Bluchêre –“

Sie falteten das Dokument zusammen, legten die Finger an ihre Käppis und

salutierten mit ausgesuchter Höflichkeit die ihnen reichlich gezeigte

Hinterfassade des alten Haudegens, lächelten sich an, schüttelten die

Köpfe, rollten ihre kleinen Rattenaugen, daß sie lustig funkelten, drehten

die Schnurrbärte spitz in die Höhe, und verließen dann mit Grazie die

Höhle des Löwen, ohne von ihm eines Blickes gewürdigt zu werden.

*

Blücher begab sich zunächst als Kriegsgefangener nach Hamburg und hatte

die Genugtuung, nach einigen Tagen Scharnhorst dem König senden zu können.

Er versäumte nicht, ihn dem Monarchen angelegentlichst zu empfehlen und

die Verdienste seines Generalquartiermeisters während des Rückzuges im

hellsten Lichte strahlen zu lassen.

Der Einfluß Scharnhorsts zeigte sich bald.

Der König hatte im Zeitraum von kaum drei Monaten so viele Schläge auf

sein Land niedersausen sehen wie kein anderer preußischer König vor ihm.

Außer den Kapitulationen im freien Felde hatten die Festungen Erfurt,

Spandau, Stettin, Küstrin, Magdeburg, Czenstochau, Hameln, Fort

Plessenburg bei Kulmbach sich ergeben, und Glogau und Breslau würden, nach

allem zu schließen, bald folgen. Trotzdem war der König noch ungebeugt. Er

hatte gesehen, was morsch und baufällig in seinem Staate war, aber auch,

daß noch frische und unverbrauchte Kräfte vorhanden waren. Das hatte ihm

den Mut gegeben, ungesäumt an den Aufbau seines in Trümmer sinkenden

Staates zu gehen.

Zunächst fing er da an, wo der Schaden am offenkundigsten zutage getreten

war, bei der Armee.

Die Armee hatte es beim Volke verspielt! Preußischer Offizier zu sein, war

eine Schande geworden! Alle Welt fand sich befugt und berechtigt, die

Offiziere zu verhöhnen und zu beschimpfen! Der lang verhaltene Neid über

ihre bevorzugte Stellung kam jetzt elementar zum Ausbruch und machte sich

in der gehässigsten Form Luft, durch Pamphlete, in den Zeitungen, durch

öffentliche Insulten!

Es galt also, der Armee die Stellung in der allgemeinen Achtung

wiederzugeben, die sie als erste und unentbehrlichste Dienerin des Staates

haben mußte, um ihres Amtes mit Erfolg walten zu können.

Es galt, ihr vor allem das Vertrauen zu sich selbst wiederzugeben! Es

galt, sie zu reinigen! Und das konnte wiederum nur der Offizier selbst

tun.

Der Offizier sollte selbst den Offizier richten! Jedes Regiment sollte ein

Tribunal einsetzen, vor dem ein jeder Offizier, der sich im Felde irgend

etwas hatte zuschulden kommen lassen, sich zu verantworten haben würde!

Die Gutachten dieser Tribunale sollten alle an eine Immediatkommission

gehen, die schließlich die Urteile nebst Begründung und genauem Bericht

dem König unterbreiten müßte.

Am 1. Dezember 1806 erließ der König von Ortelsburg aus, während alles um

ihn wankte, sein ewig denkwürdiges „_Publikandum wegen Abstellung

verschiedener Mißbräuche bei der Armee_“.

Von dem Tage der Veröffentlichung dieses Aktenstückes an datiert die

Neuschöpfung der preußischen Armee, die sie zu der ersten der Welt gemacht

hat. Das Publikandum Friedrich Wilhelms des Dritten war der erste Baustein

in der Grundmauer, auf der sich sein Reich zum Heile Deutschlands wieder

neu aufbauen sollte.

Und Blücher hatte da geholfen, die richtigen Mitarbeiter zu finden.

Wie der Magnet das Eisen, so zog der alte Haudegen alles Tüchtige an sich,

sonderte es so von allem Untauglichen und brachte es an den Tag. Und das

war schließlich nicht das am wenigsten Wichtige in seiner Lebensleistung!

10

ZWEI WELTEN

„Nun, Monsieur Roustan, wenn man Ihnen von der Redaktion des _Courrier

français_ wieder einen Interviewer schickt, um Ihre Ansichten über das

Stück Langeweile zu erforschen, das wir hier in den polnischen Sümpfen

aufführen, was würden Sie antworten?“

Roustan, der Leibmameluck des Kaisers, pflanzte sich breitbeinig mitten im

Zimmer auf, steckte die Hände in die Taschen seiner weiten Pumphosen, warf

sein turbanverziertes Haupt zurück, gähnte, als wollte er den Kronleuchter

verschlucken, drückte dann sein glattrasiertes Kinn in das Halstuch hinein

und bohrte seine Blicke verächtlich in sein Gegenüber.

„Ich würde,“ sagte er, „dem Herrn vom _Courrier français_ genau das

gleiche antworten wie Ihnen, Monsieur Constant, daß man hier in diesem

verfluchten Nest überhaupt keine vernünftigen Ansichten haben kann!“

„Sie sind eben verwöhnt, Monsieur Roustan!“ sagte Constant und drehte

seine schlanke Figur vor dem Spiegel, schlug ein paar Staubkörner vom

Ärmel seines grünen, goldgestickten Rockes, zupfte das Spitzenjabot über

der weißen Weste zurecht, nahm aus der Tasche seiner schwarzen Atlashose

eine Handvoll Goldstücke, ließ sie von einer Hand in die andere rieseln

und steckte sie wieder ein. „Sie verlangen Opern, Schauspiele, Hoffeste,

Sie wollen Ihre tägliche Suite von Bittstellern, die durch Sie an den

Kaiser heranzukommen hoffen, Sie wollen Ihre goldene Ernte, Ihre Geschenke

– –! Sie können aber nicht verlangen, in jedem polnischen Nest ein Paris

zu finden! Sie können nicht erwarten, täglich hier von Malern um Sitzungen

bestürmt – oder von Frauen um Rendezvous – oder von Fremden als größte

Sehenswürdigkeit der Residenz angestaunt zu werden! Das strengt

schließlich auch an, wenn es auch ein hübsches Stück Geld einbringt! Sie

müßten froh sein, ein paar Monate mit dem Betrieb aussetzen zu können! –

Oder gehört es zu Ihren unumgänglichen täglichen Lebensbedürfnissen, jeden

Morgen im _Courrier français_ ‚Roustans Eindrücke‘ von den

Tagesereignissen zu lesen? Glauben Sie, wir können Europa nicht erobern,

ohne daß Sie Ihren journalistischen Senf dazugeben?“

„Sie sind neidisch, Constant“, erwiderte Roustan. „Sie wissen, daß ich für

Journalisten nicht zu sprechen bin. Einmal nur habe ich mich dazu

hergegeben, nach der Premiere der Oper La Caravane mich ausfragen zu

lassen. Das war Pflicht. Denn die Wüste, die man auf der Bühne hingestellt

hatte – – ich sage Ihnen hahnebüchen, direkt hahnebüchen! – Das verstehen

aber die Pariser nicht! Da habe ich, als einzige Wüstenautorität – nun,

die Würde werden Sie wohl uns Mamelucken nicht abstreiten können –, da

habe ich der feinen Welt von Paris die Wüste klargemacht. Denn man

applaudiert nicht bei einem derartigen Schwindel! – Aber wozu davon reden?

Das alles ist Kinderei. Wenn ich mich von hier fortsehne, hat das ganz

andere Gründe!“

„Sie sind eben undankbar, Roustan! Sie dürfen täglich um den größten Mann

der Welt sein. Sie dürfen dabei sein, wo Weltgeschichte gemacht wird,

dürfen aus nächster Nähe zusehen, wie die Welt gelenkt wird! Sie werden

von Tausenden um diesen Vorzug beneidet, und Sie interessieren sich so

wenig, daß Sie keine Ansichten haben.“

„Nehmen Sie ruhig an, Monsieur Constant, daß es nichts als Diskretion

ist“, brummte Roustan gleichgültig, nahm seinen blauroten Turban ab und

strich dessen Reiherfeder zurecht. „Sie fühlen sich doch auch nicht wohl

in diesem Polennest, wo’s nichts als Morast, Regen, Nebel und Kälte gibt,

wo keine Menschen, die man Menschen nennen kann, zu sehen sind, außer

unseren Soldaten, wo’s überhaupt kein Leben gibt, kein Treiben, kein

Theater, keine Feste!“

„Keine Pariserinnen!“ lachte Constant.

„Nun, dort hat man eben seine Freundinnen! Aber hier – nun – für sich

selbst sorgt der Kaiser schon! Aber für uns –! Wenn ich wenigstens meine

Nachtruhe hätte! Aber seitdem er die Liaison mit der schönen Polin hat,

seitdem er so kindisch verliebt ist, seitdem schläft er überhaupt nicht

mehr, seitdem ruft er mich jede Nacht immer wieder! Wenn Sie ein Mensch

wären, Constant, würden Sie mich einmal ablösen und statt meiner vor

seiner Tür schlafen, damit ich einmal ausruhen kann.“

„Ich denke nicht daran“, sagte Constant lächelnd. „Ich habe tagsüber

ohnehin so viel mit ihm zu schaffen, daß ich meine Nachtruhe vollauf

verdiene. Aber – in anderer Weise komme ich Ihnen gern zu Hilfe.“

„Wie denn?“

„So, daß ich für die Ruhe seines Gemüts sorge. Der Kaiser muß eben anders

werden. So wie jetzt, geht es nicht weiter, sonst verlieren wir den

Feldzug! – Wir regieren ja nicht mehr, wir führen den Krieg nicht, alles

schläft ein, und keine Andeutung hilft. Er ist in Gedanken, er hört nicht,

er lächelt manchmal still in sich hinein, oder er seufzt und spricht vor

sich hin! Verstehen Sie das? Er, der Mensch aus Stahl, dem man noch

niemals eine Leidenschaft ansah, außer der einen: tätig zu sein, Tag und

Nacht Anordnungen zu treffen, die ins Getriebe der ganzen Welt eingreifen

– er benimmt sich jetzt wie ein ganz gewöhnlicher junger Mensch, der zum

erstenmal zu tief in die Augen eines jungen Mädchens geblickt hat! Das ist

entschieden ungesund. Er ist krank. Und da habe ich eben auf eigene Faust

eingegriffen und ihm einen Helfer hierherbestellt, der sein Ohr hat.“

„Wen denn?“

Ehe Constant antworten konnte, öffnete sich die Tür, und eine seltsame

Gestalt trat über die Schwelle.

Roustan lachte laut auf.

„Der soll ein Helfer sein?“ rief er und deutete auf den kleinen,

buckligen, gebeugten Herrn, dessen gestickte Hoftracht nur dazu vorhanden

zu sein schien, die Gebrechen seiner äußeren Erscheinung recht deutlich

hervorzuheben.

Zwischen seinen hochgeschobenen Schultern lag ein mächtiger Kopf mit

kräftiger Hakennase und glühenden, von buschigen Brauen beschatteten

Augen, wie in ein Vogelnest versunken. – Sein Degen schlug ihm gegen die

schiefen Waden und verwickelte sich bei jedem Schritt in ihnen. Er blieb

an der Tür stehen und kaute an seinen krallenartigen Fingern.

„Seit wann,“ lachte Roustan, „seit wann ist es Brauch geworden, in

Liebessachen den Hühneraugenoperateur zu konsultieren?“

Constant antwortete nicht, sondern wandte sich mit strenger Miene dem

Neuangekommenen zu.

„Sie haben uns lange warten lassen, Herr König!“ sagte er kurz in

gebieterischem Tone. „Sie hätten bei einigem Diensteifer schon vorige

Woche hier auf Finkenstein sein können. Wo sind Sie solange geblieben?

Haben Sie die Gelegenheit benutzt, sich erst in Ihrer deutschen Heimat

umzusehen?“

„Was Heimat“, kreischte der sonderbare Mann in verdrießlich schnarrendem

Ton. „Ich habe keine Heimat, ich pfeife auf derartige Sentimentalitäten!

Paris ist mir auch keine Heimat. Paris ist der Platz, wo ich mein Geschäft

betreibe. Und was das betrifft, daß ich hier zu spät komme, so läßt mich

das kalt. Wo in aller Welt käme wohl ein Hühneraugenoperateur früh genug?

Erkundigen Sie sich übrigens bei den Postillionen, die mich gefahren

haben, wenn Sie neugierig sind. – Fragen Sie die Soldaten, die meinen

Wagen zwei Tage lang in dem Loch stecken ließen, in das wir hineingeraten

waren, und die sich auch dann noch nicht beeilt haben würden, meinen Wagen

aus dem Dreck zu ziehen, wenn nicht der Wagen des Marschalls Lefebvre

sonst nicht hätte vorbeikommen können. Nichts hat bei den Lausekerls

geholfen, keine Bitte, kein Trinkgeld –“

„Nun, wenn der Herr Doktor Tobias König ein Trinkgeld verspricht, dann

rühre ich mich auch nicht!“ sagte Roustan, der seine Erfahrungen in diesen

Dingen bei hoch und niedrig zu machen pflegte. „Da bleibt’s für gewöhnlich

beim Versprechen.“

„Auf Ehre!“ rief der kleine Kerl. „Ich habe die Börse gezogen – ich habe

ihnen Geld gezeigt – schönes rundes Geld –, vollwichtiges Goldgeld!“

„Goldgeld! Ha, ha!“ lachte Roustan!

„Die haben gelacht wie Sie“, fuhr der andere fort. „Sie haben gesungen,

sie sind weitergezogen und haben mich sitzenlassen. Da habe ich ihnen

nachgerufen: ‚Auf Befehl des Kaisers –‘, aber sie haben auch dann nicht

Hand angelegt, sie haben bloß gefragt: ‚Wer bist du denn?‘ Und da werde

ich nicht so dumm sein, zu sagen, ich bin Tobias König, der kaiserliche

Oberhoffußarzt – ich habe mich schön gehütet! Einen Juden würden die nur

tiefer in den Morast gestoßen haben! Ich habe mich damit begnügt, mich in

meinen Mantel zu hüllen, ich habe eine gestrenge Miene aufgesetzt, mich in

die Wagenecke gedrückt und mit aller Würde gefragt:

‚Wißt ihr nicht, wer ich bin? – Ich bin der Fürst Talleyrand, der Minister

des Auswärtigen.‘ Da haben sie noch mehr gelacht. ‚Nun, wenn du so ’ne

miserable Politik machst, daß wir in diesen polnischen Morästen monatelang

steckenbleiben, dann schadet’s dir nichts, wenn du auch selbst drin

sitzenbleibst!‘ Und sie haben gelacht und sind weitergegangen!“

„Nun,“ sagte Constant, „die Wege sind allerdings nicht berühmt. Wir wollen

Ihre Entschuldigung für diesmal gelten lassen. Aber ein anderes Mal werden

wir nicht so gutmütig sein. Jetzt werde ich den Kaiser wecken. Warten Sie

hier, Monsieur König! Wenn wir Sie heute benötigen, werden wir Sie rufen!“

Er ließ sich von einem Lakaien einen brennenden Armleuchter geben und sah

nach der Uhr auf dem Kamin; als der Zeiger auf Punkt halb sieben stand,

ging er auf die Tür des Schlafgemachs zu, öffnete sie behutsam und trat

leise hinein.

Roustan beeilte sich, die Tür hinter ihm zu schließen, und stellte sich

davor.

Napoleon war schon wach. Er lag behaglich ausgestreckt in seinem breiten

Bett, von mächtigen Plumeaus zugedeckt, den Kopf mit einem roten, weiß und

blau punktierten Seidentuch umbunden, das über der Stirn zusammengeknotet

war.

Constant stellte den Armleuchter auf den Kaminsims, trat an das Bett heran

und grüßte.

Gegen seine Gewohnheit antwortete Napoleon nicht, hatte auch kein

Scherzwort wie sonst bereit, dankte nur mit einem Blick und starrte wieder

auf die Decke.

Constant ließ einen Lakaien herein, der schnell im Kamin einheizte,

öffnete die Fenster, nachdem er sich erst vergewissert hatte, daß der

Kaiser gut zugedeckt war, und schloß sie wieder, als der Ofenheizer

fortging.

Er trat wieder an das Bett heran, bereit, Befehle zu empfangen. Als

Napoleon ihn gar nicht beachtete, wagte er eine Frage, ob Majestät seinen

Tee befehlen.

Eine abweisende Handbewegung war die Antwort.

Ob Seine Majestät heute lieber einen Aufguß von Orangenblüten zu nehmen

geruhten?

Die gleiche Antwort.

Constant zog sich vom Bett zurück, machte sich mit dem Feuer zu schaffen,

wartete einen Augenblick und machte dann wieder einen schüchternen

Versuch.

Der Kurier aus Paris sei angekommen – die Portefeuilles der Minister wären

zur Stelle. Er, Constant, hatte auch vertrauliche Mitteilungen vom

Polizeioberinspektor Beyrat erhalten über den im Portefeuille des Innern

befindlichen Bericht des Polizeipräfekten von Paris, die ein

eigentümliches Licht auf die Pflichttreue dieses hohen Beamten warfen. – –

Napoleon winkte wieder ab.

„Später“, sagte er kurz, und Constant zog sich wieder etwas zurück.

Nach einer Weile trat er wieder vor und fing, trotz der abweisenden

Gebärde Napoleons, an, wie üblich, den Tagesklatsch vorzubringen.

Da war insbesondere der gefangene preußische General Blücher – oder

Bluquaire, wie er ihn nannte, der sich wieder hatte Respektlosigkeiten

zuschulden kommen lassen. Der General war ein Grobian. Das Hauptquartier

in Rosenberg hatte ihn bestens empfangen, sein Zimmer mit Lorbeeren

bestreut, ihm eine Ehrenwache vor der Tür postiert, der General Le Camus

hatte ihn in Person empfangen, der Generaladjutant General Dänzel ebenso.

Er aber hatte die Aufmerksamkeit kaum beachtet; er hatte verlangt, sofort

zum Kaiser geführt zu werden; er hatte geschimpft und getobt, weil er

nicht gleich ausgewechselt wurde; mit seinen ebenso ungeschlachten

Gesellen spielte er von früh bis spät Karten, trank, rauchte, kurz, er sei

ein rechter Barbar! – Und jetzt käme das Unerhörte: – als Majestät neulich

an seiner Behausung vorbeigeritten waren und man ihn darauf aufmerksam

machte, da spielte er ruhig seine Partie Whist weiter und sagte nur: „Ich

will ihn gar nicht sehen, ehe ich ihn nicht sprechen kann.“ Diese

Unehrerbietigkeit – diese –

Er hörte plötzlich auf und zog sich etwas zurück, denn der Kaiser saß

plötzlich aufrecht im Bett und blickte ihn zornig an.

„Jetzt höre ich Sie bald eine halbe Stunde schwatzen, Monsieur Constant!“

sagte er streng, „Sie haben mir aber mit keinem Wort mitzuteilen geruht,

wie Frau Gräfin Walewska die Nacht verbracht hat.“

„Zu Befehl!“ sagte Constant eilig. „Die Frau Gräfin schläft noch; ihre

Kammerfrauen warten noch an ihrer Tür. Sobald sie aber eintreten dürfen,

bekomme ich Nachricht!“

Napoleon legte sich wieder hin.

„Du wirst nicht versäumen, es mir sofort zu sagen, wenn sie wach ist, mein

Sohn!“ sagte er kurz. „Ehe du das nicht besorgt hast, brauchst du mir

weiter nichts zu berichten!“

Constant wollte trotzdem ein paar Worte über irgendeine dringende Sache

wagen, da öffnete sich die Tür, und ein freundlich lächelnder, schon

ergrauter, aber ungemein jovial und heiter blickender Herr in reicher

goldgestickter Hoftracht, einen kostbaren Stock in der Hand, kam herein

und trat ohne Zeremonie an das Bett heran.

Er schien etwas erstaunt, vom Kaiser weder bemerkt, noch eines Grußes

gewürdigt zu werden, fand sich aber rasch damit ab, stellte seinen Stock

an den Bettpfosten, ergriff die Hand des Kaisers, blickte nach seiner Uhr

und zählte aufmerksam die Pulsschläge.

„Zehn Schläge mehr als gewöhnlich“, sagte er kopfschüttelnd und steckte

die Uhr ein. „Sonderbar!“

Napoleon blickte ihn groß an. Er hatte etwas Abwesendes im Blick, was bei

ihm sonst niemals zu bemerken war. Die Pupille, sonst groß, so daß das

Auge fast schwarz erschien, war jetzt zusammengezogen, daß die Augen in

einem satten, sanften Dunkelblau schimmerten. Es schien ihm Anstrengung zu

machen, sich zu zwingen, etwas mit Bewußtsein anzublicken. Irgendwelche

Träume, irgendwelche Visionen hielten noch die Sehkraft in ihrem Bann.

Endlich war er mit dem Vorgang im reinen.

„Corvisart?“ sagte er leise, mit einem Tonfall, den der Arzt noch niemals

gehört, und der gar nichts von der sarkastischen, übermütig neckenden Art

hatte, die dem Kaiser sonst beliebte. „Heute ist weder Mittwoch noch

Sonnabend! – Wieso kommen Sie zu mir, und wo kommen Sie her? Sie sind doch

in Paris. Haben Sie denn dort schon alle Ihre Patienten unter die Erde

gebracht? Haben Sie vor den Dankbezeigungen der glücklichen Erben fliehen

müssen? Gestehen Sie’s gleich und ohne Umschweife, wie viele Leben haben

Sie heute auf dem Gewissen?“

„Lange nicht so viele wie Eure Majestät!“ antwortete Corvisart, rasch den

üblichen Gesprächston zwischen ihnen aufgreifend.

Aber Napoleon war wieder mit den Gedanken anderswo. Weder hörte er die

Antwort, noch warf er ihm ein rasches Scherzwort an den Kopf, auch kniff

er ihn nicht ins Ohr – und das war entschieden ein äußerst ernstes

Symptom! Und die paar Worte der Begrüßung! Wie matt, wie abwesend, fast

automatisch und mehr aus alter Gewohnheit hatte er seine alten Scherze

wieder abgeleiert!

Der Leibarzt schüttelte den Kopf. Dann, rasch entschlossen, strich er die

Bettdecke zurück, legte sein Ohr an des Kaisers Brust, horchte, sah

erstaunt auf, horchte nochmals, richtete sich dann auf und blickte den

Kaiser ernst an.

„Wahrhaftig – _man hört es schlagen_! Man hört das Herz Napoleons! Solange

ich die Ehre habe, für die Gesundheit Eurer Majestät verantwortlich zu

sein, ist es das erstemal, daß ich das erlebe! Das ist ein ernstes – ein

sehr ernstes Symptom!“

Napoleon lächelte, hörte nicht und schien immer noch an etwas sehr

Angenehmes zu denken.

Corvisart nahm wieder das Wort.

„Majestät“, sagte er in ernstem, vorwurfsvollem Ton. „_Zehn_ Pulsschläge

mehr als üblich und ein hörbarer Herzschlag! Bedenklich, sehr bedenklich!

Das zeugt von einem noch nie dagewesenen Nachlassen der Energie und der

Willenskraft! Wir regieren nicht mehr. Seit Monaten machen wir nicht mehr

Weltgeschichte! Sonst vergeht kein Tag, ohne daß Throne wanken, Dynastien

in Nichts versinken, neue erstehen und Völker befreit werden. Und jetzt

diese plötzliche Stille, diese Untätigkeit! Wir verstecken uns hier in

diesem unwirtlichen, östlichen Nest. Wir leben solide, brav, untätig wie

ein spießbürgerlicher Rentenempfänger – wir sind taub und blind,

verschließen uns der Welt, träumen, lächeln still in uns hinein! Das kann

doch unmöglich die Reaktion auf den fabelhaft schnellen Sieg über Preußen

sein? Wenn ich nicht wüßte, wie leger – wie _en canaille_ Eure Majestät

stets das schöne Geschlecht zu nehmen pflegen, ich würde fragen: _où est

la femme?_“

Napoleon hörte auch jetzt nicht zu. Er lag da wie vorhin, immer noch

dieselben angenehmen Gedanken hin und her wälzend.

Corvisart schüttelte immer ernster sein graues Haupt, streckte die Hand

nach seinem Stock aus und wollte gehen, um Constant über die bedenklichen

Symptome näher auszufragen.

Als hätte sein Denken an Constant Napoleon angesteckt, setzte er sich

gleich im Bett auf und rief: „Constant!“ und nahm, da dieser nicht gleich

erschien, die Glocke vom Tisch und klingelte ungeduldig.

Constant erschien, ein mit Briefen und Depeschen vollbeladenes Tablett in

der Hand.

„Ist sie noch nicht wach?“ fragte Napoleon ungeduldig.

„Die Frau Gräfin schläft noch!“ antwortete Constant und stellte sein

Tablett auf den Kaminsims.

„Meinen Schlafrock!“ rief der Kaiser, warf die Decke zurück und schlüpfte

rasch in die ihm gereichten weißen Pantalons und den Morgenrock aus weißer

Wolle, ließ sich ein Paar ausgetretene rote Pantoffeln anziehen und setzte

sich in einen rasch herbeigeschobenen Sessel ans Feuer. Er nippte einmal

an der ihm gereichten silbernen Tasse, schob sie dann von sich, streckte

die Hand aus, nahm von dem ihm durch Constant dargebotenen Tablett einen

Brief, machte ihn auf, warf ihn auf den Teppich, machte noch einen auf,

las ihn flüchtig durch und legte ihn auf einen neben dem Kamin stehenden

Tisch. – Er schob dann das Tablett zurück, was einen Austausch erstaunter

Blicke zwischen Kammerdiener und Leibarzt zur Folge hatte, streckte die

Füße so nahe wie möglich an den Ofen heran und starrte eine Weile ins

Feuer. Constant machte noch einen schüchternen Versuch, seine Teilnahme zu

erwecken. Er reichte ihm die soeben eingegangenen Zeitungen, nach denen er

sonst begierig zu greifen pflegte, aber vergebens! Auch die Liste der im

Vorraum auf Audienz wartenden Personen wurde keines Blickes gewürdigt.

„Corvisart,“ sagte Napoleon endlich, ohne vom Feuer fortzusehen, „Sie

alter Schürzenjäger müssen doch mit den Frauen Bescheid wissen! Wenn sie

der Schuh drückt, ohne daß sie einen anhaben – wenn sie unendliche

Schmerzen leiden, ohne daß die Ärzte den geringsten Grund entdecken können

– wenn die geschicktesten Scharlatane der medizinischen Wissenschaft mit

all ihrem Hokuspokus nicht imstande sind, herauszufinden, was ihnen fehlt

– und meine sämtlichen Leibärzte und Chirurgen, die im Felde stehen, haben

sich schon vergebens bemüht, das Rätsel zu lösen –, was halten Sie denn

von dieser merkwürdigen Äußerung der weiblichen Natur?“

„Sire –“, fing Corvisart an.

Aber Napoleon war es mehr darum, zu fragen, als Antworten zu hören, die er

sich selbst viel besser als irgendein anderer geben konnte. Er faßte

Corvisart bei der Hand und sprach weiter, immer noch ins Feuer starrend.

„Corvisart,“ fragte er, „haben Sie jemals geträumt? Heute nacht träumte

ich, sonderbar, ganz merkwürdig! Die Gräfin Walewska war bei mir, hier im

Zimmer. Sie hielt die Hände in den Taschen ihrer Jacke und stand mit dem

Rücken gegen den Kamin. Sie war aber nicht so sanft, auch nicht so lustig

und ausgelassen, wie sie es zuweilen sein kann! Sie hatte vielmehr etwas

Hinterhältiges an sich, das ich gar nicht bei ihr kenne, und blickte mich

ganz merkwürdig an, indessen ihre Rechte immer weiter in der Tasche grub

und drinnen mit einem Gegenstand hantierte.

Das machte mich mißtrauisch. Blitzschnell packte ich ihre Hand und fühlte

durch den Stoff _eine Pistole_ – die sie vom Stoff gedeckt auf mich

richtete und abzudrücken versuchte. Ich, nicht saumselig, wandte die

Mündung der Waffe gegen sie und drückte ab. Aber der Schuß versagte.

Dann nahm sie mir die Pistole aus der Hand.

‚Soll ich dich lehren, mit ihr umzugehen?!‘ sagte sie lachend, eilte ans

Fenster, schlug es auf, zielte auf meine Armee, die hier draußen Parade

stand, und drückte ab. Wie ein Feuerstrom ging es von der Mündung der

kleinen, kinderspielzeugähnlichen Waffe aus und sprudelte gegen die

Truppen hin. Und wo die Feuergarben trafen, sanken sie hin. Meine schönen

Grenadiere, meine Jäger und Dragoner schmolzen vor meinen Augen wie

Bleisoldaten im Feuer und waren im selben Augenblick wie von der Erde

vertilgt.

Ich riß ihr die Waffe aus der Hand; sie lachte aber nur!

Ich zog sie mit mir, zwang sie auf die Causeuse da nieder, setzte mich

neben sie und nahm ihre Hand. Wie ich sie dann anblickte, verwandelte sich

ihr Gesicht, wurde katzenähnlich, mit langen Haaren um den Mund – ich

entsetzte mich vor ihr. Ich zankte sie aus, weil sie mich hatte ermorden

wollen und sagte ihr, sie sei das niederträchtigste Weib, was ich jemals

auf Erden kennengelernt habe.

Da nahm sie schnell ihr wirkliches Gesicht wieder an; ihre Augen standen

voll Tränen, und schluchzend gestand sie mir, sie hätte sich rächen

wollen, weil ihr Fuß sie schmerzte und weil ich, der ich schuld daran

wäre, ihr keine Linderung ihres Schmerzes gebracht habe. – Ich dachte an

dich, Corvisart, ich wollte dich rufen. – Da weckte mich Constant, und auf

einmal warst du da! Nun sollst du mir die Sache ins reine bringen und mir

sagen, was ihr fehlt.“

„Ihr fehlt sicherlich gar nichts! Die ganze Sache ist weiter nichts als

eine Äußerung der ganz gewöhnlichen weiblichen Niedertracht, die im Gemüt

einer jeden Frau lauert und nach Gelegenheit sucht, sich zu entfalten. Das

macht mir keine Sorge. Aber mit Euer Majestät sieht es bedenklich aus.

Erst der Puls – dann das hörbare Klopfen eines sonst in seiner Ruhe

einzigartigen Herzens – dann der Traum, wo sonst der Schlaf ganz traumlos

in den wachen Zustand überzugehen pflegt! Alles Symptome der Verliebtheit,

und sehr auffallend bei einem sechsunddreißigjährigen Manne, der stets,

auch in den Jahren der ersten Jugendschwärmerei, zu neunundneunzig Prozent

mit dem Verstand allein zu lieben pflegte! Denn dies allgewaltige

Überwiegen des Gefühls, dies fast vollständige Zurückdrängen eines

Verstandes, der in seinem Tätigkeitsdrang auf Erden seinesgleichen nicht

hat, das sah noch keiner bei Eurer Majestät! Fürwahr – ich bin sehr

neugierig, jene Schöne, die diese fast unglaubliche Handlung bewirkt hat,

kennenzulernen! Denn ich glaube fast – Eure Majestät werden mehr von ihrem

Schuh gedrückt als die holde Schöne selbst!“

Napoleon lachte und wollte eben etwas Lustiges antworten. Da kam wieder

Constant herein und meldete gehorsamst, die Frau Gräfin hätte soeben nach

ihrer Schokolade verlangt. Er fügte hinzu, daß der Oberfußarzt Seiner

Majestät, der lange und sehnlichst erwartete Tobias König, endlich aus

Paris in Finkenstein eingetroffen wäre.

„Es ist gut,“ antwortete der Kaiser, „Roustan soll ihn sofort zur Gräfin

Walewska führen. Sie, Corvisart, gehen mit und überwachen die Operation,

wenn eine nötig wird. Sie haben die Verantwortung für alles, was

geschieht! – Ist mein Bad bereit?“

Constant meldete ehrerbietig, das Bad warte schon lange auf Seine

Majestät, und richtete schnell den Befehl an Roustan aus.

Corvisart verbeugte sich und ging.

Der Kaiser ging ins Badezimmer, entledigte sich mit Constants Hilfe der

Kleidung und wollte eben ins Wasser steigen, als Roustan herbeigestürzt

kam und meldete, die Frau Gräfin wäre außer sich und verlange, den Kaiser

sofort zu sehen; sie ließ sagen, sie wäre dem Sterben nahe und müsse ihn

gleich sprechen!

„Fünf Chirurgen habe ich mit im Felde“, sagte der Kaiser verdrießlich und

zog das Bein, das er schon über die Badewanne ausgestreckt hielt, zurück.

„Fünf Chirurgen und vier Leibärzte! Ich zahle ihnen Unsummen, und sie

taugen alle nichts! Wir müssen auch noch selbst die Hühneraugenoperation

der holden Dame leiten, als gälte es, eine Schlacht zu lenken, müssen die

Truppen kommandieren, womöglich selbst noch dreinhauen! _A la bonne

heure!_ Gehen wir! Meine Pantalons, Constant, schnell den Morgenrock! –

Nackt ziehen wir auch in _den_ Kampf nicht! Laß Roustan Vorzimmer und

Korridore leeren! Keiner darf mich sehen! – So – nun noch die Pantoffeln!

Und nun leuchte mir!“

Von Roustan geleitet, ging der Kaiser dann, den Kopf immer noch von dem

bunten Tuch umschlungen, zu den in derselben Etage des Schlosses gelegenen

Zimmern der Gräfin.

Er fand die Dame auf einer Causeuse ausgestreckt, den einen Fuß in einem

goldgestickten, orientalischen Pantoffel steckend, den anderen nackt. Vor

ihr kniete der alte Jude und gab sich vergebliche Mühe, an ihrem

entzückenden kleinen Fuß irgendein Gebrechen zu finden. Hinter der

Causeuse stand Corvisart, beide Hände auf den Stock gestützt und

betrachtete durch sein Binokel all das Schöne, das sich vor seinen

erstaunten Augen enthüllte, indes die schöne Gräfin eigensinnig hin und

her rückte, gar nicht stillhalten wollte und die Untersuchung zu einer

wahren Qual für den guten König machte.

„Sire!“ rief sie hinsterbend, „retten Sie mich aus den Händen dieses

Ungeheuers! Er hat ein Messer – ich habe es gesehen – er hat ein Messer

aus seinem Etui da herausgenommen! Er wird mir die Adern öffnen – wird

mich ermorden! Retten Sie mich!“

Napoleon lachte, erklärte ihr, daß keine Gefahr vorhanden sei, sie hätte

nichts zu befürchten – ganz im Gegenteil. Er hätte seinen ersten Leibarzt

und seinen ersten Pedikuren, die sonst beide in Paris unabkömmlich seien,

und die er sonst niemals ins Feld mitzunehmen pflegte, extra um

ihretwillen von Paris hierherkommen lassen! In besseren Händen könnte man

gar nicht sein! Sie sollte sich nur ruhig ihnen anvertrauen, damit sie

endlich von ihrem Leiden, das ihn, den Kaiser, mindestens ebensosehr

schmerze wie sie selbst, befreit werde!

„Ich lasse mich aber trotzdem nicht operieren, wenn Eure Majestät mir

dabei nicht wenigstens die Hand halten!“

„Alles was Sie wollen, _ma chère_“, sagte der Kaiser und nahm ihre Hand.

„Sie sehen, ich bin ja gleich auf Ihren ersten Ruf gekommen und habe mir

nicht einmal Zeit gegeben, mich anzukleiden!“

Sie blickte ihn von der Seite an und kicherte vor Freude, den Herrn der

Welt so ihrer Laune untertan zu wissen.

„Nun fangen Sie an, Monsieur König“, rief der Kaiser. „Zeigen Sie Ihre

Kunst! Aber vergessen Sie nicht, Sie haben die Ehre, den schönsten Fuß auf

Erden in Ihrer Hand zu halten. Seien Sie vorsichtig – ich würde Ihnen

keinen Mißgriff verzeihen!“

Der Chirurg stöhnte, er wandte und drehte den kleinen Fuß hin und her und

versuchte vergebens die kranke Stelle ausfindig zu machen.

„Sire, ist es auch wahr, daß Sie mein Leiden ebenso schmerzt wie mich

selbst?“ fragte die schöne Gräfin kokett.

Der Kaiser versicherte, daß ihr Zustand ihm wahre Qualen verursache.

„_Et la Pologne, ma patrie?_“ säuselte sie dann bezaubernd. „Es flößt

Ihnen doch auch Mitleid ein, Sire?“

„Auch!“ sagte der Kaiser.

„Sie lieben mich also?“ fragte sie. „Sie lieben mich sehr – – au! – Sie

tun mir weh!“, rief sie im selben Atemzug dem Chirurgen zu.

„Ich finde nichts – ich finde absolut nichts!“ stöhnte dieser, und große

Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn.

„Und Sie sind um meinetwillen direkt von Paris gekommen?“ fragte sie und

sah den Alten neugierig an. „Allein um meinetwillen? – Und Sie auch,

Monsieur Corvisart? – Und Sie sind die berühmtesten Ärzte, die es heute

gibt – die geschicktesten und teuersten von allen?“

Und als auch das bejaht wurde, und zwar vom Kaiser selbst, da schlug sie

die Hände zusammen, lachte toll auf, wie ein verzogenes Kind, dem ein Spaß

gelungen ist, gab dem Hühneraugenoperateur einen Nasenstüber mit ihrem

nackten Fuß, daß er vor Erstaunen zurückfuhr und sitzenblieb, lachte noch

toller auf, wälzte sich auf ihrem Lager vor Vergnügen und schrie: „_Mir

fehlt ja gar nichts!_ – Ich habe nur sehen wollen, ob Sie mich lieben,

Sire, und ob Sie ohne Zögern und ohne Murren alles für mich tun würden –

alles, was ich will!“

Sie flog dann auf und warf sich dem Kaiser, der in der ersten Überraschung

sich zornig erhoben hatte, um den Hals, küßte ihn mitten auf den Mund und

herzte und streichelte ihn und kümmerte sich dabei gar nicht um die beiden

Ärzte, die mit offenem Munde dastanden.

„Sie lieben mich also, Sire, Sie lieben mich über alles?“

„Über alles, Gräfin!“

„_Et la Pologne, ma patrie – vous me la libérerez, n’est ce pas?_“

lispelte sie noch bestrickender.

Napoleon lachte laut auf.

„Da drückte wohl der Schuh!“ rief er übermütig. „Gehen Sie, meine Herren,

da bedürfen wir Ihrer Kunst nicht! Da bin _ich_ der rechte Arzt! Gehen

Sie, König, freuen Sie sich Ihres Nasenstübers, den Sie von diesem schönen

Fuß bekommen haben. _Der_ Fußtritt _adelt_, sagen Sie’s Constant, und er

soll mich daran erinnern!“

Die Ärzte gingen und überließen es dem Kaiser, die Kur zu vollenden.

Eine halbe Stunde später saß er seelenvergnügt in seiner Badewanne und

regierte von dort aus die Welt, daß es nur so eine Art hatte.

Die Wanne umstanden in gemessener Entfernung der Generalstabschef

Berthier, der Generaladjutant General Dänzel, der Architekt der Tuilerien,

der Generaldirektor der Museen, der Geheimsekretär Meneval und mehrere

Gehilfen, während Constant und Roustan mit dem Kaiser hantierten, und

Corvisart und König das Kneten und Frottieren überwachten und gelegentlich

selbst mit Hand anlegten.

Und Napoleon bekam nie genug.

Er rief Roustan zu, für mehr und noch wärmeres Wasser zu sorgen – lachte

über die roten und erhitzten Gesichter seiner Getreuen, die bald halb

erstickt aussahen, befahl, die Kuriere mit den Portefeuilles der

Ministerien vorzulassen, ließ sich aus den Akten vortragen, traf

Entscheidungen, diktierte Randbemerkungen und Antworten, unterzeichnete –

immer noch in der Badewanne sitzend – Heiratskonsense und Ernennungen,

Gnadenbewilligungen, Amtsenthebungen, Erlasse und Dekrete, kommandierte,

scherzte, lobte und zankte, alles in einem Atem.

„Schreiben, Meneval!“ rief er, und Meneval setzte sich an einen Tisch und

legte Papier und Feder zurecht.

Der Kaiser diktierte.

„_An Fouché_: – Madame de Staël, die wir, wie er wohl weiß, nicht

ausstehen können, ist, laut Rapport, wieder in Paris. Sie mag ihr Recht

auf ‚freie Individualität‘ anderswo zur Schau tragen! An der Seine nicht!

Er soll sie gleich ausweisen! Die ehemaligen Jakobiner aber nicht. Das ist

nicht mehr nötig! Was noch von ihnen da ist, ist harmlos – längst

kapitalistisch eingekapselt! Sie sind alle satt und träge und haben ihre

Giftzähne längst verloren. Bei der letzten Rezeption in der Akademie hat

der Abbé Sicard in unpassenden Ausdrücken über Mirabeau gesprochen! Wir

wollen keine Reaktion der öffentlichen Meinung! Fouché soll über Mirabeau

lobend sprechen lassen.

_An Junot_ schreiben: Die Kontinentalsperre gegen England gilt auch für

die kaiserlichen Marschälle und insbesondere für ihre Frauen. Ihre Weiber

– schreiben Sie Weiber, Meneval! – Ihre Weiber mögen Kräutertee trinken,

der ist ebensogut wie der Karawanentee, Zichorienkaffee ebenso gesund wie

der arabische! Und sie mögen sich hüten, daß ich nicht gewahr werde, wie

sie Kleider von englischen Stoffen tragen. Er soll das auch Madame Junot

nachdrücklichst einschärfen!

_Dem Erzkanzler Cambacères_: Wir sind über die Unzufriedenheit und den

Pessimismus der Pariser erstaunt. Sie keifen, weil wir hier an der

Weichsel aufgehalten werden, und deuten unseren Sieg bei Eylau in eine

Niederlage um, weil er kein Austerlitz war. Sie sind verwöhnt. Das

gesellschaftliche Leben siecht dahin, weil wir und unsere Marschälle nicht

in Paris sind! Das geht nicht. Man soll Feste geben! Er, Cambacères, und

auch Lebrun sollen da mit gutem Beispiel vorangehen! Man soll

Verschwendung treiben, Geld unter die Leute bringen, Millionenbestellungen

an die Industrie vergeben, damit die Arbeiter gut bezahlt, satt und

zufrieden werden! Man soll in allen kaiserlichen Schlössern das Meublement

mit kostbaren Seidenstoffen neu beziehen, man soll Stiefel, Riemen und so

weiter für die Armee bestellen, die Handwerker mit Aufträgen mästen – –

_An König Louis_: Mein Herr Bruder ernennt für meinen Geschmack viel zu

viel Marschälle in Holland. Lieber die holländische Armee vermehren!

_An König Joseph_: Journalisten sind Kokotten! Auch in Napoli! Man hat mit

denen bisweilen ein Verhältnis, aber erhöht sie niemals zu legitimen

Gattinnen. Er gibt sich zuviel mit ihnen ab! Nicht auf ihren spitzen

Federn, auf den Spitzen meiner Bajonette ruht sein Königreich. Den Mob

regiert man mit Fußtritten, mit Schmeicheleien nicht!“

„_Et la Pologne, ma patrie!_“ fuhr er dann halb singend fort. „Constant,

hat dir unser guter Fußarzt eine Mitteilung gemacht? Gut. Nachher daran

erinnern!“

„_La Pologne, ma patrie!_ – Im ersten Freiheitsrausch in Posen haben mir

die Polen alles bewilligt. Und jetzt? Wir sind enttäuscht! Statt der

versprochenen hunderttausend Mann nur fünfzehntausend schlecht

disziplinierte! Kaum zu gebrauchen! Wir werden uns ihretwegen auch nicht

derangieren! Hier, aus der Nähe gesehen, schaut Polen übrigens ganz anders

aus! Seinetwegen werden wir nicht die Kontinente umstürzen!“

Er schwieg einen Augenblick. Dann rief er Berthier, ordnete

Truppendislokationen in Italien, am Rhein, in Holland an, gab Orders nach

Spandau und Berlin über den Nachschub von Artillerie, Munition und

Proviant und fragte, ob nicht endlich vom Grafen Bertrand Nachricht über

den Stand der Friedensverhandlungen mit dem preußischen Hauptquartier

angekommen wäre.

Und einmal bei Preußen angelangt, rief er Constant zu:

„Was wolltest du mir heute vom General Blücher erzählen?“

Er wartete aber keine Antwort ab, sondern rief den Generaladjutanten,

General Dänzel, der in der mordswarmen Temperatur des Badezimmers aussah,

als ob er bald seine tapfere Heldenseele aushauchen wollte, und gab ihm

den Befehl, noch heute, nach der Parade, den preußischen General zur

Audienz zu bringen – oder vielmehr den General Le Camus damit zu betrauen.

Denn er, Dänzel, hätte auch anderes zu erledigen!

Dann schickte er sie allesamt zum Teufel bis auf Roustan, schrie nach noch

mehr und noch heißerem Wasser, ließ sich begießen, kneten, frottieren und

war so vergnügt wie ein Fisch im Wasser!

*

Inzwischen saß Blücher schon in aller Frühe beim Whist in seinem engen

Quartier zu Rosenberg, das er mit dem Rittmeister von Eisenhart und seinen

Söhnen bewohnte.

„Heute bin ich wohl mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett gestiegen!“

brummte er, schlug eine Karte nach der andern auf den Tisch und sah

manchen schönen Stich an seiner Nase vorbeitanzen. „Das kommt davon, wenn

man zu vieren in einem engen Zimmer logieren und verschämt tun und sich

drehen und wenden muß, bis man das Gefühl für rechts und links verliert!

Verflucht noch einmal, Pfalzgraf! Gib endlich bessere Karten, gib mir nur

ein einziges Mal die Honneurs! Immer und ewig kannst du mir nicht zumuten,

dazusitzen und zuzusehen, wie du den großen Schlemm machst! Andere Karten,

sonst spiele ich nicht mit euch!“

Lachend strich Eisenhart die Karten zusammen, mischte und teilte sie

wieder in vier Haufen aus.

Blücher nahm seine Karten, ordnete sie und brummte dabei wiederholt in

seinen Bart. Schließlich legte er sie vor sich auf den Tisch.

„Es nützt ja doch nichts!“ sagte er verdrießlich. „Solange wir hier in dem

verfluchten Nest festsitzen, ist’s nichts! Alles geht mir wider den

Strich, seit ich Hamburg verließ! Zum Platzen ist das!“

„Exzellenz werden auch einmal gute Karten kriegen!“ tröstete Eisenhart.

„Sie werden mir keine geben, und die beiden Lausebengels noch weniger!“

antwortete Blücher und schielte nach seinen beiden Jungen, die auch

mitspielen mußten. „Die freuen sich schon, wenn sie mich hereinlegen

können! Übrigens ist das das wenigste. Die ganze Art, wie die Franzosen

mich behandeln, ist’s! Die ist empörend! Entweder man wechselt mich aus,

oder man tut es nicht! Zum besten halten gibt’s nicht. Ich habe mich

ehrlich mit ihnen geschlagen und nicht wie ein Hanswurst. Die halten mich

aber zum Narren. Wenn’s denen mit der Auswechslung ernst gewesen wäre,

dann hätten sie mich doch zu Schiff über Kopenhagen reisen lassen können,

wie ich wollte. Und hätten ihren Monsieur Victor auf demselben Wege mit

Handkuß retourbekommen. Aber nein. ‚Der Kaiser Napoleon will Sie sehen!

Der Kaiser will Sie sprechen!‘ hieß es. Und da muß ich alter Mann in dem

hundsmiserablen Märzwetter wochenlang auf den Wagen liegen und mir die

Knochen durcheinanderrütteln lassen und hinter dem kleinen Kerl herreisen,

bis in die dunkelste Polackei hinein! Bis China wäre es noch so

weitergegangen, hätten unsere Leute sich nicht endlich auf ihre preußische

Waffenehre besonnen und bei Eylau dem Franzmann Halt geboten. Und da sitze

ich nun bald zwei Wochen hier und fange Fliegen und langweile mich mit

eurem faulen Whist herum und werde von euch beschummelt und lasse mich von

den französischen Lümmels zum Narren halten.“

Eisenhart bedeutete ihm, vorsichtig zu sein, und sah sich besorgt um.

„Ach was, Pfalzgraf!“ rief Blücher ärgerlich und fing wieder an seine

Karten zu sortieren. „Die werden schon wissen, woran sie mit mir sind! Da

brauche ich kein Blatt vors Maul zu nehmen!“

„Sie glauben im Gegenteil, Eure Exzellenz für ihre Sache gewonnen zu

haben!“

„Der Teufel auch!“

„Sie glauben es, und das ist gut!“

„Wenn Er mir da irgend etwas eingebrockt hat, Pfalzgraf, dann ist’s aus

zwischen uns!“

„Ich habe etwas eingebrockt, und das ist die Freiheit, Exzellenz, die

Freiheit, baldmöglichst wieder gegen sie zu kämpfen!“

„Geb Gott, daß es bald soweit wäre! Aber mit ehrlichen Mitteln, Eisenhart,

mit ehrlichen Mitteln!“

„So ehrlich, wie bei den Franzosen üblich!“

„Das verbitte ich mir. Auf eine Stufe mit den Gaunern lasse ich mich _in

puncto_ Ehrlichkeit nicht stellen!“

„Wie wollen Exzellenz ihnen sonst beikommen?“

„Wie sonst immer! Mit scharfen Hieben!“

„Wenn wir ihnen im Felde gegenüberstehen, ja, da ist das das Richtige.

Aber wo wir in ihrer Gewalt sind, da setzen sie Gewalt gegen Gewalt, und

sagen sich: ‚Nein, der General Blücher kann uns gefährlich werden, den

wechseln wir nicht aus, den behalten wir bis zum Ende des Krieges in

festem Gewahrsam‘! Und schicken Eure Exzellenz nach Frankreich statt ins

preußische Hauptquartier, und uns mit!“

„Mag sein, daß Er recht hat, Pfalzgraf. Aber auf die Vorschläge Napoleons

gehe ich nicht ein. Ich bin keine solche Schlafmütze wie die Herren

Lucchesini und Zastrow, die da beim Herrn Napoleon in Charlottenburg

bettelten und ihm gleich mit Kußhand ganz Preußen links von der Elbe

schenken wollten, mitsamt allen Festungen bis zur Weichsel und Abkehr von

Rußland und Gott weiß wie viele hundert Millionen noch dazu! Ich werde dem

König nicht raten, Frieden zu schließen! Ich werde ihm sagen, wie’s hier

hinter der französischen Front aussieht, und wie leicht es wäre, jetzt

einen Schlag zu tun. Das werde ich, hol’ mich der Deibel, dreimal

verflucht! – Und dann, will’s Gott, hauen wir die Bande in die Pfanne.

Aber kein Wort sag’ ich anders, keinen Ton pfeife ich aus einem anderen

Loch, wenn ich im Hauptquartier bin.“

„Das sollen Exzellenz auch nicht tun. Aber erst müssen wir mit unseren

Nachrichten da sein, und zwar möglichst bald, ehe die Verhältnisse bei den

Franzosen sich bessern. Daher müssen Exzellenz versprechen –“

„Nichts verspreche ich, nichts, was ich nicht halten kann!“

„Im Krieg ist jede List erlaubt. Exzellenz, als alter Husar, werden schon

oft in die Lage gekommen sein, den Feind zu täuschen!“

„Das schon – das schon!“

„In der nämlichen Lage sind wir jetzt auch. Und da habe ich im Namen Eurer

Exzellenz versprochen, und das haben wir, der General Le Camus und ich, zu

Papier gebracht, daß Exzellenz bei unserem König für einen seperaten

Frieden zwischen ihm und den Franzosen eintreten wollen, in dem uns

Preußen bis zur Elbe wieder herausgegeben wird.“

„Ein separater Friede? Bist du des Teufels, Junge? Sollen wir die Russen

im Stich lassen?“

„Die Russen werden sich’s nicht lange überlegen, ob sie uns im Stich

lassen sollen, wenn die Versuchung in der geeigneten Weise an sie

herantritt. Ich habe es versprochen! Exzellenz brauchen bloß ja und amen

zu sagen! Und nachher, wenn wir frei sind, tun wir, was wir wollen! Das

ist erlaubte Kriegslist, weiter nichts.“

Die Söhne Blüchers redeten ihm auch zu.

„Kinder, ihr macht mit mir, was ihr wollt! Was werden die Franzosen von

mir denken!“

„Sie werden salutieren und sagen: ‚Donnerwetter, ist das ein Kerl!‘“

„Ein Mordshalunke, werden sie sagen!“

„Hoffentlich! Ich werde mich jedenfalls sehr freuen, wenn der Feind

möglichst schlecht von Exzellenz spricht! Oder glauben Exzellenz etwa, sie

dächten gut von Ihnen?“

„Darum möchte ich die Kerls doch in allem Ernst ersucht haben!“

„Sie machen sich aber trotzdem ihre eigenen Gedanken. Und da ist nun der

Whist daran schuld.“

„Wieso!“

„Nun, wenn wir so, wider alle Konvenienz, uns um acht Uhr früh an den

Spieltisch setzen und den ganzen Tag dort verbringen, alle Einladungen

ausschlagen und bloß spielen, spielen, spielen – wenn unsere französischen

Wirte den General Blücher fluchen und immer mehr fluchen hören, da nimmt’s

einen nicht wunder, wenn sie einmal fragen: ‚Mein Herr, Sie rupfen wohl

den alten Herrn bis auf die Knochen? _Le général de Bluquaire_ soll doch

ein eingefleischter Spieler sein? Man sagt, er hat sein ganzes Vermögen

verspielt?‘ Und das fragen sie dann in einem mitleidigen Ton und mit einem

vielsagenden Blick, als warteten sie nur auf ein Wort des

Einverständnisses, um gleich Geld anzubieten – großes Geld, dafür, daß wir

ihnen den Frieden vermitteln.“

Blücher legte die Karten aus der Hand.

„Ich will nicht hoffen, Eisenhart,“ sagte er ernst, „daß Er einen solchen

Antrag an mich übernommen hat, oder daß das, was Er mir jetzt sagt, ein

Vorfühler sein soll, ob ich für Geld zu haben wäre! Denn dann müßte er

darauf gefaßt sein, von mir über den Haufen geschossen zu werden!“

„Das wäre auch verdient, Exzellenz. Und ich habe auch dem Herrn, der da

glaubte, mir so den Puls fühlen zu dürfen, mit keiner Miene gezeigt, daß

ich für derartige Zumutungen irgendwelches Verständnis hätte. Ich erzähle

es auch jetzt nur, um Exzellenz zu zeigen, wie der Feind sich doch selbst

seine Gedanken macht und glaubt, was er will, wie anständig man sich auch

benimmt! Denn das ist ihm gänzlich gleichgültig! Je mehr er flucht und je

mehr er schimpft, um so besser! Das zeugt nur davon, daß unsere Hiebe

sitzen!“

Blücher schwieg einen Augenblick und zupfte an seinem langen Schnurrbart,

ließ sich dann eine frische Pfeife bringen und in Brand stecken und paffte

dem Rittmeister ganze Wolken ins Gesicht.

„Hm, ja – schön! – Machen wir den Versuch! Probieren wir’s denn mit dem

Husarenstreich! Aber erst neue Karten her!“

Neue Karten wurden gegeben. Und zum erstenmal, seit Blücher in Rosenberg

weilte – _gute_ Karten, und alle Honneurs! Er strahlte wieder und war

eitel Glück und Wonne, machte einen großen Schlemm nach dem andern und

merkte gar nicht, wie seine Jungen die Karten so gut zu mischen wußten,

daß er immer wieder lauter Trümpfe in die Hand bekam. Denn die Pfeife

schmeckte und gab etwas her und hüllte alles brav in Dämpfe ein. Eisenhart

wußte auch so gut und eifrig den Kriegsplan zu entwickeln, daß der alte,

gewiegte Spieler nicht daran dachte nachzusehen, ob auch richtig gemischt

wurde – wozu er ja auch keinen Grund hatte, solange die Karten gut fielen!

Im Grunde genommen waren die Franzosen ja auch ganz passable Kerle und als

Feinde gar nicht zu verachten! Und wenn schon ihre Freundschaft sich

verflucht fade anließ, so wollte er sich nicht widersetzen, er wollte

schon die Komödie mitmachen! Aber nur bis zur Grenze! Keinen Schritt

weiter! Sobald er frei war, da wollte er auch seine Freiheit haben!

„Eins kann ich den Kerlen nimmermehr verzeihen“, sagte er und schmunzelte

über die schönen Stiche, die er immer wieder machte. „Und das ist, daß sie

mich nicht nach Berlin hineinlassen wollten. Zu denken, ich bin dicht vor

der Stadt, ich _soll_ da durch, es ist sogar der mir vorgeschriebene Weg!

Und da heißt es: ‚Außen herumfahren! In der Stadt können wir dich nicht

gebrauchen! Kommst du her, dann gibt’s hier einen Aufruhr!‘“

„Die Berliner hätten Kopf gestanden!“ sagte der eine junge Blücher stolz.

„Wäre mir recht gewesen“, schmunzelte der Alte. „Ich hätte gegen den

Aufruhr nichts gehabt! So’n Krakeel wäre mir gerade nach dem Sinn gewesen!

Und um das haben die Franzosen mich nun auch gebracht!“

Er schwieg und blickte auf. In der Tür stand ein französischer Offizier,

die Hand salutierend am Schirm seines Käppis. Durch das niedrige Fenster

guckten andere Offiziere herein.

Blücher stand nicht auf und erwiderte kaum den Gruß.

„_Mon général_ –“, fing der französische Offizier an.

„Ich bin nicht so ’n Allerweltsgeneral, ich bin preußischer

Generalleutnant und bitte mir richtige Titulatur aus!“

Die ward ihm auch sogleich und in der liebenswürdigsten Weise zuteil.

Außerdem die Mitteilung: der General Le Camus ließe sich bestens

empfehlen, und er würde sich die Ehre geben, den Generalleutnant von

Blücher zu der und der Zeit abzuholen, um ihn persönlich von hier nach dem

Schlosse Finkenstein zu geleiten, wohin der Kaiser Napoleon ihn heute zur

Audienz befohlen hätte.

Blücher antwortete, er würde sich die Ehre geben. Er wäre bereit, und er

ließe dem General Le Camus seine besten Grüße übermitteln. Worauf er dem

Rittmeister Eisenhart die Hand gab und sagte: „Pfalzgraf, verlasse Er sich

darauf: es bleibt dabei, bei dem Husarenstreich!“

*

Napoleon war eben von einer Besichtigung des Leibregiments der Kaiserin

zurückgekehrt und ließ sich vom Generaldirektor der Museen, Monsieur

Denon, über die in den Museen Kassels und Berlins „gefundenen“ Kunstwerke

Bericht erstatten, als man ihm die Ankunft des Generals von Blücher

meldete.

Er gab Denon noch einige Instruktionen für seine bevorstehende

Entdeckungsreise nach Warschau, wo auch für Rechnung des „Musée Napoléon“

Schätze zu heben waren, genehmigte die vorgeschlagenen „Enteignungen“,

entließ huldvollst seinen talentvollen Miträuber und befahl, den General

vorzulassen.

Er wolle ihn ohne Zeugen sprechen, bedürfe auch eines Dolmetschers nicht!

Sein Generalstabschef, Berthier, holte dann Blücher ab, bestätigte ihm im

Namen Napoleons die mit dem Rittmeister von Eisenhart vereinbarten

Friedensbedingungen, die Blücher dem König von Preußen überbringen sollte,

geleitete ihn dann durch alle Zimmer bis zur Tür des kaiserlichen

Arbeitskabinetts und verabschiedete sich dort von ihm.

Die Tür öffnete sich, und die beiden Gegner standen einander zum ersten

Male persönlich gegenüber.

Blücher lang und stattlich mit weißen Haaren und frischem,

lebenssprühendem Gesicht – der Kaiser klein, blaß, energisch, lebhaft,

ohne einen weißen Faden im kastanienbraunen Haar – Blücher in seiner roten

Husarenuniform, die Mütze mit dem Totenschädel auf dem Arm – der Kaiser in

seiner grünen Gardejägeruniform mit den weißen Aufschlägen und dem Stern

der Ehrenlegion in Gold gestickt, den schwarzen, dreieckigen Hut in der

Linken.

Er kam gleich auf Blücher zu und fing an, lebhaft auf ihn einzureden.

Und Blücher stand da, lang und breitbeinig, den Kopf vorgestreckt, und sah

auf den kleinen Kerl herab, der sich mit zierlichen Schritten vor ihm hin

und her bewegte – glotzte ihn an wie eine große Dogge, die die lustig

einschmeichelnden Sprünge eines zierlichen Affenpintschers um sie herum

anstaunt und dann und wann mit einem tolpatschigen Schlag der Pranke zu

vergelten versucht, dabei das Kläffen des Kleinen mit einem gutmütigen

Zähnefletschen beantwortend.

Viel verstand er nicht von dem, was der Kaiser sagte, geriet aber sofort

in den Bann seiner sprühenden Beredsamkeit und der Energie, die aus jedem

seiner Worte, aus jeder Miene auf ihn einströmte.

Er holte auch sofort zur Parade aus und fing an, ebenso lebhaft auf den

Kaiser dreinzuparlieren, in einem sonderbar zurechtgestutzten

Kauderwelsch, das in seinen eigenen Ohren gar lieblich klang und ihn

geradezu stolz machte. Lateinische, polnische und französische Brocken

würfelte er dabei kunterbunt durcheinander, in einer Mischung, die ihm

sicherlich keiner so leicht nachmachte.

Aber als der Kaiser immer lebhafter wurde und ihn schließlich an einem

Knopf seiner Uniform packte und anfing daran zu drehen und zu drehen, da

wurde er still.

Das war unheimlich! So ließ er sich denn doch nicht beim Wickel nehmen!

Er horchte genau auf das, was der Kaiser zu ihm hinaufsprudelte –

schnappte einige Worte auf und begriff, daß lang und breit von der

Elblinie und von den künftigen Grenzen Preußens geredet wurde, wenn auch

nicht was, und daß der Kaiser ihm das tägliche Lied seiner Generäle von

der ihm zugedachten Rolle als Friedensvermittler jetzt selbst vorleierte.

Da aber das Drehen des Knopfes nicht aufhörte, vielmehr ein Gefühl

verursachte, als wühle sich ein Bohrer immer tiefer und tiefer in ihn

hinein, da gab’s bei ihm innerlich einen Ruck und ein Sträuben der Haare,

wie bei einem Kater angesichts des Hundes. Die Haltung straffte sich, die

Blicke sprühten Feuer und Flammen, er wollte schon etwas Kräftiges

antworten.

Aber Napoleon wartete es nicht ab. Mit kleinen festen Schritten ging er

ein paarmal durchs Zimmer, setzte sich im offenen Fenster aufs

Fensterbrett, kam wieder vor und sagte in einem von fast echtem Gefühl

vibrierenden Tonfall:

„_Mais mon cher – je l’aime, votre patrie! Oui, c’est vrai, j’aime la

Prussie!_“ Und er setzte noch lang und breit auseinander, wie sehr dieser

ganze Krieg wider sein Gefühl sei, und daß es ihm zumute sei, als müsse er

mit seiner Rechten seine Linke schlagen, wenn er das ihm so teure Preußen

schlüge! Welche echt preußenfreundliche Gesinnung er noch mit einem

Händedruck bekräftigte.

„Ist schon recht,“ dachte Blücher, „es gibt Freundschaft und Freundschaft,

und wie deine beschaffen ist, damit weiß ich Bescheid! Wenn du denkst, daß

ich darum für dein ‚_patrie_‘ auch nur einen Pfifferling übrig habe, da

irrst du dich gewaltig!“

In voller Gemütsruhe ließ er dann noch einen rednerischen Ansturm über

sich ergehen, sagte weder ja noch nein, nickte nur dann und wann

zustimmend, eingedenk der Mahnung Eisenharts, lieber mit List die

sofortige Freiheit zu gewinnen, als sich noch nach Frankreich in

Gefangenschaft schicken zu lassen.

Und als Napoleon ihm die Hand zum Abschied reichte, da langte er zu und

drückte sie recht herzlich wieder und schmunzelte freundlichst über das

ganze Gesicht.

„Ein Teufelskerl ist das!“ sagte er nachher, als er seinen Söhnen und

Eisenhart von der Begegnung erzählte. „Ein ganz verfluchter Kerl! Und

charmant! Ich dachte bei Gott nicht daran, daß er eigentlich den

leibhaften Gottseibeiuns darstellt, dem man schleunigst das Genick brechen

müßte! Mehr als einmal hätte ich ihn durchs offene Fenster hinausstoßen

können, als er auf dem Fensterbrett saß, wäre ich nur nicht so verflucht

gutmütig gewesen, wie wir Deutschen es nun leider immer sind!“

„Wer weiß,“ sagte Eisenhart mit einem spitzbübischen Lächeln, „wer weiß,

was für eine gute Gelegenheit Exzellenz da versäumt haben, mit einem

raschen Stoß den Krieg zu beenden und Europa eine neue Karte zu geben!“

„Ehrlicher Kampf ist mir lieber“, sagte Blücher. „Und aufgeschoben ist

nicht aufgehoben. Wir werden ihm schon beikommen, wenn er auch ein guter

Schauspieler ist und die Kunst versteht, alle Welt dumm zu machen! Das

können wir schließlich auch, wenn’s sein muß. Fürs erste probieren wir’s

mit Seiner Kriegslist, Eisenhart!“

So wurde es auch gemacht.

Beim Abschiedessen, das der General Le Camus ihm noch am selben Tag gab,

hielt Blücher dann eine Rede auf Napoleon und brachte in aller Form seine

Gesundheit aus. Allerdings erst nachdem der französische General Preußen

und seinen König hatte leben lassen.

Dann aber, als nach vielem Hin und Her, nach langem Warten und endlosem

Ärger, endlich der Augenblick da war, in dem er über die Demarkationslinie

gehen durfte, während von der anderen Seite der Schatten des gegen ihn

ausgewechselten Generals Victor grüßend vorbeihuschte, da war’s mit einem

gewissen Gefühl der Erleichterung, daß er seinem getreuen Adlatus und

Reisebegleiter zurief: „Los, Eisenhart!“

Und er ließ Eisenhart nicht aus den Augen, als der mit dem General Dänzel

leise sprach. Er ärgerte sich aber gewaltig, als der Franzose nur lächelte

und befriedigt Beifall nickte, obwohl Eisenhart in aller Form erklärte,

mit der Friedensvermittlung Blüchers wäre es nichts – seine ganze Zusage

in betreff der Friedensvermittlung wäre nichts als erlaubte Kriegslist

gewesen, und man würde dem König von Preußen gute Ratschläge in ganz

anderem Sinne zu geben wissen.

Diese offene Kampfansage wollte Blücher wenigstens dem Franzosen mit nach

Hause geben. Sie sollten da nicht eine Sekunde länger als nötig glauben

dürfen, daß er auch nur das geringste für ihr „_patrie_“ übrig hätte!

An seine Begegnung mit dem Kaiser dachte er aber mit vielem Interesse

zurück.

Er staunte Napoleon an wie eine seltsame Naturerscheinung, die mit seiner

eigenen Welt wenig Zusammenhang hatte.

Napoleons lebhaftes Sprühen, sein eindringliches Drauflosagieren hatte ihn

nicht darüber zu täuschen vermocht, daß er im Kaiser vor allem eine

maßlose Energie und einen konzentrierten, kalten und klaren Verstand vor

sich hatte, dem keine Grenzen gesetzt waren außer der einen, hinter der

Gefühl und alles mitreißendes Temperament allein geboten.

Und da war _er_, Blücher, wiederum zu Hause und wurzelte drin mit seiner

ganzen Persönlichkeit, und konnte seinerseits auch nicht über die Grenze

hinaus.

Sie waren eben zwei einander völlig fremde Welten aus verschiedenartiger

Materie, vom Zufall für einen Augenblick zusammengeschleudert, sausten

aneinander vorbei, machten viel und gewaltiges Geräusch und spien Feuer

und Funken und Flammen gegeneinander, jede nach _ihrer_ Art und ohne bei

der anderen zünden zu können. Und sausten dann, jede in ihrer Richtung,

weiter und überließen es dem Zufall, wieder einen Zusammenprall

herbeizuführen und zu entscheiden, welche von ihnen wohl dann die andere

aus der Bahn schleudern würde.

*

Blücher stand vor seinem Herrn und König und freute sich ungemein, denn er

wurde hier, im preußischen Hauptquartier zu Bartenstein, mit lauter guten

Neuigkeiten empfangen.

Die Kabinettsregierung war beseitigt, Lombard entlassen, Beyme fallfertig

und Blüchers über alles geschätzter Freund Hardenberg seit gestern

Staatsminister und Leiter der gesamten Politik.

Fehlte nur noch Stein, der in Ungnade Entlassene, und sein Glück wäre

vollständig gewesen.

Der König hatte ihn umarmt und geküßt und sich hilflos nach einem Orden

für ihn umgesehen.

„Haben keine Sterne mitnehmen können bei der eiligen Abreise!“ sagte er.

Hardenberg half dann mit seinem Schwarzen Adler aus, und der König heftete

ihn selbst Blücher an die Brust.

Blücher fing dann an schwarz zu malen und gab eine erhebende Schilderung

von dem hoffnungslosen Zustand der französischen Armee, die man mit

Leichtigkeit vernichten könnte, wenn man es jetzt sofort versuchte.

„Majestät,“ sagte er, „ich steh’ mit meinem Kopf dafür ein. Wenn ich nur

dreißigtausend Mann unter meinem Befehl habe, dann durchbreche ich die

französischen Linien und werfe den Feind wenigstens bis auf die Oder

zurück. Ich bin mit offenen Augen durch das von ihm besetzte Gebiet

gekommen. Seuchen überall, Mangel an Proviant, Mangel an Munition; die

Leute marode und deprimiert von dem ungewohnten Klima; die Wege

entsetzlich! In den nächsten vier Wochen können keine Verstärkungen zur

Stelle sein! Wenn wir jetzt dazwischenfahren, dann sind sie vernichtet –

dann kommt’s zu einer Katastrophe, die dem Krieg eine neue Wendung geben

und unseren Leuten den Nacken wieder steifen wird! Wir werden, wenn wir

jetzt den Coup wagen, überall, in Hessen, am Rhein, in der Mark, Aufstände

haben, wir werden die Franzosen über den Rhein zurückjagen, und daran

wird’s nicht fehlen. Glauben Majestät, daß der Kaiser Napoleon nach seinen

großen Siegen über uns um den Frieden bitten würde, wenn er es nicht

bitter nötig hätte? Nein! Ich habe ihm in die Seele geschaut! Eine Stunde

lang hat er auf mich eingeredet – viel habe ich nicht davon verstanden!

Aber so viel habe ich begriffen: er schwefelte mir so eifrig vor von der

Notwendigkeit _für uns_, einen Separatfrieden zu schließen, daß ich von

der Notwendigkeit _für ihn_ überzeugt wurde! Und ebenso eifrig wie er

selbst waren seine Leute. Wo aber der Franzose so liebenswürdig wird, da

_will_ er auf diese Weise immer etwas ergaunern, was er anders nicht

bekommen kann. Sonst wäre er der letzte, sich die Mühe zu geben, sonst

nimmt er, was ihm beliebt und wie’s ihm beliebt und fragt nicht erst nach

der Meinung anderer!“

Es wurde die alte Geschichte.

Der König sah es wohl ein – der General mochte schon recht haben –, es

wäre nicht ausgeschlossen, jetzt durch einen kühnen Handstreich einige

Vorteile über den Kaiser der Franzosen zu gewinnen! Nach der Schlacht bei

Eylau war er ja schon bedeutend entgegenkommender geworden! Allein man

dürfe nicht sein Letztes auf eine Karte setzen! Die Armee war bis auf

fünfundzwanzigtausend Mann zusammengeschmolzen: allein könnte man nichts

gegen die Übermacht unternehmen – man wäre sowieso von der Hilfe der

Russen abhängig. Es wäre also das richtigste, zuerst mit dem Kaiser

Alexander zu reden – wenn er den Plan Blüchers billigte, so würde der

König auch nicht dagegen sein! Er, Blücher, sollte sofort zum Kaiser

mitkommen!

Das war für diesmal schon viel erreicht. Guten Muts folgte Blücher dem

König nach dem Quartier des Kaisers Alexander.

Dieser war gleich Feuer und Flamme.

Gewiß! Das wäre ja glänzend, das wäre brillant! Das müsse gemacht, das

würde sofort ins Werk gesetzt werden! Darauf könne sich Blücher verlassen,

und die verlangten Truppen bekäme er! Der Kaiser sagte dem General noch

die schönsten Komplimente und Schmeicheleien für seinen mutigen Rückzug

nach Lübeck, und bedankte sich sehr für den außerordentlichen Dienst, den

Blücher der russischem Kriegführung dadurch geleistet hatte, daß er die

Franzosen so lange vom Osten abzog. Er war so aimabel, so charmant, wie es

nur ein russischer Gardeoffizier sein kann. Seine Begeisterung war so

soigniert, so wohlgepflegt und ohne Überschwang, seine ganze Art, sich zu

geben, so korrekt und elegant, daß Blücher ganz übel zumute wurde.

Von diesem geschnürten, parfümierten, gut frisierten und schönen jungen

Mann waren keine derben Hiebe, keine großen Entschlüsse und vor allem

keine Ausdauer zu erhoffen, das wußte er gleich! Und auch, daß mit schönen

Worten und Schmeicheleien nach Art der Franzosen von ihm alles zu

erreichen wäre.

Seine Zustimmung gab der Kaiser also auf der Stelle, jedoch alles Nähere

müsse Blücher mit seinem Oberkommandierenden, dem General von Bennigsen,

vereinbaren.

„Mit dem werde ich wohl fertig“, dachte Blücher. „Der ist ja ein Deutscher

wie ich!“ Und er ging hin.

Viel Deutsches war aber nicht mehr an dem kleinen russischen General mit

dem bauernschlauen, verschmitzten Gesicht zu entdecken – wenn nicht der

Hochmut deutsch ist.

Denn mit unsäglich mitleidsvoller Verachtung blickte er auf Blücher

nieder, der ja das Unglück hatte, preußischer Offizier zu sein, was in

Bennigsens Augen, nach Jena, ungefähr das allerletzte war! Und dieser

hergelaufene alte Husar, der wollte ihm noch ins Handwerk pfuschen – der

wollte selbständig kommandieren, auf eigene Faust Krieg mit dem Kaiser

Napoleon führen, vor dem seine Landsleute so brav davongelaufen waren?!

Ihm, Bennigsen, käme man nicht mit dergleichen! Ihm, der vor nicht

allzulanger Zeit einen Zaren vom Thron gestoßen und dem jetzigen Kaiser

die Krone aufs Haupt gesetzt hatte, der also in Rußland – das heißt im

größten Reiche der Welt – das Heft in der Hand hielt!

Sein junger Kaiser war da wieder viel zu gutmütig, viel zu liebenswürdig

gewesen! Er war ein großes Kind! Er ließ sich von allen möglichen

Abenteurern blauen Dunst vormachen, und nachher müßte er, Bennigsen, der

einzige von allen Mördern seines Vaters, den er noch um sich duldete, die

Sache wieder einrenken!

Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman · 第 13 / 21 题