Am nächsten Feuer wurde der Gesang aufgenommen und pflanzte sich so weiter
von Feuer zu Feuer über das ganze blutgetränkte Feld, bis es, von
Tausenden von Stimmen getragen, gewaltig anschwoll, in machtvollen Klängen
alle anderen Geräusche verschlang, wieder abnahm, in sich zusammensank und
verstummte.
Yorck hatte seinen Hut abgenommen und stand da, still, gebeugten Hauptes,
und lauschte auf das Lied, bis es aufhörte. Dann sprach er seinen alten
Lieblingsspruch leise vor sich hin: „Anfang, Mitte und Ende, Herr Gott zum
besten wende!“, setzte seinen Hut auf und verabschiedete den jungen
Rittmeister mit dem kurzen Befehl: „So, nun gehe Er an seinen Dienst!“
Auf einem anderen Platz des Schlachtfeldes stand noch jemand mit
entblößtem Haupt und sang das Danklied mit. Es war Blücher.
Während seine Generalstabsoffiziere die Schreibarbeit versahen und die
Dispositionen für den nächsten Tag ausfertigen, während Isegrim schimpfte
und nörgelte, machte er praktische Arbeit und legte selbst Hand an die
Bergung und Unterbringung der Verwundeten.
Jedes Leben, das er hier noch retten könnte, würde er hüten wie eine große
Kostbarkeit. Seine Tapferen hatten durch ihren Heldenmut heute vielleicht
das Zünglein der Wage auf Sieg gerückt, und nichts wäre zu kostbar, um das
zu lohnen.
Denn, er fühlte es, er war zur rechten Zeit mit ihnen hergekommen.
Drüben, jenseits Leipzigs, hatte es den ganzen Tag gewaltig gedonnert. Bei
der Schlamperei der Hauptarmee und mit der ganzen Hauptmacht Napoleons
gegen sich, hatte man wohl dort keinen entscheidenden Erfolg errungen.
Aber auch keine Niederlage erleiden können, nachdem es Blücher gelungen
war, hier bei Möckern Marmont festzuhalten und ihn daran zu hindern, zur
Unterstützung zu eilen.
Wäre nur die Kronprinzenarmee zur rechten Zeit hier eingetroffen! Hätte
Bernadotte nur seine Pflicht getan – da wäre es möglich gewesen, auch die
beiden russischen Korps der Schlesischen Armee bei Möckern einzusetzen,
statt sie nur als Sicherung gegen mögliche Überraschungen aus der linken
Flanke aufzustellen! Dann hätten seine Preußen sich nicht verbluten
müssen!
„Kinder, wer heute abend nicht tot oder wonnetrunken ist, der hat sich
geschlagen wie ein Hundsfott!“ hatte er vor Beginn der Schlacht seinen
Leuten zugerufen.
Und sie hatten sich wie Helden geschlagen.
Manch sangesfroher Mund war verstummt für immer. Aber die noch da waren,
sangen um so froher.
Während des Gesanges war alles still geblieben. Auch ein paar Leute, die
auf einer aus zusammengelegten Gewehren zurechtgemachten Bahre einen
verwundeten Husaren trugen, blieben gerade vor Blücher stehen, setzten
ihre Bürde ab, entblößten ihre Häupter und sangen mit.
Blücher blickte hin. Es war ein Graubart wie er selbst. Er lag da in der
Uniform der schwarzen Husaren, unbeweglich ausgestreckt, und stöhnte
leise.
Blücher ging hin, legte seine Hand auf den Arm des Verwundeten und fragte
nach seinem Befinden und seinem Namen.
„Krause! Auch früher bei den Bellingschen gedient!“
„Der Tausend auch! Da sind wir wohl alte Kriegskameraden?“
„Zu Befehl, Exzellenz! Ich war’s ja – der damals – am Kavelpaß – Exzellenz
wissen wohl noch –?“
Blücher schmunzelte.
„Ob ich’s noch erinnere! Du warst es also, der mich gefangennahm?! – Sieh
nur! Das war gescheit von dir! Da hast du mir einen großen Gefallen getan,
mein Sohn! Dafür sollst du auch heute in meinem Bett schlafen! Ich geb’s
dir ab. – Krause also?! Früher hießt du wohl anders! – Ich meine, das
letztemal, als wir von jener Begebenheit miteinander sprachen, da war dein
Name – –? Nun, gleichviel, wie er war! Du bist ein Husar, du hast dich
brav geschlagen – sollst es denn auch genau so gut haben wie dein General!
Tragt ihn in mein eigenes Quartier, Kinder!“
Die Träger griffen zu. Als sie aber die Bahre hoben, setzte sich der
Verwundete mit Aufbietung seiner letzten Kraft auf, starrte Blücher groß
an, seine Lippen bewegten sich, suchten nach Worten, das ganze Gesicht
arbeitete in Angst.
Schließlich gelang es ihm.
„Es ist wahr – ich _war_’s – ich –“
Und dann sank er zurück, der Kopf fiel hintenüber, die Augen quollen vor,
ein blutiger Schaum trat auf die Lippen.
„Der Tausend!“ sagte Blücher ergriffen. „Kaum finde ich meinen Solofänger
wieder – da ist er hin! Hattest du es aber eilig, mein Sohn!“
Er beugte sich über den Toten und legte die Hand auf seine Stirn.
An den Wachtfeuern der Russen ging der Tanz weiter. Und drüben stieg der
letzte Vers vom Fähnrich, der in den Krieg zog:
„Am Grab sang dann eine Nachtigall:
widibum fallera, juchheirassa!
Am Grab sang dann eine Nachtigall
ob seiner Tapferkeit –
ob seiner Tapferkeit!“ –
*
„Der Kerl denkt, weil er mich einmal bei Lübeck zur Kapitulation brachte,
wird er’s jetzt immer wieder tun! Der Teufel auch!“ fluchte Blücher und
peitschte sein Pferd vorwärts, daß seine Begleiter, Prinz Wilhelm und
Major Rühle von Lilienstern, kaum folgen konnten.
„Dem Faultier werde ich schon zeigen, wo König David sein Bier holte! Ich
werde dem Monsieur Polka tanzen lernen, daß es nur so eine Art hat! _Den_
Kerl haben die hohen Herren zum Kriegsrat in Trachenberg berufen und mit
ihm den ganzen Kriegsplan beraten – mit mir nicht! Dazu war ich ihnen
nicht gut genug! Aber zum Eseltreiber – hol’s der Teufel!“
In vollem Trabe langten die Reiter in Breitenfeld, nördlich von Leipzig,
an. Auf dem höchsten Punkt des sanft gewellten Geländes hielten zwei
andere Reiter in glänzenden Uniformen, mit blaugelben Straußfedern an den
Hüten.
Es waren Bernadotte und sein Adjutant.
Sie waren nicht etwa damit beschäftigt, das Terrain für den Aufmarsch auf
das Schlachtfeld um Leipzig zu untersuchen. Der Kronprinz, der nun auch
schwedische Geschichte lernen mußte, ließ sich über die berühmte Schlacht
Vortrag halten, die Gustav Adolf einmal, während des Dreißigjährigen
Krieges, dem General Tilly auf eben diesem Boden geliefert hatte.
Sie waren eben damit so weit gediehen, daß die Sachsen, auf dem linken
Flügel der schwedischen Aufstellung, vor dem Stoß der Wallonen Tillys in
wilder Flucht davongejagt waren; die Finnen unter Horn, die blauen und
gelben Regimenter unter des Königs eigener Führung stürmten gerade gegen
die Anhöhe hier oben an, von wo die schwere Artillerie Tillys Tod und
Verderben in die Reihen der Schweden säte – das Schlachtenglück wandte
sich eben den Schweden zu, die Worte des Adjutanten wurden immer
hochtrabender, die Luft war von „Siegesfahnen schwül“ – da galoppierte
gerade Blücher mit seinen Begleitern in die Geschichte hinein und warf die
Forderungen des Tages in die Bresche – die glorreichen Gestalten der
Weltgeschichte verblaßten vor den blut- und lebenstrotzenden der Gegenwart
und wurden schmählich in die Flucht geschlagen – Klios Griffel sank – die
Muse der Geschichte verhüllte ihr Haupt – kurz: der Adjutant hielt sein
Maul, und Mars beherrschte in Blüchers Person die Stunde.
Blücher hielt, atemlos von dem schnellen Ritt, vor Bernadotte, sagte:
„_Bon jour!_“ und: „Wie geht’s?“ trocknete sich den Schweiß aus der Stirn,
winkte Major Rühle schnell näher und schrie ihm mit heiserer Stimme zu:
„Sagen Sie ihm, daß es höchste Zeit ist – höchste Zeit!“
„_Qu’est-ce qu’il dit?_“ fragte Bernadotte etwas nervös wegen der
unerwarteten Unterbrechung seiner Geschichtsstudien.
„Sagen Sie ihm, es ist die höchste Zeit!“ schrie Blücher noch
kratzbürstiger. „Er soll seiner Armee Marschbefehl geben! Er soll sofort
über die Parthe gehen und auf den Feind einhauen! Die Schlacht beginnt,
wir warten schon seit Sonnabend früh vergebens auf den Monsieur – heute
ist’s Montag, und er steht erst hier weit hinter uns! So’n
Schneckenkriechen angesichts des Feindes war noch nicht da!“
Der Major Rühle von Lilienstern verdolmetschte die Befehle seines
Obergenerals und tat es mit vielem Zartgefühl. Er verstand es, den
temperamentvollen Ausbruch Blüchers in so tadellose Form zu kleiden, daß
die erstaunt gehobenen Brauen Bernadottes wieder in die normale Lage
sanken.
Durch eine Neigung des Kopfes gab er zu erkennen, daß er begriff.
„_Un moment!_“ sagte er dann und fragte, sich an seinen Adjutanten
wendend: „Wo waren wir eigentlich? – Die schwere Artillerie Tillys stand
also auf dieser Anhöhe? Und Gustav Adolf machte dort drüben eine
Linksbewegung, um sich der drohenden Überflügelung zu entziehen –
_n’est-ce pas_? Er setzte sich an die Spitze seiner ‚Blauen‘ und seiner
‚Gelben‘ – – –“
Und so ließ er ungeniert die berühmte Schlacht bei Breitenfeld im
Dreißigjährigen Kriege weitergehen, trotz der schon mit voller Gewalt um
ihn tobenden Leipziger Völkerschlacht. Denn ein rechter Schlachtenlenker
läßt sich durch nichts verblüffen und verliert niemals seine Ruhe.
Blücher, der immer noch kein Französisch verstand, blickte bald Prinz
Wilhelm, bald Major Rühle an, die nur schwer ihre Munterkeit verbeißen
konnten, und fragte: „Was redet er? Er spricht von Gustav Adolf! Er redet
von Tilly! Was gehen die mich an? Die sind alle beide längst vermodert!
Heute heißt’s Napoleon oder kein Napoleon! Und der Monsieur dort soll mir
Antwort auf meine Frage geben, warum er mich im Stich läßt?! Auch eine
Zumutung vom Großen Hauptquartier, mich, der ich kein Wort Französisch
kann, mit einem General zusammenzukoppeln, der kein Deutsch spricht! Weder
kann er mich, noch kann ich ihn kommandieren! Was mache ich nun mit dem
Kerl? Auf so’ne hahnebüchene Idee konnte nur ein Französling wie Knesebeck
kommen!“
Bernadotte unterbrach noch einmal die Schlacht bei Breitenfeld, ritt an
Major Rühle heran und fragte höflich nach den Wünschen des Generals von
Blücher. Und ob ihm etwas zugestoßen wäre? Er wäre ja so aufgeregt!
Major Rühle gab denn aus eigenem dem Kronprinzen Bescheid über den Anlaß
zum frühen Morgenritt, nämlich: den Kronprinzen zu bewegen, mit der
Nordarmee schnellstens über die Parthe zu gehen, östlich von Leipzig in
die Lücke zwischen der Hauptarmee und der Schlesischen Armee einzurücken
und so zu helfen den Ring um Napoleon zu schließen und ihn dann mit aller
Macht anzugreifen.
Bernadotte schüttelte den Kopf. Er war mitten in der Kriegsgeschichte
drin, die andere gemacht hatten. Und nun stellte man plötzlich die
Forderung an ihn: er solle selbst Geschichte machen! Geschichte
_demonstrieren_, ja, damit könnte er dienen! Und damit fing er denn auch
richtig an.
Er wies nach, daß derartige Einkreisungsmanöver in der Geschichte selten
oder niemals gelungen wären. Sie waren in den meisten Fällen nur zum
Nachteil des Angreifers ausgefallen! Und jetzt, mit einem Gegner wie
Napoleon, und ohne ihm einen zweiten Napoleon entgegenstellen zu können,
das wäre aussichtslos! Dem Hannibal war das einmal bei Cannä gelungen,
aber auch ihm nur das eine Mal!
Und Napoleon! Der kannte dies Terrain besser als jeder andere – ja besser
als die Einheimischen selbst! Der hatte, als junger Mensch, Europas Karte
buchstäblich in sich hineingefressen! Sein Gehirn trug sämtliche Berge,
Flüsse und Täler des Kontinents im Abdruck! Städte, Flecken, Burgen,
Schlösser, Wege, Defileen – alles hatte er im Kopfe! Es existierte nichts,
worüber er nicht Bescheid wußte! Er war ein Genie in der Ausnützung aller
Möglichkeiten! Gerade da, wo man es am wenigsten erwartete, sausten seine
Schläge nieder mit der Plötzlichkeit eines Donnerschlages! Nun, man würde
ja sehen! „Hier, im Norden, wird er durchzubrechen suchen, wenn ich ihn
recht kenne“, setzte der Kronprinz seinen Vortrag fort. „Alles spricht
dafür! Er muß nach Norden debouchieren! Den Plan, auf Berlin zu gehen, hat
er nur scheinbar fallenlassen! Er hat ja noch die wichtigsten
Elbfestungen: Dresden, Magdeburg, Hamburg. Er hat an der Oder: Küstrin,
Stettin – hat Danzig, hat große Garnisonen überall, mit denen er sich
verstärken und unserer Herr werden kann! Er wird hier an Breitenfeld
vorbei durchbrechen – und mir zugleich meine einzige Rückzugslinie auf
Stralsund abschneiden. Dem kann ich mich nicht aussetzen. Er würde mich
einkreisen! – – Nun – mit dem Kronprinzen von Schweden würde er einen ganz
guten Fang tun!“
„Geb Gott, er nähme ihn! Wir geben ihn ihm mit Kußhand wieder!“ sagte
Blücher grob, als Rühle ihm das alles verdolmetscht hatte. Es kochte in
ihm vor Wut, seine kostbare Zeit mit solchem Tratsch vertrödelt zu sehen,
und er schrie noch hochrot im Gesicht vor Zorn: „Der Kronprinz denkt wohl
am Ende, wir haben ihn uns kommen lassen, damit er uns den Napoleon
erklärt und uns angst und bange vor ihm macht?! Herr, solche Bangbuxen
haben wir ohne ihn mehr als genug. Wir brauchen nicht noch einen zu
importieren! Er soll seine Pflicht tun! Er soll sich auf seinen Platz in
der Schlachtordnung begeben und sich schlagen, wie’s einem Mann geziemt!
Basta!“
Major Rühle übersetzte das in parlamentarische Ausdrücke und behauptete
mit eiserner Stirn: der General ließe den Kronprinzen doch freundlichst
bitten, seiner Armee Befehl zum Aufmarsch zu geben. Worauf Bernadotte, der
sich Blücher gegenüber in der glücklichen Lage eines Tauben befand, der
nichts zu verstehen brauchte, artig antwortete: er wäre gern – und
besonders seinem alten Freunde Blücher gegenüber – gefällig! Jedoch die
Klugheit gebiete ihm, lieber hinter dem linken Flügel der Schlesischen
Armee stehenzubleiben, um Napoleon in die Flanke zu fallen, falls er hier
durchbrechen sollte.
„Faule Ausreden, Herr!“ schrie Blücher ihn jetzt direkt an. „Der Herr
Napoleon soll eben keine Löcher zum Durchbrechen haben! Die sollen ihm
verstopft werden, und dann wird er in die Pfanne gehauen! Verstanden?! In
drei Teufels Namen, Rühle, mache Er’s doch dem Kerl verständlich! Aber
wörtlich und ohne Umschweife!“
Das machte der Major, aber immer noch in seiner gewohnten diplomatischen
Weise. Worauf Bernadotte antwortete: Es wäre gescheiter, wenn Blücher mit
seiner Armee, die doch am weitesten vorn stünde, sich nach links schieben
würde und ihm überließe, mit der Nordarmee in _seine_ Stellungen
einzurücken.
„Das ist ’ne Unverschämtheit!“ schrie Blücher. „Das Schlachtfeld, das ich
und meine Armee mit unserem Blute getränkt haben, sollten wir, bloß zu
seiner Bequemlichkeit, dem Laffen überlassen! Hol’ ihn der Teufel, aber
wenn er mir mit derartigem kommt, kann er noch an mir etwas erleben!“
Prinz Wilhelm legte sich jetzt ins Mittel und beruhigte den Alten.
Inzwischen wurde Blüchers Ablehnung ins Französische übertragen. Und in
_der_ Sprache klingt ja alles viel höflicher und liebenswürdiger, als es
gemeint ist!
Bernadotte verschloß sich nicht den guten Gründen, die Blücher für seine
Ablehnung anführte, und erklärte sich schließlich bereit, den
Linksabmarsch vorzunehmen und noch heute in die Schlacht einzugreifen,
wenn Blücher ihm 30 000 Mann seiner Armee noch unterstellen würde. Das
ganze Korps Langeron verlangte er von Blücher zu seiner Verstärkung. Er
wollte dann gleich eine Meile flußaufwärts gehen und bei Taucha, wo gute
Brücken waren, die Parthe überschreiten.
„Da kommt er doch erst nachmittags an den Feind heran“, rief Blücher, sich
wieder ereifernd. „Wie kann einer so saudumm sein? Geradeswegs durch den
Fluß soll er! Sag’s ihm doch, Rühle! Geradeaus von hier geht sein Weg! Das
weiß der Gauner ebensogut wie ich! Er will sich nur drücken!
Herrgottsakra! Das ist nicht mehr Dummheit! Das ist Niedertracht! Ich
werde ihm die 30 000 Mann geben! Er soll sie haben um des lieben Friedens
Willen, damit er endlich aus dem Krieg Ernst macht! Ich schlage mich
ebensogut mit dem Rest allein! Aber er soll zumachen! Sofort auf der
Stelle vorwärts! Das ist Bedingung! Sonst nehme ich ihm gleich meine Leute
wieder fort!
Bernadotte blickte fragend auf den Major. Er verstand, daß Blücher
einwilligte, aber auch, daß er schimpfte.
„Der General ist so ungeduldig“, bemerkte er herablassend. „Er hat’s wohl
eilig? Nun gut! Gehen wir gleich in mein Quartier, setzen wir auf der
Stelle unsere Vereinbarung schriftlich auf!“
Aus dem Süden von Leipzig hörte man jetzt schon Kanonendonner, und Blücher
konnte kaum noch seine Ungeduld meistern, während Rühle ihm Bernadottes
Worte übersetzte.
„Schriftlich will der’s auch noch?! Der Teufel auch! Es ist schon zuviel,
wenn ich’s ihm mündlich versprochen habe! Er soll mir den Puckel
herunterrutschen!“
Womit er sein Pferd herumwarf und ohne Abschied davongaloppierte.
Der Prinz und Rühle verabschiedeten sich in aller Form von Bernadotte,
bestätigten ihm Blüchers Einwilligung und setzten dann dem alten Hitzkopf
nach!
Blücher hielt unterwegs plötzlich an.
„Rühle!“ rief er. „Erst befehlen Sie Langeron, sofort geradeswegs über die
Parthe zu gehen! _Nachher_, wenn wir ihn da haben, wo wir ihn haben
wollen, dann erst sagen Sie ihm, daß er heute seine Befehle vom
Kronprinzen von Schweden zu nehmen hat. Dann kann uns nichts mehr
passieren!“
Sie ritten weiter.
„Rühle!“ sagte Blücher noch im Reiten, und ein spitzbübisches Lächeln
huschte über sein Gesicht.
„Zu Befehl!“
„Wenn Er mir den Dolmetscher macht, da nützt einem ja das ganze Schimpfen
nichts! Ich habe schon sein Scharwenzeln bemerkt! Er ist ein Filou! Ich
werde noch Französisch lernen müssen. Wie heißt denn Donnerwetter auf
französisch – zum Donnerwetter?! Raus damit, daß ich dem Kronprinzen
wenigstens _das_ direkt an den Kopf werfen kann!“
„Die Franzosen haben das mit dem Donnerwetter nicht, Herr General!“
„Nun, mit denen ist eben nichts los! Da wollen wir es ihnen einmal
beibringen! Und nun vorwärts!“
*
Es war am Montag, dem 18. Oktober 1813.
Auf dem Colmberg hinter Liebertwolkwitz, südlich von Leipzig, ging es
lebhaft zu.
Dort war für den heutigen Schlachttag der Monarchenhügel, von dem aus die
drei verbündeten Herrscher Österreichs, Preußens und Rußlands den Fortgang
der Schlacht beobachteten, oder wie sie dachten – leiten wollten.
Drei nebeneinander aufgepflanzte Standarten in den Farben der Monarchen
bezeichneten den Standort der Allerhöchsten Dreieinigkeit.
Adjutanten, Ordonnanzen und Stallmeister eilten hin und her und brachten
Meldungen oder empfingen Weisungen. Auf kleinen Tischen lagen Karten und
Bestecke ausgebreitet. Furiere und Lakaien packten die Frühstückskörbe
aus, entkorkten Weinflaschen und bereiteten, an rasch gemachten Feuern,
den Tee. Im Hintergrund wurden die Hohen und Allerhöchsten Leibpferde hin
und her geführt.
Ganz vorne lagen in drei bequemen, etwas auseinandergerückten Feldstühlen
die drei Gewaltigen, von Generalstabsoffizieren aufgewartet, die den
erklärenden Text zum Schauspiel sprachen und die Befehle der Majestäten
empfingen, wenn ihnen Eingebungen von oben kamen.
Ein glänzendes Gefolge bildete den Hintergrund zur Monarchengruppe und
gleichzeitig die Kulisse, hinter der die Geschäftigkeit der niederen
Dienerschaft sich ungeniert breitmachen konnte.
Da waren die königlich-preußischen Generalmajore Freiherr von Hacke und
Freiherr von Knesebeck – der k. u. k. Feldmarschalleutnant Ritter von
Kutschera, der gleichfalls k. u. k. österreichische Oberstleutnant Graf
Waldstein-Wartenberg, der unter seinen Ahnen gar einen Wallenstein hatte,
die russischen Generäle Fürst Wolkonsky und Graf Ovaroff, alles gewaltige
Helden und Schlachtenlenker, die tausendmal besser wußten, wie auf dem
Schlachtfeld alles gemacht werden sollte, als die, die es tatsächlich
machten. Zuletzt, aber doch nicht der Letzte im Kreise, der
königlich-großbritannische Generalleutnant Charles William Stewart, der
geheime Drahtzieher des von England bezahlten, von ihm erlaubten und in
seinem ureigensten Interesse geführten Befreiungskrieges, der es mit dem
Sturz Napoleons vom Alp der Kontinentalsperre befreien sollte.
Der Kaiser Alexander war in den sieben Jahren seit Tilsit fülliger
geworden. Seine jünglingshafte Gestalt war einer gewissen selbstbewußten
Männlichkeit gewichen, die noch mehr vom Nimbus eines großen Kriegshelden
umstrahlt wurde, seitdem sein Glück ihm den Sieg des russischen Winters
über den bis dahin unbesiegten größten Feldherrn seiner Zeit in den Schoß
geworfen hatte.
Er war infolgedessen, im Rate der drei Monarchen, die unbestrittene
Autorität in allen militärischen Dingen, deren Entscheidung für gewöhnlich
den Ausschlag gab.
Er ging heute ganz in der Betrachtung des Schauspiels auf, das sich vor
ihm abspielte, übte Kritik und gab Befehle und Anregungen.
Um ihn herum war ein Kommen und Gehen, ein Gewirr von Stimmen, eine
Aufregung, eine Verzückung, alles tat, als ob ihm göttliche Offenbarungen
zuströmten, und er selbst gab sich auch ungeniert und mit Grazie den
Anschein, das Ganze zu leiten.
Der König von Preußen trug immer noch seine alte, verdrießliche,
gelangweilte Miene zur Schau und schien von geheimem Ärger über irgend
etwas Unaussprechliches geplagt zu sein. Seine Blicke glitten immer wieder
musternd über die Uniform des neben ihm stehenden Generals von Knesebeck,
zählten die Knöpfe an seiner Hosennaht von unten bis oben, von oben bis
unten, und er genoß dabei im geheimen die Wonne tödlichen Gekränktseins
über die Unverschämtheit Napoleons, ihn bei ihrem ersten Zusammentreffen
auf dem Memelfluß zu fragen, ob er all die Knöpfe an seiner Hosennaht
immer auf- und zuknöpfen müßte! –
Nun, heute würde dem Korsen wohl das und so vieles andere mit Zinsen
heimgezahlt werden!
Kaiser Franz in weißem Uniformrock und roten Hosen, hager und vertrocknet,
mit dem langweiligen nichtssagenden Gesicht eines im Staub der Akten am
besten gedeihenden Kanzleimenschen, saß aufrecht im dritten Stuhl.
Ihm war’s nicht ganz behaglich hier draußen, mitten im Trubel großer
Geschehnisse. Ihm wäre viel wohler am Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer
zu Schönbrunn, wo er nach Herzenslust Randbemerkungen und Verfügungen in
all die Gesuche um Gnadenbewilligungen höchst eigenhändig einzeichnen
konnte.
So etwas mußte täglich erledigt werden, sonst häufte sich das an! Und kein
anderer durfte das besorgen. Wer weiß, was ihm sonst an persönlichem
Tratsch verlorengehen würde – und jetzt unwiderbringlich verlorenging,
solange er im Felde war!
Die ganze Kriegführung war ihm mit der Zeit herzlich gleichgültig
geworden. Es gab am Ende ja doch nur Niederlagen, wie oft man auch siegte!
Nach einem Aspern immer ein Wagram! Gegen Napoleon war ja nicht
aufzukommen!
„Kutschera!“ rief er, und setzte sich noch gerader auf, so daß die Falten
in seinem graublassen Gesicht sich in gestrenge, senkrecht verlaufende
Parallelen legten. „Schauen’s a mal nach mei Reitpferd nach! Ob’s auch
parat ist? Vorgestern, bei Güldengossa, wär’s fast schief gange! Und heut
– man kann ja net wisse!“
Sein lieber getreuer Kutschera eilte, sich seines Auftrags zu entledigen.
Und der Kaiser blieb solange unbeweglich sitzen, ohne eine Miene zu
verziehen, und blickte in die Richtung, in die Kutschera gegangen war, bis
er wiederkam und alleruntertänigst meldete, daß alles in Ordnung sei.
Der Kaiser überhörte dabei, ob absichtlich oder nicht, die Frage seines
lieben Vetters von Preußen nach dem Inhalt des Briefes, den er am
gestrigen Tage von seinem Schwiegersohn Napoleon bekommen hatte.
Kaiser Alexander antwortete statt seiner.
„Der Kaiser Napoleon wird Mitteilungen familiärer Art gemacht haben“,
sagte er ablenkend.
„Ihrer Majestät der Kaiserin Marie Louise geht es doch gut?“ wandte er
sich dann direkt an den Kaiser Franz.
„Wollen das beste hoffen!“ antwortete dieser trocken und blickte dann
vollkommen teilnahmslos über das Feld hinaus, wo es jetzt anfing immer
lebhafter zuzugehen.
„So, jetzt geben’s mir halt an Überblick, Kutschera, wie vorgestern alles
richtig zugange ist!“ befahl er dem Feldmarschalleutnant. „Mir ist’s noch
nicht ganz klar!“
Kutschera legte los und gab seinem Herrn in kurzen Umrissen zu wissen, was
dieser am ewig denkwürdigen Sonnabend, dem 16. Oktober, miterlebt und
größtenteils übersehen hatte.
Und Kaiser Franz ließ es ins eine Ohr hinein, durchs andere Ohr hinaus und
dachte dabei an das letzte Gesuch, das er noch an seinem lieben
Schreibtisch zu erledigen gehabt hatte, ehe er ins Feld ging. Es war das
Gesuch einer Postmeisterswitwe gewesen um Niederschlagung ihrer
rückständigen Steuern. Das hatte der Kaiser abgelehnt. Denn Steuer muß
sein. Wo käme der Staat sonst hin, wenn all die kleinen Leute auf einmal
kämen und von ihren Steuern befreit sein wollten!? Sie mußte zahlen wie
ein jeder. Aber, in einem Anfall von Großmut hatte der gute Kaiser dem
abschlägigen Bescheid eine Zuwendung von zweihundert Gulden aus seiner
Privatschatulle beigefügt.
Zweihundert – das war entschieden zuviel gewesen! Hundert hätten es auch
getan! Über den Satz ging er sonst nicht hinaus! Dabei müßte es bleiben!
Das gäbe sonst Unsummen, die zum Fenster hinausflogen, bei den Tausenden
von täglichen Gesuchen!
Während der gute Kaiser solchermaßen über seine Postmeisterswitwe
meditierte, fuhr sein lieber, getreuer Kutschera in seinem Vortrag fort
und setzte ihm die Stellungen der Franzosen auseinander, die man am
sechzehnten angegriffen hatte. Denn die fing man jetzt allmählich an im
Hauptquartier zu kennen, nachdem man sich zwei Tage lang die Köpfe
gekratzt hatte!
Drüben im zerschossenen und halb abgebrannten Dorfe Wachau, wo jetzt der
Prinz Eugen von Württemberg mit seinen Franzosen und Russen stand, hatte
Napoleon seine Hauptarmee unter dem Befehl von Murat gehabt. Der rechte
Flügel unter Poniatowski war weit zurückgebogen am Pleißefluß entlang bis
Connewitz, der linke unter Macdonald von hier, am Colmberg, bis in die
Gegend von Klein-Pößna. Das Dorf links, zwischen dem Colmberg und Wachau,
war Liebertwolkwitz. Zwischen den beiden Dörfern, am Galgenberg, hatte
Napoleon sein Biwak gehabt – –
„Ein ga–anzer Kerl, mei Schwiegersohn!“ sagte Kaiser Franz näselnd. Er
fand es zwar nicht gerade fesch, aber doch verteufelt überlegen, gerade am
Galgenberg zu biwakieren.
Dann fing er wieder an zusammenzurechnen, wie viele Tage er keine Gesuche
um Unterstützung erledigt hatte – wie viele Gesuche pro Tag –, wie viele
Gulden pro Gesuch, und multiplizierte und addierte und kam zu einer
erklecklichen Summe an ersparten Geldern – erspart bloß dadurch, daß er
nicht zu Hause am Schreibtisch geblieben war. Und er wurde immer
zufriedener mit dem Leben im Felde, das ja sonst nicht seinem Geschmack
entsprach.
Dabei ging die Schlacht am sechzehnten in Kutscheras Vortrag weiter,
während ihre heutige Fortsetzung vor den nichtssehenden Augen des Kaisers
weitertobte. Dieser bekam sie also doppelt, aber genoß sie nur einfach, da
ja der heutige Schlachttag noch nicht zum Vortrag befohlen und demgemäß
eingerichtet und für den Allerhöchsten Gaumen genießbar gemacht worden
war.
„Am sechzehnten,“ sagte Kutschera näselnd und die Worte langsam und
gemächlich ans Allerhöchste Ohr schleifend, „am sechzehnten fing also
Prinz Eugen von Württemberg den Kampf mit achtundvierzig Kanonen an. Von
hier aus, vom Colmberge, wo wir jetzt sind, antwortete Napoleon mit einer
Kanonade aus hundert Geschützen.
In drei Kolonnen gingen wir vor – in der Mitte, wie gesagt, Prinz Eugen
gegen Wachau, links von ihm, drüben, mit seinen Preußen und Russen Kleist
gegen Markkleeberg, das dort weiter links an der Pleiße liegt, während
unsere Leute unter Feldmarschalleutnant Klenau den Colmberg hier nahmen
und Liebertwolkwitz stürmten.
Freilich mußten wir aus allen drei Stellungen gleich wieder heraus, nahmen
sie aber noch einmal ein und gingen schließlich wieder zurück.
Die Franzosen waren ja in der Übermacht mit 138 000 Mann, gegen die wir
nur 70 000 aufbieten konnten. Denn Fürst Schwarzenberg selbst war drüben
weiter links zwischen der Pleiße und der Elster mit 30 000 Mann unter
Meerveld vorgegangen und hatte den Feldmarschall Graf Gyulai noch nördlich
zwischen den beiden genannten Flüssen vorgeschickt, bis Lindenau, um die
einzige Rückzugsstraße Napoleons nach Westen auf Weißenfels abzuschneiden.
Na, der Fürst wäre wieder da. Drüben in den Sümpfen war kein rechtes
Fortkommen für ihn. Heute haben wir also seine Armee mit hier und außerdem
die Reservearmee Bennigsens. Der Kronprinz von Schweden rückt auch noch
nordwestlich von der Stadt in die Schlachtlinie, nördlich steht Blücher,
der Ring ist also um den Franzosenkaiser geschlossen, er kann nicht
heraus, er muß erdrückt werden –“
„Der Gyulai soll zurückgehen!“ kam es dann plötzlich mit ungewohnter
Schärfe von Kaiser Franz.
Kutschera fuhr zurück.
„Majestät – das hieße doch dem Kaiser Napoleon die Rückzugsstraße öffnen!“
„San’s mei Truppen, oder san’s net?“
„Gewiß sind sie es –“
„Na, denn sofort einen Adjutanten zum Fürsten Schwarzenberg senden! Der
Fürst soll sofort Gyulai mit seiner Truppe aus Lindenau zurückziehen!“
Kutschera verbeugte sich. Der Adjutant wurde expediert.
„Nun erzählen’s weiter!“
Kutschera erzählte dann den weiteren Fortgang der vorgestrigen Schlacht,
wie Klenau und Gortschakow mit dem rechten Flügel zurückgehen mußten – wie
Kleist mit dem linken standhielt, wie dagegen das Zentrum unter Prinz
Eugen durchbrochen wurde, als Murat mit achttausend Reitern zur Attacke
vorstürmte – wie die französische Reiterei fast bis zum Wachberge hinter
Güldengossa vorgedrungen war, wo die Monarchen an _dem_ Tag ihren Hügel
hatten, und wie sie allesamt gefangengenommen worden wären, wenn nicht
Orlows Kosaken und die russische Gardekavallerie den Franzosen in die
Flanke gesaust wären und sie vertrieben hätten.
„Mei Pferd!“ rief dann Kaiser Franz plötzlich. „Schauen’s a mal wieder
nach, lieber Kutschera, ob’s auch paratsteht? Und schauen’s auch nach der
Bedeckung!“
Kutschera beruhigte den Kaiser darüber.
„Am Sonntag auf dem Wachberg war i je net dabei!“ sagte der Kaiser. „Aber
heute bin i da. Und es kann ja net schade!“
Dann versank er wieder in Gedanken und fand es gar anheimelnd, dazu das
Rattern der Flintenschüsse von drüben zu hören. Und Kutscheras langsames
Dahererzählen wirkte so ungemein beruhigend dabei – ganz wie wenn man beim
Sturm und Unwetter daheim in der warmen Stube sitzt und den Hagelschauer
gegen die Scheiben peitschen hört, während im Ofen das Feuer knistert und
Großmutter eine gruselige Geschichte erzählt.
Gruselig genug war es ja zugegangen.
Um vier Uhr nachmittags hatte Napoleon bereits den Sieg in der Tasche
gehabt, die Angriffe der Verbündeten waren gänzlich zurückgeschlagen, er
ließ schon in Leipzig die Kirchenglocken Sieg läuten, befahl Marmont, der
nördlich von der Stadt stand, zur Unterstützung herbei und wollte so die
Niederlage der Verbündeten vollenden.
Da traf Schwarzenberg von seiner verunglückten Expedition zwischen der
Pleiße und der Elster in Wachau ein und brachte die Schlacht zum Stehen.
Und von drüben kam Marmont, der sehnsüchtigst Erwartete, nicht. Vielmehr
wurde er bei Möckern von Blücher festgehalten und tüchtig zermürbt. Als
Napoleon abends am Galgen biwakierte, hatte sich also das Blatt gewendet
und Fortuna bereits gegen ihn entschieden, obwohl von den Türmen Leipzigs
das Siegesgeläute noch zu hören war. Am nächsten Tag kämpfte er dann nicht
wieder, am nächsten Tag verhandelte er, und das war gut. Denn so hatten
die Verbündeten Zeit, die Ankunft der Reserven Bennigsens und der Armee
des Kronprinzen von Schweden abzuwarten.
„Es war ja auch Feiertag!“ sagte Kaiser Franz, der ein frommer Herr war
und auf Sonntagsruhe hielt.
„Drüben bei Blücher fingen die Preußen aber trotzdem wieder an und
schlugen sich, bis ihnen der Fürst Schwarzenberg den Kampf untersagte“,
fuhr Kutschera fort.
Der Kaiser blickte schnell auf und winkte seinen lieben, getreuen
Kutschera näher. – Ganz nahe mußte der Feldmarschalleutnant kommen und
sich so tief herabbeugen, daß sein Herr ihm ins Ohr flüstern konnte.
Mit einem verschmitzten Seitenblick auf Friedrich Wilhelm, der ganz
teilnahmlos in seinem Stuhle saß und ins Leere starrte, flüsterte dann der
Kaiser rasch die paar Worte:
„Saupreißen, verfluchte!“
Und Kutschera schmunzelte und nickte Einverständnis. Der Kaiser versank
nach dieser Kraftäußerung wieder in behagliche Gedanken. Er freute sich
darüber, wie gut er den gestrigen Sonntag zu gebrauchen gewußt hatte. Denn
er wäre gern auf die Waffenstillstandsbedingungen Napoleons eingegangen
und hätte schon seine Vorschläge angenommen, wenn dabei sein Österreich
nur ein paar Provinzen mehr und Preußen ein paar weniger bekommen hätte!
Nun, das könnte noch werden!
Noch war nicht aller Tage Abend! Käme sein Schwiegersohn mit heiler Haut
davon, dann – nun – wozu wäre er sein Schwiegersohn? Es ginge ja auch so,
in aller Gemütlichkeit und ohne Krieg! – Er hatte es ja schon schriftlich
von Napoleon in der Tasche – –
Der Kaiser schmunzelte.
Wie gut, daß der brave Meerveld, der mit Napoleon persönlich so gut stand,
sich gestern so geschickt gefangennehmen ließ! Das war alles, was nötig
war! Napoleon hatte ihm gleich sein Herz ausgeschüttet und ihn schon am
nächsten Tag mit Vorschlägen und mit dem Brief geschickt. Und der Brief,
der enthielt nicht nur die geheimen Versprechungen an Österreich, der
enthielt auch die Bedingungen – Gegendienste, die verlangt wurden. – –
Der Kaiser fuhr auf.
„Hat man dem Gyulai schon befehlen lassen, von Lindenau zurückzugehen?“
fragte er scharf.
„Zu Befehl! Es sind zwei Kuriere an ihn abgegangen!“
„Hoffentlich krepieren’s net alle beide unterwegs?“ sagte der Kaiser. „Es
ist sehr wichtig, Kutschera, sehr wichtig, daß Gyulai den Befehl erhält!
Mei Schwiegersohn ist ein ganzer Kerl! Man darf ihn net zur Verzweiflung
bringe, dann könnte es uns übel gehe. Man muß ihm goldene Brücken baue.
Aus Deutschland muß er wohl raus. Aber sein Reich drüben in Frankreich
soll er behalte dürfe. Nun, was denn?!“
Und er schielte rasch nach Alexander hin, der im eifrigen Gespräch mit
Fürst Wolkonsky dastand und lächelnd mit den Schultern zuckte.
Ob der Kaiser Alexander ihm das wohl wiedervergelten täte, wenn diese
Schlacht fehlginge, was ja schon sein könnte? Ob der’s ihm heimzahlen
würde, daß er nach der unglücklichen Schlacht bei Austerlitz gleich einen
Separatfrieden mit Napoleon machte und sich verpflichtete, die verbündete
russische Armee außer Landes zu schicken? Ob der Zar nun seinerseits _ihn_
im Stich lassen würde? Ganz war dem jungen Menschen doch nicht zu trauen!
Kaiser Franz stand auf und ging zu seinem lieben Vetter Alexander hin.
Auch der König von Preußen trat hinzu.
Der König war jetzt mit einer Frage geladen und kaute sich bereits die
Worte zurecht.
Er nahm den Arm Alexanders und zog ihn zur Seite.
Er hatte ausgerechnet, daß Napoleon schon am sechzehnten hätte
kapitulieren müssen, wenn Bernadotte mit der Nordarmee und die
Reservearmee Bennigsens rechtzeitig zur Stelle gewesen wären. Man hätte
dann annähernd dreimal hunderttausend Mann beisammen gehabt, gegen die
Napoleon keine zweihunderttausend aufstellen konnte. Man hatte also eine
erdrückende Übermacht.
Und trotzdem ging’s nicht recht vorwärts. Die Meldungen bestätigten, was
man auch von hier aus mit eigenen Augen sehen konnte, daß die
Österreicher, die auf dem linken Flügel unter Hessen-Homburg von
Markkleeberg gegen Connewitz vorgingen, gegen Poniatowskis Polen nicht
recht vorwärts kamen. Und gegen die Hauptmacht Napoleons bei Probstheida,
gerade vor ihnen, konnten Preußen und Russen unter Kleist und Barclay de
Tolly auch keine nennenswerten Fortschritte aufweisen, trotz allem Aufwand
an Pulver und Blei – von ihrem Heldenmut nicht zu reden. Da kommandierte
aber auch Napoleon selbst, und unter ihm Angereau, Victor, Lauriston,
Murat, also lauter kriegserprobte Leute. Der König war besorgt.
Er blickte trübe in den Pulverqualm hinein, der über der Ebene lag und aus
dem immerfort Blitze herausschossen, vom scharfen Aufbellen der Geschütze
begleitet.
Die Trompeten schmetterten, das Gewehrfeuer prasselte wie Hagelkörner an
die Fensterscheiben, das Rattern der Trommeln, das Wiehern der Pferde, das
Schreien der Sterbenden, das Rasseln der Fuhrwerke, alles vereinigte sich
zu einem einzigen ohrenbetäubenden Gedröhn, das über der Gegend lag.
Dann und wann zerriß der Wind die Pulverwolke, und marschierende Truppen,
vorspringende Schützenschwärme –, galoppierende Reitermassen kamen zum
Vorschein und verschwanden wieder in dem Qualm.
Über dem Ganzen der herrlichste Sonnenschein, der das bis gestern
herrschende Regenwetter abgelöst hatte.
Gegen mittag wurde bei den Franzosen eine gewisse Nervosität merkbar. Man
schien einen Sturm zu planen, um sich Luft zu schaffen.
Eine Vorwärtsbewegung kam aber nicht zustande. Rückwärts ging es auch
nicht. Der ganze Ring der französischen Truppen südlich um Leipzig herum,
gegen den die Verbündeten anstürmten, stand noch fest und ohne Wanken da,
soweit das Auge vom Colmberg aus blicken konnte.
Die Unruhe drüben deutete also darauf, daß bei den Franzosen von den
Schlachtfeldern nördlich und östlich von Leipzig irgendwelche Nachrichten
eingegangen waren. Ob günstige oder ungünstige, ob’s Ansturm oder Rückzug
gäbe, würde sich bald zeigen.
Endlich liefen auch auf dem Monarchenhügel Meldungen ein.
Im Nordosten hatte Langeron mit seinen Russen Ney und Marmont aus
Schönefeld an der Parthe auf die Vorstädte von Leipzig zurückgeworfen.
Im Osten griff endlich Bernadotte ein. Seine Preußen unter Bülow hatten
Paunsdorf gestürmt und Reynier, der es verteidigte, bis unter die Mauern
Leipzigs gejagt.
Dann traf von Bennigsen im Süden die Meldung ein, Holzhausen wäre genommen
und Macdonald zurückgetrieben. Dreitausend Sachsen und einige Schwadronen
württembergischer Reiterei wären von Napoleon abgefallen.
„Die Nervosität drüben deutet also auf Rückzug!“ sagte Kaiser Alexander.
„Er hat genug. Er wird die Schlacht abbauen! Wollen nachhelfen!“
Und dann gab er Befehle. Die Adjutanten flogen in alle Richtungen, es kam
bald wieder Bewegung in das Ganze –, mit lautem Hurra wurde von allen
Seiten wütend gegen das französische Zentrum Probstheida angestürmt, aber
umsonst.
Der Feind wich nicht und wankte nicht.
Es galt für ihn den Rückzug zu sichern. Auf der von Kaiser Franz
freigegebenen Straße über Lindenau hatte Napoleon bereits Bertrand nach
Weißenfels vorausgesandt, um Brücken über die Saale zu schlagen. Und
jetzt, bei beginnender Dämmerung, fingen die französischen Kolonnen schon
an, sich über den Ranstädter Seitenweg aus der Stadt hinauszuschieben, und
schlüpften so allmählich Regiment für Regiment aus dem feuerspeienden Ring
heraus, den die verbündeten Truppen um sie geschlagen hatten.
Napoleon gab also die Schlacht verloren.
Freudestrahlend galoppierte Schwarzenberg mit der Siegesnachricht heran.
Und die drei Monarchen sanken bewegt in die Knie und dankten inbrünstig
dem Himmel für den Sieg, den ihnen ihre Völker mit ihrem Blut und
Aufopferung von Leben und Gesundheit erstritten hatten. Sie schoben somit
dem Himmel diese Tat zu und waren alsdann der Pflicht überhoben, ihren
Völkern dafür zu danken.
Die Völker hatten einfach ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan.
Die konnten dann, nach glücklich beendigter Löwenjagd und Erlegung des
Wildes, wieder an die Kette gelegt werden, damit sie kein Unheil
anrichteten und nicht am Ende jetzt, nachdem sie Blut geleckt und die
Freiheit von fremder Tyrannei erstritten, auch noch der heimischen los und
ledig sein wollten.
Drüben hinter Probstheida, an der Tabaksmühle, saß in der Dämmerung müde
und zusammengebrochen der gefallene Herr der Welt am Biwakfeuer.
Um ihn herum wankte alles. Sein ganzes Werk – der stolze Bau seines
Weltreiches, von keiner inneren Notwendigkeit getragen, von seinem Ehrgeiz
nur und durch die Macht seiner gewaltigen Persönlichkeit zusammengekittet,
drohte zusammenzustürzen. Stück für Stück bröckelte es bereits ab und
würde am Ende ihn selbst unter seinen Trümmern begraben.
Und was bliebe davon übrig?
Der Fluch der Geknechteten, der Ruhm unsterblicher Heldentaten –,
Verarmung, Entvölkerung, Hunger und Elend überall, wo er seinen Fuß
hingesetzt hatte. Kein Funken Liebe schlug ihm entgegen aus dem ganzen
Rund seines Riesenreiches, kein menschliches Gefühl des Dankes, nur kühle
Bewunderung und unermeßlicher Haß.
Wer Haß sät, erntet Haß. Rücksichtslos waren seine Schläge auf die Völker
niedergesaust, hatten Gutes und Schlechtes miteinander niedergerissen und
Neues dafür aufgebaut! Aber auch das nur mit Gewalt! Gewalt war der
Anfang, Gewalt das Ende.
Ob er wohl aus dem Chaos sich noch ein Stück des Ganzen retten und dort
wieder anfangen könnte, Neues zu schaffen?
Ob er wohl würde anders als bisher walten können? Sich selbst umschaffen?
Er schüttelte den Kopf. Die Lippen zogen sich zu einem spöttischen Lächeln
zusammen. Er blieb, der er war. Noch war nicht alles verloren, noch war
auf eine Wendung des Glücks zu hoffen! – –
Eine Granate schlug sausend in das Biwakfeuer und überschüttete ihn mit
glühenden Kohlen und Asche. Das Feuer erlosch.
Er fuhr auf.
Die Nacht sank. Der Lärm der hinsterbenden Riesenschlacht legte sich
allmählich. Ringsumher flammten die Biwakfeuer der verbündeten Gegner auf.
Er befahl seinen Wagen, warf sich in die Ecke und gab Berthier Befehl, den
allgemeinen Rückzug anzuordnen. Selbst wollte er noch im Hotel de Prusse
in Leipzig ein paar Stunden ausruhen und dann nach Weißenfels
vorausfahren, nachdem er sich vom König von Sachsen verabschiedet hätte.
Die Rheinbundtruppen unter Macdonald und die Polen Poniatowskis sollten
bleiben, die Stadt verteidigen und den Rückzug der Franzosen sichern. Dazu
waren sie gut genug.
Am nächsten Morgen drangen die Verbündeten in Leipzig ein. Zuerst die
Königsberger Landwehr durch das Grimmaische Tor. Dann Blücher an der
Spitze seiner russischen Regimenter in die Hallesche Vorstadt. Yorcks halb
aufgeriebenes Korps, das durch seinen entscheidenden Sieg bei Möckern das
Schlachtenglück zugunsten der Alliierten gewandt hatte, durfte, zum großen
Leidwesen seiner tapferen Preußen, nicht am Schlußsturm auf die Stadt
teilnehmen.
Es war nach Halle vorausgeschickt worden, um dort die Saaleübergänge zu
besetzen, eine Maßnahme, in der der alte Isegrim nichts als eine
Niedertracht Gneisenaus sah, dessen Annäherungsversuch er schnöde
abgewiesen hatte. Er hatte Gneisenaus Glückwünsche zum Siege bei Möckern
mit einer schroff abweisenden Bemerkung beantwortet. Worauf Gneisenau sich
zu der Äußerung verstieg: „mit Yorck verträgt man sich am besten, wenn man
mit ihm verfeindet ist!“ und ließ seinerseits nichts daran fehlen.
Mit dem üblichen Gepränge und Tamtam hielten der Kaiser von Rußland und
der König von Preußen ihren Einzug in die eroberte Stadt. Kaiser Franz
blieb – wohl aus Familienrücksichten – der Siegesfeier fern. Der besiegte
Franzosenkaiser hatte ihm wohl wiederholt die vernichtendsten Niederlagen
und die beschämendsten Friedensbedingungen aufgenötigt. Aber – er war halt
sei Schwiegersohn geworde! Und – man konnte ja net wisse!
Der Einzug der beiden anderen Monarchen war dafür um so eindrucksvoller.
Überall, wo ihre Kavalkade durchkam, lagen Tote und Verwundete.
Pferdekadaver, zerbrochene Lafetten, Pulverkarren und Marketenderwagen
sperrten fast die Straßen. Die Glocken läuteten, die Häuser flaggten, aus
allen Fenstern ertönte Freudengeschrei und begeistertes Winken. Hurrarufe,
Böllerschüsse und der Gesang der einziehenden Regimenter mischten sich mit
dem Gestöhn der Sterbenden und den Hilferufen der Verwundeten.
Auf dem Markt vor dem ehrwürdigen Rathaus war große Parade,
Beglückwünschung der Monarchen, Belohnung der nicht gefallenen Helden,
Beförderungen, Ordenssegen und Gnadensonne. Ein jeder bekam, was sein Herz
begehrte, und alles schwamm in Wonne.
„Die zwei großen und schönen Tage sind verlebt,“ schrieb Blücher an seinen
Freund Bonin, „den 18. und 19. Fihl der große Coloß wie die Eiche vorm
Stuhrm, er der große Tiran hat sich gerettet, aber seine Truppen sind in
unsern henden. Poniatoffsky wurde Blessirt und ist ertrunken, man glaubt
Angerau desgleichen, Rennie und Lauriston sind gefangen, der erste ist
Blessiert, den 19. wurde zu ende des kampffes Leipzig mit Stuhrm und
großer uf Opffrung genomen, man wollte Leipzig in brand schißen ich wider
setzte mich die Russischen Batterien und sie durften nur mit kugell
Schißen. –
an meiner seitte drank die Russische Infanterie zu erst in die Stadt, an
der anderen seitte die braven Pomern, es wahr ein kampff ohne gleichen,
100 Canonen sind in Leipzig genomen, unsere monarchen, daß heist der
ostreische, der Russische kaiser und unser könig haben mich uf öffentligen
margte gedankt Alexander drückte mich ans HErtz.“
Und an sein Malchen schrieb der zum Generalfeldmarschall Beförderte, „als
Frau Feldmarschallin mußt du nun anstendig leben und sey nur nicht geizig
und laß dich was abgehen! – – mit die ordens weiß ich mich nun kein Raht
mehr ich bin wie ein alt kutsch Perd behangen, aber der gedanke lohnt mich
über alles, daß ich derjenige wahr der den übermütigen tihrannen
demütigte.“
Alles jubelte, alles feierte in den überschwenglichsten Ausdrücken den
Fall des Kolosses, der solange wie ein Alp auf das Leben der Völker
gedrückt hatte.
Der Triumph war teuer erkauft, viel zu teuer, wenn man bedenkt, wie viele
Tausende von Menschenleben bei größerer Entschlußfreudigkeit und
geringerer Unzugänglichkeit der Regierungen hätten gespart werden können.
Leipzig spie wie ein Vulkan Verwundete in alle Richtungen hinaus, wie der
amtliche Bericht eines Arztes sagte. Tausende von Verwundeten wurden nach
Halle und anderen angrenzenden Städten von den Schlachtfeldern um Leipzig
gebracht. In Leipzig selbst lagen mindestens zwanzigtausend von allen
Nationen.
In dumpfen Spelunken, wo kaum zu atmen war, in Kirchen und Schulen, wo der
Oktoberwind durch die scheibenlosen Fenster kälteschauernd heulte, lagen
die Kranken aufgeschichtet wie die Heringe in ihren Tonnen, alle noch in
ihren blutigen Gewändern, ohne Hemden, Bettücher, Decken, Strohsäcke,
geschweige denn Bettstellen erhalten zu können.
„Keine Nation ist bevorzugt, alle gleich elend beraten, und dies ist das
einzige, worüber sie sich nicht zu beklagen haben“, schreibt derselbe
Berichterstatter.
Aufgelaufene, brandige Glieder, gebrochene Arme und Beine, die weder in
die richtige Lage gebracht noch geschient und auch nicht amputiert werden
konnten aus Mangel an Heilgehilfen und an allen Hilfsmitteln –
Kinnbackenkrampf, Starrkrampf, Lähmungen überall – keine Wärter, keine
Hilfe, das war der Dank für geopfertes Leben und Gesundheit. Wer nicht
aufstehen konnte, mußte im eigenen Unrat faulen.
Im Hofe der Bürgerschule ein Berg aus Kehricht und Leichen, die nackend
lagen und von Hunden und Raben angefressen wurden – –
Heldentod nach Heldenleben.
*
Schrum tsim tsim –
schrum tsim tsim –
kratzten die Fiedler lustig und beherzt ihren Bässen, Bratschen und
Kniegeigen die ersten drei Schläge des Viervierteltakts ab, daß die Wände
wankten und die Kronleuchter klirrten. Der Kapellmeister schlug mit Wucht
hinterdrein und hielt seine ungestüm vorwärtsstürmenden Musikanten zurück,
was er nur konnte, um das richtige altväterlich gezirkelte Zeitmaß
herauszubringen.
Tram taram taram taramta
ramtam tara rara
ramtam tara rara
ramtam – – – – –
zwitscherten und näselten Flöten und Klarinetten. Ihre Töne trippelten
hübsch brav neben der altbekannten Melodie einher, die die Primgeiger mit
flottem Saltarello in duftigen Umrissen über die Saiten warfen.
Mit unbewußter Grazie, schüchtern und zaghaft, wie wenn ein unschuldiges
junges Mägdelein die Fußspitzen züchtig unter dem schützenden Saum ihrer
Röcke hervorstreckt, um, die Erde kaum berührend, elfenhaft
dahinzuschweben – so präzise, gezirkelt und genau bemessen hüpften die
Töne prickelnd hervor, kitzelten die Tanzlust bei alt und jung und
brachten den ganzen Saal in Bewegung.
Schrum tsim tsim –
schrum tsim tsim –
Männlein und Weiblein gaben sich die Hände, drehten sich im Kreis, wiegten
sich, neigten sich, chassierten nach links, chassierten nach rechts,
figurierten, grüßten, lachten, scherzten, vom Licht der tausend Kerzen
überflutet, von unzähligen Spiegeln ins unendliche vervielfacht.
Soweit das Auge sehen konnte, Quadrille an Quadrille, streng nach der
Regel in ihren Bahnen beharrend und doch in lebhafter Grazie auf dem
glatten Parkett lustig und leicht hin und her gleitend.
Bunte Uniformen und schneeweiße Schultern schoben sich zierlich aneinander
vorbei. Es war ein Weben, ein Schweben, ein Trippeln, ein Trappeln, ein
Klirren von Sporen, ein Blitzen und Funkeln von Sternen und Geschmeiden,
bezauberndes Lächeln auf holden Gesichtern, blendende Perlenzähne hinter
purpurnen Lippen, zum Beißen und Küssen gleich verlockend, in tiefgründig
träumenden Märchenaugen blitzschnelle Abwehr, wenn verstohlenes Drücken
und zärtliches Flüstern in heißem Ansturm zu rauben suchte, was erst nach
Sitte und Brauch in langer Belagerung erobert werden wollte.
Auf der Estrade an der Längswand stand der König von Preußen mit seinem
getreuen Knesebeck und anderen Bevorzugten und blickte zerstreut in das
bunte Getriebe.
Ein Lächeln lag über den sonst so griesgrämigen Zügen, und er lauschte
belustigt auf die bissigen Bemerkungen, womit das Gefolge meuchlings die
Tanzenden bedachte. Ihm bot sich aber auch ein seltsames Schauspiel dar.
Auf dem Ehrenplatz vor dem Thronsessel bewegten sich vier Paare, um die
herum sich in achtunggebietendem Abstand ein Ring von Zuschauern gebildet
hatte.
Verliebt wie ein junger Leutnant, charmant und geschmeidig, tanzte da
Blücher mit dem schönsten Mädchen im ganzen Saal –, ihm gegenüber auf
steifen Beinen, würdevoll und ernst, sein alter Waffenbruder und
Widersacher Yorck, der sich mühte, recht liebenswürdig zu erscheinen, und
dabei verzweifelte Gesichter schnitt. Rechts und links von ihnen
vervollständigten Prinz Wilhelm und der Obrist von Katzeler mit ihren
Damen die Quadrille. Und Blücher kommandierte, wie sich’s gehörte.
„_Chassez croisez!_
_Balancez!_
_A gauche! –_
_A droit! – – –_“
kam es mit Donnerstimme unter dem buschigen Schnauzbart hervor, und alles
parierte, alles figurierte im ganzen Saal, präzise wie auf dem
Paradeplatz, erst im engeren Verband der Quadrillen, und dann, als das
Kommando „_Grande chaîne!_“ fiel, zu einer einzigen endlosen Doppelkette
vereinigt, die sich in wogender Gegenbewegung um den ganzen Saal ringelte,
bis die auseinandergeratenen Pärchen sich wieder zusammengefunden hatten.
„Dem König und Herrn alles Ordensegens spenden wir nun auch einen Stern!“
donnerte wieder die Stimme des Feldmarschalls durch den Saal. „Die Kegel
ran! _Etoile!_“
Und in jedes Karree sprang ein junger Offizier hinein, streckte die Hand
hoch, die anderen Herren ergriffen sie, und dann ging’s in sausender Fahrt
um den so geschaffenen Mittelpunkt herum, daß es den Zuschauern auf der
Estrade schwindelig wurde.
„_Changez les dames!_“
In jedem Stern flogen die Damen aus dem Arm ihres Tänzers in den des
nächsten und so weiter, bis sie sich wiedergefunden hatten.
„Nun, Exzellenz, warum so steif mit dem Tanzbein?“ rief Blücher Yorck zu,
der ihm nicht schnell genug vorwärts kam. „Wir sind nicht an der Katzbach,
wir sind am Rhein! Da setzt’s andere Sprünge! In einer Tour bis nach
Paris!“
Yorck fing schon an eine Antwort zu brummen. Blücher schnitt sie ihm aber
ab durch ein mit Stentorstimme hingedonnertes: „_Grande Polonaise!_“
Tram tararam, tam, tam, tam –
tram tararam, tam, tam, tam –
fiel die Musik sofort gehorsamst ein, mit dem gravitätischen
Dreivierteltakt der Polacca, und Paar an Paar gereiht, defilierten die
Tanzenden mit Anstand und Würde am Thron vorbei und brachten dem gnädig
dankenden König ihre Huldigung dar.
Dann wurde Kurs auf die reich besetzten Büfette genommen, um sich dort
nach den Anstrengungen des „Feldzuges“ zu laben und wieder gefechtsbereit
zu werden.
„Bekommen wir bald Frieden, Exzellenz?“ lispelte die junge Dame Blüchers
und nippte an dem ihr von ihm dargebotenen kühlenden Getränk.
„Ebenso gewiß wie ich heute Geburtstag habe!“ antwortete Blücher, der
einer jungen Dame gegenüber an alles andere als an Friedensverhandlungen
dachte.
„Nun, den feiern wir doch eben!“
„Wir feiern ihn, ja! Aber wir haben heute den vierzehnten Dezember, und
ich war so frei, mich erst am sechzehnten auf die Welt befördern zu
lassen!“
„Das Glück! Dann können Exzellenz ja übermorgen wieder Geburtstag feiern!“
„Das mache ich mir auch zunutze! Heute hier in Wiesbaden, übermorgen in
Frankfurt! Man hat’s eben hier mit mir zu eilig gehabt! Und so ist es auch
mit dem Frieden! Die guten Leute können es nicht abwarten. Was übermorgen
sein soll, nehmen sie schon heute vorweg! Und – wenn wir das nicht zu
verhindern wissen – so bekommt der arme Wechselbalg von einem Frieden sein
Wiegenfest, ehe er geboren ist, kommt zu früh auf die Welt, taugt zu
nichts Rechtem und ist weder dem Sieger noch dem Besiegten zur Freude!
Aber, meine Gnädigste, man spielt schon zum Walzer auf! Der Kampf geht
weiter. Verlieren wir nicht die Zeit mit Friedensgesäusel! Da stürmt schon
unser mutiger Obrist Katzeler zur Attacke heran! _En garde!_ An die
Verteidigung!“ –
„Der Walzer gehört dem Obristen!“ –
„Nun, dann retiriere ich! – Jugend gehört zu Jugend! Aber besiegt erkläre
ich mich noch nicht! Küß’ die Hand, meine Gnädigste! – Vorsicht, Katzeler!
Zu tief in holde Äuglein geschaut, macht leicht straucheln!“
Er blickte dem davoneilenden Paar nach, machte sich dann an das Büfett
heran, tat sich gütlich an den dort aufgedeckten Leckerheiten, aß mit
einem wahren Bärenhunger und fluchte dabei über den faulen Frieden, mit
dem man ihm nach jedem Sieg um die Ohren schlug und der ihm sogar hier im
Tanzsaal die Kampfesfreudigkeit verleidete!
Er fluchte respektlos über den König und seine „feigen“ Ratgeber, die,
Majestät versteht sich ausgenommen, alle miteinander an den Galgen müßten!
Immer wieder fielen sie ihm in den Arm, gerade wenn er den Gegner
vernichtend treffen wollte. Immer wieder verlängerten sie den Krieg durch
ihre Dummheit, Ängstlichkeit und ihre übereilten Maßnahmen! Der Friede
wäre längst da und weit vorteilhafter, als sie zu träumen wagten, wenn sie
ihm nur nicht immer zur Unzeit mit langgestreckten Hälsen nachliefen!
Aus dem Tanzsaal sprudelten die Melodien herüber, mit heiterem
Stimmengewirr und dem Lachen der Tanzenden vermischt. Blücher ging auf die
Tür zu. Drüben am Thron standen immer noch der König, der Staatskanzler
und ihre Speichellecker.
„Hol’ sie der Teufel!“ brummte er halblaut. „Denen werd’ ich wohl was
vortanzen?! Der Kuckuck auch. Zum Tanz aufspielen, das schon eher, wenn
sie sich nicht sputen und sich endlich aus dem Dusel aufraffen! Das gibt
dann aber eine andere Polka!“
Er verfügte sich nach den entlegenen Sälen, wo fern vom Getaumel
trinkfeste Männer Bacchus huldigten. Er tat im Vorbeigehen einen Blick in
den Spielsaal, ging aber nicht hinein. Er liebte immer noch das Spiel fast
ebenso leidenschaftlich wie die schönen Frauen. Seit Anfang des Feldzuges
rührte er aber keine Karte mehr an.
Aufregung und Anregung gab ihm der Krieg zur Genüge. Dazu bedurfte er des
Spieltisches nicht!
Er begab sich also in den Keller, nahm unbemerkt im Dunkel einer Nische
Platz und ließ sich Wein kommen.
Um den langen Tisch, inmitten des Saales, saßen eine ganze Reihe meistens
jüngerer Offiziere mit hochroten Gesichtern in eifrigster Unterhaltung.
Sie schimpften, daß es Blücher gar warm ums Herz wurde, und verdonnerten
die Diplomaten nach Noten.
„Habt ihr den Metternich gesehen?“ rief einer. „Wenn ihr den Fuchs gesehen
habt, dann wißt ihr Bescheid. Wir Preußen sollen da immer und immer wieder
bluten, nur um den Engländern und den Österreichern die Kastanien aus dem
Feuer zu holen! Und nachher werden wir geprellt! Wir haben Napoleon
besiegt, haben ihn aufs Haupt geschlagen – und der Herr Metternich hat
nichts Eiligeres zu tun, als ihm den Rücken zu steifen! Habt ihr von den
Friedensbedingungen gehört, die er jetzt wieder dem Franzmann geboten hat?
Friede und Freude, und die Pyrenäen, die Alpen und den Rhein als Grenzen!“
Ein allgemeiner Aufschrei beantwortete die Nachricht.
„Schufte und Gauner sind’s, die das befürworten!“
„Es sind hohe Herren, Fürsten und Generäle darunter!“
„An den Galgen mit ihnen!“
„Aufknüpfen das ganze Gesindel! Schwarzenberg und Metternich voran!“
„Sind das Bundesbrüder!“
„Immer hinken sie nach, immer halten sie zurück und tuscheln hinter
unserem Rücken mit den Franzosen!“
„Die Österreicher denken nur an ihren eigenen Vorteil! Und den suchen sie
in Italien! Da wollen sie sich bereichern! Deutschland ist ihnen
gleichgültig!“
„Ob wir frei werden oder nicht, ist denen Wurst!“
„Das ist ein Irrtum! Die Österreicher würden uns gern an Händen und Füßen
gefesselt sehen! Nur kein starkes Preußen, nur kein einiges Deutschland!
Deshalb paktieren sie und treiben hinter unserem Rücken Kuhhandel mit den
Rheinbundfürsten, diesen Verrätern an der deutschen Sache! Sie befestigen
jene Könige von Napoleons Gnaden auf ihren Thrönchen, statt sie zum Teufel
zu jagen!“
„Ganz recht, und deshalb sollen wir eben nicht ihres Kaisers Schwiegersohn
Napoleon kaputt machen dürfen! Deshalb dürfen wir ihm nicht seinen
Länderraub nehmen – deshalb ließen sie ihn bei Leipzig entschlüpfen und
hinderten uns an der Verfolgung, wo wir ihm so brav an den Fersen hingen.
Keinen Mann hätte er heil nach Frankreich zurückgebracht, hätte man uns
bei der Stange gelassen! Und die lassen ihn mit ganzen siebzigtausend Mann
nach Mainz hinüber!“
„So ’ne Schweinerei war noch nicht da! Die müßten mit Ruten gestrichen
werden, die das verbrochen haben!“
„Und jetzt, was machen wir jetzt! Sechs Wochen lang stehen wir schon am
Rhein und dürfen nicht hinüber. Unsere Herren Fürsten stehen da und gucken
ins Wasser und finden es tief und finden es breit, und schütteln die Köpfe
und machen bedenkliche Gesichter. Der König will nicht, der Kanzler will
nicht, das Große Hauptquartier will verhandeln, die Russen wollen heim in
ihr Land. Keiner wagt den Sprung! Inzwischen wird Napoleon wieder stark –
und wir müssen wieder bluten!“
So schrien und tobten sie erregt durcheinander, und der Tabaksqualm legte
sich in immer dichteren Wolken über sie und zog in langen Ringeln unter
dem Gewölbe hin, durch die Tür hinaus.
Blücher saß unbeweglich in einer Ecke und ließ sich nichts merken.
Am Ende des Mitteltisches, etwas abseits von den anderen, saß allein und
schweigend ein großer, starker Kerl in Infanterieuniform und trank in
aller Ruhe mit tiefen Zügen einen Schoppen nach dem anderen. Mit jedem
Glas wurde sein Gesicht röter und seine Augen stierer. Er schien sich
gewaltig zu giften über all das, was die anderen vorbrachten, und kam
immer mehr in Wut.
Schließlich fegte er Glas und Kanne vom Tisch herunter, stand auf, zog die
Plempe, schwang sie mit beiden Händen hoch über den Kopf und ließ sie mit
voller Wucht auf die Tischscheibe niedersausen.
„Borussia!“ schrie er, daß es im Saal dröhnte und alles verstummte und
sich zu ihm umwandte. „Borussia, wach auf! Von allen Seiten umschleichen
dich Feinde! Ringsum lauern falsche Freunde darauf, dich zu knebeln!
Denn du bist das Herz Deutschlands, die Wurzel seiner Kraft, die Quelle
seines Blutes und der stählerne Ring, der bestimmt ist, all die deutschen
Stämme zusammenzuhalten und stark und mächtig zu machen. Hüte dich vor
deinen schwachen Stunden, Borussia, laß dir kein Gift in die Ohren
träufeln – wehr dich gegen die Falschheit derer, die ihre Dolche mit
Friedenspalmen verdecken! Wehr dich, sonst hast du umsonst geblutet, ohne
Nutzen den Kampf um die Freiheit geführt. Ohnmacht, Armut, Knechtschaft,
Schmach und Demütigung vor Fremden wird dein sicheres Los! Höre nicht auf
den Sirenengesang! Laß deine Knappen mit ihren Schwertern auf ihre Schilde
schlagen, daß du die Stimme der Verlockung nicht hörst. Du ließest dich
schon zu oft täuschen! Du ließest dich zu Boden werfen, wurdest
ausgeplündert und zum Frondienst gezwungen! Und nun, wo der Himmel ein
Wunder tat und deine Fesseln löste, wo du weiter nichts zu tun brauchst,
als die Hand auszustrecken und zu nehmen, was dein ist, da läßt du dich
beschwatzen, auf die Segnungen einer fernen Zukunft vertrösten, wo die
Gegenwart dir blüht wie noch nie!
Borussia, wach auf! Sieh in der Sonne den Rheinstrom glitzern! Sieh sein
heiliges Band alle deutschen Gaue umschlingen! Frei wälzt er seine Wogen
dem Meere zu, an beiden Ufern wieder deutsch, wie er’s immer war, wenn du
nur wolltest. Laß nur nicht die Welschen an ihn heran! Die bleiben nicht
wie du träumend an seinem Ufer stehen! Die werden stets zu neuen Raubzügen
hinüberwollen, dir Mark und Blut aussaugen und sorgsam verhüten, daß du
jemals wieder zu Kraft und Macht erstarkst! Borussia, wach auf!“
„Die schläft schon nicht, junger Mann!“ sagte Blücher, trat aus seiner
Nische ins Licht hinaus, ein Glas in der einen, ein paar Flaschen in der
anderen Hand, und setzte sich an das andere Ende des langen Tisches. „Denn
das ist kein Schlaf mehr! Da gehört ein ganz anderes Wecken dazu, als Sein
bißchen Krähen! Da helfen auch nicht die Posaunen des Jüngsten Gerichts!
Bei der dicken Schlafmütze, die die Sicherheitskommissariusse der Madame
über die Ohren gezogen haben, könnte der Himmel herabfallen, und sie
merkte nichts. Die wacht nicht uff. Wir geben ihr wohl mitunter einen
Schubs und bringen sie auf die Beine, daß sie Anlauf nimmt und im Schlafe
siegt. Und dann fällt sie um und träumt vom ewigen Frieden! Und der Feind,
der Herr Napoleon, der niemals schläft und niemals träumt, er lacht sich
ins Fäustchen und geht ihr immer wieder durch die Lappen. An der Saale
hätten wir ihn jetzt packen können, an der Unstrut auch! Bei Auerstedt, wo
er uns schlug, hätte er zur Wiedervergeltung eins auf die Mütze haben
müssen – bei Erfurt, wo wir früher einmal vor ihm kapitulierten, bei
Fulda, überall wäre er geliefert gewesen, wenn wir bei der Stange
geblieben wären und zugelangt hätten. Am Hörselberge hinter Gotha, wo wir
nach Jena so brav vor ihm gelaufen waren, da rächten wir uns aber in echt
deutscher Weise – da ließen wir ihn ebensogut vor uns laufen, gerade als
seine Vernichtung sicher war. Da spielten wir immer noch auf höheren
Befehl Blindekuh und sagten uns: ‚Nee, da läuft er nich, wo er läuft! Er
läuft sicher anderswo!‘ Und kletterten über die Vogelsberge und guckten in
das Lahntal hinein und wunderten uns baß, daß er uns nicht den Gefallen
tat, uns auch da etwas vorzulaufen.
Und nun sitzt er hinterm Rhein und pflegt seine Frostbeulen und salbt
seine wunden Füße. Und wir sitzen diesseits und blasen auf der
Friedensschalmei und tanzen und vergnügen uns. Nun ja – hübsch sind ihre
Mädchen, das muß ich den Rheinländern lassen! Und ihre Weine – – Na, komme
Er her zu mir, junger Mann, brechen wir miteinander dieser Pulle den Hals!
Da drin ist Sonnenschein – da drin ist Glut und froher Mut, aber keine
solche Wut, wie Er sich wohl aus Seinem Surius drüben angetrunken hat!
Sieht Er, schöne Redensarten, die kann ich auch machen! Nun will ich Ihm
aber auch vormachen, wie man den Mund hält, wo’s gilt, eine Tat für ein
Wort zu setzen! Prost! Gieße Er den Rebensaft die Kehle runter! Und keinen
Ton dabei – keinen Ton, auf daß Ihm nicht die Galle übertritt. Siebzehn
Jahre wollen wir wieder werden, voll guter Laune, Übermut, Tollheit und
schwellender Kraft, die singt und jauchzt und sich des Daseins zu freuen
weiß. Dann sind wir morgen andere Kerle, und die Welt wird uns neu und
frisch und keusch wie eine aufblühende Jungfer, die dem gehört, der sie
ohne Federlesens zu nehmen versteht, aber nimmermehr dem Worthelden, der
über seinem Gefasel das Zupacken vergißt. Wir _tun_, was _wir_ tun! Wir
lassen Schufte und Gauner Schufte und Gauner sein! Wir haben anderes zu
tun, als dem Gesindel Galgen zu errichten und Strafpredigten zu halten!
Prost!“
Trotz seinem Schweigegebot versäumte er es aber auch nicht, selbst das
Wort zu nehmen und eine Rede zu schwingen, sooft nur der Geist über ihn
kam.
Der andere hatte ihm eben nur das Wort aus dem Munde genommen und das
ausgesprochen, wovon er just im Begriff war, selbst überzusprudeln.
„Solche Leute muß man beizeiten dazu bringen, den Mund zu halten“, dachte
er schmunzelnd. „Denn sagen sie zuviel, dann verderben sie einem nur das
Spiel!“
*
Am Neujahrstag in aller Frühe hielt Blücher dann hoch zu Roß auf den
Hügeln des Rheinufers bei Caub und blickte in den grauen Tag hinein.
Unter ihm schlängelte sich die dunkle Masse seiner braven Armee über die
Schiffsbrücke nach der kleinen Insel mitten im Fluß, wo die alte Pfalz
liegt, und weiter nach dem jenseitigen Ufer, die Hügel hinauf.
Die Felsen warfen in immer wachsendem Echo das Hurra und das
Freudengeschrei hinüber und herüber und kündeten den Landeskindern
jenseits des Rheins: jetzt ist die Schmach getilgt, jetzt seid ihr wieder
Deutsche, wie ihr es immer wart und immer wieder werdet, was auch kommen
mag.
Dem alten Kämpfer schwoll das Herz vor Freude, er jauchzte mit, und durch
die Tränen, die ihm aus den Augen quollen, sah er sieben Sonnen, und alle
gingen sie ihm heute drüben, im Westen, auf. Drüben lag befreites
deutsches Land! Drüben lief der Feind, was das Zeug hielt –, drüben lag
Paris! –
Ein Katzensprung nur, und Paris war sein, die Höhle des Löwen ausgehoben,
der Quell alles Unheils verstopft, der Feind der Völker von seiner
ragenden Höhe gestürzt! Nichts könnte mehr etwas daran ändern!