Sie liefen – ließen aber drüben im befreiten Lande eine Grenzwache zurück,
der weder Pulver noch Blei etwas anhaben konnte: – den Typhus! Und der
machte seine Sache so brav, daß allein vom Yorckschen Korps fünftausend
Mann ins Gras beißen mußten. Dem Typhus zur Seite wütete ein noch
unheimlicherer Feind: der Meuchelmord, der in jedem Bauernhause lauerte,
je weiter man ins rein französische Land drang. Denn es war ja ein
schwerer und unverzeihlicher Frevel von den Deutschen, den geheiligten
französischen Boden mit Krieg zu überziehen! Wozu waren die deutschen Gaue
da? War es nicht seit altersher den Völkern zur Gewohnheit geworden und
also zum Recht, dort ihren Hader auszutragen und ihre Streitrosse zu
tummeln?! Hatten sie nicht den Deutschen dafür gedankt, indem sie ihr Land
nicht nur gnädigst ausplünderten, sondern es auch mit den schönsten Ruinen
schmückten?!
Kein Mühsal, keine Gefahr, keine Seuchen, gar nichts vermochte aber das
Ungestüm der Schlesischen Armee und ihres Führers zu brechen.
Unaufhaltsam drang sie auf ihr Ziel vor, ob die anderen Heere folgten oder
nicht.
An Bernadotte brauchte Blücher nicht mehr zu schleppen, da diesem Helden,
nach seiner gloriosen Leistung bei Leipzig, das Kommando der Nordarmee
genommen worden war.
Und die Hauptarmee mit ihrem ganzen Troß von Monarchen, Fürsten und
Diplomaten, kümmerte ihn zunächst wenig.
Die schleppte sich im gewohnten Tempo, fern vom Schuß, bei Basel über den
Rhein nach Frankreich hinein, blieb dort auf der Hochebene von Langres
staunend stehen, und bewunderte die sonderbare Eigenschaft dieser
Wasserscheide, von dort nach drei verschiedenen Meeren gleichzeitig ihr
Wasser lassen zu können.
Von all den Flüssen, die dort ihren Anfang nehmen, trug, wie zu billigen,
die Seine den Sieg über die anderen davon.
Aber schon ehe die Hauptarmee ihre schwerfällige Masse nach dem Seinetal
in Bewegung setzte, fingen die Diplomaten Österreichs, unter Metternichs
Führung, wieder an, dem Schwiegersohn ihres Kaisers auf der
Friedensschalmei ein Ständchen zu blasen, und boten ihm die alten Grenzen
Frankreichs von 1792 an und den ungestörten Besitz seines Thrones für
immer und ewig –, was in unserer Laiensprache so viel wie bis zum nächsten
Krieg heißt. Denn Napoleon war ja, wie auch der preußische General von
Knesebeck hervorhob –, er war ein förmlich anerkannter und recte gesalbter
Monarch – er war Herrscher von Gottes Gnaden und hatte also zum mindesten
auf die Gnade der Mitmonarchen einen Anspruch.
Napoleon sah das auch ein, ließ sich gnädigst herbei, mit seinen
Überwindern zu verhandeln, und schickte zu dem Zwecke seine Friedensboten
nach Chatillon.
Da war es wieder Blücher, der den friedfertigen Kampfgenossen in den Arm
fiel – aber in einer von ihm selbst am allerwenigsten beabsichtigten
Weise, indem er sich an der Marne gründlich – nicht _ein_-, sondern
_fünfmal_ von Napoleon schlagen ließ.
Denn der Korse, der da seine schönsten Löwensprünge machte und bald dem
einen, bald dem andern von den ihn umstellenden Jägern an die Kehle sprang
und tüchtig zauste, der fühlte sich wieder als Herr und Gebieter und
Bändiger der ganzen Welt.
Er schlug die einzeln marschierenden Korps der Blücherschen Armee
nacheinander bei Montmirail, bei Château Thierry, Vauxchamps und Etoges.
Er schlug Wrede und Wittgenstein bei Nangis und den Kronprinzen von
Württemberg bei Montereau. Und der Kamm schwoll ihm mächtig.
Er sah, wie die Schar seiner Angreifer anfing langsam wieder nach dem
Rhein zurückzufluten.
Bald würde er sie da hinüberwerfen und gänzlich vernichten!
Er hörte schon seine leicht erregten Pariser über die Siegesbotschaften
und die vielen Gefangenen jubeln.
Sie würden ihm alles bewilligen, der neuen Gloire jedes Opfer bringen!
Also keine Rede von Verhandlungen mehr!
Er würde den Völkern wieder den Frieden diktieren, wie sie es von ihm
gewohnt waren! Fort mit den Schreibern und Diplomaten mitsamt ihren
schlauen Finten und krummen Wegen! Ein Hieb des Schwertes zur rechten Zeit
– das bliebe stets die einfachste und wirksamste Diplomatie!
Napoleon bedankte sich also für die Gnade, die ihm die deutschen Fürsten
gewähren wollten, lehnte die Unversehrtheit eines verkleinerten Reiches
und den Besitz eines nur auf französischem Boden fußenden Thrones ab, rief
seine Unterhändler zurück und stand wieder kampfbereit da, mit zermürbten
Armeen, aber im vollen Glanz seines Genies und seines Siegerruhmes,
drohend, gewaltig, gefürchtet.
Da war’s wieder Blücher, der sich nicht blenden und verblüffen ließ. An
Genie dem Gegner gleich, an urwüchsigem Temperament ihm überlegen, hielt
er stand, wo alles weichen wollte, gebot dem Imperator Halt und lenkte die
rückwärtsstrebende Bewegung wieder vorwärts.
Und die Saumseligen folgten schweren Herzens und ergaben sich in ihr
Schicksal, die Früchte ihrer Siege pflücken zu müssen.
*
„_Sa Majesté l’empereur_“
stand es mit großen Buchstaben mit Kreide auf einer der Türen im Korridor.
An der Tür zwei Gardisten in hohen Bärenfellmützen, die Gewehre mit
aufgepflanztem Bajonett geschultert.
Ein Adjutant kam eiligst die Treppe herauf, den Korridor entlang und auf
die Tür zu. Die Wachen präsentierten.
Der Adjutant streckte die Hand nach der Klinke aus. Da öffnete sich die
Tür, ein paar Ordonnanzen kamen eiligst heraus, die zusammengefalteten
Zettel mit den soeben vom Kaiser diktierten Befehlen in der Hand,
salutierten und eilten die Treppe hinunter.
Gleich hinter ihnen trat Napoleon aus der Tür heraus, den grauen Mantel
noch offen, den dreieckigen schwarzen Hut auf dem Kopf. In seinem Gefolge
waren Berthier und Caulaincourt.
Der Adjutant grüßte.
„Sire, es ist höchste Zeit. Die Kosaken sind in der Stadt!“
Napoleon machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, ging an das Fenster
gegenüber und blickte, die Arme über die Brust verschränkt, über die Stadt
und die Gegend hinaus.
Wie oft hatte er nicht über diese Hügel, über diesen Fluß, diese Wälder
geblickt, als er noch Zögling der Königlichen Kriegsschule hier zu Brienne
war!
Von hier aus hatte seine Meteorenlaufbahn ihren blendenden Anfang genommen
– hier war das Tor, durch das er ins bunte Abenteuer seines märchenhaften
Daseins hinausgeschritten war.
Jetzt mußte er wieder hier durch – zurück ins ungewisse, mit bitteren
Erfahrungen beladen, ohne den unbeugsamen Glauben, ohne das feste
Vertrauen auf das Glück, das Berge versetzt. Das Mißlingen war auch bei
ihm in den Bereich des Möglichen gerückt, seine Bahn zum Ausgangspunkt
zurückgebogen! Mußte er wieder anfangen –, wieder die Schulbank drücken,
wie damals, als ihm nichts unmöglich, keine Aufgabe zu schwer erschienen
war? Hatte er seine Schulaufgabe fürs Leben schlecht gelernt? Bekam er sie
jetzt zur Wiederholung und zum Besserlernen zurück? Wenn er auch noch
tausendmal die Kraft zum Umlernen aufbringen würde –, hätte er wohl noch
den Mut, die Lust – die Zeit dazu? War’s überhaupt der Mühe wert? War
nicht alles eitel – nichtig –, zum Überdruß fade?
Aus der Tiefe knallten Flintenschüsse, scharf, schneidend! Sie kamen
näher.
Der Kaiser erhob sein Haupt mit einem Ruck, wie ein altes Kutschpferd, das
wieder den Knall der Peitsche hört, knöpfte den grauen Überrock zu und
ging mit festen Schritten den Korridor entlang, über dessen Steinfliesen
die sinkende Winternachmittagssonne ihren bunten Schein goß, und ging
rasch die Treppe hinunter, von seinen Adjutanten und
Generalstabsoffizieren und auch von den Wachtposten gefolgt. Gleich darauf
rasselten Hufschläge von Pferden übers Pflaster. Die Flintenschüsse kamen
näher, Hurrarufe mischten sich hinein, Stimmengewirr und rasche Tritte auf
der Treppe wurden laut.
Dann kamen bärtige Gestalten herauf, die Lammfellmütze schief auf dem
einen Ohr, Piken in den Händen, die Säbel am Boden schleifend. Voran ein
Offizier, neben ihm der Korporal, eine Liste in der Hand.
Der Offizier zeigte auf die Türen im langen Korridor und sprach bei jeder
einen Namen aus. Der Korporal schrieb jedesmal den Namen auf die
betreffende Tür.
Sie blieben an der Tür stehen, durch die Napoleon gekommen war. Die Sonne
war tiefer gesunken. Ihre Strahlen fielen gerade durch das Fenster und
warfen ein buntes Farbenspiel über die Aufschrift.
„_Sa Majesté l’empereur!_“ las der Offizier. „Ist gut! Da brauchen wir uns
die Zimmer nicht erst anzusehen. Da kommt der Obergeneral hinein!“
Der Korporal ließ sein Kreidestück, das er schon im Anhieb hielt, auf den
Türspiegel fallen und schrieb einen Namen hin.
„Feldmarschall Blücher“
stand da in großen Buchstaben unter der alten Aufschrift zu lesen.
Ein Wink des Offiziers, und zwei Kosaken stellten sich jetzt rechts und
links von der Tür als Posten auf. Die Sonne draußen war schon halb hinter
die Hügel gesunken, ihre letzten Strahlen röteten nur noch ein wenig das
weißgetünchte Dach. Es dämmerte schon. Der Offizier befahl, die Kerzen in
den Laternen auf den Treppenpfosten und an den Wänden anzuzünden, und ging
mit seinen Leuten weiter.
Bald danach hallte das ganze Schloß von lauten Stimmen, schallendem
Gelächter, Säbelgerassel und Sporenklirren wider. Die Treppe kam’s herauf,
und bald waren sie da: eine Schar von Offizieren, allen voran der
Feldmarschall Blücher, und mit ihm seine Adjutanten: von der Goltz, Graf
Nostiz, Gneisenau und andere.
Die Wachen salutierten, die Adjutanten öffneten die Tür, alle traten ein.
Im großen Saale stand noch der Tisch gedeckt. Die Speisen waren unberührt.
Bei der Eile des Aufbruchs hatte die Bedienung alles stehen- und
liegenlassen, wie es war.
„Der Kaiser sorgt gut für seine Gäste!“ rief der Feldmarschall. „Zu Tisch
denn! Ich habe einen mordmäßigen Hunger! Die Flaschen drüben auf der
Kredenz sehen nicht übel aus. Rasch eingeschenkt! Auf unseren Gastgeber –,
auf daß ihm der Deibel bald holt!“
Sie tranken.
Ein Krachen. In der Ecke des Saales barsten die Balken, Schutt und Gips
flogen ringsumher. Eine Kanonenkugel hatte eingeschlagen und war durch den
Boden weitergegangen.
„Er blieb uns die Antwort nicht schuldig!“ lachte Blücher. „Der Kaiser
wußte, wo die Suppenschüssel stand, und war wohlerzogen genug, uns nicht
hineinzuspucken! Prost Mahlzeit, meine Herren! Der Wein ist gut! Kümmert
euch nicht um den Schutt!“ rief er den Ordonnanzen zu, die sich gleich
daranmachten, aufzuräumen. „Das Haus gehört uns nicht. Wir brauchen’s
nicht zu reparieren!
Laßt es euch gut schmecken, Kinder! Hoffentlich haben’s unsere Pferde auch
nach Wunsch?“
Der Adjutant, Graf Nostiz, gab zur Antwort, für die Pferde wäre bestens
gesorgt.
Er hatte auch alles angeordnet, aber in seiner eigenen Weise, indem er sie
nicht in die Stallungen, sondern nur um die Ecke des Schlosses führen und
dort gesattelt bereithalten ließ. Denn ihm schien es hier noch nicht ganz
geheuer und auch nicht sicher, daß Brienne endgültig in der Hand der
Deutschen bliebe und nicht noch von den Franzosen durch einen Handstreich
wiedergewonnen werden konnte. Zum mindesten fand er es verfrüht, schon
jetzt das Hauptquartier hineinzuverlegen, ehe die Truppen das Glacis fest
in der Hand hatten. Aber das Ungestüm des Feldmarschalls war nimmer zu
bändigen.
Nostiz ging mit dem Grafen Goltz auf die Terrasse hinaus, blickte in die
Dämmerung hinein und dankte gleich dem Himmel, daß er so fürsorglich alles
angeordnet hatte. Denn kaum war er draußen, so pfiffen ihm schon die
Flintenkugeln um die Ohren, und die Scheiben in den Glastüren gingen
klingend in Scherben. Kein Zweifel, der Kaiser war nicht gesonnen, Feinde
hier mitten unter seinen Jugenderinnerungen hausen zu lassen.
Er ging schon angriffsweise vor, kaum daß man sich in seinem warmen Neste
zur Ruhe gesetzt hatte, und war schon im Begriff, das ganze feindliche
Hauptquartier mit dem Feldmarschall und allen durch einen kühnen
Handstreich aufzuheben und in seine Gewalt zu bringen.
Sie eilten hinein. Es hielt aber schwer, den eigensinnigen alten Blücher
dazu zu bringen, das Schloß, in dem er schon anfing sich wohl zu fühlen,
gleich wieder zu verlassen.
Erst als die Schießerei immer näher kam, ließ er sich überreden,
hinunterzugehen und die Pferde zu besteigen.
Es war aber fast zu spät. Kaum auf der Straße, galoppierten ihnen
fliehende Kosaken mit den Rufen „Franzuski!“ entgegen, und hinter ihnen
her klabasterten schon flinke kleine Chasseurs mit einer Schnelligkeit,
daß die Roßschweife an ihren Helmen wie Schleier hinter ihren Häuptern
flatterten.
Mit Not gelang es noch, durch flinkes Einbiegen in eine Nebenstraße über
die Felder zu entkommen. Dort aber drehte sich Blücher um, blickte nach
der Stadt zurück, wo schon aus allen Fenstern Lichter blinkten, und wo der
Lärm des Straßenkampfes immer lauter durch das Dunkel tobte, und sagte:
„Bilde dich nur nicht ein, daß du dorten lange ruhig schlafen wirst!“
Als er aber nach einigen Tagen, nachdem er Napoleon geschlagen hatte,
wieder nach Brienne kam und ins Schloß hineinzog, um drinnen doch das
letzte Wort zu haben, da prangte auf der Tür im Korridor nicht nur über
den Worten „Feldmarschall Blücher“, sondern auch unter ihnen die
Inschrift: „_Sa Majesté l’empereur_“.
Stracks nahm er aus der Hand seines Quartiermachers, der schon wieder bei
der Arbeit war und von Tür zu Tür pilgerte, die Kreide, machte einen
Strich quer durch die Rechnung und schrieb eigenhändig darunter:
„_Blücher_“.
„Die Fremdenliste wäre nun in Ordnung“, sagte er schmunzelnd, gab ein
Zeichen, die Tür zu öffnen, und befahl auch schleunigst, für Speise und
Trank zu sorgen. Denn heute sei man bei sich selbst zu Gast, und man müsse
doch für seine Gäste sorgen!
„Nachher können wir darangehen, mit dem Herrn Napoleon um das nächste
Hotel zu raufen!“ fügte er hinzu. „Und mir soll’s recht sein, wenn’s sein
Palais in Paris ist!“
Für heute ließ er sich’s aber beim Feldmarschall Blücher in Brienne gut
schmecken, und wurde dabei von keinen lose herumstrolchenden Kugeln aus
kaiserlichen Flinten und Kanonen mehr gestört.
*
„Heute war man im Hauptquartier knieschwach mit Bescheid“, sagte Yorck
halblaut, als er durch den Abend von Laon nach seinem Quartier in Chambry
ritt. „Dem Feldmarschall schien es heute nicht sosehr wie sonst daran
gelegen zu sein, das Tanzbein zu schwingen!“
Er schlug die Schneeflocken vom Rockärmel, hielt sein Pferd an und blickte
über die Gegend hinaus.
Der kurze Märztag neigte sich seinem Ende zu. Durch das dünne
Schneegestöber sah man noch, wie durch einen Schleier, die kleine Stadt
Laon auf ihrem Felsen aus der Ebene ragen, auf dem Rand des höchsten
Plateaus eine Reihe von Windmühlen, die sich scharf gegen den Himmel
abzeichneten.
Tausende von Lichtern glitzerten überall. Den Fuß des Felsens säumten die
Biwakfeuer von Bülows Preußen. Rechts und links davon, durch die
Vorstädte, bis weit über die Ebene hinaus, zeigten Feuer an Feuer die
weitere Aufstellung von Blüchers Armee an.
Hinter den Sümpfen, der Stadt gegenüber, auf der Senkung des dort
verlaufenden niedrigen Plateaus, rückten die Franzosen heran.
Nach dem unentschiedenen Gefecht bei Craonne, am vorhergehenden Tage, war
Napoleon selbst mit seinen Garden den weichenden Truppen Wintzingerodes
auf der Straße von Soissons hierher gefolgt und hatte sie aus dem Paß bei
Etouvelles über den Ardonbach zurückgeworfen.
Östlich von ihm, auf der Straße von Reims, rückte Marmont auf das gleiche
Ziel zu.
Blücher hatte hinter dem Felsen von Laon die beiden russischen Korps
Sacken und Langeron als Reserve aufgestellt, um je nach der Kampflage
rechts oder links hinter der Stadt vorzubrechen.
Nach seiner Vereinigung mit Bülows über Holland heranmarschierten Truppen
war er jetzt Napoleon doppelt überlegen. Er hatte auch vollständige
Selbständigkeit von der Hauptarmee erlangt und brauchte sich um die
langsamen Bewegungen Schwarzenbergs nicht zu kümmern.
Nichts würde ihn daran hindern können, die letzte Scharte auszuwetzen und
dem Korsen die heimtückischen Überfälle an der Marne heimzuzahlen! So
hatte er sich heute Yorck gegenüber geäußert, aber nicht in seiner
gewohnten energischen Weise, sondern mit einem müden, abgespannten
Ausdruck in der Stimme, der seinen Worten geradezu widersprach.
Yorck lachte noch hämisch darüber, als er langsam durch das Schneegestöber
weiterritt.
Man war im Hauptquartier sogar mehr als löblich knieschwach geworden! Die
„Kraftgenies“ und Draufgänger dort, die sonst mit ihrem Ungestüm die
Soldaten abhetzten, hatten auf einmal ihre ganze Schwungkraft verloren!
Blücher, sonst die nie versiegende Hauptquelle aller Energie, war über
Nacht zusammengeklappt und ein müder Greis geworden!
War es nur eine vorübergehende Abspannung? Oder bereitete sich eine
ernsthafte Erkrankung vor?
Ganz apathisch hatte er heute dagesessen, einen Schirm vor den Augen, und
hatte fast teilnahmlos zugehört, wie Müffling und Gneisenau den
eingefangenen Hannoveraner Palm examinierten, der im Bureau des
französischen Generalstabschefs Berthier irgendeine Vertrauensstellung
eingenommen hatte, und heute von den Kosaken aufgegriffen worden war.
Er hatte sich nicht einmal geärgert, ja kein einziges Mal geflucht, als
dieser ihm bezeugte, die gestrige Affäre bei Craonne hätte eine
vernichtende Niederlage für Napoleon werden können, wenn die Preußen
diesem, wie befohlen, bei Corbeny in die linke Flanke und in den Rücken
gefallen wären. So aber hatte seine Nachhut unter Wintzingerode die ganze
Wucht des Angriffs allein auszuhalten gehabt und hatte sich nutzlos
verblutet. Und man konnte den Tanz wieder von vorn anfangen.
Dabei wäre der Sieg so kinderleicht herbeizuführen gewesen! Als sich ein
paar Husaren und Kosaken auf dem Wege von Fetieux bloß zeigten, hatten die
französischen Train- und Artillerieknechte die Stränge durchgeschnitten,
alles stehenlassen, und waren davongeritten. Eine regelrechte Panik war
schon im Entstehen. Aber die preußische Kavallerie, die man schon glaubte
heransausen zu hören, kam nicht! Und aus der sicheren Niederlage wurde so
ein unentschiedenes Nachhutgefecht.
Das alles hatte ihnen der gefangene Kommissar Berthiers klipp und klar
auseinandergesetzt. Und Blücher hatte keinen Ton gesagt, kein einziges
Donnerwetter über die verfluchte Schweinerei losgelassen! Gneisenaus
Gesicht war immer länger geworden!
Sie hatten alle beide plötzlich die Sicherheit eingebüßt! Ihre Kraft
schien erlahmt zu sein! –
Sonst schoben sie um des großen Zieles willen jedes Bedenken beiseite und
zwangen die Soldaten zu den größten Strapazen. Jetzt aber häuften sie
Bedenken über Bedenken und waren ängstlich darauf bedacht, ihre Leute zu
schonen!
Yorck hatte laut lachen müssen, als Gneisenau ihm in allem Ernst erklärte,
man müsse die Truppen schonen, damit der König bei den
Friedensverhandlungen noch eine Armee hätte, um sie in die Wagschale
werfen zu können! Daran dachte der gute Gneisenau sonst gewiß nicht!
Er war sonst stets von hochfliegenden strategischen Plänen und genialen
Entwürfen so erfüllt, daß eine solche Kleinigkeit wie ein Menschenleben
mehr oder weniger ihn nicht im geringsten kümmerte.
Und jetzt auf einmal die diplomatischen Schmerzen!
War er kopfscheu geworden, als er die wohlgenährten, gut gekleideten und
tadellos ausgerüsteten Soldaten Bülows sah, die trotzdem auf glänzende
Siege in Holland zurückblicken durften – und neben ihnen die verhungerten,
abgerissenen, zerlumpten Schlesier Yorcks, die wie die „Grasteufel“
aussahen, und, ungeachtet aller Strapazen, in der letzten Zeit doch nur
Niederlagen gehabt hatten?
Sei’s wie es sei, jedenfalls hatte Gneisenau stillschweigend sein Unrecht
zugegeben, und das erfüllte Yorcks Seele mit einer stolzen Genugtuung und
gab ihr Leichtigkeit und Schwung. Der Widerspruchsgeist, der ihm sonst
stets innewohnte, steigerte sich bis zum spitzbübischen Übermut. Er wollte
Gneisenau, wollte das ganze Hauptquartier noch mehr ins Unrecht setzen.
Jetzt, wo die zauderten und nicht mehr vorwärts wollten, jetzt wollte er.
Er, der sie sonst immer zurückhielt, ging ihnen jetzt aus reinem Trotz
durch und ließ so das Donnerwetter los, das wegen der Krankheit Blüchers
und der schwachen Stunde Gneisenaus im Sturmzentrum selbst zu erlahmen
drohte!
Fröhlichen Herzens gab er seinem Pferd die Sporen, kam in sausendem Galopp
am Bauernhause in Chambry an, wo er sein Quartier hatte, sprang aus dem
Sattel und trat in den Saal hinein.
Um den flammenden Kamin saßen die Offiziere seines Stabes in fröhlicher
Runde und lasen mit verteilten Rollen aus Shakespeares Heinrich dem
Vierten.
Yorck winkte ihnen zu, sich nicht stören zu lassen, setzte sich auch an
den Ofen, starrte zerstreut ins Feuer und lauschte auf das Rasseln der
Verse.
„O mein Gemahl, was seid Ihr so allein?“
lispelte mit hoher Fistelstimme ein junger Leutnant die Rolle von Lady
Percy hervor. Indes ein dicker Oberst mit tiefem Baß und gewaltiger
Inbrunst den Heißsporn Percy mimte und sich gar nicht an sie kehrte.
„Für welchen Fehl war ich seit vierzehn Tagen,
Ein Weib, verbannt aus meines Heinrichs Bett?
Sag’, süßer Gatte, was beraubt dich so
Der Eßlust, Freude und des goldenen Schlafs?
– – – – – – – –
Ich habe dich bewacht in leichtem Schlummer,
Und dich von eh’rnem Kriege murmeln hören,
Dein bäumend Roß mit Reiterworten lenken
Und rufen ‚Frisch ins Feld!‘ Dann sprachest du
Vom Ausfall und vom Rückzug, von Gezelten,
Laufgräben, Basilisken und Kanonen.
Ein schwer Geschäft hat mein Gemahl in Händen.
Und wissen muß ich’s, wenn er mich noch liebt.“
„Fort, du Tändlerin –“, brüllte der Oberst den jungen Leutnant an.
Ich lieb’ dich nicht,
Ich frage nicht nach dir. Ist dies ’ne Welt
Zum Puppenspielen und Mit-Lippen-fechten?
Nein, jetzo muß es blut’ge Nasen geben,
Zerbrochene Kronen, die wir doch im Handel
Für voll anbringen. Alle Welt, mein Pferd!
Was sagst du, Käthchen? Wolltest du mir was?“
„Ihr liebt mich nicht? Ihr liebt mich wirklich nicht?“ lispelte der
Leutnant weiter.
„Nein, sagt mir, ob das Scherz ist oder Ernst?“
Worauf der Oberst jäh aufschnellte und verächtlich lachte:
„Komm, willst mich reiten sehen?
Wenn ich zu Pferde bin, so will ich schwören:
Ich liebe dich unendlich. Doch höre, Käthchen:
Du mußt mich ferner nicht mit Fragen quälen,
Wohin ich gehe, noch raten, was ich soll!
Wohin ich muß, muß ich: und, kurz zu sein:
Heut abend muß ich von dir, liebes Käthchen.
Ich kenne dich als weise, doch nicht weiser
Als Heinrich Percys Ehefrau. Standhaft bist du,
– jedoch ein Weib, und an Verschwiegenheit
Ist keine besser, denn ich glaube sicher:
Du wirst nicht sagen, was du selbst nicht weißt!
Und soweit, liebes Käthchen, trau ich dir.“
Sie lasen schlecht, mit falschem Pathos, viel Stimmenaufwand und
gewaltiger Mimik. Yorck achtete nicht darauf. Ein ungestümer Tatendrang
war rein aus Trotz über ihn gekommen, seitdem er sah, wie zaghaft man im
Hauptquartier geworden war. Er wollte jetzt die Zügel aufnehmen, die man
dort schleifen ließ, die Führung an sich reißen, einen waghalsigen Coup
unternehmen und so mit einem Schlag den Krieg zu Ende führen! Wie, das sah
er noch nicht klar. Er fühlte nur bestimmt, im voraus, das große
Geschehnis nahen und wurde wieder jung und waghalsig wie jener Brausekopf
Percy in Shakespeares Stück. Er würde, wie dieser, weder sehen noch hören
können, bis jener Gedanke, der ihn ganz erfüllte, in lebende Tat umgesetzt
worden war!
Am andern Morgen war dichter Nebel überall. Es wollte nicht Tag werden.
Man war zum Angriff bereit. Da pfiff es plötzlich den wackeren Kämpfern um
die Ohren. Flintenkugeln flogen aus nächster Nähe in die Stadt und in das
Lager Yorcks. Wie ein Schwarm Hornissen, so summte und brummte es den
Yorckschen um die Ohren, ohne daß es möglich war zu entdecken, woher es
kam.
„Das sind die Bienen des Kaiserreiches!“ sagte Yorck. „Die kommen
herangesummt mit dem Morgengruß vom Kaiser! Die paar Insekten machen aber
noch lange keinen Sommer! Wir werden den frechen Kerls von Tirailleurs
schon eins auswischen!“
Der Nebel hob sich gegen elf Uhr, und als die Sonne durchbrach und die
Gegend erhellte, konnte der Posten oben auf der höchstgelegenen Windmühle
melden, daß die Armee Napoleons zu beiden Seiten der Straße von Soissons
Aufstellung genommen hatte und zum Angriff vorging. Bald entbrannte auf
der ganzen Linie der Kampf. Napoleon konnte aber gegen die Übermacht der
Blücherschen Armee nicht an. Es gelang ihm nur, dessen Vorposten aus
Etouvelles zu vertreiben und den dortigen Paß über den Ardonbach zu
besetzen. Im Laufe des Tages rückte dann östlich von ihm auf der Reimser
Straße Marmont heran und suchte gleich um die linke Flanke Yorcks
herumzufühlen, mit der deutlichen Absicht, ihm die Rückzugsstraße nach den
Niederlanden abzugewinnen. Dem wurde rasch durch Kavallerie begegnet,
Yorck zog seine Vorposten aus dem vor seiner Front liegenden Dorfe Athis
heraus und ließ es anzünden, um ein verlustreiches Dorfgefecht zu
vermeiden.
Von beiden Seiten wurde eifrig kanoniert. Aber der erwartete Sturmangriff
der Franzosen unterblieb, und als der kurze Wintertag zu Ende ging, hatte
der Feind sich damit begnügt, seinen Aufmarsch zu vollenden und
vorteilhafte Angriffsstellungen für den nächsten Tag einzunehmen. Seine
Truppen durften sich zur Ruhe begeben. Aber die Ruhe gönnte ihnen Yorck
nicht. Er hatte ihre Passivität als ein Zeichen der Schwäche aufgefaßt und
sich gleich entschlossen, sie beim Einbruch der Dunkelheit zu überfallen.
Er holte die Genehmigung des Oberkommandos ein und traf sofort seine
Anordnungen.
„Das Vorrücken geschieht in geschlossenen Kolonnen und lautlos, bis man an
den Feind kommt. Es fällt kein Schuß, es wird nur mit dem Bajonett
angegriffen“ – so lautete sein Befehl.
Alles setzte sich in Bewegung. Vorwärts ging es über den gefrorenen Boden
gegen die Linie der feindlichen Feuer bis auf fünfhundert Schritt
Entfernung.
Da brach auf einmal ein Höllenlärm los. Auf allen Trommeln wurde Sturm
geschlagen, die Trompeten und Flügelhörner schmetterten und tuteten, und
mit schallendem Hurra warfen sich die braven Schlesier auf den Feind, der,
vollkommen überrascht, an keinen Widerstand dachte, Hals über Kopf floh
und alles im Stich ließ. Er wurde kräftig verfolgt. Und nach ein paar
Stunden konnte Yorck dem Hauptquartier melden, daß das ganze Korps
Marmonts aufgerieben sei, seine gesamte Artillerie und Munition, Tausende
von Toten und Gefangenen verloren und auch das anmarschierende Korps
Mortiers mit in die Flucht gerissen hatte.
Napoleons Stellung war dadurch verzweifelt geworden. Er stand vor
Etouvelles mit wenig über dreißigtausend Mann, seine beiden Flügel waren
erschüttert, er hatte einen nunmehr dreifach überlegenen Feind sich
gegenüber und den Engpaß von Etouvelles als einzige Rückzugsstraße. Wenn
Blüchers Armee ihren Sieg ausnutzte und rasch weiter vorging, so war er
verloren, denn er würde sich dann einer Umzingelung nicht mehr entziehen
können.
Demgemäß wurde auch zunächst vom Oberkommando disponiert. Bülow und
Wintzingerode sollten Napoleon festhalten, die anderen Korps von der
Reimser Straße seine rechte Flanke umgehen, Sacken und Langeron um seine
linke Flanke herumgreifen und versuchen, ihm die Straße nach Soissons zu
verlegen.
Bei Anbruch des Tages war schon alles auf dem Marsch. Yorck triumphierte
schon im voraus. Das Manöver konnte nicht mißlingen. Man hatte endlich den
Löwen in der Falle! In ein paar Stunden wäre er umringt und vernichtet und
der Krieg zu Ende. Alles drängte begeistert vorwärts, sich der Größe der
bevorstehenden Entscheidung bewußt, und bereit, das Letzte herzugeben, um
sie herbeiführen zu helfen.
Da fiel das eigene Hauptquartier dem ungestüm Vorwärtsdrängenden jäh in
den Arm. Gneisenau sandte überallhin Konterorders und befahl, den so
rüstig begonnenen Vormarsch einzustellen und in die alten Stellungen
zurückzugehen.
Entgegen aller Vermutung war Napoleon zum Angriff geschritten, in der
richtigen Voraussetzung, daß ein Feind, dessen Korps er erst kürzlich
einzeln geschlagen hatte, es jetzt nicht wagen würde, sie noch einmal
voneinander zu trennen, sondern vor allem bestrebt sein müßte, sie einem
Angriff gegenüber jetzt sofort zusammenzufassen.
Er versuchte also, als der größere Menschenkenner, den Gegner zu bluffen,
und der Versuch gelang.
Die Rückberufungsbefehle Gneisenaus flogen eiligst nach allen Seiten
hinaus. Yorck bat, bei der Stange bleiben zu dürfen, er gab gute Gründe,
er drohte, er fluchte, aber nichts half! Er, der sonst immer vom
Hauptquartier angetrieben werden mußte, tat jetzt sein Äußerstes, um es
zur Tat mitzureißen, aber vergebens.
Gneisenau war unerbittlich. Alles mußte zurück. Der sichere Triumph über
den „Feind der Menschheit“ glitt Yorck aus den Händen. Er mußte gehorchen.
Aber in sein Quartier zurückgekommen, befahl er seinen Wagen, ließ seine
Koffer hineinwerfen, nahm Platz und fuhr ohne weiteres von seiner Armee
fort.
Das ließ er sich nicht gefallen – das machte er nicht mehr mit! Da könnte
kommandieren, wer wollte – er hatte es jetzt satt!
Zu dem Ärger, von Napoleon gefoppt zu sein, kamen jetzt bei Gneisenau die
Schwierigkeiten mit Yorck.
Die Insubordination durfte nicht hingenommen werden. Aber einem Mann wie
Yorck konnte man nicht einfach eine Kugel vor den Kopf geben.
Blücher allein vermochte da Wandel zu schaffen. Und Blücher war krank. Er
fieberte, er phantasierte und nahm an allem Geschehen keinen Anteil.
So ruhte alle Verantwortung auf Gneisenaus Schultern. Und dieser sonst vor
nichts zurückschreckende Mensch hatte eben seine „schwache“ Stunde gehabt.
Daß Blücher einen Sieg nicht bis zum Äußersten ausnützte, das war noch
nicht dagewesen! Das ging nicht mit rechten Dingen zu! Das empfand jetzt
die ganze Armee. Er war entweder tot oder todkrank. Das stand fest. In
beiden Fällen mußte ein neuer Oberbefehlshaber an seine Stelle treten. Das
Kommando wäre dann einem von den russischen Generälen zugefallen, und das
durfte auch nicht sein.
Die Krankheit Blüchers wurde also verheimlicht. Gneisenau amtierte in
seinem Namen weiter – nicht aber, wie sonst, in seinem Sinn. Der Konflikt
mit dem tüchtigsten Korpsführer der Armee war da und mußte aus der Welt
geschafft werden! Tot oder lebend mußte Blücher auf der Bühne erscheinen
und das besorgen. Aber wie das bewerkstelligen, wo der Alte in
Fieberphantasien dalag und auf keine Anrede eine vernünftige Antwort gab?!
Gneisenau ging mit Müffling zu ihm hinein.
In einer Ecke des Krankenzimmers brannte, dicht verhangen, eine Lampe. Der
Leibarzt Blüchers, Bieske, saß daneben, sanft eingeschlummert. Im Bett
wälzte sich Blücher unruhig hin und her, die Augen mit einem alten
grünseidenen Damenhut gegen das kaum merkbare Licht geschützt.
Die Augen schmerzten ihn. Ein zitterndes Flimmern lag über der Netzhaut,
im Spiel der Farben wogte alles hin und her, Gestalten tauchten auf,
drangen von allen Seiten auf ihn ein, schlossen die Glieder, zogen in
endloser, dichtgedrängter Schar an ihm vorüber, ernst, langsam und würdig
wie zu einer Trauerparade –, Offiziere in Gala-Uniform mit roten Kragen
und hohen Blechmützen, die Gesichter ernst und blaß wie der Tod, die Augen
geschlossen, feierliche Ruhe in den Zügen, an der Seite jedes einzelnen
eine Frau in Trauer, den verschleierten Kopf schmerzvoll geneigt. So zogen
sie ohne Unterbrechung an ihm vorbei, wo er draußen auf einem Felsen am
Rhein stand. Aus allen Schluchten, aus allen Wäldern, aus allen Tälern
ringsumher strömten sie in immer dichteren Scharen an ihn heran und nach
dem Ufer des Rheins hinab, stiegen ins Flußtal hinunter und zogen dort
weiter, immer weiter gegen die Abendsonne hin. Die Blechmützen glitzerten
und blitzten, von den schwarzen Trauerschleiern der Frauen umwallt. – Wie
ein Spiel der Wellen im Abendsonnenschein, so flimmerte es vor den Augen,
verwob sich in der Ferne mit dem Widerschein auf dem Wasser und wurde zu
einem einzigen Strom, der leuchtend und flammend sich weiter den Weg durch
die Felsen fraß.
Die Augen schmerzten vom vielen Glanz! Da erhob sich plötzlich eine dunkle
Masse dicht vor ihm. Ein Felsen wuchs aus der Erde, hart, eckig und
knorrig – kein Felsen – eine menschliche Gestalt war’s, mit zwei Köpfen,
in Wut verzerrt, die miteinander rauften, daß die ganze Gestalt ins Wanken
kam. – Yorck war’s!
Blücher frohlockte! Da war er endlich hinter das Geheimnis Isegrims
gekommen! Nicht einen –, _zwei_ gleich harte Köpfe hatte der alte Kerl,
die sich stets widersprachen! Das war des Rätsels Lösung, deshalb war mit
ihm nicht auszukommen!
Da fuhr ihm blitzschnell der Gedanke durch den Kopf: Yorck hielt ebenso
streng auf Ordnung bei seiner Truppe wie er selbst und duldete keine
Troßwagen hinter der Marschkolonne.
„Mein Champagnerwagen!“ rief er plötzlich, setzte sich im Bett auf und
hielt krampfhaft den alten grünen Hut über die Augen gepreßt. „Mein
Champagnerwagen!“ Denn er hatte fürsorglich eine Fuhre Champagner direkt
von der Quelle nach Hause senden lassen, und er gab seitdem seinen
Mitarbeitern keine Ruhe, ehe er nicht diesen Schatz glücklich in
Sicherheit jenseits der Grenze wußte.
„Mein Champagnerwagen!“ schrie er. „Sorgt nur dafür, daß der Isegrim ihn
nicht erwischt. Der bärbeißige alte Kerl hat ja zwei Köpfe! Er hat _zwei
Mäuler zum Saufen_! Er trinkt mir meuchlings den ganzen Krempel aus! Her
mit Papier und Tinte! Ich muß es ihm schreiben –“
Müffling legte ihm ein Blatt Papier vor, und rasch, kaum leserlich,
kritzelte Blücher ein paar Worte darauf, reichte ihm den Papierfetzen hin
und sank ins Bett zurück. Eingedenk Ratkaus, wo dieser ihm auch etwas zum
Unterschreiben ans Bett gebracht hatte, rief er ihm noch energisch zu:
„Aber ich kapituliere nicht, Müffling, ich kapituliere nicht!“
Dann fiel er ins Bett zurück, blieb liegen und blickte bald Gneisenau,
bald Müffling eigentümlich an.
„Komm Er her!“ rief er plötzlich. „Näher, nur immer näher, ich will Ihm
etwas sagen!“
Müffling beugte sich zu ihm herab, und flüsternd und geheimnisvoll
nickend, fing der Alte an:
„Weiß Er was? Ich habe ein Gefühl im Leib, als wäre ich mit einem
Elefanten schwanger – es dehnt sich und dehnt sich – manchmal ist’s mir,
als wäre mir die Stube schon zu eng – ich möchte nur wissen, wie das kommt
– und auch, auf welchem Wege ich so’n Ungetüm wohl auf die Welt bringen
werde?“
Das wurde Gneisenau zuviel. Entschlossen trat er an das Bett heran. In
kurzem, scharfem Ton, der unbedingt die Aufmerksamkeit des Kranken
erzwang, erzählte er von der Desertion Yorcks, die unbedingt die sofortige
Dazwischenkunft des Oberkommandierenden erheischte, um peinliches Aufsehen
zu vermeiden.
Blücher begriff. Die Wut packte ihn, verscheuchte im Nu die
Fiebergespenster und machte seinen Geist sofort ganz klar.
„So’n Hundsmiserabler –, so’n Sauverfluchter! Und dabei hat der Kerl ganz
recht! Wir sind im Unrecht! Himmeldonnerwetter, klappe ich einmal einen
Augenblick zusammen, gleich geht alles schief! Wir hätten verfolgen
sollen, Gneisenau – hätten bei der Stange bleiben müssen, wo wir endlich
einmal den Kerl, den Korsen, im Sack hatten! Ja, sage Er einmal,
Gneisenau, wo hatte Er das mit dem Hangen und Bangen nur plötzlich her?
Das kenne ich sonst nicht bei Ihm? Es wäre schon besser, das Fieber hätte
Ihn gepackt, nicht mich! Verflucht, daß ich gerade jetzt das Pech haben
mußte, dazuliegen. Das muß ich wiedergutmachen. Her mit Tinte und Papier!
– Er ist ein altes Ekel, ein ruppiger Hund, der Isegrim! Aber – wie
prachtvoll hat er nicht soeben den Franzosen angebissen! – Nun, wo bleibt
das Papier? Der Fetzen da taugt –, her damit!“
Er deutete auf seinen Brief, den er vorhin geschrieben hatte. Müffling
reichte ihn ihm.
„Da steht schon etwas drauf!“ sagte Blücher, der alles bereits vergessen
hatte. „Lese Er’s mir vor, die Augen schmerzen mir!“
Müffling las.
„Mein lieber, alter Freund!
So etwas tun wir beide einander doch nicht an. Was würde die Geschichte
dann von uns sagen?