»Leswig-Holstein, meerumslungen
Leswig-Holstein, stammverwandt,«
sang das kleine, noch nicht ganz zweijährige Ding jauchzend; entzückt
hob es die Großmutter auf und überschüttete es jetzt ihrerseits mit
Liebkosungen.
»Sie kennt jedes Lied an der Melodie heraus! Und Verse über Verse weiß sie
auswendig, unser Goldkind!«
»Du bist noch viel eitler auf sie, als Ewald,« sagte die junge Frau.
»Bist Du es denn nicht?«
»Ich -- na -- das ist doch ganz selbstverständlich, daß ich _so_ ein Kind
habe! Bin _ich_ denn von Dummersdorf? Und Verse und Lieder -- weiß ich auch
ohne Ende. Ja, denk mal, Mutter -- ich hab eben ein Gedicht gemacht. Auf
dem hübschen Aussichtspunkt saß ich, wo wir mal neulich zusammen waren« --
»So weit bist Du gegangen?«
»Gar nicht weit.«
»Und da hast Du ein Gedicht auf die Aussicht gemacht?«
»Na ja. Und ich glaube -- es kommt mir so vor -- als wäre es anders, als
meine sonstigen Reimereien auf Tante Lottens Geburtstag und Vetter Hermanns
Polterabend. Soll ich's Dir mal sagen?«
»Meinetwegen, sag es.«
Wanda Rhode sah sich um -- rechts und links war niemand zu erblicken --
breitete ihre Arme aus und fing an zu deklamieren:
»Was, du heller Sommertag
Streust du so voll Prunken
Hin auf Fluß und weite Flur
Deine goldnen Funken?!
Heller Reichtum überall,
Jauchzen und Erklingen,
Überall in Blühens Kraft
Seliges Durchdringen.
Und bist dennoch ach! wie arm
Noch im Überfluten,
Noch in deinen unerschöpft
Goldnen Sonnengluten.
Hab doch ich die Wälder grün
Alle rings ersonnen,
Ist doch meines Herzens Glut
Sonne licht entronnen.
Tönt von meinem Jubel doch
Baches Rauschen wieder,
Und in Busch und Baum sind mein
All die frohen Lieder.
Welt, du bist ein Abbild nur
Meiner Liebesfülle,
Blühst nur, daß in deinem Glanz
Sich mein Herz enthülle.
Blühst nur, weil in dir mein Glück
Blüte sich gefunden,
Welt, du seliges Gedicht
Frohbewegter Stunden.«
»Das ist ja ganz verrücktes Zeug! _Du_ hast die Wälder ersonnen und die
Vögel singen _Deine_ Lieder? Nein höre, das ist doch zu abgeschmackt.«
»Es ist aber so.«
»Und was soll denn das heißen mit der Liebesfülle?«
»Das? Ja das weiß ich selbst nicht. Das sollte wohl heißen, daß mir das
Herz so übervoll ist. Mutter, Mutter, ich könnte ja ganz laut schreien vor
Vergnügen: so schön ist es hier, so gesund und so jung bin ich wieder und
so glücklich! Und jetzt gehe ich um die Billets.«
»Warte doch. Hier ist noch ein Brief an Dich. Von Ewald.«
»Von Ewald? Na, das hat Zeit.«
»Das hat Zeit? So?«
»Ich dächte.«
»Sei doch nicht so eilig. Hör' einmal --«
»Nun?«
»Die Wirtin selber geht heut Abend fort und ihre Bertha ist so
unzuverlässig, da wär' Klärchen so gut wie allein -- und dann -- ich hätte
ja Holtei gern gehört, aber acht gute Groschen -- weißt Du: Registrators
gehen, so schließe Dich nur an die an.«
»Nun, wie Du denkst. Und wenn Du Dich wegen Klärchen aufopfern willst, so
bin ich ja desto beruhigter. Also auf Wiedersehn.«
Und fort eilte sie.
Madame Gernoth sah ihr nach. Gott sei Dank, daß sie wieder so war! Was
hatten diese vier Jahre aus ihr gemacht -- und nun war sie wieder so frisch
und blühend, und sie sollte ihr nicht ein Vergnügen gönnen? Da verfolgten
sie auch schon Zwei! Nun, sie verstand, sich die Zudringlichen vom Halse zu
halten.
Der Brief! Florentine Gernoth wog ihn einen Augenblick in der Hand und
legte ihn dann in ihr Strickkörbchen. »Das hat Zeit!«
Sehr zärtlich war das gerade nicht gewesen. Aber, lieber Gott! drei Kinder
in vier Jahren, zwei davon wieder gestorben, und _diese_ Qualen, Sorgen
und Mühen, die das arme Ding damit durchgemacht -- ja was wissen denn die
Männer, wie es nach alledem im Gemüt einer jungen Frau aussieht? Wie ihr
der Mann damit zu einem Objekt steter Angst, seine Zärtlichkeit zum Grauen,
sein Verlangen zur verderblichen Gefahr wird, wie die innigste Liebe
hinstirbt in dieser beständigen entsetzlichen Furcht vor Wiederholungen des
Schrecklichen! Erst neulich hatte Wanda ihr gestanden, daß das Schönste
an diesen fünf Wochen im Gebirge die Befreitheit von der Angst vor neuer
Mutterschaft sei, und wie sie am liebsten alles vergessen möchte, was
hinter ihr läge, alles, sogar daß sie überhaupt einen Mann habe.
»Das hat Zeit!« Madame Gernoth seufzte. Seufzte über Frauenlos und
»Eheglück« und in noch irgend einer Bangigkeit, deren Grund ihr nicht
gleich bewußt war. Ja so: diese Verse, die die junge Frau in heller
Begeisterung gedichtet und ihr mitgeteilt hatte, Verse von so sprudelnder
Lebensempfindung, von einem so jauchzenden Hochgefühl, daß siegender
Verstand nur mit Wehmut des Prozesses denken konnte, der alles das wieder
zerstören würde. Es nützte Frau Florentine gar nichts, daß sie sie als
Ausfluß einer »verrückten Laune« abzuthun suchte, sie blieben der
Ausdruck einer starken, lodernden Empfindung, die in ihrer schrankenlosen
Subjektivität die ganze Welt in sich hineinzieht. »Verse und Lieder? --
weiß ich selber ohne Ende!« Ganz schön! und Wanda hatte sich mit ihnen über
tausend Armseligkeiten und Kümmernisse hinweggeholfen -- und doch schienen
sie ihr ein gefährliches Mittel für die Frau eines Armendoktors, deren
Hauptlebensaufgabe darin bestand, zu sparen und Kinder auf die Welt zu
bringen. In allem Unharmonischen liegt eine Gefahr. Das hatten schon Frau
Florentinens Vater und Großvater erkannt, als sie in ihr und ihrer Mutter
denselben Hang zu Versen und Liedern mit eiserner Härte unterdrückten und
alles Künstlerische verpönten, bis sie es hassen gelernt, wenigstens die
persönliche Beschäftigung damit; und das hatte _sie_, Florentine Gernoth,
erkannt, als sie ihre Tochter in diesem Sinne erzogen. Denn dergleichen
läßt sich unterdrücken, das wußte sie -- und wußte nur nicht, daß, wo der
Hang die Stärke der Leidenschaft hat, er ununterdrückbar bleibt -- und
sollte späterhin auch in dem kleinen Mädchen, ihrer Enkelin, vernichtet
werden! Und obgleich sich die ernste Frau dunkel der Inkonsequenz bewußt
war, die diese Absicht und ihre Freude an der frühzeitig sich
offenbarenden Begabung des Kindes bedeutete, beging sie sie doch in einem
Erziehungsfanatismus, der seine Befriedigung darin findet, die Natur grade
da zu verkrüppeln, wo sie am stärksten ist, und die eben damals in der
Mädchenerziehung am nachdrücklichsten das Ideal von Weiblichkeit zu
erreichen suchte, das die Kultur entwickelt hatte: die aller Persönlichkeit
bare, in den engsten Horizont eingeschränkte, mit ihren Händen arbeitende
Wirtschafterin.
»Welt, du bist ein Abbild nur
Meiner Liebesfülle.«
»Hm.«
Neben ihr wurde es unruhig.
»Alle Steinchen heruntergefallen, alle Steinchen?« sagte sie mechanisch zu
dem Kinde, das zu weinen angefangen, und bückte sich, die Kiesel, mit denen
es gespielt, wieder aufzuheben. Dann nahm sie die Kleine auf den Schoß und
bemühte sich, die Wolken von der eigenen Stirn zu verscheuchen, um das Kind
aufzuheitern.
»Das ist der Daumen,
_Der_ schüttelt die Pflaumen,
Der hebt sie auf,
Der trägt sie nach Hause,
Und der Kleine -- ißt sie alle alleine auf!«
Da lachten sie beide, das Kind herzlich und ausgelassen, die Großmutter
mühsam und mit verhaltenen Seufzern in der Brust.
Die Kapelle hatte inzwischen »Denkst du daran, mein tapferer Lagienka«
exekutiert und setzte jetzt nach einer Pause mit einer Polka ein. Auf dem
Kurplatze wogte eine bunte Menge hin und her in der uns heut so wunderlich
steif und geschmacklos erscheinenden Tracht der Zeit: den weiten,
gesteiften Kleidern, den dreizipfeligen Tüchern, ungefälligen Mantillen
und korbartigen Backenhüten der Frauen und den engtailligen,
breitaufgeschlagenen Röcken, Vatermördern und bunten Westen der Männer,
einer Tracht, die an Geschmacklosigkeit und Stillosigkeit nur von der der
Möbel und Geräte erreicht wurde, mit denen man sich umgab; und in der man
sich dennoch gefiel, sich haßte und liebte, würdig und sogar flott
erschien und der übrigens ein fremdnationales Element half, einen gewissen
sentimental interessanten oder sogar pikanten Anstrich zu geben.
Die Welt stand nämlich damals politisch nicht ausschließlich unter
dem Zeichen der Revolutionen zu Gunsten eines zu erringenden
Konstitutionalismus, es war zugleich die Zeit der politischen
Insurrektionen. Und Europa, obschon kein Staat die Hände rührte, diesem
in seiner politischen Sünden Maienblüte getroffenen Volke zu neuer
Selbständigkeit zu helfen, zerfloß in romantischem Mitgefühl mit ihm. Es
war die Zeit, da die Blätter teils mit Wollust, teils mit Entrüstung
ihre Spalten füllten mit Berichten über die Heldenthaten der Sensenmänner
Galiziens, über die Umtriebe Mieroslawskis, und über die grausame Barbarei,
der die edlen Söhne der sarmatischen Ebene in Rußland erlagen, da kaum ein
Pinsel, kaum eine Feder war, die, sich lieber der Vergangenheit
zukehrend, wo die Gegenwart so ungewiß war, nicht etwas zur Verherrlichung
Poniatowskis oder des Todesrufes Kosciuszkos leisteten. Die Zeit, da
polnische Flüchtlinge der Welt den Zauber der pelzverbrämten Schnürröcke,
der Kassawaikas und Konföderatkas übermittelten, die alten einheimischen
Tänze von feurig-schwermütigen Polkas, Mazurkas und Krakowiaks verdrängt
wurden, und die Romanhelden auf Kasimir und Ludmilla hörten.
In der Badegesellschaft zu Salzbrunn machte sich dieses interessante
Element ebenfalls geltend. Es gab echte Polen dort, aus deren düstern
Mienen der ganze Schmerz der vernichteten Nationalität sprach, Polinnen in
Nationaltrauer: schwarzen Kleidern mit schmalen weißen Streifen am Saum und
mit dem Ausdruck wehmütigen Selbstgefühls, das das allgemeine Unglück
ihnen verlieh. Und daneben gab es dieses Modepolentum, die melancholischen
Schnurrbärte, die Pekeschen und viereckig geschnittenen Mützchen:
»Polkahöschen trägt der Kleine,
Polkajäckchen die Mama,
Polkamütze, Polkalocken,
Polkaröckchen der Papa,«
heißt es auf einem Bilderbogen der Vierziger Jahre.
Kurz das Polnische war die Mode, und zwar war es eine gefühlvolle Mode. Wie
hätte sie nicht besonders eine der Frauen sein sollen, denen jene Zeit das
»schöne Gefühl« neben der Wirtschaftlichkeit als Domäne zuerkannte.
Madame Gernoth teilte es nicht, sie war nicht sentimental, trotz ihrer
Zeit. Als die Polka noch schmetternd den Platz erfüllte, stand sie auf und
zog die Kleine fort. »Diese polnischen Hopser! Ob sie nichts Vernünftiges
mehr können.«
Zweites Kapitel.
Es war halb Acht und die deklamatorisch-musikalische Abendunterhaltung
sollte ihren Anfang nehmen.
Der Gasthofsaal, mäßig erleuchtet, roch nach frischgewaschenem Holze, war
aber gut besetzt von einer Gesellschaft, die man als gemischte, indes nicht
im üblen Sinne des Wortes, bezeichnen konnte.
Man saß an den Wänden herum oder stand in Gruppen in den Winkeln, trank
Vanillethee mit Sahne und sprach vom Wetter, von der Weltlage und von einem
neuen Pariser Westenschnitt. An einem Ende des himmelblau getünchten Saales
stand ein engbrüstiges, merkwürdig eckiges Fortepiano, dessen Klaviatur
schwarze Unter- und weiße Obertasten hatte, ein Geigenpult und ein kleiner
Tisch mit silbernen Armleuchtern und einem Glase Wasser. Von der Decke
herab hing ein steifer Kronleuchter mit schiefstehenden Lichtern, in den
Ecken markierten ein paar magere Epheulauben lauschige Plätzchen.
Die Toiletten der Damen waren einfach, doch sah man zwischen philiströsen
Spitzenhauben und Barben ein paar extravagante Haartrachten, zwischen
bescheidenen, recht bescheidenen Festgewändern, die Jahrzehnte hindurch
ihren beinahe sakramentalen Charakter als »gute Kleider« in unabgeänderter
Form behielten, einiges nach neuen Pariser Blättern. Die Haltung -- nicht
nur der Frauen -- war ein wenig geziert: die »schöne Empfindung,« das
»gebildete Gefühl« beherrschte die Zeit und drückte sich in den Mienen
auch der Männer aus. Aber zwischen den wohl Toupierten und
Steifbevatermörderten, Bartlosen unter ihnen sah man ein Paar mit wildem
Haarwuchs, ungestärkter Wäsche und großen Bärten, welche Demokraten sein
mochten.
Als die Registratorin mit ihren nicht mehr ganz jungen und niemals hübsch
gewesenen Töchtern und der schönen jungen Doktorin eintrat, war der Saal
fast gefüllt und hundert neidische oder entzückte Blicke richteten sich auf
Wanda Rhode, die in dem Bewußtsein ihrer siegreichen Erscheinung und in der
Erwartung des Verheißenen trotz ihrer einfachen Kleidung reizend aussah.
Zuerst trat Holtei auf, der schlesischeste Dichter, den Schlesien gehabt,
eine schöne, stattliche Erscheinung, groß, mit langherabwallendem Haar, das
Prototyp des leichtverbummelten Genies und edelmännischen Wanderkünstlers;
ganz und gar von jener leichtbeweglichen, etwas eiteln Art, die mit einer
Beimischung von Rührseligkeit und bewußter Gemütlichkeit den Schlesier
alten Schlages charakterisiert.
Er las ein paar Scenen aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« mit der ihm zu
Gebote stehenden Vortragskunst, die ihm immer Erfolg sicherte und auch hier
rauschenden Beifall eintrug, den der gefeierte Mann mit einer Handbewegung
entgegennahm, wie eine gutgelaunte Majestät die Ovationen eines
Volkshaufens.
Dann trat ein Geiger auf -- man flüsterte sich einen zungenbrechenden Namen
zu -- und trug Variationen über ungarische und polnische Volkslieder vor,
und er spielte sie mit der Schwermut, der Innigkeit und der Raserei, mit
denen diese Stücke zur Geltung gebracht werden mußten. Man applaudierte ihm
entzückt, nannte ihn unter sich einen Meister ersten Ranges und behauptete,
daß er mit Chopin befreundet sei.
Dann wurde es hinter dem Fortepiano lebendig. Man konnte nicht gleich
sehen, was oder wer sich da zu Kunstproduktionen heranließ, schließlich
verständigte man einander doch: ein kleiner, verwachsener Jude schicke sich
an, das Instrument zu bearbeiten. Und da erklangen auch schon die ersten
Accorde der Cismollsonate, die er mit Meisterschaft den Saiten mit dem
kurzen, spitzen Klange entriß.
Man war ergriffen, begeistert, entzückt. Der Pianist dankte und teilte
den geehrten Anwesenden mit, daß Herr Witold von Kreowski einige von ihm
gedichtete und komponierte Lieder vortragen werde. Worauf ein junger Mann
in Sammetpekesche und mit dunklem, leichtgelocktem Haar zögernd hervortrat,
etwas Weißes, das er in Händen hielt, langsam entrollend.
Gleich darnach begann der Gesang:
»Ich weiß nicht, ist es Unrecht,
Ich weiß nicht, ist es Schuld,
Ist es mir Fluch des Schicksals,
Ist's neuen Glückes Huld.
Ich frage nicht, liebst Du mich,
Bin ich Dir auch nur wert,
Noch hab ich Deiner Liebe
Verlangend je begehrt.
Ich breite meine Arme
Zum Himmel jubelnd laut,
Wie wunschlos man zur Sonne,
Wunschlos und jubelnd schaut.
Du bist -- und Glanz und Wonne
Umfluten strömend mich,
Ich habe Dich gefunden.
Und jauchzend lieb ich Dich.«
Wanda Rhode wagte nicht aufzusehn, sie wagte kaum zu atmen, es war ein
Lied, das sie besser kannte als tausend andere, und doch erschien es ihr
in dem Vortrage seines Verfassers und Komponisten, frei herausgesungen
vor allen diesen fremden Ohren, ein neues, von ihr abgelöstes, das auf sie
keine Beziehung mehr hatte. Und dann schon im nächsten Augenblick wie ein
nur ihr dargebrachter, unter dem Deckmantel der Öffentlichkeit ganz allein
an sie gerichteter Gruß, wie die stärkste Huldigung, die sie je erfahren.
Und eine Verwirrung nahm sie gefangen, die etwas von den glühenden Nebeln
hatte, die dem Dunkel eines Waldbodens entsteigen, während purpurne
Strahlen der Abendsonne sie durchdringen, etwas von einem Zwange, in zu
heißer Luft zu atmen oder in ein zu helles Licht sehen zu müssen. Die
Registratorin stieß sie mit dem Ellbogen an: »Nein, daß Ihre Frau Mutter
das nicht hört!« und ihre Töchter seufzten: »himmlisch« und »reizend«.
Indessen präludierte der kleine Musiker schon etwas Neues und Herr Witold
von Kreowski entfaltete ein anderes Notenblatt. Gäbe der Himmel, daß er
sich jetzt mit einer Ballade oder einer Ode an den Frühling aus der Affäre
zog! Aber der Sänger erfüllte diesen Wunsch nicht. Er schien nichts als
die indiskrete Sucht aller Dichter zu haben, der Welt seine Gefühle
mitzuteilen.
»Und wär's nur Berg und Strom und Thal,
Die uns trennen so weit, so weit,
Wir grüßten uns Tages wohl tausendmal,
Und die Trennung wär' Seligkeit.
Ach! was uns trennt, ist eine Kluft,
Tiefer noch als das Meer,
Und leise nur manchmal trägt die Luft
Ein Grüßen hin und her.
Doch weiter und tiefer, als Strom und Thal,
Und das Meer zwischen Dir und mir,
Und größer als aller Sehnsucht Qual
Ist meine Liebe zu Dir.«
Er schwieg und das Publikum schwieg auch, lautlos verharrend in dieser
Erschütterung der Empfindung, die der höchste Beifall ist. Bis es dann doch
rauschend losbrach, stürmisch, Wiederholung verlangend.
Wanda Rhode hatte jetzt den Kopf erhoben und ließ ihre Blicke über die
Versammlung schweifen. Und sie sah den Schmelz in den schwimmenden Augen
der Mädchen, die elegische Wehmut auf den zuckenden Lippen der Frauen, den
tiefen Ernst, die sinnende Trauer in den Zügen der Männer, die Demut, mit
der sich selbst Greise dem Ausdruck der stärksten Empfindung beugten; und
die siegende Allmacht der Liebe, die sich in jedem schwingenden Nerv,
in jedem leise gehauchten Seufzer und in diesem plötzlich ausbrechenden
Dankessturm für den Sänger aussprach, wurde zum Triumphe für sie, der sie
auf einen Thron erhob, vor dem sich jedes Haupt beugte, ohne zu wissen,
daß er mitten unter ihnen stand. Jetzt war sie nicht mehr befangen: wer
herrscht, weiß auch die Stirn hoch zu tragen.
»Ach Frau Doktorn, wie entzückend!« seufzte die gute Frau, die sie
chaperonnierte. »Aber es scheint, der arme Mensch hat eine unglückliche
Liebe.«
»Herr Joachimsthal spielt noch einmal,« flüsterte Registrators Bertha. »Was
mag es für ein Stück sein?«
»Es ist der Türkische Marsch von Beethoven.«
»Konnte der Beethoven türkisch? Diese Leute müssen doch zuviel wissen!«
»Das geht schön, sehr schön, Frau Doktorn.«
Wanda lächelte. Sie vernahm nur einen unbestimmten Lärm vom Klavier her --
deutlich hörte sie nur eins und immer wieder nur eins:
»Und größer als aller Sehnsucht Qual
Ist meine Liebe zu Dir.«
Alles um sie her schwamm in Licht, Tönen und Versen, berauschte sie mit
seligem Gluthauch und ließ sie alles vergessen: Vergangenheit, Zukunft und
die eigene Gebundenheit und gab ihr ein grenzenloses, alles aufhebendes,
unbeschreibliches Gefühl.
Nachdem diese Nummer und noch einige ferneren Deklamationen, Cello- und
Flügelstücke beklatscht worden waren, -- sich verschiedene Herren in der
Gegend des Flügels die Hände geschüttelt und bekomplimentiert hatten, das
Badepublikum sich genügend versicherte, daß es so gelungene Vorträge bisher
nicht gehabt hätte, die »Marköre« in kurzen Jacken frischen Vanillethee und
Mandelplätzchen ausgeboten, kamen einige »Orschester«-Mitglieder mit Flöte,
Brummbaß und Violine und ließen sich, nachdem sie gründlich gestimmt, zu
einer Polonaise herbei, einem Tanze, dessen Verbreitung wohl ebenfalls in
irgend einer Weise mit den Teilungen Polens zusammenhängen mochte.
Wanda Rhode zuckte es in allen Gliedern vor Spannung, was die nächsten
Augenblicke bringen würden.
Kreowski hatte sie noch nicht gesehen. Wenn es geschehe, würde er an sie
herankommen? Und was würde er dann sagen? -- In dem Gasthofsaale mit dem
Geruch nach frischgewaschenem Holze, tropfendem Wachse und Patschouli
-- damals noch ein vornehmes Parfüm -- schwebte etwas wie eine
Schicksalsfrage.
Zunächst sollte sie nicht gelöst werden. Mit vielen Bücklingen näherte sich
Wanda der Badevorstand, von einem Schwarme jüngerer Herren begleitet, die
vorgestellt sein wollten. »Hier Herr Müller, Herr Brand, Herr von Makowski,
Herr Supphahn und Herr Hielscher, die sämtlich die Polonaise mit Ihnen
tanzen wollen, mein schönes Fräulein.«
»Bin weder Fräulein, weder schön, kann nur mit einem zum Tanze gehn.«
»Alles in der Welt können Sie behaupten, selbst das erste und das dritte
-- aber das zweite nicht,« sagte der Vorstand. »Aber bitte sich zu
entscheiden. Wenn ich nicht weißes Haar hätte, so würde ich bitten, die
Polonaise mit mir anzuführen -- wie, meine schöne Frau, Sie wollen mir
die Ehre geben?« Und die Herren Müller bis Hielscher, die bisher einige
hungrige Komplimente gemacht hatten, zogen sich sachte zurück.
»Den nächsten Tanz, meine Herren,« sagte sie und schob ihren Arm in den des
alten Galans. Und nun konnte sich wirklich keiner beklagen.
»Sie ist bezaubernd,« sagte einer der jungen Herren, »sie hat meergrüne
Augen und die Gestalt einer Hebe und in ihrer Stimme ist Musik.«
»Eine Frau? -- ob der Mann hier ist?«
»Ganz gleich, sie ist bezaubernd.«
»Um so besser sogar,« -- setzte Herr Supphahn hinzu, der französische
Romane gelesen hatte und für das Pikante schwärmte.
Der beglückte Vorstand führte den Tanz indessen mit Wanda an und machte
seiner reizenden Partnerin in halb väterlicher Weise bestens den Hof. Er
merkte nichts von der fieberigen Glut der Erwartung, die sie bewegte. --
Hand um Hand wechselte. Jetzt hatte sie einen jungen Baron, dann einen
geschniegelten Kaufmannsdiener, jetzt einen Studenten, dann einen Badearzt,
dann einen polnischen Flüchtling, einen Freiwilligen von den Jägern, den
kleinen verwachsenen Herrn Joachimsthal und einen Kandidaten der Theologie
und endlich legte sich ihre Linke in die Hand des Mannes, dessen Liebe
weiter und tiefer war als das Meer und größer noch, als die Qual seiner
Sehnsucht.
Drittes Kapitel.
Witold von Kreowski erbleichte, als er sie erkannte, starrte sie ein paar
Augenblicke mit ringendem Atem an und sagte endlich heiser: »Ein ebenso
großes als unerwartetes Glück.« Er sprach völlig accentfrei.
»Ein freundlicher Zufall.«
»Und ebenso unerwartet als schmerzlich.« Damit reichte er die Hand der
vorhergehenden Dame.
Sie wußte nun, was ihr freilich ohnehin nicht zweifelhaft gewesen, daß auch
das zweite Lied ihr gegolten. Und während er jetzt vor ihr promenierte,
bemerkte sie, daß er etwas breitschultriger geworden war, daß er einen
sehr schönen Nacken hatte und daß in einem schönen Nacken etwas seltsam
Verführerisches liegen könne. Und es kam ihr vor, als ob die Unruhe, die er
ihr erregte, dieselbe sei, die sie vor vier Jahren empfunden und als ob er
nie aufgehört habe, sie zu belästigen, obgleich das ganz gewiß nicht wahr
war.
Der nächste Tanz war eine Polka und er engagierte sie sofort. Sie sprachen
nicht, sie tanzten schweigend, aber die Erregung, die in ihren Adern
brannte, teilte sich ihren Bewegungen mit. Man tanzte diese polnischen
Tänze damals noch nicht verdeutscht oder verwälscht, man exekutierte sie
noch, mit einigen Vorbehalten im Takt, mit einer gewissen schwermütigen
Glut und nach den häufig sich in Moll bewegenden echten Melodien. Die
Tänzer stemmten noch die rechte Hand ihrer Dame in die linke Hüfte, warfen
den Kopf nach hinten und preßten ihre Partnerin fest an die Brust. Es
war noch etwas Feuriges und Hinreißendes in der Art, diese Nationaltänze
auszuführen. Es befanden sich außer Witold von Kreowski noch einige echte
Schlachzizensöhne unter den Anwesenden, solche, die das Deutsche nur hart
und gebrochen sprachen -- er tanzte trotz ihrer mit der Verve und der Anmut
eines Królewicz.
Dann folgte ein Walzer. Ein kunstsinniger Musikant hatte »Wir winden dir
den Jungfernkranz« aus dem Vierviertel- in einen langsamen Dreivierteltakt
übertragen, der ungeheuren Beliebtheit dieses Stückes grausam Rechnung
tragend, und darnach schleifte die Gesellschaft gefühlsselig; es war eine
Art zu walzen, bei der man Geibel, Lenau und die Romantiker tanzte und die
wackeligsten Jubelgreise noch mitthun konnten in sanften Erinnerungen an
ihre friedlichen Eroberungen während der Freiheitskriege.
Es wurde nicht fest engagiert. Wanda Rhode tanzte mit allen, auch eine Tour
mit Kreowski. Ohne mit ihm zu sprechen.
Ehe die Musikanten mit einem Krakowiak einsetzten, kam die Registratorin,
der die Thränen vor Freude in die Augen traten, wenn eine ihrer Töchter
einmal geholt wurde, an die junge Frau heran und bat sie, sich zurecht zu
machen, da sie in ein paar Minuten gehen müßten.
Sie habe sich verpflichtet, Wanda um elf Uhr gesund an Madame Gernoth
abzuliefern.
»Und ich soll _Ihnen_ halten, was ich meiner Mutter versprochen habe?«
fragte Wanda Rhode lachend.
»Aber das versteht sich doch, liebe Frau Doktorn.«
»Kennen Sie nicht das Gedicht von der schönen Bianca, die über den See zum
Tanze fuhr und, als ein Gewitter heraufzog und die Wellen das Schiff zu
verschlingen drohten, bei der Sonne schwur, keinen Fuß zu rühren, wenn sie
nur glücklich das Land erreiche?«
»Nein, das kenne ich nicht.«
»Nun, hören Sie nur: als sie nun drüben war, zuckte es ihr zwar in allen
Gliedern, aber sie hielt sich tapfer. Nur wie der Mond heraufstieg, die
Musik immer berauschender wurde, die Lust immer lauter, da konnte sie nicht
länger widerstehen und tanzte, und tanzte --«
»Aber hier ist doch kein Gewitter und kein See, liebe Frau Doktorn!«
»Hören Sie nur: tanzte, bis der besorgte Fährmann herankam und sie mahnte:
Bianca, Bianca, was hast Du gethan,
Du hast dein Wort ja gebrochen.
Worauf die Schöne lachend rief:
Ach, die Sonne ist jetzt in Amerika
Und dem Mond hab ich gar nichts versprochen.
Nun, sehn Sie, Frau Registrator, meine Mutter ist die Sonne, und Sie der
Mond, und wahrhaftig! ich will um kein Haar besser sein als die kluge
Bianca! -- Fräulein Bertha und Fräulein Malchen, erlauben Sie, daß ich
Ihnen diese Herren vorstelle?«
Da fand sich denn der Mond in seine zuwartende Rolle.
»Ich freue mich, Sie so heiter zu sehn,« sagte jetzt der Pole, dessen Augen
inzwischen einen ganzen Band Verse geredet hatten, die sie mit dem Epigramm
eines kurzen Blickes beantwortete, indem er wieder in die Reihe mit ihr
trat.
»Haben Sie vermutet, eine Unglückliche wiederzufinden?«
»Durchaus nicht. Um so weniger, als Sie überhaupt hier zu finden außerhalb
meiner Vermutungen stand. Und warum sollten Sie unglücklich sein?«
»Gewiß, warum sollte ich es sein? Ich bin sogar sehr froh: ich war krank
und bin wieder gesund, ich lebte öde und eingeengt und lebe befreit und
heiter und -- ich finde zum Überfluß einen guten Freund wieder, mit dem ich
manche vergnügte Stunde verlebt.«
»Sehr gütig, das der Summe Ihres Glückes zuzuzählen. Ich bin nicht so
unbescheiden, diese Wendung ernst zu nehmen.«
»Sie leben nicht mehr in Breslau?« fragte sie, als sie wieder anhielten.
»Ich halte mich bei Verwandten auf dem Lande auf. Aber ich stehe in
Verhandlung mit dem Direktor des Breslauer Stadttheaters und darf mir
einige Hoffnung auf die Stellung eines Korrepetitors an der dortigen Oper
machen. Ich habe einige Sachen von Herrn von Holtei in Musik gesetzt,
und er hat die Güte gehabt, mich zu empfehlen. Ich würde das Glück
haben, wieder dieselbe Luft mit Ihnen atmen zu dürfen und Sie würden mir
vielleicht gestatten, Sie manchmal zu sehen.« In seinen Augen und in
seiner Stimme war das Dringende, Werbende und dabei Verzweifelte einer
aussichtslosen und unauslöschlichen Leidenschaft.
»Noch sind Sie nicht in Breslau,« sagte sie ruhig lächelnd, während ihre
ganze Seele sich dieser Leidenschaft zukehrte und ihr Ohr mit Entzücken das
Beben der Stimme neben ihr trank.
»Nein, es ist noch unsicher, doch ich darf hoffen. Herr von Holtei forderte
mich auf, hierher zu kommen, um mich persönlich kennen zu lernen und um
mich zur Mitwirkung heut Abend heranzuziehen.«
»Sie kamen erst heut hier an?«
»Heut Mittag. Ach! und kam so leichten Herzens! so leichten, als ich
überhaupt zu haben vermag, und ohne Ahnung --«
»Mich hier zu finden. Sie wollten mich nicht wiedersehen?«
»Nein,« sagte er dumpf.
Sie tändelte mit dem Fächer -- in diesem Tone ging es nicht weiter, so
ernsthaft durfte er nicht werden; mochte ihm zumute sein, wie ihm wollte,
man mußte die heiteren Mäntelchen behalten. Sie lachte also und antwortete
schalkhaft: »Und müssen nun ehrenhalber die herzhaftesten Fluchtgedanken
heldenmütig im Blute der Höflichkeit ersticken. Aber ich bin nicht
unmenschlich und gebe Sie frei. Sehen Sie mal diese etwas zu dick geratene
Friederike von Sesenheim aus der Guhrauer Gegend, die mit den verwelkten
Kornblumen am Herzen, sie sitzt, scheint es, den ganzen Abend! Reizt Sie
diese --«
»Quälen Sie mich doch nicht. Wenn _Sie_ scherzen und spotten können, ich
kann es nicht.«
Sie suchte nach einem andern Thema.
»Haben Sie außer Liedern noch etwas komponiert? Wie steht es mit der Oper,
die Sie damals schreiben wollten?«
»Sie erinnern sich dieses Planes?«
»O, sehr gut, besonders _eines_ Motives. Warten Sie mal, ich muß es noch
wissen.« Und sie summte, mit dem Kopfe den Rhythmus angebend, die Melodie.
»Ich bin entzückt, daß Sie das behalten haben.«
»Es hat mir gut gefallen, und so hab' ich es manchmal auf dem Klavier
gespielt und ein bißchen Baß dazu gesucht.«
»Wirklich?«
»Wirklich! In der Einsamkeit der Dämmer- und Abendstunden, in diesen
Stimmungen der Sehnsucht und -- nun ja, phantasiere ich gern auf dem
Flügel, so gut oder so schlecht ich's kann.«
»In der Einsamkeit? Sind Sie denn manchmal einsam? Kann man Sie denn
bisweilen allein lassen? Sie verzeihen.«
»Aber das ist doch nicht anders. Die Kranken und dann die Politik --«
»Und dann haben Sie meine Melodien gespielt und haben manchmal ein klein
wenig an mich gedacht?«
»Warum nicht? Denkt man der Melodien, denkt man wohl auch des Komponisten.
Was ist da weiter?«
»Freilich, was ist da weiter! Und die ›Sehnsucht‹ ist die nach dem
vermißten Gatten? Natürlich. Ist Ihr Herr Gemahl auch hier? -- ich meine in
Salzbrunn.«
»Nein.«
Ein knappes »Nein,« in das nichts von Bedauern oder Sehnsucht hineinklang,
aber auch nichts Feindseliges, und auf das sie eine Weile schwiegen, um,
endlich die Unterhaltung wieder aufnehmend, über das Badeleben, das Wetter,
die Menschen zu plaudern, banales Zeug, dem Wanda doch beständig einen Reiz
zu geben wußte durch gut herangezogene Citate, drollige Spöttereien und
kleine Sentimentalitäten. Dadurch kamen sie nun doch in jene behagliche
Stimmung, mit der man etwa an heiterem Sonnentage in kleinem Boote ein
tändelndes, blaues Meer befährt, dessen Leidenschaft Windstille gebändigt
hält.
Ganz unvermittelt -- die Musik hatte inzwischen eingesetzt und sie waren
zum »Contre« angetreten -- sagte er dann:
»Sie haben es nicht etwa für eine Entweihung meiner Gefühle genommen,
daß ich jenes Lied -- ich meine jetzt das andere, das Sie schon kannten,
öffentlich mitzuteilen wagte?«
»›Mitteilung ist das Wesen des Dichters,‹ sagt Goethe.«
»So, sagt er das? Und Sie, so jung, verstehen es?«
»Ich denke.«
»Sie begreifen also, daß der Künstler nichts entweiht, auch wenn er alles
preisgiebt, daß die Form, in der er es thut, wenn sie sonst eine gelungene
ist, ihm das Recht giebt, alles zu gestehen, weil er sich damit zum
Interpreten der Gefühle aller macht, ihrer tiefsten und reinsten Gefühle,
alles ihres Ringens und Sehnens?«
»Warum sollte ich das nicht begreifen?«
»Gewiß. Und es macht mich sehr glücklich, daß es so ist.«
»Nur ist mir die Richtigkeit Ihrer Auffassung zweifelhaft: denken und
dichten die Poeten nicht am Ende über diese Philister- und Werktagsseelen
hinweg, wie die Lerchen und Nachtigallen über die Köpfe der Sperlinge und
Finken hinweg ihre Lieder singen? Und ergreift der Künstler diese Seelen
vielleicht nur, indem er ihnen die Ahnung beibringt, daß es andere giebt,
die unendlich viel stärker empfinden und persönlicher denken als sie? Und
was sie ergreift, ist vielmehr Schauer des Mitgefühls mit dem größerem Maß
von Leiden, das ein Künstler ertragen muß?«
»Wohl möglich, daß es so ist. Jedenfalls: wenn man den Künstler nach seiner
Fähigkeit zu leiden schätzen dürfte, dann hätte ich den Vorzug, als ein
großer Genius zu gelten.«
»Sehen Sie, so finden die Unglücklichen immer einen Trost. Aber wie ist mir
denn: pflegen Ihre Landsleute ihren Schmerz nicht zu vertanzen? Sind sie
nicht eben darum Meister in dieser Kunst? Tanzen wir. Es ist eine Mazurka,
nicht wahr?«
»Gewiß.«
Lächelnd legte er seinen Arm um sie, und gleich darnach verschlang der
Wirbel des Reigens die Beiden.
Viertes Kapitel.
Als Madame Gernoth den Entschluß gefaßt, sich von ihrem Manne zu trennen,
hatte sie es in dem Trotz und dem Selbstgefühl einer etwas eckigen, aber
redlichen Natur gethan und aus einer Empfindungsweise heraus, der alles
Kühne frech, alles Gewagte unsolid dünkt, und die keine Nachsicht kennt für
die impulsiven, schnellen Eindrücken empfänglichen Gemüter, die auch
einer Versuchung einmal unterliegen, ohne deshalb schlecht zu sein, die
vorübergehend untreu sind, ohne es mit ihren besten Gefühlen zu werden. Und
obgleich, als das Zerwürfnis einmal ausgebrochen, Gernoth sie zu versöhnen
strebte, zog sie, unbeugsam wie sie war, vor, Not und Sorge auf sich zu
nehmen, statt dort ein Wohlleben zu führen, wo sie ihr Gefühl täglich
verletzt sah.
Not und Sorge sollten jedenfalls nicht ausbleiben. Gereizt durch die
Härte seiner Frau, brachte Gernoth es fertig, sie und das Kind, das er ihr
überließ, sehr ungünstig zu stellen und über einem neuen Verhältnisse rasch
zu vergessen. Dagegen schien Frau Florentine viel Glück bei der Erziehung
ihrer Tochter zu haben, die zwar schon frühe viel von dem übersprudelnden,
leicht beweglichen Wesen des Vaters, aber auch andere Eigenschaften
verriet, die die Mutter als Hebel ansetzte, um alles an väterlichem Erbteil
in Wanda zu unterdrücken. Es war etwas von dem Fleiß und der Sparsamkeit
der mütterlichen Linie in dem Mädchen, das sich sehr gut hierzu eignete
und von Madame Gernoth beständig herangezogen wurde, um Wanda zu rastloser
Thätigkeit anzuhalten und ihr die Notwendigkeit, einen Spargroschen für
Fälle besonderer Not anzulegen, einzuprägen; eine Vorsichtsmaßregel, der
die sorgliche Frau besondere Wichtigkeit beimaß, der Tochter sogar die
bescheidenen Freuden, die der Jugend Bedürfnis sind, verkümmernd und --
vielleicht nicht ganz weise -- in die Freude an dem Wachsen ihres kleinen
Schatzes verkehrend.
Es schien inkonsequent zu sein, daß Madame Gernoth, als ihr unverhofft
eine kleine Erbschaft zufiel, sich beeilte, diese dazu zu verwenden, ihre
inzwischen herangewachsene Tochter gefällig zu kleiden und ihr eine Reihe
von Vergnügungen zu bereiten. Dennoch glaubte sie so verfahren zu sollen.
Hätte sie das Martyrium einer langen unglücklichen Ehe hinter sich gehabt,
so hätte sie vielleicht versucht, Wanda den Männern fernzuhalten. Aber sie
hatte eine kurze Enttäuschung hinter sich, die sie selbst korrigiert
hatte; sie hatte die Unbefriedigtheit und Schutzlosigkeit einer gattenlosen
Existenz kennen gelernt und war so zu der Ansicht durchgedrungen, daß
selbst eine nicht ganz glückliche Ehe noch immer besser sei als gar keine.
Zudem war es noch die Zeit, in der die Unvermähltgebliebene unter der
Bezeichnung »alte Jungfer« eine bemitleidete Erscheinung war, so daß
Tausende heirateten, bloß um socialer Mißachtung zu entgehen. Endlich aber
besaß Wanda eine Eigenschaft, die es geradezu unmöglich machte, sie der
Aufmerksamkeit der Männer zu entziehen, und Frau Florentine vielmehr
wünschen ließ, diese Aufmerksamkeit da zu erregen, wo sie ihr mütterliches
Auge darüber wachen lassen konnte.
Wanda war eine der Schönheiten, an denen alles packt, entzückt und
hinreißt.
In ihrem Wuchse, in ihrem schwebenden Gange lag allein etwas, das
bezauberte, in ihrem Nacken, der Bildung und Haltung der Schultern etwas
Verführerisches. Dazu kam ein flirrender Glanz in den Augen, etwas Kühnes,
Eroberndes in dem Schnitt ihrer Nase und ein geheimnisvolles Zucken um die
lebensvollen Lippen, das wechselnd die ganze Skala ihres Wesens verriet
und doch nie ganz verriet. Wie sie nun dabei mit blitzartiger Klugheit und
einem Gedächtnis ausgestattet war, das alle Eindrücke und Vorkommnisse,
jeden Vers, jede Melodie, jedes launige Wort festhielt und mit spielender
Leichtigkeit an die Oberfläche warf, eroberte sie, was in ihren
Gesichtskreis trat.
Die Erfahrungen, die Frau Gernoth in dieser Beziehung machte, waren
geradezu verblüffend. Sie hätte ohne alle mütterliche Eitelkeit sein
müssen, wenn sie ihr nicht geschmeichelt hätten, aber wie dann Wanda zu
denen gehörte, die Wirkung ausüben und erfahren müssen, um ganz sie
selbst zu sein, dann aber auch unauslöschlich sie selbst sind, wurde Frau
Florentine auch klar, daß ihre haushälterische Erziehung den Kern des
Wesens ihrer Tochter unberührt gelassen hatte.
Wanda berauschte sich an ihren Erfolgen. Die Natur hatte garnicht daran
gedacht, Fischblut in ihre Adern zu gießen, mit dem Temperament ihres
Vaters hatte sie sein leichtentzündliches Herz geerbt; und sie nahm diese
Eigenschaft keineswegs übel: nur wer selbst die Unruhe, die Schmerzen und
die Süßigkeiten der Liebe in vollem Maße kennen zu lernen veranlagt ist,
ist fähig, die ungeheuren Triumphe zu genießen, die die Schönheit feiert.
Wenn sie indessen davon träumte, ein Lebensglück zu finden, das diesen
Triumphen entspräche, so sollte ihr das Schicksal diesen Traum nicht
erfüllen.
Unter ihren Bewerbern befand sich ein junger Arzt, der eben seinen Doktor
gemacht, den Kopf voller Ideale und die Brust voll ehrgeiziger Träume
hatte. Was sein Äußeres anlangte, so konnte er sich, ohne unschön zu
sein, mit Wanda Gernoth nicht vergleichen, geistig war er ihr durchaus
ebenbürtig. Doktor Rhode war nicht ohne Witz und Humor, der Schwerpunkt
seines Wesens indessen lag in einem starken wissenschaftlichen Hange und
in der Tiefe seines Geistes, der sich zu dem ihren verhielt, etwa wie
eine ruhige, starke Flut zu einem sprudelnden Sturzbach oder wie schweres
Geschütz zu den knatternden Gewehrsalven einer leicht beweglichen Truppe.
Aber das war doch nicht der Hauptunterschied in der geistigen Signatur
dieser beiden hochbegabten jungen Menschenkinder: in dem Doktor war die
stärkste Objektivität der Interessen, in Wanda war alles subjektiv. Was
immer in den Bannkreis ihrer Sinne und Begriffe trat, hatte Wert für sie,
nur soweit es sich zu ihr in irgend eine Beziehung setzen ließ, und nur
weil ihre eigene Natur außergewöhnlich reich war, war auch der Kreis ihrer
Interessen groß. Auf diese Weise täuschte sie gewissermaßen über sich.
Der Doktor liebte sie mit einer Leidenschaft, die einem Manne etwas seiner
Natur fremdes zu verleihen vermag. Ihm gab sie einen Hauch von Poesie,
etwas Glänzendes und Erfinderisches, das sonst nicht in seiner Richtung
lag.
Wanda zögerte trotzdem sehr lange, bis sie ihm Gehör schenkte. Sie fühlte
instinktiv die Verschiedenheit ihrer Naturen, und es war nichts an ihm,
das sie bezauberte oder bestach. Und dann that sie es doch. Er besiegte
sie durch die Hartnäckigkeit, die die stärkste Schmeichelei der Liebe ist,
durch den Geist, mit dem er anmutigere Nebenbuhler ausstach, und mit Hilfe
von Frau Gernoth, die in ihm den ernsten und soliden Mann gefunden hatte,
den sie ihrer Tochter wünschte.
Kurz vor der Hochzeit wandelte die Braut die Laune an, zurückzutreten. Sie
hatte die Bekanntschaft Kreowskis gemacht, der ihr jene Lieder widmete, die
in Text und Melodie Huldigungen für sie waren, die sie verwirrten. Aber es
handelte sich doch auch hier um keine große Leidenschaft, die alle guten
Gefühle für den Doktor ausgelöscht hätte, und so kämpfte sie denn diese
Anwandlung nieder, um so mehr als Madame Gernoth ihre Bedenken durchaus
nicht wollte gelten lassen, und heiratete den Doktor.
Und siehe: das Glück sproßte ihr auf, wie eine Blume, die man zögernd in
ein ihr fremdes Erdreich gesetzt, ängstlich, ob sie darin zu Grunde gehen
oder doch klein und unansehnlich werden würde, und die darin aufblüht, in
einer Schönheit, die niemand geahnt, mit einem Schmelz, der ein Wunder zu
sein scheint.
O diese goldenen Stunden geliebten Beieinanders! Diese fröhlichen kleinen
Mahlzeiten mit ihren einfachen Schüsseln, die der Appetit würzt; diese
Spaziergänge an den Flußdämmen entlang, wenn die an landschaftlichen
Schönheiten arme Gegend zum Paradiese wird, sobald die Sonne, deren Glanz
alles mit dem Glücke der Herzen in Verbindung zu setzen scheint, leuchtend
darauf liegt; dieses harmlos frohe Geplauder, unter dem man die Wege
zurücklegt! Ach! und diese holden Abende bei traulichem Lampenschein!
Wie beseligend dieses Näher- und immer Näherrücken der Geister, dieses
Überfließen der Seelen, dieses Aufgehen der Herzen im Austausch aller
Gedanken und Empfindungen!
Wie hold dann selbst diese kleinen Bekenntnisse und Mitteilungen aus den
Tagen junger Vergangenheit, in denen man sich noch nicht kannte, der Eifer,
auch sie in Beziehung zur Gegenwart zu bringen, Teilnahme, Verständnis,
Vergebung zu suchen, wo man so sicher weiß, daß man sie findet.
Schonungslos werden dann frühere kleine Neigungen preisgegeben, in denen
die gegenwärtige immer die erste ist, weil sie unvergleichlich stärker
erscheint, lustig kleine Verlegenheiten gebeichtet, kindliche Nöte und
Sorgen erzählt. Dann müssen selbst Schulhefte, Stammbücher und Prämien
herhalten, dann Sträußchen, Locken und Liebesbriefe, dann werden Andenken
von Tanten und Erbstücke der Großmutter hervorgesucht, eine kindliche
Sammlung von billigen Kleinodien, Henkeldukaten oder Denkmünzen, kurz, alle
diese hundert kindischen Wichtigkeiten, denen man entwachsen ist und an
denen das Herz doch noch hängt.
Dann wird selbst der Spargroschen aus der Mädchenzeit einmal produziert:
dieser langsam und mühselig erworbene kleine Schatz, der Notgroschen, den
man auf Rat der Mutter eigentlich _ganz_ geheim halten soll -- aber gerade
das ist nun so hold: diese rückhaltlose Vertraulichkeit, die auf dem
reinsten Vertrauen, der rückhaltlosesten _Liebe_ beruht.
O, die goldenen Stunden! Goldener noch, wenn die Kindereien dann wieder
ernsterer Unterredung weichen. Wie strömen dann die Herzen alles Beste aus,
geben für frohe Erinnerungen froheres Gefühl der Gegenwart und das starke,
schwellende Empfinden der Zukunft: diese Träume leichten Gelingens stolzer
Pläne, der Erfüllung junger Hoffnungen, des Gewinnes früher Mühen. Und in
Persönlichstes hinein die Hochflut großer allgemeinster Ideen und Ideale,
die die Gemüter erfaßt und fortreißt, um sie auf fremdem, objektiven
Gebiete einander wieder um so inniger zuzutragen. Bis wohl die Lampe unter
hohen Gesprächen zu erlöschen droht, und die Nacht, ganz herabgesunken,
alles umhüllt, Persönlichstes und Unpersönlichstes und nur eins erfüllt:
die heißen, süßen Mahnungen der Natur, bis stärkstes Lebensgefühl das Ich
auslöscht und zugleich über sich erhöht. --
Wie reizend auch die Freuden einer harmlosen Geselligkeit in einem
Kreise, der sich bei bescheidenen Lebensbedingungen durch Witz und Geist
auszeichnet, in dem man Anregung giebt und findet, sich schätzt und liebt
und, wo man sich gehen läßt, doch niemals die Anmut verletzt. Man war
in mancher Beziehung damals noch kindlich. Man vergnügte sich noch an
Pfänderspielen und den Bildern einer =laterna magica=, man machte Verse
über launige Themata und führte Charaden auf, leierte Bänkelsängereien zu
selbstgemalten Tableaus und jagte sich im Freien herum. Man sang noch zur
Guitarre, und wenn man sang, brauchte man keine »Schule« zu haben, die
Herren rauchten Cigarren aus einheimischem Tabak, und die Frauen buken
ihre Zuckernüsse noch auf dem Herdfeuer. Wenn die Politik die Gemüter nicht
erhitzte -- was sie freilich dann mit Heftigkeit that, -- war man äußerst
friedfertig in Principien und Anschauungen. Es gab damals keine socialen
Fragen, es gab keine Judenfrage und kaum eine konfessionelle, es war die
Zeit, wo Pastor und Kaplan geistliche Brüder waren. Man war ein bischen
kosmopolitisch neben aller bösen Demokraterei und unglaublich positiv. Man
war anspruchsloser und darum sorgloser und naiver als man heute ist. Wer
aber obendrein jung und witzig war, war ausgelassen, wie man es jetzt
fast verlernt hat. Und dann, nach diesen Vergnügungen, die Rückkehr in das
eigene Heim mit dem Gefühl, daß _seine_ Freuden über alle anderen gehn!
Aber es giebt einen Höhepunkt des Glückes, auf dem es sich nicht zu halten
vermag: die alte Wahrheit von der Blüte, die im herrlichsten Entfalten den
Moment erreicht, wo sie zu welken beginnt; einen Höhepunkt, da die Engel
den Atem anhalten, die Natur stillzustehen scheint, um den Augenblick zu
verlängern, und nach dem es doch bergab geht, wenn nicht eine Wundermacht,
die zugleich begreift und fühlt und Gefühl und Erkenntnis in den stärksten
Willen strömen läßt, das Glück immer wieder aufwärts trägt.
Der Aufschwung des Geistes, des Gemütes, der den Arzt seine idealsten
Anschauungen vor seiner jungen Frau sich ergießen ließ, fing eines Tages
an, für diese etwas gleichförmiges zu haben. Diese philosophischen Ergüsse
Hegelschen Gepräges, diese naturwissenschaftlichen Gesichtspunkte, diese
demokratische Begeisterung wurden ihr -- ein ganz klein wenig langweilig.
Die Zeit hatte das stärkste Vorurteil gegen tiefere wissenschaftliche oder
gar politische Bildung der Frauen. Man hielt ihnen beides fern, da man
beides, Wissenschaft und Politik, unweiblich fand, und es mußte das
persönliche Bedürfnis eines Mannes vorliegen, eine Frau zu seinen
Interessen heranzuziehen, was ihr die Ehre verschaffte, hier bisweilen den
Schleier gelüftet zu sehn. Nur schlimm, daß ein persönliches Interesse ein
sachliches, an den Dingen selbst haftendes niemals dauernd ersetzen
kann; schlimm, daß es Wanda Rhode nach diesen Lüftungen gar nicht einmal
gelüstete, daß sie, weit davon entfernt, sich geehrt zu fühlen, die Geduld,
die sie schließlich bei Anhörung der Vorträge ihres Mannes entwickelte,
ihm wiederum zumutete, indem sie von den Dingen sprach, die nur sie
interessierten. Denn waren Politik und Medizin ihr gleichgültig, so waren
es ihm Musik und die nachklassische Litteratur, die in den vierziger Jahren
die Litteratur der Gegenwart war: Heine, die Jungdeutschen und die fremden
Romanschriftsteller der Periode. Aber Verse und Belletristik waren das,
womit sich zu beschäftigen für weiblich galt. Und wie in hundert anderen
Fällen, wirkte die künstliche Scheidung der Interessen, hier unterstützt
durch persönliche Neigungen, langsam als eine Scheidung der Gemüter.
So empfand man die ersten Enttäuschungen, die ersten Lücken und die
Notwendigkeit, sie anderweitig auszufüllen. Der Doktor fing an, Bierstuben
aufzusuchen, wo er sich entweder mit Fachgenossen über Trepanationen des
Gehirns und Behandlung von Geschwülsten unterreden oder mit Politikern über
allgemeines und Klassenwahlrecht erhitzen konnte.
Ach! Und es ward noch mehr: durch die Geburten dreier Kinder, von denen
zwei ganz jung wieder starben, ward Heiterkeit in Angst und Schwermut,
Freude an häuslichem Walten in Gleichgiltigkeit, ja -- um gemeinen Mangels
willen -- endlich in traurige Sorge gewandelt; Rausch der Herzen wurde zum
Grauen, Kraft und Gesundheit zur Hinfälligkeit und physischen Qual -- die
Wiege des Glückes zu seiner Grabstätte.
Es war immerhin ein Glück, daß Wanda den Nöten ihrer jungen Ehe eine
Elastizität, eine Fähigkeit, momentanen kleinen Freuden gerecht zu werden,
eine Beweglichkeit des Geistes entgegenzusetzen hatte, die über diese Nöte
ihre raschen, bunten Schleier warf. Ein schönes Gedicht, eine glückliche
Melodie, eine lebhafte Gesellschaft waren im Stande, in ihrem sonst
wunderbaren Gedächtnis zeitweise alles auszulöschen, was peinlich und
quälerisch darin war. Und dieser merkwürdigen Versatilität ihres Wesens war
es dann auch zuzuschreiben, daß die Naturschönheiten des Berglands, alle
die gefälligen Eindrücke, das Neue der Situation sie so rasch zu befreien
vermochten, als ihre ursprüngliche körperliche Zähigkeit und Kraft rasch
das Siechtum überwanden, das ihr diesen Wechsel des Aufenthaltes verschafft
hatte.
So erblühte wiederum ihrer Krankheit neues Leben, in dem sie Jugend,
Frohsinn und Ichgefühl zu herrlichem Gewinne wiederfand. Freilich zu einem
Gewinne, der nicht mehr im Centrum der Pflicht und der Gewöhnung lag.
Fünftes Kapitel.
Nachdem Wanda ein paar Stunden schlaflos verbracht, dämmerte der Morgen
nach jener Réunion, auf der sie Kreowski wieder begegnet war, trübe herauf
und brachte einen feinen Sprühregen, der auffrischte, ohne alles unter
Wasser zu setzen.
Als Wanda auf dem Kurplatze erschien, umdrängte man sie von allen Seiten
und sie hatte alle Hände voll zu thun, die schönen Redensarten, mit denen
man sie begrüßte, zu parieren und all den schmachtenden und feurigen
Blicken um sie her Stand zu halten. Die Männer kokettierten damals noch
nicht mit soviel militärischer Zusammengerafftheit wie heute -- die
Sentimentalität war auch bei ihnen eine schöne Tugend und respektvolle
Galanterie ein Zeichen urbaner Bildung -- aber man kokettierte ebenso gern.
Es war ihr lieb, daß Kreowski nicht darunter war.
Als sie sich aber später in einen der sanftaufsteigenden Seitenpfade
verlor, fand es sich, daß er sie dort in ahnungsvoller Hoffnung erwartet
hatte. Es war ein reizendes Stück Weges, das sie zusammenführte. Die
Badeverwaltung war hier schon mit allerlei Anlagen vorgegangen, hatte
Wege graben, befestigen und zu beiden Seiten mit jungen Lärchen einfassen
lassen, die mit ihren hellgrünen zart gefiederten Zweigen traumhaft in dem
leise wallenden Nebel standen.
Sie war ein Stück gegangen, als sie stehen blieb, versuchend, ihre Gedanken
ganz von diesem grünen, dämmernden Märchen einspinnen zu lassen, diese
Gedanken, denen sie abwechselnd nachhing und zu entfliehen suchte. Da trat
er ihr in den Weg.
»Verzauberte Königskinder,« begann er, »die sich zu einem stummen Reigen an
den Händen fassen, um ihrer Herrin ihre Huldigungen darzubringen. Erlauben
Sie, daß ich mich ihnen anschließe, obgleich meine Huldigung weiß und
papieren ist und ich den Reigen schon gestern Abend aufgeführt habe.
Ich würde Ihnen die Rolle zu Füßen legen, wenn das nicht meine Huldigung
erniedrigen und die Fleckenlose beflecken hieße. Also in Ihre verehrten
Hände.«
Sie dankte ihm mit einem Lächeln, das ihm reichster Dank schien. »Wie
hübsch, daß Sie heute heiter sind,« sagte sie.
»Heiter? Glückberauscht!«
Sie errötete ein wenig, fing dann an von Holtei zu sprechen und redete
endlich allerhand durcheinander: von dem Badevorstand, der Friederike
von Sesenheim und den Epheulauben, die sie Schlupfwinkel für
Strumpfwirkerleidenschaften und Spielhöllen für Domino- und Lottospieler
nannte. Sie besaß eine beneidenswerte Geschicklichkeit, kleine
Verlegenheiten zu Tode zu schwatzen, und wenn ein paar Spöttereien
mitunterliefen, hörte es sich ihr darum nicht schlechter zu.
Er war so entzückt und so guter Laune, daß es ihm sogar gelang, auf ihren
Ton einzugehen.
Mit einem Male, in all ihre Narrheiten hinein, brach die Sonne hervor und
durchglomm den weißlichen Dunst um sie her silbern und goldig, rieselte an
den moosumsponnenen und rötlichen Stämmen der Buchen und Kiefern herab und
glühte in tausend bunten Farben an jedem Blatt, jeder Nadel, jedem Hälmchen
am Wege, daß es wie ein Glückserschauern durch den ganzen Wald ging.
Da verging ihnen alles Geschwätz. Sie standen wie verzückt, sahen in die
Wunderwelt um sich her, sahen sich an und lächelten.
Dann begann Kreowski leise eine Melodie zu summen. Das hatte etwas
wundervoll Feierliches und Unmittelbares. Sie hörte andächtig zu, sie
begriff, daß sich ihm die Stimmung der Stunde in Töne umsetzte, und das
Schöpferische neben ihr erschien ihr heilig.
»Das wäre das leise Rauschen des Regens durch die Blätter und das Wogen
der ziehenden Nebel gewesen,« sagte er. »Sehnsuchtsvoll, schwermütig.
Jetzt aber -- jetzt der Durchbruch der Sonne, der Glücksstrahl, der alles
überloht! Aus =es moll= über =es-dur= in =e-dur=. Trah -- tratatatah!! Das
müßten die Trompeten machen, die haben zugleich das Herzzerreißende und das
Glänzende.«
»Muß es denn herzzerreißend sein?«
»Es muß so sein, weil es so ist. Aber ich erscheine Ihnen wohl als ein
thörichter Phantast, Ihnen, die Sie glücklich sind, wirklich glücklich,
wie Sie gestern sagten, und die Sie nicht begreifen können, daß wir
abgeschmackt werden, wenn wir's nicht sind, so abgeschmackt, daß wir uns
sogar die Gaben mitleidiger Teilnahme behagen lassen, die uns vielleicht
demütigen sollten.«
Sie sah ihn an und schwieg doch. Es war wie gestern: das Pathos
zwischen ihnen ging nicht, sie mußte einen andern Ton suchen. Und ihrer
leichtbewegten Natur fiel das nicht schwer.
»Was Sie doch alles reden!« rief sie lachend. »Ich wollte, es machte Sie
ein bischen lustig, wie wir hier zusammen spazieren gehn, während die
verzauberten Königskinder hochachtungsvoll und ergebenst zur Seite stehn
und ihre Nebeltaschentücher schwenken, wenn wir kommen, die Sonnenstrahlen
sich in schlüpfende Eidechsen verwandeln, die Wassertropfen rot werden
vor Vergnügen und die Blumen sich wichtig zuflüstern: dort kommen zwei
Phantasten, die denken, sie sind Menschen wie die andern auch, weil sie auf
zwei Füßen gehn und reden wie die andern auch. Aber diese guten Leute
sind Flüchtlinge aus Genieland, sie tragen die Flügel unter ihren
Flanelljäckchen, weil Flügel im Philisterlande durchaus unmodern sind
und sie sich ihrer also schämen müssen. Und bloß wenn es die andern nicht
sehen, legen sie Jäckchen und Fräckchen ab, breiten ihre Flügel aus und
kehren auf ein paar Stunden in ihre Heimat zurück. Eines Tages aber werden
sie kommen wie Simson, werden irgend einen großen Esel unter den Philistern
erschlagen und mit seinen Kinnbacken die übrigen ausrotten und dämpfen mit
der Glut ihres Geistes.«
»Wundervoll!«
Sie lachte.
»Und werden,« nahm der Pole ihre Phantasterei auf, »das Evangelium
verkünden, das die Augen und Ohren aller Sterblichen jauchzend vernehmen
werden und lachend mitteilen ein Mund dem andern, das Evangelium von der
Kraft und Tugend, die eine Kraft und Tugend ist über alle: das hehre,
jubelnde Evangelium von der Schönheit.«
»Sie schwärmen.«
»Was könnte ich besseres thun? Ich, der ich sie anbete im Geist und in
der Wahrheit, der ich ihrer Gläubigen demütigster und zugleich ihr
Hoherpriester bin? Der ich trunken bin von dem Trank meiner Augen und als
ihr Blutzeuge sterben wollte, -- wenn Sie es forderten?«
Diese Art Unterhaltung, geistreichelnd, pathetisch und voller Schmeichelei
für Wanda war nur allzu sehr nach ihrem Geschmacke. Dennoch fühlte sie, daß
sie bereits wieder an der Grenze angelangt waren und daß es Zeit war, den
Ernst zu persiflieren.
»›Und die blutgefüllte Schale reicht er ihr zum Opfer dar!‹ Schauderhaft!
Ich merke, man ist seines Lebens neben Ihnen nicht sicher, denn leicht
könnte der neue Hohepriester die Schärfe seines Messers an seinen
Nebenmenschen wetzen wollen, ehe er sich selber darbringt. Gehen Sie und
besänftigen Sie erst Ihr barbarisches Gemüt, eh ich mich wieder in Ihre
Nähe wage.«
Und sie lief ihm lachend davon, den Abhang hinunter, ihm ihre spöttischen
Grüße hinaufsendend, ehe sie ganz verschwand.
Als sie nicht mehr zu sehen war, schwand Lächeln und Glückseligkeit aus
seinem Gesicht. Halb schwermütig, halb verwundert starrte er ins Leere vor
sich nieder. Was für gekräuseltes Zeug hatte er noch eben geredet, das
er nie vorher gedacht, das seiner Art zu denken und zu empfinden neu und
seltsam war. Aber war es denn so, daß uns die Liebe in Augenblicken der
Ekstase uns selbst entfremdet und uns Worte reden läßt, wie aus anderem
Munde? Daß sie uns bald blind, bald hellseherisch, heut zu Propheten,
morgen zu Gotteslästerern macht?
Langsam ging er den Weg hinunter. In einem leisem Winde rauschten
die regenschweren Bäume, rauschten Tropfen, Melodieen auf ihn nieder;
schwermutsvolle Melodieen, wie Thränen, die wir zögernd vergießen, weil uns
angst wird, daß wir uns selber verlieren, bis sie sich zu Freudenthränen
wandeln in dem jauchzenden Bewußtsein, daß das Fremde in uns Gewinn,
Zuwachs, Steigerung unser selber war, und daß es die Flut unserer Schmerzen
ist, in der die Sonne unseres Glückes sich am hellsten spiegelt. -- --
Sechstes Kapitel.
Es war etwa anderthalb Wochen nach jenem Tage, da Holtei die Salzbrunner
Badegäste mit seiner Vorlesung aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« entzückt
hatte, daß Madame Gernoth und ihre Tochter wieder einmal im Buchengange
lustwandelten, zwischen sich das Kind führend.
»Die Gerichtsrätin aus Brieg hat mir ein sehr hübsches Muster zu einer
Strumpfkante gegeben, wie aus kleinen Fächern zusammengesetzt. _So_ will
ich Klärchen ein paar Sonntagsstrümpfel stricken.«
»Was wirst Du Dich nur so quälen.«
»Es soll mir Freude machen.«
»Wie Du willst, Mutter.«
»Die Registratorin, denk nur, schüttet Salz in das Faßbier, sagt sie. Sie
zieht alle vierzehn Tage welches ab. Aber wo hat man das gehört? Das muß
abscheulich schmecken, ordentlich giftig.«
»Die einen mit ihrer Liebe, die andern mit ihrem Salz.«
»Du interessierst Dich auch für nichts Vernünftiges mehr.«
»Dazu ist dann in Breslau wieder Zeit genug. Wenn Hauswirtschaft denn das
Vernünftige schlechthin ist.«
»Die Fräulein Meier, die Lehrerin, hat mir ein Gedichtbuch geborgt, es ist
von einem Grafen Strachwitz.«
»Ach ja, Strachwitz! ›Mein treues Roß, mein Spielgenoß.‹« Dann ließ sie
auch dieses Thema wieder fallen.
Madame Gernoth sah sie von der Seite her an. Wanda lächelte vor sich hin.
Eine ganze Zeitlang gingen sie nebeneinander und schwiegen, die Mutter
verletzt, die Tochter unruhig und von irgend etwas voreingenommen.
An einer Biegung des Weges stießen sie auf Bekannte, eine Mutter und drei
Töchter, mit denen sie einige Worte wechselten. Nachdem die Damen wieder
außer Hörweite waren, bemerkte die Gernoth:
»Wie waren die wieder aufgedonnert, und ist nichts dahinter. Die Krause
sagt, sie kaufen die übertragenen Toiletten einer Baronesse Richthof und
suchen Einen damit einzufangen. Du lieber Gott, die garstigen Dinger! Die
und Registrators sind die richtigen Mexikaner.«
»Mexikaner?«
»Nun -- Mexikaner -- Magsiekeiner. Der Polowski machte neulich den Witz.«
Die Doktorin lachte, sie lachten alle beide. Sie waren gewiß nicht böse,
aber der Spott über die »Sitzengebliebenen« war eine der Grausamkeiten, die
jede Zeit in reicher Fülle besitzt und die wir erst als solche empfinden,
wenn wir sie abgelegt haben.
»Wer ist denn der Polowski?«
»Ich meine den polnischen Musikanten.« -- Wanda schwieg verletzt.
»Man begegnet dem Menschen ewig. Paß mal auf, er wird uns gleich wieder
begegnen und ansprechen.«
»Er mißfällt Dir natürlich?«
»Er hat so was Unmännliches!«
»Nach Deiner eigenen Erklärung, Mutter, ist Männlichkeit nichts als
eine Dosis Anmaßung, Brutalität und -- na, was war es denn noch? ja:
Treulosigkeit. Wenn aber einer nicht so ist, nennst Du ihn unmännlich. Dir
ist eben keiner recht.«
Madame Gernoth sagte hierauf nichts. Sie war eine kluge Frau, aber Haß und
Verbitterung machen den Klügsten unlogisch. Es war ihr sehr lieb, daß ihre
Enkelin jetzt ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.
»Können die Bäume auch sprechen?« fragte das Kind.
»Freilich,« sagte die Großmutter wichtig, »hast Du noch nicht gehört,
wenn der Wind puh, puh bläst, wie dann die Bäume rauschen und miteinander
plaudern? Paß nur mal auf, wie sie sich dann unterhalten und tiefe Diener
machen, ihre Arme nacheinander ausstrecken, sich ihre schönen Blumen
hinhalten und sagen: riechen Sie mal, Herr Nachbar. Und dann riecht der
Herr Nachbar an dem Bouquet und sagt: Hazzi. Da! horch mal! Hörst Du, wie
sie jetzt sprechen?«
»Ja. Hörst Du's auch, Machen?«
»Jaja. -- Freilich, nun wundert's mich nicht mehr, wenn sie die Tischbeine
sich unterhalten läßt und von den Fußbänken Mordgeschichten erzählt. Sie
ist ein kleiner Phantast.«
»Wenn man _das_ erlebte!«
»Was, Mutter?«
»Daß sie Bücher schriebe. Wie die Paalzow und die Carlèn, weißt Du.«
»Dann würde sie aber keinen Sinn für die Strickmuster und das Bierabziehen
haben, und das würde Dir auch nicht recht sein.«
Madame Gernoth schwieg wieder. Nein, das würde ihr nicht recht sein. Eine
ordentliche Frau mußte für so etwas Sinn haben. »Wir wollen uns ein bischen
setzen,« sagte sie.
Die Frau Doktor hob ihr kleines Mädel auf und setzte es auf die Bank.
»Sag von Eia popeia,« bat die Großmutter.
»Eia --«
»Nein, sag lieber: mein dunkles Herze,« meinte die Mutter.