Ihr alter Blücher.“

„Betrifft den Champagnerwagen Eurer Exzellenz“, fügte Müffling dann

aufklärend hinzu.

Blücher blickte ihn an.

„Ob’s Yorck betrifft, ob die Witwe Cliquot, steht jedenfalls nicht drin.

Das taugt denn gleich gut für alle beide. Was soll ich mich da noch

abquälen! Schicken wir das ab! Das genügt!“

So dachte auch Yorck, als der mit dem Briefe nachgesandte Kurier ihn noch

am selben Tage erreichte. Denn ihn reute schon der übereilte Schritt. Er

griff begierig nach der dargebotenen Hand, benutzte die ihm gebaute

goldene Brücke, kehrte zu seinem Korps zurück, und alles war in bester

Ordnung. Bis auf Napoleon, der aus der Umklammerung entschlüpft war, und

hinter dem nun das Kesseltreiben weiterging. Blücher aber fiel in tiefen

Schlaf und war von Stund ab fieberfrei. Er blieb zwar noch körperlich

schwach, aber gewann sonst schnell die alte Energie wieder und trieb mit

dem prachtvollen Feuer seines Geistes alles vorwärts aufs Ziel. Sogar

seinen alten Körper bezwang er!

Der konnte zwar nicht in den Sattel hinauf, der mußte sich im Wagen

mitschleppen lassen. Halb saß Blücher, halb lag er da, in Pelze

eingewickelt, die Augen durch den grünen Damenhut geschützt.

So zog er langsam hinter dem von ihm entfesselten Sturm her und wurde von

ihm mitgezogen. Und jetzt gab’s keine Hindernisse, keinen Widerstand mehr.

Was in den Weg kam, wurde fortgefegt.

Napoleons kecker Versuch, durch einen schnellen Marsch nach dem Rhein die

Feinde von seiner Hauptstadt abzuziehen, mißlang.

Die Hauptarmee zauderte wohl wie immer. Schwarzenberg wäre am liebsten

zurückgelaufen, als er vom Zug Napoleons hörte, ließ sich aber schließlich

doch bestimmen, ihm nur eine Reitertruppe zur Beobachtung nachzuschicken,

und folgte dann langsam in Richtung Blücher, vorwärts auf Paris.

*

Am 31. März 1814 hielten der Zar aller Reußen und der König von Preußen an

der Spitze ihrer Garden feierlichen Einzug in Paris.

Die Schlesische Armee durfte nicht mittun. Sie hatte die Hauptlast des

ganzen Feldzuges getragen, hatte geblutet, gehungert, gefroren,

Gewaltmärsche geleistet, Schlachten gewonnen, Festungen erobert, in Schnee

und Eis notdürftig auf bloßem Boden biwakiert, von der Katzbach bis zum

Montmartre Ungeheures verrichtet. Und jetzt, am Ziel, statt Ehren, Dank

und reichen Lohn für alles ertragene Mühsal zu erhalten, mußte sie sich

damit begnügen, aus der Ferne einen Blick ins Gelobte Land zu tun. Sie

durfte von der Barriere des Montmartres die schöne Seinestadt zu ihren

Füßen bewundern, die, von allen Herrlichkeiten und Genüssen der Welt

erfüllt, sich dort unten ausbreitete. Sie mußte trockenes Kommisbrot essen

und auf den Straßen biwakieren, statt in den Bürgerhäusern einquartiert zu

werden.

Und vom König, für den sie geblutet hatten und dessen vornehmste Pflicht

es gewesen wäre, aufs beste für sie zu sorgen, von ihm mußten sie hören:

ihre Montierung wäre nicht propre genug; sie wäre zu zerrissen und

unsauber, um beim feierlichen Einzug in diese glänzende Stadt damit

paradieren zu können. Man konnte wohl den Krieg in Lumpen gewinnen, aber

nie und nimmer in Lumpen triumphieren. Zum Triumphieren waren die Garden

da. Dazu waren sie und ihre Uniformen die ganze Zeit geschont worden. Und,

damit sie auch nicht zu spät kämen, um jener Ehre teilhaft zu werden,

mußte die Schlesische Armee, die zwei Tage früher ohne Kampf hätte Paris

nehmen können, auf Allerhöchsten Befehl einen Umweg um die Stadt machen.

Die Folge war, daß die Marschälle Mortier und Marmont noch mit ihren

Truppen zur Verteidigung herankommen konnten, und daß noch viel Blut

fließen mußte, ehe Paris sich ergab. Auch vom geheiligten Blut der Garden,

die sich mit gewohnter Tapferkeit schlugen, als sie endlich mal ran

durften.

Blücher machte aus Wut den Einzug nicht mit.

Yorck lehnte auch ab mit der Begründung, er hätte keine Pariser Kleider

mit.

Blücher war gesundheitlich wieder obenan. Seine Augen mußten aber immer

noch von einem Schirm geschützt werden. Mit dem grünen Damenhut wagte er

aber bei all seiner Tapferkeit den Parisern doch nicht zu kommen. Zu Pferd

war er noch nicht gewesen. Aber sein Mundwerk war wieder instand, und die

Galle funktionierte, wie sie sollte.

Der Einzug war schon seit mehreren Stunden vorüber. Vorher, schon in aller

Frühe, hatte der Maire irgendeines Pariser Arrondissements nebst einer

Bürgerdeputation bei Blücher vorgesprochen, um ihm ihre ehrerbietigsten

Grüße zu Füßen zu legen und ihn zu bitten, die Bürgerhäuser von

Einquartierung zu befreien.

Das fand Blücher empörend.

Seinen braven Schlesiern zuzumuten, auf den Straßen zu kampieren, mit

Tausenden von reich ausgestatteten Häusern vor Augen! Das ginge doch zu

weit.

„Rühle!“ rief er seinen Adlatus herbei. „Er kann ja mit denen parlieren!

Sage Er ihnen von mir: der Tyrann hat alle Hauptstädte besucht, geplündert

und gestohlen. Wir wollen uns so was nicht zuschulden kommen lassen. Aber

unsere Ehre fordert das Vergeltungsrecht, ihm in seinem Neste den Besuch

zu erwidern, und da wäre es wohl doch nicht zuviel, wenn wir allesamt mit

Speise und Trank ordentlich bewirtet und gut einquartiert werden. Wir

lassen unsere Gäste nicht auf der Straße schlafen! Da sollen sie nur die

französischen Soldaten fragen, wie sie’s bei uns gehabt haben! Sage Er’s!

Nein! Warte! Er ist ein Filou! Ich sag’s ihnen selbst!“

Er stellte sich dann breitbeinig vor der Bürgerdeputation auf, bohrte

seine Blicke in sie und fing mit weithin schallender Stimme an:

„Messieurs!“ Und dann war er mit seinem Französisch zu Ende.

„So,“ rief er dem Major Rühle zu, nun _sage Er ihnen den Rest_! Aber ohne

Firlefanzen!“

Und er guckte dem Major höllisch auf die Lippen, als der seinen Auftrag

erledigte, und begleitete jeden Satz, den dieser sprach, mit so drohenden

Blicken auf die braven Pariser Bürger, daß sie darob eigentlich hätten in

die Erde sinken müssen, was sie aber lieber unterließen.

Am meisten regte sich Blücher an dem Tage über die Monarchen auf.

Nach dem Einzug hatten sie nichts Eiligeres zu tun gehabt, als sich zu

einer Sitzung bei Talleyrand zusammenzufinden, um über das Schicksal

Frankreichs, zu dessen Herbeiführung sie selbst so wenig getan hatten, zu

beschließen.

Der Zar, der König von Preußen, Nesselrode, Talleyrand und andere traten

da zur Beratung an. Aber Blücher, dem in erster Reihe der große Sieg zu

verdanken war, wurde nicht gebeten.

Sie beschlossen sofort die Absetzung Napoleons und verwarfen einstimmig

die Nachfolge seines Sohnes.

Talleyrand, bis vor wenigen Tagen der getreue Minister und Sachwalter

Napoleons, nahm dann das Wort und behauptete dreist: ganz Frankreich sehne

sich unaussprechlich nach der Rückkehr der Bourbonen. Man möge den

Franzosen ihr geliebtes Königshaus wieder bescheren.

Die Fürsten und ihre Berater staunten. Wo sie durchs Land gekommen waren,

hatten sie nirgends eine Begeisterung für das alte Königshaus bemerkt,

wohl aber immer noch für den Kaiser.

Sofort hatte Talleyrand ein paar Leute bei der Hand, die Stein und Bein

schwuren: das französische Volk in seiner überwältigenden Mehrheit wünsche

nichts sehnlicher, als die Schuhsohlen der Bourbonen zu lecken.

Es waren ein paar Leute von jener Sorte, die bei Umwälzungen stets gleich

bei der Hand sind, um sich auf irgendeine bemerkbare Stelle vorzudrängen,

indem sie tun, als ob eigentlich _sie_ die siegreiche „Bewegung“ geleitet

hätten, und deshalb als Lohn die lukrativsten Posten beanspruchen könnten.

Sie sprachen beredt, sie sprachen tiefbewegt, mit dem Brustton des

überzeugten und doch so besorgten Patrioten. Und man war viel zu gut

erzogen, um das nicht zu goutieren. Dem guten französischen Volk dürfe man

einen mit solcher Inbrunst vorgebrachten Herzenswunsch nicht versagen.

Der König von Preußen saß ganz teilnahmlos da.

Zar Alexander blickte ihn von der Seite an und dachte an Tilsit und an

seine Begegnung mit Napoleon auf dem Memelfluß, wo sie mit leichtem Herzen

über das Schicksal Preußens hinweggegangen waren. Er dachte an sein

Versprechen an den König von Preußen. Und dabei fiel ihm ein, daß er auch

heute sein Wort verpfändet hatte und also verhindert war, ohne weiteres

der Rückkehr der Bourbonen zuzustimmen. Eine lästige Sache! Aber ein Wort

ist ein Wort! Und hätte er es Bernadotte nicht gegeben, er hätte ihm

Finnland zurückgeben müssen, um seine und Schwedens Teilnahme am Kriege zu

gewinnen! Jetzt war ja der Krieg glücklich gewonnen! Aber trotzdem –

Der Zar ließ also lässig ein paar gleichgültige Worte über Bernadotte

fallen und fragte die erlauchte Versammlung, ob es sich nicht empfehle,

diesen bei den Franzosen angeblich so beliebten Fürsten mit der Regierung

Frankreichs zu betrauen.

Gleich hatte Talleyrand wieder einen anderen Kronzeugen bei der Hand, der

hoch und heilig beteuerte, in der ganzen Armee wäre Bernadotte als Mensch

und Soldat gleich verächtlich. Man wollte keinen Militär an der Spitze des

Staates mehr. Wollte man das, so hatte man ja Napoleon, den ersten

Soldaten der Welt, und brauchte keine von seinen Kreaturen zu nehmen.

Wozu denn das ganze Blutvergießen, wenn alles beim alten bliebe?!

Das sahen die Monarchen auch gnädigst ein. Und damit die Sache einen Sinn

bekäme – denn die Befreiung Deutschlands genügte den Herren nicht – so

stimmten sie also bei.

Da Talleyrand in seinem unerschöpflichen Vorzimmer auch einen Buchdrucker

bereitgestellt hatte, dem er den von ihm bereits im voraus aufgesetzten

Beschluß der Majestäten übergeben konnte, so durfte das französische Volk

schon nach einigen Stunden an allen Straßenecken lesen, was es gewollt

hatte und wonach es sich so sehr gesehnt hatte, und wußte also Bescheid,

wußte, welche Wohltat es den fremden „Befreiern“ verdankte, und wie

unaussprechlich glücklich es fortan sein könnte, seinen kriegerischen

Tyrannen gegen einen in der einzig richtigen Weise von Gottes Gnaden

geborenen einzutauschen. Das heißt – insofern es lesen konnte.

„Darum Räuber und Mörder!“ sagte Blücher gallig, als ihm das klägliche

Resultat so vieler Opfer mitgeteilt wurde. „Darum haben also die Besten

unter uns ihr Leben lassen müssen – darum haben meine Leute sich blutig

geschunden und gehungert und gefroren, damit dieses dicke Schwein von

einem Bourbonen, dieser _Louis dixhuit_, auf dem Nachtstuhl seiner Väter

soll sitzen können!“

Er lachte grimmig auf, erhob sich und ging hinaus, um seinen Truppen

Lebewohl zu sagen.

Denn er machte die Sache nicht mehr mit, er wollte schon heute seinen

Abschied nehmen. Weder fragte man ihn um Rat, noch hörte man auf seine

Wünsche.

Er hatte hundert Millionen Kontribution von den Parisern allein für

Preußen verlangen wollen, um die Armee einzukleiden und ihre rückständige

Löhnung auszuzahlen. Aber der König, der es hatte zugeben müssen, daß

seinem eigenen armen Volk in den paar Jahren französischer Besetzung

_anderthalb Milliarden_ abgepreßt wurden, er wollte nicht so „inhuman“ an

den Parisern handeln. Das heißt, er wurde zu dieser Weichherzigkeit von

seinem lieben Vetter, dem Zaren, angehalten, der sich plötzlich als

eingefleischter Freund und Beschützer alles Französischen entpuppte. Der

König vertröstete also seinen Marschall mit baldiger Zahlung der

rückständigen Löhnung aus den leeren Kassen in Berlin, was diesen noch

mehr in Harnisch brachte.

„Wir werden uns noch auf Befehl besiegt fühlen müssen, nachdem wir einen

Siegeslauf sondergleichen gemacht haben!“ rief er. „Wir werden noch

draufzahlen müssen, statt für unsere verwüsteten Fluren und versengten

Städte, für unsere geleerten Kassen und gestohlenen Kunstwerke Ersatz zu

bekommen! Blutegel müßte man den Franzosen ansetzen, um ihnen das geraubte

Geld wieder abzusaugen! Aber nein! Die sollen ihr Land ungeschmälert

behalten und den ganzen Raub desgleichen! Hol’ sie der Teufel! Na – wenn

der König so den ganzen Gewinn verspielt, da fange ich auch wieder mit dem

Spiel an! Da wird wieder fröhlich die Karte gebogen! Ich will mal sehen,

ob ich den Franzosen nicht wenigstens so einen Teil des vielen Geldes

wieder abknöpfe, was er bei uns eingesackt hat! Ich hätte ja gern meine

Ruhe! Aber wenn’s nicht anders ist – wenn’s durchaus sein muß, ich arbeite

ja gern fürs Vaterland! Ich nehme von heute ab mein Hauptquartier im

Palais Royal!“

Vergnügt schmunzelnd, in der Vorfreude dieses neuen unblutigen Feldzuges

gegen den Erbfeind, trat er vor die Front und redete die Leute an.

„Kinder!“ sagte er, „jetzt seid _ihr_ die Ohnehosen, aber von der

_richtigen_ Sorte – wat een Büx nich ist, aber een Bangbüx ooch nich! Ich

hätte gewünscht, daß ihr, dreckig wie ihr nun einmal seid, an der Spitze

des Heeres beim heutigen Einzug den Parisern gezeigt hättet, wie ein

Sieger eigentlich aussehen soll und was für ein Teufelskerl das ist! Das

hätte den Affen wohlgetan! Ihre Leute sind uns oft genug in abgerissenem

Anzug gekommen. Sie haben von unseren Bauern Champagner verlangt und sie

geprügelt, wenn sie keinen bekamen. Von denen hättet ihr Weißbier fordern

und es in der gleichen Münze bezahlen müssen. Was dem einen recht ist, ist

dem andern billig. Ich habe für euch sorgen wollen, ich habe Kleider, Geld

und gute Quartiere verlangt, es ist mir aber nicht gelungen. Ich setze es

noch beim König durch, darauf gebe ich euch mein Wort! Ihr sollt wissen,

daß euer Vater Blücher an euch denkt, auch wenn er nicht mehr unter euch

weilt. Ich lege heute das Kommando über euch nieder. Es war ein langer

Spaziergang, den wir miteinander gemacht haben, von der Katzbach bis zum

Montmartre, was soviel wie der Berg der Schmerzen heißen soll. Mancher

brave Mann unter euch hat unterwegs ins Gras beißen müssen. Aber wir sind

gut miteinander ausgekommen. Ich war mit euch stets zufrieden. Und wenn

ich’s euch nicht immer recht machte – es war immer gut gemeint und nach

bestem Können getan. Aus seiner Haut kann keiner. Ich am allerwenigsten.

Und deshalb gehe ich. Denn wenn die Diplomatiker jetzt anfangen zu

negoziieren, da ist es für mich Zeit, mich zur Ruhe zu setzen. Wo ich aber

meinen Ruhepunkt finden werde, weiß der Kuckuck. Am Ende gibt’s für mich

hier keinen in dieser unruhigen Welt! Na – gehabt euch wohl, Kinder! Seid

vergnügt und denkt einmal zurück an euren alten Marschall Vorwärts!“

Donnernde Hurrarufe beantworteten den Abschiedsgruß, und Blücher rieb sich

verstohlen die Augen, als er vom Gefolge begleitet an den Wagen ging.

„Der König hat mich zum Fürsten machen wollen“, sagte er dabei zu seinen

Begleitern. „Das ist nichts als Niedertracht! Das ist die Rache dafür, daß

ich sooft auf das Fürstengesindel geschimpft habe, das wir überall mit

rumschleppen müssen, und das nur jeder freien Bewegung im Wege ist. Ich

habe abgelehnt. Ich habe ihm geantwortet, ich hätte nicht so viel Geld, um

fürstlich zu leben. Ob er das wohl begriffen hat?“ wandte er sich zu den

Offizieren mit einem schelmischen Augenzwinkern. „Er ist ja ein höllischer

Rechenmeister geworden. Immer noch läßt er mich als Feldmarschall mit

Generalleutnantsgehalt leben. Er denkt wohl: du kannst dir mit Belohnung

und Vergeltung für den alten Kerl Zeit lassen, er geht wohl ab, und da

heißt es: das Kind ist tot, die Gevatterschaft hat ein Ende! Nun,

vorläufig tue ich ihm nicht den Gefallen! Er wird schon blechen müssen!“

Er drückte den Offizieren die Hände, setzte sich neben seinen Adjutanten

in den Wagen, drückte seinen grünen Schirm über die Augen, ließ die

Soufflette aufschlagen und fuhr so, von keinem erkannt, durch die

Abenddämmerung, ohne Eskorte, ohne Musik und hurraschreienden Pöbel in das

von ihm eroberte Paris hinein.

13

DAS FELL DES LÖWEN

In eine Fensternische in der Hofburg zu Wien hatte sich der Freiherr vom

Stein zurückgezogen und blickte über das Festgewimmel hinaus.

In den festlich erleuchteten Sälen bewegte sich eine in die Tausende

gehende glänzende Schar der höchsten Gesellschaft Europas. Was irgendwo

Namen oder Geltung hatte, war da. Die Fürsten fast ohne Ausnahme, ihre

leitenden Minister ebenso. Die Kaiserstadt Wien hatte ihre schönsten

Damen, ihre elegantesten Kavaliere entsandt.

Es wurde getanzt, geflirtet, gelacht, gescherzt; die Ereignisse des

Kongresses: die Korsos, Schlittenfahrten, Maskenbälle wurden besprochen

und Pläne zu neuen Festlichkeiten entworfen. Über Politik sprach man

nicht. Sie war Anlaß zu den Festlichkeiten gewesen, und das genügte.

Man war nämlich hier an der schönen blauen Donau zusammengekommen, um der

befreiten Welt einen endgültigen, gerechten, dauerhaften und ewigen

Frieden zu bescheren.

Also eine äußerst spaßige Angelegenheit, wie die Ballkavaliere meinten.

Ein halbes Jahr päppelte man schon diesen berühmten Wechselbalg, und da

sah man ihn plötzlich zu allseitigem Staunen im Begriff, sich zu einem

regelrechten neuen europäischen Krieg auszuwachsen.

„Wie drollig!“ lispelten die holden Schönen, und traten lächelnd zum

Walzer an.

Österreich, England, Frankreich und dessen alte Rheinbundgenossen hatten

sich zu einer wahren Wegelagerergenossenschaft zusammengefunden, um den

Hauptkämpfern im Kriege, Preußen und Rußland, ihren Anteil am Raub aus der

napoleonischen Hinterlassenschaft abzujagen. Schon zückte man die Dolche

und lauerte auf Gelegenheit.

Inzwischen tanzten die Diplomaten, flirteten mit den schönen Wienerinnen,

schlossen zärtliche Allianzen und waren emsig bestrebt, ihre galanten

Eroberungen abzurunden. Man wetteiferte miteinander im Aufwand, man

arrangierte Bälle, Schlittenpartien und Korsofahrten, man revidierte Menüs

und Ballprogramme und zwischendurch auch, als neuestes Gesellschaftsspiel,

die Karte Europas, aber hauptsächlich nur, um dabei die neuesten Bonmots

der Diplomaten zu belachen.

Die Schicksale der Völker, die man ja auch in die Hand genommen hatte,

machten weniger Sorge – weil sie weniger amüsant waren.

Stein machte jenes Gesellschaftsspiel nicht mit.

Sein Einfluß auf dem Kongreß war überdies gering. Er nahm nur teil als

Minister der besetzten Gebiete. Insofern hatte er mitzusprechen. Auf die

Entschließungen der Großmächte hatte er wenig Einfluß. Sonst wäre er

seiner ganzen Veranlagung nach die führende Persönlichkeit des Kongresses

geworden, statt daß die Leitung jetzt in die Hände des intriganten,

oberflächlichen und selbstsüchtigen Metternich und seines sauberen

Kumpans, des Fürsten Talleyrand, überging.

Steins Platz im Schatten auf dem kaiserlichen Hofball entsprach also

durchaus seiner Stellung auf dem Kongreß, als nichttanzender Staatsmann.

In den Nebensälen wurde eifrig getanzt. Die Klänge der Musik drangen bis

zum entlegenen Platz im Thronsaal, wohin der Freiherr sich zurückgezogen

hatte, und übertönten das Stimmengewirr, so daß nur die Gespräche derer,

die gerade an seiner Fensternische vorbeikamen oder dort stehenblieben,

deutlich zu hören waren. Drüben hielten die Majestäten Cercle – Kaiser

Franz, Kaiser Alexander und König Friedrich Wilhelm, jeder für sich. Sie

zogen bald diesen, bald jenen von den sehnsüchtig der großen Gnade

harrenden Sterblichen „huldvollst“ ins Gespräch, plapperten ihnen ein paar

leere Phrasen vor, entließen sie und winkten andere herbei, um sie mit den

gleichen Nichtigkeiten zu beglücken.

Aus dem Kreise um die Allerhöchsten Herrschaften löste sich eine schlanke

Gestalt in tadelloser Haltung, den feinen, wohlfrisierten Kopf unmerklich

nach den Klängen der Musik wiegend. Leise trällernd kam er gerade auf die

Nische zu, in der Stein stand, und schien jemand zu suchen.

Es war Metternich, der allgewaltige Gebieter Österreichs.

Stein zog sich etwas zurück.

Metternich blieb, ihm den Rücken zugekehrt, stehen und musterte die hin

und her wogenden Massen. Endlich schien er gefunden zu haben, was er

suchte, und gab ein Zeichen.

Ein kleiner, hagerer Mann in unansehnlicher Tracht kam rasch auf ihn

zugeeilt. Unter vielen Bücklingen und „ach“ und „oh“ und „Exzellenz“ und

„Eure Hoheit“ stellte er sich ihm „gehorsamst zu Diensten“.

Stein kannte ihn wohl.

Eine Persönlichkeit von unheimlichem Zuschnitt, als beratender Expert zum

Kongreß hinzugezogen, der Staatsrat Hoffmann aus Berlin – auch

„Seelenhoffmann“ genannt.

Es gab im ganzen Deutschen Reiche kein Dorf, keinen Flecken, keine Stadt,

kein Land, deren Seelenzahl er nicht wußte.

Galt es auf dem Kongreß ein Ländchen abzutreten oder gar zu annektieren,

gleich wurde „Seelenhoffmann“ zu Hilfe gerufen. Er sagte, kaum befragt,

sofort die genaue Zahl der Seelen her, die innerhalb der Grenzpfähle jener

Gegend nisteten, stellte eine Rechnung auf, bündelte die Seelen zusammen,

packte sie kunstgerecht ein und machte sie verkaufsbereit für den Markt.

Dann erst konnte der Handel losgehen.

Die Potentaten protzten dann jeder mit seinem Bündel Seelen, spielten

damit Versteck und suchten unauffällig zu erraten, wie viele der

Gegenspieler unter sich hatte. Man schätzte den gegenseitigen Bestand ein

– man tauschte, handelte und war mit größerem oder geringerem Geschick

bestrebt, möglichst viele Seelen aus dem Geschäft herauszuschlagen. So

war’s, so ist’s, und so wird es immer bleiben, solange Menschen über

Menschen herrschen – ob sie’s im Namen einer Monarchie, einer Demokratie

oder einer jakobinischen Schreckensherrschaft tun.

„Nun, lieber Staatsrat, haben Sie mir etwas in unserer Angelegenheit

mitzuteilen?“ fragte Metternich.

Der Angeredete war gleich parat.

„Gewiß, Exzellenz. Mir scheint der Kasus nicht unlöslich. Wir müßten, mit

gutem Willen, schon ohne Krieg um die Frage Sachsen herumkommen können!

Wir geben Preußen Sachsen – und geben es ihm auch nicht – die Sache ist

sehr einfach!“

Metternich schüttelte den Kopf und grüßte zugleich mit viel

Liebenswürdigkeit eine am Arm eines Diplomaten vorbeischwebende Komtesse.

„Wie meinen Sie das?“

„Ich meine, Exzellenz, auf die Zahl der Seelen, die Preußen bekommt, kommt

es ihm doch hauptsächlich an. Die Seelen bringen doch Steuern. Sie sind

die einzige Grundlage für die Staatseinnahmen. Nur wer sich das

vergegenwärtigt, die Seelenzahl zusammenhält und klug vermehrt, bringt die

Finanzverwaltung seines Staates auf gesunde Basis. Geben wir Preußen also

ein wenig mehr Seelen, als es in Sachsen finden würde. Sie sind da, man

braucht sie nur aufzugreifen.

Lassen wir also Sachsen bestehen – machen wir’s kleiner – aber vernichten

wir es nicht gänzlich! Wozu auch? Warum den guten König Friedrich August

schwerer als die anderen Rheinbundfürsten bestrafen? Er war ja nicht frei

– er handelte aus Zwang. Nun ja – was konnte wohl der kleine Sachsenkönig

gegen den großen Napoleon? Seien wir gerecht. Lassen wir ihn am Leben.

Wenn wir Preußen links vom Rhein mit einer Million Seelen abfinden – wenn

wir ihm in Polen achtmalhunderttausend, item in Westfalen die gleiche Zahl

geben, dann ist es fein heraus, und weit besser bedacht, als wenn es bloß

das bißchen Sachsen bekäme!“

„Das scheint mir plausibel“, sagte Metternich. „Ich will mir die Sache

überlegen. Stellen Sie mir die Rechnung genau zusammen, geben Sie alles zu

Papier, bringen Sie mir den Vorschlag morgen früh genau präzisiert in

meine Wohnung – ich schlage es dann den Herren morgen vor. Leben Sie wohl,

Herr Staatsrat. Wenn das beim Kanzler Hardenberg durchgeht, werden Sie uns

erkenntlich finden!“

Der Staatsrat verbeugte sich, ganz überglücklich.

„Ich rede noch mit ihm, ich setze ihm alles haarklein auseinander!“ sagte

er. „Da kommt er gerade! Gehorsamster Diener, Exzellenz, allergehorsamster

Diener!“

Er eilte auf Hardenberg zu, der eben durch den Saal kam, scharwenzelte um

ihn, verkaufte auch da seine Seelen, und ließ nicht locker, bis er den

Kanzler beim Wickel hatte.

Inzwischen wurde Metternich von einem ganzen Schwarm Komtessen in die

Mitte genommen, die eben aus dem Ballsaal hereinflatterten, um die

Majestäten anzustaunen. Er flirtete gleich drauflos, bot dieser jungen

Dame Puder an, half jener schnell mehr Rot auf die Wangen legen, hielt

ihnen seinen Taschenspiegel hin und half mit vieler Sachkenntnis die vom

Tanze erhitzten Gesichter wieder hoffähig machen. Dann bot er der

schönsten Dame seinen Arm und führte sie in die Nähe der Allerhöchsten

Herrschaften. Er war ein Herz und eine Seele und einer Meinung mit ihr,

fand wie sie die Polonäsen abscheulich langweilig und eigentlich nur einen

Tanz für Großmütter und alte steifbeinige Exzellenzen!

„Dagegen der Walzer, himmlisch!“ lispelte die Schöne. „Da schwebt man in

tollem Wirbel hin, bis sich alles um einen dreht und flimmert. Und

schließlich denkt man, man ist ein Stern am Firmament, und ringsherum

nichts als Sterne, die sich auch so im Tanze drehen und schweben!“

„Das sind Sie auch, Komtesse – ein Stern, aber Sie allein!“

Sie verschwanden in der Menge, die jetzt aus den Ballsälen hereinflutete.

Steins Gedanken waren schon anderweitig beschäftigt.

Ein leises ungleichmäßiges Stoßen auf dem Parkett, das immer näher kam,

nahm seine Aufmerksamkeit gefangen. Er brauchte nur noch die sanfte,

harmlose Stimme dazu zu hören, um zu wissen, daß Talleyrand heranhinkte.

Stein haßte und verabscheute ihn. Aber er erkannte ohne weiteres an, daß

dieser Mensch ohne Gewissen dazu prädestiniert war, die Seele jenes

Kongresses von Seelenhändlern zu sein.

Mit seinem Klumpfuß hinkte er, zynisch lächelnd, jeder großen Begebenheit

nach und nahm seinen Vorteil wahr. Im Zeitalter des _ancien régime_ als

Geistlicher, dem alle Boudoirs und tonangebenden Salons stets offenstanden

– während der Revolution als allgegenwärtiges, allwissendes, eifriges,

aber nicht allzu exponiertes Mitglied jedes Klubs, der gerade am Ruder war

– beim ersten Konsul als allmächtiger Minister, dem deutsche Fürsten und

Republiken ihre Schätze zu Füßen legten, damit er ihnen gnädigst

verstattete, ihre Ländchen mit den Trümmern des Heiligen Römischen Reiches

zu vergrößern.

Minister des Äußeren unter Napoleon, blieb er in der gleichen Eigenschaft

bei dessen Nachfolger, und wurde – aber nur als persönlicher Vertreter

König Ludwigs – zum Kongreß zugelassen. Das genügte aber, um ihn bald zu

dessen einflußreichster Persönlichkeit zu machen.

Die alten Beziehungen fanden sich schnell wieder. Ansichten und

Überzeugungen sind ja keine Gewissenssachen. Hatte man gestern eine, so

hat man dafür heute eine andere, noch vorteilhaftere. Und schließlich ist

ja ein Friedenskongreß dazu da, damit man sich verständigt!

Man fand sich also leicht. Man gewöhnte sich schnell wieder daran, den

gewandten Ränkeschmied um seinen Rat zu bitten. Und er konnte wieder nach

Herzenslust intrigieren, geheime Fäden knüpfen oder lösen, die Mächtigen

der Erde miteinander aussöhnen oder entzweien, je nachdem es der eigene

Vorteil heischte. Nebenbei gewann, ohne daß es ihn weiter kümmerte, sein

geschlagen am Boden liegendes Frankreich den Rang einer viel und heiß

umworbenen Großmacht.

Das Stoßen auf dem Parkett hörte auf. Der Klumpfuß hielt still, die sanfte

Stimme Talleyrands drang durch. Er sprach zu dem neben ihm gehenden

Abgesandten des entthronten Königs von Sachsen, dem Grafen Schulenburg.

„Es ist nicht leicht, mein lieber Graf“, sagte er im nonchalanten Ton.

„Ich habe meine liebe Not mit Ihren Angelegenheiten gehabt! Viel Arbeit,

viele Schreibereien, unzählige Konferenzen! – Ich knausere auch mit

Geschenken nicht! – Nun, dafür setze ich meinen Willen durch! Wir können

nicht dulden, daß ein treuer Freund Frankreichs, wie es Sachsen immer war,

so mir nichts, dir nichts von der Karte weggewischt wird! Ihr Souverän war

des _Kaisers_ Freund – und wir haben jetzt einen _König_! Gleichviel! Die

Person des jeweiligen Monarchen hat wenig zu sagen. _Die Politik bleibt,

wie sie war!_ Nun – Sie sehen, _ich bin geblieben_ – ich mache sie doch

eben! Also ich werde mein Bestes für Sie tun! Sagen Sie das Ihrem

Monarchen! – Selbst kann ich nicht an ihn herantreten – es würde meine

Bemühungen für ihn nur kompromittieren, ließe ich etwas merken. So etwas

muß behutsam, hintenherum gemacht werden! – _Flüstern_ Sie’s ihm also zu:

er kann sich auf mich verlassen! Ich werde es an nichts fehlen lassen, an

_gar nichts_! Die Räte aber, die die Akten machen und deren Inhalt auch,

sie sind schlecht bezahlt. Sie brauchen Aufbesserung, _nehmen sie auch

gern an_! – Mein Gott – man hat Familie, man hat Schulden, man muß sich

vorsehen, und nimmt den Segen, wo man ihn findet! Was ist dabei?! Ich

werde es auch da an nichts fehlen lassen!“

„Daran dachte mein erhabener Souverän auch“, beeilte sich der Graf

dazwischen zu kommen. „Durchlaucht werden Aufwendungen für uns gemacht

haben.“

„Ich bitte Sie, lieber Graf!“

„Das darf nicht sein. Der König wünscht wohl und ist auch damit

einverstanden, daß an nichts gespart wird. Er bittet Durchlaucht, über

seine Kasse zu verfügen. Am liebsten würden wir einen Fonds zur völlig

freien Disposition bereitstellen!“

„Ungern trage ich Verantwortung für fremde Gelder!“

„Kein fremdes Geld, und von Verantwortung auch keine Rede! Durchlaucht

wollen ganz nach eigenem Ermessen und ohne Rechnung zu legen über den

Fonds verfügen, als handle es sich um eigenes Geld. Nur eine einzige

Bedingung – –“

„Bedingung?!“

Talleyrand runzelte die Brauen.

„Eine leicht zu erfüllende: – _strengste Diskretion_!“

„Ach so!“

„Die Welt ist boshaft! _Wir_ sind ja über Verleumdungen erhaben – wer

dürfte wohl auf den Gedanken kommen, daß _wir_ – – Besser ist es aber, man

setzt sich nicht einmal der Möglichkeit aus, ein Spielball böser Zungen zu

werden!“

Sie gingen weiter.

Stein verließ seinen Beobachtungsposten und ging langsam um den Saal

herum, nach der anderen Seite hin, wo die Monarchen immer noch umschwärmt

wurden.

„Gewissenlose Vogelsteller sind das alles“, knurrte er halblaut im Gehen.

„Sie legen ihre Schlingen, umstellen ganze Völkerschaften, knebeln sie

nach Herzenslust und reden von Befreiung. Es ist ein eigen Ding um jene

‚Freiheit‘. In ihrem Namen wird gelogen, in ihrem Namen wird betrogen –

die Weltgeschichte ist voll von Raubzügen und Vergewaltigungen der

persönlichen Freiheit, die jener ‚Freiheit‘ zu Ehren begangen wurden. Und

immer noch gehen die Völker auf den Leim.

Wo auf der Gasse oder im Tempel von der Freiheit gepredigt wird, überall

ist Zulauf von naiven Seelen, die das Gequassel für bar nehmen und

glauben: nun wird sie kommen! Mit Leib und Seele nehmen diese Braven sich

dann der heiligen Sache an – das heißt, mit dem Leib nur, insofern es

nicht gefährlich ist, und mit der Seele nur, insofern man eine hat!

Hat man aber geholfen, jener gepriesenen Göttin Freiheit in den Sattel zu

helfen, dann kann es einem just passieren, wenn man die Augen zu ihr

erhebt, daß man in ihr nichts als eine neue und noch schwerere Tyrannei

erkennt als die, die man um ihrer schönen Augen willen beseitigen half.

Soweit wären wir jetzt. Wenn aber die Völker merken, daß sie die Fessel

der fremden Tyrannei nur brachen, um von den einheimischen Gewalthabern

noch schlimmer geknebelt zu werden – dann –“

Er sprach nicht zu Ende.

Die wohlbekannte verdrießliche Stimme des Königs von Preußen wurde in

einer Gruppe vor ihm laut.

Der König mit seinem Hardenberg und seinem Knesebeck und seinem Humboldt

hielt sich, wie immer, etwas abseits von den beiden Kaisern. Er blickte

gelangweilt um sich und hörte kaum zu, was ihm sein Kanzler im Flüsterton

eiligst vortrug.

„Wird abgelehnt“, sagte er dann barsch. „Geben dem Fürsten den Abschied

nicht! Ihm schreiben: können den Namen Blücher nicht entbehren!“

„Wird sofort erledigt!“

„Wollen Beruhigungsmittel für ihn finden. Wollen ihm wieder Gelegenheit

geben, uns mit seinen Apothekerrechnungen zu kommen! Wird es nötig haben!

Soll ja wieder spielen! Ist jetzt nur in Wut, weil beim Kongreß nicht

alles nach seiner Pfeife tanzt! Möchte gleich den ganzen Erdball

schlucken! Ist kein Politiker! Würde ganzen Kongreß auf den Kopf stellen,

wäre er dabei! Gönnten ihm sonst gern das Tanzvergnügen hier! – Wer ist

der stattliche General, der eben mit Kaiser Franz spricht?“

„Lord Wellington. Eben hier angelangt, um die Vertretung Englands zu

vervollständigen.“

„Nachher vorstellen!“

Stein ließ sie stehen und näherte sich der Gruppe um Kaiser Franz.

„Den König von Sachsen lasse ich nicht fallen“, sagte der Kaiser eben,

etwas hitzig werdend und auf seine Worte weniger achtend. „Ich lasse eher

schießen! Die deutschen Fürsten sind eines Sinnes mit mir!“

Er senkte die Stimme wieder.

„Hannover, Holland werden Königreiche, wie England wünscht. Hat meine

Zustimmung! Preußen muß sich bescheiden!“

Sein Blick fiel auf den Reichsfreiherrn vom Stein, dessen Plan, ein

starkes geeintes Deutschland mit dem Herrscher Österreichs als Kaiser zu

errichten, er wohl kannte. Er wandte sich an ihn.

„Die deutsche Kaiserkrone lehnen wir ab! Freuen uns, der Qual überhoben zu

sein! Haben genug in Italien zu tun!“

Stein verbeugte sich schweigend und ging weiter.

Ihn widerte der ganze Handel an. So ging es nun Monat für Monat hin und

her ohne Entscheidung, ohne greifbares Resultat, und nichts geschah, als

dieses kleinliche Abwägen kleinlicher Interessen gegeneinander. Die großen

Fürsten wollten sich auf Kosten der kleinen vergrößern – die kleinen

wollten Wiederherstellung ihrer verlorenen Macht – der eine wollte dies,

der andere das, die Reichsritter, die Johanniter, die

Reichskammergerichtsbeamten, die Prälaten, die Frankfurter Juden – alle

kamen sie mit ihren Wunschzetteln, wollten Restitution, Entschädigungen,

Monopole, Rechte für sich und Unrecht für die anderen. Die Flut schwoll an

und überschwemmte mit Akten und Gesuchen die armen Schreibersleute, die

sie zu registrieren hatten. Und die großen Herren, bei denen die

Entscheidung lag, zuckten die Achseln zu dieser Sintflut, lachten,

scherzten, tanzten und flirteten.

„Das Schicksal der Völker ist wie immer in den besten Händen!“ murmelte

Stein im Gehen. Er dachte mit Bitterkeit an seine kurze Amtszeit als

leitender Minister Preußens – dachte, wie kinderleicht es wäre, in diesem

Lande Wandel zu schaffen, wäre nicht immer Unverstand und Eigensinn und

Eitelkeit an der Spitze – hätte nicht Unvermögen, Gleichgültigkeit und

Kraftlosigkeit Entscheidungen zu treffen und ins Werk zu setzen.

Er blickte verächtlich den Zaren an, der sich jetzt als derjenige

anhimmeln ließ, dessen Energie und Entschlossenheit allein das große Werk

zum glücklichen Ende gebracht hatte, als jeder andere zweifelte und auf

dem halben Wege stehenblieb. Kein Mensch wußte, wer die ganze Zeit hinter

diesem Schwächling gestanden hatte – keiner dachte daran, daß er, Stein,

es war, der ihm den Nacken steifte, als ihm beim Einfall Napoleons in

Rußland das Herz tief in die Friedenshosen fiel, und ihn auch nachher dazu

brachte, seinen Soldaten und Generälen zum Trotz den Feldzug in

Deutschland und in Frankreich zu führen! Willenlose Schwächlinge, der eine

wie der andere, aufgeputzte Theaterpuppen alle miteinander! Könnte er nur

diese Sintflut von Fürsten, in der alles Lebenstüchtige zu ertrinken

drohte, von der Erde vertilgen, er täte es ohne Zaudern!

„Wie schade, daß Napoleon, dieser Bändiger der Fürsten, nicht hier unter

uns entstand!“ murmelte er noch. „Er war den Leuten gesund! Wäre er nur

nicht, von falschem Glanz geblendet, auch einer von ihnen geworden –,

hätte er sich einen kühlen Kopf bewahrt und der Versuchung widerstanden,

wer weiß, was noch geworden wäre?!“

So weit kam er in seinen Gedanken, da entstand eine plötzliche Bewegung im

ganzen Saal. Alles kam in Unruhe und stob auseinander. Die Säle leerten

sich fluchtartig. Die Monarchen drängten alle auf eine Stelle zusammen und

sprachen eifrig mit ihren Ministern und Räten. Kaiser Alexander redete

aufgeregt auf Kaiser Franz ein, der ihm wiederum Vorwürfe zu machen

schien, der König von Preußen kam hinzu, Hardenberg, Metternich,

Talleyrand, alles, was dazu gehörte, drängte auf die Gruppe ein und

horchte begierig – alle Intrigen, alle kleinen Feindschaften waren

vergessen –, die drohende Kriegsgefahr schien wie durch Zauber aus den

Gemütern gebannt zu sein.

„Napoleon hat Elba verlassen! Er zieht auf Paris! – Der König Ludwig ist

geflohen!“ so rief im ganzen Saal alles durcheinander, ohne an die

Etikette zu denken.

„Mein Gott, was machen wir nun?“ klagten ein paar niedliche Komtessen, und

blickten verzweifelt zu Metternich hinüber, der, sonst ihr Helfer in der

Not, jetzt kein Auge für sie zu haben schien.

„Der Maskenball beim Fürsten de Ligne wird sicher abgesagt werden! Heute

habe ich gerade mein Kostüm anprobiert – du weißt, für das _tableau

vivant_, in dem ich den Friedensengel darstellen sollte! Die Rolle lag mir

ausgezeichnet! Jetzt ist alles umsonst – alles nichts!“

„Dem Fürsten Blücher befehlen, daß er sich sofort auf seinen Posten

begeben soll! Ernennen ihn zum Oberbefehlshaber unserer ganzen Armee!“

sagte der König von Preußen im Gehen zu seinem Kanzler und ließ sich noch

rasch Lord Wellington vorstellen, der allein im ganzen Saale kühl lächelnd

dastand und das Auseinandertanzen des Friedenskongresses beobachtete.

*

Kaum war Blücher in seinem Hauptquartier zu Lüttich angelangt, da wurden

ihm die Fensterscheiben eingeworfen.

Draußen schrie man: „Vivat Napoleon! Hoch Friedrich August! Nieder mit

Preußen!“ und machte einen Höllenlärm, schwang die Waffen und lief Sturm

aufs Haus.

Es waren die guten Sachsen.

Sie waren mit den Beschlüssen des Wiener Kongresses über sich nicht ganz

zufrieden. Sie erhoben ihre Stimmen und wollten gar mitreden. Die

achtmalhunderttausend verratenen und verkauften sächsischen Seelen muckten

dagegen auf, ihre wunderschönen grünweißen Landesfarben in preußisch

Schwarzweiß umtauschen zu müssen. Der ganze Handel gefiel ihnen nicht. Sie

bedankten sich, und man konnte es ihnen nicht verdenken.

Als man aber Ernst machte, als das preußische Oberkommando anfing, die

sächsischen Truppenverbände, die jetzt zur Abwechslung gegen, statt für

Napoleon ausgezogen waren, zu zerreißen und die Böcke von den Schafen zu

trennen, siehe, da wollten sie alle keine Schafe sein, da bockten sie

heidenmäßig auf und machten ein groß Geschrei. Die, „welche noch“, und

die, „welche nicht mehr“ sächsisch sein sollten, wurden plötzlich ein Herz

und eine Seele, als seien sie nicht mehr Kinder eines Volkes und gar eines

deutschen Stammes. So einig waren sie gegen ihre neuen Gewalthaber.

Sie meuterten also förmlich und fühlten sich dazu nicht nur berechtigt,

sondern geradezu verpflichtet, da ihr König sie noch nicht ihres Treueides

entbunden hatte.

Der hatte damit keine Eile.

Er hoffte im geheimen auf den Sieg Napoleons. Im Geiste sah er sich wieder

im ungeschmälerten Besitz seiner achtmalhunderttausend grünweißer Seelen

und etlicher schwarzweißer dazu.

Er hielt sie also nach Kräften an ihrem Treueid fest wie ein Bündel

Heringe an ihrer Strippe. Und Blücher, der mit den Beschlüssen jenes von

ihm sooft verfluchten Kongresses nicht das geringste zu tun gehabt hatte,

mußte wieder einmal ausfressen, was die Diplomatiker eingebrockt hatten.

Ihm wurden die Fensterscheiben eingeworfen. Er wurde angespuckt und in

reinstem Sächsisch gebeten, mit Extrapost zur Hölle zu fahren. Man wollte

ihm sogar behilflich sein und zeigte ihm mit den Spitzen der blanken Waffe

den nächsten Weg.

Alles andere hatte er erwartet, nur den Empfang nicht.

Er hatte die Sachsen geehrt und bevorzugt. Er hatte sein Hauptquartier in

ihre Mitte verlegt. Er hatte dem sächsischen Korps die Bewachung seiner

Person anvertraut. Und nun mußte er das erleben!

Daß ein Volk sich nicht wie ein Haufen Vieh verhandeln lassen konnte, am

allerwenigsten durch Beschluß fremder Mächte wie England, Frankreich und

Rußland – daß es sich dagegen empörte und sich zur Wehr setzte, das war zu

verstehen.

Aber Meuterei war Meuterei und angesichts des Feindes durch nichts zu

entschuldigen. Kein Heer der Welt, das nicht sich selbst aufgibt, durfte

das dulden. Kein Befehlshaber durfte es sich gefallen lassen, und wenn es

sein Leben gälte!

Blücher war auch nicht derjenige, der auswich, wenn man ihm mit blanker

Waffe unter der Nase herumfuchtelte. Er zog sofort vom Leder, wollte sich

dem meuternden Haufen entgegenstellen, und war nur mit Mühe von solch

nutzlosem Beginnen abzuhalten.

Seiner Umgebung gelang es, ihn zu überreden, sich für den Augenblick in

Sicherheit zu bringen. Aber er hielt ein strenges Gericht. Bei Strafe der

Dezimierung mußten die Aufrührer ihre Rädelsführer ausliefern.

Diese wurden erschossen, die meuternden Bataillone aufgelöst, ihre Fahnen

wurden verbrannt und das ganze sächsische Armeekorps nach Hause geschickt.

Blüchers Armee bestand fortan aus lauter Preußen, unter den vier

Korpsführern Zieten, Bülow, Pirch und Thielmann.

Yorck, dessen widerborstiges Wesen im letzten Feldzug so viel Verdruß

verursacht hatte, wurde nicht mitgenommen. Gneisenau aber war wieder

Generalquartiermeister.

Die Armee bezog Stellungen von Lüttich über Namur bis Charleroi, wo Zieten

kampierte. Wellington mit seinem aus Engländern, Hannoveranern, Hessen und

Braunschweigern bestehenden Heer hatte von Nieuport über Brüssel bis zur

Schelde weit auseinanderliegende Quartiere bezogen.

Da wollten beide den Aufmarsch der Russen und Österreicher über den Ober-

und Mittelrhein abwarten, um dann konzentrisch in Frankreich einzurücken

und mit einer Übermacht von sechshunderttausend Mann Napoleon zu

erdrücken.

Napoleon tat ihnen aber nicht den Gefallen, darauf zu warten.

Für ihn gab es nur die eine Möglichkeit, die feindlichen Heere einzeln und

nacheinander anzugreifen und zu schlagen.

Schnell wie der Blitz tauchte er eines Tages plötzlich bei Maubeuge auf,

mit einer Armee von hundertachtundzwanzigtausend Mann und

dreihundertvierundvierzig Kanonen, schritt gleich zum Angriff, drängte

Zieten von Charleroi bis zum Lignybach zurück, warf sich zwischen die

englische und preußische Armee, die zusammen zweihundertzehntausend Mann

und fünfhundertvierundzwanzig Kanonen hatten, und bedrohte ihre wichtigste

Verbindungslinie, die Chaussee von Brüssel nach Namur.

*

Vor einer Mühle in der Ebene von Fleurus stand ihr Besitzer, ein alter

flämischer Windmüller, und blickte betrübt in die Gegend hinein.

Die ganze Nacht, den ganzen gestrigen Tag hatte er auf der Chaussee von

Charleroi den Lärm anrückender Truppenmassen gehört. Die Preußen, die

zuerst gekommen waren, lagerten noch in und um den Dörfern am Lignybach.

Jetzt rückten die Verfolger, die Franzosen, heran. Und die Preußen machten

noch keine Miene, weiter auszuweichen!

Der Müller seufzte.

Blieben sie, dann säße er wieder hübsch in der Klemme! Dann würden von

hüben und drüben Kanonenkugeln heranfliegen, die neuen Flügel seiner Mühle

zerschmettern und, wer weiß, sie am Ende gar in Brand stecken! Und er käme

um seinen Besitz! Seine schöne Mühle, die er, im Vertrauen auf einen

dauernden Frieden, wieder mit Mühe und Not instand gesetzt hatte, wäre

hin, und er konnte betteln gehen!

Er seufzte, ging mit schweren Schritten in die Mühle hinein, stieg die

schwankende Leiter bis zum Dach hinauf, öffnete die Luke und trat auf die

Plattform hinaus.

Von hier hatte er freien Blick nach allen Seiten und konnte sogar über die

hohen Pappeln und Weiden, die die Ufer des Lignybaches umsäumten und unten

den Ausblick nach Osten behinderten, hinwegsehen.

Drüben im Osten, wo die scharfen Silhouetten einiger Windmühlen sich gegen

den Himmel abzeichneten, kribbelte und krabbelte es wie ein endloser Zug

von Ameisen auf der Chaussee von Namur nach Brüssel, die sich am Kamm des

Höhenzuges entlang wand. Gen Sombreffe ging es und noch etwas darüber

hinaus. Dort schien es sich zu stauen, quoll an, breitete sich aus und

begann langsam die hohe Böschung von der Chaussee nach dem Bach zu

überfluten. Die Ameisen krochen näher, bekamen blitzende Spitzen, bunte

Farben, sie wuchsen, gliederten sich, nahmen Form an, wurden zu Menschen,

Pferden, Geschützen, Wagen, und bedeckten bald den ganzen Abhang, mehrere

Meilen breit bis zum Bach herunter. Und schließlich stand, wie auf einem

fächerartig sich ausbreitenden Amphitheater, die ganze preußische Armee

gefechtsbereit da.

Der Müller nahm seine Mütze ab und wischte sich die Schweißtropfen aus der

Stirn. Der Tag war heiß, die Sonne brannte. Es würde noch ein Gewitter

geben.

Unten prangten die Wiesen wieder in saftigem Grün, nachdem die erste

Heuernte geborgen worden war. Die Kornfelder standen reich in goldener

Fülle und harrten des Schnitters.

Ein einziger Tag würde genügen, diesen ganzen Reichtum zu vernichten.

In den nächsten Stunden schon würde der Schnitter Tod seine Sense

schwingen und Ernte halten. Die Erde würde wieder daliegen, aufgewühlt und

mit tausend klaffenden Wunden, von blutigen Trümmern, Leichen und

Pferdekadavern bedeckt. Die Feldfrüchte würden zerstampft, alles

vernichtet werden!

Wie oft schon hatten seine Augen das gleiche Schauspiel gesehen! Seit

seiner ersten Jugend kannte er’s nicht anders, als daß fremdes Kriegsvolk

die Fluren seiner Heimat verwüstete. Immer wieder suchten sich die Völker

Flanderns blutgetränkte Erde zum Tummelplatz ihres Haders und ihres

Streites aus. Jahraus, jahrein brauste der Schlachtenlärm über seine

fruchtbaren Gefilde hinweg. Das einst so reiche und mächtige Land

verödete, sein Handel, seine Industrie suchte sich anderswo eine

gesicherte Heimat, und nur die alten Städte mit ihren Burgen, Hallen,

Türmen und weit ins Land hineinragenden Belfrieden zeugten noch von der

einstigen Macht und Herrlichkeit ihrer Bewohner.

Der Müller stand noch eine Weile und blickte verträumt auf die dichten

Wolken, die sich im Osten allmählich über den Horizont erhoben und

anfingen, langsam das Blau zu verdecken. In einigen Stunden würde das

Gewitter da sein.

Unten wurden Hufschläge von Pferden laut und verstummten am Eingang.

Gleich darauf knarrte die Leiter im Innern der Mühle unter wuchtigen

Tritten. In der Wandluke zur Plattform kam ein scharfgeschnittenes Gesicht

zum Vorschein, darüber ein dreieckiger schwarzer Hut, und dann eine grüne

Uniform mit weißem Brustlatz über einem starken kurzen Körper. Im nächsten

Augenblick stand der Kaiser Napoleon vor dem Müller, der eiligst seine

Mütze vom Kopfe riß.

Der Müller kannte ihn wohl – und wem in der ganzen Welt wären wohl die

Züge jenes Märchenhelden noch unbekannt gewesen?

Er trat auf den Kaiser zu und verbeugte sich tief. Er wollte die

Gelegenheit benützen, ihm ins Gewissen zu reden – wollte hinausschreien,

was er auf dem Herzen hatte, wollte ihm von hieraus die reiche Ernte

ringsherum zeigen, die jetzt auf ein Wort von ihm der Vernichtung

anheimfallen würde, und wollte sagen: „Sehen Sie, Sire, wie schön das

alles ist, und wie reich uns der Himmel in diesem Jahre segnet! Das alles

hier unten sind Gaben des Himmels! Und Gaben des Himmels tritt man nicht

mit Füßen! Denkt doch daran. Schont unser armes, gemartertes Land! Laßt es

nicht wieder verwüsten – laßt meine einzige Habe nicht vernichten. Es

kostet nur ein Wort! Ein Wort, Sire, von Ihrem Munde gesprochen! Sie haben

die Macht! Nützen Sie sie aus! Haben Sie Erbarmen!“

So wollte er sprechen. Als er aber die Blicke zu dem ehernen Gesicht des

Schlachtenkaisers erhob, da vergaß er alles, da verlor er den Mut.

Was hätte es auch genützt?!

Die Worte hätten keinen Einlaß in das Bewußtsein jenes Gewaltigen

gefunden, der vor ihm stand. Dort drinnen war alles in voller Gärung. Die

Vorfreude einer großen Tat durchfieberte seinen Geist und spannte sein

ganzes Denken an. Gewaltige Ideen jagten sich, ungeheure

Gedankenverbindungen lösten sich dort unter jener Stirn ab, sein ganzes

Hören war auf die Zuflüsterungen seiner inneren Stimme gerichtet. Wie wäre

es ihm nur möglich gewesen, das Wimmern jenes armseligen Wurmes zu

beachten, der sich vor ihm krümmte!

Napoleon streckte die Hand aus, zeigte auf die Höhen im Nordosten, und

fragte, ohne auf den Müller zu sehen:

„Das Dorf drüben, von dem der Kirchturm aus der Talsenke hinter der

Windmühle aufragt?“

„Brye!“ antwortete der Müller.

„Und drüben im Osten, rechts von Sombreffe, an der Chaussee von Namur?“

„Point de jour!“

„Das Dorf hier unten, wo der Bach im geraden Winkel von uns nach Osten

abbiegt, ist Ligny?“

„Ganz richtig!“

„Die drei Dörfer links davon, vor der Biegung des Baches sind also –?“

„Saint-Amand – Saint-Amand la Haye – Le hameau Saint-Amand!“

„Das Dorf am meisten links ist also Wagnelée. Und dahinter, die Straße,

die die Chaussee quer schneidet, wäre denn die alte Römerstraße?“

„Das stimmt!“

„Da wären wir also orientiert!“ sagte der Kaiser und fing an, das ganze

Amphitheater und den Horizont mit seinem Fernrohr gründlich abzusuchen.

„Mindestens neunzigtausend!“ murmelte er vor sich hin. „Sein viertes Korps

wird also noch unterwegs sein. Um so besser!“

Er schob sein Fernrohr zusammen, bückte sich und rief durch die Luke in

die Mühle hinein.

„Marschall Soult soll sofort noch einen Kurier nach Quatrebras an

Marschall Ney abfertigen, den Befehl von heute früh nachdrücklich

wiederholen und sagen, ich griffe um zwei Uhr die Preußen an, er möge

sofort alles, was vor ihm steht, wegfegen, Quatrebras und die Straße von

Namur nach Brüssel besetzen, dann zwölf- bis fünfzehntausend Mann

hierherdetachieren und die Preußen in den Rücken nehmen. Spätestens um

zwei Uhr will ich seine Kanonen hören!“

„Zu Befehl!“ antwortete drinnen eine Stimme, und die Leiter im Innern der

Mühle fing wieder an zu quietschen und zu knarren unter den Schritten des

Fortgehenden. Gleich darauf klapperten unten Hufschläge, die sich rasch

entfernten.

„Ist der Bach die ganze Strecke von uns aus so dicht mit Bäumen

eingefaßt?“ fragte Napoleon den Müller, der immer noch mit der Mütze in

der Hand dastand.

„Hinter Ligny – geradeaus von uns – ist eine baumlose Strecke“, antwortete

dieser.

„Es ist gut!“ sagte Napoleon, zufrieden, einen Platz herausgefunden zu

haben, von dem aus er die preußische Stellung flankierend beschießen

lassen konnte.

Er ging um die Plattform herum und blickte nach Westen über das Feld

hinaus, wo seine eigenen Truppen im Anmarsch waren.

Links von der Chaussee Charleroi – Namur stand schon das Korps Vandamme in

Stellung vor den drei Dörfern Saint-Amand. Auf der Straße selbst und

rechts am Bach, von dessen Biegung ab – also fast in rechtem Winkel zu

Vandamme – war das Korps Gerard im Begriff, sich auszubreiten – rechts von

ihm die leichte Kavallerie Pajols, Exelmanns Dragoner und Milhauds

Kürassiere – hinter der ganzen Aufstellung, als Reserve, die Garde. Im

ganzen 64 000 Mann. Aber drei Lieues rückwärts, wo der Weg von Charleroi

sich in die Chausseen nach Brüssel und Namur teilt, hatte Napoleon noch

den Grafen Lobau mit zehntausend Mann stehen, um im Bedarfsfalle entweder

auf der einen oder der anderen Straße zur Unterstützung vorgehen zu

können.

Voll stolzer Zuversicht blickte der Kaiser über seine Truppen hinaus – die

prächtigsten, die er seit langem geführt hatte. Hätte er die im Vorjahre

gehabt, nimmermehr wäre der Feind in Paris eingezogen – die lächerliche

Elbaepisode hätte er niemals erlebt, und der Kampf wäre ihm jetzt erspart

worden.

Seine Veteranen waren aber in alle Welt zerstreut gewesen, in Spanien, in

den deutschen Festungen, in den Spitälern, oder kriegsgefangen. Und er

hatte den Endkampf mit unerprobten Rekruten und mit schlechtem oder

minderwertigem Material ausfechten müssen, da seine Hauptdepots in

Deutschland verlorengegangen waren.

Diese Leute hier waren aber fast alle in zwanzigjährigen Kämpfen gestählt,

wetterfeste, gebräunte Kerle mit Nerven aus Stahl und mit unbeugsamem Mut,

jeder einzelne zehn andere aufwiegend.

Napoleon zwängte seinen dicken Körper wieder durch die Luke hinein, ohne

den Mühlenbesitzer weiter zu beachten. Dieser hatte auch schon den Kaiser

vergessen und blickte interessiert nach der Mühle bei Bussy hinüber, wo

unter den dunklen Uniformen der Preußen einige rote Röcke aufleuchteten,

und viel Gold und Flitter verrieten, daß dort wohl der feindliche Stab,

mit Engländern vermischt, seinen Standort hatte.

Die Gewitterwolken waren bis zur halben Höhe des Himmels geklettert. Die

Sonne stand im Zenit und sandte eine mörderische Glut herab. Der Wind

schlief.

Vier Kuriere hatte Napoleon schon an Ney geschickt mit dem gleichen

Befehl, und noch immer hörte er nicht dessen Kanonen.

Die Spannung wuchs ins ungeheure.

Führte Ney pünktlich seinen Befehl aus, so gab’s für die Preußen kein

Entrinnen mehr. Sie würden der sicheren Umzingelung und Erdrückung nicht

entgehen können und waren für diesen Feldzug aus dem Spiel.

Die Niederlage der Engländer war dann nur eine Frage der Zeit – und die

politischen Folgen unabsehbar. Das Schicksal der Welt hing von der

strikten Ausführung dieses einen Befehls an Ney ab.

Mit der Uhr in der Hand wartete Napoleon die Zeit ab. Der Zeiger rückte

unendlich langsam vorwärts – es wurde eins – es wurde halb zwei – zwei –

und immer noch keine Kanonade von drüben!

Was war denn los? Ney, sonst kaum zu zügeln, und jetzt?

Napoleon verfluchte innerlich seine Unklugheit, seinen ganzen linken

Flügel in die Hand dieses unzuverlässigen Brausekopfs gegeben zu haben. Er

hatte aber keine Wahl gehabt. Die meisten seiner alten Marschälle waren

kriegsmüde und unter allerlei Vorwänden auf ihren Gütern geblieben. Sie

trauten seinem Glück nicht mehr und zogen es vor, sich noch alle Auswege

offenzuhalten. Ein Sieg nur – und er hätte das Vertrauen jener Zaghaften

wieder! Dieser Sieg winkte ihm heute so sicher wie einst bei Austerlitz –

bei Jena – bei Marengo, und gleich umfassend, gleich vernichtend für den

Feind! Könnte er nur selbst überall anwesend sein – selbst jede Einzelheit

seines Planes ins Werk setzen!

Er schickte rasch noch einen Kurier nach Quatrebras, mit dem eigenhändigen

Befehl an Ney, sofort zum Angriff auf die Engländer zu gehen und gleich

einige Regimenter hierherzusenden. „Das Schicksal Frankreichs liegt in

Ihrer Hand!“ schrieb Napoleon, zog dann die Uhr, wartete bis halb drei,

fluchte laut, weil er noch immer keinen Kanonendonner von Ney hörte, und

erteilte endlich den Befehl zum Angriff.

Sogleich warf sich Vandamme mit seiner Division auf die drei Dörfer

Saint-Amand, in denen Zieten sich festgesetzt hatte. Es waren drei

Festungen, wie sie da unten im Talgrund am Bach lagen, von Obstgärten,

Hecken, Zäunen umgeben und untereinander verbunden durch die hohe grüne

Kulisse der am Lignybach wachsenden Pappeln und Weiden, die Freund und

Feind gleich unsichtbar füreinander machten.

Die Dörfer wurden nach heftig hin und her wogendem Kampf von den Franzosen

genommen. Darüber hinaus war aber kein Fortkommen, der Bach blieb für sie

ein unüberwindliches Hindernis – die Stellung der Preußen auf den Anhöhen

dahinter war durch frontalen Angriff uneinnehmbar.

Blücher hatte zwischen Brye und Saint-Amand 60 000 Mann stehen, die er so

allmählich in den Kampf eingreifen ließ, um die Dörfer vom Feind

zurückzuerobern. Nach stundenlangen wütenden Kämpfen, die besonders in

Ligny äußerst blutig wurden, beschloß Napoleon, einen Keil zwischen die um

die Dörfer kämpfenden beiden Korps Blüchers und seine Reserven zu treiben.

Er bildete aus sechs Bataillonen seiner Garde eine Sprengkolonne, führte

sie selbst von der Biegung des Baches am Dorfe Ligny vorbei und ließ dort

durch Sappeure eine Gasse in Kompaniebreite durch die den Bach umsäumenden

Bäume legen, um dort zum Durchbruch der preußischen Front vorzustoßen.

Die Gefahr für die Preußen war groß.

Blüchers rechter Flügel hing in der Luft und konnte jeden Augenblick

umgangen werden, wenn der französische linke Flügel mit Ney eingreifen

würde. Er hatte die Unvorsichtigkeit begangen, die Schlacht anzunehmen,

ohne erst die Ankunft seines vierten Korps abzuwarten. Er vertraute auf

Wellingtons bestimmtes Versprechen, um vier Uhr zu ihm zu stoßen, und

hatte Napoleon das gleiche Schicksal zugedacht, wie dieser ihm.

Aber weder Wellington noch Ney kamen.

Im vergeblichen Abwarten dieser Unterstützung auf beiden Seiten rieb man

sich im Kampf um die Dörfer auf, ohne vom Fleck zu kommen. Tausende von

Leichen bedeckten die Dorfstraßen, die Gärten und die umgebenden Felder.

Der Nachmittag ging schon zur Neige. Die Hitze, immer noch drückend, wich

plötzlich, als auf einmal mit gewaltigem Krachen das Gewitter über das

Schlachtfeld niederging. Plötzliche Dunkelheit ersetzte die frühere

strahlende Helle, Blitze züngelten. Der Donner erstickte das Krachen der

Geschütze, der Kampf schien zu erlöschen in den den Wolken entströmenden

Fluten.

Blücher, der immer noch hoffte, Wellington mit seinen Rotröcken im Rücken

Napoleons ankommen zu sehen, trieb seine Divisionen unaufhaltsam vorwärts

gegen die von den Franzosen besetzten Dörfer. Er biß sich in sie fest und

ließ nicht locker, er würde sie festhalten, solange er noch Kraft hatte,

bis der Engländer anlangte, um ihnen den Fangstoß zu geben. Aber der

Engländer kam nicht, und seine Leute ermüdeten. Er sprengte dann an die

Division Pirch heran, um sie selbst zur Unterstützung heranzuführen. Als

die Leute Blücher auf seinem Schimmel herangaloppieren sahen, blieben sie

stehen und grüßten den Marschall mit begeisterten Zurufen.

Blücher, dem es an allem anderen mehr gelegen war, als mit

Huldigungstratsch auch nur eine Sekunde kostbarer Zeit zu verlieren, hielt

jäh seinen Schimmel an, erhob sich in den Steigbügeln, drehte sich zornrot

um und schrie ihnen mit Donnerstimme zu: „Leckt mich – – –! Dort steht der

Feind! Vorwärts!“ – gab dann seinem Gaul die Sporen und flog allen voran

in den Kugelregen hinein, der ihm aus den Dörfern den Willkomm gab.

Das Gewitter wurde immer heftiger, es dunkelte immer mehr. Es wurde schon

acht Uhr, und immer noch war keine Entscheidung, immer noch kein Ney in

Sicht!

Schließlich wurde Napoleon des Harrens müde und erteilte seiner Garde, die

er solange wie möglich geschont hatte, den Befehl zum Angriff.

Durch die offene Gasse zwischen den Bäumen rückten die Bataillone vor,

überschritten den Bach und stürmten die Anhöhe auf der anderen Seite

hinan, um hinter die 60 000 Mann Blüchers zu kommen, die unten bei den

Dörfern kämpften, und sie von dem Korps Thielmanns, das noch oben an der

Chaussee stand, und von Bülow, falls der käme, zu trennen.

Das Gewitter wurde immer gewaltiger, Blitz auf Blitz züngelte nieder und

beleuchtete die Einbruchsstelle, aus der die Kolonne der Bärenmützen

langsam und unwiderstehlich wie eine Naturmacht aus der Tiefe

heraufdrängte und alles vor sich hinwegfegte.

Die Gefahr war groß. Blücher warf alles, was er an Kavallerie hatte, den

Franzosen entgegen, eilte selbst von dem Kampf um Saint-Amand zurück nach

Brye und ordnete den Gegenangriff. Feurig wie ein Jüngling, mit vor

Aufregung gerötetem Gesicht, sprengte der Dreiundsiebzigjährige, den Säbel

schwingend, in großen Bogensätzen allen voran und feuerte sie durch Zurufe

an.

Als käme er aus den Wolken, so wirkte im Aufflackern der Blitze seine

rasend vorwärts stürmende Erscheinung auf Freund und Feind.

Ein ohrenbetäubender Krach, ein minutenlanger Blitz, das Pferd Blüchers

machte einen Riesensprung, als wollte es mit ihm in den Himmel

hineingaloppieren, und dann war es verschwunden. Kein Blitz vermochte es

mehr aus dem Dunkel hervorzuzaubern. Aber wo es zuletzt gesehen war,

rasselten die Hufschläge der jetzt zur Attacke vorstürmenden Kürassiere

Milhauds vorüber – und dann zurück, von den preußischen Reitern verfolgt.

Die Preußen fanden ihren Feldmarschall unter seinem Pferd liegend,

beschützt von seinem treu an seiner Seite ausharrenden Adjutanten Nostiz.

Sie befreiten ihn aus seiner qualvollen Lage, setzten ihn, dessen alte

Knochen immer noch unversehrt waren, auf ein anderes Pferd und brachten

ihn aus dem Schlachtgetümmel.

Gleichzeitig brachen die Franzosen aus allen Dörfern hervor, die nun nicht

länger zu halten waren, nachdem durch den Stoß der Garde die preußische

Schlachtlinie durchbrochen worden war. Die Preußen räumten das Kampffeld

und zogen sich auf Tilly und Mellery zurück. Die Straße von Namur nach

Brüssel, ihre einzige Verbindung mit den Engländern, war ihnen

verlorengegangen. Es blieb ihnen nur übrig, entweder auf den Rhein

zurückzugehen oder auf einem großen Umweg noch die Vereinigung mit

Wellington zu versuchen.

Mitten in der Nacht traf Gneisenau auf Blücher, der, auf Stroh gebettet,

in einer Hütte in Mellery lag und von seinem Leibarzt Bieske gesalbt und

frottiert wurde.

„So’n Sturz mit dem Pferd war noch nicht da!“ rief ihm der Alte entgegen.

„Wenn das nicht Glück bedeutet, dann will ich gehängt werden. Das nächste

Mal, Gneisenau, das nächste Mal! Heute haben wir Schmiere gekriegt, das

wollen wir ausbessern. Wir müssen uns zurückziehen, daran ist nichts zu

ändern, _aber der Rückzug geht vorwärts_, wie immer – vorwärts an den

Feind heran!“

Das wäre auch seine Absicht gewesen, sagte Gneisenau, und das hätte er

schon angeordnet. Er hätte Bülow bereits andere Marschorders gegeben und

die Armee in die Richtung auf Wawre dirigiert, statt zurück nach Namur und

Lüttich.

„Wir geben wohl dadurch unsere Verbindungslinie auf,“ setzte Gneisenau

lächelnd hinzu, „und das ist ja bei einer geschlagenen Armee nicht gerade

üblich! Aber wir kommen mit den Engländern zusammen und führen hoffentlich

noch mit ihnen gemeinsam einen vernichtenden Streich gegen den Feind!“

Damit war Blücher einverstanden. Das war ganz nach seinem Sinn. Gneisenau

ging. Und als der Doktor auch fort war, rief Blücher seinen Kammerhusaren.

„Ist der Quacksalber nun weg?“ fragte er. Und setzte, als die Frage bejaht

wurde, im Flüsterton hinzu: „Der hat mich nun wieder bepflastert und

gesalbt, wie’s nicht anders von ihm zu erwarten war! – Das _Innerliche_

wollen wir uns aber selbst verschreiben. Hol’ mir eine Flasche Champagner

her. Aber heimlich, daß es keiner sieht!“

Das besorgte der Husar, goß dem Feldmarschall ein Bierglas voll, bekam

selbst sein Teil, und so waren sie bald wieder klar zum Gefecht.

*

Die Preußen marschierten.

Auf grundlosen Wegen, bei strömendem Regen arbeiteten sie sich vorwärts,

abgehetzt, hungrig, durchnäßt, aber doch frohen Mutes, weil ihr Marsch sie

wieder an den Feind heranführte, und weil sie alle danach lechzten, die

Scharte auszuwetzen und für die gefallenen Kameraden Rache zu nehmen.

Der verfolgende Sieger machte es sich bequem.

Er nahm ohne weiteres an, die geschlagenen Feinde hätten nichts Eiligeres

zu tun, als wieder nach Hause zu laufen, und verfolgte sie also, nachdem

er erst weidlich gerastet hatte, in der Richtung auf den Rhein zu. Und so

marschierten die Preußen an seiner Nase vorbei, ohne daß er etwas merkte,

sammelten ihre Versprengten, ordneten ihre Verbände und langten am

nächsten Tage ungefährdet in Wawre an.

Napoleon selbst hätte sie nicht so leichten Kaufes entkommen lassen. Er

hatte aber den Führer seines rechten Flügels, den Marschall Grouchy, mit

der Verfolgung betraut, und zog selbst mit den Garden und der schweren

Reiterei in der Richtung auf Brüssel den Engländern entgegen, die sich

langsam vor ihm zurückzogen, um sich ihm schließlich am Wald von Soignes,

auf dem Höhenzuge von Mont St.-Jean, in den Weg zu legen.

Am 18. Juni früh sprach General Friant von der alten Garde im

Hauptquartier beim Generalstabe vor, dem jetzt nicht Berthier, sondern

Marschall Soult als Generalquartiermeister vorstand.

Friant war einer der alten Veteranen, der alle Feldzüge mitgemacht hatte,

und genoß das größte Vertrauen Napoleons.

Der Kaiser war noch nicht von seinem Rekognoszierungsritt zurückgekehrt.

Die beiden Generäle ritten langsam Seite an Seite die Chaussee entlang dem

Kaiser entgegen.

Sie unterhielten sich über die vorgestrige Schlacht und die Aussichten für

die heutige und für den Feldzug überhaupt, und waren nicht ohne Bedenken.

„Der Kaiser hat das _Va-banque_-Spielen verlernt!“ sagte der alte Friant,

der in den meisten Partien mitgespielt hatte und also Bescheid wissen

mußte. „Früher war es anders. Idee, Entschluß, Tat waren zugleich da –

waren _ein_ Blitz, der niedersauste, traf und zerschmetterte. Jetzt

überlegt der Kaiser, spekuliert, erwägt die Chancen für und wider mit

einer gewissen Genießerfreude im Auffinden von Spitzfindigkeiten und

versäumt darüber den rechten Moment. Seine Siege sind längst keine

Katastrophen mehr für den Feind und für uns nur keine Niederlagen. Die

Niederlage ist dafür bei ihm in den Bereich des Möglichen gerückt. Das

verstimmt und macht einen unsicher!“

„Das macht das Fett“, sagte der lange, hagere Soult mit seiner hohen

Fistelstimme, und strich seine wildflatternden Haarsträhnen aus dem

gefurchten Altweibergesicht. „Das Fett macht bequem, phlegmatisch und

kurzatmig – das verfettete Herz hüpft nicht mehr in seinem Knochengehäuse

wie ein Frosch auf einer grünen Wiese. Es zappelt nur lahm, sinkt müde hin

und schläft ein. Daher die plötzliche Schlafsucht beim Kaiser in den

letzten Jahren. Sie überkommt ihn ganz plötzlich bei den ungeeignetsten

Gelegenheiten und überwältigt ihn unwiderstehlich, als erlösche auf einmal

in ihm alles Licht. Mitten im entscheidenden Moment einer Schlacht hört er

auf einmal nicht und sieht nicht mehr; alles flimmert ihm vor den Augen

und fließt auseinander; er muß sich sofort hinlegen und liegt dann da wie

ein Toter, ohne Träume, ohne Bewußtsein. So hat er selbst es mir

geschildert. Es ist das Fett – ich wiederhole es. Und meines Erachtens

sind wohl auch die verschiedenen galanten Krankheiten nicht spurlos an

seinem Geist vorübergegangen.“

„Dem möchte ich nicht beipflichten“, sagte der alte Friant kopfschüttelnd.

„Sein Geist weilt in der klaren Höhenluft wie früher, gleich

durchdringend, gleich schnell im Erfassen der Lage und im Entwerfen der

Pläne. Aber der Körper ist von den jahrelangen, nie aufhörenden Kämpfen

müde geworden. Und wie seine leiblichen Glieder allmählich erschlaffen, so

auch seine geistigen: seine Unterführer. Die Herren Marschälle

funktionieren nicht mehr wie früher. Sonst blitzschnelle Vollstrecker

seines Willens, sind sie jetzt unsicher und zaghaft und nur, wenn er

persönlich dabei ist und sie antreibt, von dem gleichen Elan wie ehemals.

Und der Kaiser, sonst scharf und vernichtend in seiner Kritik auch dem

besten Freund gegenüber, ist jetzt sanft und nachsichtig geworden und

vermeidet die verletzenden Worte, die ihm sonst so schnell auf die Zunge

kamen. Ich habe mich gewundert, wie milde er heute dem Marschall Ney kam,

dessen Trödeln vorgestern das Mißlingen seines schönen Einkreisungsplans

verschuldet hatte.“

„Ich nicht“, sagte Soult. „Der Kaiser macht eben keine unnützen Worte.

Kein Wort kann am Geschehenen etwas ändern. Was vorbei ist, ist vorbei.

Als Ney gestern vor ihm stand, da stand er nicht als Vertreter seines

gemachten Fehlers da, sondern als Träger einer Hauptaufgabe in der

nächsten Schlacht!“

„Die er uns denn auch verpatschen wird“, antwortete Friant brummig. „Das

weiß Napoleon auch ebensogut wie wir. Er war keinesfalls von Nachsicht

gegen Ney beseelt. Er war nur vorsichtig. Er hat im Vorjahre eben an

seinen treuesten Dienern die bittere Erfahrung machen müssen, daß ein

Abfall auch bei denen möglich ist. Das brennt sich in die Seele ein. Den

Treueid Neys hat er auch einschätzen gelernt, als der gute Fürst von der

Moskwa, wenn auch zu seinen Gunsten, den Bourbonen den feierlichen

Treuschwur brach. Auch wird er niemals am eisernen Käfig vorbeikommen, in

dem Ney versprochen hatte, ihn nach Paris zu bringen. Der steht immer

zwischen ihm und dem Marschall. Mir scheint es jedenfalls seitdem immer,

als sprächen sie durch das Gitter jenes eisernen Käfigs miteinander, und

als wüßten sie alle beide dabei nicht recht, wer von ihnen drinnen und wer

draußen ist. Ein gutes Zusammenarbeiten gibt das nicht. Napoleon ärgert

sich heimlich, weil er Ney nicht entbehren zu können glaubt. Und Ney ist

unzufrieden, weil er schwach war und sich wieder gebrauchen lassen muß.

Denn er ist schwach – er ist gänzlich ohne Charakter – er ist dumm,

geistlos, hat nichts als sein tapferes Herz und seinen Löwenmut, der alles

mitreißt und in Flammen setzt. Wie fest glaubte nicht der Schwachkopf an

seine eigenen Worte, als er vor einem Vierteljahr an der Spitze einer

Armee auszog, um Napoleon zu fangen. Und kaum erblickte er den grauen

Mantel und den schwarzen Dreispitz Napoleons wieder, da schrie er zuerst

von allen sein ‚_Vive l’empereur!_‘ und führte den Kaiser im Triumph in

die Tuilerien. Und dann war wieder die Reue da mit dem bösen Gewissen über

den gebrochenen Treueid an Ludwig, den er niemals hätte schwören dürfen,

den er aber, einmal gegeben, hätte unbedingt halten müssen. Er fuhr auf

seine Güter, zeigte sich nicht bei Hofe und stellte sich nicht beim

Kriegsausbruch, er ebensowenig wie Berthier, Massena, Angereau und all die

anderen. Aber – kaum schreibt ihm Napoleon die paar Worte: ‚Beeilen Sie

sich, wenn Sie meine erste Schlacht noch mit ansehen wollen‘, da wirft er

sich aufs Pferd, galoppiert los, ohne Gepäck und nur von einem Adjutanten

gefolgt, reitet die Pferde kaputt, nimmt von Mortier dessen Pferde in

Maubeuge und kommt noch früh genug, um das Kommando des ganzen linken

Flügels zu bekommen und uns die vorgestrige Schlacht zu verderben. Ich

habe nach dem allen nicht viel Vertrauen mehr zu seiner Führung.“

Soult antwortete nicht. Es war ihm peinlich, über einen alten

Kriegskameraden zu Gericht zu sitzen. Aber der alte Friant hatte sein

Thema noch nicht erschöpft.

„Es ist merkwürdig,“ sagte er noch, „wie die geringfügigsten Umstände in

der Kindheit oft für das ganze Leben eines Menschen Bedeutung haben

können. Sehen Sie nur Ney an, diesen baumlangen, pausbäckigen, rotwangigen

Recken, mit seinem dichten, hellblonden Haarschopf. Er ist reich und

mächtig, er ist Herzog und Fürst geworden und hat einen Namen, von dessen

Ruhm Europa widerhallt. Und doch sieht man ihm immer noch den früheren

Böttchergesellen an – den biederen Deutschen, brav, aufbrausend und

rauflustig, der seine Keile wuchtig wie wenige eintreibt – wenn der

Meister danebensteht. Sonst nicht! Er ist der typische deutsche

Landsknecht, wie er durchs ganze Mittelalter hindurchraste. Denn deutsch

sind die Leute aus seiner lothringischen Heimat, und sie werden niemals

rechte Franzosen.

Napoleon wiederum, er war das Kind des Schreckens – von seiner Mutter, in

der Aufregung der Flucht, zu früh geboren. So eilig hatte er es, auf diese

Welt zu kommen, daß die Mutter nicht einmal Zeit fand, das Bett

aufzusuchen, sondern ihn auf einem Teppich gebar, der voll von Helden- und

Heroenkämpfen des Altertums war. Auf dem Teppich ist er sein Leben lang

geblieben! Aus dem Kampfgetümmel kommt er nicht mehr heraus! Die

Schreckensherrschaft machte seinen Aufstieg möglich! Schrecken verbreitete

er überall, wo er hinkam, Liebe nicht.“

Heftige Rufe: „_Vive l’empereur!_“ wurden laut. Die beiden Reiter hielten

an vor dem hochgelegenen Pachthof La Belle-Alliance, von dem sich die

Chaussee jäh in das Tal senkt, und konnten von hier aus die in voller

Schlachtordnung aufgestellte französische Armee überblicken.

„Hören Sie selbst,“ sagte Soult, „wie die Leute Ihre Worte Lügen strafen!“

und zeigte nach links in die Ferne, wo die schwere Kavallerie Kellermanns

hielt. Dort nahmen die Kürassiere eben ihre Helme auf dem Pallasch hoch

und schwangen sie über den Köpfen, daß sie in der Sonne blitzten. Die

Bewegung pflanzte sich fort, je nachdem die kleine Gruppe Reiter, deren

erster Napoleon war, die Reihen durchritt. Die Lanciers nahmen gleichfalls

ihre Tschakos auf die Piken und huldigten ebenso begeistert ihrem Kaiser.

„_Vive l’empereur!_“ schallte es ununterbrochen und rollte wie ein Donner

durch die Gegend.

„Sie entschuldigen, Herr General, ich muß aber schnell hin!“ sagte Soult

dann plötzlich, grüßte artig, gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte

davon.

Friant hielt sein Pferd, das mitgehen wollte, zurück, blickte über das

Feld hinaus, ritt dann langsam zur Garde hinüber, die im letzten Treffen

aufgestellt war, und nahm seinen Platz an der Spitze seiner „Bärenmützen“

ein.

Kurz darauf langte Napoleon nach beendigter Truppenbesichtigung am

Pachthof an.

An seiner Seite ritt sein Bruder Jérôme. Im Gefolge die Marschälle Soult

und Ney und die Generäle Lobau, Reille und d’Erlon.

Der Kaiser schwenkte sein Pferd herum und hielt an.

Wie immer, wenn er irgendwo haltmachte, sprangen vier Mann seiner

Leibgarde von den Pferden, stellten sich in weitem Viereck um ihn herum

auf und sperrten den Platz ab. Wie eine lebendige Burg schob sich dieses

Viereck hin und her, seinen jeweiligen Bewegungen folgend.

„Wie bei einem Fächer laufen die Flankenlinien unserer Aufstellung hier in

diesem Punkt zusammen“, sagte Napoleon und blickte prüfend über seine

etwas tiefer stehende Armee, die in drei Linien, die eine kürzer als die

andere, vor ihm aufmarschiert war.

Er nickte befriedigt, als er dicht vor sich in der dritten kürzesten Linie

die feste Mauer seiner alten Garde sah, deren Grenadierbataillone, wie

wandernde Festungen seines Kaisertums, ihn durch alle Feldzüge begleitet

hatten und ihn auch heute vor jeder Tücke des Zufalls beschützen sollten.

Rechts von ihnen wogte ein Wald von Eisenspitzen über den ungeduldig sich

bäumenden Pferden der Lanciers von Lefebvre-Desnouëttes, während links die

Linien der reitenden Garde, wie nach der Schnur ausgerichtet, ihrer

Verwendung harrten.

Napoleon winkte den Grafen Lobau näher und zeigte auf die von ihm

befehligte junge Garde, die die Mitte der zweiten Linie zu beiden Seiten

der Chaussee hielt.

„Es waren viele blutjunge Gesichter unter Ihren Leuten zu sehen, lieber

Graf“, sagte er. „Viele schmächtige Gestalten, die ich Bedenken haben

würde, auf entscheidenden Stellen einzusetzen, wenn ich nicht wüßte, daß

es Franzosen sind – und vor allem, wenn sie nicht in Ihnen einen Führer

hätten, der sie alle, nicht nur körperlich, um einen Kopf überragt!“

Er nickte gnädig dem über die Anerkennung stolz lächelnden Grafen zu und

ließ die Blicke fast zärtlich über die eiserne Masse seiner schweren

Reiterei schweifen, die, von Milhaud und Kellermann geführt, rechts und

links von der jungen Garde ihre Kürasse und Helme in der Sonne blitzen

ließ. Denn die Sonne brach jetzt endlich durch die Regenwolken, die sie

seit zwei Tagen dem Anblick der Welt entzogen hatten. Dann nahm die erste

Linie, die dicht am Rand des Plateaus ihre Massen ausbreitete, seine volle

Aufmerksamkeit gefangen.

„General d’Erlon!“ rief er, und der General lenkte grüßend sein Pferd

näher. „Ihre Divisionen stehen alle hintereinander. Lassen Sie lieber vier

Angriffskolonnen nebeneinander um je eine Division in Kompaniebreite

formieren. Ihre Leute waren bei Ligny nicht im Feuer. Heute sollen sie die

Hauptarbeit machen. Wenn das Signal zum Angriff gegeben wird und das

Artilleriefeuer ausgewirkt hat, dann steigen Sie in das Tal hinunter,

werfen den Feind aus den Pachthöfen La Haye und Papelotte, deren Dächer

dort unten rechts aus dem Grün herauslugen, stürmen die jenseitige Anhöhe,

zerschmettern den linken Flügel der Engländer, werfen ihn auf das Zentrum

und entreißen ihm die Chaussee nach Brüssel. Im Walde hinter seiner

Aufstellung werden wir ihm dann leicht den Garaus machen. Sie haben gegen

sich Schotten und Hannoveraner, wie ich heute festgestellt habe. Auf dem

Dorfweg, der sich drüben auf halber Höhe die Böschung entlang wie ein

Laufgraben hinzieht, werden Sie auch von den Inselbewohnern etliche im

Hinterhalt liegend vorfinden. Es wird nicht geschossen, nur mit dem

Bajonett gearbeitet, bis Sie oben sind.

Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman · 第 19 / 21 题