Dieser Geist hat sich heute wieder herrlich offenbart –“

Blücher schwieg bewegt. Denn wieder rollten in langsamem Zeitmaß

langgedehnte Trommelwirbel gedämpft herein, wie um seinen Worten noch mehr

Nachdruck zu verleihen.

„Die Trommel geht,“ rief er dann ergriffen, „sie mahnt unseren Sinn, ins

Jenseits zu blicken. Dort ziehen jetzt in endloser Schar die Geister

unserer gefallenen Brüder vorüber. Immer dichter drängen sie an den Thron

des Herrn aller Heerscharen heran und empfangen als Lohn für ihr Opfer die

Weihe, fortan, von jeder leiblichen Schwere unbehindert, mit uns zu

streiten, um unsere heilige Sache zum Siege zu führen.

Wir hienieden sind alle gering gegen sie. Ich selbst weiter nichts als ein

Handwerker, der die aufgegebene Arbeit geleistet hat.

Wer aber alles so bereitet hat, daß wir anderen hier den Erfolg haben

konnten, das war jener, von dem ich hier geredet habe –“

Er wandte sich mit den Worten an den jungen Leutnant von Scharnhorst und

winkte ihn näher.

„Das war Ihr Vater“, setzte er seine Ansprache fort. „Denn er und kein

anderer hat jedem Sieg, den wir erstritten, vorgearbeitet, er hat in Reih’

und Glied mit den anderen dafür gekämpft, sein Leben eingesetzt und

verloren, wie der Geringste unter denen, deren Heimgang wir betrauern.

Blicke herab, verklärter Geist unseres Scharnhorst, und vernimm es, wie

wir alle hier in die Hand deines Sohnes geloben, dir nachzueifern in Wort

und Tat, bis wir das deutsche Vaterland von den Feinden und Unterdrückern

befreit und den preußischen Namen wieder zu Ehren gebracht haben.“

Damit zog er den Sohn Scharnhorst an seine Brust und küßte ihm die Stirn.

Die anderen traten ergriffen an den jungen Offizier heran und bekräftigten

mit stummem Handschlag die Worte ihres Führers.

*

Im Schlosse zu Köthen saß der Kronprinz Karl Johann von Schweden, alias

Marschall Bernadotte, bei der Morgentoilette. Die geschickten Hände seines

Kammerdieners befreiten seine, trotz den fünfzig Jahren, immer noch

rabenschwarzen Locken von den unzähligen Papillotten, in die sie über

Nacht gewickelt waren, und ordnete sie in dekorativem Wirrwar um das

scharf geschnittene Profil herum, das so recht dazu geeignet war, auf

Münzen und Medaillen majestätisch zu wirken.

Zur Münze geschlagen, hält der Mensch den Mund, und das ist bei manchem

gekrönten Haupt entschieden von Vorteil.

Noch war der Advokatensohn aus Pau ja nicht so weit in der Karriere

gediehen. Er plapperte also rüstig drauflos.

Sein schwedischer Adjutant, der in ehrfurchtsvoller Haltung wartete, bekam

einen Erguß über alles mögliche, was die neugefürstete Seele seines

Gebieters momentan bewegte.

„Wir schreiben also sofort an den General Blücher, daß der Kaiser Napoleon

auf das rechte Elbufer übergegangen ist, unsere Rückzugslinie ernstlich

bedroht und uns nötigt, zu retirieren und über die Elbe zurückzugehen. –

Wir fordern den General auf, uns mit der Schlesischen Armee zu folgen.

Und, damit er es auch tut –, deuten Sie ihm an, wir hätten uns bei dem

Kriegsrat in Trachenberg von den Monarchen zusichern lassen,

gegebenenfalls und insbesondere bei gemeinsamen Unternehmungen auch über

ihn und seine Armee den Oberbefehl zu führen.“

Der Adjutant machte sich eiligst Notizen.

„Es ist an der Zeit, mit der Legende aufzuräumen, ein ehemaliger Marschall

von Frankreich wäre gerade gut genug, in Deutschland ein subalternes

Kommando zu führen! Wozu hat man mich wohl gebeten? Man überhäuft mich mit

Komplimenten – man macht mir Versprechungen – der Kaiser Alexander selbst

wurde nicht müde, zu betonen, er hätte mit mir die Strategie Napoleons in

die Dienste der Verbündeten gestellt! – Nun, er hat nicht zu sehr

danebengegriffen. Aber wem gab man den Oberbefehl? – Mir etwa? Nein, dem

Fürsten Schwarzenberg!

Wer ist Fürst Schwarzenberg? Auf welchem Schlachtfelde wurde sein Name

bekannt und berühmt? Auf keinem, wo ich mitgekämpft habe. Und wo habe ich

nicht mitgekämpft? Wer gab bei Austerlitz die Entscheidung? Wer bei Wagram

– und das in solchem Maße, daß Napoleon vor Neid fast platzte und sich zu

Unbesonnenheiten mir gegenüber hinreißen ließ, um mir die Palme des Sieges

zu entreißen.

Nun hat man mich – und läßt mich eine zweite – eine dritte Rolle spielen,

und verspielt so das Ganze. Sie werden es sehen. Napoleon wird den Leuten

ein Schnippchen schlagen. Und wenn nicht – dann haben sie’s meiner

Vorsicht zu verdanken, die ihm stets zu entschlüpfen wußte.

Napoleon weiß schon, was er an mir hat!

Er weiß mich als Feind einzuschätzen. Er wird auf mich wütend sein! Er

wird darauf brennen, vor allem mich zu vernichten, weil ohne mich die

anderen ihm dann auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein werden!

Ich hüte mich aber, mich seinen Keulenschlägen auszusetzen. Den billigen

Triumph soll er nicht haben. Wie könnte ich ihm auch standhalten?

Was für Truppen hat man mir dazu gegeben? _Mon dieu!_ Einen Bernadotte

nimmt man zum Oberkommandierenden – und gibt ihm derartiges Gesindel in

die Hand!

Diese preußische Landwehr, wie sieht sie nur aus! Was für eine Ausrüstung,

welche Gesichter, welche plumpen Bewegungen, welche Ungeschicklichkeit!

Kein Griff, der sitzt – kein Elan, gar nichts! Die reinen Barbaren!

Und meine lieben Schweden – nun – nichts für ungut. Oberst, geben Sie’s

nur zu – mit den Grenadieren Napoleons sich messen zu wollen, ist

eigentlich eine Arroganz von Ihnen! Brave, liebe Leute, meine neuen

Landeskinder, ich gebe es zu!

Aber was soll es heißen, daß man in Schweden so besorgt tat, als sie

ausrückten.

‚Opfern für fremde Interessen‘, sagt man! _Mon dieu!_

Ich werde diese Raritäten von Soldaten dem schwedischen Vaterlande ganz

unbeschädigt zurückgeben! Man kann unbesorgt sein. Ich werde sie wie

meinen Augapfel hüten!

‚Für fremde Interessen‘?!

Weiß man denn nicht, daß meine Teilnahme am Krieg den Schweden Norwegen

einbringen wird? Oder traut man mir nicht einmal das zu?

Glaubt man in Schweden an das alberne Gerücht, die Schweden sollten

bluten, damit ich Kaiser der Franzosen werde, wenn Napoleon abgetan ist?

Es ist wahr, die Franzosen lieben mich! Sie wären schon imstande,

mich – – –

Wäre Napoleon nicht aus Ägypten zurückgekommen – wäre er damals nicht den

Engländern entschlüpft –, wer weiß, was geschehen wäre?!

Wer weiß, wie die Welt heute aussehen würde, wenn statt ihm – ein anderer

– ich zum Beispiel, in den Tuilerien residieren würde?!

Nun, morgen ist auch noch ein Tag. Und wenn die Franzosen es mir nicht zu

sehr verübeln, daß ich am Kriege gegen sie teilgenommen habe, dann – –

Schließlich, ich tu’ ihnen ja nicht weh. Aber man kennt die Treibereien

der Demagogen! – Es könnte gegen mich ausgenützt werden für den Fall, daß

man mich – – –

Wenn sie aber _trotzdem_ der Stimme ihres Herzens folgen, das stets für

mich schlug – wenn sie mich binnen kurzem zum Nachfolger Napoleons

ausrufen, dann werde ich meine Pflicht tun – _meine Pflicht_, Oberst!

Gewiß – ich _kenne_ meine Pflicht gegen die Schweden! Ein braves, ein

treues Volk! Aber eine drollige Sprache!

‚Giff mik – – _un baiser_‘ – wie heißt das nun wieder: _un baiser_? – ‚En

schiß‘ – danke lieber Oberst – ‚en schiß‘ – _mon dieu_, man zerbricht sich

fast den Mund dabei! Es klingt ja beinahe wie Deutsch – ebenso unmöglich

zu prononcieren, ebenso guttural! Eine Sprache für die Wilden! Man müßte

eigentlich bei euch in Schweden die französische Sprache einführen!

Glauben Sie, Oberst, die veredelt die Manieren! Die würde euch Schweden

gut zu Gesicht stehen! Nun, wer weiß, was noch kommen kann, wenn man mich

_nicht_ – – –

Denn _wenn_ man mich zum Kaiser der Franzosen wählt – es gibt eine

Pflicht, Oberst, die alle anderen Pflichten in den Hintergrund stellt, und

das ist die Pflicht gegen die Menschheit. Und meine Wahl wäre: der ewige

Friede und also ein Segen für die ganze Menschheit.

Das käme dann auch den Schweden zugute – und weit mehr, als wenn ich meine

aufs Große gerichtete Kraft darauf verschwenden müßte, nur ihr kleines

Land zu regieren.

Schließlich kann man sich auch in Schweden vertreten lassen –, oder die

beiden Länder enger aneinanderschließen. Sie werden’s sehen, es wird noch

kommen, man wird noch in Schweden Französisch sprechen! –

Also, heute gehen wir über die Elbe zurück.

Sie meinen, wir hätten ebenso gern gleich drüben bleiben können? Gewiß!

Ich war niemals für dies Abenteuer. Ich habe es kommen sehen, daß wir

zurück müßten!

Immerhin, ich habe dem alten Haudegen Blücher gezeigt, wie man so etwas

macht! Er hat bluten müssen, als er bei Wartenburg überging. – – Wieviel

sagten Sie? – Zweitausend Tote?! Das ist viel! Das ist ungeschickt!

Ich habe bei meinem Übergang keinen einzigen Toten gehabt – keinen

einzigen! Eben weil ich die Gelegenheit besser wahrnahm und erst über den

Fluß ging, als der Feind mit Blücher beschäftigt war und nichts davon

merkte.

Wer zuerst kommt, auf den stürzt sich die Meute, an ihm beißen sich eben

die Hunde fest!

Der gute Blücher glaubt sich mir überlegen, er treibt mich gar an! Er

denkt, er könne mit seiner Feldherrnkunst die meine düpieren?

Dabei hat er schon einmal in mir seinen Meister gefunden! Sie wissen: in

Ratkau, wo er vor mir kapitulieren mußte! Er wird es nochmals erleben! Er

wird sich wundern, wenn ich heute die Karten aufdecke und ihm zeige, daß

er eigentlich unter meinem Befehl steht und mir zu gehorchen hat!

Er wird fluchen! Ha, ha, ha! Er ist ein Grobian, ein ungeschlachter alter

Landsknecht, ein unmanierlicher Barbar! Nun, er ist eben ein Deutscher!

Apropos – ihr Schweden seid doch auch halb deutsch! Wie kann man nur?

_Ridicule!_ Und eure Sprache auch!

Wie hieß es nun wieder: _donnez moi_ – ‚giff mik un giß‘ – un giß! Wie

drollig! Wie lächerlich!“

So plapperte Seine neugebackene Königliche Hoheit mit der

Selbstgefälligkeit eines Papageien weiter und imponierte seinem Adjutanten

und nicht zum mindesten seinem Kammerdiener mit seiner Zungengeläufigkeit,

die, wie sooft bei seinen Landsleuten, ersetzen mußte, was ihm an Geist

abging.

Als aber der Kammerdiener ans Barbieren kam, da stand das kronprinzliche

Mundwerk endlich so lange still, daß der Adjutant seine Meldung abstatten

und mitteilen konnte: der englische Bevollmächtigte, General Stewart,

widerriete auf das bestimmteste einem Rückzug über die Elbe.

_Wenn_ überhaupt zurückgegangen werden müßte, da wäre der General Stewart

dafür, dann lieber über die Mulde, ja sogar bis hinter die Saale –,

überhaupt nach Südosten auszuweichen, wie es Blücher vorgeschlagen hatte,

um die Verbindung mit der aus Böhmen vorbrechenden Hauptarmee zu suchen

und die Rückzugslinien Napoleons auf Weißenfels und Erfurt zu bedrohen.

Der Kronprinz hörte gelassen zu, ließ sich einseifen und antwortete mit

keinem Wort.

Er gedachte der Subsidien, die ihm England zahlte, und die wohl dessen

Bevollmächtigten berechtigten, ein Wort mitzureden.

Als aber dann ein zweiter Adjutant mit der Meldung hereinkam, die

Franzosen hätten seine Schiffsbrücken bei Aken und Roßlau zerstört, da

atmete der Kronprinz erleichtert auf.

Denn nun mußte er links der Elbe bleiben, ob er wollte oder nicht!

Die Sache war entschieden. Der Engländer hatte seinen Willen, und selbst

brauchte er, dank dem Feinde, keinen Entschluß zu fassen.

So trieb man die Weltgeschichte entschieden am besten und bequemsten. Man

ließ ihr ihren Lauf, trieb selbst mit und vertraute dabei seinem Glück und

seiner angeborenen Fähigkeit, an die Oberfläche zu kommen und sich dort zu

behaupten. Und wurde so ein Auserwählter von Gottes Gnaden.

*

„Ein Fähnrich zog in den Kri–ieg –

widibum fallera, juchheirassa,

ein Fähnrich zog in den Kri–ieg,

wer weiß, ob er wiederkehrt,

wer weiß, ob er wiederkehrt!

Er liebt ein schwarzbraunes Mädchen,

widibum fallera, juchheirassa, –

er liebt ein schwarzbraunes Mädchen,

das bitterlich um ihn weint,

das bitterlich um ihn weint!“

So sang man an einem der vielen Biwakfeuer des Yorckschen Korps vor

Möckern. Und weiter gen Wiederitzsch zu antwortete es von den Lagerfeuern

der Russen, die sich dort aneinanderreihten, in langgezogenen

melancholischen Tönen.

„Matjuschka–a babu–usch–ka – –“, klagte da ein schmelzender Tenor das

ewige alte Russenlied vom roten Sarafan, an dem die Mutter nicht mehr

nähen soll, während oben auf der Anhöhe die Silhouetten weithosiger,

bebluster Tänzer zu den Tönen der Balalaika sich gespenstisch hin und her

drehten, bald an dem flammenden Feuer vorbeihuschten, bald ins Halbdunkel

hineinhüpften, um gleich wieder zum Vorschein zu kommen, die Hände in die

Hüften gestemmt, die Hacken zusammengeschlagen, die Knie gebeugt, und dann

bald nach links, bald nach rechts heraus auf den Hacken gerutscht,

hochgeschossen, rundgeschnurrt und wieder in die Finsternis hineingehüpft.

Ein dumpfes Geräusch von ferne rollenden Rädern, ein aufbrausendes und

wieder abnehmendes Stimmengewirr, Kommandorufe, Hörnerklang, Trommelschlag

und Pferdegetrappel verrieten, daß irgendwo bei Freund oder Feind im

Schutze der Nacht noch Truppenbewegungen vorgenommen wurden.

Klagen, Hilferufe, Jammern und Schmerzensgestöhn wurden überall laut, um

wieder zu verstummen.

Hier und da ein plötzlicher Flintenschuß – ein Verwundeter, der seinen

Qualen ein Ende machte, oder ein schnelles Gericht über einen auf frischer

Tat ertappten Leichenplünderer. –

Es war ein blutiger Tag gewesen. Yorck und seine Tapferen hatten wieder

die Hauptarbeit machen müssen.

Der alte Isegrim hatte geflucht und genörgelt wie immer und die

Anordnungen des Hauptquartiers bekrittelt, dann aber seinen Mann gestellt.

Und wen er mit eisernem Griff packte, der blieb oder kam zerzaust davon,

daß er für weitere Kämpfe kaum noch in Betracht kam.

Jetzt ruhte der Kampf.

Einzelne Lichter bewegten sich langsam hin und her über das Schlachtfeld,

hielten an und kehrten in die Richtung, aus der sie gekommen waren,

zurück. Und wo sie anhielten, erhob sich das klagende Gestöhn zu neuer

Stärke, und die Hilferufe wurden wieder laut. Sie galten den

Militärärzten, die die Verwundeten aufsuchten, aber bei der reichen Ernte,

die heute der Tod gehalten hatte, nur den wenigsten helfen konnten.

Ringsherum, soweit das Auge blicken konnte, flammte Feuer an Feuer der

biwakierenden Truppen.

Zäune, Obstbäume, die Häuser der Dörfer, überhaupt alles Brennbare in der

Umgegend, mußte herhalten, um die vielen Tausende von Feuern zu nähren, an

denen die Soldaten all der Völker, die hier zusammengeströmt waren, um

sich gegenseitig zu vernichten, ihre armseligen Süppchen kochten und ihre

von den Strapazen der Märsche steifen Glieder gegen die Kälte der

Oktobernacht zu schützen suchten.

Schatten huschten überall hin und her durch die Nacht, tauchten hervor aus

dem Dunkel, von dem Licht eines plötzlich aufflammenden Wachtfeuers

gefaßt, duckten sich jäh und schwanden, um bald wieder anderswo zum

Vorschein zu kommen.

Bald waren es Marodeure, Plünderer, Leichenfledderer, die sich an die

Gefallenen heranmachten und, wo der Tod nicht rasch genug für ihre

Beutegier gewesen war, mit dem Gnadenstoß nachhalfen – bald waren es

Überläufer der französischen Armee – meistens Rheinbündler, die das

Vertrauen zu dem Glück Napoleons zu verlieren anfingen und nun zu den

Gegnern hinüberschlichen mit begierig empfangenen Nachrichten über

Truppenzahl, Munition und Proviantvorräte und mit der Versicherung, daß

die deutschen Hilfsvölker Napoleons bereits entschlossen wären,

regimenterweise überzugehen, wenn noch weitergekämpft werden würde. Daß

Napoleon an den Rückzug dachte, wußten sie alle, und auch, daß er’s nicht

tat, sondern sich bis zum letzten Atemzug schlagen wollte.

Die Stadt Leipzig hob ihre dunkle Masse gespenstig aus dem Ring von

Wachtfeuern heraus, der sich um sie herumschlang und deren Widerschein

rötlich auf dem mit Wolken bedeckten Himmel lag.

Von den Türmen der Stadt flammten einzelne Lichter auf, sonst war alles

dunkel, und nur ein gedämpftes Geräusch zeugte von dem Leben, das sich

noch drinnen bewegte.

Dicht an der Ziegelei im Dorfe Möckern an der Elster loderte und flammte

ein großes Biwakfeuer. Alles schlief drum herum, nur ein einzelner

Schatten ging langsam auf und ab.

Eine kleine Truppe von Reitern trabte heran. Ihr Führer sprang vom Pferde,

trat auf den Schatten zu und salutierte.

„Melde gehorsamst: Graf Henckell von den westpreußischen Dragonern,

kommandiert, das Hauptquartier zu decken! Haben Exzellenz besondere

Befehle?“

Yorck, denn er war es, schüttelte den Kopf.

Der Rittmeister wollte sich eben entfernen, als Yorck ihn wieder

heranwinkte.

„Haben den Feind tüchtig zerzaust heute.“

„Es war ein glänzender Sieg, Exzellenz! Aber – es hat viel Blut gekostet –

viel Blut!“

Yorck schwieg eine Weile und blickte verbissen ins Feuer. Dann wandte er

sich wieder dem jungen Offizier zu.

„Bringt Er mir Rapporte?“

„Ich habe allerdings hier und dort herumgefragt –“, fing der Rittmeister

zögernd an.

„Nun?“

„Dreiundfünfzig Geschütze, zweitausend Gefangene genommen!“

„Weiß ich schon!“

„Die Mecklenburger haben einen Vogel erobert!“

„Der Adler wurde mir gemeldet, die genommenen Fahnen auch! Die Verluste

aber noch nicht ganz. Weiß Er schon Genaues?“

Der Rittmeister schwieg und blickte zur Seite.

„Rede Er!“ kam es scharf von Yorck.

„Zu Befehl, Exzellenz! – Es waren alles Helden!“ sagte er dann leise, und

seine Lippen bebten.

Yorck nahm den Hut ab.

„Der Herr sei ihnen gnädig“, sagte er und faltete die Hände.

„Wie viele?“ fragte er dann.

„Von der Mannschaft fehlt der dritte Teil!“

Yorck zuckte zusammen.

„Ich hab’s nicht vermeiden können“, sagte er. „Es hat sein müssen!

Weiter?“

„Sämtliche Regimentskommandeure sind fort. Achtundzwanzig

Stabsoffiziere – –“

„Namen nennen!“

Der Rittmeister las aus seinem Notizbuch vor:

„Von der Landwehr: Rekowsky, Thiel, Graf Wedell. Dann: General Steinmetz,

Major Hiller, Losthin, Maltzahn, Kossecki, Major Mumm, Major Leslie,

Oberst Borcke, Major Götze, Othegraven, Krosigk –“

„Genug!“

„Fast alle Hauptleute fehlen – die Leutnants führen die Bataillone –“

„Der Tod hat reiche Ernte gehalten“, sagte Yorck und fletschte plötzlich

die Zähne. „Ja, ja!“ setzte er schneidend hinzu, und ein grimmiges Lächeln

flog über seine verwitterten Züge, „die Leute, die Er mir da genannt hat,

das waren eben – die ‚Feiglinge‘ von Jena!“

„Herr General!“

Der Rittmeister stand aufrecht vor ihm und blickte ihn flammend an.

„Nun,“ sagte Yorck, „Er hat’s doch auch vor sieben Jahren miterlebt, wie

nach Jena auf uns preußische Offiziere geschimpft wurde!

Kein gutes Haar ließ man mehr an uns – kein Wort war schimpflich genug, um

unsere Feigheit und Würdelosigkeit zu bezeichnen. Und wer schimpfte? Nun,

eben jene braven Bürgersleute, die am Brandenburger Tor Napoleon die

Schuhsohlen leckten und nachher nicht schnell genug nach dem Schloß

vorauseilen konnten, um ihn dort nochmals ebenso unterwürfig zu empfangen.

Wer schimpfte aber auf die? Wer sagte auch nur ein böses Wort, als jene

Speichellecker dem Sieger zuliebe ihre sogenannten ‚Nationalgarden‘

errichteten, damit er keine Garnisonen in den Städten zu halten brauchte?

Wer entrüstete sich darüber, daß jene Garden ihm halfen, die

Kontributionen einzutreiben, oder weil die Söhne der reicheren

Bürgersleute sich in grüngoldene Uniformen steckten, um als berittene

Boten und Dolmetscher bei den französischen Kommandanten Dienst zu tun?

Sagte einer auch nur ein Wort darüber, daß unsere Beamten während der

Okkupation brav und bieder weiteramtierten, als sei Napoleon ihr

rechtmäßiger Herrscher, und ihm halfen, die Einnahmequellen des Staates

aufzufinden? Nein. Aber die preußischen Offiziere, die mußten ihre Haut

lassen. Nun – heute haben sie das besorgt, wenn auch nicht als

Sündenböcke, und den Herrn Napoleon haben sie bedient – aber in anderer

Weise, so wie’s deutschen Männern ziemt. Und wenn sie’s damals vor Jena

und Auerstedt nicht so gut taten – Henckell – ich sag’s Ihm ganz offen –

dann lag’s eben an unserer hundsmiserablen, rückenmarkslosen Regierung,

die wir hatten und noch haben, und die nicht regiert, sondern sich mit dem

Strom treiben läßt. Na, heute haben nicht die Franzosen, sondern wir

Soldaten sie ins Schlepptau genommen, und sie muß mit dahin, wo das Heil

des Volkes zu finden ist. Aber es ist ein saures Stück Arbeit.“

Er schwieg. Er dachte an den Tag von Tauroggen, auf den er mit gerechtem

Stolz zurückblicken konnte – dachte an des Königs Wut, weil in „seinen“

Landen jemand gewagt hatte, einen Entschluß zu fassen und zur Tat werden

zu lassen, wo _er_ selbst es nicht wagte! Er dachte an seine Absetzung und

Stellung vor ein Kriegsgericht, von der er nur durch die Zeitungen erfuhr,

weil die Russen, mit denen er paktiert hatte, die königlichen Kuriere

abfingen und zurückhielten, so daß er sich um jene Kabinettsorder nicht zu

kümmern brauchte. Bis der König nicht mehr zu bremsen wagte, weil er sah

und sich sagen mußte: „Das ganze Volk steht auf und fegt dich fort, wenn

du jetzt nicht mitgehst!“

Da appellierte er „an sein Volk“, das längst ohne das in Bewegung gekommen

war! Und sein Volk vergaß und gab sein Letztes: Besitz, Blut, Leben, alles

her!

An all das dachte der alte Isegrim wieder einmal und mit besonderer

Genugtuung, wie immer.

„An der Regierung liegt’s“, sagte er dann nochmals mit Nachdruck. „Und

über ihr Haupt kommt all das Blut, das in diesem Kriege unnütz vergossen

wird!

Diese ganze Schlächterei jetzt wäre überflüssig gewesen, und mancher brave

Mann hätte zum Besten des Vaterlandes noch lange leben können, wenn die

Regierung ihre Pflicht getan und sich zur rechten Zeit zur Tat aufgerafft

hätte! Wie haben wir anderen im vorigen Jahr, als die Trümmer der großen

französischen Armee durchs Land zogen, beim König und beim Staatskanzler

Hardenberg gebettelt.

‚Laßt doch die Marschälle und die paar tausend Offiziere aufgreifen, laßt

sie festsetzen! Das ist jetzt mit Leichtigkeit und ohne Blutvergießen zu

machen!‘

So haben wir gebeten. Aber nein – da mußte gleich nobel getan und mit

Anstand und Menschenliebe geprahlt werden.

Die Leute wurden gefüttert, gepflegt, gekleidet, Geld und Vorspann wurde

ihnen geliefert, damit sie heil und munter in ihr Land zurückkehren

könnten, um dort gleich ihrem Kaiser zu helfen, eine Armee gegen uns auf

die Beine zu stellen.

Das hätte er aber nie und nimmer gekonnt, wären unsere Regierenden nicht

solche Schlappschwänze gewesen! Nun müssen die Besten unter uns bluten, um

das wieder gutzumachen. Und was dem König dann zum Regieren übrigbleibt,

das sind eben jene Biederen, die Napoleon so brav die Schuhsohlen zu

lecken wußten! Wenn ich aber entscheiden müßte, was uns mehr unnütz

vergossenes Blut gekostet hat, unsere liebe Regierung oder die übergeniale

Leitung, die wir hier in der Schlesischen Armee haben, und die sich heute

wieder so verflucht gescheit bewährt hat, daß wir bald alle draufgegangen

wären – ich wüßte nicht, wem ich den Preis zusprechen müßte!“

Und dann zog er gegen Gneisenau los, in dem er die Wurzel alles Übels sah,

und über Blücher, der jenen gewähren ließ.

Die ewigen Hin- und Hermärsche seit dem Elbübergang bei Wartenburg, erst

mit Gewaltmärschen auf Leipzig zu – dann zurück nach der Mulde, als

Napoleon folgte, und hinter die Saale, als jener gar bis Düben vordrang!

Alles nur unnützes Leuteschinden!

Die Schlesische Armee mußte so, nur wegen der Unruhe Blüchers, hin und her

wie das Schifflein im Webstuhl, und zog außerdem die ganze Hauptmacht

Napoleons auf sich, weil der Kronprinz von Schweden nur eine Stunde

täglich marschieren wollte, und die Hauptarmee im Schneckentempo sich über

die böhmischen Berge nach Sachsen hineinschob. Als die sich dann endlich

Leipzig so weit wie bis Liebertwolkwitz genähert und die Reitermassen

Murats von dort bis auf die Stadt zurückgeworfen hatte, so daß Napoleon

eiligst zum Entsatz zurück nach Leipzig mußte und von Blücher abließ, da

gönnte dieser seinen Leuten nicht die so sehr nötige Ruhe, da ging’s

gleich in Eilmärschen hinter Napoleon her und sofort in den Kampf, kaum

daß man sich ein wenig verpusten und abkochen konnte! Wobei Bernadotte,

wie immer, sein Bestes tat, um mit der Nordarmee nicht zu früh zur Stelle

zu sein, um helfen zu können.

„Unsere geniale Führung hatte eben so verdreht rekognosziert, daß alles

bald schief gegangen wäre – wäre nicht der preußische Soldat eben der

preußische Soldat gewesen!“ Und er schimpfte auf Blücher los.

Der hatte sich natürlich in den Kopf gesetzt, daß der Feind von Osten über

das Plateau von Breitenfeld angreifen würde, statt aus dem Süden von

Leipzig aus, wie er’s auch nachher wirklich tat. Er stellte also die ganze

Armee mit der Front gen Osten auf, wobei das Yorcksche Korps den Feind an

der rechten Flanke zu fühlen bekam, rechts drehen mußte und vom Korps

Langeron abkam, das in der alten Richtung gegen die paar Feinde, die dort

standen, weiter vorging. Da das Korps Sacken als Reserve zurückgeblieben

war, mußte also Yorck allein den Hauptkampf ausfechten.

Das ganze Korps des Marschalls Marmont stand da um und hinter dem an der

Elster liegenden Dorfe Möckern als Gegner und verteidigte seine Stellung

mit der äußersten Hartnäckigkeit.

Um jedes Haus, um jedes Gehöft wurde Mann gegen Mann gekämpft, die

Landwehrleute schlugen mit dem Kolben drein, das Dorf wurde wiederholt

erobert und ebensooft verloren, die feindliche Artillerie warf ganze

Reihen von den Angreifern nieder. Yorcks Brigaden schmolzen hin wie Schnee

an der Sonne.

Aber er ließ nicht locker, wo er einmal angefangen hatte.

Als er seine letzten Infanteriereserven verbraucht hatte, gab er endlich

der Kavallerie Befehl zur Attacke.

Mit lautem Hurra und Trompetengeschmetter sausten dann die

brandenburgischen Husaren unter Major Sohr in den Pulverqualm hinein, die

brandenburgischen Ulanen folgten, die litauischen Dragoner unter dem

Grafen Henckell ebenso, und dann alles, was noch an Kavallerie da war. Mit

verhängten Zügeln ging es auf die feindliche Stellung los, zwischen die

Batterien hinein, die Artilleristen wurden umgeritten und niedergesäbelt,

die Karrees zusammengehauen, und alles, was noch Leben und Atem hatte, in

wilder Flucht und immer zunehmender Auflösung vor den Pferden

hergetrieben.

Alles, was Yorck noch an Truppen verfügbar hatte, ließ er jetzt zur

Verfolgung vorrücken. Die Tamboure schlugen den Sturmmarsch, und

Ostpreußen, Schlesier, Mecklenburger und Brandenburger taten ihr Bestes,

um die Niederlage des Feindes so vernichtend wie möglich zu gestalten.

„Das sind alles die ‚Feiglinge‘ von Jena gewesen!“ sagte Yorck noch

einmal, als er mit dem jungen Rittmeister die Einzelheiten des Kampfes

durchgesprochen hatte. „Aber noch so’n Tanz, und ich habe keine Leute

mehr! Mancher Mutter Sohn hat heute die Erde küssen müssen! Zu viele

waren’s, – – zu viele!“

„Dafür soll das Korps nun auch Ruhe haben!“ antwortete der Rittmeister,

und meldete zugleich, daß das Korps Yorck am nächsten Tag nach Wahren

zurückkehren sollte, um sich da neu zu formieren, und daß die Russen unter

Sacken dafür in die Schlachtlinie einrücken würden.

„Der Teufel auch!“ rief Yorck zornig. „Das Schlachtfeld, das wir gegen den

Feind behauptet haben, behaupten wir auch gegen die Freunde. Das werden

wir wohl den Russen überlassen?! Nimmermehr!“

Der Rittmeister erwiderte, er hätte selbst Gneisenau die Disposition

diktieren hören. Wobei Yorck in Wut kam und eine ganze Reihe von

Grobheiten gegen Gneisenau losließ, von dem das wieder nichts als

bodenlose Niedertracht wäre.

Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman · 第 16 / 21 题