Tram – tararam, tram, tram! –

Die Tambours schlugen ihre Wirbel mit Macht, die Bläser bliesen aus vollen

Backen, immer näher kam’s, immer lauter schmetterten Posaunen und

Trompeten, die Pikkoloflöten wieherten, der Wind wehte die Klänge immer

näher, man vernahm schon die Melodie.

„_Allons enfants de la patri–i–e_“, sang gleich ein blasser

Ästhetenjüngling mit interessanten dunklen Stirnlocken laut irgendwo

hinter dem Rücken der anderen mit – mit einer Vehemenz daß sich seine

dünne Fistelstimme noch vor Rührung überschlug. „Das Lied – _das_ Lied

ist’s, das die Welt erobert! Überall entflammt es die Herzen, überall

entfacht es die Begeisterung! Und wenn sie’s hören, empfangen die

geknechteten Völker dankbar ihre Freiheit aus der Hand des Befreiers!“

„Halt’s Maul, Aff’ verfluchter!“ rief ihm ein dicker Fleischerbursche zu,

und versetzte ihm einen Bauchstoß, daß ihm das Singen verging.

„Au, meine Hiehneroogen!“ kreischte schrill eine Stimme.

Eine andere gab zur Antwort: „Wennde schon Oogen in de Stiebeln hast, denn

guck dir doch unten besser vor, Rindvieh!“

„Bei ihm guckt bloß de jroße Zeeh raus, und die hat keene Oogen nich! Die

is blind!“ lachte ein dritter.

„Wat der uns woll noch an Steuern abknöppen wird!“ knurrte ein dicker

Budiker, stieß seinen Nachbar in die Seite und zeigte auf „seinen“

Gerichtsvollzieher, der sich eben an ihm vorbeidrängelte.

„Nu wat denn?“ antwortete der Angeredete. „Der wird dir schon janz eklig

kommen und nich zu knapp! Denn wat dem sein neuer Herr und Jebieter is –

det Napolibum – det soll jerissener sind wie ville Jerichtsvollzieher! Det

jehört woll ooch zum Jeschlecht derer von Nimm!“

Immer lauter wurde das Geschrei der Leute. Die Einzelgespräche versanken

in dem allgemeinen Trubel, die Marseillaise, von dröhnenden Trommelwirbeln

rhythmisch gehoben und vorwärts getragen, schwoll immer machtvoller an und

erfüllte mit ihren Klängen die Luft, die Posaunen spien ganze Massen von

Fanfaren aus, als gälte es die Mauern Jerichos umzublasen. – Immer näher

und näher schob sich das Ereignis; ein Wald von silber- und goldgestickten

Fahnen schaukelte langsam und feierlich vorwärts auf das Tor zu, durch

dessen mittleren Bogen hindurch und auf die „Linden“ hinein.

Wo aber der Zug der Fahnen vorbeikam, verstummte der Lärm, die Köpfe

senkten sich, die Gesichter wurden ernst, zornige Worte preßten sich über

zusammengekniffene Lippen, die Fäuste ballten sich, die Augen wurden

feucht.

Es waren – _preußische Fahnen_, vor allem die Feldzeichen der preußischen

Garderegimenter, von Siegen schwer, von Ehren bekränzt, die in den

Schlachten des Großen Friedrich einst ihre Bluttaufe erhalten hatten und

jetzt, von achtzig französischen Grenadieren getragen, auf der

altgewohnten Straße ihrer einstigen Triumphe dem Besieger Preußens in

seiner Hauptstadt voranflattern mußten.

„Hol’ der Teufel die Schufte, die sie so schlecht verteidigt haben!“

fluchte ein alter Veteran zwischen den Zähnen.

„Nie wieder!“ schrie ein anderer und vergaß sich so weit, daß er die Faust

drohend gegen die französischen Soldaten schüttelte. „Nie wieder wird euch

das hier im Lande vergessen werden, solange die Welt noch steht!“

„_Silence messieurs! Silence donc ici!_“ wetterte es prompt aus der Reihe

der spalierbildenden Soldaten, und ein paar derbe Kolbenstöße

unterstützten die Mahnung. Indessen verstummte die Marseillaise plötzlich,

und der Zug hielt an.

Der Kaiser Napoleon, hoch zu Pferd und umgeben von den Marschällen

Berthier, Davoust, Angereau, Bessières und Lefebvre, hielt jetzt am Tor

an, um die programmgemäße offizielle Begrüßung entgegenzunehmen.

Eine Gruppe der angesehensten Bürger Berlins, an ihrer Spitze der

Zivilgouverneur Fürst von Hatzfeld selbst, trat vor, um dem Kaiser die

Schlüssel der Stadt feierlichst zu überreichen.

Der Fürst hielt seine Ansprache; der Sieger von Marengo, Austerlitz und

Jena dankte mit seiner melodischen Stimme in leicht singendem Tonfall, die

Worte mit absichtlicher Feierlichkeit dehnend und fast skandierend. Er

ließ dann die Schlüssel der Stadt vom neuernannten Gouverneur in Empfang

nehmen, blickte auf das Tor hinauf zur bronzenen Viktoria, die ihm mit

ihrem Viergespann leichtgeschürzt entgegengesaust kam, lächelte bedeutsam

und sagte dann, ohne seine Worte an irgendeinen zu richten:

„Die Dame fährt in verkehrter Richtung. Der Sieg kommt heute aus Westen,

Messieurs, die Siegesgöttin also auch! Wir wollen ihr auf den rechten Weg

helfen!“

Ein Zeichen seiner Hand – die Musik fiel ein, die Trommeln schlugen, die

Bläser prusteten, und durchs Siegestor der Hohenzollern zog die glänzende

kaiserliche Kavalkade ein, strotzend von Orden und goldenem Schmuck, mit

wehenden Federbüschen, prachtvollen Gewändern, von fürstlich

aufgeschirrten Pferden getragen. Allen voran Napoleon selbst im grauen

Mantel, den schwarzen dreieckigen Hut auf dem Haupte.

„_Vive l’empereur!_“ riefen vorschriftsmäßig die Garden. Vereinzelte

Hurrarufe aus der Menge wurden laut.

„’t is ja een janz kleener Mann!“ quiekte plötzlich eine Stimme.

„’n janz kleener!“ brummte eine Baßstimme Antwort. „Det meen ick ooch! Und

det will nu janz wat Jroßet sind?! So’n Quatsch!“

„Fif Langperöhr!“ johlten ein paar strebsame Gassenjungen.

Und dann brach ein Sturm los, wie er selten auf der Feststraße Berlins

getobt hatte. Der Clou des Festzuges kam, die Überraschung, die Napoleon

den Berlinern als Angebinde bot, indem er gleichzeitig seine eigene

verletzte Eitelkeit in der raffiniertesten Weise rächte.

Hinter dem Festzug her wurde der Stolz der Berliner, ihr feinstes

Regiment, das Regiment Gens’darmes, wie eine Viehherde über die Linden

getrieben, durcheinandergeworfen, mit abgerissenen Uniformen, ohne Waffen,

ausgehungert und zu Tode gehetzt, um nicht beim Triumphe seines Besiegers

zu fehlen.

Eben _die_ Offiziere, die einst so mutvoll an den Stufen der französischen

Gesandtschaft ihre Säbel gewetzt hatten, eben die mußten jetzt, dieser

Säbel beraubt, an dem Ort ihrer Tat gefangen vorüberziehen, um so ihren

einstigen Übermut zu sühnen.

Und derselbe Pöbel, der ihnen damals zujauchzte und noch lauter als sie

Frankreich verwünschte – derselbe Pöbel pfiff sie jetzt aus, beschimpfte

sie, verlachte sie, bewarf sie mit Kot aus dem Rinnstein und mit

unflätigen Zurufen, und gab ihnen die Schuld an dem Krieg und an der

Niederlage und an der ganzen Schmach, die über das Vaterland

hereingebrochen war. Er hätte sie in Stücke gerissen, hätten nicht die

französischen Grenadiere in der Aufrechterhaltung der Ordnung eine geübte

Hand gehabt.

Man erhob sich zum Richter, vergaß darüber, wie sooft, die eigene Schuld,

und machte sich dadurch erst recht mitschuldig! –

Der Sieger aber, der die Geschmacklosigkeit gehabt hatte, die in ehrlichem

Kampfe überwundenen Feinde wie eine Herde gefangener Barbaren im

Triumphzuge der Cäsaren mitzuschleppen, er zog weiter nach dem Schloß,

empfing dort die sogenannte „Intelligenz“, charmierte, poussierte,

kokettierte mit dem Allerweltsbürgertum, das auch hier in Berlin seine

üppigsten Blüten trieb, alles bewitzelte, alles verspottete, und vor allem

jedes patriotische Gebaren ins Lächerliche zog.

Er teilte Auszeichnungen aus, er ordnete die Verwaltung der Stadt,

ernannte Gouverneure, Kommandanten, Richter und Polizeichef, empfing

Deputationen und hervorragende Persönlichkeiten der Literatur, der Kunst

und der Geldaristokratie, lauter französelnde Weltbürger und

hypergebildete Kulturfexe, amüsierte sich über ihre plumpen

Schmeicheleien, ließ sich ruhig anhimmeln und quittierte für die

Kriecherei, indem er dem besiegten Vaterland jener Vaterlandslosen eine

sofort zu entrichtende Kriegskontribution von hundertneunundfünfzig

Millionen Mark auferlegte und rücksichtslos einzutreiben befahl. Er

verstand den Spaß und wußte eben, was Siegen heißt!

*

„Sagen Sie mal, Herr Kamerad,“ sagte der Major von der Marwitz, der

Adjutant Hohenlohes, zum Kapitän von Tippelskirch vom Generalstab, gerade

als dieser den Fuß in den Steigbügel setzen wollte, „sagen Sie mal, ist es

Ihnen nicht aufgefallen, daß die kleinsten Ursachen oft die größten

Wirkungen haben, und daß, insbesondere in der Weltgeschichte,

Begebenheiten von den weittragendsten Folgen, von denen das Schicksal von

Nationen abhängt, meistens durch ganz nebensächliche und sonst

gleichgültige Umstände herbeigeführt werden?“

„Ich gebe zu, ich habe schon manchmal darüber nachgedacht!“

„Dann werden Sie sich nicht wundern, daß ich jetzt behaupte: wenn wir hier

kapitulieren müssen, und ich sehe es schon kommen – –“

„_Ich_ kapituliere nicht – ich reite dann eher davon!“ rief der Kapitän

lebhaft.

„Recht tun Sie, Herr Kamerad! Und wäre ich nicht als Adjutant an die

Person des Fürsten gebunden, so würde ich es auch so halten. Ich wollte

auch nur dartun, daß wir, wenn wir hier kapitulieren müssen, in diese

Zwangslage durch den Umstand versetzt worden sind, daß Herr Oberst von

Massenbach eine so überaus empfindliche Milz hat.“

Der Kapitän von Tippelskirch lachte.

„Es ist mein Ernst, Kamerad“, sagte der Major. „Mit der Milz ist nicht zu

spaßen – mit Massenbachs am allerwenigsten! Wozu das Ding eigentlich da

ist, darüber stritten sich von jeher die Gelehrten und streiten sich immer

noch. Bei Massenbach ist sie aber ganz bestimmt dazu da, um den guten

Oberst zu quälen!“

„Da geschieht ihm nur sein Recht!“

„Sie können überzeugt sein, Herr Kamerad, daß ich ihm noch größere Qualen

gönnen würde, wenn wir nur nicht so sehr davon in Mitleidenschaft gezogen

würden.“

„Wieso denn?“

„Nun eben weil jenes merkwürdige Klümpchen Fleisch, das man Milz nennt,

dem Herrn Massenbach total das Reiten verleidet.“

„Ach so!“

„Kaum sitzt er im Sattel und schlägt ein rascheres Tempo ein, sofort

versetzt ihm seine Milz einen Stich, daß er den Atem verliert und nicht

weiter kann. Da hilft ihm nichts als der gewöhnliche langsame Trott, oder,

am liebsten, daß er im Wagen weiterfahren kann. Galopp oder Trab ist ihm

unmöglich auszuhalten. Und dabei soll der Mann rekognoszieren.“

„Wie das ausfällt, läßt sich denken!“

„Ja, aber nur denken! Denn er nimmt die letzte Zeit auf seine

Patrouillenritte niemand mit! Er rekognosziert immer allein. Und wissen

Sie warum?“

„Nun?“

„Um ohne Zeugen zu sein! Ich habe die Überzeugung gewonnen – und ich

möchte beinahe darauf schwören, daß es sich so verhält –, ich habe also

die Überzeugung: er unterschlägt wegen der Schmerzen in der Milz den

ganzen Ritt, setzt sich irgendwo im Gebüsch hin und kommt dann nach einer

Weile wieder mit den wahnsinnigsten Rapporten! Nur so habe ich mir all die

merkwürdigen Beobachtungen erklären können, die er gemacht haben will. _Er

hat sie eben nicht_ gemacht. Er hat sich gesagt: ‚Es _könnte_ so sein, es

könnte aber _auch so_ sein! Nehmen wir also das ‚_auch so_‘ für sicher!

Warum sollte ich mit meinem Scharfblick nicht eine Entfernung ohne

Vermessen einschätzen können? Brauche ich eine Brücke, ein Defilee, einen

Paß zu sehen, um zu wissen, daß sie da sind? Und was den Feind betrifft,

daß der hinter uns her und vor uns und überall ist – wer würde wagen,

_das_ von den Franzosen zu bezweifeln? Um _das_ festzustellen, dazu

brauche ich keinen Ritt zu machen! Das weiß man auch so! Wer

kontrolliert’s mir übrigens? Keiner! Und wenn schon – der Fürst glaubt mir

aufs Wort! Die anderen Kerls können mir was! Wozu sich schinden?‘ So wird

er räsoniert haben!“

„Das hat allerdings etwas für sich“, sagte der Kapitän von Tippelskirch

und schlug sich mit der Reitgerte auf den Stiefel. „Mir war es auch

merkwürdig, wie er so gar nicht mehr die Entfernungen einschätzen konnte!

Denn der Kerl ist nicht dumm! Und kann er auf einmal nicht mehr rechts von

links unterscheiden, so liegt’s nicht am Sehvermögen, auch wird er nicht

so ganz auf den Kopf gefallen sein. Schließlich muß er doch auch als

Generalquartiermeister die Karten kennen. Ich kann mir nicht helfen, aber

ich sehe da so etwas wie bösen Willen walten! Der Kerl hat etwas vor!“

„Wissen Sie, Herr Kamerad,“ sagte von der Marwitz zögernd, „ich mag ihn

auch ganz und gar nicht. Aber Gerechtigkeit muß sein. An bewußten Verrat

glaube ich nicht. Dazu wäre er meines Erachtens auch dann nicht imstande,

wenn er die Neigung hätte, denn er ist zu feige. Er ist ein unbedeutender

Kopf, der zu Einfluß gelangt und übergeschnappt ist, so daß er sich nur

noch mit großen weltbewegenden Plänen abgibt, die er weder fassen noch

bewältigen kann. Da passiert es ihm eben, so in Gedanken zu sein, daß er

rechts und links verwechselt, falsche Rapporte bringt und verkehrt

disponiert. Wir haben’s dann auszufressen, sitzen in der Klemme und müssen

verhandeln.“

„Das müssen wir eben nicht! Und wenn ich sehe, daß das losgeht, dann reite

ich davon. Wenn Sie mitkommen, soll es mir lieb sein.“

„Ich überlege es mir noch!“

Der Kapitän sprang in den Sattel und legte die Zügel in der Hand zurecht.

„Er ist aber doch ein ausgemachter Franzosenfreund“, sagte er ärgerlich.

„Sie haben doch selbst gehört, wie er gegen das Bündnis mit Rußland

wetterte. Sie waren doch dabei, als er erklärte: In dem Augenblick, wo wir

uns mit Rußland alliieren, verläßt er die preußischen Dienste und geht ins

Französische!“

„Ich weiß. Ich habe ja selbst im ersten Ärger dem Fürsten gesagt, er müsse

wegen dieser Äußerung erschossen werden. Aber der Fürst hat mich

ausgelacht. Massenbach wäre nicht ernst zu nehmen, sagte er. Und dabei

nimmt er ihn selbst verteufelt ernst und läßt sich von ihm total

beherrschen.“

Der Kapitän beugte sich vom Pferde herunter.

„Wissen Sie was, Kamerad, der eine von den beiden ist ein Schuft, der

andere ein Schwachkopf! Das meine Meinung! Wenn es ihre

Privatangelegenheit wäre, würde ich keinen Ton sagen. Aber wenn Tausende

von Leben von ihren Schrullen abhängen, wenn das ganze Land darunter zu

leiden haben wird, daß solche Leute zu befehlen haben – – Na –, wie

gesagt, ich reite meines Weges! Wenn’s soweit ist, pfeife ich Ihnen!“

Er grüßte, gab seinem Pferd die Sporen und ritt davon. Major von der

Marwitz stieg auch in den Sattel und schloß sich dem Fürsten Hohenlohe und

Massenbach an, die sich jetzt zu einer Unterredung mit den Franzosen

begaben.

Auf einer niedrigen Wiese kamen sie ihnen entgegengaloppiert, versteht

sich, auf guten, erbeuteten preußischen Kavalleriepferden, um recht

niederschmetternd zu wirken. Murat selbst ritt das bei Saalfeld erbeutete

Pferd Louis Ferdinands; sein Gefolge hatte sich beim Regiment Gens’darmes

beritten gemacht.

„Dieser freche Gaskogner – dieser Naseweis von einem Bäckerjungen!“ sagte

von der Marwitz laut, als er den blaurotgolden herausgeputzten

napoleonischen Reitergeneral sah, wie er sich unter der reichen

Verschnürung brüstete und blähte, die gelockten Haare schüttelte und

gleich anfing in einer Weise zu schwadronieren, gegen die Massenbachs

Zungengeläufigkeit das reine Kinderspiel war.

Der war auch stumm wie ein Fisch und tat das Maul nicht einmal auf. Er

starrte nur, wie der Fürst, entsetzt auf Murat, als dieser anfing, nach

rechts und links, nach Nord und Süd in die leere Landschaft

hineinzuzeigen, und plötzlich vor seiner erstaunten Phantasie die ganze

französische Armee aus dem Ärmel schüttelte.

„_Voilà le corps du maréchal Lannes! Voilà le corps du maréchal

Bernadotte! Voilà le corps du maréchal Soult!_“

Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman · 第 10 / 21 题