Da kommandierte der Rittmeister: „Achtung!“

Die Glieder richteten sich; die Leute saßen wie angegossen in den Sätteln;

auf Kommando flogen die Säbel aus den Scheiden und salutierten. Denn

Blücher erschien jetzt auf der Freitreppe, von zwei Lakaien mit brennenden

Armleuchtern begleitet.

Wie er so dastand in der Oktobernacht, hoch, schlank und elastisch wie

eine Stahlfeder, das Gesicht mit dem grauen Schnurrbart frisch gerötet,

die dunkelblauen Augen vor innerer Glut funkelnd, da war’s jedem der unten

Harrenden, als träte er ihnen heute zum erstenmal vor Augen als der Herr

und Gebieter, dessen Wort ein jeder sich zu fügen hatte, und wenn’s

geradeswegs in den Tod ginge! Ein Gefühl von Sicherheit und Zutrauen kam

sofort über sie; die Haltung straffte sich, die Faust krampfte sich

stählern um den Säbelgriff, die Schenkel griffen fester um den Sattel, so

daß Reiter und Pferd miteinander verwachsen schienen. Und als Blücher

vortrat, und mit seiner sonoren, weithin schallenden Baßstimme ihnen

zurief: der König habe dem Regiment die Gnade erwiesen und von ihm eine

Eskorte angenommen, und er, Blücher, erwarte von jedem einzelnen unter

ihnen, daß er sich der hohen Ehre würdig zeige und sein Äußerstes hergebe,

um die geheiligte Person des Monarchen glücklich durch alle Fährnisse

hindurchzubringen, da bedurfte es nicht noch der Drohung, mit der er

glaubte seinen Worten weiteren Nachdruck geben zu müssen, als er die Worte

hinzusetzte: „Und das sage ich euch, Kinder, wer von euch nach einem

etwaigen Unglück mir noch lebendig unter die Augen zu treten wagen sollte,

den würde ich mit eigenem Händen in Stücke hauen!“

Eisenhart klang das, und eisenhart stand der Alte da, wie ein Engel des

Gerichts, die Hand auf dem Säbel.

Nicht seinen lieben Roten galten diese drohenden Worte, das wußten sie

alle! Sie wußten, daß er sie wohl kannte und keinen Zweifel an ihnen

hatte. Er war ihr Vater und sie seine Kinder, Fleisch seines Fleisches,

Blut seines Blutes! Wie er für sie und mit ihnen, so würden sie alle

freudig auf seinen geringsten Wink in den Tod reiten – dazu bedurfte es

weiter keiner Mahnung und beileibe keiner Drohung! Die Worte soeben, die

hatten den anderen gegolten, die gestern so schlecht geritten waren und

ihren Alten im Stich gelassen hatten, statt ihm zum Sieg zu folgen!

_Denen_ waren sie ein gerechter Vorwurf, und die trafen sie auch – an den

Roten vorbei, die dabei stolz blickten und mit begeisterten Zurufen seine

Ansprache beantworteten.

Dann rief Blücher den Rittmeister von Wolky und seinen Sohn zu sich, sagte

ihnen, er hätte befohlen, daß das Husarenregiment von Schimmelpfennig und

das Dragonerregiment von Kraft rechts und links von der Chaussee

marschieren sollten, um die Reise des Königs zu sichern – befahl ihnen

äußerste Wachsamkeit und ging dann hinein, um dem König zu melden, daß

alles bereit sei.

Der König wartete schon. Er bat die Generäle, sich vorläufig auf keine

Kampfhandlungen einzulassen, da er dem Kaiser Napoleon geschrieben hätte

und Waffenstillstandsverhandlungen in Aussicht ständen. Dann

verabschiedete er sich vom General von Kalckreuth, dem er den Oberbefehl

über sämtliche in Sömmerda stehenden Truppen übertrug, verbat sich das

Geleit des alten, todmüden Herrn, ließ sich von Blücher hinausbegleiten,

stieg mit seinem Gefolge zu Pferde und trabte davon.

Blücher, von stolzer Genugtuung erfüllt, blieb stehen, solange er noch die

wogenden Reihen seiner roten „Kinder“ sehen konnte. Dann machte er kehrt

und ging zum General Kalckreuth hinein, um die weiteren Maßnahmen zu

besprechen.

Er fand den alten Herrn gänzlich gebrochen vor.

Im Lehnstuhl zusammengesunken, kaum noch atmend, saß er da und starrte wie

entgeistert ins Leere hinaus.

An der Tür wartete ein eben angekommener Kurier.

Mit einer schwachen Handbewegung zeigte Kalckreuth auf den Boten und sagte

tonlos: „Erfurt kapituliert! Möllendorf und Oranien mit zehntausend Mann

unserer besten Truppen haben sich kampflos Murat ergeben! Die Zitadelle

Petersberg auch!“

„Die Zitadelle auch?!“

Blücher schlug auf den Tisch, daß der alte Kalckreuth vor Schrecken fast

vom Stuhle gefallen wäre. Er schrie, daß alles zusammenlief und bestürzt

ins Zimmer drängte, denkend, die Generäle wären vom Feind überfallen

worden – obwohl der Feind doch nicht, wie der leibhaftige Gottseibeiuns,

durch den Schornstein zu kommen pflegte!

„Himmeldonnerwetter!“ schrie Blücher, „schlag diese Schufte tausend

Millionen Klafter in die Erde hinein, die König und Land verraten – diese

Memmen, die nicht den Mut finden, lieber zu sterben, als ewige Schande auf

sich zu laden – diese hundsmiserablen Mummelgreise, die zu weiter nichts

taugen, als alt und überflüssig zu werden und im Wege zu stehen! Ich hab’s

kommen sehen! Ich hab’s gewußt! Da soll aber nur noch einer versuchen das

Maul aufzutun, um von Kapitulation zu reden! Wer’s wagt, den erwürge ich

mit diesen Händen. Und wenn mich darob der Teufel lebendigen Leibes

dreimal holen würde – ich tu’s!“

Der alte Kalckreuth erhob sich auf zitternden Beinen bei der

fürchterlichen Drohung. Bleich, abgehetzt, todmüde von dem Nachtmarsch und

der vorhergehenden Schlacht, stand er da, die lebendige Illustration zu

dem Worte Kapitulation, und sah schon halb erwürgt aus. Er öffnete die

Lippen – aber ehe er noch etwas entgegnen konnte, meldete sich ein eben

eingetroffener Kurier Hohenlohes, rapportierte, der Fürst sei wohlbehalten

in Vippach und erbäte sich vom König Befehle.

„In Vippach!“ rief Blücher. „Geb Gott, er wäre ganz woanders, wo’s recht

heiß ist! Geb Gott, er wäre in der Hölle mitsamt seinem Massenbach, und

käme nie wieder auf deutscher Erde zum Vorschein! Sonst erleben wir

womöglich noch größere Schweinereien als die, die er uns in Jena

bescherte! Was will der Fürst noch Befehle, wo er ihnen doch nicht

gehorcht?!“

Kalckreuth stand mit offenem Munde und unausgesprochener Antwort und

blickte ihn entsetzt an. Schließlich winkte er den Boten näher heran und

gab ihm mit tonloser Stimme den Bescheid: er möge seinem Herrn bestellen,

der König wäre in Sondershausen, und der Fürst würde gut tun, sich auch

dorthin zu begeben und sich dort Befehle zu holen.

Dann schrumpfte er in dem Stuhl zu einem leblosen Haufen müder

Menschlichkeit zusammen und schlief auf der Stelle ein.

Blücher aber ließ sich ein kräftiges Frühstück kommen und war bald wieder

bereit, es mit jedem Schicksal aufzunehmen.

*

Die von Blücher befehligte Arrieregarde war auf dem Rückzug bis in die

Gegend von Weißensee gekommen, als plötzlich Prinz August, der ein

Bataillon im Regiment König befehligte, in voller Karriere an Blücher

heransprengte und ihm schon aus der Ferne laut zurief:

„Die Hundsfötter! Die Hundsfötter! Kommen Sie rasch mit, General, wenn Sie

das Unglück noch verhindern wollen, sonst haben wir im nächsten Augenblick

die Kapitulation!“

„Da soll doch der Donner dreinschlagen!“ rief Blücher, hochrot im Gesicht.

„Sind die Leute denn alle alte Weiber geworden?“

Er gab seinem Pferd die Sporen und sprengte nach dem Standort des

Kalckreuthschen Oberkommandos, wo der alte General eben im Begriff war,

sich zur Unterredung mit dem Marschall Soult zu begeben.

„Wer redet hier von Kapitulation?“ schrie Blücher ihn an. „Da kann doch

keine Rede davon sein, daß wir kapitulieren müssen! Wir schlagen uns

durch, wenn’s sein muß – aber uns ergeben? Nee! Das geschieht nie und

nimmer!“

Kalckreuth setzte ihm lang und breit die Verhältnisse auseinander, die ihn

zwangen, besondere Rücksichten zu nehmen: die königlichen Prinzen, die in

seiner Armee standen – die Garden, die er dem König unversehrt erhalten

müsse, und schließlich, aber nicht zuletzt, des Königs Verbot, sich in

einen Kampf einzulassen. –

„Was die Prinzen betrifft,“ antwortete Blücher, „so sind sie selbst

sicherlich die letzten zu verlangen, daß hier kapitulieret wird, damit

ihre Haut heil bleibt. Sie werden sich für die Ehre bedanken. Und der Kopf

eines Gardisten ist nicht einen roten Heller mehr wert als der eines

gemeinen Soldaten. Der König hat Kampfhandlungen verboten, sehr wohl! Aber

er hat uns nicht befohlen, seine Truppen dem Feind auszuliefern. Noch

weniger hat er uns untersagt, uns zu wehren, wenn wir angegriffen werden,

oder den Franzmann zu werfen, wenn er sich uns in den Weg legt. Pulver und

Blei haben wir genug, scharfe Säbel auch; sowie Leute, die dem Franzmann

damit dienen können. Wer wird so dämlich sein, dem Franzmann da etwas

anderes als blanke Hiebe zu geben?!“

Kalckreuth wollte noch etwas entgegnen. Ehe er aber dazu kam, erhob zum

maßlosen Staunen Blüchers der Oberst von Massenbach seine Stimme –

Massenbach, der bei Jena von seinem Opfer, Hohenlohe, getrennt worden war

und jetzt plötzlich im Hauptquartier Kalckreuths zum Vorschein kam.

Dieser Unglücksmensch tat also sein wortreiches Maul auf und übersprudelte

gleich von Gründen und Gegengründen und großzügigen Projekten, die

gänzlich in den Wolken hingen.

Die Nutzlosigkeit jedes weiteren Kampfes stände ohne weiteres fest, die

brauche er nicht noch darzutun nach den Niederlagen, von denen die

preußische Armee betroffen worden war.

„Wozu noch mehr vergebliche Blutopfer! Wenn man unter den obwaltenden

Umständen kapituliert, dann nimmt man nicht dem König eine Armee, sondern

erhält sie ihm!“ sagte er dann und beantwortete die entrüsteten und

erstaunten Ausrufe, die diese verblüffende Bemerkung begleiteten, mit

einem selbstgefälligen und überlegenen Lächeln.

„Kapitulieren wir – ich wiederhole es –, dann erhalten wir dem König seine

Armee! Denn der Kaiser Napoleon ist groß; er ist erhaben und edeldenkend;

er ist nicht nur ein großer Feldherr und ein wahrhaft großer Mensch,

sondern vor allem ein politisches Genie. Er will uns nicht vernichten, er

will ein starkes, mit ihm verbündetes Preußen. Er wird, nach meiner festen

Überzeugung, dem König seine Armee völlig intakt wiedergeben, wenn er nur

weiß, daß sie nachher gemeinsam mit ihm gegen Rußland kämpft. Freilich

wäre es dazu notwendig, daß wir uns jetzt erst politisch anders

einrichten!“

„Herr, was redet Er da für einen Kohl?“ fiel ihm Blücher in die Rede.

Aber Massenbach reckte seine kleine Gestalt auf, setzte die Stumpfnase

hoch und versuchte auf den viel längeren Blücher verächtlich herabzusehen.

„Ich _deklariere_,“ sagte er mit Nachdruck, „die Allianz mit Rußland ist

unser sicheres Verderben. Wer dem Staat redlich dienen will, muß den König

daran zu hindern suchen. Rettung für den Staat ist nur noch in einer

Allianz mit den Franzosen zu finden!“

Damit kam er aber bei Blücher schlecht an.

„So’n Sauverfluchter – so’n Schwerenotverdammter! Das müssen _wir_ uns

sagen lassen! So’n Gewäsch wagt er uns zu bieten!? Wo _wir_ allezeit

bereit waren und bereit sind, den letzten Hauch herzugeben, um den

Franzmann aus dem Lande herauszujagen, da wollen _Sie_ ihm Tür und Tor

öffnen und ihn gar noch in die Arme schließen! Das ist Verrat – das

ist – –“

Er kam in solche Aufregung, daß er nicht weitersprechen konnte, und es

wäre Massenbach sicherlich sehr übel ergangen, wäre nicht im selben

Augenblick ein Parlamentär vom Marschall Soult angekommen, der den

Oberbefehlshaber zu einer weiteren Besprechung einlud.

Das nahm sofort seine ganze Aufmerksamkeit gefangen, und Massenbach wurde

vergessen.

Als man aber nachher zum Verhandlungsort ritt, da ritt Massenbach mit.

Denn er mußte ja überall dabei sein und sein dickes Fell zu Markte tragen.

Soult und die begleitenden Offiziere waren nicht besonders liebenswürdig.

Sie kehrten recht deutlich den Sieger heraus und führten die Unterhandlung

in so hochfahrender Weise, als sei es eine Gnade von ihnen, überhaupt

darauf zu verzichten, die Preußen kurz und klein zu schlagen und zu Brei

zu treten.

Blücher sprach kein Französisch.

Er glaubte aber trotzdem aus der langen Unterhaltung Kalckreuths mit den

Franzosen ein paarmal das Wort „Kapitulation“ heraushören zu können. Und

als das im Anschluß daran einsetzende Geflüster nicht aufhörte, riß ihm

schließlich die Geduld.

Er ging zum Marschall Soult hin und rief ihm laut und ohne Umschweife zu:

„Kapitulation hin, Kapitulation her! Als Soldat bin ich in Ehren grau

geworden. Als ehrlicher Soldat lasse ich mich jederzeit zusammenhauen,

wenn’s nicht anders ist! Aber kapitulieren, nein! Die Feigheit dürfen Sie

nimmermehr von mir verlangen!“

Dabei schlug er auf die Säbelscheide, daß es klirrte.

Bei den Franzosen ging dann ein Geschnatter los.

Wer jener Monsieur sei, der so aufgeregt tat! – Ob er oder _le comte_

Kalckreuth das Kommando hätte? Man ließe sich einen derartigen Affront

nicht bieten, man wäre schockiert, konsterniert und wer weiß was noch! –

Man stampfte auf den Boden, ließ die Äuglein zornig blitzen und wetterte

und zeterte, daß die Stimmen sich überschlugen.

Blücher fand das höchst ergötzlich und lachte ihnen aus vollem Halse ins

Gesicht.

„Wenn die Herren einen Wettkampf im Krähen veranstalten wollen, ich habe

nichts dagegen!“ sagte er. „Aber dazu bedarf es meiner Gegenwart nicht!“

Worauf er ihnen den Rücken kehrte, in den Sattel sprang und

davongaloppierte. Die Franzosen taten das gleiche. Und die Herren

Kalckreuth und Massenbach kehrten betrübt zu den Truppen zurück.

In bester Ordnung wurde denn, trotz dem Feuer der Franzosen, weiter

marschiert bis nach Sondershausen.

Dort legte Kalckreuth sein Kommando nieder, nahm Urlaub und reiste von der

Armee fort, was Blücher aufs höchste erfreut hätte – wenn der König nicht

dem Fürsten Hohenlohe das Oberkommando über die ganze Armee gegeben hätte.

„Nun geht die Unordnung erst recht los!“ fluchte er. „Für einen lahmen

Gaul tauschen wir einen blinden ein. Himmelsakrament, wo findet sich ein

Kerl, der alles in Ordnung bringt und mir hilft, diese Bangbüxen und

Stümper zu Paaren zu treiben?! Wo find’ ich den?“

Da öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle stand ein unscheinbarer Mann

in etwas gebückter Haltung, die Augen müde und trübe blickend, als wären

sie von Arbeit überanstrengt; das Gesicht von tiefen Furchen durchwühlt.

Mit nachlässigen Bewegungen kam er herein, grüßte, strich sich die wirren

Haare aus der Stirn und blieb vor Blücher stehen.

„Scharnhorst!“ schrie dieser. „Sie kommen wie gerufen! _Sie_ fehlten mir

gerade! Ich bin nichts als Gift und Galle, nach all der Feigheit und

Miesepeterei hier. Erzählen _Sie_ mir wenigstens eine gute Neuigkeit!“

Scharnhorst schüttelte müde den Kopf.

„General,“ sagte er, „das geht nimmermehr, wenn Fürst Hohenlohe jetzt den

Oberbefehl haben soll und Massenbach alles wieder verfahren darf!“

„Ob das geht!“ rief Blücher, gallig auflachend. „Geradeswegs zum Teufel

geht’s, darauf können Sie Gift nehmen.“

„Dann tun _wir_ beide wenigstens, was wir können, um den Schaden zu

vermindern! Retten wir die schwere Artillerie! Die läßt sich nun und

nimmer über den Harz bringen, wo der Fürst sich jetzt mit der Armee

durchschleichen will. Sie bleibt auf den schweren Wegen stecken. Wenn Sie,

General, den Befehl über die Kolonne nehmen und mich alles anordnen

lassen, dann bringen wir die Artillerie viel sicherer und ebenso schnell

auf dem Umweg um den Harz herum ans Ziel. Wir ziehen über Osterode,

Braunschweig und bei Sandau über die Elbe. Ich lasse überall im voraus

Gespanne requirieren und bei den Haltepunkten bereitstellen, damit die

Artilleriepferde, die total abgetrieben sind, geschont werden können. Ich

sorge auch dafür, daß wir sofort bei Sandau Fährgelegenheit haben. Das ist

alles zu machen, wenn nur ein Mann wie Sie das Kommando nimmt, damit gut

aufgepaßt, schnell und energisch im Falle der Gefahr durchgegriffen und

ohne Zaudern vorwärtsgegangen wird! Wollen Sie?“

„Sofort!“ sagte Blücher. „Das schaffen wir zusammen! Wir wollen den

anderen zeigen, Oberst, was zwei aufrechte Kerle vermögen, wo andere die

Köpfe hängen lassen. Wie viele Rohre sind das?“

„Einunddreißig. Und ein Bataillon Infanterie als Bedeckung.“

„Das genügt! Wir nehmen noch an die sechshundert Pferde von meinem

Regiment! Kommen Sie, gehen wir gleich zum Fürsten und bringen es ins

reine, und dann los!“

Sie schüttelten sich die Hände. Beide hatten gefunden, was sie suchten.

Der Generalquartiermeister das starke aktive Temperament Blüchers, das

keine Hindernisse kannte und Autorität genug hatte, alles mit sich

fortzureißen – Blücher den klugen, sicher und kühl berechnenden Kopf

Scharnhorsts, den trefflichen Organisator, den unermüdlichen Arbeiter, den

vorausschauenden Blick, der schnell die Grenzen des Möglichen erfaßte und

nicht die geringste Kleinigkeit dem Zufall überließ, der die Notwendigkeit

des wagehalsigen Temperaments eines Spielers für die Durchführung einer

Sache vollauf einsah, ihm aber auch im Bedarfsfalle einen Dämpfer

aufzusetzen verstand.

Sie taten sich zusammen, um ein paar Kanonen zu retten, und daraus wurde

ein Bund zur Rettung des ganzen Vaterlandes. Ein Bund ohne feierlichen

Schwur, ohne Verbrieftes und Gesiegeltes – „vom Zufall herbeigeführt“,

würde der Skeptiker sagen – „mit Notwendigkeit – aus Schicksal“, wie der

Fatalist es deuten würde. Kurz und gut, es _wurde_. Und der Bund hielt.

Sie schritten also zur Ausführung ihrer ersten gemeinsamen Tat und zogen

mit dem Artilleriepark ab.

Inzwischen führte Hohenlohe die Armee auf den vielfach verschlungenen

Wegen durch den Harz und machte in Quedlinburg halt.

Dort wurde zur Abwechslung wieder einmal Kriegsrat gehalten.

Hohenlohe, der seine Niederlage bei Jena so schnell mit dem Oberbefehl

über die ganze Armee belohnt sah, hatte nämlich nichts Eiligeres zu tun

gehabt, als seinen lieben Massenbach wieder hoch in Ehren einzusetzen, und

da war guter Rat teuer.

Bei der Beratung erhoben sich Stimmen dagegen, daß von allen Seiten die

Truppen nach Magdeburg hinstrebten und so die Festung verstopften.

Der Hauptmann von dem Knesebeck schlug entschlossen vor, davon gänzlich

abzusehen. Es wäre, so meinte er, zweckmäßiger, nur die Versprengten nach

Magdeburg laufen zu lassen, um sie dort neuzuordnen. Die armierten und

formierten Truppen dagegen könnte man weit vorteilhafter nach Hameln

werfen, sich dort mit dem noch intakten Korps des Herzogs von Weimar

vereinigen lassen. Dann mit diesem, mit den westfälischen Truppen Lecoqs,

und mit Blüchers Artillerie zusammen, Hessen und Westfalen insurgieren,

den Feind von Berlin und von der weiteren Verfolgung der aufgelösten

Truppen abhalten, und dem König Zeit geben, eine neue Armee zu bilden und,

vereinigt mit den Russen, heranzuführen.

Der Plan, der das Gute an sich hatte, wieder die Aktivität der Truppen zu

beleben und ihre Unternehmungslust neu zu entfachen, fand allseitigen

Beifall.

Er hatte aber den einen und unverzeihlichen Fehler, nicht von Massenbach

zu stammen. Und damit war er erledigt.

Oberst Massenbachs Geist durfte sich nie und nimmer in den Bahnen eines

anderen bewegen. Und ihn gar der Unbequemlichkeit unterwerfen, sich mit

der Prüfung von Gedanken anderer Leute abzugeben, das ging ihm wieder die

Natur!

Er entschied also kurz: Die Idee des Hauptmanns von dem Knesebeck wäre

gut, sie wäre sogar ausgezeichnet, aber sie ließe sich leider nicht

verwirklichen. Unter den obwaltenden Umständen müsse an dem Plan, hinter

die Oder zu gehen, festgehalten und die Richtung auf Magdeburg eingehalten

werden. Das wäre seine unverfängliche Meinung.

Gründe gab er nicht an. Soweit durfte er seine Autorität nicht aufs Spiel

setzen. Er hatte es auch nicht nötig. Denn der Fürst, müde, gelassen und

kurzsichtig wie immer, sagte zu seinen Ausführungen ja und amen, ohne nach

Gründen zu fragen. Und so bewegte sich alles im alten Trott.

In und um Magdeburg sammelte sich denn so allmählich der Rest der stolzen

preußischen Armee – alles in allem fünfundvierzigtausend Mann –, um von

den kunsterfahrenen Händen Massenbachs in neue Unordnung geordnet zu

werden.

In der Stadt hielt der jetzt allmächtige Herr Hof, ließ Offiziere und

Adjutanten, die nunmehr von ihm allein ihre Befehle erhielten,

antichambrieren und war nicht zu sprechen, kränkelte an allen Ecken und

Enden, hatte seelische Depressionszustände, bedurfte sehr der Schonung,

schrie und tobte über den Fürsten und alle Welt, die ihn mit allerlei

Drecksachen plagten, _ihn_, dessen Kopf von gigantischen, weltbeglückenden

Problemen brannte! Man solle ihn in des Teufels Namen in Ruhe lassen! Er

bedürfe keines Rates; er wüßte schon am besten, was zu tun wäre! Und

übrigens wäre er müde und müsse erst ausschlafen, um überhaupt denken zu

können!

So ungefähr lauteten die „Befehle“, die der Herr Generalquartiermeister zu

erteilen geruhte. Und so geschah es, daß das ganze Festungsglacis von

Packwagen und allerlei Troß derartig vollgefahren wurde, daß die

Artillerie der Bastionen im Ernstfalle nie und nimmer hätte feuern können,

ohne erst die eigene Bagage zusammenzuschießen – die Straßen waren von

festgefahrenen Fahrzeugen verstopft, die Soldaten langten an, kamen und

gingen planlos, statt sofort gefaßt und auf ihre Truppenteile gebracht zu

werden. Und, als man schließlich mit der Hälfte der Armee aufbrach, wurden

die verkehrtesten Maßnahmen für den Weitermarsch getroffen.

In großem Bogen strebte man auf Umwegen dem Ziele, Stettin, zu, ließ dem

Feind den kürzeren und bequemeren, geraden Weg nach Berlin offen, überließ

ihm also kampflos die dortigen reichen Vorräte, bis auf die Kassen, die

der Minister von Stein heimtückischerweise vor der allerseits einreißenden

Schlamperei zu retten wußte.

Dafür sorgte Massenbach in noch nicht dagewesener Weise für das leibliche

Wohl der marschierenden Truppen, so daß sie niemals zur Ruhe kamen und

stets hungrig blieben.

Der Weg nach dem jeweiligen Marschziel wurde mit größter Sorgfalt so

gewählt, daß man sich selbst auf dem Bogen und der Feind sich auf der

Sehne bewegen konnte, damit man ja nicht vor den charmanten Franzosen ans

Ziel käme. Die Marschordnung wurde so eingerichtet, daß nicht zuviel

Kavallerie die dem Feinde zugekehrte Flanke der marschierenden Kolonne

schützte, dagegen die linke ungefährdete Flanke von der Masse der

Kavallerie bedeckt war – wohl zu merken, in Tagesmarschabstand, damit ihr

Chef, der alte Blücher, nicht zu unbequem oder vorlaut werden konnte.

Für Nachtquartier, für Brot und Branntwein und anderes Essen wurde

getreulich gesorgt. Aber auch dafür, daß man todsicher anderswohin

marschierte, wo nichts bereitstand und auch nichts aufgetrieben werden

konnte. Der Umwege gab es noch lange nicht genug! Es mußten immer neue,

immer andere gefunden werden! Den Anlaß zum Suchen gab das ewige Schießen

der eigenen Marodeure, überall, wohin man kam. Da witterte Massenbach

Franzosen die Masse! – Im Geiste sah er seine Lieben von ihnen

abgeschnitten oder umzingelt, erlaubte sich auch keinesfalls auf den

ketzerischen Gedanken zu kommen, zu kämpfen oder sich durchzuschlagen, und

teilte seine Mutlosigkeit und seine Überzeugung von der Nutzlosigkeit

eines jeden ferneren Widerstandes den Truppen mit.

So brachte er die Armee, bis auf die Hälfte zusammengeschmolzen,

ausgehungert und durch unnütze Nachtmärsche bis auf den Tod ermüdet, _aber

kampflos_, bis in die Gegend von Prenzlau, wo sie fast gleichzeitig mit

den Spitzen von Murats Kavallerie, am 21. Oktober, ankam, nachdem bei

Wichmannsdorf, an dem Boitzenburger See, der Rest des berühmten Regiments

Gens’darmes abgeschnitten, gefangen und zur Verherrlichung des Einzugs

Napoleons nach Berlin abgeschoben worden war.

Die von Blücher und Scharnhorst vollständig gerettete und der Armee wieder

zugeführte Artillerie ging selbstverständlich fast gleichzeitig ebenso

vollzählig wieder verloren, sobald sie in andere, weniger geschickte Hände

gekommen war.

*

Tram – tararam, tram, tram.

Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman · 第 8 / 21 题