Das ist das Spiel. _C’est la guerre!_

Nur nicht die Haltung verlieren, dann kann man Unsummen verlieren und hat

doch im Grunde nichts verloren! Am allerwenigsten den Glauben und das

Zutrauen zu dem eigenen Können!

Den Glauben hatte der Zar!

Er war ein Genie, und das nicht nur in seinen eigenen Augen. Seine

gleichaltrigen Freunde, Dolgorucki, Lobanoff und all die anderen, sie

schwuren sämtlich darauf.

So wie er verstände es keiner, mit durchblickendem Scharfblick jede

Situation sofort bis auf den Grund zu erschöpfen, den springenden Moment

zu erfassen und gleich zu entscheiden, was in jedem Fall zu tun – gewesen

wäre.

Denn das wußte er. Den Treppenwitz hatte er. _Nachher_ – aber erst dann –

geruhte Seine Zarische Majestät die Erkenntnis Ihrer Allweisheit

kundzutun, wenn seine Generäle schon mit echt russischer Schlamperei die

Schlachten verloren und die Feldzüge verbummelt hatten. Denn das

verstanden _sie_.

Und der Zar war großmütig, der Zar war gnädig. Er war eine Seele von

Mensch und schlug ihnen nicht die Köpfe ab. Er dachte mit Gleichmut: ein

anderes Mal, wenn Gott ihnen eine nüchterne Stunde gibt, da erobern sie

mir die Welt! Und winkte herablassend gleichgültig, lächelte kalt, behielt

die Haltung und sagte: „Nitschewo!“

Trotzdem mochten die Generäle ihn nicht bei der Armee haben und taten ihr

möglichstes, um ihm den Aufenthalt dort zu verekeln. Aber umsonst.

Sie hatten seinen Busenfreund Czartoryski aufgewiegelt, ihm die Hölle heiß

zu machen.

Der Gute setzte ihm auch brav zu und bewies ihm haarklein, daß er, der

Zar, bei seiner eigenen Armee nichts zu suchen hätte. Sein Platz wäre in

Petersburg, sein Amt das Regieren. In der Führung von Armeen hätte er gar

keine Übung, er wäre zu jung, zu unerfahren und was noch alles!

Der Zar hatte wohl kalt gelächelt und „nitschewo“ gesagt. Aber wären nicht

die anderen guten Freunde gewesen, er hätte sich vielleicht doch gefügt!

Er, der Zar, hätte sich von seinen eigenen Offizieren wie ein Schulbube

nach Hause schicken lassen.

Aber Dolgorucki hatte ihn bei der Ehre zu packen verstanden! Er hatte ihn

an den altrussischen Waffenruhm erinnert, dessen erster Hüter er jetzt

sein müßte! Er hatte ihm haarklein bewiesen, daß nicht Gelehrtheit, nicht

Erfahrung, sondern einzig und allein die faszinierende Persönlichkeit die

Soldaten zur todesverachtenden Tapferkeit hinreißen und Schlachten

gewinnen könnte. Und diese Fähigkeit, beim ersten Erscheinen die Leute

hinzureißen, die hatte er, Alexander, wie kein Zar vor ihm! Er brauchte

sich nur zu zeigen, und alles war Feuer und Flamme!

Dies und noch viel mehr ging dem Zaren durch den Kopf, als er die

nüchternen Ausführungen des sonst so wortkargen und gar nicht

unterhaltsamen Königs von Preußen über sich ergehen lassen mußte. Er

blickte dabei lächelnd und über seine elegante Erscheinung äußerst

befriedigt in den Spiegel gegenüber, der ihm getreulich half, die Miene

eines aufmerksamen Zuhörers zurechtzulegen, und ihn auch dadurch

schließlich so weit brachte, ein wenig zuzuhören.

Er lauschte also ein paar Sekunden den Auseinandersetzungen Friedrich

Wilhelms – gerade so lange, wie nötig war, um zu kapieren, daß der König

ihn an ihre vorjährige Begegnung in der Garnisonkirche zu Potsdam mahnte

und auch an den feierlichen Treuschwur, den sie über dem Sarg des Großen

Friedrich geleistet hatten!

Mein Gott, es war ja eine ganz hübsche Szene gewesen! Gutes Theater! Das

verstand er! Das hatte er gelernt!

Man macht nicht umsonst eine Schule durch, wie er, der Zar, sie hatte

durchmachen müssen!

Wenn je einer, so hatte er gelernt, mit dem Tod im Herzen sich lächelnd

und heiter zu zeigen und mit den Lippen zu scherzen, obwohl er bei jedem

Schritt den Strick um den Hals fühlte! Stets den einen Fuß im Gefängnis,

den anderen im Tanzsaal – stündlich vom väterlichen Zorn den Tod erwarten

und doch den gehorsamen Thronerben und den liebenden Sohn herauskehren zu

müssen! Den liebenden Sohn – einem Vater gegenüber, den er hassen mußte,

weil er ihm ans Leben wollte, und dessen Entthronung er schließlich hatte

gutheißen müssen, um das eigene Leben zu retten.

Daß der Vater dabei sein Leben verlor – mein Gott, das war ja zu beklagen!

Er hätte ihm schon das Leben gegönnt! Von ihnen beiden hatte nicht er dem

Vater – der Vater hatte ihm ans Leben gewollt! – Und wenn der alte Herr

dabei sein eigenes verloren hatte?! Nemesis!

Im Leben wie auf der Bühne – alles Theater! Nur seine Rolle tadellos

spielen! Darauf kam alles an! Das hatte er auch der lieben Mama gegenüber

gekonnt, die so gern regieren wollte und so böse war, als die Garden ihm

und nicht ihr nach dem Tode des Vaters huldigten. Wie hatte er sie dabei

gebeten, ihm doch die Last der Krone abzunehmen! Und wie brav fiel sie

darauf herein! Sprach ihren Herzenswunsch aus und gab sich ihm so in die

Hand! Eine Komödie, wie sie im Buche steht!

Er würde auch heute seine Rolle gut spielen! Kein Wort von Politik

sprechen! Er würde den Korsen ganz leichthin über die Pariserinnen

befragen! Er würde ihm von den schönen Russinnen vorschwärmen – beileibe

nicht von Preußen! Wozu auch von Preußen! Wozu von ernsten Dingen! Man

hatte ja seine Minister! Man käme doch zusammen, um sich persönlich

kennenzulernen – sich gegenseitig in die Karten zu sehen –, nicht aber, um

gleich alle Trümpfe auf den Tisch zu legen und offen zu spielen.

Er wollte Napoleon mit hübschen Histörchen geschickt und elegant

einwickeln – sein Vertrauen gewinnen und dann, so ganz nebenbei, ihm

praktische Zugeständnisse entwinden, die er sich nicht weigern könnte zu

machen, wenn er als guterzogener Mensch und als Mann von Welt etwas gelten

wollte.

Er würde ihm von seiner Jugend erzählen – von der Jugend eines Zaren. Den

ehemaligen kleinen korsischen Artillerieleutnant, der sich so recht und

schlecht durchgehungert hatte, müßte das doch interessieren! Er würde ihm

Intimitäten von der Großen Katharina zuflüstern, von der lieben Großmama,

die so gut für ihren Enkel zu sorgen wußte, die ihn schon als Knaben vom

Baum der Erkenntnis naschen ließ, ihm hübsche Freundinnen zuführte und ihn

lehrte, bei all den geheimen Schleckereien am vollgedeckten Tische der

Liebe doch stets den Schein nach außen hin zu wahren, sich niemals

erwischen zu lassen, sondern sich stets als Musterknabe Geltung zu

verschaffen. Die Großmama, die hatte es verstanden! Die hatte ihm

geholfen, den lieben Papa an der Nase zu führen! Von ihr wollte er

Napoleon erzählen und dann von sich selbst! Vor allem von sich selbst als

Heerführer!

Das würde ein Spaß werden! Er würde Napoleon von den Schlachten erzählen,

die sie miteinander geschlagen hatten! Von Austerlitz vor allem! Vom

Kriegsrat seiner Generäle vor der Schlacht! Zum Wälzen war es, wie der

alte Kutusoff dasaß und prompt wie immer einschlief, als die Beratung

begann! Wie die anderen Leuchten dann, der Fürst Bagration, Buxhövden,

Langeron _et tutti quanti_ – wie sie da herumstanden, sich von allem

möglichen unterhielten und gar nicht zuhörten, was der biedere Deutsche,

der General Weihroter, an der Hand der Karte Mährens zu erzählen wußte –

wie sie gar nicht hinsahen – gar kein Deutsch verstanden! Nur Doktorow,

der gute, der gewissenhafte, der bodenlos langweilige, er hörte zu, er

begriff! Wie aber dann Kutusoff erwachte, auf den Tisch schlug und

„Karascho!“ sagte – „das haben Sie gut gemacht, Weihroter! Meine Herren

Generäle, Sie haben’s gehört? Sie haben’s verstanden? Nicht?! Ein

Generalstabsoffizier soll’s also ins Russische übersetzen! Ein jeder soll

es schriftlich in Händen haben! Und jetzt zu Bett!“

Und dann bekamen sie’s schriftlich – vier Stunden nachdem die Schlacht

schon begonnen hatte!

„Napoleon hat ja gar keine Ahnung, wie leicht wir ihm das Siegen gemacht

haben! Er hat ja keinen Begriff von meinen Generälen! Von meinem Marschall

Kamenski, der verrückt wurde, als er zur Armee nach Wilna kam und den

Truppen sagte: Kinder, ihr seid verraten, am besten, ihr lauft gleich nach

Hause! Und der selbst dann auch sofort mit gutem Beispiel voranging. So

fingen _wir_ den Krieg mit Napoleon an! Und davon weiß er nichts! Er

glaubt, er hat da etwas noch nicht Dagewesenes geleistet, als er uns

schlug! Er sieht nicht, daß _wir_ nur gescherzt haben! Das werde ich ihm

aber gehörig unter die Nase reiben – dann wird er klein, dann wird er die

Ohren einziehen. Und dann werde ich ihm sagen: ‚Den russischen Soldaten,

Sire, den haben Sie erst gesehen! Aber ihn noch nicht kennengelernt, _wenn

er Ernst macht! Wir können auch Ernst machen, Sire!_ Aber wir wollen uns

lieber vertragen!‘“

So leger – so von oben herab! Ich schone ihn – das wird der richtige Ton!

– Nicht als Supplikant – als der Herr des größten Reichs der Erde – als

der geborene Sieger – – der sich nur aus Höflichkeit, aus guter Erziehung

schlagen ließ – der sich nur nicht damit abgeben _wollte_, ihn jetzt schon

zu vernichten, weil, nun eben weil ich sein Genie bewundere! So wird’s

recht!

Ein Adjutant trat ein und meldete, daß die Uhr jetzt halb eins wäre, und

daß man um ein Uhr vom Kaiser der Franzosen erwartet würde.

Alexander stand auf, reichte seinem Bundesgenossen die Hand, versprach

hoch und heilig, alles das getreulich bei seiner Unterredung mit Napoleon

zu berücksichtigen, wovon der König von Preußen jetzt lang und breit

gesprochen und wovon der Zar kein Wort gehört hatte – gab noch sein

Ehrenwort, nichts davon zu vergessen – was ja auch nicht gut möglich war,

da er nichts davon im Kopfe hatte –, verabschiedete sich mit brüderlichem

Händedruck, sprach die Erwartung aus, nach der Unterredung mit dem Feinde

die Beratung fortsetzen zu können, und ging.

Friedrich Wilhelm blieb allein zurück und litt die nachträglichen Qualen

aller zaghaften und unentschlossenen Naturen.

Vor zwei Monaten, nach der verlorenen Schlacht bei Eylau, hatte Napoleon

Preußen in seine Kombinationen einbeziehen wollen und ihm

Wiederherstellung eines großen Teiles seines Gebietes und ein Bündnis

angeboten, wenn Preußen von Rußland abließe.

Friedrich Wilhelm hatte ihm einen Korb gegeben. Aus purem Anstand!

Jetzt trat Napoleon in der gleichen Weise an Rußland heran. Der Zar würde

aber sicherlich keinen Augenblick zaudern, Preußen im Stich zu lassen!

Friedrich Wilhelm wäre ja selbst, trotz seinem Anstand, soviel

Realpolitiker gewesen, von Rußland abzufallen, hätte Napoleon ihm nur den

ganzen früheren Besitz wiedergegeben! Er durfte also dem Zaren keine

Vorwürfe machen, wenn dieser eine gute Gelegenheit besser zu benutzen

verstände als er selbst! Und hatte es seiner eigenen Unentschlossenheit

zuzuschreiben, wenn er dem heutigen Verbrüderungsrummel, statt als

Hauptteilnehmer, als betrübter Zuschauer aus der Ferne beiwohnen mußte.

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Fünf Minuten vor ein Uhr ging am linken Ufer der Kaiser Napoleon, von

einem glänzenden Gefolge begleitet, an Bord einer schön geschmückten

Barke, von deren Hintersteven die Trikolore wehte.

Am rechten Ufer betrat zu gleicher Zeit der Zar Alexander mit seiner Suite

ein ebenso schön geputztes Fahrzeug und ließ das blaue Kreuz der

Andreasfahne entfalten.

Mit dem Schlage eins wurde Salut geschossen, die Musik intonierte links

vom Fluß die unvermeidliche Marseillaise – rechts die ebenso

unausbleibliche Zarenhymne.

Zu gleicher Zeit stieß man von Land ab – links eine Nußschale weltlicher

Größe, rechts eine Nußschale ebenso weltlicher Nichtigkeit – und paddelte

brav und bieder nach der schwimmenden Bühne inmitten des Flusses hinüber,

wo heute die Drahtzieher des _theatrum mundi_ eine ihrer Hauptszenen vom

Stapel lassen wollten.

Zur gleichen Zeit legte man am Floß an. Die beiden machten ihr Entree auf

der Bühne und blieben wie auf Kommando freudig bewegt stehen. Der kleine

große Mann legte geschwind nach dem Rezept Talmas ein paar Zoll seiner

Größe zu, schob die Schultern hoch, hob sich leicht auf den Fußspitzen und

schritt wie auf Kothurnen dem Zaren entgegen, die Arme liebevoll

ausgebreitet. Indes der Zar, lang, elegant, geschniegelt, geschnürt,

pomadisiert, frisiert und duftend wie ein ganzer Parfümerieladen, die

Taille schmal wie die einer Wespe, die Brust gebläht, die Augen blitzend,

das Lächeln zwei Reihen perlenweißer Zähne zeigend, mit der Grazie eines

eleganten Kavaliers, der in der Quadrille gewandt gegen seine Dame

hinbalanciert, auf sein kleines Visavis zutanzte und es tiefgerührt an

seinen besternten Busen drückte.

In gemessener Entfernung schaute in gläubiger Andacht das Gefolge zu,

lauschte entzückt dem schmatzenden Bruderkuß und harrte geduldig dessen,

was da noch kommen sollte.

An den Ufern tuteten und trommelten die Musikanten, die Grenadiere

Napoleons riefen „_vive l’empereur_“, die bärtigen „Naschi bratti“ drüben

grölten etwas anderes, die braven Ostpreußen steuerten, um des lieben

Friedens willen einige gutgemeinte Lebehochs bei, die Kanonen donnerten,

im Zelt auf dem Floß flog die Maus in Todesangst die Wände hoch. – Sonst

schwamm alles in eitel Wonne.

Kurze Begrüßung des beiderseitigen Gefolges. Die Namen Murat, Bessières,

Berthier, Duroc, Caulaincourt wurden laut, desgleichen Großfürst

Konstantin „_mon frère_“, „_mon __ami_“ Fürst Lobanoff, General Bennigsen,

Graf Lieven und noch ein General von des Zaren Gnaden.

Dann lud Napoleon seinen Gast in den Pavillon ein und ließ ihm artig den

Vortritt. Sie gingen hinein – die Vorhänge vor der Tür wurden

zusammengezogen, und sie waren endlich allein.

Mit staunender Bewunderung zu Napoleon emporzublicken, war bei der

überragenden Körperlänge Alexanders nicht gut möglich. Das fiel also von

selbst fort.

Aber die Sicherheit, die gewinnende Liebenswürdigkeit und die natürliche

Würde, mit der Napoleon sich gab, imponierten nicht weniger als die

gewaltigen Erfolge, von denen er getragen wurde.

Er begriff sofort: dem Manne konnte man nichts vormachen, da würde die

geplante Komödie keine Wirkung haben, und jeder Versuch, überlegen zu tun,

wäre bei ihm schlecht am Platze.

Mit schnellem Blick hatte Napoleon seinen Gast eingeschätzt. Eitel,

oberflächlich, unzuverlässig, gerade so hatte er sich ihn vorgestellt!

Gerade so konnte er ihn gut gebrauchen! Ein vielversprechender junger

Mann!

Alexander sah, daß er dem Kaiser gefiel, und schäumte sofort von

Herzlichkeit über.

„Warum“, rief er, „müssen _wir zwei_ miteinander Krieg führen?“

„Seine Majestät, der Kaiser von Rußland, haben eben“, antwortete Napoleon

verbindlich lächelnd, „sich dazu verleiten lassen, undankbare und

eifersüchtige Nachbarn, wie die Deutschen, zu schützen, und den Interessen

habsüchtiger Kaufleute, wie die der Engländer, zu dienen!“

Alexander fand sich bemüßigt, sich auf die Lippen zu beißen, und Napoleon

beeilte sich, den Eindruck seines Vorwurfs schnell zu verwischen.

„Den Bundesgenossen Englands bekämpfte ich in Eurer Majestät, niemals aber

den Gebieter des großmächtigen Rußlands!“

Alexander horchte auf.

„Wenn Sie nur den Kampf gegen England wollen, Sire,“ sagte er entschieden,

„dann werden wir uns leicht verständigen! Denn wenn je einer, habe _ich_

mich über England schwer zu beklagen!“

Und ohne eine Antwort abzuwarten, machte er gleich seinem Herzen Luft.

England hatte ihn in den Krieg gelockt! England hatte, wie immer, seine

Versprechungen nicht gehalten, seine Subsidien schlecht oder gar nicht

bezahlt und Truppen nur zum Schein geschickt, viel später und in viel

geringerer Zahl, als ausgemacht worden war! Rußland hatte eben nur den

Angriff Frankreichs auf England ablenken, selbst aber nichts dafür haben

sollen! Dafür zu bluten, wäre aber der russische Soldat viel zu gut!

Dem pflichtete Napoleon ohne weiteres bei.

Er hätte, sagte er, bei Austerlitz, bei Eylau und bei Friedland den

russischen Soldaten als einen nicht zu verachtenden, ja als einen

ebenbürtigen Gegner des französischen kennengelernt. Rußland und

Frankreich, von Natur aus zu Freunden bestimmt, hätten wie zwei blinde

Riesen aufeinander eingeschlagen. Warum? Sie wußten es selbst nicht! Einen

Vorteil brächte der Kampf weder dem einen noch dem anderen. Vereint

dagegen wären sie unwiderstehlich und würden die Welt beherrschen!

Alexander schwieg.

Er sagte kein Wort von seinem unglücklichen Bundesgenossen, der drüben am

anderen Ufer unter den russischem Generälen wartete. Er blickte nur

Napoleon an und lächelte.

Napoleon verstand den Blick und erwiderte das Lächeln.

Und dann fingen sie an, die Erde zu teilen.

Erst erledigten sie den üblichen Betrug an den gegenseitigen

Bundesgenossen.

Denn wozu hat man Bundesgenossen?

Was wäre überhaupt ein intimes Verhältnis ohne das bißchen Untreue?

Erst die Untreue gibt ihm die rechte Würze!

Um die Aufregung und den Reiz beim Seitensprung haben zu können, darum

tritt man doch schließlich in intime Beziehungen zueinander – wenn man es

auch erst nachträglich einsieht!

Unter Leuten von Welt versteht sich so etwas von selbst.

Jede Schandtat läßt sich plausibel machen! Schließlich – wozu hat man

Geist – wozu Genie?!

Als der Erfahrenste in solchen Dingen half Napoleon seinem jungen Gast,

der die Anfängerschaft nicht ganz verleugnen konnte, über den ersten

schweren Schritt hinweg und half ihm seine Bündnisverpflichtungen

zerpflücken.

Die Sache war ja so einfach.

Als Freund und Verbündeter hatte man doch immer das Recht, ja sogar die

Pflicht, bei den lieben Mitkämpfern zu intervenieren, wenn es Zeit war,

das Blutvergießen einzustellen.

Als Verbündeter Englands und künftiger Verbündeter Frankreichs konnte der

Zar also England den Frieden mit Frankreich anbieten unter der Bedingung,

daß England den Verbündeten Frankreichs – Holland und Spanien – ihre

Kolonien zurückgäbe. Dafür sollte es selbst Hannover zurückhaben.

Napoleon würde in diesen Frieden einwilligen.

Weigere sich aber England, dann müsse man es unzweideutig wissen lassen,

daß es mit dem ganzen Kontinent Krieg haben würde.

Denn außer Frankreich und Rußland würden ihm dann Preußen, Dänemark,

Schweden und Portugal den Krieg erklären müssen, sobald die beiden

Verbündeten es von ihnen verlangten.

Und man würde es verlangen.

Schweden würde sich vielleicht weigern. Und das wäre gut. Denn dann könnte

Rußland Schweden mit Krieg überziehen und ihm Finnland nehmen. – –

Alexanders Augen leuchteten, als Napoleon ihm diese Zukunftsmöglichkeit

vorgaukelte.

Napoleon sah es.

„Der König von Schweden ist allerdings Ihr Schwager“, sagte er lächelnd,

und tat, als bemerkte er nicht die wegwerfende Bewegung, die Alexander bei

der Bemerkung machte. „Und er ist Ihr Verbündeter. Wenn er aber _trotzdem_

nicht den guten Willen zeigt, sich Ihrer Politik anzubequemen, dann muß er

eben die Folgen tragen.

Schweden ist in seiner heutigen Gestaltung für Sie unmöglich. Es ist der

_geographische Feind_ Rußlands. Petersburg liegt zu nahe an der

finnisch-schwedischen Grenze – die schönen Petersburger Russinnen können

in ihren Palästen nicht ruhig schlafen, solange sie nicht davor sicher

sind, von den schwedischen Kanonen geweckt zu werden.“

„Das“, lachte der Zar, „wäre allerdings eine Erwägung, vor der alle

anderen Rücksichten weichen müßten! Dem schönen Geschlecht sind wir

entschieden jeden Krieg schuldig, den seine Ruhe von uns verlangt.

Finnland müssen wir unseren holden Damen zu Füßen legen!“

„Das müssen Sie“, erwiderte Napoleon. „Und was Ihren dritten Verbündeten,

Preußen, betrifft –“

Alexander ließ anstandshalber einen nicht allzu schweren Seufzer hören,

schwach genug, um Preußen nicht zu viele Provinzen zu retten.

„Hand aufs Herz, Sire,“ sagte Napoleon, der auch das nicht überhörte,

„Rußland kann nichts als Vorteile davon haben, wenn ich die deutschen

Hauptmächte gehörig schwäche!“

Alexander murmelte undeutlich etwas von Ehrensache.

„Ich gebe zu, daß Sie Preußen gegenüber mit Ihrer Ehre engagiert sind“,

sagte Napoleon. „Um Ihre Ehre zu retten und Sie frei zu machen, bin ich

auch bereit, Preußen gegenüber Zugeständnisse zu machen.

Preußen hat meine Warnung, sich nicht auf englische Intrigen einzulassen,

verachtet, es hat verdient, vernichtet zu werden. Jedoch aus Freundschaft

für Rußland will ich mich damit begnügen, daß es mir seine polnischen

Provinzen, alles Land links der Elbe und Hannover abtritt, seine Armee

reduziert und eine Kriegskontribution zahlt. Doch davon später. Die

Hauptsache für Sie wie für mich ist der Orient.“

Alexander machte eine unfreiwillige Bewegung. Der Traum aller

Russenherrscher von der Herrschaft über Konstantinopel tauchte wie eine

Fata Morgana vor seiner Phantasie auf.

„Sie sind der Verbündete der Türkei,“ sagte er schnell, „Sie haben mir

gegenüber dem Sultan seinen Besitzstand garantiert, Sie haben sogar von

Preußen verlangt, jeden Angriff Rußlands auf die Türkei als Kriegsgrund zu

betrachten!“

„Ganz recht“, sagte Napoleon. „Aber mein Verbündeter, der Sultan Selim,

ist soeben, wie Sie wissen, wegen seines Bündnisses mit mir entthront

worden. Sein Nachfolger Mustapha muß also mein Feind sein. Sie sehen, ich

bin frei. Nichts hindert mich also, bei meinen Verbündeten die gleiche

Vermittlerrolle zu Ihren Gunsten zu spielen, die Sie mir zuliebe bei Ihrem

englischen Alliierten spielen werden. _Ihre_ Rolle bringt Ihnen Finnland

ein. _Meine_ wird Ihren Gewinn noch um die Donaumündungen vermehren. Ich

werde bei der Türkei die Ansprüche Rußlands auf die Moldau und die

Walachei in aller Freundlichkeit, aber mit Nachdruck geltend machen.

Weigert sich die Hohe Pforte – und sie muß es –, so ergibt sich daraus

Krieg. Nach dem Krieg die Teilung.“

„Und die Teilung?“ fragte Alexander aufgeregt.

Napoleon, der gerade beim Verschenken war und dem Zaren großmütig schon

den dritten Teil von Schweden zugestanden hatte, schnitt nun einen

geraumen Teil aus dem Leibe der Türkei und gab Alexander Bessarabien, die

Moldau, die Walachei und Bulgarien – das letztere aber nur bis zum Balkan.

„Und Konstantinopel?“ fragte Alexander immer aufgeregter.

Napoleon überhörte es und stellte erst in aller Ruhe den Anteil

Frankreichs fest. Er wollte sich mit den türkischen Seeprovinzen begnügen

und also Albanien, Thessalien, Morea, Kandia und die Inseln des Archipels

nehmen. Österreich müsse man wohl zur Beruhigung und als Entschädigung für

andere verlorene Provinzen Serbien und Bosnien zugestehen.

„Und Konstantinopel?“ fragte Alexander noch einmal mit Nachdruck.

Aber Napoleon überhörte es wieder.

Er fing an, dem eitlen jungen Mann eine Menge wohlberechnete Komplimente

zu sagen.

Er ging aus sich heraus, er wurde herzlich und sogar warm, erklärte ihm

seine ganze Sympathie, seinen heißen Wunsch, ihn als den ersten unter

seinen Freunden betrachten zu können, und forderte ihn schließlich auf,

nach Tilsit überzusiedeln, damit sie sich alle Tage ohne Zeugen sehen und

sprechen könnten.

„Wir zwei erledigen dann in ein paar Stunden das, wozu unsere superklugen

Herren Minister sonst Wochen nötig haben! Zwischen uns beiden darf es eben

nichts Trennendes geben – gar niemand – gar nichts!“

„Nein, gar nichts, Sire!“ antwortete Alexander eifrig. „Also –

_Konstantinopel_?“

Er ließ dabei seine Hand schwer auf den Tisch fallen, als wäre der Tisch

Konstantinopel und nähme er jetzt endgültig von ihm Besitz.

Napoleon mußte endlich seine Schwerhörigkeit aufgeben.

„Konstantinopel?“ sagte auch er und legte seine Hand noch schwerer auf den

Tisch, zog die Stirn in tiefe Falten und wandte den Blick nach innen. Fast

tonlos wiederholte er dann halblaut, wie für sich selber, indem er den

Kopf schüttelte: „Konstantinopel – nein – – – nein, niemals! Das wäre die

Alleinherrschaft über die Welt!“ – – –

Er blieb so einen Augenblick sinnend stehen, die Augen gesenkt, blickte

dann plötzlich auf, sah die Enttäuschung auf dem Gesicht des Zaren,

begriff, daß er ihm den ganzen übrigen Orient nehmen könnte, wenn er ihm

nur Konstantinopel zugestehen würde, und beeilte sich, es wieder

gutzumachen.

„Nun,“ sagte er und verzog die Mundwinkel zu einem kaum merkbaren Lächeln,

während das ganze übrige Gesicht in steinerner Ruhe verharrte, „nun –

darüber läßt sich vielleicht noch reden! – Zwischen uns beiden darf es

eben nichts geben – gar nichts, was uns trennt!“

Und er blickte zum Zaren auf, holte mit der Hand aus, nahm mit Energie

einen Schritt zurück und trat dabei der Maus, die sich, von dem schweren

Schlag auf den Tisch aufgeschreckt, nach einem anderen Zufluchtsort umsah,

unversehens auf den Schwanz.

Ein leises Quieken wurde hörbar, und schnell wie der Blitz schoß die graue

Maus an seinem Fuß vorbei auf den Zaren zu, machte dort rasch kehrt und

verschwand wieder unter der schützenden Tischdecke.

Napoleon schrieb den Brettern und Bohlen des Flosses das Quieken zu und

blickte gar nicht hin.

Aber Alexander hatte die Maus gesehen und wich erschreckt zurück.

Eine Maus – das bedeutet Unglück, Entfremdung und Feindschaft!

Wie der Schatten eines fliegenden Vogels, so schnell war sie zwischen ihm

und Napoleon vorbeigehuscht, eben in dem Augenblick, als er versicherte:

„Nichts darf zwischen uns kommen!“

Der Herr der Welt hatte es nicht einmal in seiner Gewalt gehabt, jenes

armselige Wesen daran zu hindern, sein Machtwort Lügen zu strafen! Wie

würde er dann wohl verhüten können, daß etwas Ernsthaftes sich zwischen

sie beide schleichen würde!?

Die Teilung einer Welt, an der auch die Mäuse, wenn auch noch so

bescheiden, Anspruch auf Beteiligung erheben konnten, war dem Zaren für

den Augenblick verleidet. Seine zartbesaitete Seele war nicht für

derartige dunkle Genossen gestimmt. Er schwieg von Konstantinopel,

begnügte sich vorläufig mit Napoleons halber Zusage, ließ noch

anstandshalber ein Wort für den armen König von Preußen fallen, den er am

nächsten Tag hier auf demselben neutralen, wenn auch schwankenden Boden

Napoleon vorstellen wollte, versprach nach Tilsit überzusiedeln, nahm den

Kaiser am Arm, ging mit ihm hinaus, führte ihm nochmals seinen Bruder und

sein Gefolge in Freiheit dressiert vor, sagte den goldstrotzenden

französischen Marschällen einige wohlüberlegte Artigkeiten, fiel dann

wieder seinem Cousin Napoleon um den Hals, empfing auf beiden Backen den

obligaten Abschiedskuß und gab ihn getreulich wieder. Er bestieg dann

seine Barke, Napoleon die seine, und so ruderten sie wieder dahin zurück,

woher sie gekommen waren, unter dem Donner der Kanonen und den Hurrarufen

ihrer Soldaten, die jetzt ebenso bereit waren, sich zuzujubeln, wie vor

einigen Tagen sich gegenseitig zu zerfleischen.

*

„Weiß Er was, Gneisenau,“ sagte Blücher und zeigte auf den Berg von

Geschriebenem, der auf seinem Schreibtisch ragte, „weiß Er, was das ist?“

„Nun?“

„Das sind meine Kanonen – das ist mein Pulver, meine Flinten und die

scharfen Hiebe, die ich jetzt noch austeile. _Akten_, Gneisenau – Akten!

Staubiges, tintiges Papier – krumme Gedanken weitschweifig hingekraxelt –

fades Geschleime müder Gehirne – keine Fanfaren, die zum Angriff rufen –

kein klares Kommando vorwärtszusausen, die Sache beim Schopf zu packen und

rasch in Ordnung zu bringen! Ein müdes Hinschleppen ist’s, ein tristes

Schleichen, ein schlürfendes Leisetreten, ein banges Zurückweichen, ein

scheues Schielen um alle Ecken, ehe man den Fuß hinzusetzen wagt! Gott

verdamm’ mich, wenn ich bloß daran denke, tritt mir die Galle über!

Schmidt, ’n frischen Piep!“

Er streckte die Hand mit der ausgebrannten Tonpfeife hinter sich, ohne

sich umzusehen.

Der Kammerhusar Schmidt nahm die Pfeife, ging hinaus und kam gleich wieder

herein mit einer frisch angebrannten zwischen den Lippen, paffte wie ein

Schornstein, bis sie gut in Gang war, nahm sie dann aus dem Mund und

steckte sie Blücher unter den Schnurrbart.

Blücher qualmte und rauchte, was das Zeug hielt, und legte dann gleich

wieder los.

„Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt, als man mich zum

Generalgouverneur von Pommern machte und mir das Kommando hier gab!

Erst stibitze ich mir das bißchen Pommern zusammen, dachte ich, bis ich es

ganz habe. Dann die Mark Brandenburg dazu – dann Westfalen und Sachsen und

all das andere, bis ich Preußen wieder zusammengeflickt habe! So hab’ ich’

s mir gedacht! Und das wäre im Handumdrehen gemacht, hätte man mich nur

gewähren lassen! Aber man wagt nicht – man schläft! Schwerenot! – Ich muß

hier sitzen und Akten produzieren und dummes Geschreibsel fressen, statt

etwas Nützliches zu tun. Und jetzt gar noch andere richten, die so kühn

waren, ohne Befehl loszuschlagen, um das Vaterland zu retten! Das,“ sagte

er und ließ seine Hand schwer auf die Akten fallen, „das ist alles, was

Schill mit seinem tollkühnen Losbrechen an greifbarem Gut erreicht hat –

alles, was er und seine Leute mit ihrem Blut erstritten haben –, dieser

Berg von geschriebenem Papier, den ich jetzt fressen muß. Der Aktenwust

ist ja auch ein ganz großes Stück vom Vaterland, das ist nicht zu leugnen,

das beste aber nicht! Und meinetwegen könnte das der Teufel gern holen! Je

eher, je lieber!

Ist’s aber erhört, mich zum Richter in so ’ner Sache zu machen? Wie?

Gerade mich, der ich doch immer auf dem Sprung stand, genau wie Schill

loszubrechen! Nun – das weiß Er doch am besten, Gneisenau!“

„Das weiß ich“, antwortete der Angeredete. „Aber die anderen nicht!“

„Nun, ist das eine Art, mich zu zwingen, gewissermaßen in eigener Sache

hier zu richten?! Ich komme mir als Richter direkt befangen vor!“

„Mir auch!“ erwiderte Gneisenau.

„Nun, dann bleibe ich auch dabei! Ich bleibe ehrlich befangen und werde

mein Bestes tun, um die armen Kerle herauszuhauen!“

„Da denken Exzellenz ganz recht!“

„Für einen Schildbürger ist Er ganz helle, Gneisenau, und versteht mich

ganz gut. Nun, Er ist ja nicht nur in Schilda geboren, Er ist auch von den

Jesuiten erzogen, und da hat Er’s wohl her! Dafür bin ich Freimaurer und

helfe, wo ich helfen kann. Die armen Kerle haben brav ihr Blut für’s

Vaterland verspritzt, und das soll ihnen unvergessen bleiben.“

„Wie viele sind es?“ fragte Gneisenau.

„An die neunhundert werden’s wohl sein. Allerdings, was dem Herrn Napoleon

in die Klauen fiel, kann ich nicht retten. Ich denke aber, wir brechen

einmal die Ketten, mit denen der Hund sie an seine Galeeren schmieden

ließ. Und unsere herrlichen Jungens, die er auf den Wällen Wesels

niederknallen ließ – solange auf deutscher Erde ein Herz noch schlägt,

werden die Schillschen Offiziere drin ein Ehrendenkmal haben. Ein stilles

Glas ihrem Andenken!“

Sie tranken aus und blickten eine Weile schweigend vor sich hin.

Blücher ging auf und ab und betrachtete dann und wann den jungen Obersten,

der vor ihm saß. Schlank, elegant bis in die Fingerspitzen ein vollendeter

Weltmann, mit einem feinen, frischen, sympathischen Gesicht, dessen

lebhaftes, stets bewegliches Mienenspiel ein reiches inneres Leben

widerspiegelte.

„Er hat es sich leicht gemacht, Gneisenau“, sagte Blücher dann, setzte

sich und goß sich wieder ein Glas voll. „Er hat seine Arbeit getan, und

nun, wo Stein und Scharnhorst von ihren Stellen haben weichen müssen, da

geht Er auch. Da macht Er nicht mehr mit, treibt sich draußen in England

rum, hat sein flottes vergnügtes Leben und läßt der Welt ihren Lauf!“

„Wer weiß, wozu es gut ist“, lachte Gneisenau wieder. „Am Ende bin ich

auch unterwegs meinem Vaterland nützlich.“

„Das bleibt einem ja auch so unbenommen“, meinte Blücher. „Wenn’s so

weitergeht, wie jetzt hier zu Hause, dann gehe ich auch in ausländische

Dienste!“

Und damit ließ er ein Ungewitter los gegen die verfluchte Schlamperei und

gegen das bange Ausweichen vor den Anmaßungen Napoleons.

Zunächst war es Stein, der, kaum ins Amt gekommen, auf Befehl des

Allgewaltigen hatte gehen müssen, allerdings nachdem er in den vierzehn

Monaten seiner Dienstzeit Preußen von Grund aus umgekrempelt hatte. Bis

auf die Volksvertretung hatte er alle Pläne zur Umorganisation der

Verwaltung durchgeführt, die er seinerzeit mit Blücher in Münster

besprochen hatte, und mit der Heeresorganisationskommission zusammen, die

Scharnhorst leitete, das Heer auf Grund der allgemeinen Dienstpflicht

neugeordnet.

Jetzt war er ob seiner Tüchtigkeit von Napoleon geächtet worden, und

Hardenberg, den der allgewaltige Gebieter Europas einst als

Friedensunterhändler und Staatsminister in Tilsit abgelehnt hatte, war

wieder in Gnaden von ihm aufgenommen und als Staatskanzler des Königs von

Preußen zugelassen worden.

Alles wurde durchgekramt und genau erörtert, auch wurde im Flüsterton die

geheime Mission besprochen, die Gneisenau im Auftrag des Auswärtigen Amtes

auf seiner Reise in England ausführen sollte.

Da kam Blüchers Sohn und Adjutant hinzu und meldete dem Vater, der Graf

von Gottorp wäre von Kolberg aus hier in Treptow angekommen.

„Ich will ihn nicht sehen, wenn er nach mir fragen sollte!“ rief Blücher

lebhaft. „Der arme Mann tut mir leid. Ich möchte ihn nicht beschämen. Ich

will ihm nicht in seiner jetzigen traurigen Verfassung begegnen, nachdem

ich in seinem Glanze mit ihm verkehrt habe. Aber du sollst in jeder Weise

gut für ihn sorgen. Es soll von uns nicht gesagt werden können, daß wir

mit einem Unglücklichen kein Mitleid hätten!“

Der Adjutant ging.

Blücher paffte eine Weile vor sich hin.

„Ja, ja, der Graf von Gottorp!“ sagte er sinnend. „Vor nicht langer Zeit

hieß er König Gustav Adolf von Schweden. Und plötzlich, eines Tages kam er

ohne Krone und mit einem Diener als einzigsten Untertan hier durch auf der

Reise zu seinen lieben Verwandten in Rußland. Jetzt ist er schon wieder

zurück. Sein Schwager Alexander hat ihn wohl nicht über die Grenze

gelassen! Ein tolles Schicksal!“

Er paffte weiter und spuckte energisch aus.

„Es gibt eben Monarchen und Monarchen!“ sagte er. „Ob aber die mit dem

gesunden Verstand oder die ganz verrückten die schlimmsten sind, möchte

ich ungesagt sein lassen.

Ich habe beide Sorten ausprobiert.

Besonders die verrückten, damals, als ich mit eben diesem gewesenen

Schwedenkönig den glorreichen Feldzug hier in Pommern anfing, aus dem aber

auch nichts wurde, weil die Sicherheitskommissare in unserer Regierung es

so eilig hatten, uns den faulen Tilsiter Frieden zu bescheren. Gott

verdamm’ sie!“

Er spuckte aus.

„Ein eigenwilliger Kerl, jener Schwedenkönig!“ sagte er dann. „Ein

Querkopf erster Güte! Zum Küssen bockbeinig, ganz nach meinem Sinn! Immer

mit dem Kopf durch die Wand – und so muß es sein! Man muß nur wissen, wann

und wo und vor allem wozu. Und das wußte er nicht! Eben sein Pech! Das hat

ihm seine Krone gekostet!

Zuerst fiel ich doch auf ihn herein!

Kein Wunder bei der Zaghaftigkeit und Unentschlossenheit da oben bei uns!

Es war direkt erfrischend, als ich zuerst sah, wie er seine viel zu

friedfertigen Generäle schurigelte und Feuer hinter ihnen zu machen wußte!

Mit dem Manne läßt sich etwas anfangen, dachte ich gleich! Ganz ein König,

wie ich ihn gebrauchen kann!

Als ich aber zum Losschlagen fertig war und er immer noch nicht seinen

Waffenstillstand mit den Franzosen aufkündigen wollte, da gingen mir die

Augen auf. Ich dann wie der Blitz nach Stralsund und hinauf zum König!

‚Majestät,‘ sagte ich, ‚die pommersche Armee steht schlagfertig an der

Peene aufmarschiert und bereit, in Preußisch-Pommern einzurücken, sobald

die schwedische mittut! Wir dürfen keine Zeit versäumen! Danzig ist leider

Gottes nicht mehr zu retten, aber Kolberg hält sich noch, das retten wir,

und Spandau und Stettin nehmen wir durch Überrumpelung sofort, wenn wir

nur nicht zaudern! Mir können Majestät vertrauen, meinen Unterführern

auch. Der Oberst Bülow hat die Infanterie in die beste Verfassung

gebracht, Borstell die Kavallerie, und die Freischaren Schills und

Marwitzens stören schon dem Franzosen seinen Schlaf! Die besten Pferde aus

Schleswig-Holstein stampfen in meinen Ställen vor Ungeduld, ihren Hafer zu

verdienen. Flinten und Kanonen sind funkelnagelneu nebst Pulver und Blei

aus England angelangt und gehen von selbst los, wenn _wir_ nicht schießen.

Und was die Leute betrifft – es waren allerdings nur

viertausendachthundert, die ich aus Pillau mitbrachte. Sie sind aber in

den paar Wochen durch Freiwillige und Ranzionierte auf das Doppelte

angewachsen, kaum daß ich einen Aufruf veröffentlicht hatte! In dem

Augenblick, wo wir über die Grenze gehen, werden die Leute in hellen

Haufen zu unseren Fahnen strömen. Meine Armee wird wie ein Schneeball

wachsen, sehen die Leute bloß, daß wir Ernst machen! In Mecklenburg,

Hannover, Westfalen, Hessen ist alles vorbereitet, alles wartet. Im

Handumdrehen werden wir das ganze Volk unter Waffen haben. Und der Krieg

ist gewonnen! Nur frisch gewagt, und wir machen das Spiel!‘

Der König kümmerte sich aber nicht darum! Er hörte kaum zu.

‚Hör’ Er, Blücher!‘ sagte er nur. ‚Komme Er mit! Ich will Ihm etwas

zeigen!‘

Und dann stiefelte er los durch die Stadt nach den alten Außenwerken hin,

kletterte in einer Bastion hoch, stellte sich da dicht hinter die

Brustwehr, die Arme verschränkt, stand so eine Weile Statue, zeigte mir

sein heldisches Profil und blickte über die Gegend hinaus.

Dann fing er an, mit großen Gesten in alle Himmelsrichtungen

hineinzuzeigen, und legte los.

‚Komme Er her, Blücher, komme Er nur her!‘

Und ich mußte gehorsamst hinaufklettern.

‚Hier, wo ich jetzt stehe, auf eben diesem Flecke, stand vor bald hundert

Jahren Karl der Zwölfte, überallhin sichtbar, mitten im dichtesten

Kugelregen! – – Kann ich auch, Blücher – werde ich auch tun –, verlasse Er

sich nur darauf! – Mitten im dichtesten Kugelregen stand also der

Heldenkönig da – und um ihn herum fielen seine Leute wie die Fliegen. Er

aber feuerte sie an. Dort – sieht Er? – von jener Pforte aus ließ er seine

Tapferen zum Ausfall antreten! – – Da drüben stand der Feind –, da gerade!

Sieht Er? Da hatte er seine Batterien, und sie spien ganze Orkane von

Eisen gegen den einsamen Mann hier, daß Sand und Erde hoch um ihn

herumspritzte. Er aber wankte nicht – er wich nicht –, aufrecht stand er

da und rief immer wieder: ‚Vorwärts, ihr Blauen, packt sie, schlagt sie!!‘

– Und seine Blauen rannten gegen die Übermacht an, warfen die Feinde mit

blutigen Köpfen zurück, vernagelten die Batterien und kehrten mit Wunden

bedeckt zurück, Gefangene und Beute mit sich schleppend.

Niemals wäre Stralsund gefallen, hätte König Karl bei seinen Leuten

bleiben können. Denn auf ihn allein kam es an! Wo er dabei war und sie

anfeuerte, da waren sie unwiderstehlich, sonst nicht! Und er mußte fort.

_Ich_ aber bleibe! Ich weiche nicht von dieser Stelle, wie sehr man auch

zu Hause nach mir verlangt! Und ich schwöre Ihm, Blücher, niemals wird der

Franzose über diese Wälle kommen!‘

‚Das ist alles schön und gut‘, meinte ich. ‚Aber wir wollen es lieber

nicht darauf ankommen lassen, daß der Franzose erst bei uns anklopft,

sondern ihm lieber jetzt gleich die Waffenruhe aufkündigen, ihn aufsuchen

und aufs Haupt schlagen!‘

Nein, das wollte der König nicht. Erst müßten die Engländer da sein, das

Traktat mit den Insulanern müßte unterschrieben werden, und was noch!

Da half kein Reden. Er hatte seinen Kopf für sich!

Ich hab’s mit der Eigenliebe versucht. Ich habe ihm seinen Namensvetter

und Ahnen, den großen Gustav Adolf, als Beispiel hingestellt. Er hatte

aber an Karl dem Zwölften einen Narren gefressen. Und von allen beiden

Helden hatte er gleich wenig abgekriegt. – Man sagt ja, der finnische

Hofstallmeister Munk habe in allerhöchstem Auftrag seinen Vater zum Vater

gemacht. Und da war’s ja kein Wunder, wenn’s mit den anderen Ahnen

haperte.

Ich hätte ihn nicht herumgebracht. Da kam gerade Schill herangaloppiert

mit der Nachricht vom Waffenstillstand zwischen Rußland und Frankreich,

dem wir auch beitreten mußten.

Ich habe geflucht, als ich’s hörte. So schön wie wir bereit waren! Und da

sollte es wieder nichts werden! Ich mußte es dem König mitteilen und

kletterte noch einmal zu ihm hinauf.

Da nahm er mich beim Arm.

‚Wer ist das?‘ flüsterte er und zeigte auf Schill. ‚Nehme Er sich nur vor

dem in acht! Der ist gefährlich! Der wird Ihm gehörig in die Suppe

spucken!‘

‚Ich wünsche, Majestät,‘ sagte ich dann, ‚daß ich noch ein paar solche

Kerle unter meinen Leuten hätte. Denn er hat das schlechteste

Führungsbuch, das ich noch jemals bei einem Offizier gesehen habe,

abgesehen von meinem eigenen, als ich in den Jahren war! Und er ist der

beste Offizier, den man sich wünschen kann! Der geborene Rebell gegen

jeden Zwang, keck, übermütig, tollkühn, reitet wie der Deibel, schießt wie

ein Gott, ist hinter den Weibern her wie hinter dem Feind, und in beiden

Fällen unwiderstehlich! Er stürmt die Hölle, wenn’s sein muß! Wenn wir

noch Kolberg haben – ihm ist’s zu verdanken. Denn da war’s unter dem alten

Loucadou schon so weit wie in den anderen Festungen! und Schill und

Nettelbeck stachelten dann die Bürger auf, einen anderen Kommandanten zu

erbitten. So kriegten wir den Gneisenau hin.‘

‚Ja, der ist gut,‘ sagte der König dann, ‚sonst aber ist’s eine Schande,

wie sich Ihre höheren Offiziere benommen haben! Und da waren doch tapfere

Leute darunter.‘

‚Gewiß‘, sagte ich. ‚Es kam aber wie eine Seuche über sie mit den

Kapitulationen, und da hilft nur eine eiserne Kur!‘

‚Über die Bank schießen!‘ sagte der König – ‚und den zuerst!‘ flüsterte er

dann, auf Schill zeigend, ‚denn der ist gefährlich. Er hat’s mit der

Melancholie! Ich seh’s ihm an!‘

Ich habe laut lachen müssen!

Aber der König wiederholte: ‚Er hat’s! Ich kenne die Sorte! Meine Schweden

sind auch so! Sie fliegen auf wie eine Rakete, und dann, auf einmal, packt

sie die Melancholie, sie zerplatzen in lauter feurige Tränen, verpuffen,

und weg sind sie! Passe Er nur auf! Er wird’s noch mit dem Schill erleben!

– – Was wollte er?‘ fragte er dann auf einmal neugierig.

Ich brachte ihm dann schnell bei, sein lieber russischer Schwager hätte

uns drüben in Tilsit mit seinen Friedensverhandlungen einen bösen Streich

gespielt, und wir hätten nun die Zeit verpaßt.

‚Was?‘ rief er dann. ‚Waffenstillstand haben die gemacht! _Dann kündige

ich meinen sofort!_ Das wird sie kurieren! – Essen!‘ rief er seinem

General zu, ‚wir kündigen heute dem Marschall Brune die Waffenruhe! Und

meinem Schwager, dem Kaiser Alexander, wird geschrieben, wenn er mit dem

Mörder des Herzogs von Enghien jemals Frieden macht, ja wenn er nur daran

denkt, dann schicke ich ihm den Andreasorden zurück – dann kündige ich ihm

die Bekanntschaft –, dann grüße ich ihn nicht mehr! Er soll sehen,

Blücher, _dem setzt sich der Kaiser Alexander nicht aus_! Wir schlagen

also los, wir beide! Das wird die beste Antwort auf seinen

Waffenstillstand! So ein Blödsinn akkordiert sich immer am besten mit der

Waffe in der Hand. Also: kündigen, Essen!‘

Der General Essen machte Einwände.

Da brachte man aber die Meldung, die Engländer landeten endlich auf Rügen,

und da war ich obenan. Der Waffenstillstand wurde gekündigt, wir rüsteten

mit Feuereifer zum Aufbruch. Ein paar Tage hing mir der ganze pommersche

Himmel voller Geigen, und ich hatte schon die Welt so gut wie in der

Tasche.

Ich sah schon den Sieg zum Greifen nahe und streckte bereits die Hand

danach aus.

Da fielen mir die Sicherheitskommissare drüben in Tilsit mit dem

niederträchtigsten und schandbarsten Friedensschluß, der je da war, in den

Arm – Gott strafe sie! – Gerade als ich die Marschbefehle ausgegeben

hatte! Und ich mußte nun wieder hin zum König Gustav Adolf – jetzt aber um

ihn zu bitten, den Waffenstillstand, dessen Kündigung ich ihm eben mit

Mühe und Not abgerungen hatte, wieder zu verlängern.

Da wurde er ganz wild, und ich konnte es ihm nicht verdenken, denn ich war

selbst bis zum Hals geladen.

Ob ich ihn wohl für verrückt hielte? rief er mir zu. Und das tat ich ja,

obwohl mir seine Verrücktheit viel lieber war als manche dämliche Klugheit

bei uns drüben in Memel. Er würde jetzt erst recht losschlagen, rief er

noch. Und wer nicht mit ihm wäre, der wäre gegen ihn und würde danach

behandelt werden!

Er hätte seine Aufgabe vom Himmel bekommen, sagte er –, er sei vom

Schicksal bestimmt, Napoleon zu stürzen, die Bourbonen auf den Thron ihrer

Väter wieder einzusetzen und das vergewaltigte Recht zu Ehren zu bringen.

Dann kam er mir mit der Offenbarung Johannis und bewies mir haarklein, die

apokalyptische Hure, das wäre die französische Republik, und das wilde

Tier, mit dem sie sich abgab, wäre Napoleon, und er, Gustav Adolf, wäre

es, der dem Tier alle seine Köpfe abschlagen würde, die da alle Kronen der

Welt trügen! – – Nun, ich bin in der Apokalypsis nicht so gut beschlagen

wie im Whist –, sonst würde ich ihm schon wiedergeben, was mir der König

da alles auskramte.

Er war total verrückt.

Na, er hat’s büßen müssen. Sein guter Schwager hat ihm nun richtig den

dritten Teil seines Reiches genommen; die anderen beiden Drittel nahmen

ihm ja die Schweden selbst, mitsamt der Krone, und schickten ihn mit

seiner apokalyptischen Politik über die Grenze.

Nicht einmal das Fell des toten Löwen, Karls des Zwölften, in dem er so

gern herumstolzierte, durfte er mit sich außer Landes nehmen. Und nun geht

er hier rum und klopft überall an, und nirgends ist seines Bleibens!

Und dabei hatte er bei all seiner Verrücktheit doch Blick für die Menschen

– insbesondere für die Verrücktheit der anderen! – – Denn nur bei den

anderen erkennt man sie, niemals bei sich selbst.

Was er da sagte von Schill und der Melancholie, das stimmte!

Ich habe die Brieftasche Schills in meinen Händen gehabt, nachdem er

gefallen war –, denn ich mußte ja sehen, ob da nichts für andere Leute

Kompromittierendes drin war.

Weiß Er, was ich drin fand?

– _Verse_, Gneisenau – schlechte Verse! – Mondscheingesäusel – in Worte

geronnenes, fades Liebesgereimsel! – Wer hätte das von dem Mann gedacht!

Da hatte ich’s nun schwarz auf weiß, daß der seelisch einen Knacks hatte,

und da begriff ich auch, warum sein so kühn begonnenes Unternehmen so

kläglich enden mußte.

Wäre er vor mein Kriegsgericht gekommen – wegen der Verse hätte ich ihn

verknackst –, wegen seines Privatkriegs mit Napoleon aber freigesprochen!

Na – hätte er gewußt, daß sein Kopf, in Spiritus gelegt, dem König

‚Lustick‘ überliefert werden würde – er hätte sich wohl einen anderen Vers

daraus gemacht – und für einen besseren Schluß seines Heldenliedes

gesorgt.

Leute wie die seinen hätten es aber nicht nötig gehabt, unnütz zu sterben,

hätte ihr Führer nicht den Schuß Melancholie in der Seele gehabt, für die

der Schwedenkönig eine so feine Witterung hatte.

Denke Er sich nur: Schill, dieser Brausekopf, dieser Sausewind, für den es

nichts Unmögliches gab – dieser Tausendsasa, dieser Lausbub, der durch

seine kühnen Husarenstreiche schon als junger Mensch zu einer sagenhaften

Gestalt emporgewachsen war, und der auch mit Recht die Ehrung verdiente,

an der Spitze unseres Heeres in Berlin einzuziehen – dieser Strauchdieb

von einem Herzensbrecher, der sich nur zu zeigen brauchte, und alles

jubelte und jauchzte ihm zu – dieser tolle Junge, der die Keckheit hatte,

als alles andere sich ängstlich davor drückte, auf eigene Faust hin und

allein den Krieg mit Napoleon anzufangen – der verliert auf einmal mitten

im Kampfe den Kopf, verliert den Mut und gibt alles auf!

Das mag wer will als plötzliche Reue auslegen! Ich nicht!

Ich glaube – und das spreche ich offen aus: _an dem Manne ist ein

Verbrechen begangen worden_!

Man hat ihn glauben gemacht, der König billige im geheimen sein

Unternehmen, dürfe sich aber nicht offen für ihn erklären, bis alles gut

in Gang wäre.

Und als die Umstände allerseits ungünstig wurden und das Glück sich gegen

Schill entschied, da ließ man ihn kläglich fallen.

Er hatte eben Pech – dreifaches Pech.

Erst die Mitstreiter hier zu Hause, die ihm draußen im Volke den Boden

bereiten sollten, und es schlecht taten. Dann die Österreicher –

Herrgottsakra, wenn ich an die denke, da kriege ich einen roten Kopf!

Die haben den Napoleon aufs Haupt geschlagen – sie haben ihn, nach Aspern,

in der Mausefalle auf der Insel Lobau, mitsamt seiner ganzen Armee,

abgeschnitten, ohne Verbindungen, ohne Brücken, und sie greifen nicht zu,

sie machen ihm nicht den Garaus – sie lassen dem Hund noch wochenlang

Zeit, sich aus der Patsche zu ziehen, und warten geduldig, bis er aus

seinem Rattenloch herauskriecht und ihnen selbst einen Hieb auf den Kopf

versetzt! So ’ne niederträchtige Schlamperei war noch nicht da!

Die Kunde von ihrer Niederlage bei Wagram war für Schill ein schwerer

Schlag.

Daß aber sein eigener König sich dann auch gegen ihn erklärte und ihn gar

mit einem Kriegsgericht wegen Insubordination bedrohte, daß der Monarch

selbst, an dessen geheime Unterstützung man überall im Lande glaubte, nun

diese Behauptung Schills Lügen strafte, das zog ihm den Boden unter den

Füßen weg.

Aber er hätte doch nicht den Kopf verlieren müssen! Er hätte nicht zögern

sollen, nach England zu gehen, ehe es zu spät wurde! – Er hätte sich

sofort nach dem nächsten Hafen aufmachen und an Bord gehen müssen, um

draußen in Spanien gegen den Franzmann zu kämpfen!

Nun, er hat seine Saumseligkeit mit dem Leben gebüßt! Ein Hundsfott, wer

dafür auf seine tote Asche auch nur den Schatten eines Vorwurfs kommen

läßt!

Es hätte aber alles anders kommen können und müssen, wenn man bei uns nur

gleich zugegriffen hätte! Wer weiß – wenn die Österreicher gesehen hätten,

daß wir Ernst machten, dann hätten sie am Ende den Napoleon doch noch beim

Schlafittchen gepackt und die gute Gelegenheit benutzt, das welsche

Unkraut mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Ich habe ja damals den König gebeten – ich habe gebettelt und gefleht,

‚laß mich nur, _gerade jetzt_, mit meinem Korps über die Elbe gehen! Mit

meinem Kopf stehe ich dafür ein, daß wir dann unsere Provinzen

wiederhaben!‘ Die hätten wir auch! Ich hätte drüben alles in Feuer und

Flammen gesetzt, und die Unternehmungen von Schill und Dörnberg und

Braunschweig wären nicht nutzlos vertan gewesen!

Aber man hat nicht den Mut gehabt! Seitdem unsere gute Königin starb, ist

es ganz verdreht!

Himmelsakra – mir war dann der mit der Apokalypse am Ende doch lieber!

Obwohl er in seinem Haß gegen Napoleon weiter nichts war als ein

kläglicher Don Quichotte, der gegen apokalyptische Windmühlen ritt. So

etwas ist aber am Ende mit Schlauheit zu lenken!

Wenn ich aber daran denke, daß unser guter König einmal auch so von Tür zu

Tür wandern müßte, Obdach suchen – – –! Das kann noch kommen, Gneisenau –

das kann noch kommen, wenn’s so weitergeht, und wenn er die Zeichen der

Zeit nicht besser versteht! Denn wenn er selbst nicht _will_, Gneisenau –,

wenn er nicht will –, und wenn _wir_ wollen! Und wir sind jetzt proppvoll

geladen! – Und wenn wir dann ohne Befehl losplatzen, wer spricht da von

Insubordination? Schockschwerenot! Wozu sind wir auch schließlich da?

Ich werde wohl von Tür zu Tür mitgehen, wenn’s soweit mit ihm ist?! Nee –

mein Leben gebe ich jederzeit für den König her! Aber so ’ne Bettelei

mache ich nicht mit!

Die französischen Sklavenketten mag tragen wer will –, _ich_ trage sie

nicht! Ich sag’s ganz offen, und wenn man mir zehnmal den Mund verbietet!

Warum nicht auch? Wozu schüttelt Er den Kopf? Soll das auch

‚Insubordination‘ heißen!?

Nun, dann lasse Er sich gesagt sein, daß Insubordination noch hierzulande

Mode werden kann, wenn’s nicht anders möglich ist, das Land zu retten!

Und der Ihm das sagte, das war der General der Kavallerie, denn dazu haben

sich mich ooch jemacht, seitdem Er nach England reiste, und zwar um mir

das Maul zu stopfen!

Sie haben mich zum General der Kavallerie gemacht, Sie haben mich aber

auch zum Domherrn gemacht!

Was lacht Er da?

Zum Domherrn, sage ich, indem, daß mir der König eine Domherrnpräbende in

Brandenburg verliehen hat! Wenn der Staat seine Generäle nicht anders

zahlen kann, zahlt er sie eben so! Bargeld ist Bargeld, und wenn’s von der

Kirche kommt, wird’s wohl auch den rechten Gottessegen haben.

Er braucht aber nicht deswegen zu denken, daß ich jemals den Schleier

nehme oder fromm ins Kloster gehe und heilig werde! Ich bleibe, was ich

bin!

Der General der Kavallerie wird nicht minder kräftig als der

Generalleutnant kommandieren: Vorwärts druff uff den Feind!

Und wenn ich jemals als Domherr die Kanzel besteige, dann, Gneisenau,

soll’s Pech und Schwefel vom Himmel regnen, und die Sicherheitskommissare

und Angstmeier sollen sich alle Tage dreimal in die Hosen – –! Das meine

Predigt! – Schmidt! Noch ’n Piep!“

Und Schmidt wußte Bescheid.

Er hatte mit Wonne bemerkt, wie gut der Tabak heute seine Schuldigkeit tat

und wie schön sein Herr durch ihn ins Schimpfen kam.

Er stand schon auf der Lauer, eine frische Pfeife im Munde, und qualmte

und schmunzelte gehorsamst übers ganze Gesicht bei den saftigen Worten

Blüchers, und wartete auf das Signal.

Sobald das Kommando fiel, nahm er sofort mit Wucht die Hacken zusammen,

reckte sich, daß die Knochen krachten, riß die Pfeife aus dem Gehege

seiner Zähne, und dann, mit Paradetritt vorwärts marschiert, Blücher die

Pfeife mitten ins Gesicht gesteckt und ihm so das Maul gestopft!

Dann nahm er die Akten Schill unter den Arm und trug sie behutsam zur Tür

hinaus. Bloß die Brieftasche Schills mit den Versen nicht! Die behielt der

General und Richter als einziges belastendes _Corpus delicti_ zurück.

*

Die Frau Generalin von Blücher ordnete in aller Eile den Kaffeetisch in

ihrer Wohnung zu Stargard.

Ihr Herr und Gebieter hatte ihr eine Stafette mit der Nachricht geschickt,

er käme nachmittags zurück von Berlin und bäte sich zum Empfang eine Tasse

warmen Kaffee und Streuselkuchen aus. Es galt also rasch fertig zu sein.

Denn Blücher pflegte schnell zu reisen und konnte jeden Augenblick

ankommen.

„Es war eine schlimme Zeit“, sagte die Generalin zu ihrer Freundin Frau

von Bonin auf Schönwerder, die gerade in Stargard war und den Nachmittag

über blieb, um Blücher zu bewillkommen. „Es war nicht leicht, und ich

werde recht froh sein, wenn es jetzt ein Ende hat. Aber ich traue dem

Frieden nicht. Mit ihm war’s immer so. Kaum daß man denken konnte: Gott

sei Dank, nun hat die Schererei ein Ende –, da ging sie erst recht los. Es

wird jetzt nicht anders sein. Erzwungene Ruhe ist für ihn Gift. – Und

wenn’s jetzt wieder mit seiner Krankheit losgehen sollte, da befürchte ich

das Schlimmste! Das letzte war für ihn ein schwerer Schlag!“

Sie rückte noch die Kaffeetassen zurecht, schnitt Kuchen auf und ordnete

an den Blumen.

„Es war lieb von dir, ihm Blumen zum Empfang zu bringen“, sagte sie und

nickte ihrer Freundin zu. „Er hat die Blumen gern.“

„Du weißt, wie sehr wir alle ihn schätzen und lieben“, antwortete diese.

„Seit ihr wieder in Stargard haust, leben wir ordentlich auf. Und jetzt,

wo er nicht mehr die Plage des Dienstes hat, jetzt wollen wir alle helfen,

ihm das Leben so heiter und gemütlich wie nur möglich zu gestalten, damit

er seinen Ruhestand recht genießt. Er darf es sich wahrlich gönnen. – Wie

hat er seinen Abschied vom Dienst aufgenommen?“

„Nun, gern beißt keiner in den sauern Apfel! Aber du weißt, die Männer

stellen sich immer ein bißchen an. Als er die königliche Botschaft bekam,

hat er laut gelacht, daß ich einen Schrecken kriegte. ‚Endlich einmal ein

Entschluß am Allerhöchsten Ort!‘ hat er dann gesagt. ‚Das ist immerhin

eine Besserung! Hätte ich sooft kapitulieren wollen wie Kalckreuth, hätte

ich Danzig verloren, hätte ich so brav, wie er, vor dem Franzmann

gedienert und mir sagen lassen: ‚Sie sind nicht zum Unterhandeln, sondern

zum Unterschreiben da‘, und hätte ich dann unterschrieben und meinem Land

einen schmachvollen Frieden um jeden Preis verschafft – ich wäre

Generalfeldmarschall geworden, wie er, und hätte die höchsten Ehren

genossen. Nun habe ich aber dem König sein Land wiedergewinnen wollen, ich

habe geholfen, zu rüsten, Festungen zu bauen, Armeen auf die Beine zu

stellen und den Leuten Mut und Vertrauen auf die Zukunft einzuflößen. Und

der Dank ist nun – ein Fußtritt des Königs auf Befehl Napoleons!‘ – So hat

er geredet.“

„Recht hat er!“ sagte Frau von Bonin.

„Das meine ich auch“, antwortete die Generalin. „Aber wenn mir trotzdem

nicht ganz rosenrot zumute ist, ist’s kein Wunder! Er ist ja gewohnt,

rastlos tätig zu sein. Überall hatte er seine Finger mit im Spiel. An den

Arbeiten der Armeereorganisationskommission nahm er so eifrig teil, als

wäre er mit drin gewesen. Er schrieb und empfing alle Tage Briefe, hatte

seine Berichterstatter überall im Lande und auch im Ausland, wußte stets

mit allem Bescheid, saß immer wieder dem König und der Regierung im Nacken

und regte sich maßlos auf, wenn dann nicht alles nach seinem Kopfe ging.

Ich habe mich manchmal über die Geduld des Königs gewundert.“

„Der König hält große Stücke auf ihn!“

„Gewiß! Das wußte er auch und – mißbrauchte es deshalb vielleicht nicht

ungern. Immer ging es ja nicht gut. Einmal kam eine Beförderung, ein

andermal eine gehörige Nase, und alles beides kümmerte ihn wenig. Nur

einmal wurde er ganz niedergeschlagen und war lange nicht mehr zu etwas zu

gebrauchen. Das war, als er unseren guten Eisenhart zum König schickte, um

ihn seine Wünsche mündlich vortragen zu lassen. Denn selbst durfte er

nicht hin –, du weißt ja: persönlich kann gegen ihn keiner aufkommen, und

man fürchtete wohl seine Überredungsgabe. Aber Eisenhart hat auch ein

gutes Mundwerk, und da schickte er also den nach Königsberg, um den König

zu überzeugen, daß sich auf den ersten Ruf in Preußen schnell

hunderttausend Mann versammeln würden, wenn der König nur wollte, und daß

Österreich bereits vierhunderttausend Mann schlagfertig hätte, um

gemeinsame Sache mit uns zu machen, und was noch mehr. Da antwortete der

König: in Preußen fehle es an dem Führer einer Armee von

hundertfünfzigtausend Mann! _Meinem_ Mann ließ er diese Antwort geben!“

„Nicht möglich!“

„_Das_ hat er sich sagen lassen müssen, als ob er überhaupt nicht da wäre!

Und auch, daß er sich um alles in der Welt ruhig verhalten möchte! _Er_

und ruhig! Er wurde krank – na, du weißt ja, wie’s lange Zeit um ihn

stand! So niedergeschlagen habe ich ihn niemals gesehen, solange unsere

Ehe dauert. Er war ganz unerträglich –, ich habe meine liebe Not mit ihm

gehabt!“

„Du Ärmste!“

„Nun, das war nichts gegen das, was er selbst litt. Er nahm ab, wurde dürr

wie ein Skelett, schlief die Nächte nicht, hatte Halluzinationen, sah

Gespenster am hellen Tage, aß nichts, trank nichts als Kaffee und – ob

du’s glaubst oder nicht – rührte auch nicht einmal die Pfeife an. Ich

glaubte schon das Schlimmste erwarten zu müssen. Da auf einmal nahm’s eine

Wendung zum Besseren. Der Appetit kam wieder, er aß wie ein wildes Tier,

trank und fluchte und rauchte wie sonst. In ganz kurzer Zeit, so

geschwind, wie’s nur bei ihm geht, war er obenauf! Weißt du, was ihn so

schnell kurierte?“

„Nun?“

„Daß der König den General von Bülow zu seinem Stellvertreter im Kommando

ernannt hatte! Und auch zu seinem Nachfolger, falls er nicht wieder gesund

werden sollte. Das war das beste Gegengift gegen seine Krankheit. Sofort

packte ihn die Wut; er war auf den Beinen, schwang die Fuchtel, führte

wieder die Geschäfte und genas –, _aus reinem Trotz_, und um Bülow recht

zu ärgern. Das ist nun mein Glaube. Denn seine Wut auf Bülow war

unbeschreiblich. Und seitdem kann er ihn nicht mehr leiden.“

Frau von Bonin lachte.

„Ja, so ist er,“ sagte die Generalin, „die Tätigkeit ist sein Leben. Er

krankt nach ihr und ist immer fertig zum Explodieren, wenn sie ihm

beschränkt wird. Dann will er gleich alles hinwerfen, in fremde Dienste

gehen, verlangt seinen Abschied und bekommt ihn nicht und schöpft daraus

neue Hoffnung, endlich tätig sein zu dürfen, wie er will! Und ist es damit

wieder nichts, dann wird er von neuem gallig, bitter, niederträchtig, halb

wahnsinnig, er verkümmert, altert, ist fertig mit dem Leben und kann sich

doch nicht vom Dienst losreißen, weil er immer noch hofft, immer noch

einen Funken vom Kinderglauben an seine ihm vom Himmel gegebene Sendung

hat!“ –

Sie wurde unterbrochen.

Ein Wagen fuhr rasselnd am Hause vor, und im nächsten Augenblick stand

Blücher im Zimmer.

Er war ganz verwandelt. Frisch wie ein Fisch im Wasser und voll von

Hoffnung und Zukunftsplänen.

„Das will nun ein in Ungnaden entlassener General sein!“ lachte Frau von

Bonin.

„Was, Ungnaden!“ erwiderte Blücher übermütig. „Die Ungnade ist nur eine

Komödie, um Napoleon zu täuschen. Ich stehe oben besser angeschrieben als

je. Der König war sehr gnädig –, er war sogar sehr traurig. Ich habe ihn

über meine Entlassung trösten müssen. So liegt die Sache. Und das ist ein

ganz anderer Kasus als damals, wo ich vom Alten Fritz meinen Abschied

erhielt. Du weißt, Malchen, vierzehn Jahre habe ich nachher auf

Wiedereinstellung warten müssen. Und daß ich das mußte, das hielt mich

nachher stets zurück, sooft ich meinen Abschied nehmen wollte! Vierzehn

Wartejahre kann man sich in meinen Jahren nicht mehr leisten –, da

schluckt man lieber so manches herunter. Man soll eben seiner Sache treu

bleiben, Malchen –, Treue halten im Bösen wie im Guten! Dann bleibt sie

einem auch treu!

Jetzt hat mir der König wegen Ungehorsams gegen seinen Befehl, die

Befestigungsarbeiten in Kolberg einzustellen, den Laufpaß gegeben. Er

denkt, er muß es aus Rücksicht auf Napoleon tun. Er wird mich aber

wiederhaben wollen und wird mich auch holen, sobald die Zeit da ist.

Meiner Sache bin ich sicher –, ich war’s niemals so sehr wie jetzt, wo ich

eigentlich gar nichts mehr mit ihr zu tun habe. Jetzt erst fühle ich, wie

unlöslich ich mit meiner Aufgabe im Leben verwachsen bin.

Nichts kann sie mir nehmen. Bestimmung ist Bestimmung. Was kommen soll,

kommt. Kein König und auch kein Kaiser kann mir mit seinem Machtwort

nehmen, was mir von allem Anfang an als mein Ureigenstes gehörte,

ebensowenig, wie er’s mir verleihen konnte.

Siehst du, Malchen, was der Mensch nicht geben kann, das kann er auch

nicht nehmen. Das ist mein Glaube. Und nun warten wir in aller Ruhe und in

Gottes Namen das Weitere ab. Jetzt brauche ich auch nicht mehr Scharpie zu

zupfen, Malchen. Und nun – einen Kuß – und dann zu Tisch!“

Er küßte allen beiden Damen rasch die Wange, bot ihnen dann galant die

Arme und führte sie an ihre Plätze.

12

DAS HEILIGE DONNERWETTER

Jahrhundertelang war Deutschland der Tummelplatz der Völker und wurde

unbarmherzig verwüstet, seine Bewohner geknechtet, ausgeraubt und

hingemordet, Handel und Nahrung lahmgelegt, seine Reichtümer gestohlen,

seine Kunstschätze geraubt und nach allen Windrichtungen hin verschleppt,

seine Kirchen und Schlösser und Kunstbauten in Ruinen verwandelt, seine

Entwicklung um Jahrhunderte zurückgeworfen.

Und immer wieder blühte das Leben in alter Kraft wieder auf –, immer

wieder stürmten beutegierige Horden heran mit Mord und Brand und

plünderten und sengten.

Das in Strömen vergossene Blut tränkte die Erde, verseuchte die Gewässer,

schwängerte die Luft – man atmete Unheil, trank dessen Odem mit dem Wasser

der Quellen, fraß ihn in sich mit den Früchten der Erde. Das bittersüße

Gift schwellte die Adern, schlich durch den Körper, erfüllte die Seelen

bis zum Platzen mit Spannung, erzeugte einen Haß, der jede andere Regung

unterdrückte, der alleinherrschend wurde, ins unermeßliche wuchs und

gewaltsam zur Entladung drängte. Das Licht des Himmels, seine Sonne, seine

Sterne, sein leuchtendes Blau, alles schwand in dem quälenden Dunst, die

Farben des Lebens verblaßten und erloschen. Es gab kein Gefühl, keinen

Gedanken mehr, als verbissene Wut über schmachvolle Ohnmacht, kein Gebet,

das nicht den Herrn der Welten um Erlösung anrief und mit dem Himmel um

seine Blitze buhlte.

Die Schwüle des Gewitters lagerte überall, ergriff alles Leben und würgte

zum Ersticken.

Immer dräuender türmten sich die Gebilde des Hasses und der Empörung

empor, ballten sich zu mächtigen Gewitterwolken zusammen und erfüllten den

Raum, bis endlich die Spannung zu groß, bis es der Last zuviel wurde und

das Gewitter losbrach.

Blitze züngelten auf die Häupter der Bedrücker nieder, warfen sie in den

Staub und zerschmetterten ihre Zwingburgen, indes der Donner grollend

durch den Raum fuhr und der Widerhall krachend von Felsen zu Felsen

jauchzte und Kunde von der Befreiung gab.

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Fast unbeschränkt beherrschte Napoleon den Kontinent, alles lag ihm

gehorsam zu Füßen. In jeder Festung, in allen Städten Norddeutschlands

standen seine Truppen bereit, jeden Versuch zur Empörung mit Gewalt

niederzuwerfen.

Durch dauernde Besetzung Preußens war er zum wahren Herrn Europas

geworden. Wer nicht sein Verbündeter war, war ihm gehörig. Die

Rheinbundstaaten, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen, Sachsen, Westfalen

und Mecklenburg, gehorchten jetzt seinem kleinsten Wink. Der Kaiser von

Österreich gab ihm seine Tochter zur Ehe. Sein Machtwort erstickte jede

selbständige Regung im Keime. Ohne seine Zustimmung geschah in den

deutschen Landen nichts. Könige und Fürsten holten sich Weisungen aus

Paris, empfingen aus seinem Munde Lob und Tadel und setzten ihre Beamten

ab und ein nach seinem Gutdünken. Seine Armeen wurden von den unterjochten

Völkern unterhalten, die Einkünfte der Staaten als Kontribution nach Paris

geschafft –, bis aufs Blut sog er die Besiegten aus.

Ihre Heere mußten auf sein Geheiß marschieren und für den Ruhm Frankreichs

ihr Blut verspritzen – bis sie endlich begriffen, daß Blut und Leben nur

für die Heiligkeit der eigenen Sache einzusetzen seien.

Der Sohn der Revolution, von der unwiderstehlichen Kraft eines Volkes in

Waffen zu schwindelnder Höhe gehoben, kehrte so, durch den Gang der

Ereignisse getrieben und von den eigenen Siegen verführt, vom Volksheer

zum Söldnertum zurück. Er bewirkte gleichzeitig die entgegengesetzte

Entwicklung bei den Besiegten und gab ihnen so das Mittel zur Befreiung in

die Hand. Denn als sie sich dazu hergeben mußten, für eine fremde Sache zu

bluten, wurden sie sich ihres eigenen Volkstums bewußt und fielen von der

Sache des Eroberers ab, sobald sie ernstlich zu wanken begann.

Seine bunt zusammengewürfelten Heerhaufen besaßen sowieso nicht mehr die

Energie und den Schwung der ersten Revolutionsheere, noch weniger ihre

Begeisterung für die Heiligkeit einer Sache, die allein gegen eine ganze

Welt den Sieg ertrotzt.

Noch stand der Koloß aufrecht und wagte in seinem Übermut den eitlen

Versuch, den Gott zu spielen und das, was nicht zusammengehört,

zusammenzukitten.

Und das Unerhörte geschah.

Als Napoleons aus unzähligen Hilfsvölkern zusammengesetztes Riesenheer

auszog, um seinen unbotmäßigen russischen Verbündeten zu züchtigen, da

marschierte zum erstem Male in der Geschichte des Landes ein ganzes

preußisches Armeekorps mit, um für den Ruhm Frankreichs zu bluten.

Siebzehntausend Mann stark zogen die Preußen aus unter Befehl von Grawert,

der bei Jena die Feldherrnkunst Napoleons am eigenen Leibe kennengelernt

hatte. Er erkrankte und wurde von Yorck ersetzt.

Wie ein Haufen Heuschrecken, so wälzte das Riesenheer seine Massen über

die deutsche Erde gen Osten hin, fraß, wo es durchkam, das ganze Land kahl

und verwandelte es in eine Wüste. Bis es endlich hinter der russischen

Grenze verschwand und sich über die endlosen, dünn bevölkerten Felder

Rußlands ergoß, von einer ganzen Wolke von Marodeuren, Händlern und

beutegierigen polnisch-jüdischen Schacherern umschwärmt, die sich mit

seinen Abfällen mästeten, alles, was am Wege blieb, auflasen, Kleider,

Ausrüstung, Proviant und Beutestücke erhandelten oder stahlen, die todmüde

am Wege Liegenden erschlugen oder sie bis auf die Knochen ausplünderten.

Schreck und Entsetzen hinterließ der Raubzug überall, wo er durchkam, und

lähmte die Kraft der Landeskinder so, daß keiner auch nur daran zu denken

wagte, die Hand zur Rache zu erheben, als nachher die Reste der Horden

wiederkamen, geschlagen, geschunden, zerfetzt und zerlumpt und von noch

größeren Schwärmen Beutegeiern verfolgt.

Tausende von französischen Offizieren, auch Napoleon selbst und seine

berühmten Marschälle, hätte man ohne weiteres gefangennehmen können. Aber

man rührte keinem Finger gegen sie, man ließ sie ungefährdet durch und in

ihre Heimat zurück, wo sie dann gleich neue Heerhaufen zur Unterjochung

bereitstellten.

Man schlug das Raubgesindel nicht mit Knüppeln tot, man gab ihnen Lager

und Kleidung, speiste sie, pflegte sie, vergaß das vergossene Blut und die

Tränen, das geraubte Gut und Geld –, aber beileibe nicht aus Gutmütigkeit

und noch weniger aus Feigheit. Nein, jene Armseligen, in Lumpen

Zurückkehrenden, sie waren immer noch die Herren. Und keiner wagte noch an

das unerhörte Glück zu glauben, daß jene gewaltige Macht, deren Diener sie

waren, jemals gebrochen werden könnte, auch dann nicht, als man es mit

eigenen Augen zu sehen und mit Händen zu greifen vermochte.

Der Krieg wurde nicht erklärt, die Rüstungen nur in größter Heimlichkeit

betrieben, und auch dann nur unter dem Schein, den Bündnisvertrag mit

Frankreich erfüllen zu wollen. Die Geheimdiplomatie war eifrig dabei, zu

vertuschen und zu verhüllen, kein klarer Wille wagte sich hervor, kein

offenes Wort wurde von maßgebender Stelle gesprochen.

Da auf einmal klang es jubelnd hart drein, wie schmetternde Fanfaren aus

der alt-fritzischen Zeit. Von weit draußen an der Grenze klang es herüber,

aber so hell und klar, so bestimmt und zielbewußt, daß es in die

entfernteste Gegend des Landes drang und alle Herzen erzittern machte.

Es war der gleiche Ton, der Deutschland weckte, als Schill sein Panier

erhob.

Aber jetzt ging alles mit, jetzt erwachte begeisterter Widerhall überall –

ein Brausen, wie von einem herannahenden Sturm, ging über alles Land, das

Gewitter verkündend, und erstickte mit seiner Gewalt jede Mahnung der

Ängstlichen, den Weckruf lieber, im Namen der heiligen Subordination, zu

überhören.

Isegrim Yorck war’s, der ins Horn gestoßen hatte.

Er hatte den Sprung ins ungewisse gewagt und seinen Kopf darangesetzt, um

seine Preußen aus der schmählichen Gemeinschaft mit den Franzosen zu

führen. Dem Korsen hatte er die erzwungene Waffenbrüderschaft aufgesagt,

seinen König mit einer vollendeten Tatsache überrascht und sein Volk auf

den Boden offener Stellungnahme gegen den wahren Feind gestellt.

Die Diplomaten rauften sich die Haare. Die Tat Yorcks kostete ihrer

Weisheit und dem Staate etliche Millionen, die Napoleon sonst gerade jetzt

hätte zahlen sollen und vielleicht auch gezahlt hätte, wenn alles

wenigstens dem Scheine nach beim alten geblieben wäre.

Aber sie brachte dafür etwas ein, was für alles Gold der Welt nicht

eingehandelt werden kann: die flammende Begeisterung, den

unwiderstehlichen Willen eines geknechteten und vergewaltigten Volkes,

seine Fesseln zu brechen und die Bedrücker niederzuwerfen. Sie entfesselte

das heilige Donnerwetter, dem nichts widersteht – mit dem stets der Sieg

ist, weil es die Empörung der Natur selbst ist gegen die ihr angetane

Vergewaltigung.

*

„Herr,“ rief der General Blücher unwirsch und fuhr sich mit dem

Rasierpinsel im Gesicht herum, daß der Seifenschaum weit umherspritzte,

„Er ist wohl des Teufels! Wie heißt das? Was war das, was Ihm mir vom

General Yorck mitzuteilen beliebte?“

Der so angeredete Major Diedrich nahm die Hacken zusammen, reckte sich

stramm auf und brachte noch einmal seine Botschaft vor.

Die Infanterie Yorcks wäre demnach durch die erlittenen Strapazen sehr

geschwächt und von 30000 auf 25000 Mann zusammengeschmolzen. Das

Landwehrregiment der zweiten Brigade, das vor acht Tagen zweitausend Mann

gehabt hatte, hatte jetzt nur noch siebenhundert. In sechs Tagen hatten

die Truppen viermal Nachtmarsch gehabt, ohne daß abgekocht worden war. Sie

hatten bei strömendem Regen auf dem aufgeweichten Boden biwakiert, die

meisten ohne Mäntel – die Taschenmunition war von Nässe verdorben, in den

Munitionswagen war kaum Vorrat genug für eine Schlacht, und dabei hätten

die Parkkolonnen sechzehn Meilen Weg bis zur Neiße, um neuen Vorrat zu

holen. Der General Yorck ließe bitten, dem Korps doch etwas Ruhe zu

lassen.

Blücher hatte mit offenem Munde, das aufgeklappte Rasiermesser in der

Hand, die Ausführungen des Majors angehört.

Jetzt fing er an mit wahrer Wut das Messer an einem ledernen Riemen

abzuziehen. Er warf dabei dem Major immer wieder giftige Blicke zu.

„Ruhe soll ich dem Korps lassen? Bin ich der Franzmann, der mit ihm Krieg

führt? Hat Sein General nicht genug von dem dämlichen Waffenstillstand,

den wir kaum glücklich hinter uns haben, und den wir noch hätten, wenn’s

nach unseren Diplomatikern ginge? Ein Schuft ist Napoleon, aber gesegnet

soll er sein ob seiner Halsstarrigkeit, die Friedensbedingungen nicht

anzunehmen. Denn das allein hat verhindert, daß unsere Neunmalweisen den

Karren noch tiefer in den Dreck schoben!“

Damit nahm er eine Kohle, zog rasch einen Kreis auf der weißgetünchten

Wand, starrte, in Ermangelung eines Spiegels, da hinein und fing an sich

den Stoppelbart abzukratzen. Denn jetzt war er wieder in der Offensive und

durfte als höflicher Mensch dem Franzmann nicht unrasiert kommen.

Der Major Diedrich benutzte die Gelegenheit, weitere Einzelheiten über den

schlechten Zustand des Yorckschen Korps vorzubringen, und Blücher, der

seine Zunge dazu gebrauchen mußte, beim Rasieren die Wangen von innen zu

strammen, konnte dabei seinem Mißvergnügen nur durch ein mehr oder weniger

lautes Grunzen Luft geben. Bis der Major ihm mit den zwanzigtausend in

Österreich gekauften Flinten auf den Leib rückte, mit denen man die

Landwehr beglückt hatte, und die die unangenehme Eigenschaft hatten, keine

Zündlöcher zu besitzen. Die hatte man in der Eile bei der Anfertigung zu

bohren vergessen. Und nun müsse die brave Landwehr, zum größten Teil mit

Piken bewaffnet, in den Kampf ziehen!

Da hörte Blücher mit dem Schaben seines Bartes auf, sandte sich jäh um,

warf dem Major einen vernichtenden Blick zu und wetterte los.

„Herr, was redet Er da von Zündlöchern? Bei dem Sauwetter, wo’s, wie

jetzt, seit Monaten Strippen regnet, schießen alle Flinten gleich gut, ob

sie Zündlöcher haben oder nicht! Die sollen die Leute ruhig behalten und

mit den Kolben auf den Franzmann losschlagen. Und taugen sie auch dazu

nicht, dann mögen sie sich drüben beim Feind bessere Flinten holen. Die

Franzosen haben ganz gute! Wozu haben wir den Krieg?“

Worauf er das Messer ansetzte und weiter schabte.

Aber der Major hatte noch mehr auf dem Herzen, und die Gelegenheit war zu

gut jetzt, wo der Alte das Messer an der Kehle hatte und die Zunge im Zaum

halten mußte.

Er packte also aus.

Es fehle den Landwehrregimentern an Mänteln, sie hätten nur leinene Hosen,

statt Patronentaschen leinene Beutel, Kochgeschirr wäre bei ihnen eine

Seltenheit und Stiefel erst recht. Bei den aufgeweichten Wegen käme man

kaum noch vorwärts mit der schlechten Ausrüstung.

„I der Deubel!“ unterbrach Blücher plötzlich die Litanei. „Mit langen

Redensarten wurde noch niemals ’n Stiebel jemacht. Was red’t Er denn? Wo

uns Hunderttausende von den besten französischen Stiebeln freundlichst

entgegentanzen und bloß dadruff warten, genommen zu werden! Wenn unsere

Leute zu vornehm sind, um auf Pariser Sohlen zu laufen und sich die nicht

holen können, wo sie da sind, dann können sie meinetwegen barfuß laufen!

Und was den anderen Kram betrifft – die Mäntel und Patronentaschen und gar

die Hosen –, das alles macht noch lange nicht den Soldaten! Die Leute, die

da mit Piken und Sensen geübt und so die Griffe gelernt haben, die haben

eben gewußt, wie saumäßig es um Preußen stand, und daß es ihm an Flinten

und Stiebeln und Mänteln fehlte. Und sie sind doch gekommen und haben sich

zum Dienst gestellt. Warum, denkt Er wohl? Nicht, damit Er mir hier noch

eine Litanei vorbetet, sondern um Preußen all das zu verschaffen, was ihm

fehlt – vor allem die Freiheit und den alten Besitz! Das andere – die

Flinten und die Stiebel und der ganze Kram –, das kommt dann ganz von

selbst. Und nun schere Er sich, und lasse Er mich ungeschoren. Dem General

ist zu erwidern, daß es beim Marschbefehl bleibt. Er hat sich von Jauer

zurück auf die Katzbach zu wenden und die vorgeschriebenen Stellungen bei

Brechtelshof einzunehmen. Verstanden?“

Der Major salutierte schweigend und ging. Und Blücher begab sich nach

vollendeter Toilette hinaus, um die abmarschierenden Truppen zu

inspizieren.

Sein geübtes Auge sah wohl alle Mängel und Gebrechen ihrer Ausrüstung, sah

die beschmutzten, durchnäßten, frierenden und abgehetzten Kerle dastehen

und fragende Blicke auf ihn richten – sah aber auch unverzagten Mut aus

ihren Augen leuchten, als er vor der Front aufritt. Seine Blicke glitten

prüfend von Mann zu Mann die Reihen entlang.

Es waren keine baumlangen Pommern oder Mecklenburger, sondern zumeist

klein gewachsene, schmächtige Leute aus den schlesischen Weberdistrikten.

Staat war mit ihnen nicht zu machen, aber sie würden schon anbeißen, wenn

man nur verstände, im richtigen Ton zu ihnen zu sprechen, und ihnen gleich

zu Gemüt zu führen wüßte, daß der Krieg keine Schule der Verzärtelung sei,

und daß es dabei etwas Wichtigeres und Bedeutungsvolleres als Strapazen

und Entbehrungen gäbe.

Und diesen Ton fand Blücher gleich.

Nachdem er die Reihen abgeritten war, hielt er vor der Front und rief in

seiner jovialen Art, mit einem listigen Augenzwinkern, daß sich ein jeder

sofort innerlich auf du und du mit ihm befand.

„Kerls, ihr seht aus wie die Schweine! Aber es macht nichts. Ihr habt doch

die Franzosen geschlagen! Das ist aber nicht genug! Ihr müßt sie heute

wieder schlagen, wie das Wetter und die Wege auch sind. Sonst sind wir

alle beschissen! Guten Morgen, Kinder! Und nun frisch darauflos!“

Worauf er schmunzelnd über das donnernde Lachen, womit die Front für die

Ansprache quittierte, sein Pferd herumwarf und zurück in sein Quartier

galoppierte.

Dort erwartete ihn großer Ärger und Verdruß.

Yorck selbst war gekommen, um wegen des vielen „unnützen Hin- und

Hermarschierens“ das Oberkommando zur Rede zu stellen, und war eben in

heftigem Diskurs mit dem Generalstabschef Gneisenau, der vom Obersten

Müffling getreulich sekundiert wurde.

Als er Blücher sah, wandte er sich gleich an ihn, und zwar in einem Ton,

den dieser sich als Oberkommandierender keinesfalls gefallen lassen

konnte.

„Und wenn der Teufel selbst das ganze Oberkommando gegen mich zur Attacke

ritte – marschiert wird doch nicht, ehe ich nicht achtundvierzig Stunden

gerastet habe!“ rief er ohne alle Einleitung Blücher zu. „Das ist das

wenigste, was ich brauche, um meine Leute wieder schlagfertig zu haben.

Das mögen sich die Herren Kraftgenies hier –“ er warf einen

despektierlichen Blick auf die beiden Mithelfer Blüchers – „unter die Nase

reiben! Und auch, daß ich dies kopflose Hin- und Hermarschieren, das sie

meinen Leuten zumuten, ohne ihnen Ruhe zum Essen und Schlafen zu gönnen,

daß ich das mit den Menschen Schindluder treiben nenne. Und dazu sind

meine Preußen denn doch zu gut!“

Blücher verbat sich ein für allemal in der energischsten Weise sowohl

diesen Ton wie auch jede Widerrede. Yorck und er seien wohl alte

Waffengefährten, aber das entbinde ihn doch nicht von der Pflicht

unbedingten Gehorsams seinem Vorgesetzten gegenüber. Zu befehlen habe hier

allein er, Blücher. Er trüge auch allein die ganze Verantwortung für die

gegebenen Befehle und verbäte sich eine jede Kritik.

„Herr General,“ sagte Yorck, noch aufgebrachter als vorhin, „ich pfeife

auf die Waffenbrüderschaft, die sich solchermaßen in Erinnerung bringt.

Und wer von uns beiden sein Handwerk besser versteht, darüber brauche ich

mich hier auch nicht auszulassen. Zum Kommandieren gehört nicht nur das

Amt, man muß es auch können. Und käme es nur _darauf_ an – wer weiß, wer

von uns beiden jetzt hier dem anderen zu befehlen hätte! Mich kümmert aber

all das weniger! Mich kümmert in erster Linie die große Verantwortung, die

ich vor meinem König und meinem Vaterland für die mir anvertrauten Truppen

habe.“

„Uns nicht weniger!“ schrie Blücher zornesrot. „Darüber hinaus gibt es

aber etwas, was ich militärische Notwendigkeit nenne. Wenn die ein Opfer

verlangt, so bringe ich es unbedingt, und wenn es noch so schmerzlich

wäre. Und trage die Verantwortung dafür allein und teile sie mit keinem!“

„Wenn aber die Soldaten vorher zu Tode gehetzt werden, wozu und inwiefern

und mit welchem Nutzen will ein General dann jenes Opfer bringen? Wo

nichts ist, ist auch nichts zu opfern, wie groß die militärische

Notwendigkeit auch sein mag. Haben Sie, meine Herren, im Vorjahre die

Trümmer der großen französischen Armee gesehen, als sie aus Rußland

zurückkam? Und haben Sie dagegen meine Preußen gesehen, wie die aus dem

gleichen Feldzug wiederkehrten? Meine Fürsorge für meine Leute war’s, die

dem König von Preußen da eine ganze Armee bewahrte, wo alles andere

zugrunde ging. Ohne diese meine Fürsorge hätte der General von Blücher in

seiner schlesischen Armee heute keine Preußen zu kommandieren. Wäre mein

Eigensinn, den die jungen Leute hier im Oberkommando so gern bekritteln –

wäre der nicht gewesen – hätte ich nur den blinden Kadavergehorsam gegen

Vorgesetzte gehabt, den man heute hier von mir verlangt, ich hätte mich

nimmermehr getraut, dem Marschall Macdonald, der heute die Franzosen gegen

uns führt, den Gehorsam aufzukündigen. Ich hätte an einem Strange mit ihm

weitergezogen, und ich wäre niemals dazu gekommen, in Tauroggen meinen

alten Kopf aufs Spiel zu setzen, um endlich eine reinliche Scheidung

zwischen uns und den Franzosen zu machen.“

„Recht hatten Sie, Yorck“, sagte Blücher, dessen Augen leuchteten bei der

Nennung des Tages von Tauroggen. „Aber jetzt sind Sie im Unrecht. Denn ich

bin kein französischer Marschall, dem ein preußischer General meines

Erachtens nimmermehr gehorchen kann, ohne vor sich selbst zu erröten. Ich

bin hier der Oberkommandierende der schlesischen Armee, der hier im Namen

des Königs befiehlt und sich Gehorsam zu verschaffen wissen wird,

gleichviel ob ich persönlich oder durch meine Generalquartiermeister die

Befehle erteile. Wobei eine Sache nicht zu vergessen ist, nämlich die: der

General Yorck hat den russischen Feldzug _als französischer General_

mitgemacht. Das färbt ab. Wir aber sind da rein geblieben und haben es

alle vorgezogen, den Dienst zu quittieren, statt mit dem Erbfeind

gemeinsame Sache zu machen. Deshalb haben _wir_ hier das Kommando jetzt,

wo es gegen den Franzmann geht, und haben es _nicht nur_ mit dem Vorrecht,

das der Königliche Befehl uns gibt.“

Damit schnitt er jede weitere Erörterung ab, ging in sein Zimmer und hieß

Gneisenau gleich zur Befehlsausgabe nachkommen.

Yorck aber, außer sich über die ihm zugefügte Kränkung, ging in sein

Quartier, setzte sich hin und schrieb dem König einen langen Brief, in dem

er um seinen Abschied bat und sein Gesuch ausführlich begründete.

Dann, als er den Brief abgesandt hatte, fügte er sich, befahl Aufbruch und

ließ es sich sogar gefallen, daß ihm vom Oberkommando der Oberst Müffling

beigegeben wurde, um ihn in die befohlenen Stellungen zu geleiten.

Blücher aber, mit Gneisenau allein geblieben, ging fluchend auf und ab.

„Himmeldonnerwetter!“ rief er. „Muß ich auch noch mit meinen Untergebenen

um mein Kommando kämpfen! Das fehlte mir gerade noch!“

Er blieb vor Gneisenau stehen.

„Ich bin gewiß der letzte, die große Bedeutung von Yorcks Tat nicht

anzuerkennen, als er es wagte, den Ängstlichen zum Trotz, sich mit seiner

Armee gegen Napoleon zu erklären. Wenn er aber glaubt, deshalb das Recht

zu haben, sich wie ein Bleigewicht an unsere Füße hängen zu dürfen, so

irrt er sich. Ja, glauben denn er und seine Leute, daß wir blind und taub

sind? Da kommen die Kerle her und machen mir was vor und erzählen _mir_

von der schlechten Ausrüstung! Die sehe ich ebensogut wie sie! Aber auch,

daß wir uns schön hüten müssen, ihr so große Bedeutung beizumessen, daß

unsere Leute darob mutlos werden. Denn das hieße uns unserer einzigen

guten Waffe: ihres felsenfesten Vertrauens auch noch zu berauben. Wenn ich

den wackeren Kerlen in die Augen schaue und das reine lautere Gold

glühender Vaterlandsliebe mir da entgegenfunkelt, da denke ich: hol’ mir

der Teufel Flinten und Patronen! – _Das_ da ist unbezwinglich! Das siegt!

Das fragt nach keiner Übermacht! Und auf die Leute wagen unsere russischen

Bundesbrüder gar übermütig herabzublicken! Schockschwerenot – was haben

die Russen geleistet, das ihnen die Berechtigung dazu gäbe? Die prahlen

damit, wie sie im Vorjahre Napoleon besiegt haben – wo sie vor ihm

gelaufen sind, bis der sich in seinem Übermut verrannte und nicht mehr

heil aus ihren endlosen Steppen herauskonnte. Nun kommen sie her und tun

dick, und setzen uns _ihre_ Führung auf die Nase und wollen uns auch das

Ausweichen vor dem Herrn Napoleon beibringen! – Und unsere eigenen Leute –

die besten unter ihnen, wie der alte Isegrim soeben, die helfen da brav

mit. Der Geist des Rückzugs und der Flaumacherei geht bei uns mächtig um!

Es ist höchste Zeit, daß wir ihm den Garaus machen, Gneisenau!“

Er schwieg.

Aller Ärger und alle Bitterkeit der letzten Jahre wurden wieder in ihm

wach, und er durchlebte in einem kurzen Augenblick noch einmal die

schrecklichste Zeit seines Lebens, die Zeit, wo er aus jeder

liebgewordenen Tätigkeit verbannt, geächtet und von den braven Strebern

gemieden leben mußte. Bis er endlich die Frühlingsluft der Befreiung

witterte, seine Zeit gekommen fühlte und seine Stimme erheben durfte ohne

Furcht, nicht mehr gehört zu werden.

„Mich juckt’s in allen Fingern, den Säbel zu ergreifen“, schrieb er da an

seinen unvergeßlichen Freund Scharnhorst. „Wenn es jetzt nicht Seiner

Majestät unseres Königs und aller übrigen deutschen Fürsten und der ganzen

Nation Führnehmen ist, alles Schelmenfranzosenvolk mitsamt dem Bonaparte

und all seinem ganzen Anhang vom deutschen Boden weg zu vertilgen: so

scheint mich, daß kein deutscher Mann mehr des deutschen Namens werth sei.

Jetzo ist es wiederum Zeit, zu dhun, was ich schon anno 9 angerathen,

nämlich die ganze Nation zu den Waffen anzuberufen, und wann die Fürsten

nicht wollen und sich dem entgegensetzen, sie samt dem Bonaparte

wegzujagen. Denn nicht nur Preußen, sondern das ganze deutsche Vaterland

muß wiederum heraufgebracht und die Nation hergestellt werden.“

Es „juckte“ ihn in allen Fingern, das ganze Heer, das ganze Volk blickte

auf ihn wie auf den gegebenen Führer – und doch zauderte man, wie immer,

oben und wagte nicht, einen frischen Entschluß zu fassen. Der „Haudegen“,

der „Draufgänger“ könnte es ja zu sehr mit dem lieben Feind verderben.

Eine Partei am Hofe schob, nicht ohne Aussichten, ihren Mann, den Grafen

Tauentzien, als Kandidaten für den Oberbefehl vor. Und einzig und allein

die rücksichtslose Energie Scharnhorsts war es, der es gelang, den

Widerstand des Königs zu brechen.

Blücher wurde mit dem Oberkommando betraut, aber – denn an allen

Entschließungen des Königs hing ein einschränkendes Aber, das teilweise

ihre Wirkung aufhob – Blücher wurde unter russisches Oberkommando

gestellt, und mit ihm das preußische Heer.

Der Oberbefehlshaber, der alte Kutusoff, der überhaupt nicht mit seinen

Truppen das russische Gebiet verlassen wollte, tat der Sache der

Verbündeten den Gefallen, gleich am Anfang des Feldzuges zu sterben. Aber

sein Nachfolger, Wittgenstein, war, bei allem guten Willen, ein gänzlich

unfähiger Feldherr. Er ließ Napoleon Zeit, seine Armeen zu vereinigen,

verpaßte jede gute Gelegenheit, ihn zu überraschen, ließ die Preußen in

nutzlosen Kleinkämpfen verbluten, sah im Rückzuge die einzig sichere

Frucht der teuer erkauften Siege, und gab ihnen so die Färbung der

Niederlage.

Der frische Ansturm der Frühlingsoffensive der Russen und der Preußen

verpuffte. Die blutigen Schlachten bei Großgörschen und Bautzen waren

umsonst geschlagen – die Schweden weigerten sich, die kaum befreiten

Hansestädte vor Wiedereroberung durch die Franzosen zu bewahren – der

König empfand schon die Situation „wie nach Jena und Auerstedt“, und erst

der plötzlich von Napoleon angebotene Waffenstillstand machte dem

Zurückgehen der Alliierten nach der Weichsel ein Ende. Er dämpfte aber

auch die lodernde Begeisterung, die die Erhebung getragen hatte, zu

dumpfer Verzweiflung. Und die während des Waffenstillstandes einsetzenden

diplomatischen Verhandlungen waren nicht dazu geeignet, sie wieder zu

entfachen.

Die Herren Diplomatiker rieben ihre klugen Schädel aneinander und brachten

einen Friedensvorschlag zustande, dessen Bedingungen in der Hauptsache

Räumung aller preußischen Festungen seitens der Franzosen waren, sowie

Rückgabe von Danzig an Preußen und von den illyrischen Provinzen an

Österreich, Auflösung des Herzogtums Warschau und dessen Teilung zwischen

Rußland, Österreich und Preußen, und außerdem die volle Wiederherstellung

der Hansestädte. Die Auflösung des Rheinbundes und die Wiederherstellung

Preußens regte man wohl an, wagte sie aber nicht zur Bedingung zu machen.

Und Napoleon tat trotzdem den „Mächten“ den großen Gefallen, auf diese für

sie – aber nicht für ihn – ungünstigen Bedingungen nicht einzugehen. Der

faule Friede unterblieb, die Diplomatie wich wieder dem Schwerte,

Österreich trat der Allianz bei, und von allen Bergen loderten

Freudenfeuer auf und bekundeten das Ende des Waffenstillstandes und die

Wiedereröffnung der Feindseligkeiten.

Blücher aber brauchte sich nicht noch einmal von den russischen Generälen

gängeln zu lassen. Ihm wurde der Oberbefehl über die aus einem preußischen

und zwei russischen Korps gebildete Schlesische Armee gegeben. Und da die

Monarchen sich alle unter die Obhut der unter Schwarzenberg von Böhmen aus

operierenden Hauptarmee begaben, so hatte er das große und unerhoffte

Glück, diese Gesellschaft mit ihren jede freie Bewegung behindernden

Erwägungen und ihrem Gefolge von Besserwissern los zu sein, was seine

Siegeshoffnung nicht wenig stärkte.

Freilich – einer fehlte, dessen Verlust ihm einer verlorenen Schlacht

gleichkam: Scharnhorst, der durch seinen unermüdlichen Tätigkeitsdrang und

seinen Diensteifer seine in der Schlacht bei Großgörschen erhaltene Wunde

vernachlässigt hatte und daran starb, gerade als er am nötigsten war.

Der Schmerz über diesen Verlust war schwer und andauernd. Er seufzte beim

Gedanken an den verlorenen Freund auf und umfaßte dessen Nachfolger und

früheren treuen Mithelfer mit einem zärtlich-dankbaren Blick, daß

wenigstens _er_ ihm geblieben war.

„Na, Gneisenau“, sagte er gutmütig, und es kam ein Ton warmer

Hoffnungsfreudigkeit in die Stimme, „jetzt gilt’s, die Zaghaften im Lande

von ihren bösen Träumen zu erwecken. Ein Donnerschlag, Gneisenau, der

ihnen den Nebel aus den Köpfen verscheucht, so daß sie wagen geradeheraus

zu sehen und zu denken! Eine fröhlich schmetternde Siegesfanfare, die den

gesunkenen Mut wiederbelebt! Eine Tat, die unsere schlechten Waffen gut

macht und zu Ehren bringt! Vorwärts, an die Arbeit, Gneisenau!“

Dann ließ er sich die Meldungen von den Avantgarden seiner Korps vorlegen.

Aus denen ging hervor, daß der Feind auf den Höhen jenseits der Katzbach,

von Goldberg bis Liegnitz, lagerte, aber nicht, ob er vorrückte oder an

Zurückgehen dachte.

„Auf alle Fälle greifen wir an“, entschied der General.

Yorck erhielt den Befehl, von Jauer bis nach Schlauphof an der in die

Katzbach einfallenden Wütenden Neiße vorzurücken und sich da, von den

Uferhöhen gedeckt, in Kolonnen aufzustellen. Die Russen auf dem rechten

Flügel unter Sacken sollten die feindliche Front bei Liegnitz festhalten –

die Russen auf dem linken Flügel unter Langeron, die links von der

Wütenden Neiße von Hennersdorf bis zum Gebirge standen, müßten über die

Katzbach auf Goldberg, Yorck in der Mitte gerade nordwärts bei Kroitsch

die Katzbach überschreiten.

Die Befehle flogen den Kommandierenden zu und lösten bei ihnen

verschiedene Gefühle aus – aber als Allerletztes das des Gehorsams.

Sacken allein erwiderte dem Offizier, der ihm Blüchers Befehle

überbrachte: „Grüßen Sie den General: hurra!“

Aber sein Landsmann Langeron, der im Türkenkriege selbständig kommandiert

hatte, der sich ungern dem Oberkommando Blüchers fügte und sich als

bestellter Aufpasser des Hauptquartiers über ihn fühlte, da man ihm von

dort stets geheime Mitteilungen von den Instruktionen an Blücher gab,

dieser französische Emigrant erklärte kurzweg, er dürfe sein Korps nicht

aufs Spiel setzen.

Und Yorck wetterte und fluchte und tat einen Schwur: „eher werde er seinen

Degen zerbrechen, als über die Katzbach gehen!“

Kurz: mit der Disziplin bei den höheren Führern der Armee war’s übel

bestellt.

Der General Langeron war sogar noch weiter gegangen. Er kalkulierte, trotz

aller Befehle vorzugehen, daß es weder einen Angriff noch eine Schlacht

geben würde, sondern, wie im Frühlingsfeldzug, einen frischen, fröhlichen

Rückzug, und hatte, in weiser Fürsorge, bereits seine schwere Artillerie

nach rückwärts auf Jauer vorausgesandt. Durch diese Maßnahme fehlte sie

ihm nachher in der Schlacht.

Nach den ausgegebenen Dispositionen Blüchers wurde aber an dem Tage

überhaupt nicht gearbeitet.

Denn auch der Feind parierte nicht. Er blieb nicht wacker in seinen

Stellungen stehen, um auf den Besuch zu warten, sondern überschritt

unvermutet die Katzbach einige Stunden, ehe die Schlesische Armee es tun

sollte, und enthob so deren Obergeneral der Pflicht, seine obstinaten

Unterführer dazu zu zwingen.

Der Marschall Macdonald glaubte bestimmt die Schlesische Armee auf dem

Rückzug, und er hatte ja, nach den bisherigen Erfahrungen mit der

Kriegführung der Alliierten, allen Anlaß dazu. Um so mehr, da sie wirklich

vor einigen Tagen zurückgewichen waren, als Napoleon selbst mit seinen

Garden die Angriffsarmee verstärkt hatte. Jetzt war der Kaiser nach

Dresden zurückgeeilt, um sich der Hauptarmee der Alliierten

entgegenzuwerfen, und überließ Macdonald allein die Verfolgung. Weit

auseinandergezogen gingen die Franzosen zu diesem Zweck vor – und stießen

zu ihrer nicht geringen Überraschung auf die Blüchersche Armee, die in

voller Schlachtordnung aufmarschierte.

Man war beiderseits sehr überrascht über die Begegnung. Der Himmel gab

seinen Segen dazu, indem es wie seit Wochen in Strömen goß.

Frischer Mut und frohe Laune bei andauernd schlechtem Wetter ist nicht

jedermanns Sache.

Wenn der Himmel beständig voll grauer Wolken hängt, wenn Tag für Tag kaum

einmal ein Glimt von der Lichtspenderin zu merken und ein Ende der

Sintflut nicht abzusehen ist, dann schrumpft die Hoffnung zusammen, frohe

Zuversicht wandelt sich in bleiche Verzagtheit, und der Mensch möchte sich

am liebsten in irgendeine Höhle verkriechen und da, in Erwartung besserer

Zeiten, hindämmern, ohne noch die Hand zu rühren, um sie herbeiführen zu

helfen.

Gegen die Elemente ist Menschenwille machtlos. Und eine Welt, in der es

immerfort regnet, verlohnt sich nicht zu erobern.

So kam es wohl, daß ein aus Oberschlesiern bestehendes Bataillon nicht

stehen wollte, als einige Kanonenkugeln ihnen die ersten Grüße Frankreichs

aus den Schluchten hinaufsandte, die zur Wütenden Neiße hinabführten. Die

Schlesier gaben gleich Fersengeld und waren schon im Begriff, die anderen

Bataillone in Unordnung zu bringen, als der Führer der Avantgarde einige

Kanonen auf sie richten ließ und sein Ehrenwort gab, ihnen auch deutsche

Kugeln zu kosten zu geben, wenn sie sich von der Stelle rührten. Das

wirkte Wunder. Die Leute hielten sich nachher im dichtesten Kugelregen wie

alte, kriegsgewohnte Soldaten, und die Ehre der schlesischen Landwehr war

gerettet.

Der Feind war über die Katzbach das Tal der Wütenden Neiße heraufgekommen,

breitete sich von Schlauphof bis zu Dohnau aus und drang nun durch die

engen Schluchten nach dem Plateau hinauf, ohne zu ahnen, daß er da oben

die Hauptmasse der Schlesischen Armee versammelt finden würde. Blücher

beschloß, ihn heraufkommen zu lassen und sich dann auf ihn zu werfen und

ihn wieder in die Schluchten hinabzustürzen.

Yorck stellte seine Bataillone auf, aber nicht schnell genug und

vielleicht nicht ganz vorschriftsmäßig gerichtet. Denn das Oberkommando,

vom Obersten Müffling vertreten, fand daran zu tadeln. Der alte Yorck

wiederum fand, daß er es nicht nötig hätte, sich von Herrn von Müffling

sagen zu lassen, wie er seine Bataillone an den Feind zu bringen hätte.

Und inzwischen avancierte der Feind, ohne sich um die Kunststücke zu

kümmern.

Schließlich hatte Yorck seine Truppen in schlachtmäßiger Ordnung. Selbst

führte er die Brigade Hühnerbein am linken Flügel, Horn mit seiner Brigade

den rechten. Prinz Karl von Mecklenburg-Strelitz hielt die zweite Linie,

Steinmetz’ Brigade war in Reserve, die Reservekavallerie hinter dem ersten

Treffen. Und allen voran die Artillerie in vollem Feuern.

Der Feind wich – die Kavallerie fand die Zeit gekommen, ihm auf den Leib

zu rücken, und jagte in die feindliche Geschützlinie hinein, weit über sie

hinaus, nahm Kanonen, hieb Karrees zusammen, geriet aber bald selbst in

Auflösung und mußte zurück, als feindliche Reiterei in geschlossenen

Massen ihr entgegentrat. Das gab eine Jagd in umgekehrter Richtung, die

allerlei Verwirrung verursachte. Mehrere preußische Batterien gingen

verloren, die Chasseurs sausten zwischen die Bataillone des rechten

Flügels hinein, Yorck klagte schon, daß ihm der sichere Sieg aus der Hand

gewunden würde.

Und immerfort regnete es in Strömen. Die Munition bei Freund und Feind

wurde in gleich neutraler Weise vom Himmel durchnäßt, die Flinten schossen

wirklich, wie Blücher vorausgesagt hatte, ebensogut ohne wie mit

Zündlöchern – das heißt: kein Schuß ging ab, weder bei den Franzosen noch

bei den Preußen. Bajonette und Kolben, Lanzen, Säbel und Piken machten da

ganze Arbeit. Denn auch die Kanonen brummten nur mäßig in der dicken,

feuchten Luft. Es war die stillste Schlacht, die man sich denken konnte,

und doch eine der blutigsten und wütendsten des ganzen Krieges.

Schließlich gelang es der Infanterie, durch raschen Seitenangriff, der

französischen Kavallerie Herr zu werden. Die russischen Husaren warfen sie

weiter zurück, Sacken schwenkte, die feindliche Front überholend, rechts

ein. Da gab Blücher Befehl zum allgemeinen Angriff. Er setzte sich selbst

an die Spitze der Kavallerie, Yorck führte die Infanterie, und vor der

Wucht des Anpralls hielten die Franzosen nicht mehr stand. Mit blutigen

Köpfen kamen sie die Schluchten nach der Wütenden Neiße und der Katzbach

wieder herunter, und diese Gebirgsbäche, vom Regen angeschwollen, machten

gemeinsame Sache mit den Landeskindern und ließen die wenigsten von den

Feinden lebend wieder hinüber! Zu Tausenden ertranken sie in den

angeschwollenen Fluten. Die preußischen und russischen Kugeln schlugen in

die Massen hinein, die sich über die Brücken drängten. Es war ein Sieg,

wie sich der alte Blücher ihn nicht glänzender wünschen konnte.

Nur auf dem links von der Wütenden Neiße aufgestellten linken Flügel der

Armee unter Langeron gab es einige „Schweinerei“, die fast den Erfolg des

Tages auf das Spiel gesetzt hätte.

Man hatte sich da vom Feind zurückdrängen lassen und war gar im Begriff,

aus der vorzüglichen, alles beherrschenden Stellung bei Hennersdorf

abzuziehen, als Yorck, nach der Entscheidung rechts von der Wütenden

Neiße, die Brigade Steinmetz nach dem linken Ufer hinüberschickte, die

Gefechtslage dort wiederherstellte, Monsieur Langeron in die Offensive

zwang und mit ihm zusammen auch hier den Feind warf.

Achtzehntausend Gefangene, drei Generäle und eine Menge Stabsoffiziere,

hundertdrei Kanonen, zweihundertfünfzig Munitionswagen, Lazarette,

Feldschmieden, zwei Adler und andere Trophäen waren die Beute.

Die moralische Wirkung auf die Armee war aber ungeheuer, und die

wichtigste Errungenschaft des Sieges. Die bockbeinigen Herren

Untergeneräle mußten nolens volens, sich vor dem Glück beugend, die

Überlegenheit einer Führung, die vom Himmel so gut bedient wurde,

anerkennen.

Allein Blücher selbst machte sich in seiner rebellischen Art über seine

eigene Strategie lustig.

„Na, Gneisenau,“ sagte er plötzlich zu dem neben ihm reitenden

Generalquartiermeister, als sie sich am Abend in strömendem Regen nach dem

Hauptquartier in Brechtelshof zurückbegaben, „die Schlacht hätten wir

gewonnen, das kann uns eine ganze Welt von Theoretikern nicht abstreiten.

Nun laß uns auch mal daran denken, was wir klugerweisse zusammenbringen,

um den Leuten klarzumachen, _wie_ wir sie gewonnen haben. – Diesmal muß Er

die Strategie eben nachträglich zurechtmachen. Einen Plan müssen wir

gehabt haben! Das geht nicht anders! Was werden die Strategen sonst von

uns sagen, wenn wir uns erfrechen, so gegen alle Regel eine Schlacht

gewonnen zu haben?“

*

Im Schloß des Grafen Hohenthal zu Wartenburg war der Bankettsaal hell

erleuchtet.

Um die Tafeln eine ernste Gemeinde.

Ein blutiger Tag war zu Ende. Man feierte einen glänzenden Sieg –,

erfreute sich des Gelingens eines kühnen strategischen Manövers, von dem

eine entscheidende Wendung des ganzen Feldzuges zu erhoffen war.

Aber immer noch stand die Hauptmacht Napoleons ungebrochen da. Immer noch

flatterten die dreifarbigen Fahnen über der Hauptstadt seines sächsischen

Vasallen. Die Marseillaise schmetterte noch sieghaft wie bisher und

behauptete das Feld gegen die fremden Klänge, die rebellische Rhythmen in

das Konzert zu werfen suchten.

Von allen Seiten kam das Echo feindlich gefärbt zurück – aus den

böhmischen Bergen – aus der Lausitzer Gegend und nördlich von der Elbe,

kräftig genug, um der Welt zu zeigen, daß die Todesstunde der

französischen Alleinherrschaft geschlagen hatte.

Die Rollen waren vertauscht.

Jetzt war Napoleon nicht mehr der wilde Jäger, vor dem alles auswich und

vor dessen Ungestüm alles erlag. – Jetzt war er selbst das gehetzte Wild,

noch furchtbar, wo seine Pranke traf, aber nicht mehr als Sieger Gesetze

gebend.

Dem ersten Ansturm des aus Böhmen vorbrechenden Hauptheeres der

Verbündeten bot er siegreich Halt, schlug es bei Dresden entscheidend und

warf es ins Gebirge zurück. Und triumphierend jubelte die Marseillaise.

Aber aus allen Himmelsrichtungen antworteten die Hörner der Jäger mit noch

stärkeren Siegesklängen.

Bei Kulm war das ganze verfolgende Korps Vandammes vernichtet – an der

Katzbach Macdonald von Blücher aufs Haupt geschlagen worden. Auch der

Fürst von der Moskwa, Ney, und der Marschall Oudinot holten sich bei

Großbeeren und Dennewitz derbe Schläge von den Untergenerälen des

zaghaften Kommandierenden der Nordarmee, des zum Kronprinzen von Schweden

avancierten Bernadotte – Niederlagen, die die französische Stellung an der

Elbe, trotz Beherrschung der Elbfestungen, in Frage stellten.

Noch aber war die Lage nicht kritisch geworden.

Die Nordarmee der Verbündeten hielt sich vorsichtig zurück und nützte ihre

Siege nicht aus. Die Hauptarmee drückte sich noch immer in den böhmischen

Bergen herum und wartete auf Verstärkungen. Da brachte Blücher Bewegung in

das Ganze und zwang seine zögernden Mitarbeiter aus ihrer Zurückhaltung

heraus.

Er kümmerte sich den Teufel um die Hilferufe seines weit stärkeren

Waffenbruders Schwarzenberg, ließ die Hauptarmee Hauptarmee sein, schickte

ihr nicht einmal einen Knopf von den erbetenen fünfzigtausend Mann

Verstärkungen hin, marschierte statt links, wie man’s wünschte, rechts ab,

wie er selbst es wollte, nach Nordwest, die Elbe abwärts, an der

französischen Hauptmacht vorbei, täuschte inzwischen Napoleon durch eine

plötzliche Diversion des Sackenschen Korps auf Meißen, stellte diese und

noch andere russische Truppen nördlich der Elbe als schützende Kulisse

auf, hinter der er mit der Hauptmacht seiner Schlesischen Armee bis in die

Gegend von Wittenberg ziehen konnte. Dort ging er über die Elbe, stand mit

einem Schlag im Rücken der französischen Armee, bedrohte die rückwärtigen

Verbindungen Napoleons, manövrierte so diesen mit kühnem Griff aus Dresden

heraus und von der Elbe fort, und brachte zugleich Schwarzenberg vom Süden

und Bernadotte aus dem Norden in Bewegung. Denn jetzt mußten sie folgen

und helfen, den Ring um das Edelwild noch dichter zu schließen.

Im Schlosse zu Wartenburg tafelte Blücher mit seinen Offizieren nach

glücklich erkämpftem Elbübergang.

Der große Bankettsaal war hell erleuchtet.

In Kronen und Ampeln flammten die Kerzen. Durch die Löcher in den Wänden

und durch die zerschossenen Fensterscheiben funkelten die Sterne des

Himmels herein.

Ernst waren die Gesichter der Tafelnden und leise die Unterhaltung. Ein

jeder lauschte auf die gedämpften Trommelwirbel von draußen, wo in der

Abenddämmerung die Gefallenen bestattet wurden, die um den Sieg ihr Leben

gelassen hatten.

Blücher selbst, sonst eitel Frohmut und Laune, saß heute nachdenklich da.

Das Gelingen seines kühnen Unternehmens erfüllte ihn wohl mit Genugtuung.

Aber der hohe Preis des Sieges, das viele kostbare Blut, das heute hatte

fließen müssen, stimmte die Siegesfreude in Trauerklänge um.

Plötzlich ergriff er sein Glas und erhob sich von seinem Platz.

Feierlicher Ernst lag auf seinem Gesicht, seine Augen schimmerten in

feuchtem Glanz, und in der Stimme zitterte ein Ton tiefster Bewegung, als

er anhub:

„Lasset uns unsere Toten begraben. Widmen wir ein Glas den vielen

namenlosen Helden, die bis heute ihr Blut für die Befreiung unseres

Vaterlandes aus fremder Gewalt vergossen haben. Ein Name mag da für alle

gelten. Denn er, der ihn trug, war auch der Geringsten einer. Aus den

ärmlichen Verhältnissen nahm er seinen Aufstieg zur Höhe, wo jäh seine

Laufbahn endete, und zeugt so davon, daß nur wer vom Volke geboren wurde,

dem Volke Befreier werden kann.

Er wurde es.

Ihm, seinem Geiste, seinem unermüdlichen Schaffen verdanken wir, wenn wir

jetzt dastehen, wo wir heute sind, und hoffen können, das hohe Ziel zu

erreichen, für das wir alle unser Leben geben wollen.

Was das heißt, brauche ich keinem von euch zu sagen. Wir alle wissen, daß

wir als Volk so tief gesunken waren, daß die große Masse dem Unglück, das

unser Vaterland bis zur Grenze der Vernichtung niederwarf, fast

teilnahmslos gegenüberstand. Wir sind alle Zeugen der jähen Wandlung – wir

haben das Aufflammen der Begeisterung miterlebt, das hoch wie niedrig

ergriff und zu Heldentaten befähigte, von denen wir heute wiederum

staunende und ergriffene Zeugen gewesen sind.

Wer schuf sein Leben lang in stiller emsiger Arbeit die Waffe zu solcher

Tat? Wer lehrte sie uns gebrauchen? Wer war uns Freund, Organisator und

Mitstreiter, ohne zu ermüden, ohne sich Ruhe zu gönnen – auch nicht als

er, zu Tode verwundet, Erholung und Pflege haben mußte? Sei getreu bis in

den Tod – dies hehre Gebot erfüllte er ohne Zagen als erste und

selbstverständliche Pflicht.

Was befähigte ihn dazu, was trug ihn und uns mit ihm durch alle

Niederungen der Knechtschaft zur Freiheit empor?

Es war der zähe, durch nichts zu besiegende Widerstandsgeist unseres

Volksstammes, der wohl gebeugt, aber nimmermehr gebrochen werden kann, und

der, wenn es um das Heiligste auf Erden geht: um das Recht, frei unter

freien Völkern sein Haupt aufrecht zu tragen, in flammendem Zorn

emporlodert, um unwiderstehlich, wie das heilige Donnerwetter selbst,

alles hinwegzufegen, was sich erdreistet, sich dem in den Weg zu stellen!

Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman · 第 15 / 21 题