Wir nicht und halten es auch für sehr wahrscheinlich, daß er es geradezu
veranlaßt hat“, sagte der König langsam. „Das ist aber nichts denn
Meuterei!“ rief er dann plötzlich mit erhobener Stimme und schlug so
heftig auf den Tisch, daß der kleine Kabinettsrat zitternd zurückwich.
In gemessener Ferne blieb er stehen und starrte erschreckt, aber mit
unverhohlener Neugier, seinen Herrn und Gebieter an, der unbeweglich vor
dem Schreibtisch stand und wieder trübe ins Leere blickte.
„Haben den Baron hierherbefohlen, um Uns Rede zu stehen!“ sagte der König
schließlich und zeigte auf die Tür.
Der Kabinettsrat eilte zur Tür und winkte hinaus.
Ein Adjutant erschien und machte die Meldung. Seine Exzellenz, der
Minister Freiherr vom Stein wäre zur befohlenen Audienz erschienen.
„Vorlassen!“ beschied ihn der König und wandte sich zum Kabinettsrat, der
inzwischen das Dokument auf den Schreibtisch zurückgelegt hatte.
„In der Nähe bleiben!“ befahl er diesem kurz und reichte ihm einen Brief.
„Brief des Generalleutnants von Blücher! Lesen! Antwort entwerfen!“
Beyme nahm den Brief, verbeugte sich ehrerbietigst und zog sich mit seinem
Portefeuille in ein Nebenzimmer zurück. Der König ging langsam durchs
Zimmer, stellte sich mit dem Rücken gegen den Kamin, blieb dort in
soldatischer Haltung stehen, die Hände gerade an den Seiten hängend, den
Blick auf die Tür des Audienzzimmers gerichtet.
Die Tür öffnete sich und die breite, gedrungene Gestalt Steins erschien
auf der Schwelle.
Mit einer kaum merkbaren Bewegung des Kopfes beantwortete der König den
ehrerbietigen Gruß des Freiherrn. Eine kurze Handbewegung deutete auf das
auf dem Schreibtisch liegende Dokument.
„Haben gelesen!“ sagte er mürrisch. „Er hat sich Freiheiten genommen. Er
ist Unser Minister für Zoll-, Manufaktur- und Kommerzwesen, Unser
Präzeptor aber nicht. Wer Uns zu dienen hat, entscheiden Wir. Unsere
Brüder und Vettern haben da nicht mitzureden. Unsere Minister und Generäle
noch weniger! Es sei denn, daß Wir sie um ihre Ansicht gebeten haben!“
„Majestät wollen gnädigst gestatten –“, fing der Freiherr an.
„Aufrührerische Gesinnung und meuterisches Gebaren dulden Wir nicht. Er
ist an der ganzen Sache schuld. Er hat das geschrieben! – Er hat die
Prinzen und Generäle veranlaßt, ihre Namen darunterzusetzen. Gestehe Er!“
„Das Memorandum habe ich nicht geschrieben. Ich komme aber für jedes Wort
darin auf, als hätte ich es getan!“ sagte Stein bestimmt. „Es enthält
nichts, was nicht durch vorherige Besprechung mit den Unterzeichnern
vereinbart wurde. Die darin zum Ausdruck gelangten Ansichten geben nur die
Befürchtungen wieder, die jeden vaterländisch gesinnten Mann heute
bewegen: daß die Politik der Kabinettsräte und vor allem des Grafen
Haugwitz uns an den Rand des Abgrunds bringt, wenn nicht schleunigst
Abstand davon genommen wird.“
„Die Kabinettsräte führen nur Unseren Willen aus! Haugwitz hat große
Verdienste um die Krone und hat überdies viele Geschicklichkeit bewiesen.
Daß er Neider hat, wissen Wir. Es wird denen nicht gelingen, Unser
Vertrauen zu ihm wankend zu machen. Was hat Er gegen den Grafen? Sage Er
offen seine Meinung!“
„In der Tat“, sagte Stein und richtete sich auf, so weit es seine kurze
Gestalt erlaubte. „Ich würde schlecht mein Amt als Berater der Krone
versehen, wenn ich die Frage nicht offen beantwortete! Der Graf Haugwitz
verdient in keinem Falle das große in ihn gesetzte allerhöchste Vertrauen.
Er treibt hinter dem Rücken Eurer Majestät seine eigene Politik, für die
die Krone nachher die Verantwortung tragen muß. Eurer Majestät bestimmten
Befehl an ihn, sofort dem Kaiser der Franzosen Allerhöchstdero
Kriegserklärung zu überbringen, führte er nicht aus, zögerte erst drei
Wochen, ehe er ins französische Hauptquartier fuhr, und brachte uns dann
statt des Krieges den Bündnisvertrag mit Napoleon zurück!“
„Zwischen seine Ausreise und seine Heimreise fiel die Niederlage unserer
Verbündeten bei Austerlitz!“
„Österreich und Rußland hatten sich wohl eben nichts Ersprießliches vom
Bündnis mit uns erwarten können. Sonst hätten sie lieber auf uns gewartet,
als zu früh loszuschlagen und sich die Niederlage zu holen! Haugwitzens
feige, unentschlossene Neutralitätspolitik hat die Krone Preußens so
allmählich um alles Ansehen bei den anderen Mächten gebracht und hat das
Land nach allen Seiten isoliert. Man traut uns nicht, weder Freund noch
Feind. Und so müssen wir jetzt, wo wir um unserer Ehre willen das Schwert
ziehen, allein und ohne Freunde und Bundesgenossen dastehen. Wir werden
einer sicheren Niederlage entgegengehen, wenn nicht Eure Majestät
schleunigst Leute wie Haugwitz, deren Saumseligkeit und Ungeschicklichkeit
alles Unheil verschuldet hat, von der Leitung entfernen.“
„Meine Armee wird ihm die gebührende Antwort darauf geben!“
„Ich befürchte nein. Denn wie sind wir für den Kampf gerüstet? Ohne Geld,
mit veralteten Gewehren und mit Waffenfabriken, die nicht den zehnten Teil
vom Bedarf leisten. Wir haben es versäumt, uns beizeiten aus England und
Österreich neue Gewehre zu kaufen. Unser Heer mit allen seinen Vorzügen
besteht zum größten Teil aus Veteranen, die durch lange Beurlaubung dem
Kriegsdienst entfremdet wurden. Es wird von Greisen geführt, die bei aller
Rüstigkeit doch nicht über die Erfordernisse des Paradeplatzes hinaus
etwas verstehen. Wie wir damit den kriegsgewohnten Truppen Frankreichs
standhalten wollen, ist unerfindlich. Was geschehen muß, muß also schnell
geschehen. Deshalb haben wir uns entschlossen, Eure Majestät um eine
Entscheidung zu bitten, die Allerhöchstdieselbe doch früher oder später
treffen müssen. Wir bitten also um Entlassung des Grafen Haugwitz, wir
verlangen die Entfernung der Kabinettsräte Lombard und Beyme, die sich
zwischen die Krone und ihre Berater gedrängt haben und die nur verhindern,
daß Eure Majestät von der wahren Sachlage der Geschäfte gebührend
unterrichtet werden!“
„Wenn Er, mein Herr Minister, die Unentbehrlichkeit der Kabinettsräte
dartun wollte, Er hätte es nicht besser tun können als durch das, was Er
soeben vorbrachte. Fürwahr, es wird Uns schwer, ein ruhiges Urteil zu
gewinnen, wenn Uns in solch ungebührlicher Weise, wie jetzt von Ihm,
Wünsche, Bitten und Vorschläge vorgebracht werden. Allein zu dem Zweck tut
es not, treue Diener zu haben, die es verstehen, Uns in geziemender Weise
zu nahen. So müssen Wir es ablehnen, Ihm irgendwie auf seine Vorstellungen
etwas zu erwidern. Wir verweisen Ihn auf seinen Platz, Wir verbitten Uns
jede unaufgeforderte Einmischung seinerseits in die Rechte der Krone, die
Wir allein wahrzunehmen haben und auch wahrnehmen werden, ob es unseren
Untertanen in den Kram paßt oder nicht. Er hat sich zu fügen und Uns zu
vertrauen. Weder Unsere Minister noch Unsere Offiziere haben sich um
Unsere Entschließungen zu kümmern. Und wagen sie’s, offen dagegen zu
revoltieren und gar, wie es zu Unserer Betrübnis vorgekommen ist, auf
offener Straße dagegen zu demonstrieren, so werden Wir es verstehen,
Unsere Autorität zu wahren!“
„Wollen Eure Majestät in Gnaden verstatten? Das, was die jungen Offiziere
sich erlaubt haben, das mag ungewöhnlich sein, eine Revolte ist es aber
nie und nimmer gewesen, auch in keiner Weise ein Versuch, gegen des Königs
Majestät irgendwie aufzubegehren. Dem Feind allein galt jene Kundgebung.
Sie erfolgte spontan und aus dem unwiderstehlichen Bedürfnis, die Ehre des
Landes zu wahren!“
„Die Ehre des Landes wahrt der König!“
„Der König _und das Volk_. So muß es sein. So wird es kommen. Und daß
_die_ Erkenntnis zuerst hier in Eurer Majestät Hauptstadt zum erhebenden
Ausdruck kam, dazu ist Eure Majestät zu beglückwünschen. Ich flehe zum
Himmel, daß sich dieses Erwachen des Volkes nicht nur auf Berlin
beschränken möchte. An jene Kundgebung müssen Eure Majestät anknüpfen, von
da aus alles umgestalten, dann sind wir unwiderstehlich, dann kann uns
nichts mehr etwas anhaben. Wie war es aber bis jetzt. Ich habe mich
geschämt, als die Franzosen Hannover überfielen und das hannoversche Volk
den Aufruf zur Rettung des Vaterlandes sich um die Fahnen zu scharen damit
beantwortete, daß es alle waffenfähige Jugend außer Landes schickte. Und
überdies der eigenen Armee den Unterhalt verweigerte, wenn sie nicht
schleunigst Kanonen und Ausrüstung dem Feind überlieferte, damit der Krieg
nur aufhöre. Waren das Deutsche, die so handelten? Ich habe mir immer
wieder die Frage vorgelegt – und immer wieder antworten müssen – _ja, es
waren Deutsche_ – aber _deutsche Knechte_, denen jedes Gefühl der
Teilnahme für das Geschick des Vaterlandes abhanden gekommen ist, und die
ihre Knechtschaft verdienen, wenn sie nicht lernen, sich selbst zu
befreien! Deshalb habe ich gestern, im Theater, laut mitgejubelt und
mitgesungen, als das große, heilige Gefühl, für die Ehre des Landes das
Letzte herzugeben, so hell und klar aufloderte. Denn ich war dabei, und
werde immer dabei sein, wo es gilt! Keinesfalls aber gebe ich mich dazu
her, eine Politik der Knechtung des Volkes und der Kriecherei vor den
Franzosen, wie sie Haugwitz und Lombard wollen, mitzumachen. Noch weniger
lasse ich mir den Mund verbieten, wenn ich Mängel und Schäden im Staate
sehe und die Pflicht und das Amt habe, nach bestem Gewissen zur Besserung
beizutragen. Wird das ungnädig aufgenommen und gar als Ungebühr gerügt, so
bleibt mir nichts, als entweder volles Vertrauen zu verlangen oder um
meinen Abschied zu bitten!“
Der König hatte schweigend, ohne sich vom Kamin zu bewegen und ohne eine
Miene zu verziehen, der Rede Steins zugehört. Er mochte nicht zeigen, wie
sehr die eindringliche Art des Freiherrn auf ihn gewirkt hatte, mochte
auch nicht das, was er als Ungebühr bezeichnen mußte, dadurch
sanktionieren, daß er irgendwie auf dessen Ausführungen einging.
Er ging langsam und steif einmal durchs Zimmer, kehrte dann zum Kamin
zurück und sagte, ohne Stein anzusehen und ohne die Stimme irgendwie zu
erhöhen oder im geringsten von seiner gemessenen Art zu sprechen
abzuweichen:
„Werden Ihm Unsere Entscheidung bezüglich seines Abschiedsgesuchs zukommen
lassen!“
Eine kurze Handbewegung, und die Audienz war beendet.
Der Freiherr verbeugte sich steif und nicht mehr als nötig, machte kehrt
und ging.
„Beyme!“ rief der König, und der kleine Kabinettsrat kugelte aus dem
Nebenzimmer herein, den Brief Blüchers und das Antwortschreiben in der
Hand.
„Hergeben!“ sagte der König und setzte sich an den Schreibtisch.
Er ließ sich den Antwortsentwurf von Beyme vortragen, nahm dann, ohne ein
Wort des Beifalls oder Mißfallens zu äußern, Blüchers Brief vom
Schreibtisch und las ihn, noch einmal prüfend, durch.
Der General schrieb unter anderem:
„aufgefordert durch die täglich immer bedenklichere Lage und gefährlicher
werdenden Schritte, welche Frankreich sich in militärischer Rücksicht hier
gegen Eurer Königl. Majestät Grenzen erlaubt, muß ich endlich mein Herz zu
Füßen des Königs, meines Herrn, ausschütten; muß ich als treuer und grau
gewordener Diener von Höchstdero erhabenem Hause meine Ansichten unserer
Lage Frankreich gegenüber zum ersten und zum letzten Male Euer Majestät zu
Füßen legen. – – – – – Frankreich meint es mit keiner Puissance redlich
und gut, am allerwenigsten mit Euer Königl. Majestät, als der einzigen
Macht, die seinem Eroberungs- und Unterjochungssystem in Deutschland noch
allein im Wege steht. Es verbirgt sogar seine Ansicht nicht; denn
wenngleich es mitunter süße Vorspiegelungen macht, so widersprechen alle
seine Handlungen gegen Eure Majestät diesen geradezu. Die Invasion von
Hannover, der letzte gewaltsame Durchmarsch durchs Ansbachsche, und die
räuberische Besetzung von Essen und Werden, sowie der ganze arrogante Ton,
den der französische Monarch sich erlaubt, beweisen Euer Königl. Majestät
mehr als genug, was ich zuvor gesagt habe. Alle treuen Untertanen Eurer
Königl. Majestät, alle echten Preußen, und die Armee besonders, haben das
Herabwürdigende dieser französischen Demarchen tief empfunden, und fühlen
es noch, und alles wünscht die gekränkte Nationalehre bald – recht bald –
blutig zu rächen.
Wer das Betragen Euer Königlichen Majestät aus einem anderen Gesichtspunkt
darstellt – –“
Der König sah bei diesem Passus vom Briefe auf und blickte Beyme lange an.
Dann las er weiter:
„– – wer Eurer Königlichen Majestät zu fortwährendem Nachgeben, zum
Frieden mit dieser Nation rät, der ist entweder sehr, sehr gutmütig, sehr
kurzsichtig, oder er ist mit französischem Golde gekauft –“
Hier unterbrach der König das Lesen und warf den Brief auf den Tisch. Er
nahm dann das Antwortschreiben Beymes aus dessen Händen entgegen, zerriß
es, ohne es zu lesen, langsam und bedächtig, zum Entsetzen des
Kabinettsrats und ließ die Fetzen in den Papierkorb fallen.
„Wollen dem verdienten General nicht seine soldatische Offenheit strafen!
Wollen aber auch ihm keine unerbetene Einmischung verstatten – ziehen es
vor, ihn ohne Antwort zu lassen.“
Beyme verbeugte sich schweigend.
„Hörte Er vorhin, was der Freiherr vom Stein Uns zu erzählen wußte?“
„Der Baron war sehr laut – –“
„Er hat Uns seinen Abschied nahegelegt!“
Der König blickte Beyme fragend an. Und dieser glaubte aus der veränderten
Absicht des Königs dem General Blücher gegenüber schließen zu dürfen, daß
er doch nicht mehr so unempfindlich gegen die Vorstellungen Steins war,
wie vorhin. Er fand es also klüger, einzulenken und demnach zu raten.
„Der Freiherr verdient zweifelsohne eine Maßregelung ob seines dreisten
Tones“, sagte er zögernd. „Er hat aber im Amte viel Eifer und Tüchtigkeit
bewiesen. Will er jetzt zurücktreten, so tut er es nur, um sich der
Verantwortung zu entziehen – wenn das Unglück, das er prophezeit, wirklich
eintreten sollte! Und da verdient er eben seinen Abschied _nicht_ zu
bekommen!“
Der König merkte wohl, worauf sein lieber Beyme hinauswollte, sagte aber
nichts, sondern blieb sitzen wie vorhin und blickte geradeaus.
Ein Minister, der mit seinem Rücktritt drohte – das war ihm neu!
Sonst pflegten diese Herren an ihren Ämtern zu kleben. Neun Zehntel ihres
Strebens ging darauf aus, sich die Gunst zu erhalten. Sie waren fleißig,
enthielten sich eines jeden Widerspruchs, machten ihre Dummheiten mit
größter Diskretion, glatt, delikat unter Wahrung der Form, blieben trotz
etwaiger Fußtritte auf ihrem Platz, maßten sich keine Verantwortung zu,
die ihnen nicht zukam, und belästigten niemals mit Ansichten und
unerbetenen Ratschlägen!
Und nun dieser Stein!
Ein ausgezeichneter Verwaltungsbeamter, ein fleißiger Arbeiter, aber
schroff, steifnackig, eigenwillig, geradeheraus und herrisch! Er stellte
gar Bedingungen! Entweder du tust meinen Willen oder ich gehe!
Das ginge nicht! Das dürfte nicht sein! Er sollte bleiben! Er müsse sich
aber ducken, müsse sich an die Trense gewöhnen. Nachher ließe sich schon
gut mit ihm fahren!
Der König blickte Beyme an, der noch in gespannter Aufmerksamkeit wartete.
„Wollen Uns die Sache noch überlegen!“ sagte er kurz. „Seinen Verweis hat
der Freiherr! Die anderen werden ihrem Teil auch nicht entgehen! Er aber
sorge dafür, daß uns der Straßenpöbel mit aufrührerischen Kundgebungen
nicht noch einmal inkommodiere! Dulden Wir das, so steht das ganze Volk
auf und will mitregieren!“
„Gestatten, Majestät – auf der Straße gibt es immer Leute, die
mitschreien, wo es zu schreien gibt. Sie sind nicht das Volk. Das Volk ist
froh und zufrieden, eine weise Regierung zu haben, die ihm den Frieden
sichert, damit es in Ruhe seinem Erwerb nachgehen kann. Die
Neutralitätspolitik von Euer Majestät Regierung hat das bewirkt und einen
noch nicht dagewesenen Wohlstand erzeugt. Man ist überglücklich und
zittert nur vor dem einen: in den allgemeinen Kriegsstrudel hineingezogen
zu werden. Man will den Krieg nicht –“
„Aber man schreit auf den Straßen und sucht ihn zu provozieren. Ob Krieg
oder Friede, haben Wir nach Unserem Ermessen zu entscheiden. Wir wollen
den Krieg nicht. Das merke Er sich, Beyme. Er kann gehen!“
Der Kabinettsrat verbeugte sich, so tief es seine kugelrunde Statur
erlaubte, und ging.
Der König rief seinen Generaladjutanten und Kabinettsrat für militärische
Angelegenheiten, den Oberst von Kleist, und verfügte kurz:
„Den königlichen Prinzen ist zu befehlen, sich sofort zur Armee, zu ihren
respektiven Truppenteilen zu verfügen. Haben zuviel Freiheit gehabt,
müssen sich wieder an Disziplin gewöhnen!“
*
Der korsische wilde Jäger ließ seine Meute los. In der Urheimat der alten
Germanen, im Thüringer Wald, fing die Hetze an. Anfangs lauerte die Meute
weit auseinander zerstreut in Süddeutschland, von Passau und Memmingen,
südlich der Donau, über Ansbach und Würzburg bis Frankfurt am Main. Dann
nahmen sie die Fährte auf und stöberten vorwärts aus allen den
verschiedenen Richtungen gegen den einen Punkt, wo Erzgebirge und
Fichtelgebirge einerseits mit dem Thüringer Wald, andererseits in stumpfem
Winkel zusammenstoßen, sich wie eine schützende Barriere vor
Norddeutschland legen und nur durch einige Pässe im Quellengebiet der
Saale bequemen Durchlaß gewähren.
Dort wollte der wilde Jäger seine Meute vorbrechen lassen, sie auf dem
rechten Saaleufer vorwärts treiben und so die preußische Armee, die sich
nördlich vom Thüringer Wald aufgestellt hatte, überflügeln und von ihren
rückwärtigen Verbindungen abschneiden. – Inzwischen tastete die preußische
Armee zaghaft bald rechts, bald links um den Thüringer Wald herum,
unsicher, ob sie den Feind abschneiden, ihm frontal entgegentreten oder,
in der Defensive verharrend, ihn mit verwandter Front, in der
Flankenstellung hinter der schützenden Saale erwarten sollte.
Ihr Hauptquartier hatte sie in Erfurt.
Erfurt, bis vor zwei Jahren eine stille Stadt in den Landen des Kurfürsten
von Mainz und Großkanzlers des jetzt zertrümmerten Heiligen
Römisch-Deutschen Reiches, bekam somit nachdrücklich zu wissen, daß es zum
Range einer Hauptfestung des großmächtigen Königreichs Preußen erhoben
worden war.
Die Stadt schien in ein wahres Feldlager verwandelt zu sein.
Tag und Nacht herrschte in den Straßen ein reges Treiben. Kanonen,
Munitionswagen und Fahrzeuge aller Art rollten dröhnend über das Pflaster,
daß die Hauswände zitterten und die Scheiben klirrten. Taktfeste Tritte
von marschierenden Truppen, Pferdegetrampel, Trompetengeschmetter,
Trommelschlag, Pfeifenklang, Schreien, Lachen, Schelten, Kommandoworte,
Geräusche aller Art schwirrten durch die Luft.
In den Straßen und auf den Plätzen drängten sich Neugierige jeden Standes
und Alters, rannten sich die Rippen ein und zertraten sich fluchend die
Hühneraugen. Stafetten und Kuriere aller Waffengattungen durcheilten mit
Windesschnelle die Stadt in allen Richtungen. Uniformen der berühmtesten
preußischen Regimenter zeigten sich überall, auf dem Anger, im
Karthäusergarten und in den Läden auf der „Krämerbrücke“. Zopf und
Schnauzbart dominierten und wurden allseitig angestaunt. In den engen
Straßen der Altstadt war ein Gedränge und Getriebe wie seit
Menschengedenken nicht. Und wackere Kriegerburschen pirschten die Gäßchen
ums Augustinerkloster nach holder Weiblichkeit ab und blickten wohl auch
nebenbei staunend zu den Klostermauern hinauf, hinter denen vor
dreihundert Jahren der hochgelahrte Herr Dr. Martinus Lutherus selbst das
Keuschheitsgelübde abgelegt hatte, als er dorten als Mönch eintrat.
Sächsisch, Schlesisch, Rheinisch, Platt und unverfälschtes „Balinsch“
kämpften in babylonischer Verbiesterung um den Vorrang im Konzert. Bis
endlich die Kanonen der Zitadelle Petersburg mit dem königlichen Salut
einsetzten und die Glocken all der vielen Kirchen, vor allem die
altberühmte „Maria gloriosa“ des Domes mit ehernen Stimmen die Majestät
des Königs von Preußen begrüßten und so Preußen über alles zur Losung
machten und als Sturmzentrum alles Geschehens proklamierten, von dem aus
es deutsch nach allen deutschen Gauen, Widerhall heischend, schallen
konnte.
Am fünften Oktober sollte beim König Kriegsrat abgehalten werden.
Kriegsrat, das heißt für gewöhnlich Bestätigung und Vermehrung der
Ratlosigkeit bei der Führung. So war es auch hier in Erfurt. Da sollten
ein Dutzend oder mehr Köpfe das Unmögliche vollbringen, sich um einen
Entschluß zu einigen, den der Oberbefehlshaber trotz seiner
Machtvollkommenheit nicht allein zu fassen wagte, sei’s aus Alters- oder
Charakterschwäche, aus höfischen Rücksichten oder um sich einer ihm
lästigen Verantwortlichkeit zu entziehen.
Tüchtigkeit und besondere Befähigung allein sind leider nicht immer bei
Besetzung eines Amtes an dieser Stelle maßgebend. Es gibt höfische
Rücksichten, die da mitreden, Rücksichten auf Familie, Verwandtschaft,
Dienstalter, Rang und Namen, die oft den weniger Geeigneten, zum Schaden
der Sache, an führende Stelle verhelfen und verhindern, daß die rechte
Person auf den rechten Platz kommt.
So kam es, daß der Herzog von Braunschweig, als ältester Feldmarschall und
berühmtester Heerführer Preußens, mit dem Oberbefehl betraut wurde. Seine
siebzig Jahre waren kein Hindernis.
Aber – auch der General Fürst Hohenlohe-Ingelfingen hatte Ansprüche auf
ein selbständiges Kommando, und man hatte geglaubt, ihm mindestens die
Führung einer Armee geben zu müssen. Man schuf also, statt einer
einheitlichen, zwei Hauptarmeen, nominell mit dem Herzog von Braunschweig
als gemeinsamen Oberbefehlshaber, aber doch voneinander ziemlich
unabhängig. Denn der Herzog, voll weltmännischer Courtoisie, nahm jede
Rücksicht und ließ dem Fürsten Hohenlohe seinen Kopf für sich.
Dieser Kopf Hohenlohes hieß von Massenbach, Oberst und
Generalquartiermeister-Leutnant bei seinem Armeekommando.
Der Fürst selbst war mehr zum Gehorchen als zum Befehlen veranlagt. Er
gehorchte also dem, der ihm in geeignetster Weise befehlen konnte. Und da
das nicht der Herzog war – gehorchte er also, wenn auch unbewußt, seinem
Generalstabschef Massenbach.
Dieser war ein Genie. Aber eins von jener Sorte, die besser als alle
anderen wissen wollen, wie man reiten soll, aber selbst nicht reiten
können.
Er hatte Ideen – strahlende Ideen – tiefe Ideen – unfaßbar geniale Ideen,
die alles bisher Dagewesene in Schatten stellten. Er war von seiner
Vollkommenheit ebenso fest überzeugt, wie von der gänzlichen
Bedeutungslosigkeit aller anderen Generalstäbler. Er war aus Schwaben, war
apoplektisch, kahlköpfig, hatte rosige, blühende Wangen und redete wie ein
Wasserfall.
Wenn er seine kleinen, runden, braunen Augen aufsperrte, sein Auditorium
fest anblickte und dabei ein Brillantfeuerwerk von gut gespitzten
Argumenten und Widerlegungen in endlosen Wortschlangen über die
nimmermüden Lippen herausließ, dann betäubte er sein Auditorium – aber
auch sich selbst, so daß er jeden auch noch so begründeten Einwand
überhörte. Denn er überzeugte weder, noch ließ er sich überzeugen. Er
konnte nur sich selbst reden hören und behielt, seiner Meinung nach,
deshalb stets das letzte Wort. Er hatte also recht, war maßlos erstaunt
und ungehalten, wenn man doch gegen seine Meinung zu handeln wagte, und
tat alles, um es zu hintertreiben.
Also ein unbequemer Untergebener, der an keine Stelle hinpaßt wo es große
Entschließungen zu fassen galt, dem aber trotzdem ein viel zu weitgehender
Einfluß eingeräumt worden war. Beim Kriegsrat wurde das merkbar.
Man zankte sich dort um die verschiedenen Offensivpläne der verschiedenen
Armeeleitungen – obwohl der Herzog von Braunschweig, als Oberbefehlshaber,
aus eigener Machtvollkommenheit den Angriffsplan entwerfen und, ohne
Befragung anderer, ins Werk setzen konnte und mußte.
Seine Idee war von Anfang an: sofort mit zehn Divisionen in sechs Kolonnen
den Thüringer Wald zu überschreiten, sich bei Meiningen und Hildburghausen
zu vereinigen und von dort aus anzugreifen, eine Division im
Bayreuthischen zu postieren, um die Pässe zu besetzen und zu verteidigen,
und drei Divisionen rechts vom Thüringer Wald auf der Straße nach
Frankfurt vorgehen zu lassen, um dort das Korps Angereau festzuhalten.
Wäre dieser Plan sofort ohne Zaghaftigkeit als Überfall ausgeführt worden,
dann hätte man auch sicherlich mit ihm Erfolg gehabt.
Auch wenn die Überrumpelung nicht gelang – wenn der Feind schneller sein
würde und der Bewegung der preußischen Armee zuvorkäme, dann vereinfachte
dieser Plan doch die Verteidigung. Denn durch die konzentrierte
Aufstellung bei Erfurt und Weimar war man imstande, dem Feind frontal
entgegenzutreten, wenn er über den Thüringer Wald oder von der Frankfurter
Straße käme, und wäre durch die Saale geschützt, wenn er durchs
Bayreuthische gegen die deutsche linke Flanke vorginge. So hätte man die
Rückzugslinie auf Magdeburg und Wittenberg gewahrt und unter allen
Umständen die Elblinie und Berlin gedeckt.
Der Befehlshaber der zweiten Hauptarmee, Fürst Hohenlohe, hatte sich aber
von seinem übergenialen Generalstabschef Massenbach einen ganz anderen
Plan ausklügeln lassen, überwältigend, versteht sich, aber verwirklicht,
unklar und unpraktisch.
In der Hauptsache ging der Plan darauf aus, eine Offensive auf dem rechten
Saaleufer vorzunehmen unter gleichzeitiger Entsendung kleiner Detachements
auf der Eisenacher Straße und Patrouillen durch den Thüringer Wald. Unter
gänzlicher Umgehung des Oberbefehlshabers und hinter dessen Rücken
unterbreiteten Hohenlohe und Massenbach dem König diesen Plan.
Es gelang ihnen wohl nicht, dessen förmliche Annahme durchzusetzen. Aber
sie stifteten durch ihre Vorstellungen und Mahnungen immerhin allerhand
Verwirrung an, verursachten Zeitverlust, machten den ohnehin durch Alter
geschwächten Oberbefehlshaber unsicher – und verschafften so dem Gegner
noch mehr Zeit, die er gut zu benutzen verstand.
Als der König dann bei der Armee ankam, griff der Herzog begierig die
Gelegenheit auf, ihm die Verantwortung aufzubürden, zog sich selbst auf
die zweite Stelle zurück und veranlaßte Zusammenberufung eines
Kriegsrates, der also den endgültigen Entschluß fassen sollte, zu dem er
allein nicht mehr die nötige Entschlossenheit hatte.
Zum Kriegsrat waren erschienen, außer dem alten, immer noch weltmännisch
eleganten Herzog von Braunschweig und dem Fürsten Hohenlohe, der
achtzigjährige, stattliche und ungemein berühmte Feldmarschall von
Möllendorf, in jeder Beziehung dekorativ und eine Zierde jeder
Versammlung, und der Kommandierende der dritten Armeegruppe, der kleine
feurige Draufgänger General von Rüchel, mit blitzenden Augen unter krausem
weißen Haar, entschieden, polternd, herrisch und ein wenig martialisch
sich brüstend. In seinen eigenen und anderer Augen war er der gegebene
Oberbefehlshaber, wenn nicht höfische und andere Rücksichten die Prinzen
ihm vorgezogen hätten. Jedenfalls sah er in sich den berufenen Hüter der
friderizianischen taktischen Tradition, wie sie noch auf den Paradeplätzen
mit Eifer und Gewissenhaftigkeit geübt wurde.
Ferner waren anwesend die drei Generalquartiermeister-Leutnants Phull,
Massenbach und Scharnhorst, die berufen waren, unter Führung des
Generalquartiermeisters und Kriegsministers Gensau, gemeinsam den
Generalstab zu leiten. Verschiedenartigere Leute als diese drei zogen noch
nie an einem Strang. Phull war unberechenbar, eigenwillig, schrullenhaft,
Scharnhorst ruhig, sicher und methodisch und Massenbach übersprudelnd von
gelehrten Schlagwörtern und von Gründen, gegen die nicht aufzukommen war.
Phulls Strategie ging von der Lage der Magazine aus, hatte sich eins von
diesen Magenzentren ausstrahlendes „Radialsystem“ zurechtgelegt und kam
darüber nicht hinaus.
Massenbach wiederum klebte am Terrain und vergaß darüber die Truppe.
Wogegen Scharnhorst, mit sicherer Intuition für die Bedeutung der
Individualität und deren Schulung, alles darauf legte, offene Augen, einen
klaren Kopf und schnelle Entschlußfähigkeit zu schaffen, diese durch
kriegsgeschichtliche Studien zu fördern und so einen Stab um sich zu
scharen, der, von keiner vorgefaßten Theorie behindert, jeder der tausend
wechselnden Situationen im Kriege gerecht werden konnte.
Diese drei Systeme führten miteinander Krieg und führten ihn so mit dem
Feind.
Der kleine, oberflächliche und verbindliche Minister des Äußeren, Graf
Haugwitz, chevaleresk, hinterhältig, glatt, poliert und leichtfertig wie
immer, war auch dabei. Ihm zur Seite sein Adlatus, der frühere Botschafter
in Paris, Marquis Luchesini. Der Diplomatie dieses Braven verdankte
Preußen den Pariser Vertrag, durch den es zum Vasallenstaat Napoleons
degradiert werden sollte.
Anwesend war ferner, wenn auch ohne Sitz und Stimme im Kriegsrat, die
rechte Hand des Königs, der Kabinettsrat Lombard, der einflußreichste Mann
am Hofe und im Lande verhaßt wie kein zweiter.
In einer Zeit, in der die Friseure als Anekdotenerzähler und
Neuigkeitskrämer ebenso geschätzt waren wie als Künstler, und ihre
vornehmste Obliegenheit _die_ war: der feinen Welt die letzte Tournure zu
geben – da waren es nur Leute von Esprit, Witz und tadellosen Manieren,
die es auf dieser Laufbahn zu etwas bringen konnten. Sie waren
gewissermaßen Hüter und Träger des guten Geschmacks und dessen berufenste
Vertreter und waren in Reinkultur, was der hohe Adel erst durch die Kunst
ihrer Hände wurde. Sie fertigten die mondäne Attrappe an, die den Inhalt,
das übliche sündige Fleisch und Blut, mit Anstand verdeckte.
Als Sohn eines Perückenmachers hatte Lombard also in dieser Beziehung
Ahnen erster Güte, auf die er sich berufen konnte. – Er war auch
wohlgebildet, gefällig, weltmännisch geschliffen, aalglatt und falsch, von
der Überlegenheit der französischen Kultur vollkommen überzeugt, und also
auch der eifrigste Verfechter einer franzosenfreundlichen Politik. – Er
war Träger der Tradition von der Unumstößlichkeit und Machtvollkommenheit
einer Kabinettsregierung, wie sie am preußischen Hofe noch in Reinkultur
bestand. – Er war ohne Ministerportefeuille mächtiger als sämtliche
Minister der drei Könige, denen er gedient hatte, und war ohne Sitz und
Stimme in der Regierung doch maßgebend, weil stets in persönlicher
Berührung mit dem König.
Des weiteren nahmen an der Beratung teil: der würdige General von
Köckritz, der Generaladjutant Oberst von Kleist, und eine Unzahl Räte und
Schreibersleute!
Prinz Louis Ferdinand war nicht einmal als Zuhörer geladen und wartete mit
Blücher im Quartier des Generals von Rüchel auf Nachricht vom Verlauf der
Konferenz.
Das große Wort bei der Beratung führte natürlich Oberst von Massenbach,
der in langen und wortreichen Ausführungen zu beweisen versuchte, daß
alles Heil nur darin zu suchen wäre, mit beiden Hauptarmeen links über die
Saale abzumarschieren, die feindliche Armee auf dem Marsche anzugreifen,
die Rückzugslinie auf Dresden zu nehmen und so auch Schlesien, das ohnehin
durch Böhmen gedeckt war, noch mehr zu schützen.
Rüchel würde inzwischen mit seiner Armee irgendwo auf der rechten Flanke
rekognoszieren.
Oberst von Scharnhorst dagegen, ruhig klar und überlegt wie immer, bestand
auf dem hauptsächlich von ihm entworfenen Offensiv- und Defensivplan des
Herzogs von Braunschweig, freilich ohne den wortreichen Massenbach dadurch
niederkämpfen zu können, und im Bewußtsein, daß man durch das Zögern wohl
schon den rechten Zeitpunkt verpaßt hatte.
Man entschied sich endlich weder für das eine noch für das andere, beließ
die Hauptarmee als Zentrum bei Erfurt, stellte die Armee Hohenlohe, unter
gleichzeitiger Besetzung der Saalepässe, als linken Flügel bei Blankenhain
auf und den rechten Flügel unter Rüchel bei Craula. Nebenbei sollte
rekognosziert werden.
Der wankelmütige Oberbefehlshaber hoffte noch im geheimen auf Napoleon.
Wenn nur nicht zur Offensive geschritten wurde, würde dieser wohl auch
vermeiden wollen, als Angreifer zu scheinen, wodurch womöglich noch in
letzter Stunde der ganze Krieg vermieden werden könnte.
In dieser Utopie wurde er allerdings bestärkt durch einen soeben beim
König eingegangenen versöhnlich gehaltenen Brief Napoleons!
Prinz Louis Ferdinand lachte laut auf, als ihm General Rüchel nachher den
Verlauf der Konferenz schilderte.
„Unser Oberbefehl erinnert mich täuschend an ein russisches Dreigespann,
eine richtige Troika“, sagte er. „Das mittlere Pferd läuft da, wie Sie
wissen, in stetem, ruhigem Trab – die beiden Seitenpferde in Galopp! Alle
ziehen aber in einer Richtung vorwärts. Wogegen beim Oberkommando die drei
Pferde – unsere drei Generalquartiermeister-Leutnants – alle woanders hin
wollen! Scharnhorst in der Mitte hält den beiden andern, Phull und
Massenbach, die Stange, so gut er kann! Aber der Fahrer auf dem Bock, der
Herzog, gibt ihm nicht den nötigen Rückhalt! Er fährt unsicher, ist zu
liebenswürdig und zuvorkommend, läßt jeden, der behauptet, ein Anrecht
darauf zu haben, zu sich auf den Bock, duldet, daß diese unerbetenen
Mitfahrer ihm noch in die Zügel fallen und läßt das Fahrzeug bald nach
links, bald nach rechts schwenken, je nachdem sie ihm zurufen: ‚Achtung
Stein! Aufgepaßt eine Grube!‘
Im Wagen aber, unter der Krone, sitzt mein Vetter, der König, behauptet
die Würde und läßt sich von den auf dem Steg mitschaukelnden beamteten
Ohrenbläsern Lombard und Haugwitz schöne Vorträge halten über die
herrliche Aussicht, die man haben könnte, wenn’s nicht so neblig wäre, und
übersieht darüber das schlechte Fahren des Kutschers!
Hinten aber, auf dem aufgestapelten Gepäck, sitzt der Kriegsminister
Gensau, klein, dick und dumm, hält seine Akten zusammen und schreibt und
rechnet und rechnet und schreibt und ordnet immer wieder die Gepäckstücke,
deren überflüssigstes er selbst ist, je nachdem wie sie, bei der Fahrt auf
dem holprigen Weg, durcheinandergeworfen werden.“
„Gensau,“ sagte Rüchel, „von dem hörte ich eben ein entzückendes
Geschichtchen, als ich vorgestern meine Armee verließ, um zum Kriegsrat
hierherzukommen. Die Geschichte ist charakteristisch für das System und
büßt nichts dadurch ein, daß sie wahr ist. Ich stieß nämlich plötzlich mit
dem alten ‚Isegrim‘, Yorck, zusammen. Hoheit kennen ihn? – Nein?! – Klein,
dürr, knarrig, Querkopf erster Güte, sieht überdies aus wie eine schlechte
Karikatur vom Alten Fritzen! – Er stand also da und schimpfte und fluchte
und wetterte über die Schweinewirtschaft im Generalstabe, über die
Kopflosigkeit und die Unordnung und die Liederlichkeit bei der
Quartiermachung, kurz über Gott und alle Welt!
‚Da steh’ ich,‘ sagte er, ‚und glaube nach beendigtem Tagesmarsch meine
wohlverdiente Ruhe haben zu können, und plötzlich meldet sich zu
nachtschlafender Zeit einer meiner Offiziere bei mir.
‚Was will Er?‘ hab’ ich gefragt. ‚Meldung vom feindlichen Anrücken?‘
‚Zu Befehl, nichts vom Feind zu sehen!‘
‚Was treibt Er sich denn herum? Hat Er nicht seine Befehle?‘ frage ich.
‚Zu Befehl, die hab’ ich!‘ sagte er. ‚Ich habe Order Quartiere zu
beziehen. – Wir finden aber die Quartiere nicht!‘
‚Soll ich Ihm helfen?‘ frage ich. ‚Hat ein Oberst und Regimentskommandeur
nichts Wichtigeres zu tun, als Kinderfrauendienst bei den Majors und
Leutnants zu versehen? Wo ist Sein Quartierzettel? Zeige Er her!‘
Und ich nehme den Zettel und lese ihn vor, denn da stand deutlich und klar
der Name des Dorfes, wo er Quartier nehmen sollte. Und ich wasche ihm noch
gründlich den Kopf und werfe ihm den Wisch wieder hin.
Da sagt er ganz ruhig: ‚Lesen kann ich auch! Und was drauf auf dem Zettel
steht, weiß ich ebensogut zu deuten, wie der Herr Oberst selbst. Aber mit
Erlaubnis zu sagen – ich möchte das Dorf nicht nur angewiesen haben, ich
möchte es auch tatsächlich haben!‘
Das ging denn doch zu weit. – ‚Soll ich Ihm den Weg zeigen? Schere Er
sich! Was zum Kuckuck behelligt Er mich mit dergleichen?‘ schreie ich ihn
an und kriege einen roten Kopf und gebe ihm noch einmal einen Denkzettel,
der sich gewaschen hat.
Der Kerl rührt sich aber nicht vom Flecke! Er geht nicht! Er steht nur da
und hört in aller Ruhe zu, wie ich ihm mit Schweinerei und saumäßigem
Dienst und dergleichen um die Ohren werfe, und feixt auch noch und sagt
dann endlich: ‚Wenn das Dorf zu finden wäre – ich hätte es schon gefunden!
Wir haben die ganze Gegend abgesucht! Aber nichts zu sehen! Die
Nachbardörfer, ja, _die_ waren da, aber unser Dorf nicht! Kein Mensch
wußte etwas vom ganzen Dorf! Endlich haben wir einen uralten Küster vor
der Tür seines Hauses gefunden – der sagte uns Bescheid. ‚Das Dorf,‘ sagte
er, ‚war einst das größte und reichste hier in der Gegend – bis der
Dreißigjährige Krieg kam! Der ließ aber keinen Stein auf dem anderen, der
vertilgte das Dorf mitsamt den Bewohnern spurlos vom Erdboden!‘ – So sagte
der Küster. Aber auf der Karte des Generalstabes steht das Dorf immer noch
verzeichnet – in den Quartierlisten der Armee auch! Und da drinnen, in dem
Dorfe sollen wir nun wohnen!‘
So eine Sauwirtschaft ist nur unter dem alten Gensau möglich‘, sagte Yorck
und fluchte und trug mir in drei Teufels Namen auf, die Sache gelegentlich
des Kriegsrats vorzubringen, was ich auch mit Wonne besorgt habe! Das war
meine Zutat zur heutigen Beratung! Mehr praktische Arbeit wurde von mir
weder geleistet noch verlangt, und von den meisten anderen ‚Beratern‘ auch
nicht!“
Der Prinz lachte noch toller. Blücher aber, ärgerlich über die lange Dauer
der Beratung, schimpfte gleich los.
Rüchel hätte von Rechts wegen das Oberkommando haben müssen – der Prinz
hier mindestens ein Armeekorps statt einer Division, und er, Blücher
selbst, müßte die ganze Kavallerie unter sich haben, dann stünde man jetzt
nicht noch hier! Dann hätte man längst die Franzosen auseinandergejagt,
den Rheinbund gesprengt und den sauberen Königen von Napoleons Gnaden, den
von Bayern und den von Württemberg mitsamt ihrem badischen Bundesbruder
gezeigt, wo man im deutschen Vaterlande von Gottes Gnaden zu Fürsten
ausersehen wäre! Eine Schmach war’s, daß sie, obwohl Deutsche, gegen
Deutsche kämpfen wollten! Ein Blödsinn aber von der preußischen Regierung,
zu glauben, diese Abtrünnigen nur dadurch vom Kampf abhalten zu können,
daß Napoleon sie nicht angriffe! Denn, ob er als Angreifer oder
Angegriffener dastünde, gleichviel! Die dreiundsechzigtausend Mann
Bayerns, Schwabens und Hessen-Darmstadts würden doch gegen Preußen
marschieren und helfen es einzuengen! Dagegen wäre nur eins am Platze
gewesen: schnell wie der Wind dazwischenfahren! Und wenn ein paar von den
Zaunkönigen Napoleons dabei vom Ast gefallen wären – schaden täte das der
deutschen Sache nicht! Solche Fürsten könnte man entbehren!
Die Armeeleitung wußte aber nicht mehr, was sie wollte. Sie ließ jede gute
Gelegenheit, dem Feind einen Streich zu spielen, vorübergehen und schien
nur zu dem einen entschlossen zu sein: stets zu spät zu kommen.
So hatte man erst jetzt, wo man sicher sein konnte, daß die französischen
Korps ihren Standort längst verlassen hatten, den großen Entschluß gefaßt,
ihnen mit einem kühnen Husarenstreich in die Quartiere, wo sie nicht mehr
lagen, zu fallen, um ihren natürlich längst stattgefundenen Aufmarsch zu
stören! Und statt sich damit zu begnügen, sich mit ein paar Schwadronen
bei diesem nachträglich mutigen Unternehmen zu blamieren, wollte man die
ganze Vorhut unter dem Herzog von Weimar quer durch den Thüringer Wald, zu
ebendiesem Zweck schicken! – Ganze zwölftausend Mann, die bei der
Hauptarmee viel nötiger waren, aber jetzt todsicher dort fehlen würden,
wenn’s zur Entscheidung käme! Und das waren von den besten Truppen
Preußens!
Da waren darunter das berühmte Regiment Kuhnheim, das älteste der Armee –
das Regiment Braunschweig-Oels, das seinerzeit den Sieg bei Turin
entschied – das Regiment von Borck, das unter Blüchers eigenen Augen bei
Kaiserslautern in Schritt und Richtung wie auf dem Paradeplatz
marschierend die französischen Linien durchbrach – da waren das seit
Zorndorf, Kollin und Prag berühmte Pommernregiment Owstien, das
Grenadierbataillon Graf Wedel, die Yorckschen Jäger, die Husarenregimenter
von Pletz und von Zieten – nächst seinen eigenen „Roten“, auf die er
nichts kommen ließe, die besten der Armee! – Lauter Kerntruppen, auf die
ein Verlaß sei! Und die ließ man ziehen! Man war doch ohnehin viel zu
schwach! Durch Stockung der Anwerbung, durch Desertionen und durch die
vielen Invaliden, die beim Ausmarsch zurückbleiben mußten, waren die
Truppenteile sowieso weit unter den Bestand gesunken, den sie haben
sollten! Viele Tausende waren so verlorengegangen! Und die ostpreußischen
Truppen waren überhaupt nicht ausgerückt! – Das waren über zwanzigtausend
Mann. Fast fünfzehntausend hatte man aus Angst vor den lieben Polen im
Herzogtum Warschau und zur Verstärkung der Garnisonen in den nicht
bedrohten schlesischen Festungen gelassen! In Westfalen fühlte man sich
auch der Bevölkerung nicht sicher und ließ dort fast ebensoviel stehen! –
Von den westpreußischen Truppen hatte man, dämlicherweise, eine
„strategische Reserve“ gebildet, die irgendwo in der Luft hing und
sicherlich erst zum Vorschein kommen würde, wenn’s zu spät wäre und die
anderen Truppen abgekämpft waren – sicherlich aber nicht, wenn sie
benötigt würde! Von der ganzen berühmten preußischen Armee, von
zweihundertundzwanzigtausend Mann, war nur die Hälfte zur Stelle, außer
den achtzehntausend Sachsen, die nicht zählten! Überhaupt die
Bundesgenossen! Die hätten ganz anders angepackt werden müssen! Kurz und
gut erklären: Entweder du marschierst mit und schlägst dich, wo es eine
deutsche Sache gilt, oder ich verschlucke dich! Sonderinteressen gibt’s
nicht! Was war das nun wieder für eine Schlappschwänzigkeit der
preußischen Diplomatiker gewesen, all den kleinen Fürsten Neutralität
zuzugestehen?! Mecklenburg, Anhalt, die Schwarzburg, die Lippe, die
sächsischen Herzöge, den Herzog von Braunschweig, alle ließ man neutral
bleiben – und Kurhessen durfte gar abwarten, bis es sähe, auf welcher
Seite es zum Sieg käme, ehe es sich entschlösse einzugreifen! Kursachsen
schickte bloß seine halbe Armee, Weimar ein – sage und schreibe – ein
Bataillon Jäger!
„Das sind alles in allem fünfzigtausend Mann, die wir hätten _mehr_ haben
können, wenn wir nur den Mut gehabt hätten, einmal gegen diese
Herrschaften bestimmt aufzutreten! Aber das wagten wir nimmermehr! Was
heißt das, von Kurhessen eine derartige Niedertracht zu dulden! Das
liebäugelt mit dem Korsen und will sich seinem Rheinbund anschließen und
ihm die Stiefelsohlen lecken, wenn er ihm bloß gestattet, Darmhessen zu
schlucken! Und rutscht auf dem Bauch vor Preußen und macht auch den
Norddeutschen Bund mit, wenn wir ihm zugestehen, die angrenzenden kleinen
Standesherrschaften zu annektieren! Und schmeißt uns den ganzen Bund um,
weil wir dazu nur ‚nein‘ sagten statt den Kurfürsten fest am Genick zu
packen und ihn auf die Knie zu zwingen! Himmeldonnerwetter, hätte man mir
nur freie Hand gelassen, als ich auf dem Weg hierher durch Kassel kam. Ich
hätte den guten Kurfürsten schon beim Schlafittchen genommen! Ich hätte
uns die hessische Armee, mir nichts dir nichts, angegliedert! Und
mitgegangen wäre sie! Aber da kamen wieder die berühmten Kontraorders vom
Kabinett, und nun können wir sehen, wie wir’s machen! Ich würde kein Wort
darüber verlieren, wenn es nur sonst ein Ende nähme mit dieser bodenlosen
Unentschlossenheit und diesem Hin und Her ohne Reim und Räson! So geht’s
ja nie und nimmer mit zwei kommandierenden Generalen und drei
Quatiermeistern, die alle woanders stehen und alle was anderes wollen, und
kreuz und quer kommandieren und nachher, jeder für sich, die Entscheidung
vom König holen, der selbst nicht weiß, ob er alles oder gar nichts will!
Dabei ist die Armee noch in der Umbildung, hat die Einteilung in
Divisionen kaum durchgeführt, geschweige denn jemals im Ernstfall
ausprobiert! Wenn die Leute, die uns heute kommandieren, uns da nicht eine
große Schweinerei bescheren, will ich gehängt sein! Ich bin gespannt, was
schließlich bei dem Kriegsrat herauskommt!“
„Ich nicht!“ sagte der Prinz, dem das Schimpfen des alten Haudegen
sichtbar großes Vergnügen bereitete. „Wenn mein Vetter gescheit wäre,
würde er tun wie unser gemeinsamer Ahnherr, der große Friedrich, und
rundweg jeden Kriegsrat verbieten. Er würde die ratlosen Herrschaften nach
Hause schicken und Rüchel und Sie, Blücher, und mich zu sich rufen und
sagen: ‚Jetzt macht die Sache, ihr drei! Macht sie schnell, macht sie gut,
sucht den Feind auf und schlagt ihn!‘ Das tut er aber nicht, er ruft Herrn
Beyme, er ruft Herrn Lombard! Und Lombard, der ergraute, parfümierte
Friseurjüngling – der Allerweltscharmeur, der blasierte, lebensmüde
Genußmensch – Lombard kommt tänzelnd herbei und lispelt deliziös: ‚_Sire,
vous voulez la guerre? Quelle horreur!_ Woßu _la guerre_? Man verständigt
sich – schließt einen Kompromiß – beseitigt die Differenzen – reicht sich
die Hände! Unter Leuten von Welt das Leichteste, das Einfachste was sich
denken läßt! Jener Parvenu – jener Kaiser von Pöbels Gnaden – er ist noch
zu neu in seiner Würde, er hat noch keine Manieren! Gehen wir ihm mit
gutem Beispiel voran!‘
Und dann setzt sich der Herr Lombard an den Schreibtisch, streift die
Spitzenmanschette zurück, taucht mit Grazie seinen Federkiel in
französisch parfümierte Tinte und schreibt soigniert, formvollendet, ohne
den geringsten Verstoß gegen die längst abgestorbene Etikette, in
tadellosem Französisch, aber im Namen des Königs von Preußen – ein
Manifest, als einzige Antwort auf die Unverschämtheit Napoleons, unser
Ansbach zu besetzen! Und der König läßt gehorsamst das Elaborat seinen Weg
in den Papierkorb des Korsen, statt in den seinigen nehmen! Er befiehlt
uns nicht, sofort wie der Blitz dreinzusausen und mit blanken Hieben im
eigenem Blute des Unverschämten die einzige ihm gebührende Antwort zu
schreiben! Das hätte unverzüglich und unverzagt schon vor Wochen getan
werden müssen! Da hätten wir die Franzosen zum Teufel gejagt! Aber
jetzt – –“
„Eine Schmach ist es!“ rief Blücher, „eine Schmach und Schande, wenn man
bedenkt, welcher Sprache sich jener kleine Kerl unseren Fürsten gegenüber
erfrecht! Schockschwerenot! Setzt der uns unten am Rhein seinen Schwager
auf die Nase, jenen Bäckerjungen aus Cahors, den Seiltänzer Murat! Den
macht er zum Herzog von Berg, läßt ihn unsere Abteien Essen, Eltern und
Werden nehmen und dehnt so seinen Rheinbund immer weiter nordwärts aus,
engt uns immer dichter ein – sucht Sachsen und Hessen auch heranzulocken
und läßt uns dann gnädigst wissen, wenn wir uns darüber beschweren, daß er
so den Norddeutschen Bund hintertreibt: _Er_, Napoleon, hätte die
Unabhängigkeit aller deutschen Fürsten garantiert, _er_ werde keinen
Oberherrn unter ihnen dulden!
_Das_ muß sich ein König von Preußen ins Gesicht sagen lassen! Und zieht
nicht gleich vom Leder, ruft nicht alles, was deutsch spricht, unter die
Fahnen zum Kampf gegen den Frechling, sondern überlegt’s noch, macht einen
Schritt vorwärts, zwei Schritte rückwärts und bloß halb mobil, zaudert und
überlegt und fragt: ‚Soll ich, soll ich nicht? – Liebt er mich? Liebt er
mich nicht?‘ Wo es doch sonnenklar ist, daß er uns absichtlich auf die
Hühneraugen treten wollte!“
„Der König hofft noch den Frieden zu bewahren – er hofft im letzten
Augenblick den Krieg abzuwenden“, sagte der Prinz. „Und leider ist das
ganze Oberkommando ebenso vertrauensselig und tut nichts, um seine Zweifel
zu entkräftigen! Ein Glück ist es, daß ich die Vorhut der zweiten Armee
habe, und daß Sie, Blücher, die von der Hauptarmee jetzt übernehmen! Wir
werden uns da nichts entgehen lassen, nicht wahr?“
„Nein, hol’ mich der Teufel, da soll mich nichts zurückhalten!“
„Die erste Gelegenheit, mit den Franzosen handgemein zu werden, nutze ich
aus! – Sie sollen’s sehen, ich mach’s, und das wird eine Sache, von der
man reden wird! Und dann _gibt’s kein Zurück_! Für die Ehre Preußens,
Blücher, für den Ruhm der preußischen Armee, dafür setze ich mein Leben
ein! Das schwöre ich!“
„Ich auch, bis zum letzten Blutstropfen!“
Sie gaben sich die Hände, und Rüchel, als Dritter im Bunde, legte auch den
feierlichen Schwur ab, gab dann Blücher die Befehle, auf die er wartete,
und hieß ihn sich auf seinen Posten begeben. Prinz Louis Ferdinand holte
sich noch vom Prinzen Hohenlohe Instruktionen und saß kurz darauf im
Sattel, um seine Division in Rudolstadt aufzusuchen.
*
Im Schlosse zu Jena dampften die Schüsseln auf der Tafel des
kommandierenden Generals. Man hatte im Oberkommando der Hohenloheschen
Armee einen Mordshunger. Seit drei Tagen war man zu keinem rechten
Mittagsmahl gekommen, immer trafen gerade zur Tischzeit Hiobsposten ein,
die getroffene Dispositionen über den Haufen warfen und ohne Verzug neue
verlangten.
Im Salon warteten die Mittagsgäste des Fürsten, der General Sanitz, der
für den erkrankten General von Prittwitz die in Jena stehenden Reserven
kommandierte, die beiden Adjutanten, Major von der Marwitz und Major
Loucey, und einige Stabsoffiziere.
Die Stimmung war gedrückt. Ein Teil der Avantgarde unter Tauentzien war
von Bernadotte besiegt – der Rest unter Louis Ferdinand bei Saalfeld
geschlagen, der Prinz selbst gefallen! Man war zur Unterhaltung wenig
geneigt. Jeder der Anwesenden hatte seinen guten Teil Zweifel und
Ungewißheit zu tragen und zögerte, ihm Worte zu verleihen. Und schließlich
war man, wie gesagt, hungrig und entschlossen, sich wenigstens heute nicht
stören zu lassen, sondern erst auf die Schüsseln einzuhauen und dann auf
den Feind.
Der Fürst ließ auf sich warten.
Er beriet noch im Arbeitszimmer mit seinem getreuen Massenbach und
diktierte verschiedene sofort zu erledigende Dispositionen. Der Hunger
setzte ihm wohl ebensosehr zu wie seinen Gästen, die draußen warteten.
Aber erst kommt der Dienst, und der verlangte heute schnellen Entschluß!
Dann würde die Suppe um so besser munden, und man hätte, nach dem Essen,
auch ein Viertelstündchen Zeit zum Ausruhen – was bei einem Sechziger, dem
die Strapazen des Hoflebens geläufiger waren als die im Lager, nicht ganz
ohne Bedeutung zu sein pflegt.
Die ersten Donnerschläge des Korsen waren gefallen, der Nebel, der seine
Absichten bis jetzt verhüllte, hatte sich für einen Augenblick verzogen;
man erkannte, aus welcher Richtung das Gewitter nahte, sah, was man
versäumt oder falsch gemacht hatte, und traf Maßnahmen, der ersten
Verwirrung zu begegnen und die Dinge der neuen Sachlage gemäß zu ordnen.
Massenbach, sonst nicht gewohnt bei seinem für gewöhnlich gutmütigen und
gefügigen Herrn Widerspruch zu finden, hatte heute einen schweren Stand.
Der Fürst hatte schließlich auch seine eigene Haut zu Markte zu tragen. Er
war nervös und ungehalten, die Verantwortung für Fehlschläge auf sich
nehmen zu müssen, die der übereifrige Eigensinn seines
Generalquartiermeisters verschuldet hatte. Er warf ihm vor, absichtlich
unklare und zweideutige Instruktionen an die Unterbefehlshaber gegeben zu
haben, wodurch jeder von ihnen sozusagen einen Freibrief auf
eigenmächtiges Vorgehen erhalten und auch, zum Schaden des Ganzen, davon
Gebrauch gemacht hatte.
„Es geht nicht,“ sagte der Fürst, „wenn man einen Befehl erteilt,
gleichzeitig anzudeuten, daß man die Sache vielleicht doch lieber anders
gemacht haben möchte! Ich habe mir unsere an den Prinzen Louis Ferdinand
ergangenen Befehle vorlegen lassen. Der Prinz mußte nach ihnen glauben,
das Wohl der ganzen Armee hinge davon ab, uns den Flußübergang bei
Saalfeld zu sichern. Deshalb warf er sich mit seiner einen Division dem
ganzen Korps Lannes entgegen und nahm einen aussichtslosen Kampf mit dem
Feind auf, statt sich, wie befohlen, in Ordnung zurückzuziehen und nur in
Fühlung mit ihm zu bleiben! Und da haben wir die Niederlage! Seine
Division in alle Winde zersprengt, die Stimmung bei der übrigen Armee
verdorben und die Siegeszuversicht der Soldaten aufs schwerste
erschüttert!“
Das wäre keineswegs der Fall, meinte Massenbach, zog schleunigst alle
Schleusen seiner Beredsamkeit auf und überschwemmte den Fürsten mit einer
Schwallwoge von guten Gründen.
– Kleine Fehlschläge – und nur um einen solchen handelte es sich in diesem
Fall –, kleine Fehlschläge kämen stets im Kriege vor; damit müsse man
rechnen, wie schmerzlich sie auch seien! – Die Schlappe bei Saalfeld würde
keinesfalls die Stimmung bei den Truppen verderben! Was Prinz Louis
Ferdinand in der Beziehung gefährdet hätte, hatte er durch seinen
Heldentod wieder gutgemacht!
Hier nahm Massenbach den Mund recht voll, gab im breitesten Schwäbisch
eine begeisterte Lobeshymne altpreußischen Heldengeistes zum besten, ließ
die kriegerische Tugend des echten Hohenzollernsprossen in den hehrsten
Farben schillern, beschrieb, wie der Prinz, als er seine fliehenden Reiter
zum Stehen bringen wollte, im Strudel mitgerissen wurde und vergebens
dagegen ankämpfte – wie er, als sein Pferd beim Übersetzen eines
Gartenzaunes hängenblieb, von den Franzosen eingeholt wurde –, wie er sich
dann mit Löwenmut gewehrt, Pardon weder gegeben noch genommen hatte,
vielmehr den Stern des Schwarzen Adlers auf seiner Brust mit dem Hut
bedeckt, um nicht als Prinz erkannt und geschont zu werden, und wie er so
lieber mit dem Tod als mit der Schmach der Gefangenschaft seine Niederlage
besiegelte!
Sonst war Massenbach des Eindrucks seiner Beredsamkeit auf den Fürsten
sicher. Heute aber versagte sie total!
Keine Rührung, kein Seufzer, keine Träne! Auch kein einziges Zeichen des
Beifalls, als er die Nachricht hinzufügte, die Trümmer der Division Louis
Ferdinand seien von General Grawert, der ihnen von Orlamünde aus nach
Rudolstadt entgegenrückte, aufgenommen und neu geordnet worden!
„Die Schlappe bei Saalfeld war schon der zweite Donnerschlag, der uns
traf! Tauentzien bescherte uns den ersten bei Schleiz!“ sagte der Fürst
ärgerlich. „Und Sie haben alles mit verschuldet, Massenbach! Hätten Sie
nur Ihren Plan: mit Gewalt das Hauptgewicht der Operationen auf das rechte
Saaleufer zu verlegen, zurückgesteckt und strikte die Order des
Hauptquartiers befolgt! Nun wissen die Generäle nicht aus noch ein! Ein
jeder handelt für sich – meine Armee steht überall zerstreut! – Keine
Sammlung, keine Einheit! Wenn’s _jetzt_ zum Schlagen käme, sind wir beim
ersten Anstoß in alle Winde zerstreut!“ –
Auch gegen _die_ Besorgnis hatte Massenbach ein beruhigendes Pflaster
bereit.
– Er hätte, wie der Fürst ihm schon vorher in weiser Voraussicht bedeutet
hatte, Stafetten mit Marschorders überallhin ausgesandt, und aus allen
Richtungen strebten schon die zerstreuten Teile der Armee zum linken
Saaleufer hin! Verschiedene Truppen wären schon angelangt! Die sächsischen
Regimenter zögen sogar in dieser Minute durch die Stadt! Nachmittags wolle
er, Massenbach, selbst hinauf nach dem Landgrafenberg und dahinter, an der
Schnecke und am Kapellendorf, wie befohlen, das Lager ausstecken. Es wäre
sogar höchste Eile damit, um fertig zu werden, ehe die Truppen einrückten!
– Ob nicht in Anbetracht dessen Seine Durchlaucht die Gnade haben möchten,
zu befehlen, daß aufgetragen werde? Die Suppe würde sonst kalt werden! –
Da kam ihm der Fürst mit dem dritten Donnerschlag von dem mit Windeseile
über den Thüringer Wald hinaufziehenden napoleonischen Gewitter und teilte
ihm die soeben eingegangene Nachricht mit, Naumburg mit seinen reichen
Vorräten und Magazinen wäre gefallen!
„Naumburg?“ flüsterte Massenbach und wurde ganz still.
„Ja,“ sagte der Fürst, „und das haben wir auch durch unsere unklare
Befehlsgebung, an der Sie nicht so ganz unbeteiligt sind, verschuldet!
Derlei unliebsame Überraschungen, wie jetzt mit Naumburg, setzt man sich
nicht aus! Ich hatte bestimmte Befehle gegeben, die dem vorgebeugt hätten,
wenn sie befolgt worden wären. Ich hatte, wie Sie wohl wissen, unseren am
weitesten nach Osten stehenden vorgeschobenen Postierungen befohlen,
gegebenenfalls sich _ohne Kampf_, aber in steter Fühlung mit dem Feind,
von Hof über Schleiz nach Naumburg zurückzuziehen und uns stets _à jour_
mit allem zu halten! Der Graf Tauentzien aber verwechselte, von Ihnen
angesteckt, seinen Posten als Kommandant der Avantgarde mit der Stellung
eines Oberkommandierenden! Er disponierte selbst, schlug sich gegen Befehl
und wurde, wie sie wissen, von Bernadotte aufs Haupt geschlagen! Damit
fing’s an! Das war das _Horsd’œuvre_! Weil Tauentzien sich statt auf
Naumburg nun so allmählich hierher, nach Jena, mit dem Rest seiner Truppen
zurückziehen mußte, fehlte mir seit Tagen jede Nachricht über die
Fortschritte der Franzosen auf dem Wege nach Leipzig! Die hätten wir
längst haben müssen und unsere Gegenmaßnahmen beizeiten treffen können,
stände Graf Tauentzien heute wie befohlen in Naumburg, statt bei uns zu
dinieren!“
„Der Graf hat abgesagt! Dienstlich verhindert!“ beeilte sich Massenbach
einzuwerfen, wagte dann noch eine schüchterne Erinnerung an die wohl
längst erkaltete Suppe vorzubringen und fand diesmal bei seinem Herrn ein
geneigteres Ohr. Denn der durchlauchtige Magen fing immer gebieterischer
an, sich Geltung zu verschaffen.
Man verfügte sich also in den Speisesaal, trat an den reichgedeckten
Tisch, die Diener schoben die Stühle zurück, die Tafeldecker hoben die
Deckel von den Schüsseln, appetitlich duftende Dämpfe reizten die Gaumen,
das Vorgefühl kulinarischer Genüsse erheiterte die Stimmung – man wurde
gesprächig, fing an, alles in Rosenrot zu sehen, ließ Vergangenes
Vergangenes sein, löffelte vergnügt die delikate Suppe aus und sah schon
den Madeira in den Gläsern funkeln.
Da stürzte atemlos, unter gänzlicher Mißachtung einer jeglichen Etikette,
der Kammerdiener des Fürsten herein.
„Die Franzosen sind in der Stadt!“ schrie er leichenblaß, und all die
erhobenen Suppenlöffel blieben auf halbem Wege zu den aufgesperrten
Mäulern stehen, um sich dann langsam wieder auf die Teller zu senken.
„Die Franzosen?“ sagte der Fürst ungläubig. „Unsinn! Sie können nicht
fliegen!“
Und er löffelte wieder seine Suppe, kaltblütig, wie’s sich einem erprobten
Kriegshelden geziemt.
Aber einige von den Stabsoffizieren meinten, es wäre doch wohl möglich!
Sie hätten den Feind am Tage zuvor gesehen, als sie den Vorposten Befehl
überbrachten, und es wäre schon anzunehmen, daß er heute seine Streifzüge
bis nach Jena ausgedehnt hätte! Die Adjutanten eilten hinaus, um sichere
Nachricht zu verschaffen. Massenbach aber aß für drei, in beschleunigtem
Tempo, und der Fürst, der sich auch nicht gern beim Essen stören ließ,
befahl den Fisch zu servieren. Er schnalzte vor Wohlbehagen beim Anblick
der leckeren Forellen, die sich graublau und mattsilbern unter hellgelben
Zitronenscheiben auf den glänzenden Schüsseln behaglich rekelten. Er ließ
sich ein paar auf den Teller geben, nahm reichlich Butter dazu und fing
schon an, die größte zu zerlegen.
Da ging draußen ein Geschrei und ein Getöse los, als wäre das Jüngste
Gericht plötzlich über das Land Thüringen hereingebrochen – ein Laufen
war’s, ein Fahren, ein Fluchen, ein Poltern! Der Fürst ließ Messer und
Gabel sinken, ließ Forelle Forelle sein, erhob sich vom Tisch, befahl, die
Pferde vorzuführen, ließ sich Hut und Degen geben und ging aus dem
Speisesaal hinaus, von allen Anwesenden gefolgt, mit Ausnahme von
Massenbach.
Der hatte sich fest vorgenommen, sich heute durch nichts von der Stillung
seines Appetits stören zu lassen, weder vom Kaiser Napoleon noch von
irgendeinem anderen Engel des Gerichts! Er nahm also ruhig seinen Platz
wieder ein und gab dem Hofmeister einen Wink – die Lakaien traten mit
gefüllten Schüsseln an, und der Herr Generalquartiermeister nahm ihnen die
Parade ab, revidierte aufs gründlichste, was sie an Proviant noch vorrätig
hatten, und verschonte auch nicht die Batterie von Flaschen, die
aufgefahren war! Indessen auf den Straßen der Lärm wuchs und den Ohren des
schmausenden Helden das geeignete kriegerische Tafelkonzert lieferte.
Draußen sah es wüst aus. Der Markt war übersät mit fortgeworfenen Gewehren
und Patronentaschen, deren sich die durchmarschierenden sächsischen
Regimenter, von wilder Panik ergriffen, entledigt hatten. Auf der
Saalebrücke war ein wirrer Knäuel von festgefahrener Artillerie und
Munitionswagen, ein Schreien und Fluchen, um loszukommen, und schließlich
ein rasches Davongaloppieren der Gespannpferde, nachdem die Fahrer die
Stränge durchschnitten und sich in die Sättel geschwungen hatten. Durch
alle Tore strömten Soldaten in die Stadt hinein, um durchs nächste wieder
hinauszufluten; die Jenenser, von der allgemeinen Angst ergriffen,
sperrten sich in ihre Häuser ein und gaben auch manchen von den wackeren
Vaterlandsverteidigern einen Unterschlupf – ließen aber dafür die bei
ihnen in Quartier liegenden Offiziere nicht hinein, um ihr Gepäck und ihre
Pferde zu holen. Alles schien den Kopf total verloren zu haben. Einzig ein
paar Regimenter der unter Tauentzien stehenden geschlagenen Avantgarde,
die von Hof über Roda nach Jena gekommen waren, nachdem sie mit dem Feind
handgemein gewesen waren und also wußten, wo er war und was sie an ihm
hatten – einzig sie behielten die Fassung. An ihrer Spitze umritt denn
Hohenlohe die Stadt, um die Friedensstörer, falls sie wirklich noch da
waren, zu stellen und zu schlagen.
Da, wo er hinkam, war aber nichts zu sehen. Einige Leute wollten Franzosen
auf den Bergen um die Stadt herum bemerkt haben. Und da der Fürst, bei
näherem Nachsehen, ein paar Uniformen zwischen den Büschen dort oben
bemerkte, so schickte er Patrouillen hinauf, um nach dem Rechten zu sehen.
Sie kamen zurück und brachten als Gefangene – einige Verwundete von der
bei Saalfeld versprengten Division des Prinzen Louis Ferdinand mit, die
weder in Lazaretten noch in Bürgerhäusern Unterkunft gefunden hatten, die
auch, wie fast die ganze durch Gewaltmärsche gehetzte Hohenlohesche Armee,
in den letzten drei Tagen nichts gegessen hatten und nun, um ihren Hunger
zu stillen, dort oben in den Feldern nach Kartoffeln gruben. Für ihre
Entbehrungen hatte ja auch die bekanntlich pünktlich waltende Nemesis der
Weltgeschichte den Fürsten durch ebenso häufige Störungen seiner
Mahlzeiten gestraft, da ja _er_ die Verantwortung zu tragen hatte und sein
Generalquartiermeister nur zu sündigen brauchte!
Diese armen Leute waren es, die den Schrecken über Stadt und Land
losgelassen und so vielen tapferen Leuten eine schmähliche Niederlage
bereitet hatten.
Ein paar Hasenfüße von der Straße hatten sie gesehen und „die Franzosen
kommen!“ geschrien. Und gleich war der Teufel los, Lärm wurde geschlagen,
Besinnung, Mut und Ordnung waren hin, und eine Schlacht ging verloren, in
der es nur Besiegte, aber keinen Angreifer und also auch keinen Sieger
gab!
Der Fürst kehrte an der Spitze seiner Tapferen in die Stadt zurück, befahl
die ineinandergefahrene Artillerie auseinanderzubringen und die Fahrer,
die die Stränge durchgeschnitten hatten und geflohen waren, festzunehmen
und mit aller Strenge der Kriegsgesetze zu bestrafen – eine Aufgabe, die
die sächsische Generalität gütigst übernahm und auch pünktlich – – bis auf
die Bestrafung – durchführte!
So konnte sich der Fürst endlich wieder zu Tisch setzen und in den
inzwischen bei der Verwirrung gründlich geleerten Schüsseln Nachschau
halten. Viel fand er nicht mehr vor, die Forellen waren längst in andere
Gewässer hineingeschwommen, die Lakaien hatten vor Schrecken in ihren
Verstecken weder sehen noch hören können, und der Herr
Generalquartiermeister war auf die Berge geklettert, um das Lager
auszustecken, das noch vor Sonnenaufgang bezogen werden sollte.
So endete der erste Tag der für die Franzosen so glorreichen Schlacht bei
Jena.
Aber mancher tapfere Bursche knirschte vor Wut mit den Zähnen, als er von
der Panik hörte, und schwur hoch und heilig, wenn es wirklich zum Kampf
käme, die Schmach mit dem Blute der Franzosen abzuwaschen oder selbst
dabei ins Gras zu beißen!
Am nächsten Tag kamen der König und der Herzog von Braunschweig von Weimar
herübergeritten. Sie wollten mit Hohenlohe die auf Grund der erlittenen
Niederlage Tauentziens und Louis Ferdinands veränderte Sachlage beraten
und beschließen, was nun zu tun wäre, um sich der nach dem Fall Naumburgs
drohenden Überflügelung zu entziehen und aus der Falle hinter der Saale
wieder herauszukommen.
Das Resultat der Beratung wurde, daß das Hauptheer von Weimar über
Auerstedt auf die Unstrut zu in Marsch gesetzt werden sollte. Rüchel, der
mit seiner Armee in Erfurt stand, sollte folgen, zunächst nach Weimar –
der Herzog von Weimar sollte von seinem „Husarenstreich“ nach Franken
zurückberufen werden, Hohenlohe die Saaleübergänge bei Jena, Dornburg und
Camburg besetzen, um den Flankenmarsch der Armee zu schützen und dann
nachkommen. In Sachsen wollte man sich mit der Reservearmee unter dem
Herzog von Württemberg treffen und so vereint dem Feind entgegentreten.
Der Rand des Saaleplateaus, vorzüglich der Landgrafenberg, sollte besetzt,
aber kein Angriff unternommen werden.
Man trennte sich wieder.
Der Fürst, der sich bestimmt vorgenommen hatte, wenigstens heute zu Mittag
zu essen, wollte sich eben zu Tisch setzen, als ihm wieder zwischen Lipp’
und Bechersrand eine Probe gegeben wurde, wie sehr die Disziplin in seiner
Armee gelockert war und wie wenig er sich auf sie verlassen konnte.
Zunächst wurde er durch die Nachricht gestört, daß der Feind die dicht bei
Jena stehende Feldwache angegriffen hatte – was ja an sich keine
Katastrophe bedeutet hätte, wenn jene Nachricht ihm nicht durch den Chef
jener Feldwache selbst überbracht worden wäre, der auch gleich,
vorsichtshalber, sein ganzes Wachkommando nach der Stadt mitgenommen und
also dem Feind offene Bahn gelassen hatte. Das mußte schleunigst in
Ordnung gebracht werden und wurde auch durch den Adjutanten des Fürsten,
Major Loucey, mit einem Bataillon eines der in Jena stehenden Regimenter
Tauentziens besorgt. Außerdem bekam der sächsische General Senft, der
zwischen Jena und Dornburg stand, Befehl, mit seinen Dragonern die neue
Feldwache zu unterstützen, die Saaleufer zwischen Dornburg und Jena zu
beobachten, Dornburg zu besetzen und auch mit einigen Eskadrons nach
Camburg zu gehen, um die dort befindliche Brücke, die in die Hände der
Franzosen gefallen war, zu nehmen.
Der General tat das alles äußerst saumselig, wofern er es überhaupt tat,
dirigierte eine Eskadron halbwegs nach Camburg und setzte sich mit dem
Rest seiner Dragoner irgendwo zur Ruhe. Der Fürst wußte aber davon nichts.
Es stand jedoch in den Sternen geschrieben, daß der gute Fürst, der sosehr
die Freuden der Tafel liebte, gerade in dieser Beziehung seines Lebens
nicht froh werden sollte!
Mit Entbehrungen seines durchlauchtigen Bauches mußte er die Sünden seines
Kommissariats vergelten, das so schlecht für das leibliche Wohl seiner
Soldaten sorgte. _Nolens volens_ mußte er die Qualen des Hungers selbst
leiden für alles, was die braven Soldaten entbehren mußten! Und gar noch
für die Sachsen, obwohl diese ein eigenes Oberkommando, eigene Verpflegung
und eigenen Generalstab hatten und ihn in dieser Hinsicht gar nichts
angingen!
Das hinderte sie aber nicht, einen Kriegsrat ihres
Verpflegungsdepartements, mitsamt dem Adjutanten der kommandierenden
sächsischen Exzellenz, zum Fürsten zu schicken, mit der kategorischen
Mitteilung: Wenn die Preußen ihnen nicht sofort zu essen gäben, würden
sie, die Sachsen, sogleich abmarschieren und den Krieg Krieg sein lassen!
Der Fürst verzog keine Miene bei der wenig erfreulichen Tatsache, daß
seine halbe Armee angesichts des Feindes mit Rebellion drohte. Er
versprach alles und schickte sofort seinen braven Massenbach spornstreichs
nach Weimar zum König, um Brot für die Sachsen zu erbitten. Denn er war
davon überzeugt, wo kein anderer etwas Eßbares verschaffen könnte, da
würde Massenbach bewirken, daß die Steine zu Brot werden würden. Aber leer
käme er nicht zurück! –
Nachdem der Fürst diese Anordnungen getroffen hatte, setzte er sich nicht
noch einmal zu Tisch, denn das hatte er sich schon abgewöhnt und als
aussichtslos aufgegeben! Sondern er bestieg sein Pferd und begab sich ins
Lager, ließ die Truppen aus den Zelten hervortreten und ritt die Front ab.
Es wurde eine lange Inspektion.
Er ritt die preußischen und schlesischen Bataillone ab, beim rechten
Flügel der Aufstellung anfangend, fragte sie nach allem – ob und wie und
mit was sie versorgt waren –, was sie bekommen und was sie nicht bekommen
hatten? Er redete mit ihnen von den alten Feldzügen, die sie gemeinsam mit
ihm durchgemacht hatten, sprach wie ein Kamerad, sprach auch wie ein
Vorgesetzter, schön und markig, von altpreußischem Geist, von
ruhmgekrönten Fahnen und altbewährter Waffentüchtigkeit, von Treue und
Pflicht, von König und Vaterland – entflammte so den Mut und den
nimmermüden guten Willen der Braven und bekam gleich Gelegenheit, ihn auf
die Probe zu stellen.
Denn noch hatte er den linken Flügel nicht abgeritten, da knatterte und
ratterte es links herum am Rande des Saaletales los, und die Nachricht
wurde ihm gebracht: Jena wäre geräumt und auch evakuiert – die Franzosen
wären drin, und Tauentzien, der die Avantgarde befehligte, wäre auf den
Landgrafenberg heraufgekommen! Leider aber fast gleichzeitig mit ihm die
an Zahl weit überlegenen Franzosen, so daß er sich vom Talrand kämpfend
zurückziehen mußte!
Da war kein Zweifel mehr, was zu tun war! Als alter erprobter Kriegsmann
ließ der Fürst sofort Füsiliere und Jäger tiraillierend vorgehen und den
Feind aus dem nächsten Forst, wo er sich festgesetzt hatte, wieder
hinauswerfen. Er setzte dann preußische Grenadiere und reitende Artillerie
in Marsch, um die Franzosen, die noch nicht in allzu großer Stärke auf dem
Plateau sein konnten, wieder in das Saaletal hinunterzuwerfen, von dem
sie, bei weniger Schlamperei und besserem Aufpassen der Vorposten, niemals
hätten heraufkommen dürfen! Alles jubelte ihm zu und war des Sieges gewiß.
Der Fürst wollte auch seine Tapferen in höchsteigener Person anführen und
war schon im Begriff, den Befehl zum Angriff zu geben.
Da kam Massenbach, den ein ungnädiger Himmel nicht unterwegs das Genick
hatte brechen lassen – da kam dieser Unglücksmensch spornstracks aus
Weimar zurückgesprengt, wohin ihn ein mißgünstiges Geschick in
überflüssiger Sorge um den Magen der guten Sachsen entsendet hatte! Da kam
er atemlos an und brachte als erstes den strikten Befehl des Königs: unter
keinen Umständen irgendeinen Angriff zu unternehmen.
Der Fürst wütete und schlug sich zornig mit der Reitgerte auf den Stiefel,
als wäre der Stiefel Massenbach. Er fluchte und wetterte und beteuerte:
Wenn der König hier wäre, würde er selbst zum Angriff blasen lassen! Die
Gelegenheit wäre günstig, es galt die Sicherheit, ja die Existenz der
ganzen Armee. Man müsse den Franzosen schnell wieder vom Plateau
hinunterwerfen! Nach einigen Stunden wäre er zu stark, da wäre es zu spät!
Also keine Zeit, erst aus Weimar Befehle einzuholen! –
Massenbach zuckte mit den Schultern, sperrte seine runden braunen
Gucklöcher auf, blickte dem Fürsten unverzagt ins Gesicht und wiederholte,
mit vor Ehrfurcht zitternder Stimme, den königlichen Befehl, hier keinen
Angriff zu wagen, aber sofort nach Dornburg zu gehen, um die dort
verlorengegangene Brücke zurückzunehmen, damit der Abmarsch der Hauptarmee
ungestört vor sich gehen konnte.
Befehl ist Befehl.
Zähneknirschend fügte sich der Fürst, befahl seinen Braven, statt vorwärts
auf den Feind zu gehen, links abzuschwenken und nach Dornburg zu ziehen,
setzte sich selbst an die Spitze, da er nun schon das Kommando übernommen
hatte, ließ die Franzosen auf dem Plateaurand bleiben und überließ es dem
General Tauentzien, mit der Avantgarde die Hauptstellung zu bewachen.
Diese Stellung, vom Lager bei Kapellendorf bestimmt, war von dem
übergenialen Massenbach fast mit dem Rücken gegen den Feind gewählt. Ob er
es tat, um wieder einmal etwas anders und origineller als gewöhnliche
Leute zu sein – um dem Feind recht nachdrücklich seine Verachtung zu
zeigen –, oder aus übergroßer Höflichkeit, um es ihm recht bequem zu
machen, der preußischen Armee in den Rücken zu fallen, das mag
dahingestellt bleiben!
Massenbachs Genie reichte aber nicht so weit, anzunehmen, daß der Feind
sich gewiß nicht um des Königs von Preußen Verbot, zu kämpfen, kümmern
würde! Da man aber den Gehorsam so weit trieb, sich auch kopflos aller
Vorteile einer starken Stellung zu begeben – da man also die Saale nicht
einmal so lange verteidigte, daß man die Absichten des Feindes erriet – da
die Brücke über den Fluß nicht abgebrochen, die Stadt Jena geräumt wurde –
da der Talrand ohne Widerstand dem Feind überlassen und ihm gar Zeit und
Raum gegeben wurde, dort, auf den beherrschenden Höhen festen Fuß zu
fassen, so wäre wohl vorauszusehen gewesen, daß man, ungeachtet aller
Verbote, doch gezwungen werden würde, eine Schlacht anzunehmen.
Man hätte sich also ebenso gern gleich, ohne jene Fehler zu begehen, unter
unverhältnismäßig günstigeren Bedingungen schlagen können und müssen.
Statt später eine Schlacht in offenem Gelände gegen vielfache Übermacht
liefern zu müssen, hätte man sich auf ein aussichtsreiches Nachhutgefecht
in vorzüglichen Stellungen beschränken und mit dem Gros der Hauptarmee
nachziehen können.
Durch den Kadavergehorsam seines Generalquartiermeisters Befehlen
gegenüber, die der Befehlende selbst, nach Kenntnisnahme der veränderten
Sachlage, sicherlich sofort zurückgenommen hätte, und durch seine eigene
Machtlosigkeit gegen diesen seinen bösen Geist, verlor Hohenlohe so die
Schlacht, schon ehe sie geschlagen war.
*
Am Nachmittag desselben Tages kletterte ein kleiner Mann in grauem Rock,
den dreieckigen Hut auf dem Kopfe, den Abhang des Landgrafenberges hinauf,
stellte sich da oben auf den höchsten Auslug, die Arme über der Brust
verschränkt, und blickte über die Gegend aus.
Ein paar kurz hingeworfene Worte von ihm genügten, und gleich flogen
Kuriere nach allen Richtungen hinaus mit Befehlen für die kaiserlichen
Marschälle, schleunigst, wo sie auch waren, auf Jena zu marschieren, wo
man allem Anschein nach die preußische Hauptarmee gestellt hatte.
Inzwischen zog aber die preußische Hauptarmee ganz woanders in aller
Gemütsruhe weiter an der schützenden Saale entlang.
Auf dem Landgrafenberge bei Jena bereitete sich das Gewitter vor.
Aus allen Schluchten, die rundherum zur Kuppe hinaufführten – aus dem
Rauhtal, dem Mühltal, aus der Eule und dem Steiger, fluteten in endlosem
Strom nach und nach an die hunderttausend Mann hinauf mit Roß und Wagen,
mit Rohren und Protzkästen!
Wie ein Gewimmel geschäftiger Ameisen, so kribbelte und krabbelte es von
kleinen nervigen, schnellfüßigen Kerls gegen den einen Punkt hin, wo der
kleine Mann im grauen Rock stand.
Bäume wurden gefällt, Wege mit Geistergeschwindigkeit hervorgezaubert, und
längs der so gewonnenen Bahnen glitten immer neue Reihen von Kanonen,
Protzkästen und Pulverkarren hinauf. Und von oben keine Störung, kein
einziger Schuß, kein überraschender Angriff der preußisch-sächsischen
Armee, die, teils im Lager bei Kapellendorf, teils um Dornburg herum in
weitläufige Quartiere gelegt, an alles andere eher dachte als daran, den
unerbetenen Gast wieder in die Schluchten hinabzuwerfen.
Der kleine Mann stand da unbeweglich als ruhender Punkt und Richtzeichen
in all dem Getriebe, das auf ihn zustrebte, um nachher, von seiner Hand
zusammengefaßt, sich wieder strahlenförmig, wie aus einem Fächer heraus,
über die Gegend zu ergießen und die preußische Armee zu umfassen, sobald
der Augenblick dazu da wäre.
Der Wind spielte mit den Schößen seines langen grauen Mantels. In der
zunehmenden Dämmerung verwob sich ihr Flattern mit den aus den Schluchten
der Saale aufsteigenden Dünsten, die immerfort zunahmen, als ginge der
Nebel von den grauen Rockschößen aus. Immer dichter wurden die Dünste,
schon füllten sie die Täler und die Schluchten und ließen einzelne Kuppen
nur noch als übriggebliebene Inseln aus der Überschwemmung herausragen,
bis auch sie versanken und das Wolkenmeer sich vom Thüringer Wald, über
die Unstrut, bis weit nach der Elbe hin ausbreitete, Städte und Gehöfte
verschlang und alles Leben vom Erdboden vertilgte.
Im Schutz dieses Nebels fing der kleine graue Mann an, seine Netze zu
legen und seine Fallen zu stellen, schnell, behende, sicher und leise
schleichend wie das Unheil selbst.
Sorglos ruhte das Wild. Nur weit in der Ferne und außer Bereich des
Waltens jenes unheilschwangeren Geistes wachte ein Wille, von bösen
Ahnungen getrieben – ein Wille, der die Macht des Zauberers brechen
wollte. Aber er war noch unfrei, noch von den Fesseln blinden Gehorsams
gebunden.
Blücher – denn er war es – ging da, von quälender Unruhe getrieben,
rauchte sein kurzes Pfeifchen, schnupperte nach allen Windrichtungen hin,
räusperte sich, hustete die sauverfluchten Nebeldämpfe aus, spuckte und
fluchte über den drückenden Dunst, der das Atmen behinderte und den
Ausblick versperrte!
Er dachte daran, wie er einst im Traum den Wolken des Himmels Blitze
entriß und die Nebel verscheuchte.
Ja, das wäre so etwas, frei zu fliegen, die Augen offen, alles sehen, im
Fluge das Notwendige gleich erfassen und blitzschnell zur Tat werden
lassen, statt wie jetzt, am Gängelbande eines anderen, Befehle
auszuführen, die der erste beste Stabsoffizier ebensogut bewältigen
könnte!
Als ihn heute unterwegs der Befehl des Königs erreichte, sofort seine
Truppen zu verlassen, um zu ihm ins Hauptquartier zu kommen, da dachte er:
jetzt ist deine Zeit da, jetzt braucht man dich zu etwas, was nur du
leisten kannst!
Er ritt schnell wie der Wind hin und kam abgehetzt an – nur um die
Nachricht zu empfangen, der König schliefe und wünsche ihn erst am
nächsten Morgen zu sehen.
Eiliger war’s also nicht!
Ärgerlich suchte er sich Nachtquartier in einer Scheune und ging nun davor
auf und ab und lauschte auf die tausend verschiedenen Laute, die, wie
Hilferufe Ertrinkender, von allen Seiten aus dem Nebel herausdrangen.
Alles Leben schien von dem feuchten, klebrigen Dunst verschlungen. Fort
war die stolze preußische Armee, fort die strammen Grenadiere mit ihren
steif gedrehten Zöpfen und stolzen Schnauzbärten, fort die bunten Röcke
der Husaren, die Harnische der Kürassiere, die wehenden Helmbüsche und
blitzenden Seitengewehre! Alles war fort, alles versunken in den wogenden
Nebelschwaden, aus denen das Rollen der Räder, das Wiehern der Pferde, das
Rufen und Pfeifen und Trommeln immer gedämpfter herausdrang, um
schließlich zu verstummen, je nachdem wie die marschierenden Gruppen ihre
Biwake einnahmen.
Keine Müdigkeit vermochte aber den einsamen Mann dazu zu bringen, sich
auch zur Ruhe zu begeben. Am liebsten hätte er sich an die Spitze seiner
„Roten“ gesetzt, wäre, auch ohne Befehl, aufs Geratewohl in den Nebel
hineingaloppiert, hätte die Gegend bis zur Saale nach Franzosen
abgepirscht, hätte das Kroppzeug gestellt, und, wie schon sooft, mit dem
preußischen Husarensäbel traktiert.
Aber, es wollte hier alles befohlen sein! Und die Kunst des Befehlens war
den wenigsten gegeben!
Der Teufel mochte auch wissen, wo seine „Roten“ biwakierten und wie weit
sie zurückgeblieben waren! Ohne sie gelänge kein Streich! Die anderen von
der Kavallerie, das waren eben die anderen!
Stunde um Stunde verging; die Dünste begannen allmählich eine hellere
Färbung anzunehmen; irgendwo im Osten wühlte etwas Gelbliches sich mühsam
Weg durch die Nebel. Hoch und höher stieg es, ohne mehr zu erreichen, als
die Dichtigkeit der Dunstschleier noch anschaulicher zu machen. Ein fahles
Licht war alles, was bis zur Erde durchsickern konnte, so daß man zur Not
noch die Hand vor den Augen sah! Rundherum fing es aber an zu heulen und
zu rufen, als zögen die alten Recken der Urzeit wiederum zur Jagd auf den
Thüringer Wald, während die Räder ihrer Streitwagen ratterten, die Pferde
wieherten und die Sippen folgten, unter Geschrei und Gejohle, um die
erlegte Beute zu zerteilen und fortzubringen.
Das Getöse nahm zu und schwoll, vom Nebel zusammengefaßt, immer
unheimlicher an.
Jetzt zogen die alten Heidengötter zum Ragnarök aus; die Midgardsschlange
ringelte ihren Leib um die Welt; der Fenriswolf sperrte seinen Rachen auf;
alles eilte dem Endkampf entgegen – die Götterdämmerung war da!
Und er mußte hier auf Befehle warten, statt sie selbst wie zündende Funken
in den Tumult hineinzuschmettern!
Er hielt’s nicht länger aus. Er befahl, das Pferd vorzuführen, ließ seine
Adjutanten wecken – seinen Sohn, den Rittmeister von Blücher und den
Rittmeister Graf von der Goltz – und ritt, von ihnen gefolgt, um sich beim
Könige zu melden.
Der König war schon zu Pferd. Er ließ Blücher wissen, daß bei Kösen
Franzosen über die Saale gegangen waren, und daß er gegen sie vorgehen
müsse. Befehle möge er sich beim Oberkommandierenden, dem Herzog von
Braunschweig, holen.
Der Herzog gab Blücher, da die „Roten“ noch nicht angelangt waren, von der
Division Schmettau mit, was von den Heisingschen Kürassieren und vom
Dragonerregiment Königin da war. General Schmettau, der seine Kavallerie
selbst gut gebrauchen konnte, nahm das gewaltig krumm, ohne es indessen
ändern zu können.
Blücher selbst, nicht gerade froh, seine eigenen Leute nicht um sich zu
wissen, ließ aber fünf gerade sein, ließ zum Sammeln blasen, setzte sich
an die Spitze der Regimenter und galoppierte in den Nebel hinein!
Auf dem Landgrafenberg bei Jena aber war sein Widersacher, der kleine Mann
im grauen Rock, nicht müßig gewesen. Ihm hatte keiner etwas zu befehlen.
Und das Glück war mit ihm. Kein Feind störte sein waghalsiges Unterfangen,
seine ganze Armee die Schluchten nach dem Berg hinaufklimmen zu lassen –
kein überraschender Angriff beim Aufmarsch –, kein plötzliches
Hineinkartätschen in die marschierenden Massen. Alles ging wie am
Schnürchen. Und er selbst biwakierte inmitten seiner Garden auf der
höchsten Kuppe so ruhig, als schliefe er in seinem Bett in den Tuilerien.
Nichts konnte seinen Schlaf stören, weder trübe Ahnungen noch der aus
allen Schluchten des Saaletales hervordrängende Lärm, der die ganze Nacht
anhielt, bis seine stolze Armee oben und nach allen Seiten hin in die
vorbezeichneten Stellungen aufmarschiert war!
Selbst hatte er schon die Stellungen der preußischen Armee rekognosziert
und war bisweilen so nahe an sie herangekommen, daß er Feuer bekam und
sich schnell niederwerfen mußte.
Dann fing er, vom Nebel begünstigt, an, seine Truppen wie Schachfiguren
hin und her zu schieben, schob Davoust mit seinem Korps weit über Naumburg
hinaus, um die preußische Armee von ihren Verbindungen abzuschneiden, zog
selbst alles Erreichbare von dem anderen Korps an sich heran und stand zum
Losschlagen bereit.
Gegen Morgen fing es dann an im Nebel zu rattern und zu knattern. Das
zeitweilige Aufblitzen des Mündungsfeuers aus den Gewehren und Geschützen
gab zu erkennen, wo Freund und Feind waren, ließ aber keinen Schluß auf
die Menge oder die Art der kämpfenden Truppen zu.
Die Preußen griffen an.
Graf Tauentzien hatte die Bataillone Erichsen, Pelet und Rosen bei
Closewitz-Lützeroda und im Issenstedter Forst aufgestellt und ging selbst
von Dornburg aus mit mehreren sächsischen Bataillonen vor. Gegen sich aber
hatte er die drei Divisionen des Marschalls Lannes mit vielem Geschütz.
Ganze Regimenter löste dieser als Tirailleurs auf, die Tauentziens kleine
Schar so heftig bedrängten, daß er sie auf Vierzehnheiligen und Altengönne
zurücknehmen und hinter den Divisionen des Generals Grawert in
Aufnahmestellung führen mußte.
Dieser hatte den Nachteil von Massenbachs dumm gewähltem Lager nach
Möglichkeit wieder gutzumachen gesucht. Er hatte seinen linken Flügel
linksherum auf Klein-Romstedt geworfen, bekam so die Front auf
Vierzehnheiligen und kehrte, wie sich’s gehörte, dem Feinde das Gesicht
zu, statt den Rücken, was ihm nachträglich gar das Lob eines großen
Feldherrn eingebracht hat.
Gegen Grawert schwärmten nun die französischen Tirailleurs wie die
Grasmücken aus und füllten die ganze Gegend. Ihnen war auch Artillerie
beigegeben, so daß der Aufmarsch der Division Grawert im heftigsten Feuer
stattfinden mußte. Trotzdem avancierten die Grenadiere so ruhig, als wären
sie auf dem Exerzierplatz. Mit klingendem Spiel ging’s im Geschwindschritt
vorwärts, so daß die Infanterie dicht hinter der auf Linien
auseinandergezogenen Kavallerie blieb. Fast bis zu Vierzehnheiligen heran
kamen sie. Dann ließ Hohenlohe haltmachen, um das Fallen des Nebels
abzuwarten.
Der Feind indessen wartete nicht, sondern schoß wacker hinein in die wie
Schießscheiben dastehenden Reihen und lichtete sie nach Kräften. Er selbst
war nicht zu sehen. Hinter jeder Unebenheit des Bodens nahm er Deckung und
hatte seine Kanonen so gut eingegraben, daß vom Rohre nichts zu sehen war.
Da sowohl Infanterie wie Kavallerie durch diese ununterbrochene
Belästigung unruhig wurden, war ja nichts natürlicher, als die letztere
gleich zur Attacke anzusetzen, sie zwischen die tiraillierenden Monsieurs
hineinsausen zu lassen und diese auf die preußische Infanterie
zuzutreiben. Aber der Gedanke fand bei der Führung keine Gegenliebe, die
Kavallerie blieb weiter auf dem Flecke als Zielscheibe und durfte ihre
Säbel nicht gebrauchen.
Endlich fiel der Nebel, und vor den Augen der Tapferen tauchten die
französischen Linien auf, wie sie mit klingendem Spiel zum Angriff
vorgingen und weit über die beiden Flügel der Preußen hinauslangten.
Hinter ihnen standen ganze Kolonnen, von denen immer mehr Leute in die
Linien einschwenkten, je nachdem, wie sie sich dehnten und Lücken
entstanden.
Vor der drohenden Überflügelung wankte und wich bei den Preußen alles
zurück. Und wo’s zurückgeht, ist’s vorbei mit Vertrauen und Zuversicht.
Hier und dort riß Unordnung ein, die Unordnung artete zur Flucht aus. Und
der Franzose, nicht faul, ließ seine Kavallerie los, wo er die geringste
Verwirrung witterte. Wie die Affen sausten die kleinen betrunkenen Kerls
drein, fuchtelnd und schreiend, und ritten alles nieder, schon weil sie
ihre eigenen Pferde nicht halten konnten.
Manch preußischer Kavallerist biß vor Wut die Zähne zusammen oder fluchte
laut über die unfähige Leitung, die es gar nicht zum Dreinhauen kommen
ließ! Sie raubte so den Preußen ihre beste Waffe, setzte sie falsch ein,
zog sie in Linien aus, ließ sie im Kartätschenfeuer stehen oder nur
schleichend vorrücken – etwas, was weder Leute noch Pferde aushielten.
Voll Neid schielten sie zu den Sachsen hinüber deren Kavallerie, obwohl
nicht besser, weit mehr leistete, weil sie besser geführt war.
Immer mehr rückte die Front der Franzosen vor, unter Trommelschlag und
schmetternden Fanfaren, drückte die Mitte gegen das Dorf Vierzehnheiligen,
bog den rechten Flügel um die preußische Linie herum – schob seinen linken
Flügel weit über die nach Weimar führende Chaussee hinaus und umfaßte den
preußischen rechten. Der Rückzug artete in Flucht aus. Die sächsischen
Bataillone Maximilian, Rechten und Winkel nahmen dabei mechanisch die
Fährte auf die nächste Chaussee auf, gleichviel wohin sie führte, und
kamen so gen Weimar, was ganz verkehrt war. Und die Nächststehenden
folgten in gleicher Richtung. Auf dem linken Flügel dagegen gingen
Tauentzien und Holtzendorf auf Apolda zurück. Die Armee wurde dadurch in
zwei Teile gerissen, und der Feind, nicht saumselig, schob nach, was er
konnte, und förderte so nach Kräften die Trennung.
Die Ankunft des Generals Rüchel mit seinen fünfzehn Bataillonen änderte an
der Niederlage nichts. Gegen die Übermacht konnte seine Armee ebensowenig
an wie die Hohenlohes, der seine Soldaten keinesfalls an Tapferkeit
nachstanden.
Er ließ sie in Treffen geordnet, staffelweise – „_en échelons_“ –
vorrücken. Sie schlugen sich brav, solange es ging, wankten dann, wichen
und flohen. Er selbst wurde auch, wie alle anderen Befehlshaber, verwundet
und vom Strudel der Fliehenden mitgerissen. Sein ganzes Vorgehen hielt den
doppelt überlegenen Feind nicht von der Verfolgung ab – es war bloß eine
Einzelhandlung mehr in dieser aus lauter Teilkämpfen bestehenden Schlacht,
in der großzügige Führung nur auf seiten Napoleons zu finden war.
Während dies alles sich bei Jena zutrug, war weiter nördlich auf dem
Plateau hinter der Saale, bei Kösen, Blücher mit der Avantgarde in den
Nebel hineingaloppiert. Er stieß dann plötzlich auf etwas, das er für eine
Hecke ansah, bald aber als feindliche Infanterie erkennen mußte. Er
segnete den Nebel, der es ihm so ermöglicht hatte, in den Rücken der
feindlichen Aufstellung zu kommen, fluchte aber, weil er nicht daran
gedacht hatte, den Oberbefehlshaber gleich um mehr Truppen zu bitten, und
schickte den Grafen von der Goltz spornstracks zurück, um Infanterie und
reitende Artillerie zu holen. Dann würde er versuchen, die feindliche
Aufstellung aufzurollen, und es wäre ihm auch gelungen.
Aber sein Adjutant kam nicht zurück, sein Sohn, den er nachschickte, kam
wohl wieder, aber ohne Bescheid.
Weder Infanterie noch Artillerie wurden ihm geschickt, dafür fuhr eine
Batterie die Chaussee nach Hassenhausen in Karriere hinauf und wurde vom
Feind in der Fahrt genommen.
Blücher gab dann seinen Eskadrons Befehl zur Attacke, um auch so die
feindliche Infanterie zu durchbrechen. Sie erhielten zwar von links
starkes Kartätschenfeuer, gingen aber trotzdem erfolgreich vor, bis auf
einmal, durch irgendeine Schlamperei, bei irgendeiner Schwadron „Kehrt“
geblasen wurde, und infolgedessen alles stockte und zurückwich.
Blücher stellte die Ordnung wieder her und erneute den Angriff. Um das Maß
der Unordnung vollzumachen, wurde er aber dabei im Rücken von der eigenen
Artillerie beschossen, und da war es aus! Die Kavallerie, die sich
umzingelt glaubte, wich, und als Blüchers Pferd erschossen wurde und man
den General selbst fallen sah, wandte sich alles zur Flucht, und er
selbst, auf dem Pferd eines Trompeters nacheilend, wurde vom Strom der
Fliehenden mitgerissen. Vergebens stellte er sich mit einer Standarte in
der Hand den Leuten entgegen, und bat und beschwor sie, stehenzubleiben, –
sie waren nicht zu halten.
Inzwischen waren die Divisionen von Schmettau und Wartensleben rechts und
links von der von Auerstedt nach Hassenhausen führenden Chaussee
aufmarschiert und zum Angriff vorgegangen, um dem Feind diesen seinen
einzigen Stützpunkt diesseits der Saale zu entreißen.
Ihre altgewohnte Taktik aus der friderizianischen Zeit – das Avancieren
_en échelons_ –, Bataillonssalven abzugeben und mit dem Bajonett den Rest
zu erledigen, kam trotz aller Tapferkeit nicht gegen die neue Kampfart des
Gegners auf.
Sie litten entsetzlich im Tirailleurfeuer der behenden Franzosen, deren
Kartätschen große Gassen in ihre wie Zielscheiben dastehenden Glieder
rissen.
Gleich zu Anfang der Schlacht wurde General Schmettau erschossen. Der
Herzog schickte darauf seinen Generalquartiermeister Scharnhorst nach dem
linken Flügel, um die Ordnung wiederherzustellen und dort zu befehlen. Als
er aber selbst kurz darauf durch die Augen geschossen wurde, da fehlte
Scharnhorst, der ja die Befehlsausgabe für das Ganze zu ordnen hatte, an
der entscheidenden Stelle, und die Preußen waren ohne Führung.
Feldmarschall Möllendorf war da, war aber schon zu alt und versagte
völlig.
Der König war zu unerfahren und auch zu unentschlossen.
Die Schlacht war, wenn sie weiterging, trotz aller anfänglichen Mißerfolge
gewonnen. Allein man ahnte es nicht.
Man hätte wohl wissen können und müssen, daß man höchstens ein einziges
französisches Korps sich gegenüber hatte –, daß man also über eine
erdrückende Übermacht verfügte!
Davoust hatte mehr gelitten als die Preußen und hatte keine Reserven mehr.
Aber die preußischen Reserven unter Kalckreuth waren noch intakt.
Blücher ahnte, wie die Sache stand. Er bat den König um Kavallerie, um
noch einmal den Versuch zu machen, eine Entscheidung herbeizuführen. Er
erhielt sie auch, aber, gerade als er zur Attacke blasen lassen wollte,
auch den unausbleiblichen Gegenbefehl. Er solle es lieber bleibenlassen.
Es nütze doch nichts mehr. Die Kavallerie hatte es ja heute schon einmal
schlecht gemacht. Und die Reserven, die bei Eckartsberga standen und
untätig zusahen, wie sich ihre Kameraden verbluteten –, die wollte der
König nicht auch noch opfern! Er glaubte nicht an den Sieg und siegte
infolgedessen nicht. Er begnügte sich damit, zu befehlen, die Schlacht
abzubrechen und einen allgemeinen Rückzug auf Weimar zu nehmen, um sich
dort mit Hohenlohe zu vereinigen.
*
Blücher war tobend und fluchend fortgeritten, als der König ihm seine
Zustimmung versagte, noch einmal mit der Kavallerie die Schlacht
wiederherzustellen.
Der König, der seinen alten Haudegen kannte und ihm nicht recht traute,
schickte ihm gleich einen Adjutanten nach mit dem Befehl, zurückzukehren
und bei seiner Person zu bleiben.
Sonst wäre es nicht sicher, daß nicht Blücher auf eigene Faust hin doch
noch etwas unternähme!
Der Alte kam, meldete sich steif und korrekt zur Stelle, nahm seinen Platz
im Gefolge ein, wurde vom König ins Gespräch gezogen, ritt gehorsamst
heran, salutierte, antwortete kurz: „Zu Befehl, ja – zu Befehl, nein!“ auf
alle Fragen, die der König an ihn richtete, und kam aus der Einsilbigkeit
gar nicht heraus.
Der König ließ sich aber nichts merken. Er tat, als wäre alles in bester
Ordnung, und sprach weiter auf Blücher ein, ohne seine schlechte Laune zu
beachten. Und das paßte Blücher nun ganz und gar nicht in den Kram.
Als der König ihm seine Ansichten über die Ereignisse des Tages mit einer
für ihn sehr ungewöhnlichen Gesprächigkeit auseinandergesetzt hatte und
eine Pause machte, in der Erwartung, nun Blüchers Meinung zu hören zu
bekommen, da schwieg Blücher steifnackig weiter.
Der König konnte dann nicht umhin, ein wenig die Majestät herauszukehren.
Er hielt sein Pferd an, was eine Stockung in der Vorwärtsbewegung des
ganzen Gefolges bewirkte, blickte auf Blücher, dessen Pferd auch
gehorsamst und alleruntertänigst stehenblieb und sagte ein wenig
ungeduldig:
„Nun? – Endlich Meinung hören lassen!“
„Zu Befehl, Majestät, meine Meinung ist _die_, wir reiten in verkehrter
Richtung!“
„Was heißt das?“
„Wir kehren dem Feind den Rücken –, das ist immer verkehrt! Die Richtung
vorwärts ist mir lieber!“
„Uns auch! Wenn aber unsere Leute zurückgehen!“
„Hasenfüße gibt’s in jeder Armee. Es sind aber genug tapfere Männer dabei
gewesen!“
„Wir waren überflügelt!“
„Die Überflügelung hätte ich abgestoßen, so Eure Majestät mich hätte
gewähren lassen!“
„Es wäre Ihm ebenso schlecht gegangen wie bei Seiner ersten Attacke!“
„Die erste Attacke wäre auch gut gegangen, hätte uns die eigene Artillerie
nicht mit Kartätschen beworfen! Der Feind war schon erschüttert! Er hatte
keine Reserven! Unsere Reserven waren nicht zum Kampf gekommen. Die
Schlacht stand schon. Ein kleiner Stoß noch, und sie wandte sich zu
unseren Gunsten! Wir hätten Davoust vernichtet und uns freie Bahn in der
alten Marschrichtung erkämpft! Majestät wollen’s mir zu Gnaden halten,
aber für so etwas habe ich Nase!“
„Und wenn’s doch anders gekommen wäre, als Er denkt, und das wäre gewiß
der Fall gewesen – wir hätten nur unnütz das Blut unserer Leute
verspritzt!“
„Majestät halten zu Gnaden, aber dazu sind wir alle da! Wenn’s gilt, König
und Volk zu retten, ist kein Leben zu teuer!“
Der König schwieg. Eine Weile ritten sie in Gedanken heiter. Er fing schon
an zu dunkeln.
Plötzlich hielt der König wieder sein Pferd an und richtete sich straff
auf; seine hohe Gestalt zeichnete sich kräftig gegen den Oktoberhimmel ab.
„Nun haben wir ihn!“ dachte Blücher. „Jetzt gibt er klein bei. Jetzt gibt
er den Befehl zur Umkehr und läßt uns die Schlacht erneuern!“
Er hatte sich getäuscht.
Der König seufzte nur, blickte ihn dann an und sagte trocken: „Er hätte
das Spiel nicht gewonnen, Blücher!“
„Ich habe wohl dann und wann ein Spiel verloren, Majestät – aber noch
öfter eins gewonnen! Und das nur, weil ich das Spiel _gewagt_ habe!“
Der König hatte schon eine derbe Antwort bereit.
Da knatterte es plötzlich irgendwo auf der rechten Seite los, Blücher gab
seinem Pferd die Sporen, sprengte hin, um zu sehen, was los war, und kam
zurück mit der Meldung, man hätte ein paar naseweise Chasseurs zum Teufel
gejagt.
„Werden uns noch durchschlagen müssen!“ sagte der König eintönig und
setzte den Weg fort. Blücher ritt voraus und untersuchte das Terrain, war
bald hier, bald dort und kehrte bisweilen zum König zurück mit der Meldung
über seine Wahrnehmungen, wurde für seine Fürsorge bedankt, aber sonst
nicht weiter ins Gespräch gezogen.
Auf einmal, dicht vor Buttstedt, erhob sich an der Spitze der
zurückgehenden Kolonnen ein großes Geschrei. Herannahen von Truppen wurde
gemeldet. „Die Franzosen sind da!“ schrie alles. „Wir sind abgeschnitten!“
Und gleichzeitig knallte es rechts und links im Gebüsch los.
Alles stockte.
Patrouillen gingen vor und kamen zurück mit der Nachricht, Teile der Armee
Hohenlohe zögen aus entgegengesetzter Richtung heran. Man hätte heute bei
Jena gekämpft, der Fürst wäre geschlagen und geflüchtet – man wisse nicht
wohin – Grawert und Rüchel wären vernichtet, die Sachsen gefangen – die
Franzosen verfolgten gegen Weimar die dorthin Geflohenen, man hätte auch
hier bald mit ihrem Erscheinen zu rechnen!
Alles stürzte vor, um selbst zu sehen und zu hören und von den Anrückenden
nähere Kunde zu bekommen.
Jede Ordnung hörte auf. Die Verbände wurden zerrissen, alles eilte in
wirren Haufen durcheinander, schreiend, fluchend, tobend, ohne zu wissen
wohin, ohne auf das Kommando zu hören, nur vorwärts auf dem nächsten Weg.
Und ging’s nicht schnell genug auf den von der Bagage verstopften
Chausseen, dann wurde einfach geplündert, die Regimentskassen verteilt,
die Proviantwagen geleert und in die Gräben geworfen. Und wo es etwas
Trinkbares zu fassen gab, wurde sofort ein allgemeines Gelage
veranstaltet. Die Trunkenheit nahm bei den durch langen Hunger
entkräfteten Soldaten reißend zu. Wüste Schmähreden auf die Offiziere, die
das ganze Unglück verschuldet hatten, wurden laut, die unflätigsten
Schimpfwörter schwirrten durch die Luft, vermischt mit dem kreischenden
Gesang der betrunkenen Polen, die mit Sack und Pack abzogen und sich laut
damit brüsteten, daß sie nun zu den Franzosen übergingen.
Die Offiziere, die Ordnung zu schaffen suchten, wurden gröblichst
insultiert. Die Quälgeister unter ihnen ernteten jetzt die Frucht lange
keimenden Mißvergnügens, wurden geschlagen, geschmäht und ihnen ins
Gesicht gespuckt. – Die Mannschaften rissen ihre Abzeichen ab, warfen
Knöpfe, Achselklappen, Packung und Gewehre in den Kot, daß die Landstraße
weithin mit den fortgeworfenen Gegenständen besät wurde.
„Mit Preußen ist’s jetzt aus!“ schrien sie, „Preußen ist hin! Unseres
Diensteides sind wir ledig!“
Der König war gleich nach Empfang der Unglücksbotschaft von Jena mit
seinem Gefolge weitergeritten. Er nahm den Weg, statt nach Weimar,
nordwestlich gen Sömmerda, um von dort nach Sondershausen zu kommen,
welchen Ort er als neuen Treffpunkt und Sammelstelle für die Armee angab.
Sein Befehl an die Truppen, ihm dorthin zu folgen, wurde nur von einem
Teil befolgt.
Ein großer Teil unter Möllendorf und Oranien war schon dicht vor Weimar
angelangt und zog von dort weiter nach Erfurt.
Der König nahm in Sömmerda Quartier und begab sich gleich zur Ruhe. Am
folgenden Tag setzten ihm die Generäle zu, er möchte schnellstens
vorreisen, um im Hinterlande den Widerstand zu organisieren. Er wäre jetzt
da viel nötiger als hier. Er weigerte sich aber standhaft, die Armee zu
verlassen.
Blücher schwieg sich anfangs zu der Sache aus. Er überlegte es sich so:
Als Heerführer ist der König ebenso unerprobt und unfertig, wie die hohen
Generäle untauglich. Ist der Vorteil, die Autorität des Königs im
Bedarfsfalle zur Stelle zu haben, größer als der Nachteil, selbst
möglicherweise vor ihr zurückweichen zu müssen? Die Sache schien ihm
unsicher. Allein würde er am Ende mit den Generälen am besten fertig. Da
brauchte er kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Entschlossen setzte auch er dem König zu und brach dessen Widerstand.
In liebenswürdigster Weise bedankte sich der König bei Blücher für dessen
umsichtige Führung bei dem gefahrvollen Nachtritt und entband ihn von der
Pflicht, ihn weiter zu begleiten, da die Armee seine Kraft anderswo besser
benötige. Aber von den roten Husaren nähme er gern die Eskorte für die
Weiterfahrt nach Sondershausen an.
Blüchers Augen leuchteten vor Freude, als er das hörte.
Die nötigen Befehle waren schnell gegeben. Aus den Reihen seines stark
zusammengeschmolzenen Regiments suchte er selbst die sichersten und
erprobtesten Leute aus, und bald zog da eine kleine Schar von fünfzig
Husaren vor dem Quartier des Königs auf, unter dem Befehl des Rittmeisters
von Wolky, dem des Generals zweiter Sohn, der Leutnant von Blücher,
beigegeben war.
Die „Roten“ waren sehr ungehalten über den Rückzug, gerade wo sie die
Hoffnung gehabt hatten, gegen den Feind geführt zu werden, und zwar von
ihrem Alten selbst, den sie in der Schlacht schmerzlich vermißt hatten.
„Der Feind brauchte nicht viele Schläge mehr,“ meinte einer, „warum wurde
nicht die Reserve eingesetzt?“
„Der alte Kalckreuth ist schon schlapp!“ antwortete ein anderer. „Er hatte
schon längst einen Knacks, und nun geht ihm wohl vollends die Puste aus!“
„Wir hätten bei unserem Alten sein müssen, als er zur Attacke blasen
ließ!“ sagte noch einer. „Da wär’s ein anderer Tanz geworden! Wir hätten
ihn nicht aufsitzen lassen! Dunnerslag – so davonzulaufen vor den paar
Chasseurs! Eine Schmach war’s und eine Schande! Aber die Königindragoner –
– und die Reitzensteinkürassiere – und gar die von Heising! Die denken nur
an ihren Magen! Ihre besten Leute fouragierten, als es zur Schlacht gehen
sollte, und die anderen, nun, die sind eben nur bei den Paraden zu
gebrauchen! Na, nun werden wir ja – – – Kinder – das Regiment kommt zu
Ehren!“
„Man gut, daß wir zusammenblieben und hierherkamen. Ich war schon
entschlossen, mich in den Busch zu schlagen und zu sehen, wie ich
durchkäme, als der Kuddelmuddel unterwegs losging und alles davon redete,
sich dem Franzmann zu ergeben! Und hätte ich unseren Alten nicht gesehen –
ich wäre längst über alle Berge!“