1899
Alle Rechte, namentlich auch das der Übersetzung vorbehalten.
Erstes Kapitel.
Salzbrunn war in der Mitte der vierziger Jahre noch nicht der mit modernem
Komfort eingerichtete, teure Badeort, der es heute ist. Es besaß noch keine
eleganten Hotels und keine Verkaufsbazare, keine Teppichbeete und keine
Wiesbadener Preise. Trotzdem war sein Besuch ein lebhafter und bei aller
Einfachheit der Verhältnisse gab es etwas wie ein Badeleben. Gegenüber dem
Kursaal stand eine Art Vogelgebauer, das das »Orschester« genannt wurde
und in dem man eine jener Bademusiken veranstaltete, die zwischen
dem Erträglichen und dem Unerträglichen die Mitte halten. Es gab eine
Promenade, auf der die neuesten Pariser Moden spazieren geführt wurden,
Réunions, bei denen getanzt und musiziert wurde, und selbst eine
Leihbibliothek von etwa hundert Bänden, in der neben den Räuberromanen von
Spindler und Vulpius die Flygare-Carlèn und die Paalzow, Walter Scott,
eine Anzahl »Taschenbücher für Liebe und Freundschaft« und für verwegenere
Gemüter Paul de Kock und Eugen Sue zu haben waren.
Selbstverständlich gab es auch den nötigen Badeklatsch; die Toiletten-,
Gesundheits- und Moralitätsjury waltete damals so gut wie später ihres
Amtes, und Neuangekommene mußten sich so lange bemäkeln lassen, bis sie
glücklich selbst in dem großen Gerichtshof Aufnahme gefunden hatten.
Da zwei auffallende Erscheinungen, Madame Florentine Gernoth, und ihre
Tochter, Frau Doktor Rhode, sich sehr zurückhielten, gehörten sie zu den
meistbesprochenen Persönlichkeiten.
Sie lebten einfach. Jeden Morgen zur gleichen Zeit sah man sie nach dem
Brunnenhause und zur Molkenanstalt gehen, Wanda Rhode ihr Glas in der Hand,
Madame Gernoth ihre kleine Enkelin führend, und wen die Frauen mit ihren
schlanken, ebenmäßigen Figuren, den kühngeschnittenen Nasen, den großen,
stolzblickenden Augen der älteren, den zärtlichen, geistreichen der Tochter
nicht mehr interessierten, der warf gewiß einen Blick auf das kluge,
ernsthafte Gesicht des kleinen Mädels, dessen blitzende Augen jede
Seite des großen Bilderbuches, das vor ihm aufgeschlagen lag, aufmerksam
musterten. Es war Rasse in den drei Figuren, wenn auch nicht in
aristokratischem Sinne.
Es hatte sich herumgesprochen, daß Madame Gernoth von ihrem Manne
geschieden und in sehr bescheidenen Verhältnissen zu leben gezwungen sei,
während dieser, ein reicher Breslauer Fabrikant, als Lebemann galt, der
im Musik- und Theaterleben der Stadt eine Rolle spiele. Man nannte große
Summen, die er im Dienste der Musen verschwende. Von der Frau Doktor wußte
man nicht zuviel: sie war viel umworben worden, hatte einen jungen Arzt
geheiratet, ein paar kleine Kinder gehabt, von denen sich nur eines am
Leben erhalten und war seit der Geburt des letzten leidend gewesen. Das war
alles.
Wenn Frau Gernoth darauf bestand, daß sie sich in den ersten beiden Wochen
vollständig von der Badegesellschaft zurückhielten, geschah es auf Wunsch
des Arztes, der bei der Lebhaftigkeit der jungen Frau fürchtete, daß vieles
Sprechen ihr schädlich sein könne. Sobald nur aber die Halsaffektion sich
gegeben hatte und die Farbe auf Wanda Rhodes Wangen zurückkehrte, war die
sorgliche Mutter auch bereit, ihr den Verkehr mit anderen und die Teilnahme
an einigen bescheidenen Vergnügungen zu gönnen.
Sie überlegte eben, an welche der Frauen, die sie vom Sehen und ein paar
gelegentlich gewechselten Worten kannte, sie sich am besten zu einer
Kremserfahrt oder dergleichen anschließen möchten, als Wanda von einem
Spaziergange, den sie allein durch die Anlagen unternommen, zurückkehrend,
in fröhlicher Erregung auf sie zueilte.
»Mutter -- Konzert im weißen Lamm -- Stücke von Beethoven und
Chopin-Liedervorträge -- Deklamationen von Holtei, denk bloß: Holtei!
Entree vier gute Groschen, das ist doch nicht schlimm? Nicht wahr, wir
gehen? Ich bin ja wieder ganz gesund, von Halsschmerz keine Spur mehr,
_ganz_ gesund, bloß daß ich vor Langerweile sterbe.«
»Holtei hätt' ich auch gern einmal gehört! Aber das wären für uns beide
acht gute Groschen.«
»Wir müssen uns doch auch einmal etwas gönnen. Zuletzt Tanz. Denk' doch.«
»I wo werd ich Dich denn tanzen lassen!«
»Gesunde Menschen können tanzen, soviel sie wollen. Habe ohnedies das ganze
Jahr so schlimm zugebracht. -- Ach Gott!«
»Nun ja, das hast Du. Mach nur nicht die Unglücksmiene.«
»Nein, ich will nicht mehr dran denken. Also die Polonaise und 'nen Walzer
erlaubst Du schon, Walzer ist ja ein Tanz zum Einschlafen. Nur das ewige
Stillsitzen in der Laube, das ist zu schrecklich. Und das schablonierte
Muster an unseren Wänden kenn' ich wahrhaftig auch auswendig, die
Erzählung, wie die Mutter der Wirtin die Wassersucht hatte, ebenfalls, und
also, wenn ich nicht wieder krank werden soll aus Langweile und Unruhe, so
gehen wir dorthin, Mutter. Ja?!«
»Du bist auch ganz wieder wie als Mädchen.«
»Freut Dich denn das nicht?«
»Nun ja -- freilich.«
»Ach, denk Dir, und der Spaß: das Lied, das Kreowski einmal an mich gemacht
hatte: »Ich weiß nicht, ist es Unrecht,« das wird auch gesungen --«
»Ist denn Kreowski hier?« fragte Frau Florentine mißtrauisch.
»Ach bewahre. Wer weiß, wer es singt! Wer weiß, ob es überhaupt dieses Lied
ist; es kann auch ein anderes so anfangen! Ich dachte bloß -- vielleicht.«
»Du bist ja rot geworden.«
»So? Na, weißt Du, er gefiel mir doch damals sehr gut. Aber das ist ja nun
so lange her, so lange, vier lange Jahre. -- Klärchen hübsch artig gewesen?
Ja Puz? Komm mal her, sag mal, hat Dir Großel eine hübsche Geschichte
erzählt?«
Und sie nahm das kleine Mädel auf den Schoß und küßte es, bis es wieder
hinunterstrampelte.
Frau Gernoth betrachtete sie scharf. Ihre Tochter war keine allzu pünkliche
Mutter, nicht lieblos, aber nicht von der überströmenden Zärtlichkeit
mancher anderen; die Heftigkeit, mit der sie das Kind küßte, erschien ihr
mehr als der Ausdruck einer starken Erregung, die irgend einen anderen
Grund hatte.