mit der Erinnerung an gellendes Geschrei, Stöhnen und Wimmern vermischte.
Wie deutlich das fahle Morgengrauen vor ihr aufstieg, das in den Dämmer der
schmauchenden Lampe fiel und die Bilder des Todes beleuchtete, indessen ihr
eine krasse Kälte die Glieder schüttelte und in ihrer Brust ein Gefühl war,
als würde ihr das Herz darin mit Zangen herumgedreht und zerrissen.
Und das alles, alles sollte wieder sein! Wieder streckte Natur ihre Hände
nach ihr aus, verführerische, trügerische Hände der Zärtlichkeit und
des Verlangens, um sie zu packen, sie zu opfern, ihr Leib und Seele zu
zerreißen! Ein Schauder ergriff sie, der ihren ganzen Körper schüttelte.
Wahrlich: Wanda Rhode hatte das Unglück, zu den Frauen zu gehören, deren
Nerven ein zu gutes Gedächtnis haben, um sie vor allen Dingen zu Müttern zu
qualifizieren.
Was hatte sie nur überhaupt hier gewollt? Ja so -- dieses Glas, das sie
Ewald mitgebracht -- und für das die Sparbüchse die Groschen erst noch
hergeben sollte, die Frau Gernoth ausgelegt -- dieses Glas -- -- da in der
Handtasche! So!
Sie wickelte es aus und ließ das kleine Licht der Nachtlampe einen
Augenblick hineinfallen. Es war ein schönes Krystallglas, das den
gelblichen Schein dort glänzend spiegelte, hier in leuchtend bunte Farben
brach. Und in einer der Verknüpfungen der Vorstellungen in unserer Seele,
die so schwach und zugleich so mächtig sind, fielen ihr die Zeilen ein:
»-- und Glanz und Wonne
Umfluten strömend mich,
Ich habe Dich gefunden,
Und jauchzend lieb' ich Dich.«
Was mochte ihr Dichter jetzt eben treiben, wo weilen, wie ihrer denken?
Vielleicht über seinen Kompositionen ihrer vergessen! Immerhin Glück genug
-- indes sie ihn vergessen mußte über diesen »ehelichen Pflichten.«
Inzwischen saß Rhode mit glücklichem Lächeln am Tische. So, ganz so war
sie als junges Mädchen gewesen: so sprudelnd, so übermütig und von
dieser sieghaften, leuchtenden Schönheit, mit der sie ungezählten Herzen
gefährlich geworden, mit der sie das seine entzündet und es eben von neuem
in hellste Flammen gesetzt, so daß nur noch eins in ihm war: Zärtlichkeit
und Verlangen nach ihr.
Wo blieb sie nur?!
»Wanda?«
»Ja.«
Blaß, niedergeschlagen, mit einem seltsamen Ausdruck auf den Lippen, trat
sie herein, setzte das Glas vor ihn hin, sank auf einen Stuhl und brach in
heftiges Schluchzen aus.
»Herr mein Gott, was ist Dir denn geschehen?«
»Nichts.«
»Nichts?! Du mußt doch einen Grund haben, sprich doch, rede doch!« drängte
er zärtlich.
Da hielt sie nicht länger zurück.
Er legte die Hände auf den Rücken, trat ans Fenster und rang mit
unsäglicher Qual und Bitterkeit.
»Ich will fort,« schrie sie. »Ich will wieder fort, ich will das nicht
wieder!«
Welcher Fluch, einer heißgeliebten Frau mit seiner Liebe selbst zum
Gegenstande der Furcht und des Grauens zu werden! Und was sollte er sagen?
Als ob es sich nicht um Unabänderliches gehandelt hätte, nicht um etwas,
in dem er machtlos war, in dem geknickter Mannesstolz, Mitleid, Wunsch, ihr
alles zu Liebe zu thun, _nichts_ waren -- gegen den Willen der Natur! Was
sollte er überhaupt nur sagen? Vielleicht, wenn sein Gemüt nicht belastet
gewesen wäre mit diesem Eingriff in ihren kleinen Besitz -- so gern
er diese Last wegräsonniert hätte mit der Wendung von der ehelichen
Solidarität, sie war dennoch da und drückte ihn -- vielleicht, daß er
dann gute, treue, würdige Worte zum mindesten gefunden hätte, die ihr das
Unabänderliche erleichtert hätten!
Aber so fand er sie nicht.
Wanda schluchzte weiter.
»Fort! wieder fort möcht' ich!«
»Aber wenn ein Mädchen heiratet, weiß sie doch --«
»Nichts weiß sie. Nichts!«
Fort! Und ihre Gedanken kehrten zurück unter die grünen Laubgänge, durch
die die Sonne golden leuchtete, ein sanfter Wind tausend Blütendüfte
hauchte, das Rauschen und Murmeln plätschernder Quellen klang und die Liebe
auf sie wartete, eine Liebe, an der alles Zartheit, unterdrückte Glut,
alles Langen und Bangen, ein stilles frohes Miteinander der Seelen, ein
lautloses Verstehen und süßes Begreifen war.
Als ob irgend eine Liebe der Welt ewig das alles bleiben könnte! Als
ob Liebe nicht auf unser aller Wege in leuchtenden Feierkleidern träte,
blumengeschmückt und die Hände voll seliger Gaben und, sobald wir sie nur
an unser Herz genommen, Werkeltagsgewänder anlegte und Opfer über Opfer von
uns verlangte für jedes überirdische Glück, das sie wie zum Geschenke uns
gereicht!
Aber wir vergessen das manchmal für Augenblicke.
Da, in dieser Vision, die Wald und Berghang, Sonnenschein und junge Liebe
vor ihr aufleben ließ, tauchten mit einem Male mitten zwischen geputzten
Menschen diese blassen Mädchengestalten mit den traurig umflorten Augen
und verwaschenen Wangen vor ihren Blicken auf, mit den festgeschlossenen
Lippen, die sich gewöhnen müssen, die Enttäuschung, den Harm und die
Sehnsucht zu verschweigen, die einzugestehen die Mißachtung verdoppelt
hätte, mit der man den »Sitzengebliebenen« begegnete.
Ehelos durch das Leben gehen -- nein, das war das Entsetzlichste. Das war
noch entsetzlicher als Kinder gebären und wieder begraben. Das dünkte
ihr so schrecklich, daß ein neues Grauen sie ergriff und ihre Seele dem
unglücklichen Mann am Fenster wieder zukehrte. Welcher Mann wäre nicht aus
dem Geliebten endlich der Vater ihrer Kinder geworden? Es war der Lauf der
Natur so, die die Blüte um der Frucht willen zerstört, die verdirbt, um zu
schaffen, und den sonderbare Schwärmer den Willen eines gütigen, gerechten
und barmherzigen Gottes nennen!
Gleichviel: es war so.
»Ewald!«
»Wanda.«
Einen Augenblick sahen sie sich stumm verlegen in die Augen. Rhode blickte
völlig verstört drein. Er trug so grenzenloses Verlangen nach ihr, grade,
weil er sich schuldig vor ihr fühlte und Indemnität in ihrer Liebe finden
wollte.
Und Wanda sah dieses bis zur Leidenschaft gesteigerte Verlangen neben ihr,
in diesem Heiligtum von ehelichem Heim, in Beziehung gesetzt mit dem
Leben, das nun einmal ihr Leben war und -- ist es nun so, daß Liebe
im menschlichen Gemüt überhaupt etwas _für sich_ ist, eine subjektive
Veranlagung, obschon sie mit allen Wurzeln in der Natur ruht, und daß neben
diesem »für sich« das Objekt Nebensache sein kann -- war es, daß speziell
in Wanda Rhode's beweglicher Natur, der das Präsente immer eine Macht war,
eine solche Möglichkeit zu raschem Wechsel gegeben war -- als der Doktor
sie mit Thränen der Qual und Erregung in den Augen anstarrte, geschah es,
daß sie auf ihn zueilte und die Arme um den Hals des Mannes schlang, der
sie leidenschaftlich umschloß. --
* * * * *
Äußerlich richtete sich ihr Leben wieder ein, wie es gewesen:
Sprechstunden, Krankenbesuche, Bierhaus oder politisches Radaulokal --
Hauswirtschaft, Pflege des Kindes, ein wenig Musik und Lektüre, Besuche
bei Verwandten und Gevatterinnen. Dazwischen gemeinsame Mahlzeiten, ein
Spaziergang, eine kleine Besprechung oder ein Scherz. Keine rechte geistige
oder seelische Verschmelzung so wie im ersten Jahre ihrer Ehe, als eheliche
Gemeinschaft nichts als diese Zärtlichkeiten, die schließlich mit
zum Abhaspeln der Tagesgeschäfte gehörten und, weil sie nichts als
Sinnenbefriedigung waren, der jungen Frau die gräßliche Auffassung der
Ehe als einer legalisierten Prostitution und damit ihrem Denken einen
frühzeitigen Cynismus gaben. Das ganze Beieinander übrigens glatt,
flüchtig, freundlich, geschäftig, wie es eben kam.
Und bei alledem eine Schwüle, die sie einander nicht eingestanden, die
sie hinweglogen mit einem prahlerischen Eifer, der auf der Grenze zwischen
Heroismus und Heuchelei steht, und sie ahnungslos ließ, daß auch das
_andere_ etwas auf dem Herzen habe, das es manchmal einzugestehen
wünschte und sich doch scheute. So näherte sich zuweilen ein Entschluß zu
freimütigem Bekenntnis: »Diese Spargroschen -- verzeihe mir« -- oder zu
heißer Bitte: »Hilf mir mit Deiner Liebe, das Bild eines andern --« der
Thür des Gatten und ließ die Worte dann doch an der Schwelle liegen.
Endlich fand Wanda eines Abends doch den Mut; an einem der immer seltener
werdenden Abende, an dem der Doktor einmal zu Hause blieb -- und sie warf
die Bemerkung hin, daß sie Kreowski in Salzbrunn getroffen habe.
»Kreowski?«
Die Miene des Doktors verfinsterte sich sofort. »So? Dieser ›beschlittete
Pollacke‹ war dort?«
»Beschlittete Pollacke?« Sie lachte nervös.
»Ja.«
»Ich habe ihn immer nur zu Fuß gesehen, kann mir auch nicht gut denken, daß
er hinter meinem Rücken in den Hundstagen durch die Wälder, durch die Auen
Schlitten gefahren sein sollte. Übrigens,« fügte sie eifrig hinzu, »spricht
er deutsch, ist in Deutschland geboren, macht deutsche Verse und deutsche
Musik und erklärt sich selbst für einen Deutschen.«
»Richtigen Patriotismus haben solche Bursche nie im Leibe, die in
Schnurröcken herumlaufen.«
»Allerdings treibt er weder groß- noch kleindeutsche Politik,« sagte sie
gereizt, denn der ›Bursche‹ ärgerte sie.
»Ich weiß bloß, daß der Mensch -- Musikant war er ja wohl -- trotz seines
›Adels‹ in dem Kränzchen, in dem Du Deine Triumphe feiertest und in das ich
Dir zu Liebe ein paarmal ging, einen Schnurrock trug, wie ein Pole aussah
und die geschniegelten Manieren dieser Rasse hatte.«
»Geschniegelt? Ich dächte, er wäre bloß nicht grob oder ungeschliffen.«
»Das fehlte gerade noch!«
Rhode stand ein paar Schritte von ihr entfernt und betrachtete sie. Sie
hielt den Kopf gesenkt und lächelte seltsam verlegen. Sie bereute, den
Namen erwähnt zu haben, da der Doktor so wenig in der Stimmung war, ihre
Beichte entgegenzunehmen, und dabei sah sie auf einmal mit unheimlicher
Deutlichkeit grüne Berge, einen schattigen Laubengang und eine Gestalt, die
sich auf sie zu bewegte und sie ansah. Die Mutter hatte recht gehabt, wenn
sie ihr widerraten, den ominösen Namen vor Rhode zu erwähnen.
Aber es war geschehen! Und der Doktor, unruhig und mißtrauisch geworden,
bemühte sich, ihr die Gedanken vom Gesicht zu lesen.
Was er las, beunruhigte ihn noch mehr. Aber da es so wenig greifbar war,
wußte er nichts Rechtes dazu zu sagen, um so mehr, als sie plötzlich eine
sehr harmlose Miene aufsteckte und von der Registratorin zu reden anfing.
In ihm aber war ein heftiges Verlangen lebendig geworden, ein moralisches
Übergewicht zu erlangen, und sei es auf Kosten dieses »Burschen,« und so
fing er mit einem Schwall von Beredsamkeit, der ihr Eindruck machen mußte,
an, auf die Polen zu schimpfen. Auf die Modesentimentalität, die sich mit
ihnen beschäftige, und die Eitelkeit, mit der sie sich darin gefielen,
Gegenstand der Neugier und eines schwächlichen Mitleids zu sein; sie, die
ein hilfreiches allerdings auch nicht verdienten! Er schenkte ihnen nichts:
nicht die sprichwörtliche Verwirrung des Reichstages, noch die »polnische
Wirtschaft,« noch den Mangel an einem eigentlichen Kern des Volkes, noch
den an einer großen Litteratur, Kunst und Wissenschaft. Er zog Daten über
Daten heran, das zu beweisen, mit der verhängnisvollen Gründlichkeit am
unrechten Orte, der übertriebenen Autoritätssucht, die jeden Keim eines
Widerspruches wie mit groben Schuhen zertreten möchte. Mit einem Pathos, in
das seine Eifersucht und jenes dunkle Gefühl, das moralische Übergewicht
zu gewinnen, hineinfluteten, donnerte der Doktor gegen ein Volk, um ein
Individuum zu treffen.
Wanda hörte das alles schweigend an. Zuletzt schwieg der Doktor auch -- es
war ihm nicht recht wohl zu Mute, er hatte ein unklares Gefühl, ungeschickt
gewesen zu sein.
Und das war er gewesen. Denn diese Gründlichkeit hatte etwas Lächerliches
gehabt, und seine Maßlosigkeiten hatten Wanda dahin gebracht, Partei für
die Angegriffenen zu nehmen, für die offiziell Angegriffenen und den, der
dahinter stand.
Rhode hatte das Wort »unfähige Rasse« fallen lassen und von politischer
Impotenz gesprochen. Was hatten denn diese Deutschen für politisches
Geschick bewiesen, diese Deutschen, die fortwährend über ihr
dreiunddreißigköpfiges Fürstentum und ihren Mangel an Einheit zeterten?
Und das war so charakteristisch für die Zeit, daß sie so dachte: »Diese
Deutschen!« Das Interesse für Politik galt für unweiblich und lächerlich
an einer Frau. Man hatte sich politisch der Frauen bis dahin immer nur
erinnert, wenn es Opfer für das Vaterland galt. Warum hätte Wanda Rhode
patriotisch sein, warum national empfinden sollen?
»So sage doch etwas,« rief er endlich gereizt.
»Aber _Du_ hast schon alles gesagt,« antwortete sie leichthin, »ich könnte
nur -- noch bemerken, daß Kreowski sehr gut Walzer tanzt.«
»Allerdings ein schwerwiegender Vorzug.«
Sie lachte, stand auf und ging hinaus, mit einem seltsamen Wechsel der
Empfindungen im Herzen. Sie hatte ihren Mann zum Mitwisser und damit zum
Befreier von einer Gefühlsverwirrung machen wollen -- das Resultat der
bloßen Einleitung dazu war, daß sie tiefer darin verstrickt war als vordem.
Zehntes Kapitel.
Es war eine Woche später.
Wanda war sehr heiter. So harmlos heiter, so grundlos guter Dinge, wie man
es manchmal ist, bloß weil man jung ist, der Himmel blau, die Sonne goldig
und weil man geliebt wird und wieder liebt, heiter in dem Gefühle von
schrankenlosem Lebensreichtum und der Fülle der Beziehungen von Herz und
Welt; vielleicht auch nur, weil man kampf- und qualmüde ist und irgend
etwas in uns sich auflehnt gegen den Druck der Niedergeschlagenheit.
Sie sang und trällerte in den Stuben herum, küßte das Kind, naschte an Obst
und Beeren, sah in den Spiegel, schüttelte den Kopf über ihre eigene junge
Schönheit, die sie jeden Tag von neuem wie ein Wunder daraus anlächelte,
amüsierte sich über ein paar Toggenburger, die täglich zur bestimmten
Stunde vor ihrem Fenster schmachteten, und improvisierte Verse, in denen
sie die Laune der Natur pries, die ihr alle Herzen zu Füßen legte. Eine der
Stimmungen, in denen wir schlechterdings in uns selbst verliebt sind und so
übermütig, daß wir als die rechten Ichs- und Glücksprotzen mitten in allen
Unzulänglichkeiten des Lebens stehen, daß wir, sonst ewig dürstend nach
Wechsel und Sensation, ganz gesättigt sind von dem stillen Beruhen in der
Gegenwart und dem großen, goldenen Lebensgefühl, das sie uns spendet.
Draußen lockte der herrlichste Septembermorgen.
»Wir wollen spazieren gehen,« sagte sie zu dem Kind, »erst schön spazieren
gehen und dann zu Großmama, ihr Geld bringen.«
Es war wahrhaftig Zeit, daß sie der Mutter endlich ihre kleine Schuld
abtrug.
Das kleine Clärchen jauchzte.
Während sie das Kind anzog, überlegte sie, welches von den teuern Stücken
ihres Spargroschens sie umwechseln sollte, denn sie galten ihr alle
einzeln. Es waren drei Sterbethaler (aus dem Todesjahre Friedrichs des
Großen), zwei mit dem Bildnis seines Nachfolgers, ein Krönungsthaler
Friedrich Wilhelms =IV.=, eine Anzahl außerpreußische Stücke und einer mit
dem Kopfe Friedrich Wilhelms =III.= und der Bezeichnung auf dem Revers:
»Segen des Mannsfelder Bergbaues.« Den hatte sie als junges Mädchen von
einer reichen Bäckerstochter bekommen, der sie ein paar Tragbänder für
den Bräutigam gestickt mit Rosen und bronzenen Blättern auf himmelblauem
Grunde. Zu albern! Die geizige Braut hatte ihr noch zwei Groschen abhandeln
wollen für die mühsame Arbeit. »Billiger rechnen kann ich es Ihnen nicht,
Mamsell,« hatte sie da gesagt, »aber wenn Sie zwei Groschen gern von mir
geschenkt haben wollen« -- da war das dicke Frauenzimmer rot und beschämt
davongelaufen und hatte auf den ganzen »Segen des Mannsfelder Bergbaues«
verzichtet.
Sie mußte noch jetzt darüber lachen.
So hatte jedes Stück seine Geschichte und war mühsam und sorgfältig
zurückgelegt worden. Wie oft hätte sie sich gern einen besseren Hut, einen
Schirm oder lange seidene Filethandschuhe angethan, aber nie hatte sie sich
entschließen können, diese Ersparnisse anzugreifen. Es war nun einmal gar
zu hübsch, einen kleinen Besitz zu haben und zu hüten, es bewahrte sie vor
dem bettelhaften, unfreien Gefühl, das vermögenslose Frauen so oft haben
im Verkennen des Umstandes, daß sie das Ihre redlich an Mann und Kindern
verdienen.
Geld! Die es im Überfluß haben, dürfen es mißachten, wie wir die Luft nicht
schätzen, die uns von allen Seiten zuströmt -- dem, der es unter Mühen
erworben hat, ist es das Leben selbst, Zeichen seiner Kraft, ein Stück
metallgewordenes Ich, ein Talisman, ein Fetisch, ihm dennoch heilig, und in
seiner Gesichertheit ein Zeichen der eigenen Unverletzlichkeit; und es ihm
rauben, heißt ein kleiner Mord.
Das ist so banal, aber man vergißt es manchmal. Und nicht das
Außergewöhnliche, sondern das Banale, das Selbstverständliche vergessen,
ist verhängnisvoll.
Mit lächelnder Wichtigkeit, leise vor sich hersummend, schloß Wanda den
Sekretär auf. Erst die abscheuliche Klappe, an der sich Clärchen
bereits einmal ein Loch in den Kopf gestoßen, und dann das Thürchen des
Mittelverließes. Sie warf einen Blick hinein: es stand und lag alles darin,
wie sie es verlassen hatte, einige Päckchen Briefe sauber geordnet, das
Kästchen mit den altmodischen Kleinodien, die leere Geldschwinge, ein Buch
mit Familiendaten, die Patenbriefe der Kinder und die Sparbüchse.
»Schö--ner, grü--ner -- schö-- --«
»Meine Machen, meine Machen!« schrie das Kind, als es die Mutter plötzlich
mit einem Schreckenslaute zurücktaumeln sah. »Ich Dir ein Gedichtel
aufsagen, Machen! Es bicht und zuckt und verbutet, aber Du siehst es
nicht!«