Die Rechte in die Weste geschoben, die Beine übereinandergeschlagen, der
Blick weit über Blücher hinaus in die Ferne schweifend, so stand er da, an
den Ofen gelehnt, ließ sich Vortrag halten und geruhte dann in Gnaden zu
sagen: die Idee wäre ganz gut, aber vorderhand nicht auszuführen! Sie
fordere Vorbereitungen! Und Vorbereitungen, das hieße Zeit haben! Indessen
wollte er sich alles genau überlegen!
Worauf Blücher gereizt erwiderte, überlegt und erwogen wäre schon mehr als
genug. Wollte man noch damit Zeit vertrödeln, dann ginge inzwischen die
günstige Gelegenheit verloren. Napoleon bekäme wieder frische Truppen,
Munition und Proviant und würde sicherlich nicht zögern, sofort vorzugehen
und die Russen über die Grenze zurückzuwerfen.
Das wäre ihm nicht unwillkommen, sagte dann der Renegat, ohne die Hand aus
der Weste herauszunehmen. Er würde sich sogar freuen, käme er bald aus
diesem elenden Ostpreußen wieder in seine geliebte russische Heimat
zurück.
„So, auf _die_ Weise?“ versetzte Blücher dann und rief den anderen
Offizieren, die mitgekommen waren, zu:
„Kommt, Kinder, hier haben wir nichts zu suchen! Wir sind verraten und
verkooft!“
Er drehte Bennigsen den Rücken und ging und fluchte, weil wieder eine gute
Gelegenheit versäumt wurde, wo durch rasche Entschlossenheit und schnelle
Tat alles gewonnen werden konnte. Aus seinem schönen Husarenstreich wurde
nichts.
Aber trotz alledem wurde am nächsten Morgen drüben bei den Franzosen Alarm
geblasen und ein Hallo gemacht, als würde die Welt aus den Angeln gehoben.
„Die Russen sind da! Die Preußen rücken an und fallen uns in die
Kantonierungen!“ schrie alles durcheinander. Die Trompeten schmetterten,
die Trommeln schlugen, Adjutanten und Stafetten flogen hin und her, man
schrie, kommandierte, fluchte und schimpfte.
Napoleon war außer sich über seine Gutmütigkeit, den alten Haudegen
Blücher so leichten Kaufes entlassen zu haben! Der war sicherlich nicht
mit geschlossenen Augen durch die französischen Linien gekommen! Der war
der rechte Mann, eine gute Gelegenheit auszunützen! Der kümmerte sich den
Teufel um schlechte Wege und Unbill des Wetters, auf die sich das
französische Feldkommissariat stets herausredete, nicht zum mindesten
jetzt, wo es außerstande war, Munition, Kanonen und frische Truppen
heranzuführen – vom Proviant gar nicht zu reden!
Die ganze Kavallerie sollte heraus, dem Feind entgegen und ihn aufhalten,
bis die anderen Truppen, die noch in ihren Quartieren zerstreut lagen,
versammelt wären.
Kaum befohlen, klabasterten die kleinen Chasseurs wie die Deubels gegen
die Passarge los, von wo man die ganze Nacht ein Geschrei und Getöse
gehört hatte, als wäre die große russische Armee eben im Begriff, über den
Fluß zu gehen.
Mit altgewohntem Elan ritten sie gegen die ungebetenen Gäste auf, die
Karabiner schußbereit, die Lanzen geschwungen. So kamen sie an das Ufer
der Passarge, ohne einen Schuß abzubekommen – hielten mitten im tollsten
Ansturm inne, sperrten die Augen und die Mäuler auf und dachten an alte
Märchen von Wassernixen, die als Schwäne vermummt das Weite suchen, wenn
Gefahr naht, und wunderten sich, wo die Moskowiter auf einmal das Fliegen
gelernt hatten, und wie die schmutzigen, bärtigen Kerls so schneeweiß wie
die Engel gen Himmel schweben konnten, wo sie doch eigentlich wie die
Teufel aussehen müßten und in die Hölle gehörten! Denn zu Tausenden und
aber Tausenden flogen bei Sonnenaufgang mit lautem Getöse wilde Schwäne
von der Wasserfläche auf, zogen ihre weiten Kreise, stiegen ohne
Aufenthalt ins Blaue hinein und ließen unten Lanzenreiter und Chasseurs
mit gestreckten Hälsen sitzen und gaffen und das große Wunder des
hereinbrechenden Frühlings anstaunen, gegen das kein Kaiser und kein König
mit seinen Rossen und Reisigen aufkommen kann, wie gewaltig und mächtig er
auch ist.
11
ZWISCHEN DEN SCHLACHTEN
Im Schlosse zu Königsberg saß, brav und bieder, Blücher am Teetisch der
Königin Luise und zupfte Scharpie. Er brummte wohl leise in den Bart,
schmunzelte aber dabei und gab sich nach Möglichkeit den Anschein, als sei
dies Werk der Liebe und nicht das rauhe Handwerk des Krieges so recht nach
seinem Sinn.
Er zupfte einen Faden – er zupfte zwei und legte sie behutsam vor sich auf
den Tisch.
Wären es Karten gewesen, sie wären schon anders dahergekommen!
Der dritte Faden flog auch bei dem Gedanken mit ganz anderem Schwung aus
der Hand und kam mit einem leichten Schlag auf die Platte.
Die Königin blickte von ihrer Arbeit auf und lächelte unfreiwillig.
Blücher lächelte zurück, und sein Gesicht strahlte in gläubiger Verehrung
und inbrünstiger Anbetung.
Denn um die schöne Königin herum tauchten vor seiner Phantasie plötzlich
all die Holden auf, denen seines langen Lebens Minnedienst gegolten hatte.
Heilige waren das wohl nicht gewesen! Er hatte aber auf den Knien vor
ihnen gelegen und hatte sie gläubig angebetet! Und aus der Erinnerung
seliger Stunden lächelten sie ihm noch heute ihren Dank zu, weil er es
verstanden hatte, ein wenig Sturm in ihre Stille zu bringen!
Heilige nicht – aber doch umstrahlt von der ewigen Glorie eines freudig
geschenkten und ebenso freudig empfangenen und erwiderten Gefühls – das
einzige, was dem Leben hienieden den vollen Abglanz der Ewigkeit zu
verleihen vermag.
So etwas mochte wohl in den Blicken des alten Frauenverehrers gewesen
sein, als er zu seiner jungen, liebreizenden Königin aufblickte. Aber
auch, daß sie _jetzt_ war, was die anderen alle nur noch gewesen waren –
der Inbegriff all dessen, was das Herz eines Mannes zur Anbetung zwingen
kann: Jugend, Schönheit und inniges Gefühl, das locken und necken und
kühnem Angriff Abwehr bieten konnte, aber auch, wenn es galt, einen Tanz
wagen und freudig mitfliegen mochte – kurz, gerade so bodenständig und
unheilig, wie sich das Herz eines alten Husaren die Mutter Gottes
vorstellen mag – so und nicht anders! – –
Die Königin verstand wohl auch Gedanken zu lesen, denn vor den feurigen
Blicken Blüchers senkten sich ihre Augen, und in ihr Lächeln kam ein
Anflug von Spott. Das genügte vollauf, um Blücher auf das gebührende Maß
alleruntertänigster Verehrung zurückzuführen.
Als Belohnung befahl die Königin, ihm Tee zu reichen, und tat gnädigst,
als merke sie gar nicht, wie er mit der Gewandtheit eines Taschenspielers
den Leinwandlappen, an dem er notgedrungen zupfte, unter dem Tisch in
seiner Säbeltasche verschwinden ließ.
„Es ist schön von Ihnen, General,“ sagte sie vielmehr, „daß Sie uns bei
unserem Liebeswerk so eifrig helfen wollen!“
Und Blücher in Wahl und Qual zwischen dem Tee und der Scharpie, griff
entschlossen nach einem neuen Leinwandstreifen und zog mit viel Mühe einen
Faden heraus.
„Wie immer gehorsamst zu Diensten, wenn Majestät befehlen!“ sagte er,
eifrig zupfend. „Ich gestatte mir aber alleruntertänigst darauf
hinzuweisen, daß es mir _bei diesem_ Liebeswerk viel an der rechten Übung
fehlt. Wir Soldaten sind gewohnt, in ganz anderer Weise mit der Scharpie
in Berührung zu kommen! Ich meine so, daß sie sich schmerzstillend auf
unsere Wunden legt. Und wenn wir dabei der zarten Hände gedenken können,
die, von Mitleid bewegt, uns so weiche Wohltat bereiten halfen, das
vermehrt die Heilkraft und stillt unsere Schmerzen sicherlich besser, als
wenn wir selbst sie zubereitet haben!“
Gesagt, und der zweite Lappen lag beim ersten in seiner Säbeltasche.
Die Königin lächelte.
„Wie schön Sie das auch vorbringen, General,“ sagte sie und schob ihm noch
ein paar Streifen zu, „wir erlassen es Ihnen doch nicht, uns zu helfen.
Der Wunden gibt es viel mehr als Hände, die Schmerzen zu lindern! Zupfen
Sie also brav weiter und erzählen Sie uns dabei von Ihren Irrfahrten –“
„Meine Irrfahrten, Majestät,“ sagte Blücher ernst, „die ergeben sich alle
aus einer einzigen unauslöschlichen Schmach, in der wir leider noch leben,
und von der ich alleruntertänigst mir zu gestatten bitte, nicht sprechen
zu müssen. Es sei denn, daß ich davon sprechen darf, wie wir sie wieder
gutmachen. Denn das ist kinderleicht!“
„Meinen Sie?“
„Das meine ich! Nur wollen und wagen und die gute Gelegenheit ausnützen,
dann hat’s keine Gefahr. Denn unsere Soldaten – nun, die haben bei Eylau
gezeigt, wie sich ein preußischer Soldat schlägt – sie haben da unsere
Waffenehre gerettet.“
„Das sind Helden!“ sagte die Königin gerührt. Und Blüchers Augen blitzten.
„Wie die Kerle da zu den Klängen des ‚Alten Dessauer‘ über die
Schneefelder Sturm liefen, daß die Bajonette im Abendsonnenschein
blitzten!“ sagte er begeistert. „Ich kann’s sehen, als wäre ich dabei
gewesen, wie sie mit der Gewalt einer Meeresbrandung alles vor sich
herfegten – ich kann den Donner ihrer siegenden Hurrarufe hören –, und
_das_, Majestät, das tut meinem Herzen wohl, nach all der Schmach!“
Er zupfte wieder ein paar Fäden und verbiß die Rührung.
„Und was ich jetzt von Kolberg höre,“ sagte er dann, „von den kühnen
Ausfällen Schills, von seinen Streifzügen, von dem heldenmütigen Geist der
Bürgerschaft, die von der Aufgabe der Festung nichts wissen wollte. So
hätte es überall sein müssen, die Leute hätten sich nur mit der Bitte um
andere Kommandanten an den König wenden sollen, da hätten wir alle unsere
Festungen noch. Denn es gibt unter uns mehr solche Leute wie der Major
Gneisenau, der sich jetzt so brav in Kolberg hält. Aber – – wenn man
bedenkt, daß die vierzehn preußischen Generäle, die in Magdeburg gefangen
wurden, zusammen dreizehnhundert Jahre alt waren – da ist’s kein Wunder!“
Die Königin lächelte.
„Es können nicht alle so jung sein wie Sie, General“, sagte sie mit
sanfter Anspielung auf seine fünfundsechzig Jahre.
„Gewiß nicht, Majestät“, antwortete Blücher unbefangen. „Aber wenn wir
jungen Leute nicht die vielen Vordermänner gehabt hätten, dann hätten wir
ein Kommando gehabt und Gelegenheit, manches anders und vielleicht auch
besser zu machen!“
Der Königin war es peinlich, in ihrem Salon so offenen Tadel über Leute zu
hören, unter denen es doch manchen verdienten Mann gab. Sie unterbrach den
General.
„Sie wollten mir doch von Ihren eigenen Taten erzählen“, sagte sie, ohne
von ihrer Arbeit aufzublicken.
„Zu Befehl!“ sagte Blücher. „Ich war auch dabei, alleruntertänigst von den
Taten zu referieren, die ich wohl planen, aber noch nicht ins Werk setzen
durfte!“
Die Königin empfand den unausgesprochenen Vorwurf gegen den König, der in
der Antwort verborgen war, und antwortete nicht, blickte auch nicht von
ihrer Arbeit auf.
Blücher benutzte rasch die Gelegenheit, wickelte unterm Tisch den
Leinwandstreifen vom Finger ab und ließ ihn wie die anderen schnell
verschwinden. Aber doch nicht so schnell, daß es die Königin nicht sah.
Sie lächelte wieder und blickte ihn an.
„Wir verstehen wohl, worauf Ihre letzten Worte hindeuten“, sagte sie
gnädig. „Uns sowohl wie dem König wäre es auch lieber, Ihren Mut und Ihre
Einsicht in geeigneterer Weise betätigt zu wissen, als es jetzt leider der
Fall sein kann. Wir bedauern am meisten, daß Sie nicht hoch zu Roß, an der
Spitze einer Armee, gegen die Eindringlinge vorstürmen können. Am König
und an mir liegt’s nicht, wenn Ihren Wünschen nicht stattgegeben werden
konnte. Ich meinerseits kann Sie also heute nur so beschäftigen wie jetzt
und dazu den Vers machen: Kommt Zeit, kommt Rat! Aber Sie haben kein
Leinen mehr, lieber General – hier!“ und sie reichte ihm höchstselbst
wieder einen neuen Streifen.
Er nahm ihn gehorsamst, dankte alleruntertänigst, zupfte an seinem
Schnurrbart, blickte melancholisch in seine Teetasse und sehnte sich
unchristlich nach einem guten Rotspon und einer Pfeife echten Knasters,
fand sich aber dann in die Plage, schlürfte gottergeben seinen Tee und
zupfte einen Faden – zupfte gar zwei.
„Halten zu Gnaden,“ sagte er dann plötzlich und ließ die Hand aufs Knie
sinken, „wollen Majestät gnädigst verzeihen, wenn ich trotz dem Gesagten
es doch wage, Majestät um Allerhöchstdero Vermittelung beim König
anzuflehen! Denn noch ist es nicht zu spät, gegen den Franzmann
vorzugehen! Noch ist die Gelegenheit gut!“
„Zeigen Sie Ihren guten Willen, zupfen Sie brav!“ sagte die Königin
scherzhaft, ohne auf den ernsten Ton des Generals einzugehen. Denn sie
hatte wiederum gesehen, wie der spitzbübische Alte einen ihrer kostbaren
Leinwandfetzen in seine Säbeltasche schmuggelte. „Sie müssen mir noch
einen ganzen Haufen Scharpie abgeben. Wer weiß, welche Ritterdienste Ihrer
noch harren, wenn Sie die Probe mit Glück bestehen!“
Blücher fügte sich und zupfte brav eine Weile und dachte dabei zurück an
die Friedenszeit in Münster, mit der vielen unfreiwilligen Schreibarbeit,
in der er damals nicht allzu eifrig mit seinem Freunde Stein wetteiferte!
Ob Stein es sich wohl auch mitten im Krieg gefallen lassen würde, acht
Tage hintereinander Tee zu trinken und Scharpie zu zupfen, statt seine
Pläne zum Wohle des Staates mit aller Energie auszuführen?
Er lachte innerlich bei dem Gedanken an seinen schroffen, stämmigen alten
Freund, den wohl nicht einmal der Liebreiz der Königin Luise gezwungen
haben würde, so galant zu sein!
Stein hatte übrigens jedem Mißbrauch seiner Kraft vorgebeugt. Er hatte
seine Meinung offen und ungeschminkt dem König ins Gesicht gesagt und
seine Strafe empfangen – war ungnädig entlassen worden, gerade jetzt, wo
er mehr denn je nötig war.
Der Gedanke machte Blücher zornig. Er knüllte den Lappen in der Hand
zusammen, hob, ohne diesmal zu schmuggeln, seine Säbeltasche hoch, schob
mit trotziger Energie die Hand hinein und tat ohne Umschweife den Lappen
zu den anderen.
„Ei, die schöne Säbeltasche!“ sagte die Königin. „Geben Sie her, General!
Die muß ich mir genau ansehen!“
Und Blücher hakte gehorsamst die Säbeltasche los und überreichte sie
seiner hohen Gebieterin.
Die Königin nahm sie, betrachtete sie genau, drehte und wandte sie nach
allen Seiten, untersuchte, wie sie zu öffnen sei, blickte auch hinein und
fand ihre geraubten Leinwandfetzen drin hübsch säuberlich
beieinanderliegen.
„Ach sieh“, sagte sie hold lächelnd und hielt ihren wiedergewonnenen
Schatz hoch. „Seht nur den braven General Blücher! Nicht genug, daß er
sich hier bei uns im Dienste der Nächstenliebe bemüht, er will sich auch
zu Hause weiter betätigen – er hat sich Arbeit mitgenommen! Fürwahr, ein
leuchtendes Beispiel ritterlichen Opfermuts. Indes, das dürfen wir nicht
annehmen. Die Leinenstreifen behalten wir hier. Sie werden doch nicht
darum kommen, sie zu zupfen, General! _Wir heben sie Ihnen bis morgen
auf_, wo wir Sie wiederum zum Tee und Scharpiezupfen erwarten!“
Worauf die Königin die Säbeltasche zurückgab, die Leinwandstreifen vor
sich auf den Tisch legte und sie ausglättete.
Blücher war aber einer schönen Dame gegenüber niemals auf den Kopf
gefallen, auch nicht, wenn es eine Königin war. Er stand also auf,
verbeugte sich galant, nahm der Königin rasch wieder seine ersparten
Leinwandstreifen ab, drückte sie gegen sein Herz und sagte: „Halten zu
Gnaden, Majestät, wenn ich diese Leinwandstreifen an mich nahm, so war es
keinesfalls, um sie zu Hause noch in Scharpie zu verwandeln, vielmehr, um
sie davor zu bewahren. In der Armee gibt’s so manchen ritterlich gesinnten
jungen Mann, der jederzeit bereit ist, mit Freuden Blut und Leben für sein
Königshaus und seine Heimat zu opfern. Unter all den jungen Leuten gibt’s
aber keinen – wie auch unter uns alten nicht –, der nicht das Bild unserer
liebreizenden Königin im Herzen trüge. Sie ist in Wahrheit unsere
Schutzheilige geworden. Und deshalb wollte ich den kühnsten unter den
wackeren Streitern diese Streifen verehren, auf daß sie sich damit
schmücken wie früher der Ritter, wenn er in die Schranken ritt, die Farben
seiner Herzensdame am Helm, und so zu immer größeren Heldentaten entflammt
werden.
Das dünkt mich der Sache unseres Vaterlandes nützlicher, als wenn daraus
Scharpie gemacht wird!“
„Uns aber nicht“, sagte die Königin, die ein leichtes Erröten bei den
Worten des alten Schwerenöters nicht unterdrücken konnte. „Wir freuen uns
über die Zuneigung, die aus Ihren Worten spricht, Herr General, sind aber
nicht so eitel, für unsere Person Ritterdienste anzunehmen, die einzig und
allein dem Lande zu gelten haben. Die Leinwandstreifen geben Sie mir nur
wieder her. Wir haben dafür etwas anderes, das wir Ihnen in die
Säbeltasche hineintun möchten, damit Sie doch nicht ganz leer ausgehen.
Hier –“, sie entnahm einem, auf einer Konsole neben ihr stehenden Nähkorb
einen Brief und reichte ihn Blücher. – „Nehmen Sie das mit, aber lesen
Sie’s erst, wenn Sie zu Hause sind! Der König gab es mir für Sie! Er
schreibt Ihnen hoffentlich viel Erfreuliches drin! Und nun wollen wir Sie
für heute nicht länger in Anspruch nehmen. Sie werden neugierig sein und
wissen wollen, was in dem Briefe steht!“
Sie reichte Blücher die Hand, und er küßte sie, verbeugte sich tief und
ging.
Schon im Vorzimmer erbrach er das königliche Schreiben.
Es enthielt die Ernennung zum Kommandanten eines neu zu bildenden Korps,
das von Pommern aus, mit schwedischen und englischen Hilfstruppen vereint,
im Rücken der französischen Armee operieren, so die Bewegungen der
Hauptarmee erleichtern und womöglich auch die beiden Festungen Kolberg und
Danzig entsetzen sollte.
Die Ernennung erfolgte auf ausdrückliches Ersuchen des Königs Gustav Adolf
von Schweden, der den General Blücher gern zum Befehlshaber des
verbündeten preußischen Kontingents haben wollte.
„Da wären wir gewissermaßen wieder in schwedischen Diensten angelangt“,
sagte Blücher, steckte das Schreiben ein und verließ das Schloß, nicht
gerade erfreut. Ihm wäre es lieber gewesen, schon jetzt und in ganz
anderer Weise den großen Wurf gegen Napoleon zu wagen, der so mit Händen
zu greifen und gar nicht zu verfehlen war.
Dagegen dünkte ihn jenes Kommando in Schwedisch-Pommern wie eine
Verbannung.
*
Es war ein heißer Sommertag. Der Roggen blühte, die Ähren standen dicht
und steif über den Feldern am Memelfluß.
Hier und dort stieg eine leichte Wolke feinen Samenstaubs in die Luft,
schwebte in niedriger Höhe über den Feldern und senkte sich wieder.
Kein Blatt bewegte sich.
Inmitten eines Feldes, unweit vom Fluß, rieselte eine leichte Bewegung
durch die Ähren und pflanzte sich im Zickzack quer durchs Feld fort bis
zum Grabenrand.
Und da kam – eine Maus heraus, blickte sich scheu nach allen Seiten um und
lief dann im Grase weiter dem Fluß zu. Aber nicht vorsichtig genug, um
unbemerkt zu bleiben.
Der scharfe Blick eines Bussards, der hoch oben in den Lüften seine Kreise
zog, hatte die Bewegung in den Ähren erspäht. Kaum hatte die Maus den
schützenden Strohwald verlassen, so schoß er pfeilschnell hinunter, packte
sie und schwang sich hoch über dem Fluß in die Höhe, seinen Raub in den
Krallen.
Ein Schuß – ein krampfhaftes Schlagen mit den Flügeln – die Krallen ließen
ihre Beute los – ein kurzes hilfloses Flattern, und dann stürzte der
Räuber schwer getroffen zu Boden.
Sein Opfer aber schwamm gerettet unten im Fluß auf das nächste Ziel zu –
ein mächtiges Floß, das mitten im Wasser verankert lag.
Von keinem bemerkt, erreichte die Maus die rettenden Planken, kroch aus
dem Naß herauf, lief rasch über das Floß auf einen daraufstehenden
Pavillon zu, schlüpfte unter den Vorhängen hinein und verschwand.
Es war kein gewöhnliches Floß, auf dem die Maus so unverhofft gelandet
war.
Über Nacht auf Befehl eines mächtigen Kaisers entstanden, trug es auf
seinem glatten Bretterbelag einen aus kostbaren Stoffen und Teppichen
hergerichteten Pavillon, bestimmt, die beiden größten Herrscher und
Gebieter der gewaltigsten Kriegshaufen der Erde zu friedlicher Zwiesprache
zu vereinen.
Der Zar aller Reußen, bei Friedland blutig aufs Haupt geschlagen, hatte
Napoleon um Waffenstillstand gebeten und zugleich den Wunsch geäußert, den
„größten Mann des Jahrhunderts“ persönlich zu sprechen.
Napoleon willigte ein, legte die Zusammenkunft auf den nächsten Tag – den
fünfundzwanzigsten Juni – und gab seinem Artilleriegeneral Lariboissière
den Befehl, für einen möglichst pomphaften Rahmen zu sorgen.
Mitten im Fluß, wo die Demarkationslinie verlief, wollte der Sieger den
Besiegten empfangen.
So kam es, daß gegen Mittag an den Ufern des Memelflusses die beiden
feindlichen Armeen Aufstellung nahmen.
Was an Bevölkerung da war, wurde gleichfalls zusammengetrommelt, um mit
dem bevorstehenden, glanzvollen Schauspiel beglückt zu werden.
Alles war also vereinigt, was zu einer gelungenen Vorstellung gehört: ein
geräumiger, leicht zu überblickender Schauplatz, prunkhafte Dekorationen,
ein dankbares Publikum und eine stimmengewaltige, gut gedrillte Claque.
Die Hauptdarsteller ließen noch auf sich warten.
Der Schuß, der vorhin flußaufwärts gefallen war und der dem Mäusebussard
das Leben gekostet hatte, hatte nicht viel Aufregung verursacht.
Man hatte das Opfer gesehen und den Täter als einen der Baumeister des
Flosses festgestellt, dem kein Attentatsgelüst auf einen hohen Herrn
zuzutrauen war.
Das Publikum hatte den Knall als Zeichen zum Beginn des Spektakulums
aufgefaßt und war enttäuscht, weil nichts daraus wurde.
Denn noch hatte die Uhr nicht eins geschlagen. Und pünktlich um eins
sollte die weltbewegende Begegnung stattfinden.
Die Zeitchronisten haben es unterlassen, die hochwichtige Feststellung zu
machen, ob die Uhr die Ehre hatte, nach französischer oder russischer Zeit
die bedeutsame Stunde zu schlagen.
Die russische Uhr geht bekanntlich vor.
Aber Rußland war besiegt und konnte also gereimterweise keinen Anspruch
auf den Vortritt erheben. Und der Franzmann ist galant, wenn er nur als
Sieger einherschreiten darf, und demütigt seinen Besiegten nur, wenn er
von ihm keine Vorteile erhoffen kann.
Anzunehmen ist wohl, daß die Arrangeure des Schauspiels sich auf
preußische Zeit geeinigt hatten, da man ja Preußen erobert und es auch
sonst in jeder Hinsicht in der Tasche hatte.
Preußen gab den Boden für die Veranstaltung her, die Bohlen und Bretter,
Stoffe und Teppiche und das ganze gemeine, schaulustige Volk. Es würde
überhaupt die Zeche zu zahlen haben. Warum sollte es denn nicht auch die
Zeit angeben!
Im übrigen war Preußen nicht zum Friedensfest geladen.
Der König von Preußen war wohl bei der Kunde vom Waffenstillstand schnell
nach dem kleinen Jagdschloß Szawl geeilt, wo der Zar sein Hauptquartier
hatte, und folgte dem Zaren von dort nach dem Dorfe Picktupöhnen, Tilsit
gegenüber, wo sie beide Wohnung nahmen.
Er war mit Recht besorgt. Denn weder war er gefragt worden, noch hatte man
ihn in die Konvention über den Waffenstillstand mit aufgenommen.
Er hätte sich mit Recht sogar entrüsten können.
Denn vor kaum zwei Monaten hatte der Zar mit ihm eine andere Konvention
geschlossen, in der sich beide Vertragschließenden verpflichteten, nur
gemeinsam die Waffen niederzulegen.
Aber als regierender Herr wußte der König wohl Bescheid, welche Sonderheit
solche politischen Verträge an sich haben.
Er hielt jedoch nicht mit Vorwürfen zurück.
Der Zar aber nahm die Sache weiter nicht tragisch.
Er befand sich in der Lage eines jungen Mannes von Welt, der das Pech
gehabt hat, ein Spiel zu verlieren. Mit unbefangener Miene begleicht er
den Verlust. Wie hoch er auch ist, der gute Ton gebietet, ihn als
Bagatelle anzusehen. Man verbeißt sich den Ärger, nimmt frische Karten und
versucht bei einer neuen Runde noch einmal sein Glück – bis es sich einem
zuwendet.