Blücher blickte hinaus –

„Französische Dragoner mitten in der Stadt! Ich werde mich wohl hier wie

in einem Sack fangen lassen! Der Teufel auch!“

Er lief die Treppe hinunter, von Müffling und seinem Sohn gefolgt.

Auf dem Hof standen die Pferde bereit. In den Sattel gesprungen, die

Plempe gezogen, dem Pferde die Sporen gegeben, durchs Haustor hinaus, und

dann los, wie toll um sich hauend, so kam der Alte auf den Markt hinaus,

wo die Reserve stand.

Yorck, der ein paar Häuser weiter wohnte, kam auch heraus, steckte seine

Jäger in die Häuser und auf die Böden, von wo aus sie die Straßen

bestreichen konnten. Die anderen Truppen, von Blücher angefeuert, gingen

in der Breiten Straße vor. Wiederholt trieb man die Franzosen zurück.

Da gelang es diesen, Artillerie auf dem Koberg in Stellung zu bringen. Von

dort aus konnten sie in die Königsstraße und in die Breite Straße

hineinschießen.

Ihre Kugeln schlugen weite Gassen in die Reihen der Verteidiger. Als einer

der ersten sank, schwer getroffen, Yorck um.

Blücher trieb die Seinen an, den Oberst zu retten und die französischen

Kanonen zu nehmen. Man kämpfte erbittert auf beiden Seiten. Da traf die

Meldung ein, die Franzosen gingen längs der Trave auf das Holstentor zu

und wären im Begriff, die einzige Rückzugsstraße abzuschneiden.

Wollte er sich nicht gefangennehmen lassen, so war es jetzt höchste Zeit,

seine Truppen aus der Stadt zu führen. Mit allem, was in der Nähe war, zog

er rasch ab und brachte sie noch glücklich durch das Tor hinaus.

Nach vergeblichen Versuchen, noch mehr von seinen Tapferen herauszuhauen,

zog er dann weiter nach Schwartau, legte das Fußvolk dort in Quartier und

nahm selbst Wohnung in Ratkau, wo die Überbleibsel seiner Kavallerie

standen.

In Lübeck aber hausten die Franzosen in der barbarischsten Weise mit Mord

und Brand, Plünderung und Notzucht und respektierten so die Neutralität in

der ihnen eigenen Art.

In ihren eigenen Chroniken, wo sie sich ihrer sonstigen Kulturtaten

rühmen, steht nichts davon.

In den Rechenschaftsbüchern eines Hohen Senats zu Lübeck aber stehen noch

verzeichnet die Unsummen an Kriegskontributionen und erpreßten

„Geschenken“, die Bernadotte, Soult und Murat nebst Gehilfen zu ergattern

wußten.

Wogegen dort, auf der Schuldseite, der Name jenes Mannes längst gelöscht

wurde, der in einer Zeit, als alles den Kopf verlor und starke Festungen

ohne Widerstand kapitulierten, wenigstens den Versuch machte, sich

mannhaft zu wehren, und zwar in einer offenen Stadt.

Er brachte der Stadt wohl Leid dadurch. Aber das kittete sie nur um so

fester an das Ganze.

*

Auf seinem Lager im Pfarrhofe zu Ratkau lag der General Blücher

hingestreckt. Er fieberte.

Es war Mitternacht. Der Herzog von Braunschweig-Oels hatte ihn soeben mit

einem Unterhändler des Marschalls Bernadotte verlassen, der ihm

Kapitulation zu ehrenhaften Bedingungen angeboten hatte.

Kapitulation – dieses in den Annalen der preußischen Armee nur in bezug

auf den Feind gebräuchliche Wort, hatte ihn unablässig verfolgt seit dem

Unglückstage bei Auerstedt! Hätte vorher im Ernst jemand gewagt, ihm

Preußen und Kapitulation in einem Atemzuge zu nennen, er hätte ihn

ausgelacht, ihm den Rücken gekehrt und ihn keiner Antwort gewürdigt!

Seitdem er aber bei Auerstedt und anderswo die Unfähigkeit der Armeeführer

gesehen hatte – seitdem klang ihm immer jenes fatale Wort in den Ohren,

Tag und Nacht!

Wo er konnte, hatte er alles getan, um zu verhindern, daß der preußischen

Armee diese Schmach angetan würde! Und wo er noch in letzter Stunde

hinzukam, war es ihm auch gelungen.

Freilich – überall hatte er nicht anwesend sein können!

Die Schmach bei Prenzlau, wo Hohenlohe mit der Hauptarmee die Waffen

streckte – diese unerhörte Schandtat wäre nie und nimmer geschehen, wäre

er nur dabei gewesen!

Hätte er nur eine Ahnung davon gehabt, er wäre hingeritten wie der Blitz,

hätte den Fürsten und jeden, der nur ein Wort von Kapitulation zu sprechen

wagte, vor den Kopf geschossen! Aber geschehen wäre es nicht!

Denn das gab das Signal zu all den anderen Kapitulationen! Wenn der

Oberbefehlshaber selbst mit der Hauptarmee sich ergab – was Wunder denn,

daß die anderen folgten? Die Kavallerie bei Pasewalk, Bila bei Anklam, und

dann: Stettin, Küstrin, Spandau! Wie reife Früchte beim ersten Windstoß

vom Baume fallen, so fielen sie, die eine Festung nach der anderen, die

eine Armee nach der anderen! Und jetzt war er selbst in der schmachvollen

Lage, jenes Wort – jenes verhaßte Wort für immer und ewig seinem eigenen

Namen anhängen zu müssen!

Es war ja noch nicht soweit! Er hatte es ja abgelehnt, vor Tagesanbruch in

irgendwelche Verhandlungen zu treten! Bis dahin könnte noch manches

passieren! Freilich war nicht viel Hoffnung da! Travemünde, wohin er mit

dem Rest seiner Truppen ziehen wollte, war bereits gefallen; Geschütz und

Gepäck auf dem Wege dorthin verloren, keine Munition mehr, seine Leute

ohne Nahrung, frierend und hungernd! Da bliebe ihm nur – –

Er zwang seine Gedanken davon fort.

Der Braunschweiger hatte ihm auch ausführlich vom Einzug Napoleons in

Berlin erzählt. Man hatte ja schon in Lübeck verschiedenes davon zu

munkeln gewußt – und der Unterhändler Bernadottes hatte es sich jetzt noch

angelegen sein lassen, die Begebenheit in möglichst grellen Farben zu

malen, um ihn gefügig zu stimmen!

Er schloß die Augen, und sah es so deutlich vor sich, als hätte er es

miterlebt, hörte die dröhnenden Trommelwirbel und das Schmettern der

Trompeten, die das Nahen des Siegers verkündeten. Und dann ritt der kleine

Kerl an der Spitze seiner Garden durchs Brandenburger Tor hinein, vor ihm

die erbeuteten preußischen Fahnen, und dann hinterher – wie eine

Viehherde, die zur Schlachtbank getrieben wird – die gefangenen

preußischen Offiziere. Auch das hatte nicht an seinem Triumph fehlen

dürfen!

Und der Pöbel auch nicht, der dem Triumphator huldigte und seine Opfer

auspfiff! – –

Er stöhnte laut auf, als er an die Szene dachte. Die Hände krallten sich

vor Wut zusammen beim Gedanken an all den Raub, den der Sieger in Berlin

gemacht hatte, und all die Schmach und Schande, die er dafür aufs Haupt

der Besiegten häufte!

Er lachte laut auf.

„So ist’s recht!“ rief er gallig, sich im Bett aufsetzend, und schlug mit

der Faust auf den Bettrand. „So ist’s recht! Nur zu, nur zu! Tritt sie mit

Füßen – tritt nach Herzenslust! Die Deutschen trittst du nimmer tot! Aber

du trittst sie zu _einer_ Masse zusammen! Nur so werden sie’s, nur die

äußerste Gewalt kann das bewirken! Tritt sie – ihnen zum Heil und dir zum

Schaden, wenn sie sich dann endlich gemeinsam gegen dich erheben!“

Er sank wieder zurück und lag da lange mit geschlossenen Augen, heftig

atmend, die Wangen von Fieberglut gerötet. Gestalten tauchten vor seinem

inneren Gesicht auf, Gefährten der letzten Kämpfe, der Flucht und des

kläglichen Rückzugs!

Zunächst Massenbach!

Den hatte er auf dem Strich, seit Greußen, wo dieser Schuft sich

unterfangen hatte, _sein_, Blüchers, Ehrenwort aufs Spiel zu setzen durch

falsche Verdolmetschung seiner Weigerung, es abzugeben!

Den hatte er seitdem nicht aus den Augen gelassen!

Bei Jena war die Memme nicht zum Vorschein gekommen, wie überhaupt

nirgends, wo es Ernst wurde! Da verduftete er gleich, um erst, wenn alles

glücklich oder unglücklich vorbei war, wieder aufzutauchen und neues

Unheil anzustiften!

Jetzt hatte er sich aber für immer und ewig unmöglich gemacht!

Und das war das Gute bei diesem unerhörten Unglück, daß es die Spreu von

dem Weizen sonderte, Schädlingen wie Massenbach die Larve vom Gesicht riß

und unfähige Leute von den Führerposten entfernte, um die, die sich

bewährt hatten, zum Heil des Ganzen an die Spitze zu bringen! So wurden

dem Wiederaufbau wenigstens von Haus aus keine Hindernisse mehr in den Weg

gestellt! –

Er fuhr auf.

„Er sagte doch –“, fing er laut an, und die Stimme bebte vor Zorn – „er

sagte doch – –“

Er lachte laut auf.

„_Kapitulieren_, um dem König eine Armee zu erhalten! So’n Wahnsinn! Und

darauf fallen gescheite Leute herein! So’n Wahnsinn! So’n gottverfluchter

Wahnsinn!“

Er sank wieder hin, wickelte sich in die Decke und lag wieder still da. Im

Kopfe brauste und brummte es von tausend Gedanken. Erlebtes und

Erlauschtes trat da wieder in Erscheinung und schoß in bunten Bildern

durchs Gehirn. Aus dem brodelnden Chaos tauchte bald dieses, bald jenes

wohlbekannte Gesicht auf, als hätten sich die Geister zur Heerschau um das

Lager des alten Helden versammelt, um zu raten, zu tadeln und ihm über das

Bitterste hinwegzuhelfen. Er sann und sann nach einem Ausweg aus seiner

Lage.

Könnte er dem König wenigstens _seinen_ Arm und Kopf retten! Nur nicht

kapitulieren müssen, jetzt, wo jeder, der etwas taugte, benötigt wurde!

Und doch, es war nicht zu vermeiden! – Was sonst aber taugte, das sollte

wenigstens dem Könige erhalten werden!

Scharnhorst!

Da ließe er nicht nach – der mußte sofort ausgewechselt werden – das wäre

Bedingung!

Der gehörte an führenderer Stelle! – Das wollte er dem König gehörig unter

die Nase reiben! – Da wäre kein Wort des Lobes zuviel!

Dieser Kerl – Donnerwetter, was für ein Glück, daß er den gefunden hatte!

Er hatte einen Mann in dieser Welt, auf den zu bauen war, hatte ihn

ausprobieren können und das reine lautere Gold an ihm gefunden!

Wie hatte er sich nicht bei der Kunde von Hohenlohes Kapitulation

benommen! Wo sonst alles den Kopf verlor, blieb er ruhig, bestimmt,

zielbewußt, und war sofort und ohne viel Gerede im klaren damit, was getan

werden mußte!

Ohne viel Gerede, das war die Hauptsache.

Und _den_ hatten die Franzosen nun gefangengenommen! Und Yorck auch, den

Braven, der sich wie ein Löwe schlug!

Ob der wohl mit dem Leben davongekommen war?

Das mußte er wissen! Dann sollte auch der auf die Liste der sofort

auszuwechselnden Offiziere.

Der alte Isegrim, der mit seinen Jägern während des Rückzuges so viele

glänzende Proben von Heldenmut und außergewöhnlichen Führereigenschaften

gegeben hatte – bei Altenzaun, wo er dem Korps Weimar den Elbübergang

deckte – auf der Nossentiner Heide, wo er stundenlang mit der Nachhut dem

Feind den Weg verlegte und ihm derartig an die Kehle sprang, daß er von

der Verfolgung an dem Tag genug hatte – auch der Yorck mußte dem König

erhalten werden, wäre er nur noch am Leben!

Der König, der würde wohl endlich gelernt haben, solche Leute zu schätzen!

Er hatte wohl jetzt gesehen, was an denen war, die bis jetzt sein

Vertrauen genossen hatten! Es war eine harte Schule für ihn gewesen! Er

hatte sich aber brav gehalten! Zum erstenmal im Feuer! Gar nicht schlecht!

Freilich, er hätte nicht die Schlacht abzubrechen brauchen!

Aber er war noch jung, unerfahren, und hatte nicht den rechten wagemutigen

Leichtsinn, wenn’s galt, das unbedingt Nötige aufs Spiel zu setzen!

Das war aber die Hauptsache, zum Donnerwetter! Auf die Waghalsigkeit des

Spielers kommt es eben an! Von ihr hängt oft das Schicksal von Tausenden

ab! Es kann _so_ gehen – es kann auch so gehen! Man weiß es nicht im

voraus! Und doch muß es gewagt werden!

„Wagemut, Wagemut,

sengt mir das Blut!“

trällerte er plötzlich laut vor sich hin. Und mit dem Gedanken, daß _er_

als Prinzenerzieher zuallererst ihnen die Lust beibringen würde, die Karte

zu biegen, damit sie nicht in den Ernstfällen zauderten, sondern nach

rechter Mannesart fest zupackten – mit dem Gedanken schlief er ein und

schnarchte bald, daß die Balken sich bogen.

Kaum war der Tag angebrochen, so wurde er mit der Kunde geweckt, zwei

französische Generäle hätten sich als Abgesandte Bernadottes eingefunden,

um die Kapitulation abzuschließen.

„Hol’ der Teufel die Kapitulation!“ schrie er heiser den Hauptmann von

Müffling an, der, nach der Gefangennahme Scharnhorsts, das Amt des

Quartiermeisters versehen mußte. „Haben die Kerls keine Nachricht von

Yorck gebracht? Lebt er noch?“

Der Jubel, als die Frage bejaht wurde!

„Der Isegrim lebt! Der alte Dachs hat nicht ins Gras gebissen! Das dachte

ich! Das wußte ich! So was Garstiges, so was Widerborstiges kriegen nicht

einmal wir selbst klein! Geschweige denn die Ohnehosen mit ihren

Käsemessern! Papier her – Papier und Tinte her!“

Das Fieber war fort, der Alte wie verwandelt! Das Glück im Unglück wirkte

besser als alle Medikamente. Er riß Feder und Papier an sich und kratzte

in dem unmöglichsten, aber von innigstem, burschikosem Humor durchtränkten

Deutsch rasch ein paar Zeilen zusammen und reichte dem Hauptmann das

Papier.

„Da nimm’s, mein Sohn, gibt’s den Franzosen! Das sollen sie für Yorck

mitnehmen! Der alte Kerl soll wissen, daß ich ihn liebe, obwohl er mir so

grob kam! – Er soll fühlen, daß noch einer da ist, der gute derbe Hiebe

einschätzen kann, und der den Teufel nach Höflichkeit in solchen Dingen

fragt, wenn der Hieb nur sitzt! – Und auch, daß ich an ihn denke, für ihn

sorge und von seinen Taten dem König genau berichten und sie ins beste

Licht rücken werde!“

Müffling verbeugte sich, versprach alles getreulich zu besorgen und wagte

dann an den eigentlichen Zweck seines Kommens zu erinnern – an die

Kapitulation – –

Blücher blickte ihn giftig an. Es galt also doch in den sauren Apfel zu

beißen.

Er spuckte dreimal verflucht aus und schrie, so gut es ging – denn er war

ganz heiser von dem vielen Kommandieren der vorhergehenden Kampftage –,

schrie seinen guten Hauptmann Müffling an und sagte ihm, er möge in des

Teufels Namen denn das Dokument mit den Parlezvous’ abfassen! Aber

deutsch, das bäte er sich aus! Denn er unterschreibe nur, was er lesen

könne, und die gaskognischen Gauner und welschen Windhunde könnten ihm die

Schuhsohlen lecken – er sagte etwas Schlimmeres –, sie könnten ihn

dreiteilen, wenn sie wollten, und in kleine Stücke backen, aber er

unterschreibe nichts, wenn nicht hoch und heilig und ehrenwörtlich drin

vom französischen Marschall verbrieft und gesiegelt würde, daß der Oberst

von Scharnhorst und der Oberst von Yorck – denn er lebte noch –, daß also

die zwei sofort ausgewechselt werden würden und gehen könnten, wohin sie

wollten! Und wohin _die_ wollten, das wüßte er schon – aber das ginge den

Franzmann nichts an!

Ohne das unterschriebe er also nicht! Und unterschriebe _auch_ so nicht,

wenn er nicht auch die Gründe angeben könne, warum in drei Millionen

Teufels Namen er kapitulieren mußte! Denn daß er das nicht gutwillig täte

– daß er kein solcher Schweinehund wäre, das zu tun, solange er noch ein

Körnchen Pulver auf der Pfanne hätte, das brauche er ihm wohl nicht erst

zu sagen?! Und freies Geleit bedinge er sich für sein Gepäck aus. Denn da

wäre die westfälische Landeskasse mit drin. Die wäre keine Kriegskasse und

würde nicht von der Kapitulation betroffen. Die Franzosen könnten sich den

Mund danach lecken. Und eine Eskorte für sie sollten sie auch noch

stellen. Und nun solle er sich scheren, Musje Müffling, und ihm seine Ruhe

lassen! Und er bäte sich aus, durch keinerlei Rückfragen behelligt zu

werden! Er hätte jetzt seine Orders – er wüßte Bescheid, er solle es gut

machen – basta! –

Damit wickelte er sich in seine Decke, drehte dem Quartiermeister den

Rücken und schnarchte weiter.

Nach stundenlangem Hin und Her hatten die Unterhändler endlich das

schicksalsschwere Aktenstück fertig, durch das der letzte Rest des

Blücherschen Korps die Waffen streckte.

Von sechzehn Bataillonen hatte Blücher nur vier aus Lübeck retten können,

als die Stadt fiel, und zwei Kanonen von zweiundfünfzig! Diese vier

Bataillone sollten nun die Waffen strecken – aber mit allen Kriegsehren.

Mit Seitenwaffen und Kanonen, mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel

sollten sie vor dem französischen Heere vorüberziehen, und die Offiziere

sollten ihre Degen behalten dürfen. Auf die weiteren Bedingungen Blüchers

waren die französischen Unterhändler auch eingegangen. Nur – die Angabe

der Gründe zur Kapitulation wollten sie ihm nicht zugestehen. Das wäre

gegen allen Brauch – das dürfe er nicht beanspruchen, und was sie da noch

an Gegengründen vorzubringen wußten! –

„Was bei so’ner niederträchtigen Sache Brauch ist oder nicht, ist mir

schnuppe!“ sagte Blücher, als ihm Müffling das verdolmetschte. „Das

Kapitulieren ist überhaupt nicht bei mir Brauch und soll, hol’ mich der

Teufel, nie wieder bei mir vorkommen! Und was ich beanspruchen darf, weiß

ich selbst am besten und brauche mir das von so’n paar hergelaufenen

Grünschnäbeln von Franzosen nicht weismachen zu lassen! Die sollen mich

den Buckel herunterrutschen, aber unterschreiben tue ich nach _meinem_,

nicht nach ihrem Kopf! Und wollen sie das nicht, sollen sie sich zum

Teufel scheren!“

Die Franzosen guckten den alten kratzbürstigen Herrn erstaunt an, der sie

so von seinem Lager aus mit heiserer Stimme anschrie. Sie blickten sich

an, zuckten die Schultern, blickten Müffling an, steckten mit diesem dann

die Köpfe zusammen und flüsterten in bedauerndem Tone ein paar freundliche

Phrasen, von denen Blücher nur die Worte auffing: „_monsieur le général –

– encore très malade!_“

Dann nickten sie endlich wohlwollend zustimmend. Müffling nahm das

Dokument, tauchte den Federkiel ein, legte ein dickes Buch unter und gab

das Ganze an Blücher, der, auf den linken Ellbogen gestützt, nach der Wand

gedreht, und ohne den Siegern sein Gesicht zu zeigen, rasch ein paar Worte

hinkritzelte.

Dann reichte er Müffling, ohne sich umzudrehen, Dokument und Federkiel,

legte sich wieder hin, nach der Wand gekehrt, und ließ die Franzosen

Franzosen sein.

Sie blickten sich wieder an, blickten Müffling an, schüttelten die Köpfe,

blickten in das Dokument hinein und buchstabierten laut:

„Ik kapitüliär nür, wei’ ik känn Brott ün kann Münissiong mehr ’abe –

Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman · 第 12 / 21 题