dem Oberschten Blücher oanen General zu mache!“
„Da soll der Donner dreimal dreinschlagen! Du bist dreist, Bursche!“
„Ich sage nur die Wahrheet: Und die Wahrheet is, daß der Keenig, ohne den
Oberschten Blücher zu hoben, ooch nicht hätte aus ihm a General mache
kenna!“
„Da hast du recht, mein Sohn! Nun hatte er mich aber –“
„Nun ja, das hatte er! Und das hat er ebens mir zu danke!“
Blücher blickte ihn groß an. Er fing an, zu begreifen.
„Erinnern Dero Exzellenz noch das Gefecht am Kavelpaß? Exzellenz waren
dazemal a schwedischer Junker, und ich wie itzt Reiter im Regiment. Den
Junker _fing ich_! Ich hoab’s getan! Und aso bekam der Keenig von Preußen
den Mann, den er heute zum General machte und wohl noch heeher steigen
lassen wird, so Gott will!“
„So Gott will – das war ein gutes Wort!“ sagte Blücher. „Denn daran
liegt’s, und so war’s auch am Kavelpaß, denk’ ich! Er wird’s gewollt haben
und nicht du!“ Er rieb sich die Nase. „Dein Name?“ fragte er.
„Landeck!“
„Landsmann?“
„Aus Esterreisch’-Schlasien!“
Blücher betrachtete ihn forschend.
„An dein Gesicht kann ich mich nicht erinnern! Es ist ja auch lange her.
Und bei der bewußten Gelegenheit wird mir wohl der Schädel von den vielen
Hieben gehörig gebrummt haben! Aber das weiß ich, und darauf kann ich
schwören: ein Husar war’s sicher, der mich fing! Und wo du ein Husar bist
und wo du behauptest, derjenige zu sein, so bist du’s wohl auch gewesen,
dem ich mein Glück zu verdanken habe! Nun erkläre mir aber eins, mein Sohn
– denn ein wenig dämmert’s mir doch noch von der Begebenheit –, spricht
man noch heute – in Schlesien – _so gut Schwäbisch_ wie damals?“
Der Husar blickte ihn an, ohne zu begreifen.
„Der, der mich fing, mein Sohn, der schwäbelte nämlich ganz gehörig, das
habe ich mir gemerkt! Nicht nur sein Säbel, auch sein Schwäbisch schlug
mir bös um die Ohren!“
Landeck kratzte sich hinter dem Ohr.
„Exzellenz,“ sagte er dann keck, „ob ich dazemal schwabbelte, ich weeß es
nicht mehr! Das aber weeß ich: ooch in Schlasien gab’s dazemal Schwabben
die Masse – nich bloßich in Preußen. Und es gibbt se halt noch, und aso
leechte wird se halt nich los, wer se hoat!“
Blücher lachte.
„Gut geantwortet, mein Sohn“, sagte er. „Sei’s drum! Du bist mir der
Richtige! Du wirst heute mittag einen Löffel Suppe bei mir essen! Und
nachher wollen wir miteinander auf den schwedischen Junker anstoßen, den
du leben ließest! Den preußischen General können wir dann auch leben
lassen! Und nun, mein Herr Solofänger, marsch auf deinen Platz! Und daß du
mir nicht noch einmal ohne Befehl aus der Reihe heraus reitest! Sonst
brummst du bei Wasser und Brot, und wenn du mich zehnmal gefangen
hättest!“
Gesagt – – der Schlesier warf sein Pferd herum und saß im nächsten
Augenblick wieder wie vorhin, unbeweglich wie eine Statue und salutierte
mit den anderen, daß die Sonnenblitze von den Säbeln nur so übers Feld
züngelten, als der neue Chef und Inhaber des Regiments, von seiner Suite
gefolgt, die Front abritt.
7
VULKANS SCHMIEDE
Es war in Emmerich am Rhein.
Der General Blücher hatte, wie gewöhnlich, seinen Abendspaziergang
gemacht, um bei seinem vertrauten Freunde, dem Obersten von Pletz, eine
Pfeife zu rauchen.
Sie saßen unter der Linde am Pfarrhofe, wo der Oberst in Quartier war,
schmauchten ihren Knaster in aller Ruhe und Gemütlichkeit, labten sich
dann und wann aus den großen Römern mit Rheinwein, lauschten bisweilen auf
das Jauchzen der spielenden Dorfjugend und spannen dabei gemächlich ihre
Unterhaltung weiter.
„Dein Glück war’s“, sagte der Oberst schmunzelnd. „Du fingst schon an alt
zu werden.“
„Da schlage der Donner drein!“
„Na, nun bist du ja wieder jung – nun sieht man dir wieder die siebzehn
Jahre an, trotz der grauen Schläfen. Aber fast wär’s schief gegangen!
Warst schon dicht dran, in die verkehrte Tonne zu springen!“
„Ins verkehrte Ehebett, sag’s nur gerade heraus!“
„Nun ja! Viel hat nicht gefehlt, da wäre es so verrückt gekommen! Weißt du
noch, wie du brummtest und fluchtest, als du den Korb von deiner reichen
Witwe heimtrugst?“
„Halt’s Maul!“
„Nun – der bist du ja glücklich entgangen! Aber geflucht hast du! Und
gescheit hast du gesprochen – zum Kotzen gescheit – rein niederträchtig
brav – von deinen armen Kindern, denen mit Gewalt eine Mutter besorgt
werden müßte, obwohl sie schon erwachsen waren! ‚Opfern‘ wolltest du dich
–“
Der Oberst schlug auf den Tisch; er ereiferte sich immer mehr zum Ergötzen
Blüchers.
„Man heiratet doch nicht wegen der Kinder, die man schon _hat_,“ schrie
er, „sondern wegen denen, die man erst kriegen will! Man nimmt eine Frau,
um selbst von ihr gepäppelt und verhätschelt zu werden, nicht aber damit
sie anderer Frauen Kinder bemuttern soll! Man fragt nicht nach dem
Geschäft, zum Donnerwetter! Man heiratet entweder gar nicht, oder man
heiratet eine, in die man so verliebt ist, daß man es _doch_ tut!“
„Hab’ ich das etwa nicht getan?“ lachte Blücher.
„Das ist es eben!“ rief Pletz zum großen Gaudium seines Gegenübers. „Das
ist es gerade! Du hättest verdient, die alte Witwe heimzuführen, und jetzt
hast du – ganz unverdienterweise hast du das große Los gezogen!“
„Trink, alter Brummbär! Nörgler du, hundsgemeiner! Auf die Frauen!“
Blücher erhob sein Glas.
„Auf deine Frau!“ antwortete der Oberst, trank aus und machte die
Nagelprobe. „Auf dein unverdientes Glück!“
„Glück wird eben nicht verdient!“ sagte Blücher und stellte sein Glas
fort. „Man hat’s oder hat’s nicht, je nachdem ob man es zu packen
versteht!“
„Nun ja – das konntest du meistens. Aber sonderbar ist es doch, daß du
gerade _sie_ – –“
„Nun ja, es _ist_ sonderbar. Und ich kann auch heute noch nicht begreifen,
wie so’n junges Ding, das meine Tochter sein könnte – wie sie mich so in
ihre Gewalt bekam, wie sie mich im Handumdrehen umkrempeln und zum
ordentlichen Menschen machen konnte!“
„Das wollen wir nicht hoffen! Das liegt dir nun gar nicht. Du bist und
bleibst schon derselbe Windhund, als den ich dich immer kannte, und daran
hat auch sie nichts ändern können. Aber sie gab ihre Jugend her, und das
verjüngt. Das ist der einzige wahre Jugendbrunnen für uns alte Leute. Ich
verstehe bloß nicht, wie du dazu kamst!“
„Ich auch nicht. Ich war eben zum Mittagessen in ihrem Vaterhause geladen.
Und sie saß mir gegenüber am Tisch. Das war alles! Anfangs sah ich sie
nicht und blickte kaum hin. Man hatte vorzügliche Speisen und Weine
aufgetragen – ich hatte einen Mordshunger und hieb auf die Schüsseln ein,
wie sich’s für einen rechten Husaren gehört. Eben war ich dabei, den
Flügel eines Kapauns abzunagen, und genoß es so recht von Herzen, da
blickte ich so aus Zufall auf und sah gerade in ein Paar große lachende
Augen. Ich sah ein Paar Lippen von feinsten geschwungenen Korallen, um die
es schelmisch zuckte, die aber verteufelt ernst wurden, als sie sich von
meinen Blicken berührt fühlten. Mir wurde es auf einmal, als wäre ich in
der Kirche, als wölbe sich ein himmelhoher gotischer Dom hoch über meinem
Haupte – als blicke vom Altar die heilige Mutter Gottes liebreich auf mich
Sünder nieder. Ich wurde auf einmal so klein, alles, was mich bisher
erfüllt hatte, so nichtig! – Wie ein Verbrecher kam ich mir vor, der, von
gieriger Lust getrieben, eben im Begriff war, ihren Altar zu berauben! –
Vor bösem Gewissen vergingen mir Hunger und Durst – ich dachte an nichts
als nur daran: wie ich alles wieder gutmachen sollte! – Ich betete sie an
– nein, ich schwärmte, hol’ mich der Teufel, ich glaube, ich hab’s ihr
sogar gleich ins Gesicht gesagt und ihr auf der Stelle einen Antrag
gemacht! Was ich gesagt habe – wie ich’s sagte, das wußte ich im nächsten
Augenblick nicht mehr, und heute noch weniger. Ich sah nur, wie man ihrer
Verlegenheit zu Hilfe zu kommen suchte und sie scherzhaft sofort meine
Braut nannte. Aber – wer aus dem Scherz schnell Ernst machte – das war
ich. Denn ich war verliebt wie des Küsters Kater. Keine vier Wochen
dauerte es, dann war sie mein und die Hochzeit gefeiert!“
„So war’s recht! Gleich die Festung stürmen! Nur keine lange Belagerung!“
„Ja, so hab’ ich’s immer gehalten: Immer gleich losschlagen, und nicht
erst lange kalkulieren! Wo würden wir hinkommen, wenn wir immer erst auf
Befehle warten sollten von Leuten, die sich’s erst zehnmal überlegen und
dann noch nichts wagen! Wo alles auf dem Spiel steht – wo’s das Leben
gilt, wo’s darauf ankommt, die Sekunde auszunützen, da – hol’ mich der
Deibel – wenn ich da nicht zuschlage! Wenn ich aber die zaghaften Kerls
sehe, die den Entschluß für das Ganze zu fassen haben, wie die sich erst
ängstlich nach allen Seiten nach Sicherung umgucken und darüber das feste
Ziel aus dem Auge verlieren, da wird mir bange um den nächsten Krieg. Die,
die vierundneunzig alles so brav vertrödelten, sie sind seitdem nicht
jünger geworden! – Und was an Jugend heranwuchs, kam meistens nicht auf
den rechten Platz. Auch nicht da ganz oben! Unser junger Herr –“
„Der wird noch gehörig Lehrgeld zahlen müssen!“
„Und wir mit ihm. Es war ein Jammer, daß der zweite Friedrich Wilhelm so
früh sterben mußte!“
„Na, du hast ihm ja vieles zu verdanken. Aber der war auch kein
Draufgänger –“
„Sage man, was man will, unter ihm wurde Preußen immerhin verdoppelt. Wir
könnten es auch jetzt gut haben, aber dazu gehört vor allem da oben mehr
Wagemut, mehr jugendlicher Leichtsinn! Geradeheraus: dazu gehört ein ganz
anderer Kerl!“
„Prinz Louis Ferdinand zum Beispiel?“
„Ja, das ist ein Kerl, der hat das rechte Zeug! Ein Held wie wenige, und
Glück hat er auch! Wer so wie er die Kugeln verachtet, vor dem biegen sie
auch aus. Wenn der nur auf den rechten Platz käme!“
„Das würde dann schon zu spät sein. Leute wie er verludern leicht, wenn
sie daneben geraten und sich immer nur ducken müssen!“
„Sage einmal,“ sagte der Oberst und klopfte seine Pfeife am Stiefelabsatz
aus, „ist das nicht deine Frau, die dort unten den Weg heraufkommt und dem
jungen Offizier an ihrer Seite so schöne Augen macht?“
Blücher fuhr auf und blickte hin.
„Ja, das ist sie, und – alle Wetter!“ – Er schnallte rasch den Säbelgurt
um und stülpte die Mütze auf. „Wenn man den Teufel nennt, kommt er schon
gerennt. Auf Wiedersehen, Pletz, ich muß eilen! Wir haben hohen Besuch!“
Damit eilte er den Weg hinunter und den Kommenden entgegen.
Ein schöneres Paar als die mädchenhafte, liebreizende junge Frau und den
stattlichen, schlanken, übermütigen jungen Offizier an ihrer Seite konnte
man kaum sehen. Lachend und scherzend gingen die zwei ihres Weges und
waren in ihre Unterhaltung so vertieft, daß sie Blücher erst bemerkten,
als er vor ihnen stand.
„Königliche Hoheit hier in Emmerich?“ fragte Blücher salutierend.
„Wie Sie sehen“, antwortete Prinz Louis Ferdinand, denn er war es. „Ich
benutze meine freie Zeit, um den Rhein hinunterzureisen, und habe nicht
die gute Gelegenheit versäumen wollen, der Generalin Blücher meine
Verehrung zu Füßen zu legen. So habe ich auch das Vergnügen, Sie zu sehen,
lieber General!“
„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite!“ antwortete Blücher, gab seiner
Frau den Arm und wandte sich wieder zum Prinzen.
„Hoheit reisen doch nicht mutterseelenallein?“
„Leider nicht! Für ein paar Stunden bin ich aber frei. Mein Adjutant ist
voraus, um Quartier zu bereiten und für morgen ein Schiff zu besorgen. Er
wird mich abends bei Ihnen abholen, solange müssen Sie mich schon
behalten.“
„Wenn Hoheit nur vorliebnehmen wollen mit dem, was mein Haus –“
„Machen wir keine Redensarten! Es wird alles gut sein! Übrigens, wenn
Sie’s wissen wollen – nur zum Vergnügen reise ich nicht den Rhein entlang.
Seitdem wir den dummen Lunéviller Frieden haben und der Kaiser es so schön
eingerichtet hat, daß alles drüben, auf der linken Rheinseite, nun
Frankreich sein soll, sehe ich mir überall am Fluß die Grenze daraufhin
an, wo wir’s am besten anpacken können, wenn wir darangehen, sie wieder
nach Westen hin zu verrücken. Denn das kommt früher oder später!“
„Sicher!“ sagte Blücher. „Und hoffentlich recht bald. Denn wir brennen
alle darauf.“
„Die drüben im Rheinland auch, nach allem, was ich gesehen habe. Unsere
ehemaligen Landsleute sind nicht zufrieden. Sie sind aber zu beneiden.“
„Wieso denn?“
„Statt hundert Herren haben sie jetzt _eine_ Regierung – statt hundert
Landesgesetzen _eins_! Leibeigenschaft, Feudallasten, Kirchenzehnten,
Zunft- und Bannrechte sind sie los, Handel, Verkehr und Gewerbe sind frei,
die Gedanken auch! Kurz: die ganze neue Zeit, der wir uns so ängstlich
verschließen, ist ihnen zuteil geworden.“
„Dafür müssen sie die Republik nach Belieben Rekruten ausheben lassen, und
zahlen Steuern bis über den Kirchturm. Dafür müssen sie französisch denken
und fühlen und sich ihre deutsche Seele verwelschen lassen!“
„Das ist eben gut!“
„Der Teufel auch!“
„Denn je mehr sie leiden müssen, je mehr Haß sie gegen die Gewalthaber
aufbringen, die ihnen die neue Ordnung aufzwingen, um so eher haben wir
sie wieder. Und die neue Ordnung auch. Die haben wir bitter nötig. – Aber
leider können wir sie nur von draußen bekommen. Von selbst bringen wir
nicht die Entschlußkraft auf, das Alte und Überlebte abzustreifen. Sehen
Sie bloß auf die Armee hier und drüben. Was hat aus den lumpigen
‚Ohnehosen‘ im Handumdrehen eine Armee gemacht, von deren Ruhm die ganze
Welt widerhallt? Was gab ihnen die Kraft? Sind sie etwa besser als wir?
Haben _sie_ die größere Ausdauer, die besseren Knochen oder mehr Mut und
Tapferkeit und Todesverachtung?“
„Nein, zum Kuckuck!“ rief Blücher. „Den möchte ich sehen, der das zu
behaupten wagt!“
„Ich auch“, sagte der Prinz. „Und doch sind sie uns voran. Weil sie das
Söldnertum abgestreift und die allgemeine Wehrpflicht eingeführt haben.
Wie sieht’s dagegen bei uns aus? Mannschaften, zum großen Teil aus der
Hefe aller Welt aufgelesen, Gauner und lose Leute, die nur mit Gewalt und
entehrenden Strafen zusammengehalten werden, immer dem Volk fremd bleiben
und ihm feindlich gegenüberstehen müssen! Offiziere, die mehr Unternehmer
als Diener des Staates sind – die aus ihren Bataillonen und Regimentern
große Einnahmen herauswirtschaften wollen und das nur können, wenn ihre
Leute beurlaubt sind und sie ihre Löhnung in die eigene Tasche stecken
können. Die brauchen den Frieden wie das liebe Brot! Solchen Kriegern ist
der Krieg das größte Unglück. Wir können heilfroh sein, wenn wir keinen
ernsthaften Kampf zu bestehen haben werden, ehe diese Zustände mit Stumpf
und Stiel ausgerottet sind. Und dazu können wir, Sie und ich, nichts tun,
als immer wieder die Stimme erheben – um _nicht_ gehört zu werden. Die
Widerstände sind zu groß. Wir haben, wenn nicht die Revolution, so doch
zum mindesten ein großes Unglück nötig, um diese Leute und Zustände, die
nicht mehr taugen, fortzufegen!“
„Nee, nee!“ rief Blücher eifrig. „Wir brauchen keine Revolution, die alles
kaputt macht. Das Gute, was sich bewährt hat, muß bleiben – und viel Gutes
steckt in unserer Armee! Das Schlechte muß zum Teufel! Dazu haben wir bloß
ein paar richtige Kerls an richtiger Stelle nötig. – Ein paar Donnerkerls
am Kommando, mit klaren Augen und derben Fäusten, die zupacken können. Und
dann bloß ein bißchen mehr Entschlußkraft da oben! Das Weitere besorgt
schon die preußische Armee. Die nimmt’s noch mit jedem auf. Noch hat sie
ihren alten Ruhm. Der wiegt mehr, als mancher hier zu Hause denkt – weit
mehr als der ganze welsche Kram. Sorgen Hoheit nur dafür, daß wir nicht
immer mit Ketten am Fußgelenk marschieren müssen, dann ist auch kein
weiterer Grund zur Schwarzseherei. Außer für den Franzmann!“
„Hätte ich die Entscheidung,“ sagte der Prinz, und es blitzte in seinen
blauen Augen auf, „dann könnte es schon morgen losgehen. Darüber hatte ich
mich übrigens schon mit Frau Gemahlin geeinigt“, fügte er hinzu, sie
galant ins Gespräch hineinziehend.
„Du willst doch nicht auch –?“ drohte ihr Blücher scherzhaft.
„Die Frau Generalin ist ganz für die Kriegspartei gewonnen, lieber
Blücher. Da hilft Ihnen kein Sträuben!“
„Aber Malchen! Da haben wir am Ende schon den häuslichen Krieg?“
„Hoffentlich!“ lachte der Prinz. „In mir werden Frau Generalin jedenfalls
dabei einen stets kampfbereiten Bundesgenossen haben.“
„Sieh nur, sieh nur! Der Bund wäre denn wohl bereits geschlossen?“ fragte
ihr Mann.
„Ja, sieh dich nur vor!“ drohte sie. „Alle Tage schneien einem die
Märchenprinzen nicht ins Haus!“
„Nun – ich nehme immer den Kampf auf!“ lachte Blücher. „Fahre du auf, was
du in Küche und Keller an Munition hast – ein paar Batterien vom besten
Rheinwein lassen wir spielen –, wollen sehen, Königliche Hoheit, wer von
uns zuerst ins Gras beißt!“
„Topp!“ sagte der Prinz.
Er küßte leicht ihre Hand und empfing als Gegengabe einen dankbaren Blick.
Blücher lächelte. Aber ein schlauer, hinterlistiger Zug zuckte irgendwo
hinter dem Schnauzbart, und seine Augen leuchteten hart auf wie beim
Jäger, wenn er das Wild gestellt hat und das Gewehr anlegt.
„Hoheit haben sich wohl bei der Rheinfahrt auch die Entschädigungen
angesehen, die wir diesseits des Flusses für Preußen herausholen werden,
für das, was uns der faule Friede drüben geraubt hat?“ fragte Blücher dann
im Weitergehen.
„Das war mit ein Hauptziel meiner Reise“, antwortete der Prinz. „Und nur
um das zu verdecken, mache ich noch einen Abstecher ins Holländische
hinein. Ich spiele ja am Hofe die Rolle des ungebetenen Mahners, den man
nicht gern in der Nähe wissen möchte, wo große Entschlüsse zu fassen sind!
Man hat mich gern ziehen sehen! Ich komme aber wieder. Und nachher sitze
ich den königlichen Kabinettsräten, wie immer, feste im Nacken! Und mein
Vetter, der König, wird auch keine Ruhe vor mir haben! Es steht aber auch
viel auf dem Spiel – es gilt, rasch zuzugreifen!“
„Das meine ich auch! Das Bistum Münster ist wohl das wenigste, was wir
verlangen können, und dann –“
„Hannover“, sagte der Prinz und senkte die Stimme. „Die Frucht ist längst
reif. Wenn ich nur zu befehlen hätte! Aber es sieht wieder aus, als würde
die gute Gelegenheit verpaßt werden, wie schon sooft bei uns.“
„Ein Wort nur,“ rief Blücher, „und ich nehm’s! Ich laure ja nur darauf!
Hannover müssen wir haben. Die Engländer können’s nicht halten, und nehmen
wir’s nicht, so nehmen’s die Franzosen. Und die können wir nicht ein paar
Tagemärsche von Berlin gebrauchen!“
„Nein, das können wir nicht!“ rief der Prinz. „Wenn Sie und ich und noch
ein paar solche Leute, die das und vieles andere einsehen, auch freie Hand
hätten, dann wäre es im Handumdrehen besorgt! Aber bei uns geht alles nach
der Schablone! Was alt und verknöchert ist, sitzt oben und gebietet, nur
weil es von alters her Tradition war. Und Jugend und Wagemut müssen die
Zähne zusammenbeißen und tatenlos beiseitestehen. Herrgottsakrament!“
platzte er mit einem Soldateneid heraus, ohne an die Anwesenheit der
jungen Frau zu denken. „Ich liebe die Franzosen nicht. Aber auf die Kerls
bin ich doch neidisch! Es war ja scheußlich, wie sie in den acht Jahren
der Revolution das Oberste zu unterst kehrten, wieviel Wertvolles und
Unersetzliches sie in Trümmer schlugen und im Sumpf und Blut erstickten.
Aber das hat manche tüchtige Kraft zum Wohl der Gesamtheit auf den rechten
Platz im Staate gestellt! Denken Sie nur an den Advokatensohn von Korsika,
der heute als Erster Konsul gebietet. Was hat er nicht in den paar Jahren
geleistet, seit wir zum erstenmal den Namen Bonaparte hörten! Glauben Sie
aber nicht, _wir_, Blücher, Sie und ich, hätten das Zeug zu gleich Großem,
hätten wir nur die Gelegenheit?“
„Die Gelegenheit ist da, zum Greifen nahe! Sie war immer da! Nur wagt man
nicht, sie auszunützen! Man verwehrt uns das Losschlagen! Hier stehe ich
schon, Gott weiß wie lange, auf demselben Fleck in Emmerich auf Vorposten
und fluche und schmöke meinen Knaster und blicke über den Rhein, ob nicht
der Franzmann mir bald den Gefallen tun wird, in Schußweite zu kommen!
Statt übers Wasser zu setzen, in Frankreich hineinzumarschieren, den
Parisern _bon jour_ zu sagen und dem Herrn Bonaparte zu zeigen, daß
Preußen noch auf der Welt ist! Der hätte dann anderes zu tun gehabt, als
über die Alpen zu kraxeln und sich bei Marengo billige österreichische
Lorbeeren zu kaufen! Dafür hätte ich gesorgt! Das kommt aber noch, und das
ist meine feste Überzeugung!“
Der Prinz antwortete nicht. Sie waren jetzt vor dem in einem Garten
gelegenen Wohnhause des Generals angekommen.
Der hohe Gast wurde durchs Haus geführt, alle Räume wurden ihm gezeigt –
auch die Wohnräume der jungen Frau. Denn in einer Zeit, wo das schöne
Geschlecht noch im Bett zu empfangen pflegte, weil es die Sitte so gebot,
war ihr Allerheiligstes ein Raum, auf den jeder Gast, der nicht
unwillkommen erscheinen wollte, ein Anrecht hatte. Und der Prinz ließ es
sich auch nicht nehmen, ihrem wohlverhängten Bett seine Huldigung
darzubringen.
Die junge Frau am Arm, wanderte er so, von dem vorangehenden Hausherrn
geleitet, leicht plaudernd, von Raum zu Raum. Im Zimmer des Generals
bewunderte er mit Kennerblicken dessen reichhaltige Waffensammlung, ließ
es zu, daß Blücher, bei Vorzeigung seiner Schätze, seine unvermeidliche
kurze Pfeife ansteckte, scherzte nur über den Qualm, den er produzierte,
und meinte, es käme ihm vor, als ob er in Vulkans Schmiede zu Gast wäre,
um im Rauch und Qualm der unterirdischen Gewölbe Waffen, Rüstungen und
andere kostbare Erzeugnisse seiner kunstfertigen Hand zu bewundern!
„Um so eher,“ sagte er, galant der jungen Frau die Hand küssend, „da es
mir wie dem Kriegsgotte Mars ergeht, als er in der gleichen Lage war.“
„Wie denn?“ fragte die Generalin lächelnd.
„Ihm schwanden auf einmal die soeben angestaunten Schätze. Das Gold verlor
seinen Glanz, die Edelsteine erloschen, die Blitze der blanken Waffen
trafen nicht mehr, sondern verpufften ihre Funken umsonst!– Alles
verblaßte, denn aus dem innersten Gewölbe trat ihm Vulkans hehrster Schatz
entgegen: die Göttin Venus selbst, lebendigen Leibes – und er war
geblendet.“
„Aber – wie’s scheint – doch nicht stumm!“ lachte Blücher und ließ sich’s
gefallen, daß sein Malchen, ihre Verlegenheit durch einen plötzlichen
Hustenanfall verbergend, ihm die Pfeife aus dem Munde riß.
„Pfui, du verqualmst uns ja das ganze Haus! Kommen Sie, Hoheit – gehen wir
aus diesem Raum hinaus, wo er allein zu gebieten hat! – Ich führe Sie in
_mein_ Reich!“
Und sie zog ihn mit. Blücher folgte. Und der Prinz, jetzt schon wie zu
Hause, forderte sie, draußen im Salon, auf, gleich den Tanzboden mit ihm
zu probieren.
Freudig willigte sie ein und ließ sich von ihm die neueste Tour der
Gavotte zeigen, die man jetzt am Hofe der Königin Luise so gern zu tanzen
pflegte, damit sie nicht unwissend sei, wenn sie einmal zu Hofe käme!
Die Tour wurde durchgenommen – der Prinz sang die Melodie dazu. Und
Blücher, der auch ein gewaltiger Tänzer war, wurde gleich Feuer und
Flamme, revanchierte sich sofort mit einem polnischen Tanz, den er beim
letzten Feldzug in Polen gelernt hatte, komplimentierte den Prinzen ans
Spinett, trällerte ihm selbst die Melodie vor, bis er sie spielen konnte,
und tanzte ihm dann mit seiner Frau einen feurigen Krakowiak vor, daß die
Dielen dröhnten und die junge Frau nur so durch die Luft schwirrte. Im
Tanzen stand er noch seinen Mann.
Als der Prinz aber in voller Begeisterung ein wahres Feuerwerk von
Komplimenten über die junge Frau losließ, machte Blücher dem rasch ein
Ende, schickte sie fort, um nach den Anordnungen für die Mahlzeit zu
sehen, und führte seinen Gast solange durch den Garten.
„Zur Abkühlung!“ wie er nicht ohne einen Nebengeschmack von Ironie sagte.
Statt der schönen Frau mußte der gute Prinz also die Pferde des Generals
bewundern, die aber auch erstklassig waren und es gleichfalls verdienten,
vor einer Königlichen Hoheit Gnade zu finden. Blücher versäumte es nicht,
dabei in den Sattel zu steigen, um ihre Vorzüge recht anschaulich zu
machen, aber auch um zu zeigen, wie gut sie, trotz ihrer Wildheit, ihm
doch parierten, wenn auch sie, wie er nicht ohne Ironie beifügte,
bisweilen mannstolle Sprünge versuchten.
Dann ging’s durch den Garten, an den Fernblick über den Rhein, und zuletzt
um das Haus herum, wobei der Prinz sich genau nach allem erkundigte und
besonders von dem Efeu entzückt schien, dessen armdicke Stämme sich an der
Wand emporschlängelten, um mit dunklem Grün die Fenster zu umrahmen. Er
zeigte hinauf nach dem Fenster der jungen Frau – denn wo das war, hatte er
gleich heraus – und fragte leicht, den Efeu mit der Hand prüfend
umfassend: „Daran klettern Sie wohl manchmal hinauf, Blücher, wenn Sie’s
eilig haben?“
„Das wohl nicht, Hoheit“, lachte der General. „Denn ich pflege nicht den
Schlüssel zu vergessen, wenn ich abends aus bin. Aber – zu machen wäre es
wohl!“
Und gewandt wie ein Jüngling, packte der hohe Fünfziger den Stamm des
Efeus und kletterte halbwegs hinauf.
Da kam die junge Frau eben auf die Treppe heraus, um zu sagen, daß alles
zum Essen bereit sei, sah die lange Gestalt ihres Herrn und Gebieters
zwischen Himmel und Erde schweben und schrie leicht auf.
„Hat keine Gefahr, Malchen,“ rief Blücher herunter, „mach’ man ja kein
Geschrei!“
„Ihr Herr Gemahl ist ein liebenswürdiger Hausherr!“ lachte der Prinz. „Er
zeigt seinen Gästen den nächsten Weg ins Allerheiligste!“
„Ich zeige höchstens – wie sie herunterkommen, wenn sie den Kletterversuch
unternehmen!“ bekam er zur Antwort, und Blücher sauste herunter und zeigte
dann lachend seinem Gast den Weg in den Speisesaal.
Man nahm um den runden Tisch am offenen Fenster Platz, durch das man über
den Rhein hinausblicken konnte, ließ sich die Gerichte der Frau Gemahlin
gut schmecken, begoß sie mit goldigem Rebensaft aus den Kellern des
Generals und war bald froh und guter Dinge.
Der General trank seinem hohen Gast zu und vergaß auch nicht, ihm einen
Trinkspruch zu widmen, da er ja gern und ausgiebig zu reden pflegte und
man das also wohl von ihm erwarten mochte.
„Hoheit gestatten?“ sagte er, seinen Römer ergreifend.
„Ich erhebe mein Glas auf den alten, guten, preußischen Offensivgeist,
dessen glanzvollster jugendlicher Vertreter uns die Ehre antut, heute
unser Gast zu sein. Selten habe ich jenen Geist des Drauflosgehens mit
solcher Lust walten sehen, wie eines schönen Julitages vor sechs Jahren –
bei Edesheim war es –, Hoheit wissen noch! Und selten wurde ich trotzdem
so enttäuscht wie nach jenem Vorfall!
Meine braven Leute hatten sich den ganzen Tag wacker geschlagen und in den
Weinbergen einem an Menschen und Artillerie vielfach überlegenen Feind
standgehalten. Sie fingen schon an, müde und marode zu werden, und ich
mußte schon zweifeln, ob sie bis zur Dunkelheit noch aushalten würden. Da
kam _soutien_! Ein paar frische Bataillone Infanterie, an ihrer Spitze ein
junger Offizier, mit dem ich sofort einig wurde, dem Feind gleich auf die
Pelle zu rücken. Entschluß und Tat waren bei ihm eins. Kaum gesprochen,
war er sofort vom Pferd herunter und stürmte allein voran auf den Feind
los, der sich schon Sieger glaubte. Es war eine Augenweide zu sehen. Und
meine Roten säumten auch nicht, einzugreifen, den Erfolg auszunützen und
alles zusammenzuhauen, was da kreuchte und fleuchte.
Da – kaum daß wir gesiegt hatten – kam der Befehl, zurückzugehen, alles
war umsonst gewesen! Denn anderswo lief nicht derselbe Feuergeist an der
Spitze! Da hatten sich die Österreicher abdrängen lassen, und da half uns
kein Fluchen. Heute aber, wo jener junge Held mein Gast ist, heute möchte
ich mit ihm mein Glas darauf leeren, daß der Offensivgeist und die
Entschlußfreudigkeit, die uns beide damals beseelten, immer mehr maßgebend
werden und nimmermehr in so schmachvolle Abhängigkeit kommen mögen!“
Sie stießen an und tranken. Der Prinz dankte, schlug aber ab, für seine
Person irgendeine Ehrung zu empfangen. Die gebühre der Vertreterin des
schönen Geschlechts. Er brachte dann auch _a tempo_ einen Trinkspruch auf
sie aus, so glutvoll und stürmisch, daß ihr das Blut in die Schläfen trat,
und ihr Mann, um abzulenken, wieder das Wort nahm.
„Es ist ja zu verstehen,“ sagte er, ruhig lächelnd, „daß ein junger Mann
in seiner Huldigung der holden Weiblichkeit sich in Lobsprüchen ihrer
körperlichen und geistigen Vorzüge ergehen und den ganzen Wortschatz der
Galanterie aufbieten muß, um ihres Liebreizes Herr zu werden. Es gibt aber
Augenblicke, wo die Huldigung vor einer Frau _keine_ Worte findet – wo sie
uns, durch ihr bloßes Dasein, derartig in den Staub vor ihrer Hoheit
zwingt, daß wir verstummen müssen. Wer einmal sein eigenes Kind an der
Brust der Mutter sah – wer erblicken durfte, wie es gesättigt, still
daliegt, ihre Brust mit seiner kleinen Hand sanft streichelt und sie
dankbar anlächelt, mit einem Blick voll tiefster Verehrung –, wer einmal
diese Weihe empfinden durfte –“
„Der scheint doch auch Worte dafür zu finden“, sagte der Prinz rasch, dem
General ins Wort fallend. Denn er wußte, daß dessen jetzige Ehe kinderlos
war, und sah einen Schatten über das Gesicht der jungen Frau huschen.
Ein dankbarer Blick aus ihren Augen lohnte es ihm.
Der General sah es und verstand wohl, wie sehr er sich in Nachteil gesetzt
hatte. Er ließ sich aber nichts merken, schenkte die Gläser voll, trank
seinem Gast zu, und so allmählich fing man wieder an, alles rosenrot zu
sehen, vergaß alle wirklichen und eingebildeten Sorgen, lachte, scherzte
und freute sich wie ein Kind über jede Kleinigkeit. Und als die Sonne
schon im Westen sank und man sich anschickte, auf die Terrasse zu gehen,
um sie hinter den Hügeln drüben verschwinden zu sehen, da war’s dem
Prinzen so gegangen, wie seinem Gastgeber selbst bei dem denkwürdigen
Essen im Hause seiner nachmaligen Schwiegereltern – er hatte zu tief in
die großen Augen der jungen Frau geblickt. Ihr Lächeln hatte es auch ihm
schon angetan. Und – als die letzten Strahlen der Sonne die leichten
Abendwolken zu vergolden anfingen und den Himmel in Brand setzten, da
loderte sein leicht entzündbares Herz schon lichterloh. Er wurde blind und
taub, sah nicht die finsteren Blicke seines Gastgebers, hörte nicht den
verhaltenen Unmut, der, trotz allen schuldigen Respekts, in seiner Stimme
zitterte.
Er flüsterte ihr zärtliche Worte zu, verliebte Blicke flogen hin und her.
– Denn die Märchenprinzen waren nicht allzu häufige Gäste, und die gute
Erziehung gebietet Höflichkeit! Komplimente aus hohem Munde werden also
selten anders als mit dankbarer Rührung empfangen.
Kurz, der Prinz war auf dem besten Wege, seine kurz vorher so beredt
dargelegte Absicht auch praktisch zu bestätigen, daß er’s schon verstehen
würde eine Gelegenheit auszunützen – sobald er sie hätte!
Schließlich merkte die junge Frau an den Blicken ihres Mannes, daß sie das
Spiel zu weit hatte gehen lassen.
Schnell suchte sie der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben und
erbat sich vom Prinzen die Gnade, sich an seiner weit und breit gerühmten
Fertigkeit im Klavierspiel ergötzen zu dürfen.
Der Prinz, dem die Lebenslust schon weit erlesenere Freuden vorgaukelte,
sagte leicht seufzend zu, und man ging in den Salon. Er setzte sich ans
Spinett und ließ sein Ungestüm über die Saiten dahinbrausen.
Die Spannung legte sich. Die fiebernde Unruhe wich aus den Gemütern.
Langsam sanken die Menschenkinder aus den rosenroten Wolken, in denen sie
soeben hoch über allem Erdgebundenen geweilt hatten, zurück zur
Alltagserde.
Der Prinz merkte es. Die Gelegenheit war nahe daran, ihm aus den Händen zu
schlüpfen. Das durfte nicht sein. Er schloß mitten im Stück, sprang auf
und setzte sich der Generalin zu Füßen.
„Hier ist der einzige Platz, von dem aus man Ihnen Ritterdienste widmen
darf!“ sagte er feurig. „Ihnen zu Füßen, Ihnen zu Ehren, Ihnen zuliebe
singen und dichten, um aus Ihrer Hand den Sängerpreis zu empfangen.“
„Hoheit bringen mich in Verlegenheit!“
„Sie waren ebenso grausam, _mich_ in die größte Verlegenheit zu bringen!
Denn so befangen war ich noch nie. Meine Hände spielten – mein Herz nicht!
– Mein Herz lag hier vor Ihnen im Staube – und hat mir meinen Platz
gezeigt! Hier habe ich wieder die Macht über mich gewonnen – hier singt
wieder alles in mir. Und wenn Sie befehlen, flechte ich aus meinen
Gefühlen für Sie einen Kranz, ziere ihn mit Reimen und biete ihn Ihnen auf
den Knien als eine Gabe der Hochachtung dar. Genehmigen Sie’s gnädigst?“
„Sag’ du ruhig ja, Malchen, geniere dich nicht und danke für die Gnade“,
fiel ihm Blücher in die Rede. „Dichtung ist Dichtung und hat mit der
Wirklichkeit nichts zu tun!“
„Sagen Sie das nicht, General“, antwortete der Prinz. „Die Dichtung führt
manchmal die Wirklichkeit herbei – auch wenn sie ihr noch nicht entnommen
werden könnte! Seien Sie nur nicht sicher!“
Er lächelte übermütig und trommelte dabei wie suchend einen Rhythmus auf
der Erde vor sich hin. „Hören Sie erst, und dann entscheiden Sie! Darf ich
anfangen?“ wandte er sich an die junge Frau.
„Ich bitte darum, Hoheit!“
Der Prinz blickte verstohlen lächelnd zu Blücher hin, wandte sich dann an
sie.
„Hier in Vulkans Schmiede kann man ja nur von Mars und Venus singen“,
sagte er und fing an:
„Mars, von Siegen übersättigt,
kehrt in Venus’ Liebesgarten
ein, der Göttin aufzuwarten.
Auf die Frage: Was berechtigt
Ihn, hier einzudringen? gibt
er die Antwort: weil er liebt
– nach dem blutigen Entsetzen
andrer Kämpfe – das Ergötzen!
Liebt zu sehn, wie kleine Füße
kunstvoll sich im Tanze winden,
Netze knüpfend, die ihn binden, –
Fessel, die mit ganzer Süße
den Gefangenen bedrückt,
wonneschauernd ihn beglückt,
läßt in Liebesbanden schmachten
ihn, den großen Herrn der Schlachten!
Amorinen, schnell geschäftig,
mühn sich um des Gottes Waffen,
salben seine Glieder, schaffen
Labung, deren er bedürftig,
schnell herbei mit vielem Fleiß,
bringen ihm den Siegespreis,
winden um sein Haupt die Myrten,
helfen alles loser gürten.
So gerüstet tritt der Heros
an der Göttin Lager, – findet
sie in Tränen. Klagend windet
sich der zarte Leib, und Eros,
sonst ihr Helfer, abseits steht,
blind und taub, wie sie auch fleht,
ihre Fessel schnell zu brechen,
eilt nicht, ihre Schmach zu rächen.
Mars, behende, packt mit schnellen
Griffen zu, die Fesseln fallen,
sausen durch die weiten Hallen,
an den Felsen sie zerschellen.
Ihrem Retter sittig dankt,
sich erhebend, Venus, wankt
auf ihn zu, reicht, lieblich flötend,
ihm die Hände, sanft errötend.
Eros rasch nach seinen Pfeilen
greift. Er zielt, und hinterrücklings
trifft den Helden er – – –“
„Um Vergebung, Hoheit, wenn ich unterbreche“, fiel ihm Blücher hier
plötzlich in die Rede.
„Bitte!“ sagte der Prinz etwas nervös und hörte jäh mit der Improvisation
auf. Auch die junge Frau schien nicht besonders erbaut von der Störung zu
sein.
Blücher aber fuhr unentwegt fort:
„Ich würde mich schon sehr dafür interessieren, zu hören, welchen
wunderbaren Reim Hoheit auf das häßliche Wort ‚hinterrücklings‘ finden
würden –“, sagte er.
„Warum häßlich?“ warf der Prinz gestochen ein.
„Weil mir alles zuwider ist, was nicht offener Kampf Auge in Auge ist!
Aber davon wollte ich nicht reden! Ich wollte nur, ehe wir – im Gedicht –
so weit wie bis zur Untreue kommen, mir erlauben, an einen Umstand zu
erinnern –“
„Welchen?“
„Die holde Dame, Venus, hatte doch bekanntlich einen Gatten.“
„Gewiß!“
„Daß er seinen Liebesgarten so schlecht bewachen würde, daß ihm der erste
beste Buschklepper ins Gehege fallen konnte, erscheint mir doch sonderbar!
Wo mag er wohl bei der Gelegenheit geweilt haben?“
„Was weiß ich? Nehmen wir an, er war damit beschäftigt, dem Kriegsgott
Waffen zu schmieden!“
„Sehr wohl. Als alter Schmied seines Glückes hatte er aber sicher gelernt,
sich nicht vom Lärm der Schmiede sein Gehör so betäuben zu lassen, daß er
nicht merkte, wenn fremde Vögel in seinem Neste Liebeslieder sangen.“
„Ich denke auch nicht. Die Fabel belehrt uns ja darüber. Vulkan wartete,
bis er die beiden Verliebten _in flagranti_ ertappen konnte, fesselte sie
dann in einem kunstvoll geknüpften Netz und zeigte sie so aller Welt. Ob
auf ihre oder seine Kosten gelacht wurde, meldet die Fabel nicht. Ich
nehme aber das letztere an.“
„Wenn er es so weit gehen ließ, daß er überhaupt nötig hatte, seine
Geschicklichkeit im Knüpfen von Netzen zu zeigen, so verdiente er
allenfalls, ausgelacht zu werden“, sagte Blücher ruhig. „Ich hätte diesen
Ehrgeiz nicht!“
„Von dir ist doch nicht die Rede“, fiel die junge Frau ein, der es bei dem
Rededuell sonderbar zumute wurde.
„Hoffentlich nicht!“ antwortete ihr Mann. „Von mir würde _in dem Sinne_
nicht die Rede sein können. Denn ich ziehe es für gewöhnlich vor,
vorzubeugen – _ohne_ mit meiner Geschicklichkeit darin zu prahlen. Ich
habe nur den Ehrgeiz, in der Sache selbst obzusiegen und lade nicht ein,
darüber zu lachen oder zu schwatzen.“
„Sie sind eben sehr rücksichtsvoll, lieber Blücher“, sagte der Prinz und
sprang von seinem Platz zu ihren Füßen auf. „Mir scheint aber, mein Wagen
fährt jetzt vor. Es wird Zeit, an den Aufbruch zu denken!“
Die beiden Gatten erhoben sich. Die Tür öffnete sich für den Adjutanten
des Prinzen, der sich zur Stelle meldete. Der Prinz küßte galant die Hand
der Frau Generalin, nahm Säbel und Mütze von seinem Adjutanten entgegen
und wandte sich seinem Gastgeber zu.
„Fahren Sie ein Stück mit, General, so plaudern wir noch ein wenig und
stechen bei mir eine Flasche aus?“
„Vielen Dank, Hoheit. Der Dienst ruft. Ich muß noch heute abend die Posten
inspizieren!“
„Nun denn, auf Wiedersehen!“
Noch ein Gruß der gnädigen Frau, und er ging, von Blücher bis an den Wagen
geleitet.
„Ich bringe Ihrer Frau noch eine Rose für das unterbrochene Gedicht!“
sagte er, indem er sich in den Wagen setzte. „Das wird meine Rache Ihnen
gegenüber sein, General! Es muß alles seine Ordnung und seinen gehörigen
Abschluß haben!“
Lachend und gnädigst grüßend fuhr er ab.
An einer Biegung des Weges, als sie schon außer Sicht vom Hause des
Generals waren, ließ der Prinz halten, sprang aus dem Wagen, befahl dem
Adjutanten, weiterzufahren und erklärte, allein durch die Felder nach
Hause gehen zu wollen.
Der Wagen fuhr weiter, der Prinz streckte sich hinter einem dichten
Gebüsch aus und blickte hinaus in die blaue Sommernacht.
Vom Wege tönte lauter Gesang einer Männerstimme zu ihm herauf und das
Geräusch von sich nähernden Schritten.
„Wir haben ihn aufs Haupt geschlagen
und täten ihn aus dem Felde jagen,
der Schimpf, der wird sich ma–achen.
Mit Gottes Hilf’ und unserm Schwert
ihm teuer gemacht sein La–achen,
ja Lachen.“
Der Sänger war jetzt gerade vor ihm. Der Prinz erhob vorsichtig sein Haupt
und blickte auf den Weg hinunter.
Es war Blücher.
Die kurze Pfeife im Mundwinkel blieb er, den Rücken zugekehrt, einen
Augenblick stehen und blickte über den Fluß hinaus. Nahm dann die Pfeife
in die Hand und setzte den Weg fort, weitersingend.
„Es gab ein blutig Retirad,
dabei auch noch gar mancher hat
sein jung frisch Leben verloren,
den nun sein Mütterlein beweint,
die ihn mit Schmerzen geboren,
ja geboren.“
„Inspiziere du ruhig deine Posten“, sagte der Prinz halblaut. „Inzwischen
bringe ich mein unterbrochenes Gedicht zu Ende!“
Mit einem Sprung war er auf dem Weg, eilte schnell wie der Wind zurück
nach dem im Halbdunkel liegenden Hause des Generals, riß eine der
schönsten Rosen an sich und schlich um das Haus herum nach der Seite, wo
er das Fenster der jungen Frau wußte.
Das Fenster stand offen.
Schnell entschlossen packte er den Stamm des Efeus und enterte hoch, die
Rose im Mund.
Eine Manneslänge trennte ihn noch vom Fenster, da hörte er unter sich ein
Fluchen und Wettern.
„Da schlage doch der Donner drein! Wer klettert mir da an der Wand.
Schockschwerenot, herunter oder –“
Es war Blücher, der, von seltsamer Unruhe ergriffen, seine Inspektion
hatte fahren lassen und umgekehrt war.
Der Prinz fand sich sofort in die Situation, hielt sich mit einer Hand in
seiner schwebenden Lage fest, nahm mit der anderen die Rose aus dem Mund
und winkte.
„Seien Sie still, Blücher, wecken Sie Ihre Frau nicht – ich will ihr nur
die versprochene Rose durchs Fenster werfen! Gnädige Frau!“ sagte er
entschuldigend zur Generalin, die jetzt am Fenster erschien. „Genehmigen
Sie huldvollst diesen duftenden Gruß als angemessenen Abschluß unseres
unterbrochenen Gedichtes!“
Noch ein paar Klimmzüge, und er war so weit oben, daß er die Rose
überreichen konnte. Die junge Frau nahm sie.
„Hierher die Rose!“ kam es scharf von unten. Die Blume flog gehorsamst
Blücher zu Füßen. Fast ebenso schnell war auch der Prinz unten, stand
aufrecht vor ihm und blickte ihn herausfordernd an.
„So schnell geht’s abwärts, wenn ich dabei mitwirke!“ sagte Blücher, jetzt
vollkommen ruhig. „Darf ich bitten, die Rose!“ Er reichte dem Prinzen die
Blume. „Sie hat sich als Wegweiser vortrefflich bewährt!“
Der Prinz machte eine abwehrende Handbewegung.
„Machen wir uns nicht lächerlich!“
„Ich sorge nur für mich“, sagte Blücher und steckte sich in aller
Seelenruhe die Rose ins Knopfloch.
„Guten Abend, General!“ sagte der Prinz kurz, machte kehrt und verschwand
mit raschen Schritten in dem immer mehr zunehmenden Dunkel des Abends.
Blücher wandte sich zu seiner Frau, die jetzt herauskam und ihre Hand auf
seinen Arm legte.
„Hier hast du die prinzliche Rose, Malchen“, sagte er launig und steckte
sie ihr an den Busen. „Behalt’ sie nur. Ich nehm’s dir nicht krumm, wenn
dir ihr Duft ein wenig zu Kopfe steigt. So muß es ja sein: alles muß dir
zu Füßen liegen, alles in dich verrückt sein. Fürsten und Könige müssen um
deine Gunst buhlen und ihre Knochen riskieren um einen Blick deiner Augen.
Nimm du’s ruhig an. Daß sie dir nicht zu nahe kommen – _dafür sorge ich
schon_, wie du siehst! In _dem_ Kriegshandwerk nehme ich’s auch mit jedem
auf. Ich war selbst kein Kostverächter, als ich jung war!“
Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und blickte zu ihm auf.
„Du hättest das von dem Kinde nicht vor ihm sagen müssen“, sagte sie leise
vorwurfsvoll.
„Werd’ nur nicht sentimental, Malchen“, sagte er und gab ihr einen
herzhaften Kuß. „Das steht dir nicht, und ich mag’s nicht leiden. Meine
Tochter nehme ich jetzt ins Haus, da bist du nicht allein. Viel jünger wie
du ist sie nicht, ihr werdet euch gut anfreunden, denke ich! Und so kriege
ich sie von ihren Großeltern fort. Die verziehen sie mir nur. Und ich kann
für meinen Tod nicht all diese welsche Erziehung der jungen Weiber leiden,
wie sie nur Französisch parlieren und sich mythologisch vorschwärmen
lassen können.
Die Rike mußt _du_ in Behandlung nehmen, Malchen, wenn sie kommt, und ihr
das Welsche gehörig wieder austreiben! Versprich mir das! Und wenn sie
auch französisch frisiert sein sollte, wofür sie der Deibel holen soll, so
kämm’s ihr nur schleunigst aus! Kämm’s aus, Malchen, sonst lasse ich mich
von dir scheiden!“
Damit nahm er sie unter den Arm und ging mit ihr ins Haus hinein.
8
„PRÜSKE DICKKÖPPE“
Franz Joseph Gall, Anatom und Phrenolog, war auf seiner Rundreise durch
die größeren Städte Deutschlands auch nach Münster gekommen, wo Blücher,
nach der Besetzung des Münsterlandes, als preußischer Gouverneur
residierte.
Er las dort Gläubigen und Ungläubigen ein Kolleg über Dickschädel,
Hohlschädel und andere kraniologische Kuriosa vor. An der Hand eines
menschlichen Kraniums entwickelte er seine ebenso neue wie
aufsehenerregende Lehre, in der er es unternahm, nach der Gestaltung der
Schädeldecke auf das Geistesvermögen eines Menschen zu schließen.
Das war im „Staate der Heiligen“, wie Blücher sie nannte, nichts denn ein
tollkühnes Beginnen und ein Greuel vor dem Herrn! Zum Entsetzen aller
Strenggläubigen unternahm der Herr Physikus ja nichts mehr und nichts
weniger als die Seele – die bis jetzt alleinige Domäne der heiligen Kirche
– zum Objekt einer profanen Wissenschaft erniedrigen zu wollen!
Man hatte sich wohl, durch die vor kurzem begonnenen Säkularisationen, an
vieles gewöhnen müssen! Man hatte gesehen, wie der Kirche Ländereien und
Viehherden entzogen worden waren! Man staunte über nichts mehr!
Aber eine Lehre, die die Decke eines ehrsamen Bürgerschädels und bisherige
bevorzugte Abladestelle kirchlichen Segens auf die Geheimnisse des
darunter gehorsamst schlafenden Seelenlebens untersuchen wollte – die
dessen Hügel und Talmulden zum Forschungsgebiet einer ganz gemeinen
Neugier erniedrigte und den Geist sozusagen mit den Fingern betasten
wollte, die ginge doch, und nicht nur figürlich, über die Hutschnur!
Für Blücher war die Phrenologie ein gefundenes Fressen und eine
Belustigung besonderer Art.
Als alter Husar hatte er wohl stets seinen Kopf für sich gehabt und sich
wenig darum gekümmert, ob oder inwiefern er ins System der anderen
hineinpaßte.
Als Gouverneur mußte er ihn aber von Amts wegen täglich mit so vielen
andersgearteten Querköpfen karambolieren lassen, daß er freudig jeden
Versuch begrüßte, eine Art Topographie des menschlichen Schädelgeländes zu
schaffen.
Es brachte immerhin ein bißchen Ordnung in die Sache hinein und würde am
Ende doch noch dazu beitragen, den amtlichen Geschäftsgang zu
vereinfachen! Wenn der Herr Gouverneur sich auch nicht verhehlen konnte,
daß amtliche Konfusionen mit überflüssigen „Rückfragen“ und anderem
verfänglichen Geschreibsel, als Ausfluß höchster Beschränktheit, durch
nichts mehr zu beschränken seien! –
Immerhin verdiente der Versuch behördliche Beachtung!
Der Herr Gouverneur zählte also zu den eifrigsten und aufmerksamsten
Besuchern der Gallschen Vorlesungen, was in der guten Stiftsstadt sehr
bemerkt wurde und zu allerlei Vermutungen und Auslegungen Anlaß gab.
Mit ehrfürchtigem Staunen blickten die guten Münsterianer scheu zu seiner
hohen Gestalt hinüber, die, in der ersten Stuhlreihe sitzend, alle
überragte, und mindestens ebensosehr die Aufmerksamkeit auf sich zog wie
die ketzerischen Ausführungen des gelahrten Herrn Physikus.
Weder das noch die wortlose Entrüstung eines ehrsamen Auditoriums
entgingen seiner Aufmerksamkeit.
Mit liebkosender Schärfe musterten seine Blicke die Sammlung erlesener
Schädel, die sich hier ein Stelldichein gegeben hatten, wie um als
unfreiwillige Demonstrationsobjekte zu dienen. Seine Augen leuchteten vor
diebischer Freude auf, und es zuckte spitzbübisch schlau um die Mundwinkel
hinter dem herabhängenden Schnauzbart, wenn er einen besonders leckeren
„Ball“ entdeckte.
Am häufigsten schielte er zum Nachbar links hin, dessen kurze stämmige
Gestalt den geraden Gegensatz zu ihm selbst ausmachte. Wie Raubvögel
umkreisten seine Adlerblicke den gewaltigen Kopf, aus dessen Gesicht,
unter buschigen Brauen, eine mächtige Hakennase gebietend hervorsprang.
Schmunzelnd wie ein Gourmet, dem sein Leibgericht aufgetragen wird, saß er
mausestill da, stellte aus nächster Nähe seine Untersuchungen an und
schien zu ganz merkwürdigen Schlüssen zu kommen. Indessen sein Opfer, in
Gedanken versunken, den Vorlesungen kaum zuzuhören schien und noch weniger
die Aufmerksamkeit beachtete, deren Gegenstand es war.
Endlich war der Anatomus mit seinen Ausführungen zu Ende, nahm sein
Kranium unter den Arm, rollte sein Manuskript zusammen, verneigte sich
würdevoll, ging und ließ sein kopfschüttelndes Auditorium sitzen.
Blücher stand auf, und sein Nachbar ebenso, den er jetzt, im Stehen, um
Haupteslänge überragte.
„Wissen Sie was, Baron?“ fragte er lächelnd und strich seinen langen
Schnurrbart hoch. „Als der Physikus soeben den Totenschädel aufhob, da
dachte ich: ‚Nun geht das Kegelschieben los! Nun schmeißt er ihn nach den
anderen Köpfen!‘ Die wackelten auch schon bedenklich! Die wären
durcheinandergekollert, daß es eine Lust wäre! An seiner Stelle hätte ich
den Wurf getan! So ’ne Sammlung Dösköppe war noch nicht da! Sehen Sie sie
nur an!“ flüsterte er. „Ausschaun tun sie wie ein Haufen ‚Marterln‘ von
allen möglichen Stoppelfeldern hierherverpflanzt! Und statt der gewohnten
Krähen und Dohlen schwirren ihnen lauter funkelnagelneue Gedanken um die
Köpfe, daß sie nicht mehr wissen, woran sie sind, und der Herr Physikus
noch weniger.
Keine Ahnung hat er – keine Ahnung! Was er da schwefelt, mag vor die
Franzosen gut genug sein, ihnen die Würmer aus der Nase und das Geld aus
den Taschen zu ziehen – was ich übrigens den Geizhälsen gönne! Aber so’n
richtiger preußischer Dickkopp, wie ich einer bin, und Sie erst recht,
Baron, der wird nimmermehr zugeben, daß man den Schädel erst befühlen muß,
um zu wissen, ob einer lange Finger hat oder nicht. Der wird nicht sein
‚Bekämpfungsvermögen‘, wie die Ochsen, mit dem Schädel dartun, sondern mit
blanken Hieben und derben Maulschellen, wenn’s not tut. Und was das
‚Eigentumsvermögen‘ betrifft, das er auch vom Schädel ablesen will – –“
„Da“, lachte der Baron, „setzen Sie sich an den Spieltisch und verlieren
Sie und weisen es so – negativ nach!“
„Ich gewinne auch, mein Verehrtester, und nicht zu knapp! Und das liegt
bei den Karten und hat mit dem Schädel nichts zu tun!“
„Soweit ich ihn verstanden habe,“ sagte der Baron, „gingen seine
Ausführungen auch nicht so weit auf das Gebiet des praktischen Lebens ein.
Er wollte, meines Erachtens, nur rein theoretisch dartun, wie eine
geistige Fähigkeit mit den Hirnpartien, in denen sie ihren Sitz hat, ab-
oder zunimmt, und nachher durch die dadurch entstehenden Unebenheiten des
Schädels nachzuweisen ist.“
„Das ist eben falsch“, sagte Blücher bestimmt. „Die Erhöhungen des
Schädels besagen gar nichts – bei den meisten Menschen jedenfalls nicht
mehr als: ‚Hier ist beim gewöhnlichen Rindvieh der Platz für die Hörner!‘
– Da können Sie sich auf _mich_, als alten Landwirt, verlassen! Sehen Sie
sich nur in den Spiegel, Baron!“
Der Baron blickte ihn an.
„Ich möchte doch sehr bitten!“ sagte er scharf.
„Sehen Sie sich nur in den Spiegel!“ lachte Blücher. „Nach den Theorien
Galls müßten Sie ein gutmütiger, braver Spießer sein – sanft, fromm und
nachgiebig – das Muster eines Familienvaters! Nach _meinen_ dagegen – und
ich verstehe etwas von Köppen – ich habe mein Lebtag so ville eingeseift –
nach _meinen_ Theorien also, und wenn ich nicht wüßte, daß Sie der
Reichsfreiherr vom Stein sind und Oberpräsident der Westfälischen
Domänenkammer – da würde ich sagen: das ist ein Raufbold schlimmster
Sorte!“
„Um Gottes willen!“
„Oder zum mindesten ein geheimer Raubmörder!“
„Das auch noch!“
„Gestehen Sie’s nur, Sie haben so etwas auf dem Kerbholz!“
„Nicht einmal im Traum!“
„Sie werden doch unter Ihren reichsritterlichen Ahnen wenigstens einen von
der Sorte haben?“
„Kann schon sein!“
„Nun, sehen Sie! Da werden Sie von ihm ebensoviel geerbt haben, wie ich
von dem meinigen, und mit mir eines Sinnes sein und eine Schädellehre
haben, und die ist nun die nämliche: wenn all die Dickköppe und Strohköppe
und Hohlköppe und Dösköppe und Schafsköppe und Quasselköppe, von denen der
Schädelgelehrte da nichts wußte, obwohl wir hier im Lande einen Überfluß
daran haben – wenn _die_ alle im Staate mitreden sollten, wie Sie es
wollen, oder sich gar zu einem Parlament zusammentun dürften, um Geschrei
und allerlei Konfusion zu machen – wie drüben in Paris –, das wäre weit
schlimmer als eine allgemeine Kopflosigkeit! Da hilft nur _ein_ Mittel
dagegen, und das ist nun das nämliche, was die Jakobiner so gut zu
handhaben wußten, nämlich: die Guillotine! Aber auf die richtige Art
angewandt – an den Jakobinern selbst. Runter mit dem Salat, das hilft!
Nachher wird kein unnütz Stroh gedroschen!“
„Der Meinung bin ich nun nicht!“ antwortete der Baron energisch. „Es
schadet nicht, daß die Leute ihr Stroh dreschen, wenn sie nur mittun und
mitempfinden lernen. Nur wenn sie sich auch verantwortlich fühlen, nur
dann wird das eingeschlafene Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem
Vaterland wieder wachgerüttelt. Und kein Fremder darf dann wagen, an
deutsche Gaue Hand legen zu wollen, wie er es jetzt wieder versucht!“
Sie waren inzwischen aus der Akademie herausgekommen und gingen langsam
durch die Straßen der alten Stadt nach Hause.
Auf dem Domhof kam ihnen eine goldstrotzende Prozession entgegen mit
wehenden Fahnen, Blumen und Weihrauch und der gesamten Geistlichkeit in
prachtvollen Gewändern.
„Was nützt uns das Wachrütteln,“ sagte Blücher, „wenn die da die Macht
haben, die Geister wieder einzuschläfern?“
Der Freiherr zog seinen Hut, und Blücher salutierte, bis die Prozession
vorbei war.
„Haben Sie gesehen, wie bös die Kerle mich anschielten?“ fragte er dann
den Baron. „Die giften sich gewaltig, weil ich hier die Freimaurerloge
wieder aufgemacht habe. Een ‚prüsken Windbüdel‘ – een ‚lutherschen
Dickkopp‘ haben sie mich genannt. Der Windbüdel setzt ihnen aber noch ganz
was anderes als die Loge auf die Nase!“
„Da drüben hält eine andere Prozession“, sagte der Freiherr und zeigte auf
drei Soldaten, die einen gefangenen Deserteur transportierten und
ebenfalls von der Prozession aufgehalten worden waren. Sie blieben noch
stehen, um den General zu salutieren.
„Antreten! Melden!“ rief Blücher sogleich, als er sie sah. Und die Leute
kamen über die Straße, grüßten ihn nochmals und gaben ihren Rapport ab.
Blücher blickte den Gefangenen unwillig an. Er war ein junger, kräftiger
Bursche. Die Hände waren ihm auf dem Rücken gefesselt.
„Schämst du dich nicht, Bursche?“ rief Blücher ihm zu. „Siehst, wie der
Franzos überall in der Welt haust und wie er seine langen Finger nach
immer mehr deutscher Erde ausstreckt – hast zwei kräftige Arme zum
Dreschen und willst dich drücken, willst nicht helfen, deine Heimat von
den Schuften zu säubern?! Abführen!“ rief er, und die Leute salutierten
und zogen mit ihrem Gefangenen ab.
„Vaterlandsloser Gesell!“ kam es noch verdrießlich aus dem Gehege seiner
Zähne hervor.
„Das ist er wohl. Aber nicht durch eigene Schuld!“ sagte Stein energisch.
„Und das dürfen Sie ihm darum auch nicht vorwerfen!“
„Das wäre wohl auch!“
„Der, wie die meisten seinesgleichen, hat kein Vaterland! Der hat nur
einen Herrn, der von ihm möglichst viel Steuern herauspreßt und ihn
womöglich noch zum Kriegsdienst aushebt. Und hat er nicht den einen Herrn,
so hat er den andern. _Wer_’s ist, ist ihm gleich – ob Preuße, ob
Franzose, was schert das ihn, wenn er ihn nur möglichst wenig bedrückt!
Das vaterländische Gefühl ist eben überall bei uns im Aussterben. Ich
sagte es ja schon, und auch, wie es zu bessern wäre, wenn nicht zu spät
damit angefangen wird!“
„Ein Glück, daß die Fahnenflüchtigen unter _meine_ Gerichtsbarkeit fallen!
Denn wenn Sie, Herr Präsident, ihn abzuurteilen hätten –“
„Ich würde in dem Falle versucht sein, Milde walten zu lassen – ich
gestehe es! Übrigens werde ich bald hier nichts mehr zu richten haben!“
„Sie sind schon amtsmüde? Nach kaum zwei Jahren?“
„Das nicht! Man hat mich nach Berlin in die Regierung berufen. Ich soll
Minister werden.“
„Und Sie? Haben Sie angenommen?“
„Ich habe – _bedingt_ angenommen. Ich möchte mir wohl die Gelegenheit
nicht entgehen lassen, zum Besten meines Vaterlandes tätig zu sein. Aber –
ich möchte sie auch gehörig ausnutzen können!“
„Das traue ich Ihnen schon zu. Der König liebt es aber nicht, wenn man ihm
Bedingungen stellt!“
„Ist mir gleich!“
„Was hat er denn geantwortet?“
„Er hat – _bedingt_ zugestimmt!“
„Das ist bei ihm schon viel! Mehr erreichen Sie sicher nicht!“
„Das genügt mir aber nicht. Entweder ich bekomme die Befugnisse, die ich
brauche, um etwas leisten zu können, oder ich gebe mich mit dem ganzen
Kram nicht ab!“
„Was haben Sie denn verlangt?“
Der Freiherr blieb stehen, faßte Blücher an einem Rockknopf und zwang ihn
so, auch stehenzubleiben. Ohne sich um die Blicke der Vorübergehenden zu
kümmern, fing er dann an, seine Pläne zu entwickeln, durch die er dem
alten Schlendrian den Garaus zu machen gedachte und das alte Preußen von
Grund aus umgestalten wollte.
Erst den Beamtenkörper neuordnen, die ganze Verwaltung vereinfachen, die
eigene Jurisdiktion und Finanzverwaltung der Provinzen aufheben und
einschlägige Fachminister für das ganze Land einsetzen, so dem Reich den
fast föderativen Charakter nehmen und seine Teile zu einem Ganzen
verschmelzen – die Regierung vereinfachen; statt Generaldirektion und
Justizministerium und dem allein mit der Person des Königs verkehrenden
„Kabinettsministerium“ ein Konseil einführen, dessen Mitglieder sämtlich
direkt mit dem König verkehren könnten – dann durch Städte- und
Landgemeindeordnungen Rechte und Pflichten der Bürger und der
Landbevölkerung festlegen, ihnen Selbstverwaltung geben, das Gewerbe frei
machen, den Besitz ebenso, die Fessel des Handels beseitigen, die Armee
neuordnen auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht, so daß das Werbesystem
abgeschafft würde und ein jeder es als eine Ehre statt als einen Zwang
empfände, das Vaterland zu verteidigen. Zuletzt eine Volksvertretung
einsetzen, mit gesetzgebender Gewalt, die die Haushaltung des ganzen
Staates zu regeln haben würde – –“
„Das ist schlau von Ihnen, Baron, die Volksvertretung zuletzt zu nennen“,
sagte Blücher. „Ich hatte schon Angst, Sie würden damit den Anfang machen
wollen! Die Jakobiner und ihr Gequassel hätten wir sowieso früh genug!
Wenn die bei Ihren Reformplänen mitreden sollten – Sie würden sich
wundern, was dabei alles herauskäme! – Sie würden Ihr eigenes Kind nicht
mehr wiedererkennen und all Ihre schönen Pläne ins Wasser fallen sehen! Am
besten lassen Sie die Redebude ganz fahren. Die vertrödelt bloß die Zeit,
weiter nichts! Wozu denn! Machen Sie’s lieber ganz allein! Machen Sie’s
mit der königlichen Verordnung – die schafft’s, wenn der richtige Mann sie
handhabt. Das sah man beim Alten Fritzen! Beschließen – befehlen, und die
Sache ist da! Und ist sie gut und ist sie richtig gemacht, _dann erst_
lassen Sie die Leute reden, wenn’s durchaus sein muß! Da ändert an einer
rechten Sache auch ein ganzes Parlament von Hohlköpfen nichts!“
„Das Volk muß,“ sagte der Freiherr energisch, „und das ist das
allerwichtigste und davon gehe ich nicht ab – das Volk muß wissen, daß es
in seinen eigenen Lebensangelegenheiten mitzureden hat! – Es muß fühlen,
daß es nicht nur dazu da ist, um ausgebeutet zu werden. So wie jetzt, ist
es ganz teilnahmlos. Wenn heute alles zugrunde ginge – es würde sich nicht
im geringsten dafür interessieren. Denn der Staat ist sein Feind – oder er
ist ihm zum mindesten gleichgültig! Das Volk empfindet nicht, daß es
selbst der Staat ist! Gelingt es nicht, ihm das zum Bewußtsein zu Dingen,
so sind wir als Staat verloren und als Volk erst recht.“
„Verehrter Freund,“ antwortete Blücher, „es kann sein, daß Sie recht
haben! Wir haben aber keine Zeit, kostspielige Versuche zu machen. Die
Welt brennt jetzt an allen Ecken und Enden – sollen wir da Kinder und
unerfahrene Leute mit dem Feuer spielen und unser eigenes Dach in Brand
setzen lassen? Was sagte ich vorhin – den reinen Verbrecherkopf, den
reinen Verbrecherkopf haben Sie!“
Stein lachte. Aber Blücher faßte ihn beim Arm und zeigte auf den Turm der
Lambertikirche.
„Sehen Sie da hinauf“, sagte er. „Da oben baumelten vor etlichen
Jahrhunderten – wie viele ist mir Wurst – zwischen Himmel und Erde, in den
drei eisernen Käfigen, je ein solcher Neuerer wie Sie! Sie wissen: der
Schneidermeister und König vom ‚Neuen Zion‘, Johann von Leiden,
Knipperdolling, sein Kanzler und Henker, und Krechting – denn so hieß wohl
der Dritte im Bunde! Die hingen da, bis die Vögel des Himmels ihnen das
Fleisch von den Knochen gerissen hatten. Und das waren Leute, die auch –
in ihrer Weise – das Volk ‚frei‘ machten, das Alte, Bewährte in Trümmer
schlugen, mit Feuer und Schwert vertilgten und ‚das Neue Reich‘ auf dem
Schutthaufen aufrichteten. Vergessen Sie nicht: wir stehen hier auf dem
klassischen Boden solcher Revolutionen, mitten im ehemaligen Reiche der
Wiedertäufer.“
„Für blutige Revolutionen,“ sagte der Baron ruhig, „wie damals die der
Wiedertäufer und heute die Französische, ist hier bei uns kein dauernder
Boden. Die Methode führt bei uns zu weiter nichts, als zu stärkster
Gegenwirkung. _Wir_ müssen das anders machen, wenn wir uns verbessern
wollen – und das möchte ich eben versuchen.“
„Das tun Sie nur, Baron. Gehen Sie nach Berlin! Ich behielte Sie wohl am
liebsten hier, aber da sind Sie uns viel nötiger! Gehen Sie nach Berlin –
– seien Sie frech –!“
„Frech nicht, aber entschieden!“ lächelte der Baron.
„Das ist bei mir ein und dieselbe Chose!“ sagte Blücher, nahm ihn beim Arm
und zog ihn weiter mit.
„Eins bitte ich nur aber aus“, sagte er dann im Gehen. „Wenn Sie dabei
sind, alles neu zu machen – von der Armee lassen Sie die Finger! Die
besorgen wir vom Bau besser!“
„Ihr vom Bau hängt zu sehr am Althergebrachten, um Neuerungen die rechte
Unbefangenheit entgegenzubringen!“
„Man muß wohl, wie Sie, unabhängiger Reichsritter gewesen sein, keine
Armee zu kommandieren und kein Land zu regieren gehabt haben, um beides
besser zu verstehen – nicht wahr?“ lachte Blücher.
„Ganz gewiß. Da behält man eben den Kopf frei, hat keine Scheuklappen vor
den Augen und ist an nichts gebunden als an sein gesundes, natürliches
Urteil!“
„Sehen Sie – das gefällt mir bei Ihnen, Baron! Aber trotzdem mag ich
nicht, daß die Zivilisten an der preußischen Armee herummäkeln! Es ist ja
viel daran zu bessern, das stimmt. Aber es steckt ein guter Kern darin,
der erhalten zu werden verdient –“
„Eben weil der Kern in der preußischen Volkskraft ruht“, sagte der
Freiherr. „Aber nur _wir_ Eingeweihte empfinden das. Das Volk müßte sich
dessen auch bewußt werden, damit es an unserer Wehr mitschafft und so
seine Kraft verdoppelt!“
„Wer würde das nicht wünschen? Sie wollen aber alles wegwerfen und von
Grund aus neu aufbauen.“
„Auf _altem_ Grund neu – –“
„Das geht zu weit. Was gut und wertvoll ist vom alten Gemäuer, das müssen
wir mit hinübernehmen – wie unsere Vorfahren bei ihren Kirchenbauten. Die
fingen oft romanisch an – sehen Sie nur die alten Kirchen im Lande an –
und bauten ruhig gotisch weiter, sobald die Zeit es verlangte, und
schlugen so in _einem_ Bau Brücken von Zeitalter zu Zeitalter. So eine
Brücke ist unsere Armee. Werft sie ab – und drüben bleibt der Geist der
Ordnung, der Tapferkeit und des unbeugsamen Mutes, der sie immer
auszeichnete, und kann nicht zu uns herüber.“
„Der braucht nicht herüberzukommen, denn er ist da, wie er immer in
unserem Volke da war. Er wird uns täglich neu geboren!“
„Aber auch täglich wieder totgeschlagen“, erwiderte Blücher ernst. „Und
das eben möchte ich vermieden wissen! Solch einen Totschlag am Geist der
Ordnung und Tapferkeit wollt ihr Herren vom Zivil eben begehen, wenn ihr
die Hände nach dem preußischen Heere ausstreckt! Ihr sollt mir aber die
preußische Armee nicht kaputt machen wollen. Ich habe mit in ihren Reihen
gekämpft im Siebenjährigen Kriege – ich war mit ihr in Polen, in den
Niederlanden, am Rhein Anno dreiundneunzig und vierundneunzig –, ich habe
gesehen, was der preußische Soldat kann, wenn die Führung taugt. Ich
verstehe etwas von der Sache und weiß, solch eine Waffe wirft man nicht
ohne weiteres fort! Schwerenot! Wenn ich einen guten, scharfgeschliffenen
Säbel habe, der mir gut in der Hand liegt und mir vertraut ist, den werf’
ich nicht zum alten Eisen und hole mir einen neuen, der mir am Ende
weniger zusagt, sondern ich hau’ feste zu! Aufs Dreinhauen kommt’s heute
noch an wie immer! Der richtige Kerl muß nur da sein, der die Waffe der
Väter zu führen versteht, dann taugt sie auch!“
„Das weiß ich ebensogut wie Sie!“ versetzte der Freiherr ein wenig
gereizt.
„Nun, was wollen Sie denn!“ rief Blücher nicht weniger heftig. „Wenn Sie
das wissen, da müßten Sie sich auch sagen, daß unsere Waffe nicht
verrosten kann! Da müßten Sie doch sehen, daß heute, wie immer, Leute
genug dabei sind, sie frisch zu polieren, den Geist und die Bildung beim
Offizier zu heben, das Untaugliche hinauszuwerfen und mit dem Schlendrian
reinen Tisch zu machen! Und auch, daß uns nichts fehlt als der Befehl zu
rascher Tat!“
„Das alles sehe ich wohl!“ sagte der Baron. „Aber auch das viele
Überlebte, das leider Gottes die Macht hat, jede Entwicklung zum Besten
aufzuhalten. Da hilft nicht allein der Mann, der befehlen kann – denn was
nützen mir Befehle, wo der Gehorsam fehlt?! Der Geist, der sich
bereitwillig dem Ganzen unterordnet, der fehlt oben wie unten! Erst muß da
Wandel geschaffen – erst muß von Grund aus alles neu geordnet werden. Und
der Grund kann nur die allgemeine Wehrpflicht sein, die jedem Staatsbürger
das Recht, aber auch die Ehrenpflicht gibt, das Land zu verteidigen, und
jede Anwerbung von ausländischem Gesindel ausschließt! _Da_ müßten die
Leute den Hebel ansetzen, die, wie Sie sagen, auch in der Armee dabei
sind, mit dem alten Schlendrian aufzuräumen –“
„Am Ende haben sie’s längst getan!“ rief Blücher und blickte den Freiherrn
schalkhaft an. „Passen Sie nur auf, Baron! Sie werden noch von denen
überholt!“
„Das würde mich der Sache wegen freuen“, antwortete Stein ruhig. „Nach
allem, was ich bis jetzt gesehen habe und nach dem, was ich zu meinem
Erstaunen soeben auch von Ihnen hören mußte, glaube ich aber nicht recht
daran.“
Blücher lächelte.
„Sehen Sie sich nur die jungen Leute an, wenn Sie nach Berlin kommen! Da
werden Sie gleich am Hofe einen finden, der nach Ihrem Sinne ist – ein
junger Kerl, der beim Prinzen August Adjutant ist –, Clausewitz heißt er –
kein Windhund, leider, aber sonst ganz mein Fall! Ein Gesicht hat er, das
nach sehr gutem Rotspon aussieht – geht nicht aus sich heraus, außer
wenn’s eine Sache gilt, dann aber auch gehörig! Den nehmen Sie sich vor!
Sagen Sie ihm weiter nichts als das eine Wort: ‚Scharnhorst‘, da sollen
Sie sehen, wie er wie eine Pulvermine auffliegt und gleich Feuer und
Flamme ist. Auf den Scharnhorst schwören sie, all die jungen Leute, die er
bei der Kriegsschule ausgebildet hat. Und recht haben sie. Denn er taugt
was, er kann was, und er weiß, was er will. Aber ehe es so weit ist, daß
man allerhöchsten Ortes auf ihn hört, da wird er wohl auch steinalt sein
und nichts mehr wollen können! Es ist leider Gottes nicht allen gegeben,
ihr Leben lang siebzehn Jahre alt zu bleiben.“
„Deshalb sollen die, denen es gegeben wird,“ sagte der Baron mit Betonung,
„sich nicht dagegen sträuben, vorzugehen, wo es not tut!“
„Sträube ich mich etwa?“ rief Blücher lebhaft. „Wissen Sie, ob ich nicht
schon eine Denkschrift in der Sache fertig habe?“
„Bei Ihrer Aversion gegen alles Geschreibsel?“ lächelte der Baron.
„Nun – wenn die Armee so heruntergekommen ist, wie Sie sagen, warum
sollten die Generäle dann nicht auch zur Feder greifen und Tinte
verspritzen statt Blut? Taugen wir weiter nichts – dazu taugen wir sicher!
Da stehen wir auch unseren Mann, besser als die meisten von den Herren
Diplomatikern!“
Und ohne die Entgegnung des Barons abzuwarten, zeigte er auf das Rathaus,
an dem sie jetzt vorbeigingen, und fragte plötzlich:
„Waren Sie drin?“
„Wiederholt!“
„Haben Sie den Friedenssaal gesehen, wo der Westfälische Friede gemacht
wurde?“
„Ich war drin!“
„Haben Sie sich die Bilder von all den Gesandten genau angesehen, die
jenen sauberen Frieden gemacht haben, deren Namen längst vergessen sind?
Die hängen da mit Recht zur ewigen Schande der Zunft. Weil sie unser
armes, verwüstetes, entvölkertes und ausgeplündertes Deutschland beim
Friedensschluß noch mehr zerstückelten und dem Fremden verschacherten,
damit er es auf Jahrhunderte hinaus als Tummelplatz für seine Kriegsvölker
gebrauchen konnte. Haben Sie sie gesehen?“
„Man zeigte sie mir!“
„Nun – haben Sie jemals so ’ne Sammlung Schafsköpfe beisammen gesehen?
Diplomatiker, wie nur wir sie noch heute haben – Schlauberger ihrer
eigenen Meinung nach, die so gut wissen, wie alles verkehrt gemacht werden
muß, nachdem die Welt sich verblutet hat! Und nachher müssen wir wiederum
bluten – weil die so überschlau waren, so saudumm zu sein! Sehen Sie sich
die noch einmal an! Und nachher gehen Sie nach Berlin, und lassen Sie sich
zum Minister machen! – Räumen Sie mit dem Gesindel auf, rotten Sie’s mit
Stumpf und Stiel aus! Da rennen Sie mit Ihrem harten Verbrecherschädel das
ein, was zuerst herunter soll! Da haben Sie morsches Gemäuer genug für
Ihren Bedarf! Kreuzelement, was die Leute bloß alles anrichten! Was die an
guten Gelegenheiten vorübergehen lassen – wie die uns allmählich von allen
Freunden trennen und die ganze Welt gegen uns aufbringen! – Weil das
Schlappschwänze sind, müssen wir auch dafür gelten! Ihretwegen wagt man
sich an uns heran! Da müßte schleunigst einer an die Spitze – ein ganzer
Kerl, der nichts versteht als nur das eine: die Wut loszulassen, die in
uns allen kocht, daß wir endlich einmal wie das heilige Donnerwetter
dreinsausen können und reinen Tisch machen! Wie würden wir dann in der
Welt dastehen! Ich müßte da vierundzwanzig Stunden zu befehlen haben!
Vierundzwanzig Stunden nur!“
„Ja, wenn Sie nur nicht zu jung wären“, sagte der Baron, über den Eifer
Blüchers schmunzelnd.
„Zu jung?! Sechzig durch!“
„Werden Sie erst siebzig – toben Sie sich erst aus! Sonst werden Sie uns
mit Ihrem jugendlichen Ungestüm alles kaputt machen, wenn Sie das Heft in
die Hand bekommen!“
„Davor brauchen Sie keine Angst zu haben. Man ist allerhöchsten Ortes
nicht so schlau, mich als Berater zu nehmen! Sonst würden wir nicht alle
Tage Sachen erleben, bei denen einem Dutzende von Läusen über die Leber
kriechen! Schwerenot, wenn ich bloß an das Letzte denke, wie wir nun
glücklich nach vielem Hin und Her die Franzosen doch in Hannover stehen
haben – alles, weil unsere klugen Herren da oben wieder so schlau waren
und so gerne möchten und doch nicht zuzugreifen wagten!
Himmeldonnerwetter, wie war’s mir, als ich davon Wind bekam! Ich bin
kopfüber nach Berlin gereist, ich habe gefleht, ich habe geflucht – nichts
hat geholfen! ‚Gehen Sie nach Münster, General‘, war alles, was man mir
antwortete. ‚Dort haben Sie Ihr Kommando!‘ Und ich ging – und – an der
hannoverschen Grenze in Diepholz, da empfingen mich schon französische
Gendarmen und scharwenzelten und parlierten und machten die Honneurs, als
wären sie dort zu Hause! Und Herr Mortier troff von Freundlichkeit und
falschem gallischen Gemüt über! Hol’ ihn der Teufel! Wenn ich den nur
wieder herausschmeißen darf! Jetzt sieht’s der König schon ein! Jetzt
möchte er auch gern die Parlezvous wieder heraus haben! Aber statt mir den
Befehl zu geben, sie zum Teufel zu jagen, betraut er seine Diplomatiker
damit, und da wird’s noch gute Weile haben. Die Leute müßte man dem
Physikus Gall in Behandlung geben. Der müßte ihnen die Schädel ordentlich
befingern!“
„Ich möchte gern,“ sagte Stein und lachte in sich hinein, „ich möchte gern
wissen, was Sie sagen würden, wenn Sie, als ganz Unbeteiligter, Ihren
eigenen Kopf in die Finger bekämen, um ihn auf seine Fähigkeiten zu
untersuchen! Ob Sie wohl wie ich denken würden?“
„Wie denn?“
„Lauter Gegensätze! Schlau und gerissen – und ein Dickkopf erster Güte!
Feuer und Flamme für alles lebensfähige Neue – und doch zäh am
Althergebrachten festhaltend! Allen voranstürmend, wenn es eine Sache
gilt, aber mit einem Ungestüm, das Sie oft aus dem Sattel wirft! Pech im
Kleinen, Glück im Großen – nicht wahr, so würde die Rechnung lauten?“
„Wie sie lauten würde, weiß ich nicht. Das weiß ich aber: ich gäbe gern
meinen Kopf darum, daß da oben, auf der entscheidenden Stelle, der
richtige Kopf zwischen den richtigen Schultern säße!“
Der Baron schwieg. Er blickte zum Residenzschloß auf, vor dem sie jetzt
standen und in dessen einem Flügel er residierte, in dem anderen Blücher.
„Hier trennen sich unsere Wege, General“, sagte er. „Sie sind die militäre
Macht – ich die zivile. Wir wollen voneinander nichts wissen – wir wohnen
jeder in seinem eigenen Flügel des gemeinsamen Baues. In der Mitte sind
die Räume der Krone!“
„Und da,“ sagte Blücher gallig, „da drin können Sie vor leeren Wänden
reden! Denn da wohnt für gewöhnlich – niemand! Statt einem, der einigend
über uns beiden steht und uns manchmal zu gemeinsamer Beratung zu sich
einlädt – ein leerer Raum, der uns trennt!“
„Das stimmt“, sagte der Baron. „Dafür einigen wir uns aber – im
Küchengarten! Den haben wir gemeinsam, trotz der getrennten Magen!“
„Die Jagd habe ich allein“, nickte Blücher.
„Und geben mir doch manchen Braten ab!“
„Nun, in der Magenfrage begegnen sich eben verständige Leute!“
Stein antwortete nicht. Er bückte sich nur, nahm ein paar Falläpfel auf
und reichte Blücher einen.
„Da – beißen Sie in den sauren Apfel, General!“
„Det ist von Ihren Appelbäumen, Baron! Drüben stehen meine – dort gibt’s
saure Äpfel genug.“
„Ich seh’s! Ich werde mich auch nicht von Ihnen nötigen lassen – wenn wir
drüben bei Ihnen sind. Sie aber machen ein Gesicht, als wäre ich die
Schlange im Paradiese!“
„Die stelle ich mir, aufrichtig gesagt, anders vor! Zum Sündenfall gehört
übrigens auch eine Eva. Ohne sie hat die Schlange im Paradiese keine
Bedeutung. Immerhin – geben Sie den Appel her! Ich bin keen
Kostverächter!“
„Essen Sie ruhig – wenn er auch sauer sein sollte. Der Baum ist gut!“
sagte der Baron und biß selbst gierig in seinen Apfel hinein.
Den Mund voll, nickten sie einander zu und gingen so ein jeder in seinen
Flügel des gemeinsamen Baues hinein – Blücher lang, schlank und rüstig
ausschreitend –, Stein vierschrötig, breit und behäbig segelnd wie ein
weitbauchiger, vollbeladener Koff, dem keine Sturzwelle das Gleichgewicht
nehmen kann, der nicht stampft und schlingert oder zickzack kreuzt,
sondern, ohne auch nur einen Zoll auszubiegen, gerade auf das Ziel
zusteuert und wenn er darum auf Grund setzen müßte.
„Ein verfluchter Querkopf“, brummte Blücher, an dem freiherrlichen Apfel
kauend. „Ein kreuzverdammter, eigensinniger Dickschädel! Hol’ ihn der
Teufel! Aber ein ganzer Kerl! Der täte uns bitter not, da oben, in der
Konfusionsbude! Aber von der Armee soll er mir die Finger gefälligst
lassen! Ja, _wenn der Kerl nur nicht recht hätte_! Aber so! Und so’n
Zivilist! Das geht nicht! Das geht im Leben nicht! Da müssen wir sehen,
ihm beizeiten das Wasser abzugraben!“
Und schmunzelnd, als plante er wieder einen rechten Husarenstreich, riß er
die Tür seines Dienstzimmers auf und stürmte hinein.
„Schumann!“ rief er sein Faktotum mit Donnerstimme. „Schumann, alte
Schreiberseele, bring’ mir Tinte und Papier! Heute sollst du deine Freude
an mir haben! Heute sollst du etwas erleben! Nee – keene Briefbogen –
Kanzleipapier! Jawoll! Oogen machste?! Schneid’ mir den Gänsekiel zurecht
und glotz’ nicht! Weh, wenn er kratzt oder gar spritzt! So! Her mit dem
Mordinstrument! Kehrt! Marsch! Himmeldonnerwetter, Kerl! Feixt der auch
noch?! Raus!“
Und der alte Wachtmeister Schumann, der sonst die ganze verpönte
Schreibarbeit allein besorgen mußte, eilte still in sich hineinlachend
hinaus, nachdem er dem General alles Verlangte zurechtgelegt hatte.
Blücher nahm den Federkiel, kratzte sich bedächtig damit hinters Ohr,
stieß ihn ins Tintenfaß, rückte einen Bogen Papier zurecht, setzte an und
ritzte in seiner scharfen, eckigen Handschrift Zeile um Zeile nieder.
Zuerst, wie sich’s gebührt, den Titel:
„Gedanken über Formulierung einer deutschen Nationalarmee.“
„_Die_ Gedanken habe ich zu haben und die anderen Offiziers auch!“ brummte
er im Schreiben. „Aber so’n Quasselkopp von einem Diplomatiker! So’n
Satanskerl! Wie kann er nur auf den rebellischen Gedanken kommen, da
mitplärren zu wollen? So’n Kerl, der nicht einmal in sein eigenes System
hineinpaßt! – So’n Reichsfreiherr, der keinem untertan war und keinen
Herrn hatte! Der und Rebellion! Und gar eine unblutige! Ich werde ihm
schon zeigen, wie das gemacht wird!“
In kurzen, knappen Sätzen und in der merkwürdigsten Orthographie von der
Welt legte er dann seine Anschauung nieder, wie er sich die allgemeine
Wehrpflicht dachte, verlangte eine kürzere Dienstzeit, größere Löhnung,
bessere Behandlung der Soldaten – –
„Mir wird ganz fade im Hals von all dem ekelhaften Geschleime!“ brummte er
dabei, als er bei der „besseren Behandlung“ anlangte, rauchte dabei wie
ein Schornstein, spuckte, fluchte, kratzte sich den Kopf und stampfte auf
den Boden.
„Wie ’ne Fastnachtspredigt schaut’s aus! Verdamm’ mich, sobald einer mit
Tinte schreibt, statt mit Blut, wie’s sein soll – da ist’s aus – da – hol’
mich der Teufel – ich glaube, da wächst mir schon der Heiligenschein zum
Kopfe ’raus!“
Er flog auf und packte seinen Kopf mit beiden Händen.
„Ich reiße dich noch los und fange mit dir das Kegelschieben an! Ich werfe
noch ‚alle neune‘ mit dir, schmeiße dich dem König mitten in die Visage,
daß er umfällt und det ganze Bataillon mit – det ganze Bataillon! Aber
Schreiben – dazu bringst du mich nicht nochmals, oller Döskopp!“
Er lachte laut auf – rief schleunigst seinen getreuen Wachtmeister
Schumann wieder herbei, drückte ihn auf den Stuhl und steckte ihm den
Gänsekiel in die Hand.
„So,“ sagte er, „mach’ du das Gekritzel fertig, mein Sohn! Aber aufgepaßt,
daß du mir kein X für ein U machst! Det besorge ick alleene! Vorwärts!“
Und mit großen Schritten ging er auf und ab und diktierte, und Schumann
bemühte sich nach Kräften, gleichen Schritt mit ihm zu halten beim Sturm
auf den alten Schlendrian.
9
JENA
Es war bei der Aufführung von Wallensteins Lager im Königlichen Theater zu
Berlin.
Auf der Bühne stimmte der Kürassier sein Lied an:
„Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!
Ins Feld, in die Freiheit gezogen!
Im Felde, da ist der Mann noch was wert,
da wird das Herz noch gewogen!
Da tritt kein anderer für ihn ein!
Auf sich selber steht er da ganz allein!“
So sang er, und die umstehenden Kameraden stimmten mit vorschriftsmäßiger
Begeisterung ein! Gegen Sitte und Brauch ließen sich aber auch aus dem
hintersten Parkett etliche rüstige Männerstimmen hören, die mit Nachdruck
und Überzeugung den Kehrreim über die Köpfe der ahnungslosen Zuschauer
herausbrüllten.
Es waren Leute vom Unterbefehl des Kürassierregiments Gensd’armes, dessen
Offiziere heute außergewöhnlich zahlreich anwesend waren und Logen und
Ränge füllten.
Sie wurden Feuer und Flamme bei den frischen Soldatenszenen des beliebten
Schillerschen Stückes, beneideten die Musketiere, Jäger und Kürassiere auf
der Bühne und lebten in Gedanken das lustige Lagerleben mit, das so grell
vom heutigen Kasernengetriebe abstach. Sie sangen mit und machten ihrem
Herzen Luft. Das Publikum horchte auf. Kein Ton des Mißfallens wurde laut,
und das gab den noch Zaghaften unter den Marssöhnen Mut. Beim nächsten
Vers stimmte schon das ganze hintere Parkett in den Kehrreim ein:
„Der dem Tod ins Angesicht schauen kann,
der Soldat allein ist der freie Mann!“
So sangen sie mit, daß es im Hause dröhnte. Und die eleganten Damen in den
Logen und Rängen blickten zu den jungen Offizieren hinüber, ihre Augen
glühten, ihr Atem ging schneller; hin und her wogte es warm von Sinn zu
Sinn! Und als der dritte Vers stieg, da schlossen sie die Augen und sogen
begierig durch halboffene Lippen den Odem ein, der heiß über sie
hinbrauste, als überall im Theater die jungen Krieger einstimmten und das
Lied laut in den Saal hinausschmetterten:
„Der Reiter und sein geschwindes Roß,
sie sind gefürchtete Gäste.
Es flimmern die Lampen im Hochzeitsschloß,
ungeladen kommt er zum Feste.
Er wirbt nicht lange, er zeigt nicht Gold,
im Sturm erringt er den Minnesold!“
Als aber auf der Bühne die Soldaten sich die Hände gaben, einen großen
Kreis bildeten und gemeinsam die Schlußstrophe anstimmten, in die das Lied
wie in einem großen erhebenden Aufschrei ausklingt, da hielt nichts mehr
das angefeuerte Publikum zurück.
Die Aufregung, in der man gelebt hatte, seit der letzte Übergriff der
Franzosen bekannt geworden war – die Entrüstung über sein freches
Unterfangen, preußische Gebiete zu besetzen und seine eigenen, vertraglich
festgelegten Zugeständnisse an Preußen zu ignorieren –, der ganze
beleidigte Nationalstolz, der auf einmal erwacht war, mußte Luft haben,
mußte sich ausschreien und austoben, irgendwo und irgendwie! Und da war
das Schillersche Soldatenstück mit seinem frisch pulsierenden Blut und
seinem heißen, vorwärtsstürmenden Atem wie geschaffen dazu, die Kinder des
kühlen Nordens in rauschende Begeisterung zu versetzen. Im Taumel der
Gefühle erhob sich das ganze Haus von den Plätzen, die jungen Offiziere
eilten an die Brüstung, zückten die Schwerter, ließen die Klingen im Takt
mit dem Gesang aufeinanderschlagen und sangen mit, von dem übrigen
Publikum durch Zurufe und Winke mit den Tüchern angefeuert.
„Drum frisch, Kameraden, den Rappen gezäunt,
die Brust im Gefechte gelüftet!
Die Jugend brauset, das Leben schäumt!
Frisch auf! Eh der Geist noch verdüftet.
Und setzt ihr nicht das Leben ein,
nie wird euch das Leben gewonnen sein!“
„Und setzt ihr nicht das Leben ein,
nie wird euch das Leben gewonnen sein!“
So sang das ganze Haus mit, und der Vorhang fiel und erhob sich immer
wieder vor nie enden wollenden Beifallsstürmen. Das Tücherschwenken und
Winken galt aber den Soldaten draußen im Theater noch mehr, als denen auf
der Bühne. Und als ein junger Offizier an die Brüstung trat und den König
hochleben ließ, da stimmte alles begeistert ein, und es dauerte geraume
Zeit, ehe sich das Haus leerte.
Vor dem Theater aber staute sich die Masse der draußen Wartenden mit dem
durch die vielen Ausgänge herausströmenden Publikum zu einem
undurchdringlichen Knäuel, in dessen Mitte sich allmählich die Offiziere
als fester Kern zusammenfanden.
Ein junger Brausekopf sprang auf die Freitreppe hinauf und hielt eine
feurige Rede, in der er in derber Soldatenweise dartat, wie sehr es an der
Zeit wäre, daß die Jugend jetzt das Heft in die Hand nähme und gutmachte,
was das Alter aus Bequemlichkeit und Zaghaftigkeit gesündigt hätte!
Endlich wollte man den Franzosen zeigen, daß Preußen noch da sei und in
der Welt mitzureden habe! Mit dem feigen Zurückweichen vor welscher
Anmaßung habe es jetzt sein Bewenden! Das Schwert müsse jetzt gutmachen,
was die Feder unfähiger Staatsmänner gesündigt! Die Tage der Schmach
hätten jetzt ein Ende, und ein Hundsfott wäre, wer sich da noch feige um
die Pflicht herumdrücke, Leben und Blut für die beleidigte Nationalehre
einzusetzen, oder wer gar noch daran dächte, den Franzosen die Hand zur
Versöhnung zu bieten! –
„Nieder mit den Franzosen!“ schrien sie alle. „Nach der Botschaft! Nach
der französischen Botschaft!“
Wie von einem Gedanken getrieben, stürzten sie vorwärts, lehnten sich mit
unwiderstehlicher Gewalt eine Gasse durch die angesammelte Menschenmenge
und eilten, die gezückten Waffen über den Köpfen schwingend, auf das Haus
der französischen Botschaft zu. Und hinter ihnen her wälzte sich eine
tausendköpfige Masse, schreiend, tobend, jauchzend, johlend und alles was
lebte und ihr in den Weg kam, vor sich herfegend.
Das Haus der Botschaft lag in tiefem Dunkel. Als die schreiende Menge, die
jungen Offiziere mit den blitzenden Waffen voran, auf das Haus zustürmte
und den ganzen Platz davor füllte – da huschten rasch ein paar Schatten
auf den Balkon hinaus und bogen sich über das Geländer, blickten herab und
zogen sich dann schnell zurück.
Kein Schlag gegen das Haustor dröhnte, kein Zeichen von Gewalt war zu
bemerken. Einzig ein schneidendes, kreischendes Geräusch, wie wenn
Hunderte von Schleifsteinen gleichzeitig gegen harten Stahl gestrichen
werden, war alles, was die oben atemlos Lauschenden von unten vernahmen,
und dann die Stille, in die das wüste Lärmen allmählich überging.
Wieder huschten sie vor und blickten hinunter.
Da an der Treppe knieten die jungen Offiziere Mann an Mann und wetzten
ihre Säbel an den steinernen Stufen vom Hause Frankreichs.
Als sie fertig waren, sprangen sie auf, schwangen wieder einmal drohend
ihre Waffen gegen die französische Fahne da oben am Mast und riefen wie
aus einem Munde:
„Hie Preußen allewege! Tod den Franzosen!“
Und jubelnd stimmte die tausendköpfige Menge in den Ruf ein:
„Tod den Franzosen!“
Niemand antwortete von den oben Harrenden! Aber die dreifarbige Fahne
flatterte stolz und breitete und blähte sich im Winde.
*
König Friedrich Wilhelm III., lang, robust und soldatisch steif, ging mit
ungelenken Bewegungen in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Er schien
ärgerlich über irgendeine Begebenheit, von der er überrascht worden war,
und die ihn jäh vor die Notwendigkeit stellte, einen Entschluß zu fassen.
Am liebsten überließ er das seinen Ministern, weniger aus Bequemlichkeit,
als aus übergroßer Bescheidenheit und einer jugendlichen Befangenheit, die
ihn, trotz seiner siebenunddreißig Jahre, noch beherrschte.
Jetzt aber galt es, durch einen persönlichen Akt die Würde seiner Stellung
zu wahren und mit einer Kundgebung seines Willens dem Geist der
Beunruhigung entgegenzutreten, den die jungen Offiziere durch ihre
disziplinwidrige Kundgebung entfesselt hatten!
Die Revolte gegen die königliche Autorität – denn nur so faßte sie der
König auf – mußte schnell im Keime erstickt werden, ehe sie von Berlin auf
das übrige Land übergreifen konnte!
Den Kopf steifnackig in den hohen, goldgestickten Kragen zurückgedrückt –
das reiche blonde Haar aus der Stirn nach der Seite gestrichen – die
vollen Lippen vom kurzen Schnurrbart mäßig beschattet – die Wangen vom
Backenbart eng umrahmt – die Augen trüb melancholisch blickend, so schritt
er bedächtig einmal durchs Zimmer und dann noch einmal – blieb vor dem
Arbeitstisch stehen und blickte zum Kabinettsrat Beyme hinüber, der mit
devoter Haltung, in gemessener Entfernung vom allerhöchsten Schreibtisch,
das Resultat der königlichen Erwägungen abwartete.
Ein Zucken durchfuhr die kleine dicke Gestalt, als er die Augen des Königs
auf sich gerichtet fand. Beflissen streckte er den Kopf vor, nahm die
Hacken zusammen, daß seine krummen Beine ein erstauntes O bildeten; seine
kohlschwarzen Augen quollen achtunggebend aus ihren Höhlen hervor, bereit,
dem gnädigen Herrn und Gebieter jeden Wunsch vom Gesichte abzulesen und
ihn so der Mühe zu überheben, ihm Worte zu verleihen.
Der König sah es, ließ die Finger seiner Rechten einen zaghaften Appell
auf der Tischdecke trommeln, blickte dann steif vor sich hin, ohne Beyme
anzusehen, und sagte mit sichtbarer Mühe:
„Junge Offiziers maßregeln! Beispiel statuieren! Widersetzlichkeit
ausrotten! Haben Befehle gegeben! Er, Beyme, hat für strikte Durchführung
und für Beruhigung der Stadt zu sorgen!“
Der Kabinettsrat verbeugte sich schweigend.
Der König wartete, um irgendein Wort der Entgegnung von seinem Getreuen zu
hören, nahm dann ein bereitliegendes Dokument vom Tisch und reichte es
ihm, sichtlich dadurch belästigt, allein reden zu müssen.
„Lesen!“ befahl er.
Schnell wie ein Wiesel eilte der Kabinettsrat auf seinen krummen Beinen
vor, nahm mit tiefer Verbeugung das Papier entgegen, hielt es dicht ans
Gesicht und rollte mit seinen Blicken geschwind die Tintenspuren bis zu
den Unterschriften ab.
Dort blieben sie hängen, unter emporgezogenen Brauen, während die Lippen
sich mühten, den erstaunten Kreis der Beine nachzubilden.
„Nun?“ fragte der König ungeduldig, endlich eine andere Stimme zu hören.
Beyme ließ das Dokument bis zur Höhe seines Bauches sinken, zuckte fast
unmerklich mit den Schultern, wiegte den Kopf einmal nach rechts, dann
einmal nach links, tat die Lippen auf – schloß sie aber wieder, senkte die
Blicke und blieb stumm stehen, mit der Miene der verkannten Unschuld.
„Man verlangt von Uns seine Entlassung, Beyme!“ sagte der König
ungeduldig, da er immer noch keine Antwort bekam.
Beyme blickte auf mit einem rührenden Augenaufschlag, seufzte aus der
Tiefe eines gekränkten Herzens und senkte die Blicke wieder, so
alleruntertänigst andeutend, daß er sich in das Unabwendbare finden würde,
wenn’s sein müßte. Aber er erwiderte keine Silbe.
„Den Kabinettsrat Lombard sollen Wir auch fortschicken – Unseren Minister
Haugwitz auch! Sage Er doch seine Meinung!“
„Majestät!“ sagte der Angeredete mit einem gequälten Seufzer. „Dero
alleruntertänigstem Knecht würde es wenig ziemen, irgendeine Meinung über
ein Dokument zu verlautbaren, unter dem die erlauchten Namen fünfer
Prinzen des königlichen Hauses stehen – der beiden Prinzen Brüder, des
Prinzen Oranien Hoheit sowie der Prinzen Louis Ferdinand und August!“
„Da stehen auch andere Namen!“
„Namen von Männern, die sich des allerhöchsten Vertrauens erfreuen dürfen,
als welche die Generäle Rüchel und Pfuhl wohl zu bezeichnen sind, und auch
seine Exzellenz der Finanzminister Freiherr vom Stein –“
„Seine Unterschrift ist Uns allein hier maßgebend“, sagte der König
langsam. „Die Prinzen und die Generäle sind nichts als Mitläufer. So meint
Er doch auch?“
Beyme hob das Dokument wieder zur Höhe seiner Augen und rollte es noch
einmal rasch mit den Blicken ab.
„Wenn ich meine Ansicht alleruntertänigst vorbringen darf, so zeigt das
Schriftstück allerdings den Minister von Stein als Urheber an. Ganz seine
Art, gerade und ohne Umschweife auf die Sache loszusteuern, ganz seine
Verachtung einer jeglichen höfischen Form! – Auch Seine Königliche Hoheit,
der Prinz Louis Ferdinand, würde wohl nicht ermangeln, seine
Geringschätzung für das Althergebrachte darzutun – jedoch mit mehr Eleganz
und nicht ganz so unverhohlen und schroff.“