Ich muß auf dem rechten Flügel mehr Artillerie haben! – General Reille!“

Der Gerufene ritt in das Viereck hinein, das d’Erlon nach empfangenem

Befehl verließ.

„Sie werden“, sagte Napoleon kurz und bestimmt, „von Ihrer Artillerie die

schweren Haubitzen nach dem rechten Flügel hinübersenden. Sie sollen dort,

wo die Front sich den Talrand entlang nach vorne biegt, Aufstellung nehmen

und von dort den Feind mit flankierender Wirkung beschießen. Sie sehen die

Häuser, die links von der Chaussee unten im Tal aus der grünen Oase

emporragen?“

„Ich sehe sie.“

„Es ist das Schloß Houguemont. Ich habe englische Garden drinnen

festgestellt. Werfen Sie sie hinaus. Erstürmen Sie dann die Böschung des

Plateaus und schlagen Sie den Rest der englischen Garden, die mit den

Holländern und den Braunschweigern dort das Plateau garnieren. Suchen Sie

ihnen den Vereinigungspunkt der Chausseen von Nivelles und von Charleroi

zu entreißen, und drängen Sie auch den rechten feindlichen Flügel in den

Wald. Sie werden den rechten englischen Flügel nicht umgehen können.

Wellington hat ihn, in seiner Angst, vom Meer abgeschnitten zu werden,

doppelt so stark bedacht wie den linken. – Bis nach Hal haben wir seine

Truppen feststellen können. Dort stehen mindestens 15 000 Mann. Dafür hat

er hier höchstens 75 000 Mann beisammen, deren wir leicht Herr werden –

wenn jeder seine Schuldigkeit tut und heute meine Befehle genau und auf

die Minute befolgt.“

Die letzten Worte sprach er mit etwas erhöhter Stimme und einem raschen

Seitenblick auf den Marschall Ney, dessen lange Gestalt etwas abseits hin

und her tanzte, da er sein Pferd in seiner Ungeduld immer wieder mit den

Sporen kitzelte und es so zum steten Pirouettieren brachte.

„Ney ist verdrießlich“, flüsterte Napoleon seinem Bruder zu. „Es reut ihn,

vorgestern dem Teufel der Unentschlossenheit Einlaß in seine Seele gewährt

zu haben. Ich habe meinen Ohren nicht getraut, als ich seine Ausreden

hörte. Er hat tatsächlich geglaubt, bei Quatrebras die ganze englische

Armee vor sich zu haben, statt, wie ich bestimmt annehmen durfte und ihm

auch sagte, nur ein paar tausend Mann, die in zehn Minuten zu erledigen

gewesen wären. Dieser dumme Kerl erlaubt sich, noch auf eigene Gefahr hin

denken zu wollen, obwohl er weiß, daß ich für ihn und für euch alle zu

sehen und zu denken pflege! Er hat mich gar verbessern wollen – – und hat

mir so meinen schönen Plan verpfuscht. Hätte er gehorcht, wir stünden

jetzt in Brüssel, und Wellington hätte nimmermehr gewagt, sich mir hier in

den Weg zu legen. Jetzt hofft Wellington auf den Beistand der Preußen. Den

soll er aber nicht haben, wenn mir Grouchy heute ein wenig besser gehorcht

als Ney vorgestern! – Auf Ihre Plätze, meine Herren!“ rief er laut den

Generälen zu.

D’Erlon, Reille, Lobau und Ney grüßten, warfen ihre Pferde herum und

setzten sie in Trab in der Richtung, aus der sie mit dem Kaiser gekommen

waren.

„Heute wollen wir vor allem kaltes Blut bewahren, lieber Ney“, rief dieser

noch dem Marschall nach, dessen hochrotes Gesicht sich dabei ganz dunkel

färbte.

„Der tolle Kerl wird mir heute durch die Lappen gehen, um sein

vorgestriges Trödeln wieder gutzumachen“, sagte der Kaiser halb für sich,

winkte seinen Leibpagen heran und befahl ihm, den Tisch mit den Karten auf

dem kleinen Hügel, der sich etwas abseits von der Chaussee erhob,

aufstellen zu lassen. Er blickte dann über die Gegend hinaus, nach rechts

in die Verlängerung des Tales hinein, wo sich vier Lieues entfernt die

Türme des Städtchens Wawre auf dem blauen Dunst matt abzeichneten und der

Lasne-Bach auf dem Grund des Tales sein silbernes Band hinschlängelte.

Von dort mußte Grouchy mit seinen 30 000 Mann kommen. Er müßte auch schon

unterwegs sein. – Zwei Kuriere waren ihm schon während der Nacht mit

dahingehenden Befehlen gesandt! Man sollte ihm gleich noch einen Boten

schicken, wenn sich nicht bald die Spitzen seiner Kolonnen drüben auf der

Höhe zeigten, wo die Kapelle von St.-Lambert weiß leuchtete.

Noch einmal umfaßte Napoleon mit einem Blick das ganze farbenprächtige

Bild, das jetzt vom frei flutenden Sonnenlicht auf das prächtigste

vergoldet wurde. Seine Haltung straffte sich, seine Augen leuchteten.

„Die Erde ist stolz, so viele tapfere Männer zu tragen“, sagte er. „Die

ganze Natur lächelt unseren Helden und grüßt sie mit Siegesglanz!“

Er wandte sein Pferd und ritt langsam an dem allein dastehenden weißen

Gebäude von Belle-Alliance vorbei, nach dem weiter hinten an der gleichen

Chaussee liegenden Pachthof Caillou, wo er sein Hauptquartier hatte.

Dort angekommen, fühlte er plötzlich, wie schon sooft in den letzten

Jahren, eine beginnende Ohnmacht im Gehirn.

Es war kein Wunder.

Am gestrigen Tag war er von früh um fünf bis zum späten Abend marschiert,

dann seit ein Uhr nachts wieder im Sattel, und hatte die Gegend und die

feindlichen Stellungen bei strömendem Regen selbst rekognosziert. Jetzt

hatte er alles angeordnet, den Angriffsplan entworfen, die Armee

aufgestellt und gegen die Ungeduld seiner Generäle angekämpft, die schon

gleich in aller Frühe angreifen wollten, ehe der Boden so weit von den

Regengüssen aufgetrocknet war, daß die Artillerie vorwärts konnte. Das

spannte seelisch ab. Jetzt war er zu Ende, jetzt mußte sein Gehirn Ruhe

haben.

Er rief seinen Bruder Jérôme.

„Es ist zehn Uhr“, sagte er. „Ich will eine Stunde schlafen. Um elf sollst

du mich wecken – die anderen wagen es ja nicht. Um elf Uhr, keine Minute

später!“

Damit streckte er sich auf seinem Feldbett aus, legte seinen Kopf auf das

dünne Kopfkissen und schlief, wie er es jederzeit konnte, sofort ein.

Inzwischen marschierten die Preußen.

Durch unwegsames Gelände strebten sie in großem Bogen wieder zur Chaussee

Namur–Brüssel zurück, die sie bei Sombreffe hatten verlassen müssen.

In Wawre rasteten sie, trockneten ihr durchnäßtes Zeug, schafften sich

etwas Warmes in den Leib, brachten ihre Waffen in Ordnung, ergänzten ihre

Munition und waren guten Mutes trotz der Strapazen und der bei Ligny

erlittenen Verluste.

Dort langte bei Blücher ein von Wellington abgesandter Bote an, mit der

Bitte, ihm so rasch wie möglich eine Verstärkung von zwei Korps zu senden.

Er würde dann die Schlacht von Napoleon annehmen.

„Ich breche mit allem auf, was ich bei mir habe“, antwortete der

Feldmarschall, der nach seinem Sturz in der Lignyschlacht sich kaum noch

aufrecht zu halten vermochte.

„So krank ich auch bin,“ schrieb er gleichzeitig dem General Müffling, der

im englischen Hauptquartier Preußen vertrat, „so werde ich mich dennoch an

die Spitze meiner Truppen stellen, um den rechten Flügel des Feindes

sofort anzugreifen, wenn Napoleon etwas gegen den Herzog unternimmt.“

Und im Tagesbefehl an seine Truppen, in dem er den Verlust der letzten

Schlacht dem Ausbleiben der Unterstützung durch die Engländer zuschrieb,

kündigte er ihnen, aufrecht wie immer an: „Ich werde euch wieder vorwärts

gegen den Feind führen. Wir werden ihn wieder schlagen, denn wir

müssen’s!“

Er schickte dann seinen guten Doktor Bieske mit seinen Salben und Mixturen

zum Teufel, als dieser seine Quetschung wieder einreiben wollte.

„Heute“, sagte er, „mag’s den alten Knochen gleich sein, ob sie balsamiert

oder nicht balsamiert in die Ewigkeit gehen!“ Er wankte dann zur Tür

seines Hauses hinaus, wo seine pommerschen Regimenter gerade vorüberzogen

und ihn jubelnd begrüßten, hielt sich am Türpfosten fest, um nicht dabei

zu fallen, ließ sich aufs Pferd heben und war seelenvergnügt, als er die

vier sicheren Beine seines Schimmels wieder unter sich fühlte. Er lachte

über Grouchy, der ihn in verkehrter Richtung suchte und also nicht fand,

ließ die Korps Thielmann und Zieten in Wawre zurück, um diesen Marschall

aufzuhalten, und zog selbst an der Spitze der übrigen Truppen nach Mont

St.-Jean ab.

Das war keine leichte Aufgabe.

Richtige, feste Chausseen waren nicht vorhanden. Die Feldwege waren alle

aufgeweicht und bald so vertreten, daß kein Fortkommen mehr war. Die

Soldaten wateten bis über die Knöchel im Schlamm. Die Kanonen und

Munitionskarren blieben stecken und konnten trotz den vereinten

Anstrengungen von Zugtieren und Soldaten kaum von der Stelle bewegt

werden.

„Vorwärts, Kinder“, rief Blücher und ritt hinzu, um die Leute anzufeuern.

„Es geht nicht!“ riefen diese keuchend.

„Es muß gehen! Ich hab’s versprochen. Wollt ihr mich denn wortbrüchig

machen?“

Nein, das wollten sie nicht! Das ginge nun auch nicht! Sie legten sich

doppelt ins Zeug, kamen aus der Patsche heraus und marschierten fröhlich

weiter dem Feind entgegen.

‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Pünktlich um elf erhob sich Napoleon von seinem Lager, ohne daß man ihn zu

wecken brauchte, und sofort war sein durch den Schlaf gestärkter Geist

wieder in voller Tätigkeit.

Er begab sich zu dem kleinen Hügel am Pachthof La Belle-Alliance, von wo

aus die ganze Gegend zu überblicken war, setzte sich da in seinen

„Regiestuhl“, wie er scherzend sagte, ließ die Karten vor sich ausbreiten,

lachte vergnügt und sagte:

„Mein Freund Talma müßte einmal als Volontär bei mir antreten. Ich würde

ihm beibringen, wie man Massen bewegt!“

Einige Minuten vertiefte er sich in das Studium der Karte, stand dann auf,

winkte einen von den in respektvoller Entfernung stehenden Offizieren

heran und zeigte nach rechts.

„Aus dieser Richtung erwarte ich den Marschall Grouchy. Reiten Sie ihm

entgegen, sagen Sie ihm, er soll sich beeilen, mit seiner ganzen Macht

hierherzukommen! Und verlassen Sie ihn nicht, ehe er nicht in vollem

Anmarsch ist!“

Der Offizier salutierte, warf sich auf eins von den am Fuße des Hügels

stehenden Pferden und galoppierte davon.

Um halb zwölf gab Napoleon das Zeichen.

Eine Salve aus hundertundzwanzig Feuerschlünden antwortete, spie einen

Orkan von Eisen über die englischen Stellungen, erschütterte die Luft und

machte den Boden beben.

Nach einer halben Stunde hörte der Höllenlärm auf, ebenso jäh, wie er

angefangen hatte, und man konnte jetzt ein lebhaftes Geknatter vom linken

Flügel hören, wo General Reille seine Infanterie gegen das Schloß

Houguemont führte.

Napoleon achtete besonders eifrig darauf, ob der Gegner sich durch jene

Kämpfe verleiten lassen würde, Truppen zur Unterstützung seines rechten

Flügels heranzuziehen, und so seinen linken, gegen den der Hauptangriff

beabsichtigt war, zu schwächen.

Er wollte eben Ney befehlen, mit dem Zentrum und dem rechten Flügel

vorzugehen. Als er aber vorher die Gegend mit dem Fernrohr absuchte,

stutzte er plötzlich, reichte Soult das Glas und sagte: „Sehen Sie

dorthin, Herr Herzog, nach rechts, neben der Kapelle von St.-Lambert –

dort, ja! Ich sah da einen beweglichen Schatten. Was halten Sie davon?“

„Es könnten die Wipfel eines Gehölzes sein“, sagte der Marschall und gab

das Fernrohr zurück.

„Es sind Truppen in Marsch!“ sagte Napoleon und reichte sein Fernrohr

weiter an die anderen Offiziere, die seine Annahme bestätigten.

Klein wie die Figuren einer Spielzeugschachtel bewegten sich die Truppen

auf der fernen Anhöhe, aber so vom blauen Dunst umnebelt, daß weder

Bewaffnung noch Uniform zu erkennen waren.

„Es können die Preußen sein!“ meinte ein Offizier, indem er dem Kaiser das

Fernrohr zurückgab.

„Es _muß_ Grouchy sein!“ erwiderte Napoleon gereizt. „Man soll sofort

Kavallerie zum Rekognoszieren aussenden! Bis die Frage geklärt ist,

unterbleibt der Angriff Neys!“

Er brauchte nicht lange auf Bescheid zu warten.

Gleich darauf brachte man einen gefangenen schwarzen Husaren ein, der

einen Brief Blüchers an Wellington mithatte und aussagte, daß die Truppen,

die man drüben sähe, Preußen wären, von Bülow geführt wurden und

dreißigtausend Mann stark heranrückten.

Napoleon gab sofort seine Befehle, und gleich darauf sah man aus der

zweiten Linie der französischen Schlachtordnung das Korps des Grafen Lobau

rechts abschwenken, um sich vor der Flanke der Armee aufzustellen.

Das waren gleich zehntausend Mann weniger gegen die Engländer und doch

lange nicht genug, um die Preußen zu werfen. Aber gleichviel. Es genügte,

um sie aufzuhalten, bis Grouchy käme, was ja bald der Fall sein würde.

Ney, der seine Ungeduld kaum noch meistern konnte, bekam endlich den

Befehl anzugreifen. Er stürzte sich auf die Pachthöfe La Haye und

Papelotte und fing da ein blutiges Gemetzel an.

Gleichzeitig setzten sich die Divisionen d’Erlons in Bewegung. Sie gingen

in vier Kolonnen, zu je acht, auf fünf Schritt Abstand hintereinander

gestaffelten Bataillonen vor, stiegen in das Tal hinab und waren gleich

drüben.

Erst als sie anfingen die Böschung des entgegengesetzten Plateaus zu

ersteigen, gewann Napoleon einen rechten Überblick über ihre Aufstellung.

Ein Ausruf des Zornes flog über seine Lippen.

„Dieses leichtsinnige Schwein, dieser Ney!“ murmelte er verdrießlich.

„Schickt mir die Sturmkolonnen ohne Flankenschutz – in Reih’ und Glied

hintereinander vor! Wie, wenn sie jetzt einen Kavallerieangriff bekommen?!

Wozu habe ich meine Generäle, wenn ich mich jetzt um jedes Detail noch

kümmern muß?“

Indes, kein Fluchen half mehr. Es blieb ihm auch keine Zeit, noch für

Änderung zu sorgen. Der taktische Fehler war unabänderlich da.

Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte er den Verlauf des Angriffs. Er

sah, wie die Sturmtruppen am Wege von Ohain, der den Abhang in halber Höhe

durchschneidet, nach kurzem Kampf die dort eingegrabenen Engländer

überwältigten und die Böschung unaufhaltsam weiter erstiegen.

Jetzt waren sie oben – jetzt fingen sie an, sich auf dem Plateau zu

entwickeln, trotz dem Kartätschenhagel, mit dem sie vom Feind überschüttet

wurden. Einige Minuten nur, und sie würden mit gesammelter Kraft auf die

Reihen Wellingtons vorstürmen. Der Durchbruch war in greifbarer Nähe!

„Mögen die Preußen marschieren!“ murmelte Napoleon, „ehe sie herankommen,

bin ich mit den Bundesgenossen da oben fertig und gebe ihnen dann den

Rest!“

Er schwieg plötzlich und blickte gespannt durchs Fernrohr hinüber – er

sah, wie sich aus dem Kornfelde da oben Rotröcke erhoben und aus nächster

Nähe auf die überraschten Truppen d’Erlons Feuer gaben, während von links

Ponsonbys graue Dragoner in zwei Kolonnen zwischen die Reihen ihrer

offenen Flanke hineinstürmten und sie in Verwirrung brachten. Die

Vorwärtsbewegung stockte sofort; alles wankte und suchte sich einen

Augenblick zu halten, und dann rutschte die ganze Masse von Infanterie und

Kavallerie, in bunter Unordnung miteinander vermischt, auf die Sohle des

Tales hinunter.

„Da haben wir die Schweinerei! Ich hab’s ja gesagt!“ rief Napoleon, warf

sein Fernrohr auf den Tisch, sprang in den Sattel und galoppierte, so

schnell er konnte, zu den auf dem rechten Flügel stehenden Kürassieren

Milhauds hinüber, schickte ein paar Schwadronen von ihnen zur

Unterstützung vor, ritt dann zu den Truppen d’Erlons, half sie wieder

ordnen und sprach beruhigend auf sie ein.

Inzwischen marschierten die Preußen und kamen immer näher und näher. Von

den Anhöhen bei der Kapelle Saint-Lambert hatten sie schon in der Ferne

den Mont St.-Jean von Rauchwolken umkränzt gesehen, aus denen Blitze

hervorzuckten. Das ferne Donnern der Geschütze versetzte sie in freudige

Aufregung.

Sie stiegen die Böschung nach dem Tal hinunter, so leicht, als ginge es

zum Tanz in der Dorfschenke. Und rutschten sie auf dem glitschigen Boden

aus, oder sanken in den fließenden Sand des Lasnebachs ein, so war’s nur

ein Vergnügen mehr.

Singend plantschten sie weiter vorwärts und freuten sich der Sonne, die

jetzt warm herniederstrahlte, die steifen Glieder durchwärmte und das

nasse Zeug trocknete. Als aber der Wald von Frichemont leer vor ihnen lag

und nicht einmal von einem Pferdeschwanz oder vom Fetzen eines

Infanteriemantels besetzt war, da jauchzten sie laut auf. Denn da hätte

eine Handvoll entschlossener Leute ihnen das Fortkommen verteufelt sauer

machen können.

„Der Kaiser wird von hier aus nur seinen Grouchy erwartet haben“, sagte

Blücher schmunzelnd. „Er wird sich wundern, wie der sich verändert hat,

wenn er mich sieht!“

Napoleon wunderte sich aber über nichts mehr. Am allerwenigsten über das

Versagen seiner Unterführer oder die Nichtausführung seiner Befehle.

Grouchy mit dem ganzen rechten Flügel seiner Armee blieb aus. Die Preußen

kamen zu früh an. Er stand vor einem schweren Entschluß.

Die Schlacht abbrechen, hieße sich besiegt erklären. Es wäre ein

Retirieren unter steten Kämpfen in der Flanke und im Rücken. Die

Siegesfreudigkeit seiner Soldaten wäre hin, die politischen Folgen

unübersehbar. Auch ein halber Erfolg käme da einer Niederlage gleich.

Einzig ein großer entscheidender Sieg konnte ihm jetzt helfen, wo ganz

Europa wieder auf ihn einstürmte.

Also _va banque_! Alles auf eine Karte gesetzt!

Er überblickte noch einmal die Situation.

Oben auf dem Plateau die englische Armee, die sich nicht vom Flecke

rührte.

Unten im Hohlweg ihre drei Vorwerke, um die noch erbittert gekämpft wurde.

Links hatte sich dort Reille mit seinen sämtlichen Divisionen in dem

Gehölz um Schloß Houguemont derartig festgebissen, daß ein leerer Raum

zwischen ihm und den weiter rechts stehenden französischen Truppen

entstanden war. Rechts suchten die Engländer die bereits eroberten

Pachthöfe La Haye und Papelotte zurückzunehmen. In der Mitte balgte sich

Ney noch mit den Verteidigern von Haye Sainte herum, das er haben mußte.

Denn von hier aus wollte Napoleon zum entscheidenden Sturm auf die

englischen Stellungen ansetzen. Sobald er die preußische Sturmflut in

seiner rechten Flanke eingedämmt haben würde, wollte er mit der Garde und

der schweren Kavallerie über sie herfallen, sie vernichten und dann seine

ganze Kraft gegen die Preußen wenden.

Er gab den in der zweiten Linie stehenden Kürassieren Milhauds Befehl, die

zwischen Neys und Reilles Truppen klaffende Lücke auszufüllen.

Langsam wie auf dem Paradeplatz ritt Milhaud mit seinen acht von Eisen

starrenden Regimentern von rechts nach links quer über das Feld und rückte

in die erste Linie ein.

Die hinter ihm in der dritten Reihe stehende leichte Gardekavallerie

folgte, wie von einem Magneten angezogen, den Bewegungen der „Schweren“.

Ihr Führer, Lefebvre-Desnouëttes, wartete nicht erst den Befehl des

Kaisers dazu ab. Und Ney, entzückt, die schöne Kavallerie zur Verfügung zu

haben, ging gleich mit ihnen durch.

Er sah oben auf dem Plateau sechzig englische Kanonen ohne Bespannung

stehen, dachte: „die nehmen wir!“ Und vorwärts – hui – sausten die

schweren Reitergeschwader ins Tal hinab, die Böschung hinauf, zwischen die

Geschütze hinein, ritt die dahinter stehende Division Alten um und stürzte

sich auf die zweite Linie der englischen Infanterie, ohne sich um den

Hagelschauer von Geschossen zu kümmern, der gegen ihre Kürasse und Helme

prasselte.

Erst als zwischen den englischen Karrees die Gardekavallerie Somersets und

die Dragoner Dornbergs vorbrachen, mußten sie weichen. Es kam zu einem

erbitterten Nahkampf zwischen den beiden Reitereien, in dem die Franzosen

schließlich doch die Oberhand behielten, als die Lanciers

Lefebvre-Desnouëttes zur Unterstützung herankamen.

Napoleon war außer sich, seine Kavallerie, die er sich für den

Hauptangriff aufgespart hatte, vorzeitig durch Ney verbraucht zu sehen.

„Dieser Mensch“, rief er, „bleibt stets der gleiche! Er bringt mir alles

in Gefahr, weil er sich niemals zügeln kann und immer eine Stunde zu früh

loslegt!“

Aber einmal begonnen, mußte der Angriff durchgeführt werden, wenn die

Kräfte nicht nutzlos vergeudet sein sollten.

Napoleon gab also Kellermann, der links im zweiten Treffen hielt, Befehl,

seine Kürassiere zur Unterstützung vorzusenden.

Der gleiche Vorgang wiederholte sich dann wie vorhin, als Milhaud

vorrückte. Sobald Kellermanns Kürassiere sich in Bewegung setzten, folgte

automatisch die im dritten Treffen hinter ihnen stehende Gardereiterei –

zweitausend Grenadiere zu Pferd – und ging gleichzeitig mit ihnen so

energisch vor, daß Napoleons Rückberufungsbefehl sie erst erreichte, als

es zu spät war und sie schon im Kampf verwickelt waren.

Ney bemächtigte sich ihrer sofort und führte mit unerhörter Wucht eine

Attacke mit zwanzig Schwadronen gegen die Engländer, sprengte ihre ersten

Linien, konnte aber den zähen Widerstand der englischen Garde und der

Braunschweiger doch nicht brechen. Wellington schickte seine letzte

Kavallerie, die Cumberlandhusaren, vor. Angesichts des Gemetzels machten

diese aber sofort kehrt, nahmen Reißaus und rissen alles – Gepäck,

Artilleriepark und Verwundete – in wilder Flucht gen Brüssel mit. Die

Schlacht wäre für Wellington verloren gewesen, hätte Ney jetzt Infanterie

gehabt, um den letzten Widerstand der englischen Infanterie zu brechen.

Hätte Napoleon mit eigenen Augen den Zustand der in den letzten Zügen

liegenden englischen Verteidigung sehen können, er hätte keinen Augenblick

gezögert, seine Garde hinzuschicken, um dem Gegner den Gnadenstoß zu

geben. Aber er hatte schon alle Hände voll mit den Preußen zu tun und

wagte nicht, sich seiner letzten Reserven zu entblößen – er war auch

zornig über den Ungehorsam Neys und hatte nicht mehr die überlegene Ruhe,

die Situation zu erfassen.

Ein anderer aber hatte sie. Blücher hatte von den gegenüberliegenden Höhen

am Lasnetal gesehen, was auf dem Mont St.-Jean vorging. Er lachte vergnügt

und hatte nicht übel Lust, Wellington sein Ausbleiben bei Ligny

heimzuzahlen.

„Nun, Bruder Wellington,“ sagte er grimmig, „wenn ich dir jetzt käme, wie

du mir gestern kamst, das heißt: _gar nicht_, da säßest du jetzt böse in

der Klemme! Und das wäre dir ob deines Wortbruches zu gönnen. Ich werde

dir aber, obwohl ich ein Mecklenburger bin, zeigen, was ein Preuße ist,

nämlich: ein Mann, ein Wort!“

Er schickte also schleunigst Befehl an Zieten, von Wawre heranzurücken, um

den englischen linken Flügel zu verstärken. Das Korps Pirch schickte er

zur Unterstützung gegen Lobau vor, der eine sehr starke

Verteidigungsstellung auf dem waldigen Vorgebirge zwischen dem Hohlweg des

Lasnebaches und dem Tal des Smohainbaches eingenommen hatte.

Um drei Uhr kam Bülow hier an und sah vor sich oben auf dem Rand der

Anhöhe Lobaus Kanonen –, die Kanoniere mit brennenden Lunten daneben. Er

teilte seine Truppen, schickte die Division Losthin rechts am Smohainbach

vor, die Division Hiller am Lasnebach gegen das hinter der französischen

Front liegende Dorf Planchenois, mit Befehl, es zu nehmen und so die

Rückzugsstraße Napoleons zu bedrohen.

In dieser waldigen Schlucht, wo die hinter den Bäumen versteckten

Verteidiger ein ununterbrochenes Feuer unterhielten, drangen die Preußen

mit unerhörter Wucht vor.

Napoleon warf, was er an Truppen hatte, ihnen entgegen und trieb sie

zurück, mußte aber wieder weichen. Er holte Sukkurs, schickte seine junge

Garde ins Feuer und säuberte das Terrain von Feinden, aber mußte es, trotz

allen Anstrengungen, zu guter Letzt wieder räumen. Immer neue Kolonnen von

Feinden wälzten sich aus der Schlucht hervor und zehrten an seinen

Truppen, die sichtbar in ihrem Feuer zusammenschmolzen. Es war, als hätte

sich die Erde aufgetan, um eine nimmer endenwollende Flut von Preußen über

ihn auszuspeien. Von Rauch und Feuer umwirbelt, quoll sie auf ihn zu,

alles niederreißend, alles überschwemmend. Und in den Wolken über ihnen

sah seine überhitzte Phantasie riesengroß und zornig verzerrt das Antlitz

seines unversöhnlichsten Gegners, des alten Blücher, dem Angriff immer

neuen Odem einhauchend und seine Preußen unaufhaltsam vorwärts treibend.

Ein Schauer erfaßte ihn zum erstenmal im Leben. Für eine Sekunde verlor

sein sonst immer klarer Geist das Gleichgewicht. Dann besann er sich

rasch. Er eilte zur alten Garde hin, nahm von deren fünfzehn Bataillonen

zwei, setzte ihnen in kurzen Worten auseinander, daß die Entscheidung

nahe, und daß sie sie herbeiführen und das Kaiserreich retten sollten. Sie

müßten den Feind wieder in den Hohlweg hineinwerfen, aus dem er niemals

hätte herauskommen dürfen.

„_Vive l’empereur!_“ schallte es ihm aus den Reihen der Bärenmützen als

Antwort entgegen. Dann traten sie mit unerschütterlicher Ruhe zum Angriff

an, mit gefälltem Bajonett, ohne einen Schuß zu tun, und warfen die

Preußen durch den ganzen Hohlweg bis ans andere Ende zurück.

Diese ihre Bravour gab Napoleon seine Zuversicht wieder. Wenn nur zwei

Bataillone seiner alten Garde das gegen ein paar feindliche Divisionen

erreichen konnten, dann hatte es keine Not, dann sollte auch Ney welche

von ihnen haben!

Ney hielt noch mit seinen halberschöpften Kürassieren und Gardegrenadieren

oben auf dem Plateau – ihm gegenüber der gänzlich ermüdete Engländer,

beide ohne einen Schuß zu tun, beide darauf wartend, wer von ihnen zuerst

Hiebe bekommen würde. Eine Stunde standen sie schon so unbeweglich da, als

Napoleon endlich glaubte, die Preußen so weit zurückgeworfen zu haben, daß

er Ney die erbetene Infanterie geben konnte.

Er stellte noch sechs Bataillone zur Sicherung seiner Front gegen die

Preußen auf und schickte den alten Friant mit vier Bataillonen gegen die

Engländer auf das Plateau hinauf!

Kaum hatte er den Befehl gegeben, da bemerkte er eine plötzliche Unruhe in

der regungslosen Masse seiner Reiterei da oben. Auf der Brüsseler Chaussee

kam Ney herangesprengt, ohne Hut, mit durchlöcherter Uniform, das Gesicht

geschwärzt, der blonde Haarschopf wirr um das Haupt flatternd, und schrie,

seine Kavallerie wiche, wenn die Infanterie nicht sofort käme –, nahm dann

die Bataillone der Garde an sich und zog mit ihnen ab.

Da oben war immer noch der Sieg zum Greifen nahe. Hinter der englischen

Front floh alles, was Beine hatte. In Brüssel wußte man bereits, daß

Wellington die Schlacht verloren hatte, und Botschaften flogen von dort

mit der Kunde von Napoleons Sieg nach allen Richtungen in die Welt hinaus.

Unten im Tal kamen dann aber plötzlich aus der Ecke, wo sich Napoleons

Front rechtwinklig zurückbog, die Rufe „_sauve-qui-peut!_“ Und aus den

Höfen La Haye und Papelotte flohen die bisher siegreichen Leute der

Division Durutte. Alles hing vom Augenblick ab.

Die Schlacht war auf dem Punkt angelangt, wo der Geist der Panik

herangesaust kommt und über dem Gewimmel darauf lauert, auf wen von den

Kämpfern er sich stürzen soll, und ob er hüben oder drüben den geringeren

Widerstand finden wird, wenn er sein Entsetzen losläßt.

Hüben stand noch der kleine große Schlachtenkaiser aufrecht da und schaute

ungeduldig nach seinem ungetreuen Grouchy aus, der immer noch nicht kam,

um ihm das Schlachtenglück zuzuwenden.

Oben auf dem Plateau stand der zähe Engländer und sah die Reihen der

Bärenmützen auf sich zukommen. Ein Wink seiner Hand – die Garden Maitlands

warfen sich auf den Boden hin, um dem Ansturm Neys und Friants zu

begegnen, erhoben sich, schossen aus nächster Nähe und durchlöcherten die

Reihen der alten Garde an hundert Stellen.

Aus mehreren Wunden blutend, ging Friant zurück, holte sich von Napoleon,

der sie selbst herangeführt hatte, noch fünf Bataillone von der alten

Garde zum Ersatz und zog mit ihnen wieder in den Kampf. Da sah Napoleon

die letzten Reste der englischen Reiterei unter Vivian und Vandeleur sich

plötzlich wieder ermannen und zur Attacke vorstürzen – er sah auch am Wald

von Soignes Preußen kommen, die Reiter Zietens voran.

Preußen überall und immer noch kein Grouchy! Er erbleichte –, es war die

Niederlage, die jetzt auf ihn einstürmte.

Zieten ließ seine Reiter los, sie machten mit den Schwadronen Vivians und

Vandeleurs gemeinsame Sache und überfluteten in einem Augenblick das ganze

Schlachtfeld.

Wo Napoleon hinblickte, war ein Gewimmel von englischen und preußischen

Uniformen. Und er hatte keine Kavallerie mehr hier unten, um die

feindlichen Reiter zu verjagen, seitdem Ney ihm die letzte genommen hatte.

Das Fußvolk allein war gegen sie ohnmächtig.

Seine Gardebataillone bildeten überall Karrees, die hier und dort wie

Felsen aus dem brandenden Meere emporragten und sich wohl wehrten, aber

die Sturmflut nicht aufhalten konnten.

Oben auf dem Plateau machten dann Milhauds Kürassiere kehrt, um nicht von

der Hauptarmee abgeschnitten zu werden, und ritten wieder die Böschung

hinunter. Auf dem abschüssigen Boden gerieten sie aber sofort in Unordnung

und halfen so nur den Wirrwarr vermehren.

Wellington ging jetzt zur Offensive über.

Keine Möglichkeit für Napoleon, der Auflösung noch irgendwo eine Wehr

entgegenzusetzen, und ein Bollwerk zu schaffen, hinter dem sich die

aufgelösten Verbände ordnen könnten.

„_Sauve-qui-peut!_“ wurde die Losung – der Kehrreim, in den sich der

Siegestaumel der Franzosen jäh auflöste.

Napoleon sah das Nutzlose ein, jetzt, bei beginnender Nacht, wo er weder

gesehen noch gehört werden konnte, seine Person dem Trubel

entgegenzustellen. Er ließ sich in ein Karree einschließen und ritt,

Jérôme an seiner Seite, auf der Chaussee nach Charleroi fort, von den

vorbeiflutenden Trümmern seiner stolzen Armee mitgeschwemmt.

Über das Schlachtfeld zogen jetzt von verschiedenen Seiten die Preußen und

die Engländer gegen das weithin sichtbare Gehöft Belle-Alliance hinan,

fegten den Boden von Feinden rein und nahmen die Verfolgung der fliehenden

Franzosen auf.

Die Preußen besorgten das Geschäft allein. Bis Jenappes hielten sie die

Jagd durch, nahmen unterwegs Napoleon seine ganze Artillerie und Bagage ab

und scheuchten seine Truppen durch Kartätschenschüsse auf, sobald sie sich

zur Ruhe setzen wollten.

In Jenappes gönnten sie sich endlich selbst etwas Ruhe.

Blücher, der trotz den Strapazen des vorhergehenden Marsches selbst die

Verfolgung leitete, war frisch wie ein Fisch im Wasser und von einem

seltenen Übermut.

Als er vom Pferd stieg und in sein Quartier hineingehen wollte, trat ihm

ein alter Husar in der schwarzen Uniform, die er so gut kannte, entgegen

und legte die Hand an die Mütze.

Wie der Blitz fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf: „Aha, da habe ich ja

meinen Solofänger! Der fehlte mir noch! Der war heute wieder fällig. So

war’s nach Kirrweiler, so war’s bei Leipzig! Und heute war’s ja wieder

eine Sache gewesen! Also, er ist da!“

Er ließ den Husaren gar nicht erst zu Worte, sondern rief ihm gleich zu:

„Keinen Ton! Ich weiß, was du willst, ich weiß mit dir Bescheid! Komm,

trinken wir miteinander eine Pulle Sekt für den guten Fang! Und da hast du

auch deine zwanzig Mark! Soviel war’s wohl wert, daß du mich damals den

Preußen einfingst! – Oder sollte ich schon im Preis gestiegen sein?“

Der alte Husar stand da, ohne zu begreifen, blickte bald Blücher, bald das

Geldstück an und schüttelte den Kopf.

„Wo hätte ich? Was hätte ich? Ich hätte Eure Exzellenz gefangen? – – Wie

käme ich wohl zu der Ehre? Ich habe einen ganz anderen Fang gemacht!“

Und dabei nahm er aus der Tasche eine Handvoll Brillanten, ließ sie aus

der einen Hand in die andere rieseln – hielt dem Marschall ein Etui hin,

in dem eine Sammlung der höchsten und seltensten Orden der Welt, auch der

preußische Schwarze Adler, glitzerten, und zog unterm Arm noch einen Degen

und einen dreieckigen schwarzen Hut hervor, den man in der ganzen Welt

wohl kannte.

„Zu dem Hut gehört auch ein grauer Mantel!“ rief Blücher aufgeregt, und

riß das Kleidungsstück an sich. „Und in dem Mantel steckte ein ganz

besonderer Kerl! – Wo hast du den gelassen?“

„Der steckt wohl immer noch drin in dem nämlichen Mantel, denke ich! Und

den habe ich nicht erwischt!“

„Du bringst mir ein Stück vom Fell des Löwen! Bringe mir den Löwen selbst,

und du wirst ein Fürst, so wahr ich auch einer geworden bin. Ihm nach –

rasch –!“

Damit stülpte er den Hut Napoleons auf den Kopf, nahm den Degen und die

Orden an sich und ging hinein.

Draußen blieb der Husar stehen. Er ließ noch ein paarmal die glitzernden

Steine aus einer Hand in die andere rieseln, steckte sie in die Tasche,

schüttelte den Kopf und kratzte sich bedächtig die Nase.

*

Das war am achtzehnten Juni. Schon am siebenundzwanzigsten konnte Blücher

seiner Frau aus Compiègne schreiben: „Hier sitz ich in dem Zimmer, wo

maria luise ihre Hochzeitsnacht Celebrierte, man kann nichts Schöneres und

angenehmeres sehn als Compiene – –“

Am siebenten Juli rückte Blücher wieder in Paris ein und führte so den

Gebrauch ein, auf jeden französischen Einzug in Berlin mindestens zwei

deutsche in Paris folgen zu lassen, damit man sich das merke und sich auch

danach richte.

Der deutsche Michel stand also wieder in Paris.

Er benahm sich nicht wie der Ochse im Porzellanladen – auch plünderte er

nicht und erpreßte nichts. Ja, er getraute sich nicht einmal, die ihm

abgenommenen Milliarden zurückzuverlangen – er war wieder gut und edel,

zeigte Gemüt, nahm Rücksicht, dachte, man würde es ihm danken, und merkte

nicht, daß man ihn auslachte.

Die anderen, die machten es ganz anders, wenn sie an der Reihe waren und

siegten. Sie verstanden es, ihren Haß und ihre Rachsucht ins Gemüt des

Besiegten hineinzustampfen, daß der Schmerz drin blieb und wucherte und

zur Vergeltung trieb.

Es fehlte nicht an wohlmeinenden Mahnern, die Michel beim Ohr nahmen und

sagten: „Michel, werde hart, sonst geht’s dir noch einmal ans Leben!“

Blücher brauchte jene Mahner nicht. Er sprach deutsch mit den

französischen Unterhändlern und schrieb ihnen auch in dieser verpönten

Sprache, zum Entsetzen aller Diplomaten, nicht zum wenigsten der

deutschen.

Er verfügte Wegnahme aller geraubten Kunstschätze, verlangte zweimonatige

Löhnung und neue Bekleidung für seine Truppen, legte der reichen Stadt

Paris eine Kontribution von hundert Millionen auf und befahl sofortige

Sprengung der Jenabrücke, ehe die Monarchen nach Paris kommen konnten, um

das zu verhindern.

Sie kamen aber schleunigst mit Extrapost an und inhibierten sowohl das wie

vieles andere, insbesondere die Auszahlung der hundert Millionen.

Sie kamen aber nicht schnell genug, um zu verhindern, daß Wellington in

seinem Gepäck den vor drei Monaten ausgerissenen König Ludwig XVIII.

mitbrachte – _Louis dixhuit_ – oder „_biscuit_“, wie er fortan, als

zweimal gebackener Monarch, genannt wurde.

Die beiden Kaiser und der König von Preußen hatten sich das französische

Cousinat diesmal ganz anders gedacht. Sie waren nicht sehr davon erbaut,

auf dem Thron Frankreichs diesen ungeheuren Klumpen lächelndes, gekröntes,

suffisantes Fett wieder vorzufinden, der sich ohne weiteres als Hausherr

gerierte und ihnen die Rollen wohlerzogener Gäste zuschob.

Sie fanden sich aber bald mit ihren Rollen ab und ließen den ungelenken

Mastodonten auf seinem königlichen Rollstuhl sitzen, allwo er denn auch

ein beschauliches Dasein führen konnte, sich tagtäglich zwischen dem Bett,

der Tafel und dem geheimen Kabinett hin und her schieben ließ und, fern

von den Schrecknissen des Krieges, von Werken des Friedens träumen konnte,

als welche da sind: trüffiertes Wildbret, pikante Soßen, wohltemperierter

Burgunder und mehr desgleichen.

Bedenkt man die Verwüstung und Verarmung der anderen europäischen Länder

während der langen Kriegsjahre, so muß zugegeben werden, daß la France,

die Urheberin des ganzen Elends, doch mit ihrem neuen „Legitimen“ billig

dabei weggekommen war. Denn, wenn er auch im guten Sinne nicht so viel

leistete, so tat er sich im bösen noch weniger hervor. Ganz wie das weiße

Pflaster, das von der bourbonischen Hausfarbe wohl den Namen hatte.

14

DER GRÖSSTE SIEG

Alt und grau, noch rüstig, aber von Ruhm und Ehren gesättigt, kehrte er

zurück zu den heimatlichen Gestaden, um die Stätten wiederzusehen, auf

denen er in jugendlichem Übermut herumgetollt war.

Er trieb sich in der Stadt umher, durch die Straßen, über den Markt, in

den Kirchen, auf den Friedhöfen, versäumte nicht, den Ratskeller auf seine

verborgenen Schätze anzusprechen, und landete schließlich auf dem Wall,

von wo aus er über den Hafen auf den Breitling hinausblicken konnte, der

im Sonnenschein glitzerte und blinkte. Lange stand er da, in wehmütige

Gedanken versunken.

Das Wiedersehen mit der Heimat war so ganz anders, als er es sich während

seines langen Lebens vorgestellt hatte.

Damals eine Welt, die für das Aufjauchzen der ersten Lebenslust kaum Raum

genug hatte, die zu eng, zu drückend war – eine Fessel, die gesprengt

werden mußte –, ein Kerker, aus dem es galt möglichst schnell zu

entrinnen. Und jetzt leer, tot und verlassen von allem, was sich damals in

ihr drängte –, fremd und doch so vertraut zum Herzen sprechend wie ein

altes, lange nicht gehörtes Lied, das auf einmal plötzlich wieder an

unsere Ohren dringt.

_Vanitas! Vanitatum vanitas!_

Man kämpft und strebt, ringt um Erfolg und Ehren, kommt weit herum, sieht

fremde Gesichter, knüpft neue Freundschaften an, bekommt Familie, schlägt

irgendwo, wo’s der Zufall will, Wurzel, wird in neuer Erde bodenständig,

glaubt sich dort beheimatet und bleibt ihr im Innersten doch ein Fremder.

Die Wurzeln, die einen noch an die Heimaterde binden, verkümmern oft,

zerreißen aber nie. Die Träume und Erinnerungen lassen Vergangenes wieder

lebendig erstehen. Man wandelt in ihnen noch auf den Gefilden der längst

verflossenen Kindheit, balgt sich mit den alten Gespielen herum, erlebt

die ersten Hoffnungen, die ersten Enttäuschungen wieder, und bei jedem

weiteren Schritt im Leben kehren die Gedanken wieder zu ihnen zurück. Und

über allem anderen, über Siegesrausch und Triumph, leuchtet dann die

Frage: „Was werden die alten Gespielen, die Freunde, die Verwandten dazu

sagen! Sie werden sich wundern, wie weit ichs im Leben gebracht habe! Ich,

von dem sie so wenig hielten und dessen Flucht ins große Leben hinaus nur

ihr mitleidiges Mißtrauen in den Erfolg begleitete!“

Endlich hat man den Erfolg errungen. Man hat festen Boden unter die Füße

bekommen. Und doch kommt keine rechte Siegesfreude auf, ehe nicht die

engere Heimat ihren Segen zum Gelingen gegeben hat.

Man brennt darauf, diesen Triumph zu feiern, kehrt wieder heim, sucht alte

Stätten, Wege, Gefilde auf, läßt die Blicke nach gewohnten Zielen

schweifen und wird gleich enttäuscht.

Warum kommt nicht dort um die Ecke Freund Fritz gelaufen, munter, lustig

und zu jedem Streich bereit?

Wo bleibt heute Nachbars Lene, die sonst immer durchs Gartentor huschte,

sogleich bereit, den Zoll der Freundschaft von ihres Vaters Apfelbäumen zu

entrichten?

Und der Herr Pastor, der würdig dort die Straße herunterschreitet, das

Meßbuch in den fromm gefalteten Händen, die Blicke gesenkt, der Küster mit

dem Kruzifix im gleichen Trott hinterher, wie hat er sich verjüngt! Damals

Schnee in den reichen Locken, jetzt blondester Flachs!

Dort sperrt ein fremdes Haus den gewohnten Blick über den Fluß, und

endlose Speicherbauten machen sich rücksichtslos auf dem Gelände breit, wo

die gewaltigsten Ereignisse der frohen Kindheit sich abspielten. In den

Grünspan der Kirche sind frische Flicken von blankem Kupfer getrieben –

das Glockenspiel von damals knarrte und schnarrte ganz anders, ehe es zum

Herunterbimmeln des altgewohnten Chorals mit hinkendem, aber würdevollem

Pathos ausholte –, auch der Straße am Elternhause gab die neue Zeit neues

Pflaster!

Und dann die zahllosen neuen Gräber auf dem Kirchhof, die die

altvertrauten schier verdrängen wollen!

Liegen wohl da alle die, deren freundliches Staunen ob spät, aber doch

endlich gewonnener Anerkennung man heranzufordern kam?

Ja –, wozu war denn schließlich alles da?

Wozu der Kampf und Sieg, wenn eben die, die die schönsten Kränze

aufrichtiger, selbstloser Freude winden würden, längst die Eitelkeit alles

Erdenstrebens mit etwas Besserem vertauschten? Wären sie wenigstens in der

Erinnerung geblieben, wie sie waren – jung, lebenslustig, übermütig,

unbesiegbar. In der Erinnerung der Kindheit lebte bis jetzt noch alles,

was seither im Aufblühen die Seele erfüllte! Und jetzt, nach dem

Wiedersehen, verblaßten auch dort die Bilder und schwanden für immer. Die

neue Wirklichkeit löschte ihre glühenden Farben aus – eintönige,

gleichgültige Leere umfing die Sinne – das treu im Herzen gehütete

Heiligtum sank hin, und Bitterkeit, Enttäuschung und unendliche Wehmut

lagern über dem Trümmerfeld teurer Erinnerungen.

Darüber dämmerte aber wie ein Hauch der Ewigkeit die Antwort, die die

Heimat dann dem spät Wiederkehrenden gab: „Was du suchtest, fandest du:

Ehren, Ruhm, Reichtum – für dich, aber nicht für mich! Hofftest du auch

von mir Kränze, und spornte dich das zu immer neuem Ringen an – jetzt bist

du ja am Ziel – jetzt brauchst du meine Kränze nicht mehr! Jetzt blüht dir

nur noch die Erkenntnis, die ich dir als letzte Lehre auf deinem letzten

Wege mitgebe: „_Aus dir selbst bist du nichts!_ Was du geleistet hast,

wurde dir vom Geber aller Gaben geschenkt! Sei dankbar, demütige dich! Was

suchst du noch im Staube nach Ehren! Das Loch in der Erde ist dir sicher,

mehr kommt dir nicht zu!“

Das ist hart.

Das bange Vorgefühl dieser Härte war’s wohl auch, das ihn immer wieder

davon abgehalten hatte, den Weg zurück zu beschreiten, um nicht eher jene

Illusion zu verlieren, die ihm sooft sieghaft über alle Enttäuschungen des

Lebens hinweghalf, bis sie nicht mehr gebraucht wurde. – –

Lange stand er noch, die Augen auf die glitzernde Wasserfläche gerichtet,

mit den Gedanken spielend, die über ihn gekommen waren – am Grab der

Eltern – unter den Bäumen im Garten, wo er sooft als Junge geklettert war

– dort unten am Ufer, wo er sich mit all den anderen Rostocker Rüpeln nach

Herzenslust gebalgt hatte – mit Hans Jörg und Jochen und Christian Faber,

und wie sie alle hießen!

Am Ufer der Warnow war ihr Schlachtfeld gewesen. Die merkwürdigsten

Manöver hatten sie dort unten ausgeführt, unsterbliche Heldentaten

verrichtet, Siege erfochten, gegen die Hamilkars und Hannibals das reine

Nichts waren – sie hatten in Blut gewatet, hatten die Leichen haufenweise

übereinandergetürmt! Und nach beendigter Schlacht waren die Gefallenen

ohne Ausnahme wieder lebendig geworden und zogen am nächsten schulfreien

Nachmittag wieder seelenfroh in den Kampf.

Und der Festungskrieg, der sich dort zwischen den Bretterstapeln

abgespielt hatte, der spottete jedes Vergleichs!

Viele brave und werte Genossen waren ihm in den späteren Kämpfen seines

Lebens nahegekommen, aber keiner näher als die Gespielen, die ihm halfen,

die ganzen ungeheuren Erlebnisse der Kinderphantasie zu gestalten.

Wo die wohl alle geblieben waren?

Ob sie noch lebten – wie sie wohl aussahen, und ob sie sich nicht jetzt

dazu bequemen würden, ihn als den Stärkeren anzuerkennen?

Es waren obstinate Racker gewesen, steifnackige Krabaten, ganz wie er

selbst. In den Jugendkämpfen mit ihnen, da hatte er wohl eben das feste

Zupacken geübt – da hatte sich am Ende der Keim zu den späteren Siegen

zuerst entfaltet?

Daher kam es wohl, daß er sooft im wilden Getümmel großer Geschehnisse

plötzlich innehielt und sich beim ernsten Nachdenken über die hochwichtige

Frage ertappte: was wohl Hans Jörg zu diesem oder jenem gesagt hätte, wäre

er jetzt dabeigewesen, und was für ein Gesicht der alte Knabe wohl machen

würde, wenn er in der Avis die große Begebenheit fett gedruckt aufgetischt

bekäme?

Aber der Hans Jörg war wohl auch so’n dicker, aufgeblasener Spießer

geworden und hatte wohl über der Sorge seines Bauches längst alles andere

vergessen!

Noch eine Weile blieb Blücher oben. Er konnte sich nicht vom Blick übers

Wasser trennen. Es war wohl ein allerletzter Abschied, den er jetzt nahm.

Endlich wandte er sich zum Gehen.

Da kam dort um die Ecke, gerade auf ihn zu, ein altes Männlein, hüstelnd

und sich räuspernd, blieb vor ihm stehen, zog ehrerbietigst die Mütze,

blickte aus alten, müden, halberloschenen Äuglein neugierig zu ihm auf,

verzog sein gefurchtes, braunledernes Gesicht zu einem breiten,

vergnüglichen, aber zugleich verlegenen Lächeln, indes die Zunge hinter

den zahnlosen Lippen mühselig nach Worten suchte.

Endlich brachte er die Frage heraus, lange und wollüstig an jeder Silbe

lutschend:

„Verzeihen,“ sagte er, „wollen Ihro Hochgeboren nicht übel aufnehmen, wenn

ich wage, gehorsamst eine Frage zu stellen – aber Sie sind ja woll der

Durchlauchtigste Feldmarschall Fürst Blücher selbst _in persona_?“

„Der bin ich!“

„Dachte ich mir auch gleich! Meine Alte las mir nämlich heute früh vom

hohen Besuch unserer Stadt aus der Avis vor. Und da dachte ich gleich – da

mußt du aber ’raus und nachschauen, ob du ihn nicht auch erwischen kannst.

Na, da hätte ich ja Glück gehabt! Nee –“, sagte er dann und besah ihn sich

gründlich von allen Seiten, „was für’n hoher und durchlauchtiger Herr aus

so’n ollen Rostocker Jungen wern kann! Das ist ja woll ganz und gar nicht

mehr möglich! An so’n Mirakel hätte wohl keiner von uns damals geglaubt,

als wir uns da unten mang die Bretter ’rumtollten. Aber das sind ja olle

Kamellen! An die denkt so’n hoher Herr ja woll nicht mehr!“

„Was?“ rief Blücher, und starrte den Alten mit unverhohlener Neugier an.

„Wer ist denn – – ja, ist das nur möglich –? Das ist ja woll –“

„Jaha,“ meckerte der Alte und nickte vergnügt, „der Hans Jörg, der bin ich

immer noch –“

„Ja, wahrhaftig! Alter Freund! Das war aber eine rechte Freude! Na, da muß

ich aber wirklich sagen! Eben stand ich hier und dachte an die alten

Zeiten zurück und wunderte mich, wo ihr wohl alle seid, und was aus euch

geworden sein könnte! – Wo sind denn all die anderen, der Krischan Faber

und Jochen?“

„Die sind all tot! Den Krischan, den haben die Franzosen totgeschossen.“

„Na, das hätte er denn mit vielen braven Leuten gemeinsam gehabt. Ich war

auch oft nahe dran.“

„Na, da hat der Himmel zu unserem Glück Eure Durchlaucht davor bewahrt!“

„Was?! Wie hast du mich genannt? Willst du wohl?!“

„Durchlaucht, sagte ich –“

„Nenne ich dich Durchlaucht? Wie?!“

„Nee, aber ich kann mir doch nicht erlauben –“

„Wenn du der Hans Jörg bist und du erlaubst dir, mich anders als früher zu

nennen – nun dann bist du eben nicht der rechte Hans Jörg. Dann fordre ich

dich vor die Pistole!“

„Das wäre ja nicht der erste Zweikampf, den wir miteinander ausgefochten

haben!“ lachte der Alte. „Erinnerst du dich noch, Gebhard, als wir um die

Wette nach der Boje da draußen hinausschwammen – ja, die schwimmt da noch

– und ich kam zuerst heran.“

„I wo!“

„Jawoll, das tat ich. Und das paßte dir nun nicht. Da bist du

untergetaucht und hast mich am Bein gepackt und zurückgezogen, und ich

drehte mich dann um und versetzte dir eine –“

„Zwei hast du dafür gekriegt.“

„Jawoll – zwei – eine Balgerei ging da los, und ich habe dich noch

orntlich gedoppt –“

„Das erinnerst du falsch! So war’s nicht – sicher nicht.“

„Ob’s so war? Dadrauf kannst du Gift nehmen, im Schwimmen, da war ich dir

über – da frag’ nur all die anderen, die werden’s bezeugen! Und zuerst kam

ich doch an die Boje ran – und zuerst war ich am Land –“

„Na – schneid nur nicht auf! – Ich werd’ mir wohl denn schon nichts daraus

gemacht haben! Aber, das weiß ich noch bestimmt, im Schwimmen stellte ich

meinen Mann, und mach’s heute noch!“

„Na – damals bist du aber unterlegen, Gebhard, und das stimmt. Und dann –

erinnerst du noch, als wir die große Schlacht auf dem Teutoburger Wald

schlugen und du der Hermann warst und ich der Varus? Weißt du noch, wie

wir dir alle deine Leute totschlugen und dich dann mit Stricken banden?“ –

„Das lügst du!“

„Wahrhaftigen Gottes, das lüge ich nicht. Du siegtest sonst immer, und

niederträchtig hast du uns dann immer behandelt! Und da haben wir uns

schließlich verschworen und deine Germanen mit Zuckerzeug bestochen –

meine ganze Sparbüchse ging drauf! Sie waren aber gern damit

einverstanden, ihrem Arminius einen Schabernack zu spielen. Das nächste

Mal, als der Kampf losging, da starben sie denn auch richtig wie die

Fliegen von dem Zuckerzeug, kaum daß wir sie angesehen hatten! Und da

dauerte es nicht lange – da hatten wir auch den Arminius bei den

Hammelbeinen und schnürten sie ihm feste zusammen, daran erinnere ich mich

noch, als wäre es gestern!“

„Das erinnerst du falsch, Hans Jörg, und das steck’ dir hintern Spiegel!“

„Nun, das werde ich wohl wissen, wo ich dich selbst gebunden habe!“

„Das lügst du!“

„Mit ’nem richtigen Schiemannsknoten knüpfte ich dir deine Apostelpferde

zusammen. Ich hatte meine Mutter ihre Wäscheleine zu dem Zweck gestibitzt.

Ich fühle ja noch die Wichse, die sie mir dafür gab. Und das sollte ich

mir nicht richtig erinnern?!“

„Nee – das ist nun und nimmermehr wahr!“

„Daß wir dich banden? Nun, so wahr, wie daß ich hier vor dir stehe!“

„Und wenn du doppelt und zehnfach vor mir ständest, so lügst du doch und

lügst doppelt!“

„Ich werde mich wohl von dir einen Lügner schelten lassen!“

„Nun, wenn du einer bist!“

„Selbst bist du einer!“

„Was wagst du!“

„Nun, das fehlte auch noch, daß ich das nicht wagen sollte! Es kann noch

besser kommen! Nimm dich nur in acht! Das wäre nicht das erstemal, daß ich

dich auf den Rücken lege!“

„Nun schweig aber!“

„Schweig selbst!“

„Wenn du jetzt nicht bald still bist –!“

„Denkst wohl, ich fürchte mich vor dir!“

Hochrot im Gesicht standen die beiden Greise mit erhobenen Händen und

zornig funkelnden Augen voreinander.

Da besannen sie sich wieder darauf, daß sie nicht mehr die Schulbuben von

Anno dazumal waren, sondern alte, gesetzte Männer im Staate, und brachen

plötzlich in ein helles Lachen aus. Sie lachten, daß sie sich auf die Knie

schlugen.

„Wahrhaftig,“ sagte Blücher, „in einem Augenblick sind wir um sechzig

Jahre zurückgekommen und zanken uns hier wie die dummen Jungen, die wir

waren, und tragen unsere unerledigten Streitigkeiten von damals aus. Ich

erinnere mich auch an den Vorfall, als wäre er gestern geschehen. Es war

eine Niedertracht von dir, Hans Jörg, und davon gehe ich nicht ab! Aber

erinnerst du noch, wie ich da gebunden lag und ihr mich alle fühlen

ließet, wie ich euch meistens unter der Fuchtel hatte – erinnerst du, als

ihr um mich tanztet und mich verspottetet, wie ich dann auf einmal frei

unter euch stand und deiner Mutter Wäscheleine um eure Ohren sausen ließ,

und wie ihr da alle lieft und euch wie die Ratten zwischen die

Bretterstapel verkrocht? Weißt du das noch?“

„Nun ja – du hattest eben die Leine durchgebissen – ich hab’s nachher auf

meinem Rücken ausbaden müssen!“

„Das hat dir nichts geschadet! Aber wenn ich an _den_ Sieg denke und an

den Triumph – nun, Katzbach war schon eine Sache, und Leipzig auch, von

Belle-Alliance und Paris nicht zu reden! Aber der Sieg über euch Rostocker

Lausbuben im Teutoburger Wald, hier am Ufer der Warnow – wahrhaftig –,

_das war doch mein schönster Sieg!_ Und weil er auch der unblutigste war,

müssen wir ihn jetzt ordentlich mit Rebenblut begießen! Gekneipt haben wir

ja damals noch nicht. Aber den Weg zu mancher guten Pulle Rotspon habe ich

wohl nachher gefunden. Und du schon auch! Komm, Hans Jörg, finden wir den

Weg einmal im Leben auch zusammen!“

Arm in Arm zogen sie dann ab. Blücher lang und stattlich und Hans Jörg

klein und hüstelnd, aber mit fürstlicher Haltung und mit dem Widerschein

all der Siege seines großen alten Kampfgenossen in den Augen. So gingen

sie zurück in die gute alte Zeit, aus der sie gekommen waren, und blieben

da beisammen und ließen die „ernsthaften“ Kämpfe dieser Welt sein, was sie

ihnen immer gewesen waren: – Schlacken am Gold ihres Kindergemüts.

Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman · 第 20 / 21 题